Tahiti: Roman aus der Südsee. Zweiter Band.

Chapter 11

Chapter 113,750 wordsPublic domain

Sadie tanzte mit unendlicher Grazie und Leichtigkeit, aber ihr Herz war nicht bei dem Fest; in ihrer Brust wogte und stach es mit vorwurfsvoller Stimme und quälte das arme unschuldsvolle Herz mit trüben, ängstlichen Bildern. »Du sündigst jetzt« sagte sie sich leise und immer und immer wieder vor, und des ehrwürdigen Bruder Dennis Stimme klang dabei fortwährend in ihrem Ohr -- »Du hast Dich dem wilden sündhaften Tanz ergeben, und der böse Feind greift schon nach dem Arm, wo ihm der Finger kaum geboten in Lust und Leichtsinn.«

»An was denkst Du Sadie?« flüsterte ihr René zu, wie er mit ihr wirbelnd und sie fest in seinem Arm dahin flog, während die eingeborenen Frauen besonders, Sadiens leichtem Tanze bewundernd mit den Augen folgten.

Sadie schüttelte leicht und erröthend mit dem Kopf, und zwang sich fröhlich zu sein, aber die mahnende Stimme in ihr wurde stärker und stärker, und wie schwindelnd lehnte sie sich endlich an Renés Schulter und bat ihn sie zu einem Stuhl zu führen.

»Du kannst das rasche Drehen noch nicht vertragen,« lachte der junge Mann, sie dort hin geleitend wo Bertrand mit untergeschlagenen Armen stand und keinen Blick bis jetzt verwandt hatte von dem Paar -- »nur erst ein paar Tänze aber Dich munter im Kreis gedreht, und der Schwindel verliert sich schon von selber. Es ist eine Art Seekrankheit die wohl die meisten Menschen überstehen müssen.«

»Ah Monsieur Delavigne -- hierher, wenn ich bitten darf, für einen Moment nur,« rief in diesem Augenblick die fröhliche Stimme der Mad. Belard, die ihm freundlich und dringend winkte zu ihr hin zu kommen. Sadie deshalb dem Freunde übergebend, folgte er dem Ruf.

»Monsieur,« rief ihm aber die lebendige kleine Frau schon von weitem entgegen, »ich habe Ihnen eine sehr angenehme Nachricht mitzutheilen; dort drüben, und ich werde indessen die Sorge für Ihre kleine Frau übernehmen, ist eine junge Dame die den Augenblick nicht erwarten kann Ihre Bekanntschaft zu machen, und sich schon nach allen Ihren Verhältnissen auf das Genaueste und Peinlichste erkundigt hat. Soviel rath' ich Ihnen, wahren Sie Ihr Herz.«

»Sie sind zu gütig, Madame,« lachte René, »wenn dem wirklich so ist, scheint die Sache in der That gefährlich zu werden.«

»Spotten Sie nicht vor der Zeit,« warnte Madame Belard -- »Sie bekommen es mit keinem gewöhnlichen Mädchen zu thun, und werden einem Paar Augen Stand halten müssen, denen schon stärkere Herzen erlegen sind als ein junger leichtsinniger Franzose wahrscheinlich in seiner Brust mit herum trägt.«

»Und die Dame?«

»Warten Sie, dort drüben spricht sie noch mit Madame Choupin, der Stiefmutter von Brouards Frau, der möchte ich nicht gerne in die Hände laufen.«

»Die junge Dame dort?« rief René rasch, »ah ich habe sie schon vorher bemerkt: sie kommt von Papara, wenn ich nicht irre.«

»Das Alles wird sie Ihnen gleich selber mittheilen, Monsieur; aber aufrichtig gesagt,« setzte sie schelmisch hinzu, »bin ich selber neugierig welch Interesse sie in so auffallender Weise an Ihnen nehmen kann. Sie _müssen_ ihr doch fremd sein.«

»Sympathie,« lachte René, »lieb ist mir's aber dabei daß gerade ein so reizendes Wesen sich für mich interessirt.«

»Sie müßte denn im Auftrag von Madame Choupin« -- sagte Mad. Belard, Renés Arm ergreifend und mit einer komischen Mischung von Besorgniß und Schadenfreude zu ihm aufschauend.

»Um der heiligen Jungfrau Willen, Madame,« sagte aber René rasch und mit komischer Angst, »schon der Gedanke ist grausam -- oder -- gönnen Sie mir mein Glück nicht?«

»_Gönnen_? was wollen Sie damit sagen, Monsieur, -- oder woher wissen Sie überhaupt daß Ihnen ein Glück bevorsteht? eitles Männervolk; Ihr Herren der Schöpfung werdet aber hier auf den Inseln viel zu sehr verwöhnt, und hätte ich früher gewußt was ich jetzt weiß, nie im Leben würde ich meine Einwilligung zu einem Umzug nach Tahiti gegeben haben.«

»Da kommt Mad. Choupin,« sagte René leise, und Madame Belard erschrak und wandte sich rasch ab, den Platz zu verlassen, als sie das boshafte Lächeln auf Renés Lippen bemerkte, und sich nun umdrehend sah wie Mad. Choupin die andere Richtung eingeschlagen, und die junge Dame im Gespräch mit Mad. Brouard zurückgelassen hatte. Madame Belard drohte ihm lächelnd mit dem Finger und sagte leise:

»Wenn Sie jenen alten Drachen näher kennten, würden Sie mir vollkommen recht geben, und ihn fürchten wie ich, aber -- die Luft ist rein, so kommen Sie, denn ich muß mich auch noch um meine anderen Gäste bekümmern, und habe nicht Zeit hier Stundenlang mit Ihnen zu plaudern.« -- Und seine Hand ergreifend führte sie ihn der Stelle zu, wo die junge Fremde mit Madame Brouard, anscheinend in tiefem Gespräche stand, behielt aber kaum Zeit für die ersten Worte, »Monsieur Delavigne, Mademoiselle Susanne Lewis,« als die Instrumente auf's Neue begannen und sich die Paare zur Française anstellten.

»Desto besser, unter dem Tanz werden Sie noch schneller mit einander bekannt,« rief die kleine muntere Frau, von dem Paar zurücktretend; »dort aber kommt auch _mein_ Tänzer, ~Monsieur le capitain~, und ich muß Sie für jetzt Ihrem Schicksal überlassen; doch -- unsere Verabredung Monsieur, um die Auflösung dieses Räthsels wünsch' ich nicht zu kommen.« Und ohne weiter den beiden jungen Leuten eine Antwort zu gestatten, trat sie mit dem ihr jetzt den Arm reichenden Capitain zum Tanze an, und Delavigne konnte ebenfalls nichts anderes thun, als der schönen Fremden den Arm bieten, den sie auch mit einer freundlichen Verneigung und einem eigenen schelmischen Lächeln dabei, annahm.

Die ersten Minuten gingen so mit der Anordnung des Tanzes vorüber, ohne daß er im Stand gewesen wäre ein Wort weiter mit seiner schönen Unbekannten zu wechseln, die erste Gelegenheit aber die sich ihm bot ergreifend, sagte er leise:

»Madame Belard hatte mich durch einige freundliche, aber jedenfalls nur in Neckerei und Spott hingeworfene Worte ermuthigt zu glauben, daß Sie, mein Fräulein, _wünschten_ mich kennen zu lernen; da ich aber gar nicht weiß womit ich solch ein Glück verdient hätte -- «

»Sie wissen noch nicht ob das ein Glück für Sie werden wird, Monsieur,« lachte aber die Schöne schelmisch, und René sah wirklich etwas überrascht zu ihr auf, denn die nämlichen Worte hatte Madame Belard kurz vor ihr gebraucht, und konnten die beiden Damen mit einander im Einverständniß sein? -- aber weshalb? --

»Es ist jedenfalls schon ein Glück in diese schönen Augen schauen zu dürfen,« sagte er jedoch, sich rasch sammelnd -- »und Böses kann da wahrlich nicht geschehen.«

»Haben Sie ein gutes Gewissen?« frug die junge Dame.

René lachte -- »Ja und nein, wenn Sie wollen; nicht schwerer zu tragen, wie wir Sterblichen überhaupt und durchschnittlich, und auch nicht leicht genug um zu befürchten, daß mir das Herz davonflöge über Nacht.«

»Sie sind ein weggelaufener Matrose,« sagte die junge Dame jetzt lachend und sah neckend zu ihm auf. René erröthete; da aber seine Geschichte, wie er diese Inseln betreten, auf Tahiti gar kein Geheimniß war, sagte er ruhig:

»Hat man schon versucht, mich Ihnen von der schlimmsten Seite vorzuführen?«

»Ob _man_ versucht hat?« lachte die Schöne, »Sie mögen selber urtheilen. Uebrigens bin ich bei der Sache näher interessirt, als Sie vielleicht glauben -- Sie sind mein Gefangener.«

»Auf Gnade und Ungnade,« lachte René, gern in den leichten Ton des wirklich wunderschönen Mädchens eingehend, dessen Reize erst jetzt wie es schien, nach und nach seinem Auge sichtbar wurden. »Aber tausend solche Gefangene haben Sie wohl schon solcher Art gemacht, und werden uns deshalb auch wohl auf unser Ehrenwort entlassen müssen, Ihrem Triumphwagen scheinbar frei zu folgen.«

»Auf Ehrenwort? -- geben Sie kein leichtsinniges Versprechen, ehe Sie wissen _wem_?«

»Wem?« sagte René erstaunt, aber ihr Gespräch wurde hier durch den Tanz unterbrochen, der die Paare vor rief und trennte, und es bot sich von jetzt an keine Gelegenheit wieder auch nur ein Wort weiter zu wechseln, bis die Française beendet war. René nahm jetzt seiner Tänzerin Arm, und sie den Saal niederführend sagte er fragend:

»Und nun, mein Fräulein, lösen Sie mir das Räthsel -- Sie tragen eine Maske, legen die Hand daran sie zu lüften, und ziehen sie neckisch wieder zurück. Ihr Spiegel sagt Ihnen schon, daß der Allmächtige Ihnen einen gewaltigen Zauber in's Auge gelegt über uns arme Sterbliche; mißbrauchen Sie die Macht nicht die Ihnen also gegeben -- Sie bedürfen dessen nicht.«

»Ein Wallfischfänger ist doch wahrlich nicht der Ort Schmeicheleien zu lernen,« lachte die Schöne laut auf, »und dennoch scheint es fast als ob Sie selbst dort einen wesentlichen Theil Ihrer Zeit dazu benutzt hätten, nicht außer Uebung zu kommen. Oder haben Sie das Alles schon wieder hier auf den Inseln profitirt?«

»Mein Fräulein,« bat der junge Mann.

»Sie haben recht,« sagte die junge Dame da plötzlich ernster werdend, »es wird Zeit daß wir unsere beiderseitigen Stellungen einnehmen, die uns gebühren; also nochmals Monsieur, Sie sind mein Gefangener, René Delavigne!«

»Von Herzen gern.«

»Halt -- nicht für mich etwa, Monsieur, sondern für meinen Vater, _Jonathan Lewis_, Capitain des dreimastigen Wallfischfängers ~»the _Delaware_,«~ gut gekupfertes Schiff erster Klasse A, und derzeit -- «

»Miß Lewis? -- aber wie ist das möglich?« unterbrach sie René in vollem, unbegrenzten Erstaunen.

»Derzeit« fuhr aber das schöne muthwillige Mädchen ernsthaft fort, »wahrscheinlich und mit Gottes Hülfe schon zu Hause, in Bedford, von seinem Kreuzzug heimgekehrt.«

»Aber Sie, eine Französin, des alten durch und durch Jankee Capitains Tochter?« rief René, immer noch ungläubig.

»Weigern Sie sich mir zu gehorchen, weil mir der schriftliche Verhaftsbefehl gebricht?« frug Miß Susanne.

»Sie sind grausam, Miß.«

»Nun denn, so will ich Ihnen mit zwei Worten das scheinbar unerklärliche Räthsel lösen. Erstlich bin ich keine Französin, sondern im New-York Staat in Nord-Amerika geboren, früh aber meiner Mutter durch den Tod beraubt schickte mich der Vater -- wie Sie mir bezeugen werden, ein etwas rauher Seemann -- nach Louisiana hinunter, wo seine Schwester an einen französischen Pflanzer verheirathet war. Ist Ihnen das nun klar?«

»Ja, aber _jetzt_?«

»Aber _jetzt_? ah, wie ich _hierher_ gerade komme?« lachte die Jungfrau -- »Sie verlangen also in der That meine Legitimation? Ist das auch etwas ungalant, will ich es doch den außerordentlichen Umständen zu Gute halten. Schwächlich von Gesundheit, und von den Sümpfen Louisianas mit wirklicher Gefahr für mein Leben bedroht, schien es, als ob mir der rauhe Nord dafür keine Linderung bieten sollte, denn dort hinauf zurückgekehrt, verschlimmerte sich mein Uebel eher, als daß es sich gehoben hätte. Die Aerzte dort verordneten mir daher eine Luftveränderung nach irgend einem milderen aber auch gesunden tropischen Klima, und mein Vater, damals gerade im Begriff ein Schiff zum Wallfischfang auszurüsten, sandte mich mit einem Jugendfreund von sich voraus nach Tahiti, mich hier dann später zu besuchen und vielleicht wieder abzuholen.«

»Und war der Delaware hier?«

»Nicht wahr _das_ interessirt Sie?« lachte Susanne.

»Der Delaware interessirt mich allerdings,« lächelte René, »und Sie werden mir den Grund nicht streitig machen.«

»Nicht ich, Monsieur -- Sie haben volle Ursache, aber ich gebe Ihnen auch mein Wort, daß sich der Delaware damals für _Sie_ interessirte,« fuhr Susanne fort, »denn mein Vater landete gerade auf Tahiti, als Sie von ihm entsprungen waren, und eilte deshalb wieder besonders von hier fort den »entsprungenen Matrosen«, wie er mir erzählte, auf jener Insel wieder »abzuholen«. Wer mir damals gesagt hätte daß _ich_ so glücklich sein sollte ihn wieder einzufangen.«

»Warum waren Sie nicht früher an Bord,« sagte René, »ich wäre nie davongelaufen.«

»Trau' Jemand Euch Männern,« rief Susanne abwehrend -- »kaum auf festem Land, und mit keiner Sylbe mehr all jener heiligen Bande gedenkend die den Flüchtigen jedenfalls noch im alten Vaterland fesselten, hat er nichts Eiligeres zu thun als dem Beispiel seiner Landsleute zu folgen, und sich ein armes Mädchen zu beschwatzen, das ihm die Dauer seines Aufenthaltes hier die Zeit vertreibt.«

»Sie thun mir Unrecht, Mademoiselle.«

»Oh? -- Ihnen sind die gemachten Contrakte wohl stets heilig?«

René biß sich auf die Lippen und sagte nach kleiner Pause:

»Also tadeln sie mich, daß ich mich dem Leben an Bord eines Wallfischfängers, dem ich nicht anders hätte für Jahre vielleicht entgehen können, durch die Flucht entzogen habe.«

»Nein,« sagte Susanne lachend, und das große schwarze seelenvolle Auge zu ihm aufhebend begegnete sie einen Moment seinem Blick, und glitt dann wie musternd und mit kaum unterdrücktem Muthwillen an seinem Anzug nieder -- »ich begreife nur nicht,« fuhr sie dabei fort, »wie Sie je den unglückseligen Gedanken gefaßt haben konnten _an Bord_ zu gehen. Hahaha, wenn ich Sie jetzt so vor mir sehe, und Sie dann mir als gewöhnlicher Matrose, in all dem Schmutz und entsetzlichen Leben eines »~Whalers~« unter dem wüsten rohen Volk denke -- die Glacéhandschuh trugen Sie damals noch nicht, wie? -- und auch wohl nicht den Frack? -- Und wenn Sie nun damals wieder eingefangen wären? aber die Einzelheiten müssen Sie mir nächstens einmal erzählen, versprechen Sie mir das?«

»Mit Vergnügen.«

»Und _aufrichtig_?«

»Wie meinem Beichtvater.«

»Hm, ich weiß nicht ob ich mich _damit_ gerade begnügen möchte -- doch wir werden ja sehen. Und Ihre -- _Frau_?«

»Steht dort drüben mit jenem Französischen Officier -- darf ich Sie zu ihr führen?«

»Ich danke,« sagte die junge Dame mit etwas kalter Höflichkeit -- »ich komme aus Louisiana -- und Sie dürfen mir nicht verargen, daß ich gerade kein günstiges Vorurtheil habe für -- braune Haut.«

René sah erstaunt, ja beleidigt zu ihr auf, und Susanne begegnete fest dem Blick, der in seiner innersten Seele zu wurzeln schien, dort die geheimsten Gedanken errathen zu wollen.

Es war ein wunderschönes Mädchen wie sie da vor ihm stand; die volle üppige Gestalt doch so zart und schlank in dem elastischen Reiz der Jugend; das edle Antlitz mit jenem weichen Zauber blühender Frische übergossen, der unsere Sinne auf den ersten Blick gefangen nimmt; die Augen voll Gluth und Feuer, und doch wieder eines so sanften Ausdrucks fähig daß sie den ernsten Schatten Lügen straften, wenn er streng und zürnend daraus hervorblitzen wollte, aber einen Himmel öffnend wenn ihr Glanz in milder Ruhe strahlte.

René schaute in diese Sterne voll Gluth und Leben, bis er fast vergaß weshalb er zu ihr aufgeblickt, und wie bittere Worte die süßen vollen Lippen erst gesprochen; denn wie ein leises Lächeln über die ernsten Züge glitt, war es wie spielendes Sonnenlicht auf der murmelnden Quelle im Waldesdunkel, mit tausend blitzenden funkelnden Lichtern tief hinableuchtend bis auf den reinen Grund.

»Sie sind beleidigt,« sagte sie endlich leise -- »Sie hätten lieber gehabt, daß ich eine Unwahrheit gesagt, der Gegenwart zu schmeicheln.«

»Sie bringen ein Vorurtheil mit aus einer fernen Welt,« erwiederte René, »und doch verzeih' ich Ihnen gern; Sie kennen Sadie noch nicht.«

»_Sadie_ -- ein schöner, klangvoller Name -- ich wollte ich hieße Sadie,« sagte Susanne -- »wir in Nord-Amerika wählen unsere Namen fast nur aus der Bibel.«

»Ah, schon wieder einen alten Bekannten getroffen?« unterbrach in diesem Augenblick die Stimme des Capitains der ~Jeanne d'Arc~, das Gespräch, und zwar gerade zu einer Zeit wo Susanna, mit feiner Hand eben wieder eingelenkt hatte in ein milderes Gleis. »Sie haben Glück, Monsieur Delavigne -- aber für jetzt möchte ich die Dame wenigstens um den mir versprochenen Tanz bitten.«

Miß Lewis nahm, mit einer leisen dankenden Neigung des Kopfes seinen Arm, und René freundlich zunickend sagte sie:

»Ich muß sie nachher noch einmal sprechen -- werden Sie kommen?«

René verbeugte sich, aber Sadiens Bild stand in diesem Augenblick vor seiner Seele, und er erwiederte das Lächeln nicht.

Als er zurückschritt, sein Weib aufzusuchen, war Sadie eben mit Bertrand, der mit der Hand nach ihm hinübergrüßte, zum Tanze angetreten, und an dem nächsten Fenster bleibend, lehnte er dort mit untergeschlagenen Armen, dem Tanze, an dem er dießmal keinen Theil nehmen wollte, zuzuschauen. Im Anfang schwammen ihm aber die Gruppen vor den Augen, ohne daß er im Stande gewesen wäre ein einziges Bild aufzufassen und zu halten. Vor seiner inneren Seele zog wieder und wieder die schöne Fremde -- zogen die kalten Worte, die sie gesprochen, vorüber, und ein eigenes Weh, ein Gefühl dem er nicht Worte, nicht Ausdruck zu geben vermochte, zuckte ihm durch das Herz. Weshalb hatte sie ihn aufgesucht, weshalb sich ihm so freundlich zugewandt; um ihn nur wieder zurückzustoßen? -- war das Ganze eine gewöhnliche Koketterie gewesen, ihn nur die _Macht_ fühlen zu lassen, die sie über Männerherzen auszuüben gewohnt sei, und ihm dann lachend die Kluft zu zeigen die zwischen ihnen liege? »Bah -- « um seine Lippen zuckte ein verächtliches Lächeln, als ihm der Gedanke aufstieg daß sie sich _ihn_ zum Spiel ihrer Laune ersehen haben könnte -- und was sonst war ihr Zweck? »Thörichtes Mädchen«, murmelte er leise vor sich hin, »Deine Schönheit vermag wohl das Auge zu blenden für kurze Zeit, aber den Mangel an Herz kann sie nicht ersetzen; geh und suche Dir ein anderes Spiel, bei mir hast Du Deine Zeit verloren.«

Und wieder wechselten die Bilder in Zauberschnelle vor seinem inneren Auge -- die liebliche Gestalt in dem prächtigen Ballstaat -- die vorüberschwirrenden Paare, deren einzelne Umrisse er schon nicht mehr sah; dazu die Musik, alte bekannte, lange lange nicht mehr gehörte Töne aus der Heimath -- Weisen nach denen er selbst in schönerer Zeit -- heiliger Gott _die_ Erinnerung -- -- Er barg die Augen mit der linken Hand, aber nur wilder und unermüdlicher stürmten die Gedanken auf ihn ein, und nicht mehr entgehen konnte er den unabweisbaren.

Mehre Minuten mußte er so gestanden haben, als eine leichte Hand seinen Arm berührte, und fast erschreckt blickte er empor.

»Bist Du krank?« sagte eine leise, liebe Stimme, und Sadies treue seelenvolle Augen schauten bang und sorgend zu ihm empor; aber er bedurfte Secunden sich zu sammeln, sich zurückzurufen aus den Scenen in denen er jetzt -- zum ersten Mal wieder nach langen Jahren -- geweilt, und die er bis dahin mit fester Willenskraft zurückgeschleudert hatte wohin sie gehörten -- in die Vergangenheit. Heute zum ersten Mal wieder, geweckt durch den Jugendgespielen vielleicht -- vielleicht durch jenes schöne, kalte Bild, das ihn anzog und abstieß zugleich in wunderbarer Kraft, waren sie in altem Grimm und Schmerz erwacht, und es bedurfte wahrlich eines anderen, kaum minder starken Zaubers ihre Gewalt zu brechen, oder doch zu mildern.

Sadie -- wie ein Sonnenstrahl der Wolken Nacht durchbricht, und Licht und Leben über die noch vor wenig Augenblicken nur mit Nebelschatten gedeckten Fluren wirft, so tauchte plötzlich das holde Bild in all seiner Milde und Lieblichkeit vor ihm auf, und Harfentönen gleich, die mit den weichen vollen quellenden Tönen nicht mehr allein durch das Ohr, nein durch alle Poren unseres Körpers in die Seele dringen und die Nerven nachklingen machen ihre Harmonie, in dem Vibriren ihrer feinsten Fasern, so sah er nicht allein das holde Kind in all seiner Lieblichkeit vor sich stehen, nein so fühlte er auch das Wohlthuende ihrer Nähe, das den bösen Geist zurückdrängte der ihn beschlich, und leise ihre Hand ergreifend, die in der seinen zitterte flüsterte er das Zauberwort, das sich ihm selber retten sollte -- »Sadie!«

»Du bist krank, René,« sagte aber die junge Frau, ihn zum Fenster drehend -- »Du siehst bleich und angegriffen aus -- laß uns zu Hause gehen« -- setzte sie dann rasch und leiser hinzu -- »Dir wird wohler dort, viel wohler, und -- mir auch.«

»Mir fehlt Nichts, Du holdes Kind,« erwiederte René lächelnd -- ein eigenes Gefühl trieb ihn seine jetzige Bewegung wie deren Ursache vor dem Weibe zu verbergen, aber es lag etwas Gezwungenes in den Worten, und das Auge der Liebe täuschte es nicht. René fühlte das auch wohl, und jeden weiteren Verdacht zu beschwichtigen, vielleicht weiteren Fragen zu entgehen, die er fürchtete, setzte er mit lauter fröhlicher Stimme hinzu: »nein Kind, mir ist sogar heut' Abend recht froh und leicht zu Sinn, und ich will noch recht viel tanzen. Verschmähte Freude kehrt nimmermehr zurück und es wär' Sünde sie von der Thür zu weisen.«

»Ich weiß nicht von wem Sie sprechen,« sagte in diesem Augenblick eine lachende Stimme an seiner Seite, und die muntere Madame Belard trat zu ihnen hinan -- »aber nicht mehr wie schuldige Artigkeit wär' es, sollt ich denken, die Wirthin, wenigstens zu einem einzigen Tanz zu engagiren, daß sie nicht den _ganzen_ Abend auch nur zusehen muß, wie sich ihre Gäste amüsiren.«

René hätte in diesem Augenblick keine erwünschtere Entschuldigung finden können, einer ihm jedenfalls peinlichen Besorgniß, ja mehr noch, weiteren Fragen auszuweichen, und Sadie freundlich zunickend, bot er der Frau Belard den Arm. Diese aber, die ihm noch scherzend den Text las über seine für sie keineswegs schmeichelhafte Unhöflichkeit, bat er jetzt mit all jenem liebenswürdigen Leichtsinn, der ihm so gut stand vielleicht weil er ihm so ganz natürlich war, um Verzeihung, des begangenen Fehlers wegen, den er schon wieder gut machen wolle, wenn sie nur eben freundlich genug sein würde ihm Gelegenheit dazu zu gönnen.

»Hallo Sadie,« sagte in diesem Augenblick Aumama, die an ihre Seite trat, »Du machst ja ein merkwürdig ernstes Gesicht -- bist Du schon müde?«

Sadie schüttelte lächelnd mit dem Kopf.

»So leicht nicht, Aumama,« sagte sie leise, ihren Arm um der Freundin Schulter legend, »und mir gefällt das Tanzen wundergut, wenn ich nur wüßte« setzte sie wieder ernster werdend und leiser hinzu -- »ob wir auch recht thun mit solcher Lust, und vielleicht nicht gar eine Sünde begehen, von der wir uns selber vorlügen, daß das Ganze ja doch nur eine unschuldige Freude sei.«

»Und was ist's sonst?« lachte Aumama, »nimm mir den Tanz, und ich geb' Dir mein Leben in den Kauf. -- Nur die Gesellschaft -- und die Art hier _wie_ sie's treiben gefällt mir nicht. -- Das Umfassen hemmt die freie fröhliche Bewegung der Glieder, das Drehen treibt mich schwindlich, daß sich die Stube mit mir im Kreise wirbelt. Auch die Wände, der Boden hier machen mich irr und unbehaglich; mir wird als ob ich draußen im Canoe in offener See triebe und die Wellen mich auf und nieder würfen. Nein, gieb mir den freien offenen Plan, die blühenden Zweige und blinkenden Sterne über uns, die lustige Trommel zum Einschlag in Tritt und Sprung, und ich bin Dein mit Leib und Seele, wie Du mich willst. Hei wie die Tapa im Winde flattert und die Locke Dir um die Schläfe jagt, wie das Blut da durch die Adern schießt, und zu flüssigem Feuer wird, eh' es zum Herzen zurückkehrt. Bah, hier der Tanz ist kalt -- kalt wie das Land aus dem er kommt, und es kann mir das Herz nicht erwärmen, ob sie auch blasen und Specktakel machen mit ihren wunderlichen Instrumenten, aus Leibeskräften. Nicht einmal eine Trommel haben sie dabei, und das nennen sie Musik.«

»Du bist ein wunderliches Mädchen,« lächelte Sadie -- »fremde Völker haben doch auch fremde Sitten.«

»Eben deshalb sollen sie uns die unseren lassen,« trotzte Aumama -- »aber, was ich Dich fragen wollte,« setzte sie ernster hinzu -- »wer ist das weiße Mädchen das mit René so lange tanzte, und so viel mit ihm zu sprechen hatte?«

»Ich weiß es nicht,« sagte Sadie -- »eine Fremde, glaub' ich, die von Papara oder dessen Nachbarschaft kommt, und wohl hier wohnen bleiben wird; -- warum?«

»Mir gefiele das nicht, wär' ich wie Du,« sagte die Freundin mit dem Kopfe schüttelnd -- »sie hat ein glattes listiges Gesicht und ihr Blick -- ich konnte ihre Sprache nicht verstehen, aber das ist oft nicht nöthig wenn die Augen so deutlich reden wie die Lippen.«

»Und was haben die Dir gesagt?« frug Sadie.