Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Part 7
Außerdem waren hier oben versammelt Aonui, der rechte Arm der Missionaire, und Potowai, Teraitane, Kahauha und Taaniri, die von den Franzosen als Rebellen erklärten Führer der Eingeborenen, mit vielen Anderen vom südlichen Theil der Insel, und dem östlichen, und auch Fanue wurde mit seinen Streitern von Tairabu erwartet, von wo aus er herüberkommen und sich dem Hauptstamme anschließen sollte, wenn es Noth that einen gemeinschaftlichen, und Hauptschlag gegen die in Papetee jetzt ziemlich zusammengedrängten Feranis zu unternehmen, und dem Krieg dadurch vielleicht ein Ende zu machen.
Die Berathung der Häuptlinge dauerte nicht lange, schien aber gegen Utamis Willen entschieden zu haben -- der alte Häuptling sprach finster und heftig gegen die Mehrzahl der Uebrigen und seine Stimme drang manchmal, wie das dumpfe drohende Rollen der Brandung zu der Versammlung herüber. Diese wurde indeß durch den Geistlichen in ununterbrochenem aber schwerlich andächtigem Gebet gehalten, zu dem jetzt die Waffen nicht mehr passen wollten, und das sie stören mußten, hätte nicht das eigene Interesse an den Verhandlungen schon ohnehin ihren Geist dort hin, und von dem Inhalt ihrer Andacht abgelenkt.
Utami blieb, als die Uebrigen aufstanden, in düsterem Brüten auf seiner Matte zurück, während Aonui, mit einem heiteren und milden Ausdruck in den Zügen, einem Theil der Uebrigen voran, von denen sich die meisten gleich wieder unter die Betenden mischten, zu Bruder Rowe halb, halb zu Raiteo gewandt sagte:
»Wir wollen fortfahren unsere Augen zu Gott zu erheben, Bruder Aue -- Raiteo, Du magst den Feranis melden daß sie uns morgen früh mit Sonnenaufgang bei der Berathung ihrer Frage und der Untersuchung des Gefangenen finden sollen. Heute ist der dem Herrn geweihte Tag und nichts Irdisches, vielweniger die Privatverhältnisse eines Papisten, sollen uns abhalten von unserer Pflicht, die wir zuerst dem Höchsten, dann erst unseren eigenen Zuständen schulden.«
»Und die Feranis sollen wieder nach Papetee zurückgehn?« frug Raiteo, halb mit einem Anflug von Schadenfreude in den Worten.
»Ich habe es gesagt« erwiederte Bruder Aonui.
»Und der Wi Wi soll hier oben bleiben?« setzte Raiteo mit demselben Blick hinzu.
»Störe uns nicht weiter durch Deine nutzlosen Fragen, Bruder Raiteo« sagte der Geistliche da mit freundlicher doch zurechtweisender Stimme, »Du hast Deine Antwort, melde sie den Feranis, obgleich ich nicht recht weiß wie Du dazu kommst ihr Bote zu sein.«
»Ich war gestern --«
»Ruhig -- ich will heute keine Erzählung irdischer Dinge mit anhören, wir haben genug unserer kostbaren Zeit auf leichtsinnige Weise vergeudet -- weshalb gehst Du nicht?«
»Ich?« sagte Raiteo -- und es war fast unmöglich bei den Worten einen bestimmten Ausdruck für seine Züge zu finden, in denen es zuckte und zog als er sich dazu zwang ernst und ehrbar auszusehn -- »ich? -- was hab _ich_ weiter mit den Wi Wis zu thun -- ich habe sie den Berg heraufgebracht weil ich mußte -- unten, wo sie nicht weiter dürfen, stehn sie -- Jemand Anders kann sie hinunter bringen.«
»Möge sie Gott erleuchten« sagte Bruder Rowe mit einem flehenden Blick nach oben, und in die schrillen Töne eines Psalms einbiegend, dem der Chor gleich darauf mit lauter lebendiger Stimme folgte, wurde jede Verhandlung über den Gegenstand vollkommen abgeschnitten und aus dem Bereich weiterer Besprechung gebracht. Raiteo aber kauerte sich, gleich wo er stand, auf den Boden nieder und erhob seine Stimme vor dem Herrn, lauter und andächtiger, wenn man seinem äußeren Menschen glauben wollte, als irgend eines der übrigen Mitglieder der Gemeinde.
Teraitane allein, der keineswegs beabsichtigte die Feranis auf solche Weise zu behandeln, und nur noch mehr und unnützer Weise zu reizen, verließ das Lager und stieg den Pfad hinab, ihnen die Meldung selber zu bringen, daß die Häuptlinge beschlossen hätten heute, als an einem Sabbath, sich in keine weltlichen Dinge zu mischen, und das Verhör und die Untersuchung des Gefangenen auf morgen früh verschieben wollten.
Lieutnant Bertrand, der von Gouverneur Bruat selber abgeschickt war den Gefangenen zurückzufordern, wollte sich jedoch so noch nicht abweisen lassen, und drohte mit der Rache der Franzosen, wenn dem jungen Manne auch nur ein Haar gekrümmt würde; hierauf aber hatte der alte Häuptling nur einen finstern Blick und ein trotziges Lachen.
»Holt ihn Euch wenn Ihr nicht warten könnt« sagte er finster, »oder wenn Ihr glaubt daß Ihr die Macht habt Euere Drohungen wahr zu machen. Teraitane freut sich darauf Euch mit blutigen Köpfen wieder heim zu schicken.«
»Du stehst mir für sein Leben!« rief da Bertrand rasch zuspringend, in der Absicht den Häuptling als Geisel für den Freund, unter dem Lager der Insulaner fort zu führen; Teraitane aber glitt ihm unter den Händen hin, und wie aus dem Boden gewachsen tauchten rechts und links von ihm bewaffnete und finstere Gestalten auf, Speere und die drohenden Läufe der Musketen fest und zürnend auf ihn gerichtet. Bertrand riß unerschrocken den Degen aus der Scheide, und seine Begleiter fällten die Gewehre, einem jetzt sicher erwarteten Angriff zu begegnen, der Häuptling aber winkte ihnen mit der Hand und sagte ernst:
»Ruhe heute am Sabbath! -- ich könnte Dich jetzt gefangen nehmen oder tödten, Du tollköpfiger Ferani, aber ich will es nicht thun -- weniger vielleicht Deinetwegen, als die fromme Gemeinde droben nicht noch einmal in ihrer Sabbathfeier zu stören. Gehe zurück -- Du siehst, Du bist nicht im Stande Deinen bösen Vorsatz auszuführen, gehe zurück und schicke morgen wieder herauf, zu hören was die Häuptlinge über den Gefangenen beschließen werden.«
Und sich ruhig und furchtlos von dem Feind abwendend, der aber noch aufmerksam und mistrauisch von den übrigen Eingeborenen bewacht wurde, schritt er langsam wieder den Pfad hinauf den er gekommen, während sich Bertrand, unmuthig und unzufrieden mit sich selber, aber auch recht gut einsehend daß er durch weiteres Vordringen René und sich nur schaden aber gar nichts nützen könne, ebenfalls wieder zurück, in's Thal nieder, wandte.
René hatte indessen in peinlicher Spannung die wie er sich recht gut denken konnte seinetwegen gepflogenen Unterhandlungen von weitem beobachtet, wobei ihn Raiteos Erscheinen besonders in Erstaunen setzte. Daß ihn übrigens der Bursche keines Blickes würdigte, als er an ihm vorüber ging, beruhigte ihn wenigstens über dessen Gesinnung gegen sich selber. Er kannte den schlauen Gesellen gut genug, der, wenn ihm der Gefangene gleichgültig gewesen wäre, jedenfalls ein paar Worte mit ihm gewechselt hätte, und wenn es auch nur deshalb gewesen wäre, vor den Eingeborenen von Tahiti mit seinem Englisch zu prahlen; das aber hätte, meinte er es wirklich gut mit ihm, auch leicht zu einer Vermuthung gegenseitigen Verständnisses führen und sie mistrauisch machen können, während er dagegen, durch ein völliges Ignoriren des Fremden, Raum zu keinem derartigen Verdacht geben konnte.
Daß der Gouverneur seine Auslieferung verlangt hatte, konnte er sich denken, und weshalb wurde die verweigert? was wollten sie mit ihm? -- was _konnten_ sie von ihm verlangen? und woher auf einmal dies kalte feindliche Benehmen sogar solcher der Eingeborenen gegen ihn, mit denen er sonst auf einem ganz friedlichen Fuß gestanden? Alle die Fragen gingen ihm wirr und in unbestimmten Bildern durch das Hirn, und das ewig lange gleichgültige Absingen der Psalmen dazwischen, klang ihm wie Spott in seinem Unmuth und machte ihn die Zähne fest auf einander beißen, bittere Zornesworte zurück zu halten.
Der Gottesdienst nahm indessen seinen ungestörten Fortgang; dem Singen folgten wieder Gebete und dem Gebete wieder geistliche Lieder, und als die feierliche Handlung endlich mit einem langen Segen geschlossen wurde, schieden sich die Zuhörer in ihre verschiedenen Gruppen oder Familien, an kalten Speisen, da heute Nichts gebraten werden durfte, ihre Mahlzeit zu halten, und sich für neue Bet-Uebungen auf den Nachmittag vorzubereiten.
Auch die Frauen, von denen er viele kannte, hielten sich fern von ihm -- sogar Aumama, die er unter ihnen entdeckte, kam ihm nicht nah, und saß nur ernst und schweigend auf ihrer Matte, am Fuß eines breitästigen stehengelassenen Orangenbusches, und ließ den Blick oft lange und ernst auf ihm haften; als er aber selber seine Stelle verlassen wollte zu ihr hinzugehn, bedeuteten ihn seine Wächter daß er das nicht dürfe -- er sei hier gefangen, und wenn sie ihm nicht Hände und Füße gebunden, wäre das eine bloße Gefälligkeit. Was hätte ihm Widerstand gegen die Uebermacht geholfen -- der konnte seine Lage nur verschlimmern.
Als letztes Aushülfsmittel verlangte er den Häuptling Utami zu sprechen, den er gesehen hatte und mit dem er früher schon manches freundliche Wort gewechselt; er habe ihm, wie er seinen Wächtern sagte, Wichtiges mitzutheilen. Deren Antwort lautete dagegen ein- wie allemal: »es sei Sabbath heute, und weder Utami noch irgend ein anderer Häuptling werde sich mit ihm oder irgend etwas Anderem als eben der sonntäglichen Feier befassen -- er müsse bis morgen warten.«
»Bis morgen warten -- Tod und Teufel!« die Ungeduld hätte ihn verzehren mögen, aber wieder begannen, nach dem kurzen frugalen Mahl der Uebrigen, die Bet- und Singübungen, und die einzige Notiz die man von ihm nahm, war, daß ihm etwas kalte geröstete Brodfrucht und eine Cocosnuß gebracht wurde, seinen Hunger und Durst zu stillen, und die Minuten schlichen wie Stunden an seiner Seele vorüber. So wurde es Nacht -- das südliche Kreuz über ihm drehte sich so langsam, als ob es Monate lang Zeit habe um seine eigne Axe zu kommen, und die kühle feuchte Bergluft, mit der inneren Aufregung vielleicht, schüttelte ihm die Glieder in Fieberfrost.
Endlich brach der Morgen an -- im Osten zeigte sich ein heller Schein der rasch und mächtig wuchs, und der Morgenschuß der Uranie, der selbst bis hierher deutlich drang, kündete die dem Meer entstiegene Sonne.
Die Eingeborenen waren aber schon vorher auf und thätig gewesen; ihre Feuer, Steine glühend zu machen, loderten nach allen Seiten hin, und ein reges Leben und Treiben herrschte in dem kleinen Lager.
»Utami will Dich haben« kündete da endlich ein junger Bursch dem Gefangenen den Willen des Häuptlings -- »komm mit mir!« und voranschreitend führte er ihn, durch die Lagerplätze der Insulaner hin, deren keiner Wort oder Gruß für ihn hatte. Sie Alle blickten finster auf ihn, und René, ärgerlich über den Hochmuth der »rothhäutigen Schufte« wie er sie jetzt vor sich hinbrummend nannte, schritt mit verschränkten Armen stolz und rasch zwischen ihnen hin -- hie und da einen auf ihn gerichteten Blick mit keckem und herausforderndem Ausdruck begegnend. Die Burschen sollten wenigstens nicht glauben daß sie ihn einschüchtern konnten.
Der alte Häuptling saß auf einer Matte auf der Erde, um ihn alle die übrigen Häupter und Aeltesten des Lagers, während sich die Eingeborenen, obgleich in Gehörweite, doch in anständiger und ehrerbietiger Ferne von den Richtern hielten, die über den Fremden jetzt ihr Urtheil sprechen sollten.
René schlug das Herz lauter in der Brust, als er alle diese feierlichen Vorbereitungen sah, aber sein leichter Sinn trug ihn rasch über den Ernst des Augenblicks hin, und die vor ihnen kauernde Schaar, hinter der sich die Frauen und Mädchen in dicht gedrängter Masse neugierig hielten, mit einem flüchtigen Blick überfliegend sagte er lächelnd:
»Nun, was giebt's Ihr Männer, daß Ihr hier zu Gericht sitzt wie über einen Missethäter? was wollt Ihr von mir, und warum habt Ihr mich gestern den ganzen Tag und die Nacht ohne Matte selbst auf dem Boden liegen lassen? -- Ist das Euere gerühmte Gastlichkeit? -- Ich wäre heute selber, im Auftrag des Gouverneurs von Tahiti zu Euch gekommen, Euch seine Vorschläge zu bringen, als mich ein Trupp Euerer Leute vorgestern Abend überfiel und wie einen Mörder durch Dickicht und Busch in die Berge schleppte. Was hab ich verbrochen?«
Ein leises Murmeln des Erstaunens über die kecke Rede lief durch die Versammlung, und die meisten der Häuptlinge, besonders Aonui, Potowai und andere schüttelten misbilligend mit den Köpfen und flüsterten mit einander, aber Utami entgegnete ihm ernst, doch ohne Strenge oder Haß im Ton.
»Nicht zu fragen, Ferani, sondern zu antworten bist Du hierher beschieden -- sei aufrichtig, es ist das Beste für Dich.«
»Nun so fragt, nachher werdet Ihr ja wohl auch mir die Rede gestatten« entgegnete René kurz.
»Was brachte Euch Feranis vorgestern Abend aus der widerrechtlich in Besitz genommenen Stadt bewaffnet hervor, und weshalb grifft Ihr unsere Männer an und erschluget zwei und führtet Andere gefangen fort?«
»Zuerst« erwiederte René, »gehörte ich gar nicht mit zu der Patrouille, der ich mich nur anschloß halb müßiger Zeit wegen, halb der Habhaftwerdung eines Verbrechers beizuwohnen, dessen Nähe dem Gouverneur gemeldet worden, und den er zu fangen und unschädlich zu machen wünschte. Die Patrouille hatte keinen anderen Zweck und die Insulaner überfielen sie zuerst, die Gefangenen wieder zu befreien.«
»So hatten unsere Kundschafter doch recht und O'Fa-na-ga ist gefangen« sagte der Häuptling, »aber was hatte er gethan?«
»Gemordet und geraubt in früherer Zeit« entgegnete René; »er ist ein böser Mensch, und Einer der Officiere hatte ihn erkannt.«
»Ihr bringt da Anschuldigungen von denen wir nichts wissen« sagte aber Utami -- »oft hätten wir können Einzelne von Euch gefangen nehmen, aber wir haben es nicht gethan, wir führten keinen Krieg mit Einzelnen und wir erwarteten dasselbe von Euch. O'Fanaga kämpfte in unseren Reihen und stand unter unserem Schutz.«
»Dann hätte er darunter bleiben sollen« lachte René, »jetzt wird ihm schwerlich viel Zeit mehr gegeben werden den zu beanspruchen.«
»Dann schlimm für Dich!« rief Aonui hier, zornig den Arm gegen ihn ausstreckend -- »dasselbe Schicksal des O'Fa-na-ga unten von Deinen Landsleuten trifft, Ferani, erwartet auch Dich.«
»Möcht' ich mir nicht wünschen« lachte René, noch immer fest entschlossen den Insulanern gegenüber auch keinen Schein von Furcht zu zeigen -- »haben sie ihn gefangen, so erwartet _ihn_ der Strick -- wenn er nicht schon hängt.«
»Dann hängst auch Du!« schrie Potowai, den Arm wild gegen ihn ausstreckend -- »O'Fa-na-ga war mein Freund.«
»Schlechte Empfehlung für Dich« sagte der unerschütterliche Franzose.
»Ruhe -- Frieden!« gebot aber Utami -- »und Du Ferani thust nicht wohl daran die Männer noch zu reizen, die über Dich zu Gericht sitzen sollen.«
»Dazu habt Ihr kein Recht!« rief aber, sich hoch emporrichtend der junge Mann -- »und wehe Euch wenn Ihr es wagen solltet Hand an mich zu legen.«
»Kein Recht? -- und wer sonst?« sagte Utami ruhig zu ihm aufschauend -- »wer anders als wir, ist der rechtmäßige Eigenthümer dieses Bodens, seit Pomare feige den Schutz bei dem Fremden suchte? Glaubst Du daß Ihr das _Recht_ erworben habt auf dieser Insel zu herrschen, weil die Kanonen Euerer Schiffe ihre Kugeln in die friedlichen am Ufer stehenden Fischerhütten schleudern können? Deine Landsleute haben den Krieg in dieses stille harmlose Land gebracht, den Namen Gottes haben sie zur Decke gebraucht, unter der sie ihre bösen Absichten und Pläne verbargen; ihre Landsleute, dieselben die mit ihnen einen Gott anbeten, gaben sie vor wollten sie schützen, weil sie noch ein Stück von einem Gewissen hatten, und sich schämten mit ihren eigennützigen, verbrecherischen Absichten so frei zu Tag zu kommen, und hätten wir ihnen den Schutz eingeräumt, so breiteten sie ihre Macht aus über das Land, und schon während sie ihrer Aussage nach für ihren Gott arbeiteten, füllten sie sich die eigenen Schiffe und legten ihre Arme über das Eigenthum eines andern fremden Volkes. Nun wir aber ihren Priestern die Erlaubniß gegeben hatten hier ungehindert zu predigen und gleiche Rechte mit den unsrigen zu haben, aber nur den _Schutz_ zurückweisen den sie uns angedeihen lassen wollen, und der in Euerer Sprache etwas ganz anderes bedeuten muß als in der unseren, denn in der unseren heißt das, was Ihr darunter zu verstehen scheint, _Diebstahl_, nun kommt Ihr mit Eueren wahren Absichten zu Tag. Wie in einem Spiel der Areois habt Ihr eine Maske vor Euerem wahren Gesicht gehabt, die Ihr jetzt abwerft, da sie Euch nicht mehr verbirgt -- stützt Euch auf Verträge, die Ihr anders auslegtet und benutztet als sie gemeint waren, sendet Euere Spione und Priester in unser Land unser Volk zu verderben und abtrünnig zu machen, und dringt zuletzt mit gewaffneter Hand in unsere Heimath, zerstört unsere Häuser, verwüstet unsere Felder, zerschmettert mit Eueren Kanonenkugeln unsere Cocospalmen und Brodfruchtbäume, die Stämme die uns und unseren Kindern Nahrung geben und dringt mit gewaffneter Hand in die Berge und Haine ein, unsere Männer zu erschlagen, unsere Weiber mit fortzuschleppen oder zu entehren.«
»Und was hab _ich_ mit alle dem zu thun?« entgegnete René ausweichend einer allerdings nur zu wohl begründeten Anklage gegenüber -- »gehörte _ich_ zu den Eroberern? -- gehöre ich _jetzt_ dazu? kam ich nicht, ein Fremder, auf Euere Inseln und wurde heimisch darauf aus freiem Willen und mit der Zustimmung eines Euerer Häuptlinge? -- nahm ich mir nicht ein Weib aus Euerem Stamme?«
»Und _wo_ ist die jetzt?« unterbrach ihn ruhig Utami.
»Jetzt? -- in unserer früheren Heimath hoffentlich, zu der sie mit Einem Euerer Priester hinüberging, mich zu erwarten.«
»Dich zu erwarten« -- wiederholte leise und ernst mit dem Kopf nickend der Häuptling -- »willst Du das ein Anrecht auf unsern Schutz machen, daß Du die Frau wieder von Dir schickst, die an Deiner Seite bleiben sollte, bis zu ihrem Tode? --«
René wollte heftig darauf antworten, aber er besann sich, biß die Unterlippe und sagte finster:
»Was meine Familienverhältnisse betrifft bin ich, denk' ich, nur mir selber die Rechenschaft schuldig.«
»Haß und Elend säet Ihr« sagte Utami ernst, fast traurig, »und verlangt Freundschaft, verlangt Liebe dafür.«
»Nicht ich, Utami« rief René aber, von dem weichen Tone getroffen, rasch -- »nicht ich, bei unserem Gott, und auch mir hat all das Leid was diese Inseln jetzt durch meine Landsleute, es ist wahr, getroffen, das Herz zerschnitten. Nicht ich billige ihr Verfahren, und hätte meine Stimme ein Gewicht, noch heute lichteten jene stolzen Schiffe ihre Anker und kehrten den Bug heimwärts, nie nie wieder den Frieden dieses stillen Inselreichs zu stören. Aber zu spät kommt solch ein frommer Wunsch« setzte er ruhiger hinzu -- »die Gier der Fremden, wie Euer eigener Unfriede -- der Stolz Euerer Priester, vielleicht die von ihnen erst aufgestachelte oder geweckte fanatische Wuth des Volks, sind Hand in Hand gegangen, dem Fremden das _Recht_, das scheinbare Recht wenigstens zu geben, auf das er jetzt sich stützt und das er mit dem Uebergewicht seiner Waffen aufrecht erhält. Nur Blutvergießen kann noch verhindert werden -- nur die Möglichkeit ist noch da weitere Kämpfe zu vermeiden, die hunderten von Unschuldigen das Leben kosten und Jammer und Elend über Euere Familien bringen müssen, und das zu vermitteln wäre ich gestern, oder wenn Ihr es da, als an einem Sabbath, nicht annahmt, heute dann im Auftrag des Gouverneurs selber zu Euch heraufgekommen, Euch den Frieden zu bieten von seiner Hand.«
»Was braucht er Frieden zu bieten« rief Teraitane finster -- »er soll unsere Bai verlassen mit seinen Schiffen und wir haben Frieden; sind _wir_ es die den Krieg begonnen haben, die ihn fortführen?«
»Und ob Ihr Recht habt, hilft Euch das doch Nichts« sagte René ruhig -- »der Fremde hat die Macht, die Gewalt in Händen; Frankreich hat Besitz von den Inseln ergriffen, und nur jene lügnerischen Versprechungen, die Euch von dem Schutz und der Hülfe Englands gemacht wurden, konnten Euch zu dem verzweifeltsten aller Entschlüsse treiben, Euch dem Mächtigeren zu widersetzen. So nehmt Vernunft an -- bleibt thatsächlich im Besitz Eures Landes, des Haupt ja nur den anderen Namen bekommen, und glaubt dann nicht daß unsere Priester mit gleichem Haß gegen die Eueren kämpfen werden, als diese es gethan. Euere Religion, Euer Glaube bleibt Euch geschützt, wenn Ihr für den die Waffen aufgegriffen.«
»Wir kämpfen nicht für unseren _Glauben_!« rief jetzt Utami zornig und die Hand geballt -- »wir kämpfen für unser _Land_, für unsere _Heimath_. Der _Glaube_ liegt in des Menschen eigner Brust, und wenn wir verhindert würden dem einen Tempel zu bauen, wählte er sich das eigene Herz. Wir wollen für uns keine solche Mauer, uns dahinter zu verstecken, wir wollen sie Euch aber auch nicht lassen. Offen und frei heraus sollt Ihr sagen »wir wollen Euer Land -- Euere Brodfruchtbäume, Euere Palmen, Euere Taro- und Patatenfelder, Euere Baien und die Fische darin, Euere Häuser, Euere Frauen -- Euere Männer sollen für uns arbeiten und wir wollen ihre Herren sein.« Was Glauben -- wenn Euer Gott die Macht besäße uns den zu nehmen, hätte er nicht geduldet daß andere Priester zuerst gekommen wären uns _ihren_ Glauben zu bringen. Friedlich unterwerfen sollen wir uns, das ist was Ihr wollt, aber das ist zu spät. Macht die wieder lebendig die Euere Kugeln und Bayonnette getroffen -- ruft die wieder in's Leben zurück die kalt und bleich in der Erde jetzt liegen, todt und blutig weil sie eben an ihrem Gott und Fürsten hingen, und dann wollen wir von Fried und Freundschaft reden, die Erneuerung solchen Unheils zu verhindern; jetzt nicht.«
»_Die_ Antwort soll der Häuptling der Feranis auch bekommen denn sein Frieden heißt Knechtschaft, seine Freundschaft Schmach, Du aber bleibst gefangen, bis uns die Männer zurückgeliefert sind, die mit halfen unsere Berge gegen den Uebermuth Deiner Landsleute zu vertheidigen, und geschieht ihnen ein Leides, so stirbst auch Du.«
»Der Eine von ihnen ist ein schwerer Verbrecher!« rief René unwillig -- »er hat Menschen ermordet und beraubt -- wollt Ihr mich mit einem solchen gleich stellen?«
»Deine Landsleute haben auch Menschen gemordet« rief Aonui heftig -- »und sind im Begriff uns Alles zu nehmen was wir haben -- selbst unsere Bibel -- das Heil unserer Seelen.«
»Auge um Auge, Zahn um Zahn!« sagte auch Teraitane -- »jeden Gefangenen tauschen wir ein, Mann um Mann -- für jeden Bruder den sie uns erschlagen verlangen wir volle Bezahlung in Blut zurück -- und ehe wir die nicht bekommen, kein Friede bis wir die Feranis bezwungen oder sie uns.«
»Peste!« rief jetzt der junge Mann, ungeduldig werdend und mit dem Fuße stampfend -- »was hab _ich_ mit dem Allen zu schaffen? Wenn Ihr meinen Landsleuten nicht gutwillig Euer Land -- ich könnte fast sagen das _unsrige_, überlassen wollt -- und verdenken mag ich's Euch nicht, was kümmert das _mich_? _Ich_ gehöre nach Papetee, oder jetzt vielmehr, meine Heimath wieder verändernd, nach Atiu, nicht zu den Schiffen die hierher gekommen sind Euch zu bekriegen, und dort der Priester selber, so finster er nach mir herüber blickt, muß mir bezeugen, daß ich mein Weib nur vorangeschickt, weil mich eben meine eigenen Landsleute im Verdacht hatten, _mit_ Euch gegen _sie_ mich verschworen zu haben, und mich nicht fort lassen wollten. Der ehrwürdige Herr da ist mein Freund gerade nicht, aber er wird eine Thatsache für mich bestätigen _müssen_.«
Mr. Rowe war schon seit einiger Zeit den versammelten Häuptlingen näher getreten, ohne jedoch ein Wort hinein zu reden; Manche von ihnen waren ihm keineswegs so untergeben wie er es, in Christlicher Demuth, für nützlich und nothwendig hielt, und er wollte sich keiner neuen Zurückweisung aussetzen. Direkt aber jetzt von dem Gefangenen angeredet, ja gewissermaßen zum Zeugen _für_ ihn angerufen, hatte er ein volles, und wahrscheinlich längst erwünschtes Recht zum Reden bekommen und sagte rasch, aber mit einem tiefgeholten, wie schmerzlichen Seufzer:
»Der Ferani hätte wohl Jemanden in diesem Lager gefunden, der günstiger für ihn sprechen könnte als ich.«
»Sie können nicht leugnen daß Sie bei unserem Abschied zugegen waren« rief René mit blitzenden Augen.