Takt und Ton im geselligen Verkehr nebst Kommandos der Quadrille à la cour und der Française

Part 3

Chapter 32,325 wordsPublic domain

Beim Morgenkaffeetisch erscheine alles sauber und geglättet, gewaschen, gekämmt! Nichts macht einen übleren Eindruck, als wenn man ungewaschene Finger und Hände, struppiges Haar, vernachlässigte Kleidung während des Speisens zeigt. Den Kindern wird von der Mutter das Kaffeegebäck ausgeteilt, damit ja kein Streit bei Tisch entstehe. Den Kaffee kühle nicht durch Hineinblasen ab. Das Umgießen in den Untersatz der Tasse ist aber geradezu unschicklich. Das Gebäck darf man nicht in den Kaffee eintauchen oder einbrocken, man führt es mit der linken Hand zum Munde. Kleinen Kindern ist das Einbrocken erlaubt. Das Brot lege immer auf die untere, flache Seite. Trinkt man den Tee aus der Tasse, so halte man die Untertasse mit der linken Hand unter.

Einladung zur Tafel.

Wird man zur Tafel eingeladen, so entsteht die Pflicht, sich später hierfür zu revanchieren, wenn man die geeigneten Räumlichkeiten zum Abhalten einer Gesellschaftstafel hat. Einzelstehende Personen revanchieren sich hierfür bei Familienfestlichkeiten durch Überreichen eines Geschenks. Erscheine zur Tafel stets pünktlich. Bist du abgehalten, so teile dein Fernbleiben unter dem Ausdruck des Bedauerns sofort mit. Den Grund hierfür anzugeben ist nicht nötig. Eine Verfehlung hiergegen würde wohl als Verzicht auf spätere Einladung in diesem Kreise angesehen. Das Erscheinen wird nicht angezeigt. Bin ich zu einer Familienfestlichkeit nicht geladen, so darf ich es nicht übel nehmen, sondern ich muß denken, daß eben nur die vertrautesten Freunde des Hauses geladen sind, zu denen ich noch nicht gehöre.

Auf der Einladungskarte schreibt man statt der Bemerkung »U. A. w. g.«, d. h. »Um Antwort wird gebeten« diesen Passus lieber ganz aus, um jede Mißdeutung oder jedes Übersehen auszuschließen. -- Lade nie einen Gast zu dem Zweck, daß dieser durch seine künstlerischen Vorträge die Gesellschaft unterhalten soll, da dieses im Grunde genommen als eine Beleidigung des Künstlers angesehen werden kann. Auch wäre der Spott auf deiner Seite, wenn du mit diesem Antrag abgewiesen würdest. Deine Einladung fasse kurz:

Berlin, den 28. Juli.

Die Unterzeichneten beehren sich, Herrn und Frau B. für Mittwoch, den 1. August, nachmittags 5 Uhr, zu einem einfachen Kaffee und Abendessen ganz ergebenst einzuladen.

Heinrich A. und Frau.

Oder:

Berlin, den 1. Februar.

Herr und Frau B. werden freundlichst gebeten, nebst Frl. Töchtern den am 10. d. Mts. in unsern Wohnräumen stattfindenden Familienball mit ihrer Gegenwart beehren zu wollen. Beginn des Vergnügens abends 8 Uhr.

Heinrich A. und Frau.

Diese kurze Form der Einladung ist für alle vorkommenden Fälle vollkommen genügend. Sie sagt dem Eingeladenen in höflicher und bündigster Weise alles, was er zu wissen nötig hat. Für eine größere Mittags- oder Abendtafel wird aus den vorher erläuterten Gründen links unten noch das U. A. w. g. (oder der genannte Satz) hinzugefügt. Dies zu tun bleibt jedem natürlich auch bei andern Einladungen unbenommen, sobald er wünscht, daß die Anzahl der Gäste zuvor schon wenigstens annähernd bestimmt sein möchte. Diese Einladung soll geschrieben sein, höchstens bei großer Anzahl der Gäste ist sie gedruckt. Den Zweck, Ort und Zeit hinzuzufügen sei dir überlassen. Bei der Versendung verwende einen Dienstboten, in größeren Städten die Post. Sind gedruckte Formulare verwendet worden, so müssen die Briefe auch geschlossen sein.

Die große Gasttafel.

Die Bezeichnungen Diner, das Mittagsbrot, Souper, das Abendbrot, führt man bloß bei festlichen Veranstaltungen. Das, was du deinen Gästen bietest, passe deinen Verhältnissen an, um üblen Nachreden zu entgehen. Bei einem kleinen Diner oder Souper wählt man einen runden oder ovalen Tisch, bei größeren die Tafel oder einige Tafeln in Hufeisenform gestellt.

Die Stühle werden, wenn der Tisch gedeckt wird, zur Seite gestellt, daß man freie Wandelgänge hat, um zu decken.

Das Tischtuch wird zuerst aufgelegt. Hierbei ist zu beachten, daß es gleichmäßig an allen Seiten herabhängt; der Längsbruch sei genau in der Mitte, und nach oben liegt stets der erste Seitenbruch auf der Kante des Tisches.

Das Monogramm ist rechts außen. Muß man mehrere Tischtücher benützen, so legt man auf die Stelle, wo sie sich berühren, eine Serviette. Noch feiner sind seidene Läufer. An den Ecken raffe man es in zierliche Falten. Man kann dies auch an der Länge des Tischtuches fortsetzen und dann an diesen Raffungen Schleifen oder Bouquets befestigen. Eine Friesdecke unter das Tischtuch zu legen, ist sehr zu empfehlen, damit das Klappern der Geschirre gedämpft werde. Das Aufstellen kleiner Vasen mit frischen Blumen als Dekoration ist empfehlenswert. Große Blumensträuße und -stöcke sind hierzu unpraktisch, weil sie die Aussicht versperren. Menu und Weinkarten stelle auf oder lege sie unter den Teller. Tafelaufsätze mit Obst sind auch ein sehr schöner Tafelschmuck, ebenso verschiedenes Weingelee und Baumkuchen. Auch Flaschen mit Wasser werden aufgestellt, man rechnet für vier Personen eine Literflasche. Feine Schlingpflanzen der Länge nach über den Tisch (Läufer) zu legen, ist sehr hübsch. Bei feiner Tafel liegt noch über dem Tischtuch in der Mitte desselben ein Läufer. Dieser ist von Kreppapier, in sehr feinen Häusern aber von Seide und gestickt. Beim einfachen Tisch werden die Teller aufgestellt, die frische Serviette in den Teller und der Serviettenring auf diese oder auf die rechte Seite des Tellers gelegt.

Tisch- und Menukarten sollen nie fehlen. Bei jedem zweiten Gedeck soll ein Salz- und Pfeffernäpfchen stehen. Ist die Suppe der erste Gang, so werden keine Teller aufgestellt, sondern nur die Serviette auf den Tisch gelegt, weil die Suppe eingeschöpft jedem Gast vorgesetzt wird.

Das Besteck liegt unmittelbar bei dem Teller und zwar rechts Messer, Löffel, Fischmesser. Die Gabel liegt mit den Zinken nach oben, ebenso zeigt der Löffel die Höhlung nach oben. Links liegt die Gabel. Oben quer liegt das Dessertbesteck. Über diesem liegt der Eis- oder Kompottlöffel. Die Weingläser stehen rechts oben vom Besteck, und die gebrauchten Gläser werden nach jedem Gang abgetragen. Angeboten wird von links, abgetragen von rechts.

Kompotte und Salat stehen fertig auf der Tafel. Das Dessert dient teilweise zum Schmuck der Tafel. Nur Butter und Käse sowie Eis werden später gereicht.

In Gesellschaft.

Alles bisher Gesagte vom Verkehr mit Damen gilt erst recht vom Verkehr mit ihnen in Gesellschaft. Doch hüte sich der Herr, durch zu großen Diensteifer einer Dame gegenüber diese ins Gerede zu bringen. Sein Benehmen sei vielmehr zu allen Damen von der gleichen Höflichkeit und rücksichtsvollen Liebenswürdigkeit. Die Dame aber sei stets trotz aller Liebenswürdigkeit von einer gewissen Zurückhaltung, so daß jede Vertraulichkeit ausgeschlossen bleibt. Das Benehmen eines Herrn einer Dame gegenüber richtet sich nach dem Benehmen der Dame selbst. Man erscheine pünktlich zur angegebenen Stunde, da man durch Zuspätkommen leicht in den Verdacht kommt, dadurch Aufsehen erregen zu wollen; außerdem ist es eine Rücksichtslosigkeit gegen alle Erschienenen.

Man bedenke stets, daß man nur ein Teil der Gesellschaft ist, und betrachte sich nicht als die Hauptperson.

Man sehe über kleine Versehen und Vorkommnisse ruhig hinweg und hüte sich, gar darüber zu sprechen oder sich die Verstimmung merken zu lassen.

Wird getanzt, ist es Pflicht eines jeden Herrn zu tanzen, solange noch Damen frei sind, da diese doch dazu geladen sind.

Herren, die herumstehen, statt zu tanzen, solange noch tanzlustige Damen vorhanden sind, beweisen, daß sie keine Lebensart besitzen.

Einer Dame, welche man zum Tanze auffordern will, muß man sich vorstellen lassen.

Bei öffentlichen Vergnügungen wie Reunions usw. kann sich der Herr selbst vorstellen; er nennt seinen Namen und verbeugt sich, hierauf nennt die Dame ihren Namen und verbeugt sich ebenfalls.

Die Aufforderung geschieht etwa in der Form: »Darf ich um die Ehre bitten, mir den Walzer usw. zu bewilligen?« Die Antwort wird lauten: »Sehr gern!« oder »Ich bedaure sehr, aber ich habe diesen Tanz bereits vergeben.« Weist eine Dame einen Tänzer ab, ohne vorher einem andern Herrn den Tanz zugesagt zu haben, so muß sie auf diesen Tanz völlig verzichten, da sie sich sonst Unannehmlichkeiten zuziehen kann. Während des Tanzes wolle man nicht sprechen, wenn man nicht weiß, ob es der Dame angenehm ist.

Zum Tanz wird eine Dame stets an der Hand geführt.

Das Engagieren geschieht durch gegenseitige Verneigung. Ist der Tanz beendet, so führt der Herr die Dame wieder auf ihren Platz, verbeugt sich vor ihr, geht einige Schritte, indem er ihr noch mit dem Gesicht zugewandt, zurück und begibt sich dann erst wieder zu der Gesellschaft.

Über das Rauchen.

Vor dem Betreten fremder Wohnungen versäume ein junger Herr nicht, die Zigarre abzulegen; selten wird ein Fensterbrett oder sonstiger Aufbewahrungsort auf dem Korridore fehlen, wo er sie deponieren kann. Vorsichtige Leute führen einen Zigarrentöter bei sich. Nur in vertrautem Kreise ist es gestattet, die Zigarre mit in das Zimmer zu bringen. Man vermeide überhaupt soviel als möglich, in Gesellschaft von Damen zu rauchen, jedenfalls versäume man nicht, zuerst um Erlaubnis zu bitten. Es ist wohl kaum nötig, die jungen Damen vor einer fatalen, aus Frankreich zu uns gekommenen, aber glücklicherweise noch nicht eingebürgerten Sitte bei dieser Gelegenheit zu warnen. Wenn die Pariserinnen daran Gefallen finden, türkische und russische Zigaretten zu rauchen, so ist das kein Grund, daß auch unsere Damen diese Sitte oder Unsitte annehmen. Es macht einen höchst unbehaglichen und abstoßenden Eindruck auf den größten Teil nicht nur der Frauen, sondern auch der Männer, eine Dame rauchen zu sehen.

Jedem das Seine!

Kommandos der +Française+.

Dieselbe wird in Kolonnen-Aufstellung getanzt.

I. Tour. (+Pantalon.+)

Verbeugung. Taktzahl.

+Demi-chaine anglaise+ (Platzwechsel der Paare) 8 +Balancé+ 4 mal oder +pas de baque+ (Schwebeschritte) 4 +Tour de main+ (umeinander herumtanzen) 4 Damen-+chaine+ (Platzwechsel der Damen) 8 +Promenade+ (paarweise Platzwechsel) 4 +Demi-chaine anglaise+ (zurück auf den Platz) 4

II. Tour. (+Eté.+)

Herr 1 und Dame 2 zur Mitte vor und zurück 4 +Chassé+ rechts und links (schrägrechts vor und zurück) 4 +Traversé+ (Platzwechsel) 4 +Chassé+ rechts und links 4 +Retraversé+ mit +balancé+ (zurück auf den Platz mit +balancé+) 4 +Tour de main+ (umeinander herumtanzen) 4

III. Tour. (+Poule.+)

+Traversé+ (Platzwechsel an der rechten Hand) 4 +Retraversé+ (Platzwechsel an der rechten Hand) 4 +Balancé en ligne+ (Schwebeschritt zu Vieren) 4 +Promenade+ (paarweise Platzwechsel) 4 Herr 1 und Dame 2 zur Mitte vor und zurück 4 Alle Herren vor Damen und Verbeugung oder +Dos-à-dos+ 4 Alle zur Mitte vor und zurück 4 +Chaine anglaise+ (zurück auf den Platz) 4

IV. Tour. (+Pastourelle.+)

1. Paar zur Mitte vor und zurück 4 Wieder vor, Dame zurück. Herr hinüber zu Paar 2 4 Triumphbogen: zweimal vor und zurück 8 Damen-Solo, +Ronde+ links und Platzwechsel 8 Alle zur Mitte vor und zurück 4 +Chaine anglaise+ (auf die Plätze) 4

V. Tour. (+Trénis.+)

1. Paar zur Mitte vor und zurück 4 Wieder vor, Herr zurück, Dame hinüber 4 +Traversé+ (Platzwechsel Herr 1 mit Dame 2) 4 +Retraversé+ (auf die Plätze zurück) 4 +Chassé+ rechts und links mit +Balancé+ 4 +Tour de main+ (beide Hände) 4

VI. Tour. (+Finale.+)

+Groise+ und Verbeugung nach rechts und links 8 Große +Promenade+ (vorwärts und retour) 8 +Balancé+ und +Tour de main+ (rechte Hand) 8 { Herr 1 und Dame 2 zur Mitte vor und zurück 4 { +Chassé+ rechts und links 4 II. Tour. { +Traversé+ 4 { +Chassé+ rechts und links 4 { +Retraversé+ und +Balancé+ 4 { +Tour de main+ 4 Alle zur Mitte vor und zurück 4 Großer Stern vorwärts und zurück 16

Diese Tour wird noch einmal wiederholt. In Tour II beginnt 2. Herr und 1. Dame.

Zum Schluß.

+Grande chaine+ (große +ronde+).

+Quadrille à la cour.+

Dieselbe wird in Karree-Aufstellung getanzt. Das erste Paar, nimmt man an, steht dem Orchester gegenüber.

I. Tour.

Verbeugungen.

Erster Herr und zweite Dame:

Zur Mitte vor und zurück.

Zur Mitte vor, Handtour rechts u. an d. Platz zurück.

Das erste Paar zieht durch das (geöffnete) zweite Paar.

Das zweite Paar zieht durch das (geöffnete) erste Paar.

Verbeugungen: Erst nach den Ecken, dann der Paare sich selbst.

Handtour rechts, Handtour links.

1. Wiederholung: Zweiter Herr und erste Dame beginnen.

2. Wiederholung: Dritter Herr und vierte Dame beginnen.

3. Wiederholung: Vierter Herr und dritte Dame beginnen.

II. Tour.

Verbeugungen.

Erstes Paar: Zur Mitte vor und zurück.

Die Dame tritt vor ihren Herrn.

Handtour rechts (ganz), Handtour links (halb) und

Nebenreihen des ersten und zweiten Paares neben das dritte und vierte Paar.

Alle: Zur Mitte vor und zurück.

Die Paare drehen sich (links hin) mit Handfassen an ihre Plätze.

1. Wiederholung: Das zweite Paar beginnt.

2. Wiederholung: Das dritte Paar beginnt.

3. Wiederholung: Das vierte Paar beginnt.

(Bei der 2. und 3. Wiederholung geschieht das Nebenreihen neben das zweite und erste Paar.)

III. Tour.

Verbeugungen.

Erster Herr und zweite Dame:

Zur Mitte vor und zurück.

Platzwechsel und tiefe Verbeugung.

Zurückkehren an den eigenen Platz.

Mühle der Damen, Handtour links mit dem Herrn gegenüber.

Mühle der Damen, Handtour links mit dem eigenen Herrn.

1. Wiederholung: Zweiter Herr und erste Dame beginnen.

2. Wiederholung: Dritter Herr und vierte Dame beginnen.

3. Wiederholung: Vierter Herr und dritte Dame beginnen.

IV. Tour.

Verbeugungen.

Das erste Paar geht:

Vor das dritte Paar, Runde nach links hin.

Vor das vierte Paar, Runde nach rechts hin.

Sämtliche Damen kreuzen vor ihrem Herrn nach links (der Herr tritt nach rechts).

Sämtliche Damen kreuzen vor ihrem Herrn nach rechts zurück (der Herr tritt nach links).

Alle Paare: Handtour rechts, Handtour links.

1. Wiederholung: Das zweite Paar beginnt und geht erst vor das vierte, dann vor das dritte Paar.

2. Wiederholung: Das dritte Paar beginnt und geht erst vor das zweite, dann vor das erste Paar.

3. Wiederholung: Das vierte Paar beginnt und geht erst vor das erste, dann vor das zweite Paar.

V. Tour.

Alle: Große Kette (links beginnend) bis zum Platze gegenüber (Verbeugung) und weiter bis an den eigenen Platz.

Das erste Paar schwenkt um, dahinter tritt das dritte Paar.

Hinter das dritte das vierte Paar. (Sämtliche Paare stehen jetzt hintereinander.)

Kreuzen der Damen (vor ihren Herren) nach links, gleichzeitig Kreuzen der Herren (hinter ihren Damen) nach rechts.

Wiegen. Kreuzen der Damen nach rechts, der Herren nach links.

Wiegen. Gegenzug (+Promenade+) die Damen rechts, die Herren links und Öffnen der Reihen mit Handfassen.

Alle: Zur Mitte vor und zurück.

Die Paare drehen sich mit Handfassen (nach links hin) an ihre Plätze.

1. Wiederholung: Nach der Kette schwenkt das zweite Paar um.

2. Wiederholung: Nach der Kette schwenkt das dritte Paar um.

3. Wiederholung: Nach der Kette schwenkt das vierte Paar um.

Das Ganze schließt mit der großen Kette.

(Die V. Tour wird meistens ohne vorherige Verbeugungen ausgeführt.)