Tahiti: Roman aus der Südsee. Zweiter Band.
Chapter 16
»Langsam mein Bursche, langsam,« lachte der Officier, unser alter Bekannter Bertrand, durch die mürrische Antwort keineswegs böse gemacht -- »wenn ich nachher neugierig werden sollte, wirst Du mir's doch noch zeigen müssen, jetzt aber vor allen Dingen wollen wir Deine Wohnung einmal etwas genauer besehen, ob wir nicht einen alten Freund und Schiffskameraden darin entdecken können, der sich wahrscheinlich von Bord verlaufen hat, und in der dunklen Nacht nicht wieder dorthin zurückfinden kann. Die Guiaven stehen gar zu dicht um Euer Haus -- Ihr solltet sie ein wenig lichten.«
»Wie ich merke stehen sie doch noch immer nicht dicht genug;« brummte Murphy halblaut vor sich hin, Mütterchen Tot nahm aber für ihn die Unterhaltung auf, und mit ihrer schrillen Stimme kreischte sie dem Officier entgegen:
»_Deine_ Wohnung, _Deine_ Wohnung? wessen Wohnung habt Ihr hier anders als _meine_? und glaubt Ihr daß der schmutzige Schuster da eine Wohnung für sich selber hat? -- Ist das auch eine Manier einer armen alleinstehenden Frau bei Nacht und Nebel in's Haus zu fallen, und sie zu erschrecken, daß sie den Tod davon haben könnte? was wollt Ihr? wer seid Ihr? wen sucht Ihr? nun, habt Ihr die Sprache verloren daß Ihr dasteht wie von Gott verlassen?«
»Alle Wetter,« lachte Bertrand, der sich erst jetzt von seinem Staunen über die wunderbare, vor ihm aufsteigende und von der Flamme phantastisch genug beschienene Gestalt erholen konnte -- »das ist eine _Dame_; bei Allem was da schwimmt, ich hatte keine Ahnung daß sich das schöne Geschlecht auch in solch alte Ueberröcke zurückziehen könnte.«
»Ach was _schöne Geschlecht -- Dame_,« knurrte die Megäre, »was wollt Ihr, wen sucht Ihr? und ein Bischen rasch, denn es ist Schlafenszeit, und ich möchte meine Ruhe haben wie ich's verlangen kann.«
Der Officier hörte schon kaum mehr auf sie, sondern näher zum Licht tretend, und seine Augen mit der linken ausgestreckten Hand dagegen schützend suchte er vor allen Dingen herauszubekommen, ob außer den, neben der Lampe sitzenden Individuen noch Andere vielleicht in der Hütte befindlich, oder gar versteckt wären, einer eben nur oberflächlichen Untersuchung auf bequeme Art auszuweichen.
Jim hatte erst wirklich, und wie er das erste Niederstoßen der Gewehrkolben hörte, eine Bewegung gemacht, als ob er sich in den hinteren und dunkleren Theil der Hütte zurückziehen wolle, als aber sein scharfes Ohr auch dort draußen Schritte hörte, blieb er ruhig stehen und ließ sich dann sogar, als eben der Officier die Hütte betrat, wieder auf seinen alten Platz nieder, wo er, den Kopf in die Hände gestützt, und den breiträndigen Wachstuchhut nur etwas tiefer in die Augen gezogen, ruhig sitzen blieb, und das Ganze mit vollkommen gutem Gewissen schien abwarten zu wollen. Nur der mißtrauische und finstere Blick, den er heimlich, unter dem Schatten seiner Hutkrempe vor, nach dem Officier hinüberschoß, wie die fest zusammengebissenen Zähne hätten können ahnen lassen, daß doch nicht Alles mit ihm so gut und richtig sei, und er vielleicht gegenwärtig lieber den von Mosquitos am meisten heimgesuchten Guiavensumpf, als gerade diesen behaglichen Platz auf dem er sich befand, inne haben möchte.
»Was oder wen ich suche, Madame?« wiederholte Bertrand langsam und fast wie mit sich selber redend -- »hm, Jack scheint sich richtig aus dem Staub gemacht oder doch einen sichereren Platz aufgefunden zu haben. Ihr, da, zwei von Euch« wandte er sich dann in französischer Sprache an die Soldaten, »sucht einmal an der Wand hin, ob Ihr nicht irgendwo noch Jemand entdeckt, und wenn so, bringt ihn her zum Licht; vielleicht können mir indessen diese beiden Burschen, die da so schweigsam sitzen, etwas nähere Auskunft über den Gesuchten geben. Heda Gentlemen,« wandte er sich jetzt an die beiden Leute, von denen Bob nicht als Matrose zu verkennen war, während selbst Jim einen ziemlich seemännischen Anstrich hatte, und hier auf Tahiti, wo man kaum Leute anderen Berufs vermuthen konnte, recht gut für zu Salzwasser gehörig gelten konnte -- »ich suche einen entsprungenen Mann von der ~Jeanne d'Arc~, der auf den Namen Jack hört, und sonst ein so durchtriebener nichtsnutziger Schuft ist, wie nur je Einer Schuhleder zertreten oder das Deck eines Schiffes gewaschen hat. Kann mich Einer von Euch auf die Spur bringen?«
»Spur bringen?« brummte aber Bob dagegen -- »wenn's auf See wäre, aber hier an Land bin ich immer froh wenn ich das Ufer selber wiederfinde, mich nicht zwischen den verdammten Bäumen zu verlaufen -- da müßt Ihr Euch schon einen Anderen suchen.«
»Aber hast Du den Burschen nicht irgendwo gesichtet, Kamerad?« frug der Officier wieder, der aus dem ganzen Wesen der Alten etwas Aehnliches fast vermuthen wollte. »Er heißt Jack.«
»So heißen wir ziemlich Alle,« knurrte der Seemann -- »wenn man Eines Namen nicht weiß auf Englischen Schiffen, nennt man ihn Jack -- jeder Matrose ist eigentlich ein geborener Jack, und kriegt den anderen Namen, wie das Frauensvolk bei der Heirath, mit dem ersten Salzwasser-Grog ohne Zucker und Rum, den sie ihm über den Schädel gießen.«
Bertrand hatte, während Bob sprach, zuerst Jim oberflächlich betrachtet, und sich dann wieder in der Hütte umgesehen, in seiner Erinnerung wurden aber andere Bilder wach, und wieder und wieder kehrte sein Blick zu den halbbeschatteten Zügen des Mannes zurück, der am Feuer mit zusammengezogenen Brauen saß und jetzt anfing in seiner Tasche nach Tabak zu suchen, sich eine Pfeife zu stopfen.
»Hallo Kamerad,« sagte er endlich, als die beiden Soldaten zurückgekommen waren und gemeldet hatten daß sich Niemand weiter in der Hütte befinde, »wo haben wir Beide denn schon einmal unser Fahrwasser gekreuzt? -- Du bist ein Engländer?«
»Wenigstens nicht weit davon,« brummte Jim, sich noch mehr in seine Pfeife vertiefend, und jetzt halb vom Lichte abgewandt -- »habe aber nicht die Ehre -- Menschen gleichen sich wie Blätter und Eier -- tragen Alle die Nase mitten im Gesichte.«
Bertrand barg einen Augenblick die Augen in der Hand, wie um durch keine äußeren Eindrücke sein Gedächtniß zu beirren -- ein thatenreiches Leben flog ihm in wirren Bildern vor dem inneren Geist vorüber; aber zu viel der Scenen, zu viel der Gestalten wechselten und schwammen da durcheinander, als ihm so rasch zu gestatten daß er sich den einen, verlangten herausgriffe aus der Masse, und nur den Kopf schüttelnd, schritt er mit verschränkten Armen ein paar Mal auf und ab in der Hütte, ohne, wie es schien, auf die Inwohner viel zu achten, ja fast vergessend, weshalb er eigentlich hierhergekommen.
Jim war dabei diese höchst unnöthige Aufmerksamkeit, die der Officier, den er selber recht gut wiedererkannte, auf ihn wandte, nichts weniger als angenehm, und er fing an sich eben nicht mehr so sicher auf seinem Platz zu fühlen. Er stand langsam auf und zog sich dem Hintergrund der Hütte zu.
Bertrand stampfte ungeduldig mit dem Fuß.
»Weiß der Teufel,« murmelte er dabei leise vor sich hin, »wo mir die Galgenphysionomie schon einmal vorgekommen, aber nichts Unbedeutendes war's das ist sicher -- nun vielleicht fällt's mir wieder ein -- ha -- « sagte er, emporsehend, als er den Seemann nicht mehr auf seinem Sitz erblickte -- »ah, der Herr schläft wohl hier, und will sich sein Lager zurechtmachen? -- habt Ihr Erlaubniß an Lande zu bleiben, und auf welches Schiff gehört Ihr?«
»Ich gehöre auf gar kein's,« entgegnete Jim finster aus dem Halbdunkel der Hütte vor -- »die Insel hier ist meine Heimath, und ich werde d'rauf schlafen können, denk' ich.«
»Und Du, mein Bursche, auf welches Schiff gehörst Du?« wandte er sich jetzt zu Bob -- »oder rechnest Du Dich etwa auch zu den Eingeborenen, mit Deiner Furcht vor den Bäumen?«
»Verdamm es, nein,« brummte der Seemann, »ich gehöre zur ~Kitty Clover~.«
»Dem Wallfischfänger?«
»Ja.«
»Und weshalb bist Du da nicht an Bord, Sirrah?« frug der Officier scharf -- »die ~Kitty Clover~ steht überhaupt in dem Verdacht andere Ladung als Thran an Bord zu führen, und wenn ich nicht irre haben die Missionaire schon Klage eingereicht, daß Ihr den ganzen Ort mit Brandy überschwemmt.«
»Die Missionaire können zu Grase gehen,« erwiederte Bob gleichgültig, »die schwatzen viel wenn der Tag lang ist. Was übrigens die ~Kitty Clover~ thut geht _mich_ nichts an -- die ~Kitty Clover~ ist ein ganz selbstständiges Frauenzimmer.«
Bertrand lachte. »Doch apropos,« rief er plötzlich, sich zu Murphy wendend, der noch immer auf seinem niederen Schemel saß, und den in der Eile aufgegriffenen Schuh wie mißtrauisch betrachtete, »was war's denn was der Bursche da vorhin versteckte? seh doch einmal Einer von Euch nach -- in der Kalebasse da drüben muß es sein, vielleicht daß uns das auf Jacks Spur bringt.«
»Und was habt Ihr Euch um anderer Leute Kalebassen zu bekümmern?« rief aber die Frau jetzt, zum ersten Mal des Schusters Parthei ergreifend, der nur mit finster trotzigem Blick vor sein Eigenthum trat, und nicht übel Willens schien es zum Aeußersten zu vertheidigen -- »hab ich Euch nicht gesagt daß ich Nichts von Euerem ganzen Gesindel weiß, und mir noch weniger daraus mache, und überhaupt wünsche die gottvergessenen Wi-Wis in meinem ganzen Leben nicht gesehen zu haben? -- ist das jetzt Zeit, mitten in der Nacht bei einer armen alten Frau einzubrechen, das Unterste zu oberst zu kehren, und unschuldige Leute mit geladenen Gewehren und Bajonetten zu erschrecken? Fort mit Euch wohin Ihr selber gehört, was wollt Ihr von uns? -- was steht Ihr noch da?«
»Komm hier Mütterchen,« lachte aber der eine Soldat, ein riesiger Bursche, sie und Murphy zu gleicher Zeit aber sanft bei Seite schiebend, während der Andere, unter Murphys Armen fort, die fragliche Kalebasse mit dem Bajonnet anspießte und nach vorn zog, wo das allerdings höchst unverdächtige Buch zu Lichte rollte.
»Eine Bibel,« lachte der Officier, »und weshalb versteckst Du die vor _mir_? -- hab' keine Furcht mein frommer Bursche, ich wäre der Letzte der Dich in Deiner Andacht störte -- laßt sie los.«
»Gottes Fluch über Euch!« schrie aber jetzt die Alte, durch das ruhige Verhalten der Leute nur noch mehr in Wuth gebracht. »Pest und Gift in Euere Knochen, und faulende Krankheit, daß Ihr eine arme Frau mißhandelt und drückt in ihrem eigenen Haus!« und zufällig vielleicht, oder auch mit Absicht das heiße Cocosöl über die Eindringlinge auszuschütten, stieß sie zu gleicher Zeit das hohe und leichte Bambusgestell, auf dem Murphys Cocosschale mit dem darin brennenden Docht stand, um, und die Soldaten konnten auch wirklich eben nur unter laut ausgestoßenen Flüchen zur Seite springen, dem drohenden Oel, das sich jetzt entzündete, zu entgehen. Auf dem Boden aber schlug es in heller Flamme empor, den Platz mit seinem Lichte übergießend.
»Alle Wetter Madonna,« rief Bertrand, der lachend zurücksprang, »Du wirst Dir selber das Haus über dem Kopf anzünden, und da hinten -- « sein Blick fiel in diesem Moment auf das, ihm fast unwillkürlich zugewandte Antlitz des Iren, der sich überrascht nach der hellen Flamme umschaute, und wie ein zündender Blitz sprang zu gleicher Zeit die Erinnerung an jene Nacht in ihm auf, die Jack schon früher gegen Jim erwähnt, seinem Gedächtniß mit Zauberschnelle das Wo und Wie jener Züge in die Seele rufend.
»~Sapristi~,« schrie er, den Degen mit dem Wort aus der Scheide reißend und gegen den Iren anspringend -- »hab' ich Dich, Kamerad -- ergieb Dich Schuft! hierher Ihr Leute!«
»Verdammt!« knirrschte Jim zwischen den Zähnen durch, »aber noch habt Ihr mich nicht!« und einen Sessel der dort stand aufgreifend, und dem Franzosen vor die Füße schleudernd, daß dieser auf die Seite springen mußte nicht darüber zu fallen, warf er sich, ehe die Soldaten herbeieilen oder selbst Bertrand ihn erreichen konnte, mit aller Gewalt gegen einen der Bambusstäbe an, der, jedenfalls schon zu einem heimlichen Ausgang, einer Art Nothröhre benutzt, seinem Gewicht nachgab und sich nach außen bog. Der Körper des Flüchtigen war im Nu dahinter verschwunden, und als der Officier vorspringend mit seinem Degen einen Stoß nach dem Entsprungenen führte, traf der zurückschnellende Bambus die Klinge, und brach sie in der Mitte, wie Glas entzwei.
»Feuer! beim Teufel -- Feuer!« schrie Bertrand, wüthend gemacht, und dem Knacken der Hähne folgte mit Blitzesschnelle eine Salve, mit wenig mehr Erfolg aber wohl, als den Bambus an einigen Stellen zu zersplittern und die Hütte mit Pulverrauch zu füllen.
Der einzige Ruhige während der ganzen wilden Scene schien Bob, der regungslos auf seinem Platz sitzen geblieben war, und nur nach dem Verschwinden Jims und der rasch gefeuerten Salven wie spöttisch mit dem Kopf schüttelte. »Hm, möchte wissen was da im Winde ist -- verteufelter Kerl, wie fix er durch die Wand war,« murmelte er vor sich hin; »sein Hals kann auch seinen Beinen dankbar sein, mein' ich, denn auf einen bloßen Deserteur wird doch nicht gleich geschossen -- hab's mir aber etwa gedacht, daß der Bursche wohl was erzählen könnte -- wenn er nur wollte.«
Ein paar Soldaten wollten jetzt rasch zur Thür hinaus, dem Flüchtigen nachzusetzen, Bertrand rief sie aber zurück.
»Laßt ihn heute, in dem Unterholz ist er schon lange in Sicherheit,« sagte er seine Klinge vom Boden aufhebend und den Sprung, mit einem leise gemurmelten Fluch wieder zusammenpassend -- »wart' aber Canaille; also hier nach Tahiti her hast Du Dich gefunden? -- nun hoffentlich war das nicht das letzte Mal daß wir einander begegnet sind, und das nächste Mal _kenn'_ ich Dich, darauf kannst Du Dich verlassen. Und Du Mütterchen,« wandte er sich plötzlich an die alte Frau, die knurrend und keifend neben dem qualmenden brennenden Oele stand, und giftige Blicke bald nach der Ursache dieser Ueberstürzung ihres Hausstandes, bald nach dem unglücklichen Schuster hinüber warf, an dem sie nur noch nicht recht wußte, wie sie einen Halt bekommen sollte, ihren Grimm auszulassen -- »Du kannst mir vielleicht sagen wie der Bursche, der da eben durch Deine Wand sprang, heißt, was er treibt und wo er wohnt.«
Mütterchen Tot war aber keineswegs in der Laune irgend eine Auskunft zu geben, und ihren vollen Grimm gegen den Frager kehrend, überhäufte sie ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden und Zornesworten, daß er verlange sie solle alles Gesindel kennen, das sich auf der Insel herumtriebe, und die Wohnung von Leuten angeben die zu ihr in's Haus kämen einen Dollar zu verzehren, wovon sie leben müsse in ihren alten Tagen.
Bob wollte ebenfalls von Nichts wissen, und Bertrand sah wohl ein daß er hier nur seine, jetzt weit kostbarere Zeit vergeuden würde, aus den hier Anwesenden durch Drohungen oder Bitten etwas herauszulocken. Vielleicht aber vermochte ihm ihr Eigennutz, dieser gewaltige Hebel der Menschheit mehr zu nützen, und sich an die Alte wendend da der Matrose wohl schwerlich einen Kameraden verrathen würde, sagte er ruhig:
»Frieden Mütterchen, eben weil Ihr eine arme verlassene Wittwe seid, red' ich zu Euerem Besten, und wollt Ihr einen Haufen Geld mit einem Schlag verdienen, so habt Ihr weiter Nichts zu thun als Ja zu sagen.«
»Haufen Geld,« mumpelte die Alte mürrisch, aber auf einmal merkwürdig besänftigt, in ihrem zahnlosen Mund -- »Haufen Geld, ja mit der Zunge, da versprecht Ihr Wi-Wis das Blaue vom Himmel herunter -- Haufen Geld -- wie soll eine arme verlassene Wittwe einen Haufen Geld verdienen in dieser schweren, drückenden Zeit? -- fort mit Euch, ich kenne Euch schon von alten Zeiten her.«
»Schon gut, Madonna, also Du weißt nicht wo jener Bursche, der da eben durch die Bambuswand sprang, und mit der Gelegenheit dieses Hauses _außerordentlich_ vertraut scheint, sich über Tag aufhält, und wo er wohnt?«
»Nein -- Nichts,« brummte die Alte mürrisch.
»Weißt auch nicht wie er heißt?«
Die Alte zögerte und sah halb unschlüssig Bob an, der aber sog ruhig an seiner Pfeife und schaute still und heimlich lächelnd vor sich nieder -- sie schüttelte trotzig mit dem Kopf.
»Gut,« sagte Bertrand, sich die Lippen beißend, »vielleicht fällt Dir's später ein; frischt sich aber Dein Gedächtniß, so kannst Du 500 Frank -- verstehst Du? -- 500 Frank verdienen, wenn Du mir Gelegenheit giebst des Schuftes habhaft zu werden.«
»Fünfhundert Frank?« sagte die Alte ungläubig.
»Auf der Stelle ausgezahlt, sobald wir den Burschen in unsere Gewalt bekommen -- und selbst für den Anderen sollst Du zweihundert haben, wenn Du uns zu seiner Ergreifung behülflich bist.«
Bob hob jetzt zum ersten Mal den Blick vom Boden auf, und sah die Alte lauernd an -- Mütterchen Tot schien aber in der That in tiefem Nachdenken verloren über den Vorschlag, und es bedurfte einiger Minuten, ehe sie die Versuchung von sich abschütteln konnte -- wenn sie sich nicht etwa gar vor den Zeugen genirte.
»Ich will Nichts mit der Sache zu thun haben,« brummte sie kopfschüttelnd -- »hat O'Flannagan sich -- «
»O'Flannagan?« frug Bertrand rasch.
»Ach zum Teufel!« rief die Alte, jetzt selber ärgerlich werdend -- »lauert Einem nicht das Wort von den Lippen, eh' es gesprochen ist -- was weiß ich wie Einer heißt der bei mir aus und ein geht, und sich so oder so nennen kann -- wen kümmerts. Es ist Nachtschlafenszeit, und ich will meine Ruhe haben in meinem eigenen Haus -- versteht Ihr das?«
»Ich versteh' Euch, Mütterchen,« lachte aber Bertrand -- »danke übrigens für den Wink, und -- vergeßt die 500 Frank nicht. -- Doch jetzt: Achtung. Ihr Leute rechts umkehrt und vorwärts marsch!« und den Soldaten voran schreitend, die ihm durch die niedere Thür mit gebückten Köpfen folgten, verließ er rasch das Haus, und bald verklang der letzte Schritt der bewaffneten Männer in der Ferne.
Bob war aufgestanden und lauschte dem weiter und weiter verschwimmenden Geräusch der ihm genug verhaßten Franzosen. Dann sich den Hosengürtel nach Seemannsart in die Höhe rückend und den Hut etwas weiter aus dem Gesicht schiebend, drückte er beide Hände neben den Hüften in den Bund und drehte sich ab, ohne weiteres Wort oder Gruß das Haus zu verlassen.
Die Alte sah ihm finster und schweigend nach, ohne ihn aufzuhalten, in der Thür aber blieb er plötzlich noch einmal stehen, drehte sich um, nahm mit der linken Hand die Pfeife aus dem Munde, und sagte:
»_Mein_ Name ist Bob Candy,« und sich dann auf dem Absatz herumschwingend, verschwand er durch die noch offene Thür.
Mütterchen Tot aber löschte die Lichter aus, ohne auf Murphy oder den jetzt wieder zum Feuer niedergekauerten Indianer irgend eine Rücksicht zu nehmen, und drückte sich mürrisch und knurrend auf ihr Lager in der Ecke nieder. Sie hatte den Kopf voll, und selbst der kleine Schuster konnte sich heut Abend unbelästigt auf sein Lager werfen, den Mosquitos ein paar Stunden Schlaf abzuringen.
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Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck: #fetter Text# ]
End of Project Gutenberg's Tahiti. Zweiter Band., by Friedrich Gerstäcker