Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 8

Chapter 83,668 wordsPublic domain

»Mein Herz hängt nicht an weltlichen Dingen, mein Auge sieht nicht auf irdische Handlungen, wo das Wohl und Wehe der Seele an einem dünnen Faden über dem Abgrund des Verderbens hängt« -- sagte der Geistliche ausweichend. »Ich weiß nicht, ob der Ferani beabsichtigt auf diesen Inseln sein Leben zu beschließen -- Gott allein prüfet das Herz und die Nieren -- aber ich weiß _daß er sie nie hätte betreten sollen_ und daß die Frauen und Mädchen dieser Inseln nur Fluch und Thränen bis jetzt geerndtet haben nach kurzer Lust, und oft ewige Reue und Verdammniß.«

»Sie wissen daß ich in Atiu als Bürger des Landes aufgenommen wurde!« rief René.

»Ich weiß Nichts« sagte Mr. Rowe finster mit dem Kopf schüttelnd, »als daß die Verbindung mit einer Tochter des Landes zwischen einem Papisten und einem Mitglied unserer heiligen Kirche gegen die Gesetze dieses Landes, gegen die Gesetze Gottes und meine deutlich danach ausgesprochenen Worte waren. Ich will nichts weiter wissen -- ich habe all das Unrecht das mir selbst darob geschehen, vergessen und vergeben, wie es einem Christen geziemt -- ich begreife nur nicht wie ein _Bürger_ des Landes dann in die Gesellschaft der Feranis kam, die einen Trupp seiner »Landsleute« wenn er ein Bürger des Landes war, überfiel, zwei tödtete und zwei Andere, Freunde derselben in Gefangenschaft schleppte -- ich sage ich _weiß_ das nicht« setzte er rasch hinzu, als er sah daß ihm René darauf entgegnen wollte, »kümmere mich auch nicht um die weltliche Gerechtigkeit, die ihren Gang haben muß durch die Häuptlinge und Richter des Landes.« Und langsam sich abwendend schritt er der kleinen, für ihn besonders errichteten Rohrhütte zu, hinter deren Thürmatte er verschwand.

René wollte in der That anfänglich, und in heftigen Worten darauf erwiedern, aber er besann sich eines Besseren und nur die Unterlippe einbeißend, daß das Blut daraus zurückwich, sah er dem frommen Mann mit einem finstern verächtlichen Lächeln nach und schien jetzt kein Wort weiter zu seiner Vertheidigung verlieren zu wollen.

Die Häuptlinge beriethen indessen eifrig und mit leiser Stimme mit einander, waren aber noch zu keinem Beschluß gekommen, als ein Läufer von draußen die Ankunft mehrerer Feranis meldete, die den anführenden Häuptling dieses Postens zu sprechen verlangten. Andere ausgesandte Spione meldeten zu gleicher Zeit daß mehre Abtheilungen Französischer Soldaten wieder im Anzug wären, und jedenfalls einen Sturm auf ihr Lager beabsichtigten.

Da die Insulaner ihre Vertheidigungsmittel nicht zu verrathen wünschten, beschloß man die Fremden nicht heraufzulassen, sondern ihnen Utami entgegenzuschicken, der ihre Absicht von ihnen erfahren und ihnen gleich Antwort darauf ertheilen konnte. Den Gefangenen war man fest entschlossen nur gegen die beiden Engländer wieder einzutauschen, von deren beabsichtigten Flucht sie natürlich Nichts wußten, und von denen sie O'Flannagans Hülfe und Waffen, wie seinen Unterricht nicht so leicht ersetzen konnten. War denen aber ein Leid geschehn, dann sollten die Feranis sehen, daß sie Gleiches mit Gleichem vergelten konnten und die Rache der Fremden, doch einmal zum Aeußersten entschlossen, nicht fürchteten.

Capitel 4.

Die Flucht.

René befand sich übrigens durch solchen Entschluß der Insulaner in einer höchst gefährlichen Lage, denn wenn auch Jack durch seine Hülfe entsprungen war, und jetzt vielleicht an der Küste auf eine Gelegenheit zu entkommen paßte, hatte Jim O'Flannagan, wenn wirklich gefangen, nur geringe Hoffnung der gerechten Strafe zu entgehn, und Gouverneur Bruat würde nie daran gedacht haben ihn wieder auszuliefern. Konnten sich dann die, von dem Missionair vielleicht noch gar darin bestärkten Insulaner nicht doch am Ende hinreißen lassen ihre Drohung wahr zu machen? -- von Mr. Rowe hatte er das Schlimmste zu fürchten, so viel wußte er recht gut, und er verdachte es dem würdigen Manne nicht einmal, wenn er die endlich gebotene und gewiß lang genug erwartete Gelegenheit auch ergriffen hätte.

Flucht wäre das einzige Mittel gewesen und die war unausführbar, denn den einzigen gangbaren und so schmalen Pfad hielten die Insulaner an verschiedenen Stellen besetzt, während andere Schleichwege durch den Wald nur eben ihnen bekannt waren. Wer in den zerrissenen Schluchten nicht jeden Stein kannte wurde überall durch Abgründe oder Felswände aufgehalten, die es ihm Tage gekostet hätte zu umgehn, und wie leicht war er da von den flüchtigen und der Berge kundigen Insulanern wieder eingeholt.

Seine einzige Hoffnung blieb jetzt noch auf die neuerdings abgeschickten Gesandten -- von dem erwarteten Angriff wußte er noch Nichts -- schlug deren Botschaft fehl dann -- doch beim Teufel, was lag ihm am Leben? -- Ob sie ihn nur einschüchtern wollten mit ihrer Drohung, oder ob es ihnen Ernst war mit seinem Tod, wenn dem gefangenen Iren ein Leid geschehen, was lag daran? -- sie sollten ihn weder weich noch ängstlich finden, und _mußte_ es sein, so wollte er dem Tod so keck und leicht in's Auge sehen als je --

_Als je?_ -- ein eigenes, wunderbares Gefühl durchzuckte ihm das Herz; -- _als je?_ In verzweifelter Angst hatte seine Seele mit ihren feinsten Fasern und Gedanken am Leben fest geklammert als der Tod, oder so Schlimmes, als die Gefangenschaft auf seinem Schiff, ihn wieder seinem kaum gewonnenen Glück auf Atiu entreißen wollte. Das Leben war ihm so lieb -- so theuer da gewesen und entmannt fast hatte ihn die Furcht es da zu verlieren, wo ihm eben erst das Heiligthum gezeigt war das er betreten konnte, und von dessen Schwelle selbst ein tückisches Geschick ihn schleudern wollte. Alles, Alles hatte er nachher erreicht, was er erhofft in seinen schönsten, kühnsten Träumen -- den Gipfel seiner Wünsche erstiegen und eine Heimath gefunden in dem Paradies, das ihn umgab -- und jetzt? -- Was war es, das ihn _jetzt_ gleichgültig machte gegen den Tod? was war geschehn -- verloren daß er sich der tödtlichen Gefahr so kalt und keck entgegenstellen mochte? -- und Sadie? -- Er barg das Antlitz in den Händen und preßte die fieberglühende Stirn, die Gedanken hinauszuscheuchen, die wirren, quälenden Gedanken, denen er nicht Raum gönnen wollte da oben. Nicht jetzt -- nicht jetzt sollten sie nahen diese Schatten, die er nicht kennen nicht fühlen mochte und die ihm doch die Seele peinigten mit unsichtbarem aber desto gewaltigerem Pfeil -- _Sadie_ -- wie ein Traum lag die Zeit, die schöne Zeit hinter ihm, und der Tod sollte ihn jetzt davon trennen. Der _Tod_? -- _sollte_ ihn davon trennen? -- Nein, nein fort mit dem verführerischen Bild das sich ihm jetzt, jetzt nicht entgegenstellen durfte -- er war nicht schuldig -- rein und treu konnte sie sein Angedenken wahren in ihrer Brust, und dem Kinde des Vaters Namen nennen im Gebet. -- Hinweg mit allem Schmerz, hinweg mit der Thräne, die sich ihm leise in's Auge stehlen wollte -- er war nicht schuldig -- und weshalb _wünschte_ er sich da den Tod?

Schüsse knallten und Trompeten schmetterten -- hoch empor aus seinen Träumen zuckte er, und so hinein hatte er sich wieder in die Gedanken der Vergangenheit gelebt, daß er erschrak als er aufsah und die bewaffneten Wächter neben sich erkannte.

Auf ihn zu schritt da Aonui, der finstere fanatische Häuptling, und grimmigste Feind den die Feranis unter den Führern der Eingeborenen auf den Inseln hatten, und das tückische Blitzen seines Auges verrieth was in ihm glühte und hinausdrängen wollte in's Freie. Dicht hinter ihm, mit einem ernsten, aber ziemlich gleichgültigen Gesicht, hielt sich Raiteo, der vorher schon eine lange und eifrige Unterhaltung mit ihm gehabt, und schien dazu bestimmt die Befehle seines Oberen auszuführen. Aonui galt als die rechte Hand des ehrwürdigen Mr. Rowe, und die Eingeborenen hielten ihn in hohen Ehren und fürchteten ihn, denn er war gerecht aber streng, und sein fanatischer Eifer, durch irgend einen Bibelspruch in irgend eine Bahn gelenkt, riß ihn oft mit sich fort zu Gutem oder Bösem.

»Deine Gehülfen kommen Dich zu befreien« sagte er finster, »aber sie werden zu spät den Hügel erreichen -- wir hatten ihnen die Möglichkeit Deiner Auslieferung gestellt -- sie haben sie verworfen und wollen uns jetzt mit frechen Drohungen einschüchtern -- wende Deine Seele noch zu Gott, denn Dir sind die Minuten zugezählt.«

Renés Auge blitzte in Trotz und Zorn zu ihm empor und eine feindliche Entgegnung lag auf seinen Lippen, da traf ihn Raiteos Blick und der schlaue warnende Ausdruck darin machte ihn stutzen. Des Burschen ganzes Benehmen deutete auf irgend einen Plan, und sein verstohlenes rasches Blinken schien ihn ängstlich aufzufordern dem Verlangen zu folgen und nicht durch Eigensinn den ruhigen Gang der Ereignisse vielleicht zu stören. Aonui sah daß sein Blick auf irgend einem Gegenstand hinter ihm haftete und schaute sich um, sein Auge traf aber nur das ruhige gleichgültig kalte Antlitz seines Begleiters und René, jetzt fest überzeugt daß er des Atiuers Beistand auf seiner Seite habe, sagte finster doch leidenschaftslos:

»Thut was Ihr wollt und was Ihr verantworten könnt, aber bedenkt daß Euch meine Landsleute zu furchtbarer Rechenschaft ziehen werden. Nicht mehr der freundlose Seemann, der entblößt von Allem auf eine fremde Insel sprang stehe ich jetzt zwischen Euch -- die Regierung eines mächtigen Staates hält ihre Hand schützend über mich, und wehe Euch, wenn Ihr die mächtige erst zur Rache reizt. Bis jetzt schütztet und vertheidigtet Ihr nur Euer Land -- Ihr hattet recht -- entweiht die gute Sache nicht durch Mord!«

»Nicht Dich zu hören bin ich gekommen, sondern Dich zu richten« sagte der Häuptling finster und mürrisch, und horchte einen Moment dem jetzt wieder beginnenden Schießen, das, der Richtung nach, den aufgestellten und an verschiedenen Plätzen stationirten Vorposten galt, auch näher und näher kam. »Bete zu Deinem Gott« sagte er dann, sich wieder zu dem Gefangenen wendend, »denn Du hast nur noch eine Viertelstunde zu leben.«

»_Beten_« -- rief René -- unwillig mit dem Fuße stampfend -- »beten -- Nichts als beten; -- den Namen Gottes kaut Ihr den ganzen Tag und denkt dabei an Haß und Mord -- _beten_!«

»Du willst _nicht_ beten?« sagte Aonui rasch.

René sah das unwillige Zucken in Raiteos Gesicht und frug ausweichend:

»Wie lange Zeit ist mir noch gewährt?«

»Der Schatten dieses Baumes darf keine Handbreit mehr zur Seite weichen« erwiederte der fanatische Häuptling -- »die Schläge Deines Herzens sind gezählt.«

»Es ist gut« erwiederte René aber seine Hände waren frei, und nicht gesonnen als ein geduldiges Opfer zu fallen, suchten seine Augen nach einer Waffe, deren er sich zu geeigneter Zeit bemächtigen könnte.

»Soll ich ihn in das Haus zum Beten führen?« sagte jetzt Raiteo leise zu dem Häuptling gewandt -- »die Feranis beten nie im Freien.«

Aonui nickte bejahend mit dem Kopf und Raiteo, des jungen Mannes Arm ergreifend sagte laut:

»Komm Wi Wi -- Du sollst nicht sagen daß wir Dich gezwungen haben Deinen Gott in anderer Art zu verehren als Du es gewohnt bist -- komm« flüsterte er dabei leise und führte ihn der Hütte zu, während seine Wächter, die von Aonui jetzt einen neuen und wie es schien unerwarteten Befehl bekamen, ihm zögernd, und rasch und leise mit einander redend, folgten, dann aber vor dem Eingang des kleinen mit Matten verhangenen Platzes, die Bayonnette gefällt, ihren Posten wieder einnahmen.

Wilder Lärm tobte indessen im Lager -- die Franzosen hatten die Vorposten zurückgeworfen und ihre Kugeln trafen schon, über den Damm hin, in die Wipfel der Bäume, ohne freilich bis jetzt noch einen der Eingeborenen verwundet zu haben. Diese standen aber, an ihren verschiedenen Posten in der Verschanzung vertheilt, den jetzt von allen Seiten fast schmetternden Trompeten, die überall den Feind vermuthen ließen, auch nach jeder Richtung hin die Stirn zu bieten. Die Franzosen nämlich, den alten Plan verfolgend, hatten, um den Feind irre zu führen, kleine Detachements mit Signalisten nach rechts und links abgeschickt, das Lager in einer Entfernung zu umzingeln und dann von allen Seiten vorzudringen und zu feuern. Dadurch beunruhigten sie nicht allein die Besatzung und schüchterten sie ein, da sie den Feind viel stärker vermuthen mußten als er wirklich war, sondern sie hatte auch auf dem Punkte, wo sie den Hauptangriff machten, nicht den Widerstand der jetzt überall hin vertheilten Besatzung zu befürchten, und konnten eher dadurch hoffen den vortrefflich bewaffneten und von dem Terrain so sehr begünstigten Feind aus seiner festen Stellung hinauszuwerfen. Wenn damit dann auch kein Hauptschlag geschah, denn den Rückzug in die dicht bewaldeten Berge waren sie nicht im Stande ihnen abzuschneiden, wurden sie doch aus der zu großen Nähe von Papetee, auf das sie von hier aus immer leicht Streifzüge und Ueberfälle unternehmen konnten, vertrieben, und das Wichtigste von Allem, ihr Vertrauen zu sich selbst, das nach der Schlacht von Mahaena nur noch mehr gestiegen, in etwas wieder nieder gedrückt.

Außerdem feuerte auch Renés Gefangennahme den Gouverneur an, Alles zu thun die Insulaner für etwas zu züchtigen, dessen Recht er ihnen unter keiner Bedingung zugestehen wollte. Einen seiner Nation nämlich zu halten oder gar zu richten. Bedingungen durfte er sich daher auch, von solchem Grundsatz ausgehend, keine vorschreiben lassen, und die Waffen mußten den Kampf entscheiden.

Um René wäre es aber freilich schlecht gestanden, wenn er von daher auf Hülfe hätte rechnen sollen, und Utami selber konnte oder wollte ihn nicht schützen. Der Franzose der freundlich und gastlich von ihnen selbst in ihre Familien aufgenommen worden, und dann sich doch gegen sie wandte -- wie er nicht anders glauben konnte -- verdiente härtere Strafe als der, der gleich mit den Waffen in der Hand und in offener Feindschaft an ihr Ufer sprang. Der letztere trat nur ihre Rechte mit Füßen, der andere auch ihre Herzen.

Anders dachte Raiteo, und von dem Protestantischen Missionair mit herüber nach Tahiti genommen, hatte er in einer starken Hinneigung zum Christenthum sich eine Menge Vortheile erwachsen sehn, die er als einfacher Insulaner einer abgelegenen Insel nie im Leben erreicht haben würde. Raiteo war ehrgeizig, und der schon in früheren Jahren von dem Wallfischfänger erhaltene und so schlecht verdiente Lohn hatte, mit dem Beginn eines Vermögens, auch das Streben und Verlangen nach mehr und größerem in ihm erweckt. Als Mitonare öffneten sich ihm dazu, wie er recht gut wußte, zahlreiche Quellen, und er wäre jedenfalls nicht säumig dabei gewesen sie zu benutzen, sobald sich nur die Gelegenheit dazu geboten. Als er aber die Verhältnisse in Tahiti näher kennen lernte und die Macht, die von den Feranis entwickelt wurde, wie daneben die Gleichgiltigkeit der Englischen Schiffe sah, stiegen Zweifel in ihm auf der Ausführbarkeit seiner Berechnungen wegen, und er fing an die Vortheile zu überschlagen die der Segen der Katholischen Religion vielleicht auf sein geistiges wie körperliches Wohl haben könne. Die in die Berge gedrängte Lage der Eingeborenen gefiel ihm auch nicht, und mit der Ueberzeugung war ihm auch der Entschluß gekommen einen entscheidenden Schritt zu thun und -- ein anderer Mensch zu werden.

Die erste Gelegenheit hierzu bot die Flucht der beiden Seeleute, die er begünstigte und die, so schlecht für den andern Theil, so vortrefflich für ihn selber ausgeschlagen war. Nur die Feranis wollten ihm nicht gleich auf sein ehrlich Gesicht glauben, daß er es treu und ehrlich mit ihnen und ihrer Sache meine, und schickten ihn deshalb, seine Nutzbarkeit auf die Probe zu stellen, mit dem zum ersten Mal abgesandten Officier als Führer und Unterhändler. Der ungünstige Erfolg dieser Sendung machte ihn aber besorgt seine Sicherheit gleich hinterher den Franzosen wieder anzuvertrauen, und da er sein Geld gut verwahrt wußte, beschloß er lieber eine bessere Gelegenheit abzuwarten, sich seinen neuen Gönnern nicht allein wirklich zu empfehlen, sondern auch vielleicht einen neuen Nutzen daraus zu ziehn. Diese bot sich ihm jetzt.

Der junge Franzose war, wie er sich vorher zu erkundigen gewußt, reich, und ihm, wie er sich fest überzeugt fühlte, auch noch von früherher verpflichtet; die Eingeborenen von Tahiti _konnten_ auf die Länge der Zeit nicht siegen -- als Bewohner von Atiu fühlte er auch eben kein besonderes Interesse für sie -- und wer weiß was dann aus den Protestantischen Missionairen wurde -- deshalb schien es ihm weit zweckmäßiger das Gewisse für das Ungewisse zu nehmen -- und danach handelte er.

Kaum fiel deshalb die Matte hinter ihnen, die sie den Blicken der Außenstehenden und Wartenden entzog, als Raiteo vorsprang, ein Geflecht von Pandanusblättern aufhob und damit zwei blanke Cavalleriesäbel den Blicken des jungen Mannes enthüllte. René that keine Frage, aber er mußte an sich halten einen Jubelruf zu unterdrücken, und rasch die eine Waffe aufgreifend, während sein Führer die andere nahm, sah er nur noch eben wie dieser die Blätter der Rückwand von einander schob und hindurch schlüpfte und folgte ihm, ohne nur eine Frage über das wie und wohin zu thun.

Die Hütte stand dicht an der Verschanzung, nach rechts und links von kleinen Trupps der Eingeborenen bewacht, dicht hinter ihr war aber ein Raum von vielleicht zwanzig oder dreißig Schritt Breite, da eine Felswand gerade dahinter ziemlich steil niederdachte, freigelassen, und diese Stelle hatte sich der schlaue Bursche zu ihrer Flucht ausersehn. Wohl wurden sie augenblicklich entdeckt, sowie sie nur auf die Schanze sprangen, und eine Eidechse hätte kaum ungesehn darüber kommen können, ehe aber die mit Schießwaffen wenig vertrauten Insulaner zum Schuß fertig waren, oder sich überhaupt von dem Erstaunen über den kecken Fluchtversuch erholen konnten, hatte Raiteo des jungen Mannes Hand ergriffen und ihn nach vorn reißend glitten sie schon im nächsten Augenblick mit Blitzesschnelle den steilen schlüpfrigen Hang hinunter in ein Dickicht niederen Grases, von hochstämmigen Guiaven, die hier gar gedeihlichen Boden gefunden, überwachsen.

Keineswegs aber waren sie hier schon jeder Gefahr enthoben, denn nicht allein wurden ihnen von oben mehre Schüsse nachgefeuert, und sie hörten die Kugeln rings um sich einschlagen, sondern fünf oder sechs Indianer, und unter ihnen die von Aonui angefeuerten Wächter, folgten ihnen ohne weiteres Säumen mit wirklich kecker Entschlossenheit, und durch das Dickicht aufgehalten wäre René gar nicht im Stande gewesen ihnen so rasch zu entgehn. Sein Leben wenigstens so theuer als möglich zu verkaufen wandte er sich deshalb auch schon, die blanke Waffe in der Faust, gegen sie um, als dicht hinter ihm die befreundeten Signalhörner tönten, und die Eingeborenen im ersten Schreck an Stamm und Busch klammerten, dem hier gar nicht vermutheten Feind nicht in die Hände zu fallen.

Den Moment benutzten die Flüchtigen der Richtung zuzuspringen, in der sie die Hörner gehört, und den Verfolgern blieb Nichts weiter übrig als ihnen ihre Kugeln nachzusenden und sich so rasch als möglich wieder zurückzuziehn, nicht vielleicht gar von den möglicher Weise nachdrängenden Feinden abgeschnitten zu werden. Die Kugeln blieben übrigens erfolglos, eine ausgenommen, die Raiteos Oberschenkel traf und durch das dicke Fleisch desselben fuhr, ihn aber keineswegs in seiner Flucht aufhielt sondern dieselbe eher noch, wenn das überhaupt möglich gewesen wäre, beschleunigte.

Das Feuern sowohl, wie der Lärm den sie in den Büschen machten, hatte aber schon das kleine Piquet, das aus einem Dutzend Matrosen von der Uranie und dem Signalisten, von einem Seecadet angeführt, bestand, ihnen in den Weg gebracht, und René, auf sie zuspringend, wollte sich ihnen jetzt, in Zorn und Unmuth über die erlittene Behandlung und der eben kaum entgangenen Todesgefahr, augenblicklich wieder anschließen, das Lager mit gewaffneter Hand erstürmen zu helfen; Raiteo aber merkte das kaum, als er erklärte mit der erhaltenen Wunde nicht allein weiter gehn zu können, und den jungen Franzosen ernstlich aufforderte, ihn, der ihm eben erst das Leben gerettet und seinetwegen gerade den Schuß erhalten, jetzt nicht hülflos im Walde liegen zu lassen, daß er vielleicht gar wieder in die Hände der Tahitier fiele.

René konnte und wollte das allerdings nicht und wünschte den Verwundeten von einem der Matrosen geleiten zu lassen; der Seecadet hatte aber dazu keine Ordre, und Raiteo selber weigerte sich mit einem Fremden zu gehn, der erstlich seine Sprache nicht verstünde, dann keine Verbindlichkeit gegen ihn hätte, und ihn möglicher Weise hinter dem nächsten Dickicht sitzen ließ. René durfte ihn nicht verlassen und nur deshalb dem Seecadet seinen Namen nennend, wobei er ihn bat, es sobald als möglich dem kommandirenden Officier wissen zu lassen, daß er der Gefangenschaft glücklich entkommen sei, führte er den jetzt immer erschöpfter werdenden Insulaner bergab in's Thal nieder, dem gar nicht so sehr entfernten Papetee zu, fest entschlossen so rasch er könne zurück zu kehren und an dem Kampfe noch womöglich Theil zu nehmen.

Das aber lag keineswegs in Raiteos Plan, dessen Wunde ihn wenig genug genirt haben würde, wenn er eben allein hätte gehen _wollen;_ erstlich aber mußte er in Papetee einen Zeugen für sich haben, wenn er auf einen günstigen Empfang rechnen wollte, und dann war ihm der junge Franzose jetzt zu großem Dank verpflichtet. Lief der aber gleich wieder zurück, und wurde vielleicht vor den Kopf geschossen, so war für ihn jeder von seiner That erhoffte Nutzen verloren, und er hatte nicht allein Nichts verdient, sondern die Eingeborenen wie besonders seinen Missionair, ohne den geringsten Vortheil davon für sich selber zu haben, auf das grimmigste erbittert, und gegen sich aufgebracht. Das zu verhindern war jetzt seine Aufgabe, und er stöhnte und ächzte so langsam den Berg nieder und mußte sich so oft setzen und ausruhen, daß sie eben den Wall von Papetee erreichten, als das Schießen oben aufhörte, und kurze Zeit darauf die schmetternden Hörner der rückkehrenden Franzosen diese als Sieger kündete. In der That hatten sie auch mit dem Bayonnett die Eingeborenen aus ihren Schanzen hinausgetrieben und in die Berge gejagt, und erst als sie sich dort nach allen Richtungen wieder sammelten, und aus dem Dickicht heraus einen Angriff drohten, bei dem die nicht mit dem Wald vertrauten Fremden vielleicht übel gefahren wären, zogen sie sich zurück, mit dem Erfolg ihrer Expedition vollkommen befriedigt, und auch nicht gerade mit zu viel Verlust.

René brachte nun, in Papetee wieder glücklich angelangt, vor allen Dingen Raiteo, der ihm allerdings diesmal einen wichtigen Dienst erwiesen, in gute Pflege, damit er sich rasch von seiner Wunde erholen könne, die auch bald darauf Einer der dortigen Militärärzte untersuchte und als ziemlich unbedeutend, jedenfalls völlig gefahrlos erklärte. Das beendet aber suchte er auch ungesäumt den Gouverneur auf, ihm Bericht zu erstatten über sein Abenteuer sowohl, wie über den sehr ungewissen Erfolg den er von gütiger Ausgleichung zu hoffen habe.

Den Gouverneur fand er gerade mit dem Verhör des Mannes beschäftigt, der fast die Ursache seines eigenen Todes gewesen wäre, mit Jim O'Flannagan und ließ sich nur anmelden, um seine glückliche Rückkunft anzuzeigen und zu passenderer Zeit wiederzukehren, wurde aber augenblicklich hinein beschieden und ohne Weiteres vorgelassen.

»Sie kommen mir wie gerufen, Delavigne!« rief ihm der Gouverneur schon von weitem entgegen -- »Ihre erlebten Abenteuer sollen Sie mir nachher erzählen, aber wir haben hier einen Burschen, der Alles verspricht was man von ihm fordert, seinen Hals nur aus der Schlinge zu retten in der er sich festgefahren, und dem ich durch Jemand mit dem Land Vertrauten möchte einmal auf den Zahn fühlen lassen.«