Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 9

Chapter 93,695 wordsPublic domain

Jim O'Flannagan befand sich in der unangenehmsten Lage von der Welt: mit auf dem Rücken gebundenen Händen zwischen zwei Marine-Soldaten mit gezogenen Säbeln und eines Verbrechens überführt, das ihm die Raanocke vollkommen sicher in Aussicht stellte. Er schien auch seine Situation vollkommen zu begreifen, denn er sah todtenbleich aus und die Augen lagen ihm tief und düster in den Höhlen; aber um den Mund zuckte doch noch immer der alte Trotz, und die Stirn gerunzelt, blickte er finster und mistrauisch auf den neuen Ankömmling, gleich aus seinem ersten Erscheinen zu errathen ob er ihm nützen oder schaden könne.

»Hier der Bursche« fuhr der Gouverneur dann fort, als er dem jungen Mann herzlich die Hand gedrückt, »thut Alles in seinen Kräften stehende, das muß man ihm lassen, sein allerdings den Gesetzen verfallenes verbrechenreiches Leben zu retten. In ihm ganz würdiger Weise hat er uns auch schon gestern seinen eigenen Kameraden wieder in die Hände geliefert.«

»Den entsprungenen Matrosen?« rief René rasch und erstaunt.

»Ja, er war mehr als das,« lachte der Gouverneur, »er war auch der Helfershelfer des Gesellen da in früherer Zeit, und Theilnehmer selbst des Mordes wegen dem wir diesen eigentlich zum Tod verurtheilt haben, wobei noch der stärkste Verdacht vorliegt, daß er eine alte Frau erschlagen hat, die man an jenem Abend mit dem Zeichen gewaltsamen Mordes an sich und sogar gebunden in ihrer Hütte gefunden. Sie hätten übrigens dabei sein sollen wie wir den Burschen fingen; es war wie mit einem Lockvogel. Doch das konnte noch nicht genügend sein dieses werthlose Leben wirklich zu guarantiren, und er will jetzt mehr thun, er verspricht uns die Anführer der Indianer -- jene Häuptlinge die in diesem Augenblick den meisten Einfluß auf die Eingeborenen ausüben, zu überantworten, und _das_ wäre allerdings seinen Hals werth, denn es würde Ströme Blutes ersparen und manchem braven Mann das Leben retten, sowohl von unserer wie feindlicher Seite. Nun möchte ich von Ihnen wissen, Delavigne, ob sein Plan, den er mir vorher mitgetheilt, einen Schein von Wahrscheinlichkeit hat, oder ob es nur eben eine bloße Finte ist ein paar Tage länger athmen zu können, was ich allerdings vermuthe.«

»Und wie glaubt er das möglich zu machen?« frug René.

»Die Ausführung beruht auf einer, morgen früh stattfindenden Zusammenkunft, von der er unterrichtet sein will, und soll in den Eigenthümlichkeiten des Termins begründet sein. Sind Sie mit den Bergen hier, oberhalb der Stadt, genau bekannt?«

»So ziemlich, aber doch wohl nicht hinreichend; aber ein anderer hier ansässiger und jetzt wieder in Französischen Diensten stehender Landsmann, Lefévre, der lange Jahre auf Tahiti lebt, kennt dagegen, wie ich glaube, jeden Baum um Papetee und in den nächsten Bergen. Vielleicht wäre es zeitsparend ihn ebenfalls rufen zu lassen, seine Meinung mit zu hören.«

Der Gouverneur klingelte, und die Ordonnanz wurde beschieden Herrn Lefévre zu ersuchen augenblicklich sich hier einzufinden. René stattete indessen mit leiser Stimme dem Gouverneur Bericht ab, über seine Abenteuer sowohl, als den Erfolg den ein Friedensvorschlag auf die Häuptlinge gehabt, und wie er in der That selber glaube, daß alle freundlichen Vorstellungen bei den Eingeborenen auf vollkommen unfruchtbaren Boden fallen würden. Danach erschien es also ebenfalls nur noch wünschenswerther die einflußreichsten Häuptlinge, da sie keinem gütlichen Vergleich lauschen _wollten_, womöglich gefangen zu nehmen, und ihnen den Frieden dann selber diktiren zu können.

Lefévre kam endlich, und als er das Zimmer betrat flog sein Blick rasch und wie scheu von Einem der Männer zum Andern, als ob er im Voraus zu errathen wünsche was man von ihm wolle. Die freundliche Anrede des Gouverneurs setzte ihn aber darüber bald außer Zweifel und nach den nöthigsten Vorbemerkungen begann der Examen des Gefangenen.

»Woher weißt Du, Gesell, überhaupt, daß die _Häuptlinge_ an dem Tag und zu der Stunde eine Zusammenkunft halten wollen, was hattest _Du_ mit _ihnen_ zu thun?« frug der Gouverneur.

»Ein weißer Mann, der mit einem Gewehr umzugehen versteht, ist ihnen in jetziger Zeit soviel als ein Häuptling« erwiederte mürrisch der Ire, dem die vielen Zeugen nicht gerade angenehm zu sein schienen, »ich bin zu allen ihren Berathungen gezogen.«

»Hm, das klingt wahrscheinlich -- aber weshalb wurde diese _Berathung_ auf so viele Tage hinausgeschoben -- weshalb findet sie gerade morgen statt?«

»Am Freitag faßte man den Beschluß« erwiederte Jim, »am Sonnabend, als an dem Sabbath, konnten und durften, ihren jetzigen Gesetzen nach, keine Boten abgeschickt werden. Heute sind die erst nach dem Süden der Insel hinübergegangen und vor heut Abend, ja vor heut Nacht, _können_ die aufgeforderten Häuptlinge den Platz der Zusammenkunft nicht erreicht haben.«

»Und weshalb findet die Berathung nicht in dem Lager selber statt?«

»Sie wollen dem Einfluß der Missionaire entgehn« erwiederte der Ire -- »ich selber habe den Antrag gestellt, weil ich die Schwarzröcke hasse und sie den Eingeborenen, wo sie nur ihre Nase in deren innere Angelegenheiten stecken, noch nichts wie Unheil gebracht. Utami, Teraitane und manche Andere, gehen ihnen ebenfalls aus dem Weg wo sie können, und Aonui wie Potowai sind nur ihre Posaunen.«

»Und wo ist der Sammelplatz?«

»Hier im oberen Thal, etwa eine englische Meile von Papetee dicht unter dem Felsenhang auf dem oben die drei Cocospalmen stehen.«

»Kennen Sie den Platz?« wandte sich der Gouverneur jetzt zu den beiden jungen Leuten, und Beide bestätigten es.

»Aber in welcher Schlucht?« frug Lefévre jetzt -- »es kommen da drei von oben herunter.«

»In der mittleren« lautete die Antwort.

»Das ist die einzige die einen Ausgang hat, die andern beiden sind von steilen Hängen abgeschlossen; und wo da?«

»Kennt Ihr den Platz wo die einzelne, jetzt von Utami bewohnte Hütte steht?« frug der Ire den Franzosen.

»Allerdings; der Ort wäre nicht übel gewählt -- und wie viel Häuptlinge sollen dort zusammen kommen?«

»Utami, Teraitane und Aonui von hier und Fanue und noch ein Anderer, dessen Namen ich vergessen habe, von Tairabu der Eine, und vom südlichen Theil der Insel der Andere, auch wurde davon gesprochen daß von dorther ein Abgesandter von Huaheine und Bola Bola erwartet werde, und man vermuthete daß sie zusammen eintreffen würden.«

»Ha, das wäre nicht übel« rief der Gouverneur, »aber auf welche Art wären sie da zu fangen?«

»An dem Platz leichter als irgend wo anders« bestätigte jedoch Lefévre die Angabe des Gefangenen -- »auf dem Rückweg ließe sich leicht ein Vorposten hinschieben dem die Umstellten weder rechts noch links auszuweichen vermöchten, wenn sie eben nicht fliegen können, und der Eingang des schmalen Thales ist mit zwölf Mann vollständig zu schließen. Wenn sich das Alles so verhält, wie es der Bursche angiebt und das Ganze rasch und richtig angelegt und ausgeführt würde, ließe sich ein günstiger Erfolg da schon hoffen. Keinenfalls hätte man viel zu riskiren, da man sich rasch wieder auf die Stadt zurückziehen könnte und es nicht anzunehmen ist daß die Eingeborenen, nach der heutigen Niederlage, morgen schon sich so nahe heranwagen sollten. Im Gegentheil hab' ich noch kurz vorher ehe ich hierher kam, von einem der uns ergebenen Indianer gehört, daß die feindlichen Krieger eine weiter zurückgelegene feste Stellung im Hautauethal einnehmen würden, sich dort sicher verschanzt zu halten und die von England versprochene Hülfe zu erwarten.«

»Das Sicherste wird dann jedenfalls sein« entgegnete der Gouverneur, »ein starkes Detachement im Rücken aufzustellen, und dadurch selbst jeder möglichen Ueberraschung zuvorzukommen. Fragen Sie einmal den Burschen was er dazu sagt?«

Jim schüttelte aber dazu mit dem Kopf.

»Dann wirds Nichts« brummte er finster -- »sobald hier nur zwanzig Soldaten auf einmal aus der Stadt marschiren, wissen sie's auch oben schon in den Bergen und rüsten sich auf einen Angriff; kleine Patrouillen sind aber bis jetzt täglich ausgezogen und selten belästigt worden, weil eben die Eingeborenen keinen Angriffskrieg führen wollen. Diese auch allein dürfen hoffen einen wirklichen Ueberfall auszuführen, eine größere Abtheilung Militair nie.«

»Und wer bürgt uns für die Sicherheit solcher schwachen Patrouillen?« frug der Gouverneur.

»Bin ich nicht selber in Euerer Gewalt und geh ich nicht mit?« sagte Jim.

»Schlechte Guarantie das« meinte René kopfschüttelnd, »der Bursche hat nicht einmal mehr ein Leben zu riskiren und aufrichtig gesagt, möchte ich nicht einem einzigen Menschen an seine Versicherungen wagen; das Ganze scheint mir wenigstens, ein abenteuerliches Märchen, seinen Hals noch eine Zeitlang aus der Schlinge zu halten, oder gar in den Bergen in Sicherheit zu bringen; ich würde ungemein vorsichtig zu Werke gehen.«

Die Franzosen unterhielten sich untereinander natürlich in ihrer eigenen Sprache, und der Gefangene schaute dabei mistrauisch von Einem zum Anderen, in dem Ausdruck ihrer Züge vielleicht die unverstandenen Worte zu lesen.

Lefévre übrigens war _für_ den Plan; mit jenem Theil des Berges genau bekannt, schien ihm ein solcher Ueberfall ziemlich leicht auszuführen, dann aber lag ihm vor allen Dingen daran als wirklicher Officier in die Armee eintreten zu dürfen, was ihm bis jetzt immer noch aus verschiedenen Ursachen verweigert worden, ihm aber dann, wenn er sich bei einer solchen Expedition auszeichnete, kaum entgehen konnte. Außerdem war, Jim's Aussage nach, der alte Häuptling Fanue ebenfalls gegenwärtig, den er noch von Tairabu her aus ganzem Herzen haßte. Hier bot sich ihm also nicht allein die Möglichkeit einer vortheilhafteren Stellung, nein auch zugleich die Aussicht sich an einem Feind zu rächen, und er war fest entschlossen die Gelegenheit nicht ungenützt entschlüpfen zu lassen.

Jim sollte übrigens heute Abend nichts Bestimmteres weiter über Annahme oder Nichtannahme seines Planes erfahren; auf einen Wink des Gouverneurs wurde er, als er all die nöthig scheinende Auskunft gegeben, wieder abgeführt, und Lefévre erklärte sich jetzt bereit die Führung einer Patrouille zu übernehmen, die, wie der Gefangene allerdings recht habe, nur schwach sein dürfe, wenn sie nicht die Aufmerksamkeit der wachsamen Eingeborenen erregen wolle, aber keineswegs möchte er sich auch ganz allein mit wenigen Mann in den Wald hinein wagen, wo es doch immer ungewiß wäre ob sie nicht auf eine stärkere Abtheilung der Feinde stoßen könnten. Deshalb sollten mehre kleine Trupps nach einander und nach verschiedenen Richtungen hin, wie eben zum Recognosciren, die Stadt verlassen, und sich nach jenem Thal hinüber ziehn. Die zuerst gefeuerten Schüsse mochten sie dann herbeirufen, denn nachdem geschossen war, blieb es doch unmöglich ihren Plan länger geheim zu halten und dann brauchten sie Hülfe, sich wieder zur Stadt zurück durchschlagen zu können.

Als er den Gouverneur damit einverstanden fand, beurlaubte er sich, die noch nöthigen Vorbereitungen zu treffen, wie sich auch seine, ihm passensten Leute selber zur Begleitung auszusuchen, und nur noch beschlossen wurde daß Jim, natürlich gut verwahrt und bewacht, den Trupp führen solle, dem nicht unmittelbar der Angriff galt, und der nur hinten die etwaige Flucht der Häuptlinge abzuschneiden hatte.

»Und wollen Sie den Zug begleiten, Delavigne?« frug der Gouverneur, als Lefévre das Zimmer verlassen und er ebenfalls im Begriff war sich zu empfehlen.

Der junge Mann schüttelte mit dem Kopf.

»Ich will auf den Inseln leben« sagte er, und es war fast, als ob er sich Gewalt anthun müsse für diese Antwort -- »und -- möchte Alles vermeiden in zu feindselige Berührung mit den Bewohnern zu kommen -- wenn auch nicht meinet, doch meiner Frau wegen.«

»Aber Lefévre lebt auch hier« lachte der Gouverneur, »und genirt sich nicht, wie Sie sehn -- er nahm die Sache mit einem ordentlichen Feuereifer auf, und ich bin fest überzeugt, er wird sein Möglichstes thun seinen Zweck zu erreichen.«

»Wir Menschen haben verschiedene Charaktere« erwiederte René ausweichend -- »Lefévre denkt darin wahrscheinlich, wie in manchem Anderen auch anders wie ich. Außerdem verspreche ich mir nicht den geringsten Erfolg von dieser Mission -- ich fürchte die Insulaner sitzen uns näher als wir glauben.«

»Bah« lachte der Gouverneur, »die Burschen wagen sich nicht wieder in den Bereich unserer Kanonen, und werden sich jedenfalls mit Plänkeleien begnügen, bis sie's satt bekommen, oder wir im Stande sind ihnen die Rädelsführer wegzufangen; der Indianer selber ist viel zu indolent einen Krieg aus Grundsatz zu führen. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er plötzlich kurz ab, »ich möchte Ihnen nicht zureden, wünsche es aber Ihrer selbst wegen, daß Sie noch von dem unglückseligen Gedanken zurückkommen, auf einer wüsten Insel Ihr Leben zu beschließen.«

»Wüsten Insel« sagte René, lächelnd den Kopf schüttelnd.

»Wüst für _uns_, und wenn es ein Paradies an Scenerie wäre -- wo wohnen Sie jetzt, Delavigne?«

»Nirgend« lachte der junge Mann, »mein Haus draußen haben sie mir abgebrannt, so hab' ich mich derweil bei Vater Conet einquartirt, der mir ein Zimmer freundlich zur Verfügung stellte.«

»Ah, dort sind Sie gut aufgehoben, sonst hätt' ich selber Rath für Sie geschafft; unser Krieg hat Sie geschädigt und es wird an uns sein, Ihnen das später wieder zu vergüten. So, jetzt guten Abend, und ich hoffe Sie morgen wieder zu sehn.«

Capitel 5.

Lefévre und Aumama.

Mit Tagesanbruch am nächsten Morgen durchzogen mehrere Patrouillen langsamen abgemessenen Schrittes die Stadt; die den Franzosen freundlich gesinnten, oder dort auch nur geduldeten Eingeborenen waren aber viel zu sehr daran gewöhnt, darin Außerordentliches vermuthen zu können. Die verschiedenen Posten wurden gewöhnlich durch solche Patrouillen abgelöst oder auch nur revidirt, und außerdem sandte der Gouverneur sogar nicht selten kleine Trupps über die Verschanzungen hinaus, zu untersuchen ob sich nicht feindliche Schwärme der Stadt näherten, kleine Ueberfälle zu versuchen, in denen sie es dann selten gegen die Feranis selber, sondern fast nur gegen die ihrer Landsleute abgesehn hatten, die es mit den Feinden des Vaterlandes hielten. Wehe denen, wenn sie in ihre Hände fielen, und der Feuerbrand wurde in manche solche Hütte geschleudert, trotz den rings aufgestellten Posten und Pikets der sie schützenden Soldaten.

Eine dieser Patrouillen war noch vor Tag, wo kein Eingeborener sich durfte in den Straßen der Stadt sehen lassen, an den oberen Theil der Stadt marschirt, hatte den kleinen dort aus den Bergen kommenden Bach oder Fluß, über den die Brücke abgebrochen war, gekreuzt, und auf dem ziemlich breiten Weg eine Strecke fortmarschirend sich rechts in das Dickicht geschlagen, wo sie Halt machte, den Tag abzuwarten. In ihrer Mitte aber führte sie den Iren, Jim O'Flannagan, mit auf den Rücken gebundenen Händen, während Lefévre den Trupp anführte, der, außer drei von ihm selber ausgesuchten Leuten, noch aus dem Bootsmann und zwei Matrosen des Jeanne d'Arc bestand, welchen letzteren besonders die Bewachung des Gefangenen anvertraut worden. Ein anderer, ihm beigegebener Officier, Adolphe, sollte die zweite Patrouille erwarten, ihre Führung zu übernehmen.

Jim ging mürrisch zwischen ihnen, und schien mit der Rolle die er dabei zu spielen hatte nicht recht einverstanden zu sein, nichtsdestoweniger war ihm sein Leben gesichert worden, wenn er die Häupter der Rebellen, todt oder lebendig in die Hände der Franzosen lieferte.

Erst nach Tagesanbruch folgte die zweite Patrouille der ersten; Marinesoldaten, wie sie zum gewöhnlichen Dienst gebraucht wurden, und um jeden Verdacht zu vermeiden von einem jungen Fähndrich angeführt. Auf einer besprochenen Stelle vereinigten sich die beiden und wurden jetzt so vertheilt, daß Adolphe den Iren und seine Wache bekam, der ihn hinter die Schlucht und dorthin führen sollte, wo sie den umstellten Häuptlingen den Weg in die Berge abschneiden konnten, und dafür die Hälfte der zweiten Patrouille, sechzehn Mann mit dem Fähndrich, zu Lefévres Unterstützung zurückließ.

Dieser mußte übrigens Adolphe mit seinen Leuten größeren Vorsprung lassen, da sie einen weit längeren Weg zurückzulegen hatten, und Jim verlangte jetzt von seinen Wächtern sie sollten ihn losbinden, oder ihm doch wenigstens die Hände so weit frei machen, daß er seine Arme zum Schutz gegen die überall vorstehenden Zweige gebrauchen könne. Adolphe wollte ihm darin auch gern willfahren, der Bootsmann traute aber dem Burschen nicht recht, und erst nach einigem Hin- und Herreden, und besonders dadurch bestimmt, daß Jim behauptete sie würden den bezeichneten Platz zu spät erreichen und Alles damit versäumen, wenn er selber nicht ein klein wenig rascher aus der Stelle rücken könne, wurden ihm die Hände gelöst; um den oberen Theil seiner Arme aber blieb das Tau befestigt, und der Seemann selber hielt das wie eine Art Zügel in seiner linken Hand.

So rückten sie zwar langsam, aber vollkommen geräuschlos durch einen Theil des Dickichts, der von den Eingeborenen, die hier in der Nähe der Stadt ihre Hütten fast sämmtlich verlassen hatten, nur höchst selten betreten wurde, und sie also auch nicht so leicht Entdeckung zu fürchten brauchten. Jim schien übrigens hier mit dem Wald vollkommen vertraut, denn er bog bald hier bald da, rechts oder links ab, kleine offene Lichtungen oder freiere Pfade zu erreichen, denen sie einmal eine Strecke folgen konnten, und warnte sie immer auf das sorgsamste, wenn sie in die Nähe irgend einer Ansiedlung kamen, die oft wie eine Oase in der Sandwüste, so hier in dem dichtverschlungenen Guiavendickicht lag. Da endlich weit genug vorgerückt, schlugen sie jetzt wieder eine mehr Südwestliche Richtung ein, den Hang des Berges zu, der hier in fast abgerundeter Spitze nach dem Meer hin abdachte, und betraten jetzt zum ersten Mal einen ziemlich begangenen und auch offenen Weg, dem sie nun so weit rascher folgen konnten.

»Wo führt der Pfad hin, Kamerad?« frug der Bootsmann da leise, als sie ihn eine Zeitlang schweigend und bergauf verfolgt hatten.

»Pst« war aber die einzige etwas mürrische Antwort die er erhielt, und da der Ausdruck in des Gefangenen Zügen ebenfalls die höchste Aufmerksamkeit und Spannung verrieth, als ob er mit jedem Schritt irgend etwas Außerordentliches zu finden oder hören erwarte, begnügte sich der Seemann auch für jetzt damit, und spannte seine Sinne nur selber schärfer an, einer irgendwoher drohenden Gefahr auch rascher begegnen zu können.

Der Weg war indessen so steil geworden, daß der Bootsmann, auf den ungeduldigen Blick des Gefangenen hin, das Tau verlängern mußte das er in der Hand hielt, um diesen im Fortschreiten nicht zu sehr aufzuhalten. Wenn Jim übrigens dadurch geglaubt einen Vortheil zu erreichen, hatte er sich geirrt, denn der Seemann trug es fest und doppelt um die Hand geschlungen, wie man einen Spürhund etwa an langer Leine auf der Schweißfährte hinziehen läßt, willens ihm jeden Raum eben zu lassen das Wild zu verfolgen -- aber nicht mehr. Die Uebrigen folgten in langer, und manchmal eben nicht ganz geräuschloser Linie, Adolphe dicht hinter dem Bootsmann und die beiden Matrosen dicht hinter ihm, von den Soldaten gefolgt. Die Seeleute zeigten sich auch ziemlich behend, besonders im Vermeiden des so häufigen trockenen Gestrüpps und übergeworfener Aeste, das nach allen Richtungen hin ihren Pfad kreuzte, die Soldaten dagegen waren viel unbeholfener, traten auf und knackten manchen dürren Ast, und machten den Führer oft mit finsterem warnenden Blick auf sie zurückschauen. In der That benutzte Jim auch solche Gelegenheit nur zu gern, sich von dem Stand und Verhalten seiner Begleiter zu überzeugen.

Der Bootsmann, als das beste und einfachste Mittel ihm anzuzeigen daß er mit ihm zu reden wünsche, zupfte den Iren jetzt, durch ein leises Zucken der Hand, am Tau, und dieser drehte rasch den Kopf zurück.

»Halt!« kommandirte flüsternd der Seemann.

»Was giebts« frug jener eben so zurück.

»Hier mein Officier wünscht zu wissen wie weit wir noch etwa haben, damit er seine Leute danach rüsten kann.«

»Er soll ihnen sagen daß sie nicht einen solchen Heidenlärm machen« brummte dieser -- »das ist alle Rüstung die sie jetzt brauchen; sonst noch was?«

»Und wie weit haben wir noch?«

»Weit genug den Platz nie zu erreichen, wenn wir jetzt gerade gehört würden, und nahe genug in kaum zehn Minuten vielleicht schon in Sicht des Feindes, oder doch in Rufes Nähe zu sein.«

Der Matrose nickte zufrieden und Jim setzte seinen Weg wieder fort, war aber noch nicht zehn Schritt höher geklettert, als er seinem Führer winkte in dem Laube noch vorsichtiger zu sein, und sich jetzt links gerade in das Dickicht hinein hielt. Der Bootsmann wollte ihn erst daran verhindern und in dem offenen Pfade selber halten, es war ihm aber fast, als ob er das Geräusch von Stimmen höre, und die ängstliche Vorsicht sehend, mit der der Ire hier selber weiter schritt, ließ er ihn gewähren.

Adolphe selber war mit dieser Art des Fortrückens am wenigsten einverstanden; der Dritte in der Reihe konnte er fast Nichts hören oder sehn, und wurden sie gerade an einer solchen buschigen Stelle von einem Feind überrascht, so waren sie, in der Verteidigung vereinzelt, der größten Gefahr ausgesetzt aufgerieben zu werden, und weit genug hatten sie sich in die Berge hineingewagt, die Begegnung eines Feindes wohl erwarten zu dürfen. Es ließ sich aber Nichts dagegen thun, und weit konnten sie von der bestimmten Stelle ebenfalls nicht mehr sein, so fügte er sich dann, Flüche leise in den Bart murmelnd, in das Unabwendbare, nur jetzt bemüht seine Leute, die jeden Augenblick fast mit den Fußspitzen in dürren Aesten hängen blieben, oder an Steinen, auf denen sie nicht festen Halt genug genommen, ausrutschten, in Ordnung und ruhig zu halten.

Da endlich erreichten sie eine scheinbar offene Stelle im Wald, wo die Sonne wenigstens licht und voll durch die sonst fast für sie undurchdringlichen Guiaven fiel, und der Seemann fand, daß sie sich einer steilen oder wenigstens sehr abschüssigen -- er konnte das von da wo er stand noch nicht recht erkennen -- Bergwand genähert hatten, von der aus sie jedenfalls einen Ueberblick in das vor ihnen liegende Thal bekommen mußten. Jim hatte sich dahinaus auch schon vollkommen orientirt, und den Bootsmann und Officier vorsichtig zu sich heranwinkend, zeigte er durch einen kleinen Busch, der sie nach unten zu verdeckte, in das Thal nieder, wo Beide zu ihrem, keineswegs freudigen Erstaunen, und auf einer Stelle wo sie Niemand erwartet hatten, einen Trupp von etwa zwanzig oder fünfundzwanzig bewaffneten Eingeborenen lagern fanden. Die ganze Entfernung von diesen betrug kaum zweihundert und funfzig Schritt, und das laute Knacken eines dürren Astes hätte fast dort gehört werden müssen -- ein lautes Wort konnte sie verrathen.

»Pest und Tod!« zischte aber Adolphe zwischen den Zähnen durch, als er mit einem Blick die Gefahr übersehen hatte, in der sie sich befanden -- »Hund verdammter, Du hast uns auf die falsche Fährte und absichtlich von dem Wege ab, hierher geführt. Ist das hier die Stelle eine kleine Zahl Indianer durch einen Hohlweg oder auf einem schmalen Damme abzuschneiden, wo eine ganze Armee rechts und links von uns durchpassiren könnte ohne daß wir etwas von ihr zu hören oder zu sehn bekämen?«

»Bst!« sagte Jim mit unzerstörbarem Gleichmuth aber das Gesicht jetzt von Todtenblässe, doch mit einem Ausdruck fester tödtlicher Entschlossenheit darin, überzogen -- »bst Mounsier, nicht so laut, denn die Burschen da unten könnten uns hören und uns zu Gaste bitten, wogegen ich nun allerdings nicht das mindeste einzuwenden hätte, was für die angenehme Gesellschaft hier aber nichts weniger als wünschenswerth wäre.«

»Wo ist die Stelle zu der Du uns zu führen versprochen?« frug Adolphe rasch und finster, aber mit vorsichtig unterdrückter Stimme: