Chapter 2
»Ja, Tante Toni, du hast eigentlich recht. Wenn's einem aber egal ist, ob man gewinnt oder nicht, dann gibt man sich auch keine Mühe, und das Spiel ist gar nicht interessant.«
»So habe ich's aber auch nicht gemeint. Es soll einem gewiß nicht egal sein, und jeder muß sich natürlich die größte Mühe geben, um zu gewinnen. Das Gewinnen soll nur nicht der Haupt- und alleinige Zweck des Spieles sein. -- So, ich glaube, ich bin nun an der Reihe, und wirklich, Paul, ich werde mich tüchtig anstrengen, um einen Meisterschlag zu vollführen!«
»Bravo, Tante Toni! Das hast du gut gemacht, du hast Ottos Kugel getroffen -- hinaus mit ihr, so weit du kannst!«
»Ich will sie lieber liegen lassen und benützen, um durch die Schelle zu kommen; sie liegt doch hinter ihrem Reifen.«
Als Tante Toni sich umdrehte, sah sie gerade, wie Lilly mit dem Füßchen ihre Kugel ein wenig vorschob, so daß sie für den nächsten Schlag in eine günstigere Lage kam. Sie sagte nichts, sie schaute nur Lilly ernst an. Diese wurde ein bißchen rot und tat, als ob sie bloß ein Steinchen unter ihrer Kugel entfernt hätte.
Nachdem nun Kurt gespielt hatte, kam Philipp an die Reihe; er gab seiner Kugel einen kräftigen Schlag, so daß sie durch ihren Reifen flog und in Lillys Nähe zu liegen kam; als Kurt sich nun anschickte, Lillys Kugel zu treffen, schrie diese ihn an:
»Du, das gibt's nicht! Philipp, du hast gepfuscht; deine Kugel lag vorhin so, daß du gar nicht durch deinen Reifen kommen konntest!«
»Sag' noch einmal, ich hätte gepfuscht, du kleine Kröte!« ereiferte sich Philipp.
»Du hast gepfuscht -- gepfuscht -- gepfuscht!« schrie Lilly.
»Impertinente kleine Person!« Philipp war rot vor Ärger, und er hätte seine kleine Cousine gewiß etwas unsanft angefaßt, wenn Tante Toni nicht dazwischengetreten wäre.
»Lilly, schau mich mal an, und dann sage mir ehrlich: Hast du gesehen, daß Philipp gepfuscht hat?«
Lilly wurde verlegen. »Nein, gesehen hab' ich es nicht -- aber vorhin lag seine Kugel anders, und da ...!«
»O, da kann man sich so leicht täuschen! Sieh, mir kommt es vor, als hätte _deine_ Kugel vorhin auch anders gelegen.«
Lilly senkte die Augen vor dem klaren, durchdringenden Blick der Tante; sie wurde so verlegen, daß Tante Toni Mitleid mit ihr hatte und Philipp einen Wink gab, den der gutmütige Junge auch verstand, worauf er weiterspielte, als ob nichts geschehen wäre, und er behandelte Lillys Kugel so glimpflich, daß dieselbe ganz in der Nähe ihres Reifens liegen blieb.
Das Spiel nahm nun einen ganz friedlichen Verlauf, es wurde sogar lustig, weil Tante Toni nachdem sie wieder einmal einen Meisterschlag versprochen hatte, glänzend am Ziele vorbeischoß, worüber sie selbst in lustiges Lachen ausbrach; die Kinder stimmten von Herzen ein, und von diesem Augenblicke an wurde über jeden ungeschickten Schlag gelacht und nicht mehr gezankt.
So ging alles vortrefflich; selbst Lilly war wieder ganz vergnügt, sie war sogar sehr stolz, denn sie hatte mit einigen geschickten Schlägen ihre Kugel weit voran gebracht. Sie lag eben wieder sehr schön vor ihrem Reifen, als Paul, der Anführer der Gegenpartei, dieselbe traf und mit einem kräftigen Schlag ziemlich weit fortschickte.
Da warf Lilly einfach ihren Hammer hin; sie sagte: »Ich spiel' nicht mehr mit!« und setzte sich schmollend in einen Winkel. Tante Toni sah ihr ganz überrascht nach, Paul aber sagte ärgerlich:
»Ja, so macht sie's immer. Wie ihr etwas nicht nach dem Kopf geht, dann läuft sie fort und verdirbt einem das ganze Spiel.«
»Soll ich hingehen und sie zu versöhnen suchen?« schlug der gutmütige Philipp vor.
»O nein«, antwortete Tante Toni, »das wäre ganz verkehrt; dann würde sie es bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder so machen. Nein, wir lassen sie ganz ruhig in ihrem Schmollwinkelchen sitzen, und Rudi kann für sie einspringen. Magst du, Rudi?«
»Aber wie gern, Tante Toni!«
»Ach nein, der Rudi spielt gar zu schlecht«, knurrte Otto.
»Aber Otto, das kann dir doch nur angenehm sein, er ist ja dein Gegner!«
»Ach, das ist ja überhaupt gar keine Ehre mehr, gegen solch einen Gegner zu gewinnen!«
»Ich spiel' gar nicht so schlecht, Tante Toni, du wirst es schon sehen«, und Rudis eben noch vor Freude strahlende Augen füllten sich mit Tränen.
»Ich bin überzeugt, daß du recht gut spielst, mein lieber Rudi«, tröstete ihn Tante Toni und sah sich nach Lillys Hammer um; allein inzwischen war Otto zu seiner Schwester gegangen und hatte leise aber eindringlich auf sie eingesprochen, und gerade als Tante Toni sich nach dem Hammer bücken wollte, sprang Lilly herbei, erfaßte ihn und rief: »Ich spiel' selbst weiter!«
Tante Toni sah unschlüssig von einem Kinde zum andern. Ihr Gerechtigkeitsgefühl sagte ihr, daß Lilly Strafe verdient habe und eigentlich vom Spiel ausgeschlossen bleiben müßte -- sie wußte ja auch, daß Lilly nur deshalb wieder mitspielen wollte, weil sie und Otto dem kleinen Rudi das Vergnügen mißgönnten. Anderseits konnte sie es aber nicht übers Herz bringen, gegen die beiden mutterlosen Kinder strenge zu sein. Sie neigte sich deshalb zum enttäuschten Rudi nieder und erklärte ihm: »Lieber Rudi, wir sehen und wissen beide, daß Otto und Lilly nicht schön handeln, aber sie haben eben keine liebe Mutter, die ihnen täglich und stündlich zur Seite steht, sie ermahnt und belehrt -- wir wollen daran denken und Geduld mit ihnen haben, nicht? Aber du sollst nicht zu kurz kommen, und ich verspreche dir, die nächste Krocketpartie mache ich mit dir, Mieze und Anna. Bist du zufrieden?«
Rudi nickte unter Tränen lächelnd, und Tante Toni gab ihm noch einen herzlichen Kuß, als Otto ungeduldig rief: »Holla, Tante Toni, aufgepaßt, du bist dran!« Während Tante Toni spielte, stieß Otto den Rudi an und höhnte: »Hä, du spielst doch nicht mit, siehst du's?«
Rudi war ein guter Junge, jedoch er konnte Spott nicht vertragen. Er wurde sehr rot bei Ottos Worten, aber er dachte noch daran, was Tante Toni ihm eben gesagt hatte, und er hielt an sich. Er streckte seine Hände in die Hosentaschen und drehte Otto den Rücken.
»Ja, geh' nur fort, geh' zu den Kleinen ins Kinderzimmer, da gehörst du auch hin. Hier störst du uns ja nur.«
Rudi stellte sich breitspurig hin und sagte: »Ich bleibe hier und schaue zu.«
»Ich sag' dir aber, daß du fortgehen sollst!«
»Du hast mir nichts zu sagen.«
»Gewiß, denn ich bin älter, größer und stärker als du.«
»Älter, ja; größer nicht viel, aber stärker gar nicht.«
»Was hast du gesagt, du frecher Knirps du? Sag's doch noch einmal, wenn du's wagst!«
»Ich bin stärker wie du.«
»Mit dem Mund vielleicht, aber nicht in Wirklichkeit.«
»Soll ich's beweisen?«
»Das wagst du ja nicht, du Feigling!«
Nun war Rudis Geduld zu Ende. Er stürzte sich auf Otto, und die beiden Knaben begannen zu ringen. Otto war allerdings fast drei Jahre älter als Rudi, aber er war verhältnismäßig klein und zart gebaut, während Rudi groß und kräftig war. Rudi bekam denn auch bald die Oberhand, und ehe es der erschrocken herbeieilenden Tante Toni gelang, die beiden zu trennen, lag Otto auf der Erde. Sofort begann er ein entsetzliches Wehegeschrei, so daß nicht nur Mieze mit den andern Kindern gelaufen kamen, um zu sehen, was geschehen sei, sondern auch die Eltern, die in der Nähe des Hauses in einer Laube gesessen hatten.
Frau Helmer rief, die Hände ringend: »Natürlich wieder mein Rudi! Wenn ich Geschrei höre, dann brauch' ich gar nicht zu fragen, denn ich weiß schon im voraus, daß der Rudi wieder etwas angestellt hat!«
Frau Wulff und Tante Toni hatten sich inzwischen um Otto bemüht, hatten ihn befragt, befühlt und betastet und konnten gar nicht finden, wo er eigentlich verletzt war.
»So sag' uns doch endlich mal, wo es dir fehlt!« rief Tante Toni aus. »Ich kann mir doch nicht denken, daß du uns ohne Grund so erschreckt hast!«
Otto antwortete nicht sofort -- dann aber fuhr er sich mit beiden Händen an den Kopf und jammerte: »Mein Kopf, o mein Kopf!«
Tante Toni und Frau Wulff sahen sich besorgt an; sie führten ihn ins Haus, um ihn aufs Sofa zu legen und ihm Umschläge auf den Kopf zu machen. Im Vorbeigehen warf Tante Toni dem Rudi einen vorwurfsvollen Blick zu. Das Kind wandte sich ab -- es hatte eben schon die Vorwürfe seiner Mutter zu hören bekommen --, sein sonst so offenes, liebes Gesicht bekam einen Ausdruck von finsterem Trotz. Ohne ein Wort zu sagen, verließ er den Spielplatz.
Mariechen aber hatte ihr Brüderchen beobachtet. Sie ging ihm leise nach; sie wußte, sein Trotz würde nicht lange dauern, sondern bald einem großen Schmerz weichen. Schon mehrmals hatte sie Rudi nach einem solchen Auftritt bitterlich weinend in irgendeinem Gebüsch des Gartens versteckt gefunden. Diesmal war er ganz hinten in den Garten gegangen; dort war ein stilles, von dunkeln Tannen und dichtem Gesträuch umstandenes Plätzchen; da hockte er auf einer Bank, die Arme auf die Lehne gestützt und den Kopf darin vergraben.
Mariechen setzte sich neben ihn.
»Komm, Rudi, sag' mir's, wie ist's denn wieder gekommen?«
Zuerst wollte Rudi nicht antworten, endlich stieß er hervor: »Nun, wie halt immer. Erst höhnt er mich und reizt mich, bis ich nicht mehr anders kann, als ihn anpacken, und sowie er fühlt, daß er unterliegen wird, dann fängt er seine Brüllerei an, stellt sich, wie wenn ich ihm Gott weiß was getan hätte -- und ich krieg's nachher von allen!«
Es klangen Trotz, Schmerz und Bitterkeit aus seiner Stimme.
Mariechen schlang ihren Arm um Rudi und sagte begütigend: »Komm, Rudi, wir wissen's ja doch, daß Otto der schuldige Teil ist, und ...«
»So? Hast du denn nicht gehört, was Mama eben sagte, und hast du nicht gesehen, wie Tante Toni mich angeschaut hat? Und Tante Toni hatte mir doch gerade gesagt ...« Hier ging die Stimme des Knaben in Schluchzen über.
»Komm, Rudichen, mein liebes Goldrudichen, weine nicht so. Sag' mir genau, wie alles gekommen ist -- ich erzähle es der Tante Toni, und ich werde schon sorgen, daß sie keine falsche Meinung von dir behält.«
»Es wird ihr aber recht leid tun; denn sie hat Otto und Lilly sehr lieb, weil sie keine Mama mehr haben. Für uns ist das aber auch schrecklich; sie sind beide unausstehlich, und wir müssen uns alles von ihnen gefallen lassen; niemand straft sie, und wenn man sich über sie beklagt, dann heißt es nur immer: >Habt doch Geduld mit den armen Kindern, denn sie haben keine Mutter mehr.<«
»Ja, Rudi, das ist freilich alles wahr«, sagte Mariechen; dann schwieg sie nachdenklich still, während ihr Brüderchen fortfuhr:
»Und dazu sind sie auch fast immer bei uns oder hier bei Wulffs -- wir können niemals etwas unternehmen, außer sie müssen dabei sein.«
»Ja, Rudi, denke doch aber auch daran, wie traurig es bei ihnen zu Hause ist so ohne Mama und fast ohne Papa; denn du weißt ja, wie angestrengt Onkel Robert arbeiten muß und daß er sich fast nicht um seine Kinder kümmern kann.«
»O, Fräulein Helene sorgt aber doch recht gut für sie!«
»Das ist aber doch nicht dasselbe. Denke nur daran, wie unsere Mutter jeden Abend mit uns betet, wie sie selbst die Kleinen besorgt und ins Bettchen legt, wie sie noch zu jedem von uns ans Bett kommt, um uns das Kreuzzeichen zu machen und den letzten Gutenachtkuß zu geben; denke doch daran, wie du immer und zu jeder Stunde zu ihr gehen, sie um alles bitten und fragen kannst. Versuche doch einmal dir vorzustellen, wie schrecklich es wäre, wenn wir unsere Mama nicht mehr hätten!«
»Nein, nein, Mieze, daran kann und will ich gar nicht denken. Und jetzt -- vielleicht weint sie gerade, weil ich vorhin so zornig war!« Bei diesem Gedanken fingen Rudis Tränen wieder an zu fließen.
»Komm, wir wollen sie schnell aufsuchen!« Mariechen sprang auf und zog ihr Brüderchen mit sich fort. Sie waren aber kaum ans ihrem versteckten Plätzchen hervorgetreten, da erblickten sie ganz in der Nähe ihre Mutter und Tante Toni. Rudi wollte sich schnell verstecken, aber Mariechen hielt ihn fest und sagte: »Geh' du nur gleich zu Mama -- ich nehme inzwischen Tante Toni beiseite und erkläre ihr alles.«
Mariechen erzählte nun Tante Toni, wie vorhin der Streit zwischen Otto und Rudi entstanden war. Tante Toni hörte aufmerksam zu, dann sagte sie:
»Es ist mir schon mehrmals aufgefallen, daß Otto und Lilly nicht nett mit Rudi sind.«
»Nicht wahr, du hast es auch bemerkt?« rief Mariechen eifrig. »Was mögen sie nur gegen den guten Rudi haben? Otto neckt und ärgert uns ja alle gern, aber doch ganz besonders den Rudi -- er weiß, daß der Rudi Spöttereien nicht vertragen kann; er weiß aber auch, daß Rudi ihm nichts tun darf. Du kannst mir glauben, Tante Toni, ich habe schon manchmal gemerkt, wie Rudi an sich gehalten und wie er sich beherrscht hat -- aber wenn dann Otto gar nicht aufhört und nur immer ärger kommt, dann bricht er halt los, und man kann's dem kleinen Buben doch nicht so streng anrechnen, wenn er im Zorn einmal ein bißchen fest dreinschlägt; dann gibt's aber jedesmal ein Gebrüll und ein Getue, wie du es vorhin gehört hast, und die ganze Familie gerät in Aufregung, weil Otto doch keine so feste Gesundheit hat. Vor einiger Zeit hat er sich nach solch einer Balgerei sogar ein paar Tage ins Bett gelegt und hat behauptet, es sei ihm entsetzlich übel; als ich ihm aber ein großes Stück Kuchen brachte, da hat er's mit dem besten Appetit verzehrt, und wie dann Onkel Wulff von einem Ausflug in die Lichtenau sprach, da war Herr Otto plötzlich wieder gesund. Und Lilly hält zu Otto -- bei sich zu Hause streiten sie auch miteinander, aber gegen uns halten sie stets zusammen. Und wirklich, Tante Toni, wir lassen uns viel von den beiden gefallen, denn sie tun uns ja doch wieder so leid, weil ihre Mutter tot ist.«
Tante Toni seufzte und ging eine Weile schweigend neben Mariechen her. Endlich sagte sie: »Wir wollen unsere Hoffnung auf Ottos erste heilige Kommunion bauen, und wir wollen recht eifrig für ihn beten, liebes Mariechen. Otto und Lilly waren doch so liebe, herzige Kinder, als sie noch klein waren -- und sie haben auch einen so vorzüglichen Vater!«
»O ja, Tante Toni! Sie hängen aber auch beide sehr an ihrem Vater, und wenn Onkel Robert dabei ist, dann sind sie einfach musterhaft. Ach, es ist recht schade, daß er immer so viel zu tun hat!«
In diesem Augenblick kam Anna herbeigesprungen: »Tante Toni und Mieze, wo bleibt ihr denn? Schnell kommt Kaffee trinken, sonst kriegt ihr nichts mehr; denn der arme Otto hat von seinem Sturze einen wahren Heißhunger davongetragen. Er hat schon verschiedene Rosenbrötchen, zwei Stücke Kuchen und drei Bretzeln verschlungen!«
Drittes Kapitel.
Was die Kinder werden wollen.
Als Tante Toni und Mariechen ins Haus kamen, fanden sie wirklich die ganze Gesellschaft um den Kaffeetisch versammelt. Otto machte noch ein etwas leidendes Gesicht, aber die Besorgnisse seiner Tanten verflogen doch gänzlich, als sie sahen, mit welchem Behagen er in seine Bretzel biß.
»Wenigstens die fünfte!« flüsterte Anna dem Mariechen zu.
»Ei, da ist ja auch Leo!« rief Tante Toni erfreut aus, als sie den kleinen, dicken Burschen auf einem hohen Kinderstühlchen am Tisch sitzen sah.
»Ja, ich darf heut' mit den Großen Kaffee trinken, damit du auch eine Freude hast«, erklärte der Kleine mit überzeugtem Tone, und wichtig fügte er hinzu: »Tante, das Minnichen kann schon beinah' >Toni< sagen; es macht schon: >Mieh -- Mieh<!«
»Wirklich? Das ist aber schön und das freut mich; später gehe ich auch mit dir hinauf, und dann muß Minnichen es mir vorsagen.«
Jetzt kam Mariechen mit der großen Kaffeekanne. »Darf ich dir einschenken, Tante?«
»Gewiß, Mariechen! Ich danke dir. Aber wo sind denn die Papas?«
Kurt antwortete: »Papa und Onkel Helmer wollten ein bißchen spazieren gehen; sie werden aber nicht weit gekommen sein, denn es fängt gerade an zu regnen.«
»Und Onkel Robert?«
»O, der Papa hat heute wieder arg viel zu tun«, erklärte Lilly wichtig. »Erst mußte er noch einen großen Artikel für seine Zeitung schreiben, und dann wartete er auch noch auf verschiedene Leute, mit denen er zu sprechen hat.«
»Also nicht einmal den Sonntagnachmittag kann er sich frei machen!«
Frau Wulff flüsterte ihrer Schwester halblaut zu: »Der arme Robert ist wieder arg angegriffen worden. Er wird schließlich doch noch zu Gericht gehen müssen, um Ruhe zu bekommen.«
Otto hatte die Ohren gespitzt und einiges verstanden. Ärgerlich rief er aus: »Ich möchte, Papa jagte die ganze Zeitungsgeschichte zum Kuckuck und er würde etwas anderes als Redakteur!«
»Aber Otto, wie kannst du so etwas sagen! Du weißt doch, daß dein Vater der Anführer und Leiter der Katholiken hier ist. Ich wüßte niemand, der ihn ersetzen könnte, wenn er sich zurückziehen wollte.«
»Er hat aber doch nur Last und Arbeit und noch dazu Ärger mehr wie genug -- und es dankt's ihm kein Mensch!«
»Gewiß, Otto, ich weiß viele, die mit großer Liebe und Verehrung an deinem Vater hängen.«
»O Tante Toni, es sind noch viel mehr, die ihn beschimpfen und verleumden!«
»Das passiert jedem, der mit Eifer und Erfolg eine gute Sache vertritt. Ein mutiger Soldat wirft deshalb seine Flinte nicht ins Korn!«
»Na, Tante Toni, ich werde jedenfalls mal nicht Redakteur des >Mainboten<!«
»Ei, Otto, das von dir zu hören, tut mir wirklich leid. Ich hätte gedacht, du würdest einmal mutig in die Fußstapfen deines Vaters treten und es dir zur Ehre anrechnen, so wie er all deine Kraft für die gute Sache einzusetzen. Es fehlt dir also der Mut dazu?«
»Nein, der Mut nicht, aber die Lust!«
»O--h!« machte Tante Toni gedehnt, und sie sah Otto dabei mit ihren klaren Augen so durchdringend an, daß er verlegen auf seinen Teller blickte, und als Tante Toni nun weiterfragte: »Was möchtest du denn werden?« da antwortete er ausweichend: »Ich weiß es noch nicht recht -- vielleicht Reiteroffizier.«
»Ich geh' einmal zur Marine«, erklärte hierauf Paul mit Bestimmtheit.
»Und ich wahrscheinlich auch«, ließ sich sein Zwillingsbruder Kurt vernehmen, »aber nicht als Offizier, sondern als Arzt oder Naturforscher, damit ich mich mal einer Nordpolexpedition anschließen kann.«
»So, du möchtest wohl ein berühmter Reisender werden, wie z. B. Fridtjof Nansen? Nun, und du, Philipp?«
»O Tante, den brauchst du gar nicht zu fragen!« riefen die andern Kinder lachend. »Der Philipp, der muß Ingenieur werden; der hockt ja jetzt schon die meiste Zeit in der Fabrik und bosselt an den Maschinen herum.«
»Denke nur, Tante«, erzählte Rudi, »neulich war an der neuen Dampfmaschine etwas nicht in Ordnung; man wollte schon dem Monteur telegraphieren, der sie aufgestellt hat, aber da hat der Philipp herausgefunden, woran es lag, und der Maschinist hat gesagt: >Das ist aber mal ein Hauptkerl!<« Und Rudis Augen leuchteten vor Freude und Stolz über seinen tüchtigen Bruder.
»Recht so, Philipp, das höre ich gern; da bekommt der Papa an dir später eine gute Hilfe in dem großen Betrieb.« Und Tante Toni nickte dem Neffen freundlich zu. Dieser war etwas rot geworden, hatte sich aber weiter nicht in seiner Gemütsruhe stören lassen.
»So, nun müssen aber auch die andern heraus mit der Sprache!« rief Tante Toni lustig. »Also Mariechen, wie steht es mit dir?«
Ehe Mariechen noch antworten konnte, rief Anna lachend: »O, das ist eine Betschwester -- die ginge ins Kloster, wenn es dort nur einen Spiegel gäbe!«
»Halt den Schnabel, vorlautes Ding; du bist ja nicht gefragt!«
»Ich danke dir, teurer Bruder Paul, für die liebevolle Zurechtweisung!«
»Zankt euch doch nicht wieder, ihr beiden, und laßt Mariechen endlich zu Wort kommen.«
»O, ich habe nicht viel zu sagen«, meinte Mariechen errötend. »Vorläufig lerne ich recht fleißig, damit ich später mein Examen machen kann. Das weitere wird sich dann schon finden.«
»Bravo, Mieze!«
Aber Anna konnte das Necken nicht lassen; sie machte ein drollig zerknirschtes Gesicht und rief aus: »Mieze, du bist einfach ein Musterkind. Ich fühle mich wirklich so unwürdig, neben dir zu sitzen, daß ich meine, der Erdboden müßte mich verschlingen.« Und damit verschwand sie unter dem Tisch.
Alle lachten; auch die geneckte Mieze lachte herzlich mit, dann rief sie munter:
»Nun hast du so gut für mich geantwortet; jetzt sprich für dich selbst; also ich frage dich feierlich: Was willst du werden, Anna Wulff?«
»Nun, ich heirate natürlich«, klang es unter dem Tisch herauf.
Wieder entstand allgemeines Gelächter.
»Was gibt's denn da zu lachen?« Und Annas Kopf tauchte empor.
»Zum Heiraten gehören zwei«, belehrte Kurt mit weiser Miene.
»Das weiß ich doch, daß ich mich nicht selbst heiraten kann. Ich heirate den netten holländischen Jungen, mit dem wir voriges Jahr im Seebad gespielt haben.«
»O, den dicken Jan!« lachte Kurt. »Du bist nicht dumm, Änne, denn sein Vater ist Millionär. Ob der dich aber will?«
»O, der wird schon wollen!« versicherte Anna in überzeugtem Ton.
»Ich bin noch nicht gefragt worden«, meldete sich nun Lilly.
»Also, Lilly, leg' los! Ich wette, du wirst eine alte Jungfer!«
Lilly warf ihrem Vetter Paul einen sehr entrüsteten Blick zu und entgegnete: »Fällt mir nicht ein, eine alte Jungfer zu werden -- da heirat' ich doch noch eher einen von euch!«
»Ums Himmels willen, doch nicht mich?« schrie Paul in komischem Entsetzen auf, und er streckte wie abwehrend die Hände aus.
»Nein, dich mag ich gar nicht, du bist mir zu grob -- aber vielleicht den Philipp!«
Philipp machte ein äußerst verblüfftes Gesicht bei dieser Erklärung.
»Warum denn gerade mich?« fragte er in kläglichem Ton.
»Du bist der gutmütigste von allen, und dich werde ich schon bald unter den Pantoffel kriegen«, erklärte Lilly mit einem siegesgewissen Blick auf ihren Vetter, der dasaß mit der Miene eines Opferlammes, welches zur Schlachtbank geführt werden soll.
Die andern schrien vor Lachen. Frau Wulff, welche gerade der Tante Luise Helmer eine neue Tasse Kaffee einschenken wollte, schüttete vor lauter Lachen daneben; Mieze hielt sich die Seiten und bog sich; Anna hatte sich verschluckt, und lachend, hustend und pustend verteidigte sie sich gegen ihre Brüder, die ihr allzu diensteifrig und kräftig ans den Rücken klopften.
»Genug, Kinder, genug!« rief Tante Toni in den Tumult hinein; aber sie mußte selbst wieder von neuem lachen, und es dauerte noch eine kleine Weile, ehe sie fortfahren konnte: »Wir sind ja noch nicht fertig. Wer ist denn an der Reihe, gefragt zu werden?«
»Der Rudi, der Rudi!« hieß es, und Otto fügte mit geringschätziger Miene hinzu:
»Den brauchst du gar nicht zu fragen, Tante Toni; der will Kutscher werden!«
»Ach, Otto, das hab' ich doch nur früher gesagt, als ich noch ganz klein war!« verteidigte sich Rudi.
»Ei, was bist du denn jetzt? Bildest du dir vielleicht ein, du wärest schon groß?«
»Geh', Otto, sei nur still! Als du noch so ein kleiner Bubi warst wie hier das Leomännchen, da wolltest du auch Kutscher werden.«
»Aber Tante Toni!«
»Gewiß; ich war damals ja längere Zeit bei euch; und wie oft hast du deine hölzernen Pferdchen an meinen Stuhl gespannt und mich so in der Welt herumkutschiert!«
»Aber doch nicht wirklich, Tante Toni?« fragte Leomännchen, der mit sichtlichem Interesse zugehört hatte.
»Nein, natürlich nur im Spiel. Und du, mein Leobübchen, du willst gewiß auch Kutscher werden?«
»O nein -- ich werde Kaiser«, erklärte der Kleine mit Bestimmtheit.
»O, Kaiser -- nur Kaiser!« riefen alle erstaunt und belustigt. Tante Toni belehrte lächelnd:
»Kaiser kann man aber nur werden, wenn man ein Prinz ist.«
»Ich heirat' einfach eine Prinzessin, dann werd' ich ein Prinz.«
»O Dummerchen! Eine Prinzessin, die will dich doch nicht«, spottete Anna.
»Dann heirat' ich zur Straf' gar nicht!« Und Leomännchen wandte sich gekränkt ab.
»Ach, was für eine entsetzliche Strafe!« schrie Anna lachend. Dann streckte sie wie flehend die Hände nach ihrem Brüderchen aus und rief: »Gnade, Kaiserliche Majestät! Die arme Prinzessin wird sich zu Tode grämen!«
Der Kleine sah Anna mit mißtrauischer Miene an. Er wußte nicht recht, was sie eigentlich meinte, aber er fühlte doch heraus, daß sie sich über ihn lustig machte; deshalb sagte er ärgerlich: »Geh' weg, böse Anna, du willst mich doch nur wieder ärgern!«