Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 4

Chapter 43,703 wordsPublic domain

»So? -- möglich, nun von Tahiti fort kann er nicht, und da hoffe ich denn bald seine nähere Bekanntschaft zu machen. Aber wie wollen Sie selber jetzt nach Atiu hinüberkommen? haben Sie irgend eine Gelegenheit?«

»Im Augenblick nicht« entgegnete René, »doch wird sich die schon finden, die Missionscutter kreuzen ja immer dann und wann einmal herüber und hinüber.«

»Die Missionaire entwickeln überhaupt eine wunderbare Thätigkeit in dieser Zeit« entgegnete finster der Gouverneur -- »und sie sollten sich doch Mr. Pritchards Beispiel zu Herzen nehmen. Ich werde sie scharf überwachen lassen, und dann unnachsichtlich das an ihnen zur Ausführung bringen, was sie selber, ohne sogar Veranlassung dazu gehabt zu haben, an unseren eigenen Priestern ausgeübt. Daß diese Herren immer das geistliche und weltliche Regiment mit einander verwechseln, und gar so gern aus dem einen in das andere hinüberpfuschen wollen. Doch dem sei wie ihm wolle, wir werden den Herren zu begegnen wissen, und sie haben es sich selber zuzuschreiben wenn sie nachher vielleicht etwas rauher behandelt werden, als ihrer Bequemlichkeit und ihrer Stellung zusagt.«

»Ich glaube daß hie und da ein freundliches Wort zwischen den Eingeborenen und der jetzigen Regierung manches Unglück vermeiden könnte« sagte René nachdenkend -- »den Insulanern sind eine Menge falscher Begriffe beigebracht, und mit unsern Sitten und Gebräuchen nicht bekannt, erscheint ihnen theils Manches schroffer als es im Anfang gemeint war, theils haben wir selber Vieles was sie gethan zu streng und ernst genommen. Die aufgezogene Flagge vor dem Haus der Königin z. B. hatte meiner Meinung nach keineswegs die Bedeutung die ihr der Admiral gab; es muß zu Misverständnissen führen, wenn wir denselben Maßstab unserer Handlungen an den der Eingeborenen legen wollen. Ich bin fest überzeugt daß Pomare in der Krone nichts weiter wie ein glänzendes Spielzeug sah.«

»Pomare vielleicht« sagte der Gouverneur, »aber nicht die sie ihr gaben -- der Insulanerin gegenüber hätte es vielleicht kaum einer Gegendemonstration bedurft, das geb ich zu, aber die Missionaire wußten recht gut um was es sich handelte, und _deren_ Auslegung wäre allein nach England und Frankreich hinüber berichtet worden.«

»Und die arme Pomare verlor darüber ihr Reich.«

Der Gouverneur zuckte mit den Achseln.

»In einer Hinsicht haben Sie übrigens recht« sagte er nach einer kleinen Pause, in der er einige Mal mit schnellen Schritten im Zimmer auf und ab gegangen war; »ich glaube selber daß ein Wort der Verständigung zu seiner Zeit weit mehr wirken würde, als die aufgepflanzten Kanonen und Bayonnette unserer Soldaten. Mir liegt besonders daran weiteres Blutvergießen zu vermeiden, auch sind wir hier gar nicht so stark, viele Siege wie der gestrige gewinnen zu können, der uns vier unserer besten Officiere und -- und _sehr_ viel gute Soldaten und Leute gekostet hat. Um so mehr leid thut es mir deshalb jetzt gerade Sie, lieber Delavigne zu verlieren, da eben Sie vor allen Anderen, in Ihrer Stellung zu den Eingeborenen, im Stande wären manches Gute zu wirken, manchen Conflict zu vermeiden. Wir würden Ihnen auch _sehr_ dankbar sein, wenn Sie sich entschließen könnten uns, wenigstens einen kleinen Theil Ihrer Zeit zu widmen. Nicht allein daß sie dadurch den Insulanern selber einen ungemein großen Dienst erweisen, denn auf die Länge der Zeit _können_ sie ja nun doch einmal unseren Waffen nicht Stand halten, während sie von jeder weiteren Hülfe durch unsere Schiffe abgeschnitten sind, Sie würden auch vielleicht manchem Landsmann dadurch das Leben erhalten.«

»Aber in welcher Art glauben Sie, daß ich das im Stande wäre?« frug René, zu ihm aufschauend.

»Sie wissen daß sich die Insulaner, Mahaena nicht für so sicher haltend, an anderen Orten wieder festgesetzt haben, ja noch in diesem Augenblick in Begriff sind zu verschanzen; die steilen Thäler, Schluchten könnte man sie eher nennen, dieses Landes, bieten den Eingeborenen dabei in der Vertheidigung unendliche Vortheile, und ihre Positionen werden immer nur mit großem Verlust an Menschenleben genommen werden können; aber sie werden doch genommen und die Erbitterung muß natürlich nach jeder geschlagenen Schlacht soviel höher steigen, der Riß soviel unheilbarer werden. Jetzt ist dabei vielleicht noch eine Aussöhnung möglich, Pomare mag zurückkehren und unter dem französischen Protectorat nominell, wenigstens den Eingeborenen gegenüber, fortregieren und wir ersparen eine Masse gutes Blut der einen wie anderen Parthei.«

»Die Missionaire werden aber nie in einen Frieden willigen« sagte René, »der die Gewalt ganz in die Hände ihrer Feinde giebt, und sie förmlich aus dem Land verjagt.«

»Es denkt ja aber gar Niemand daran das zu thun« rief der Gouverneur, »als eben ihre eigene starre Unduldsamkeit, die nun einmal keine andere Religion neben sich dulden will und mag. Nur gleiche Berechtigung verlangen wir für unsere Religion, wozu wir ein Recht hätten, selbst wenn es uns unsere Kanonen hier nicht sicherten, und wenn sie von der Vortrefflichkeit _ihres_ Glaubens so vollkommen überzeugt sind, wie sie vorgeben, weshalb _fürchten_ sie denn unter gleichen Verhältnissen mit ihm in die Schranken zu treten?«

»Und glauben Sie, Herr Gouverneur, daß ich im Stande wäre bei einem derartigen Versuch etwas Gutes zu wirken?« frug René -- »darf ich den Insulanern wirklich die Versicherungen Ihrer friedlichen Gesinnung bringen und daß Pomare nach Tahiti zurückkehren mag, zwischen ihnen zu leben -- _ihnen_ ihre Königin, wie daß ferner keinem in der Ausübung seiner Religion die mindeste Schwierigkeit in den Weg gelegt werden soll?«

»Das Alles, auf mein Ehrenwort,« erwiederte der Gouverneur -- »noch mehr -- es soll Alles vergessen und vergeben sein zwischen beiden Theilen, was bis jetzt geschehn -- den einen Burschen natürlich ausgenommen, der noch alte Rechnung hat -- es liegt mir ja nicht daran die Insulaner zu unterwerfen und sie zur Anerkennung unserer Macht zu zwingen -- zum Henker nein, wir wollen friedlich und freundlich zwischen ihnen leben, und nicht immer der Gefahr neuer Ausbrüche und Revolutionen ausgesetzt sein. Es ist auch wahrhaftig nicht einmal Ehre mit einem solchen Sieg zu gewinnen, wo uns die ganze civilisirte Welt nachher anschreit, wir hätten einen Haufen nackter Wilden mit hölzernen Speeren und Schwertern durch unsere Kanonen zusammengeschossen, während die Burschen in der That ganz verständig selber schießen können, und viel mehr Gewehre und Munition haben, wie ich eine Ahnung hatte.«

»Gebe Gott daß ich dann einen günstigen Erfolg bringe« sagte rasch René -- »gern will ich mich dem Auftrag unterziehn, und wie ich die Eingeborenen kenne, werden sie gern und willig zu ihren Hütten zurückkehren, dort in Frieden zu leben. Sie sind gut und friedlich von Natur, wie Ihnen ihr ganzes Betragen auch schon, selbst nach der Besitzergreifung, bewiesen haben muß, und wären sie nicht gar so arg gereizt, sie würden selbst jetzt nicht daran gedacht haben die Waffen aufzugreifen.«

»Die Waffen waren einmal da« sagte der Gouverneur finster »und mußten gebraucht werden. Es ist auch möglich daß das Einführen derselben eine kaufmännische Speculation gewesen, es sollte mir wenigstens lieb sein das zu glauben; fast aber fürchte ich, daß da auch noch eine andere Hand mit im Spiel gewesen, und war das wirklich, so dürfen wir auch nicht zu viel von einem freundlichen Wort hoffen. Nichtsdestoweniger will ich jedenfalls, mir selber später keine Vorwürfe machen zu können, die Sache versucht haben -- ich weiß auch daß ich dadurch im Sinn meiner Regierung handele, die um Alles einen ausgedehnteren Kampf um diese Besitzung zu vermeiden wünscht. Sind Sie also im Stande ein derartiges Uebereinkommen, einen Vertrag oder wie Sie es nennen wollen in Wirklichkeit zu ermöglichen, so rechnen Sie dabei ganz auf meine Unterstützung sowohl, wie wärmste Dankbarkeit.«

»Und wann wünschen Sie daß ich da aufbrechen soll?« frug René.

»Sobald Sie wollen; am Besten gleich morgen früh, denn jeder neue Tag führt dem Feind auch neue Hülfstruppen über die Berge zu, und macht ihn immer nur noch starrköpfiger auf der einmal eingeschlagenen Bahn beharren. Jetzt haben wir auch noch eine Anzahl Kriegsschiffe in der Bai, unter deren Kanonen sich ein Friedensabschluß weit anders ausnimmt, als wenn wir nur hier auf die geringe Zahl unserer Landtruppen, und vielleicht überall vom Feind umgeben, in die Stadt eingeschlossen sind. Sobald Sie zurückkehren statten Sie mir gleich Bericht ab. Gedenken Sie allein zu gehn, oder soll ich Ihnen eine Flagge und Bedeckung mitgeben?«

»Ich glaube ich gehe besser _ohne_ das Alles« sagte René, »die französische Flagge ist in diesem Augenblick nicht beliebt genug eine Empfehlung zu sein, denn die Erinnerung an die erlittene, und jetzt erst eigentlich begriffene Demüthigung liegt noch zu frisch in ihrem Gedächtniß. Allein hab' ich weniger zu fürchten, da mich Manche von ihnen kennen, ja mit mir befreundet sind.«

»Wie Sie denken« erwiederte Mr. Bruat sich die Lippe beißend, »und dann noch eins. -- Sind Sie einmal oben, können Sie vielleicht auch etwas über den Schuft Jim O'Flannagan erfahren; Monsieur Bertrand, der sich eben so warm für Sie verwandt, und, wenn ich nicht irre ein Jugendfreund von Ihnen ist, hat mit diesem Burschen ein ganz besonderes Capitel abzumachen, und will ihn gestern über die Stirn gehauen haben, so daß er sogar leicht an seiner Wunde zu erkennen wäre. Außerdem habe ich einen nicht unbedeutenden Preis auf seinen Fang gesetzt; vielleicht sind Sie im Stand, in den Bergen etwas Näheres über ihn zu hören.«

»Ich spreche Bertrand jedenfalls noch heute Abend« erwiederte René, »auch hat er mir schon selber von dem Iren und seinem früheren Leben erzählt; er scheint eine Art von Land- und Seepirat gewesen zu sein, und soll sich hier besonders mit dem Schmuggeln verbotener Spirituosen befassen.«

»Ein gefährlicher Charakter, besonders in jetziger Zeit« sagte Mr. Bruat -- »aber wer kommt da unten? was ist das für ein wunderlicher Kauz -- kennen Sie den Burschen, Delavigne?«

René war rasch an's Fenster getreten, dem ausgestreckten Arme des Gouverneurs mit den Augen folgend, warf aber kaum einen Blick auf die Gestalt, als er auch lächelnd wieder zurück trat und sagte:

»Das ist Einer unserer originellsten Charaktere in Papetee, und trotzdem dies das erste Mal, daß ich ihn wirklich in der Stadt erblicke. Er ist Schuster und wohnt draußen in den Guiaven in einer gewöhnlichen Bambushütte mit einer alten irischen oder englischen Hexe, die sie »Mütterchen Tot« nennen, und ihre beiderseitige Hauptbeschäftigung soll sein -- wenn das Gerücht nicht lügt -- Spirituosen an die Eingeborenen auszuschenken.«

»Und hat man das bis jetzt geduldet?« frug der Gouverneur rasch.

»Noch hat ihnen Nichts bewiesen werden können« lachte René, »denn die Alte ist zu schlau sich leicht erwischen zu lassen. Die Sache muß aber auch noch einen anderen Zusammenhang haben, denn selbst die Missionaire dulden sie dort im Busch, trotz dem ziemlich allgemein ausgesprochenen Betrieb. Aber der Schuhmacher kommt wahrlich hier in's Haus; das muß denn etwas ungemein Wichtiges sein, was ihn hierher führt. So viel ich weiß haßt er uns Franzosen wie die Sünde, und soll fast den ganzen ausgeschlagenen Tag in der Bibel lesen.«

»Sie empfehlen mir den Mann immer mehr« lachte der Gouverneur -- »er scheint mir übrigens mehr Carricatur als Original, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn er sich nicht vielleicht bei den französischen Behörden über seine englische Gattin beklagen und sich mit unter das Protectorat stellen wollte -- hahaha, da hätten wir gleich einen praktischen Nutzen für _Englische_ Bürger, die doch im Anfang solches Geschrei darüber erhoben. Aber wahrhaftig, ich glaube er will zu mir.«

Eine Ordonanz trat in diesem Augenblick in's Zimmer und meldete daß ein verdächtig aussehendes Individuum, das halb englisch halb insulanisch spräche, vorgelassen zu werden verlange und in größter Eile zu sein behaupte, auch etwas sehr Wichtiges mitzutheilen habe.

»Dann Herr Gouverneur« sagte René, »erlauben Sie vielleicht daß ich mich entferne.«

»Nein, das erlaube ich nicht« lachte dieser, »dann brauche ich Sie zum Dollmetscher; für ein Gemisch von Englisch und Indianisch halte ich mich nicht sattelfest genug. Oder haben Sie irgend etwas anderes, besonderes vor?«

»Nicht das entfernteste« entgegnete der junge Mann, »es wird mir das größte Vergnügen machen Ihnen dienen zu können.«

»Ich wollte ich dürfte Sie vollständig beim Wort nehmen, Delavigne« sagte Mr. Bruat, der Ordonanz dazwischen ein einfaches »er soll herein kommen« zurufend. »Wir brauchen jetzt Leute, _tüchtige_ Leute, und für solche ist gerade auch wieder der jetzige Zeitpunkt vortrefflich, ihr Glück zu machen. Was haben Sie drüben in Atiu? das läuft Ihnen nicht weg, und der jetzige Moment kehrt vielleicht im Leben nicht wieder. -- Aber ich will Ihnen nicht zureden« unterbrach er sich rasch, »Sie mögen sich das noch mit sich selber überlegen; da kommt auch eben unser dringender Besuch -- wie heißt der Bursche?«

»Murphy, wenn ich nicht irre.«

»Ein ächt irischer Name, dem das Gesicht keine Schande macht. Sehn Sie nur was für tückisch blitzende Augen der Bursche im Kopfe trägt; etwas Gutes hat den _nicht_ zu mir geführt, soviel ist sicher. Und was wollt Ihr? -- ach ich vergaß, bitte Delavigne fragen Sie einmal den Feuerbrand was er von mir will -- Peste, wie er aussieht.«

Murphy hatte sich indessen langsam und scheu zur Thür herein geschoben, und stand da, wie eine Fledermaus am Tage, die beiden Männer, die französisch mit einander sprachen, mistrauisch betrachtend. Ein finster drohender Ausdruck legte sich aber in seine Züge und schien sich dort in die Falten und Pockennarben ordentlich festzuhängen, als beide Männer, nicht im Stande beim Anblick der Gestalt ernsthaft zu bleiben, erst an zu lächeln fingen, und dann endlich in ein laut schallendes und anhaltendes Lachen ausbrachen.

Murphy hatte übrigens dazu gar gegründete Ursache gegeben. Zuerst trug er wieder, als die einzig mögliche Zeit, und vielleicht auch andere Mängel zu verdecken, den erbsgelben Rock, bis an den Hals zugeknöpft, mit den Schößen unten an seine nackten Waden, oder wenigstens an einen Klumpen von Sehnen und Muskeln schlagend, der hinter dem Wadenbeine irgendwie befestigt schien. Die Beine staken in sehr defekten, unten wenigstens ausgefranzten Hosen; seine Extremitäten vom Hals ab, Kopf Hände und Füße waren bloß, die letzteren dem eigenen Handwerk zum Trotz, und nur um den linken Fuß, mit dem er vielleicht in eine Glasscherbe oder sonst etwas getreten, hatte er sich ein Stück gelbbrauner Tapa geschlagen und mit Bast befestigt. Nahm man nun noch das wunderlich zusammengezogene, halb boshafte halb komische, von Blatternarben zerrissene Gesicht des kleinen Iren dazu, mit dem brennend rothen struppigen Haar und den kleinen hellgrauen stechenden Augen, so war die Fröhlichkeit der beiden Männer zu entschuldigen, die durch den verlegenen Ausdruck des Mannes eher noch erhöht als vermindert wurde.

Murphy schien aber nicht in der Stimmung vielen Spaß mit sich machen zu lassen, und mit einem mürrischen Seitenblick auf die vor ihm Stehenden und einem halblaut gemurmelten =»damned fools ye«=[1] wollte er sich eben wieder umdrehn und das Zimmer ohne weitres verlassen, als ihn René in Englisch anrief und ihn frug was er vom Gouverneur Bruat wünsche.

[1] Verdammte Narren Ihr.

Bei der Englischen Anrede stutzte der Ire, und sah erst René, dann den Gouverneur ein paar Secunden mit seinen stechenden Augen forschend an, dann aber, wie sich besinnend um was er eigentlich hier hergekommen, sagte er im breitesten irischen Dialekte:

»Seid Ihr der Misther Gouverneur?«

»Nicht ich -- dieser Herr da.«

»Und kann der nicht für sich selber sprechen?«

»Ich werde dollmetschen, Murphy« erwiederte René lächelnd -- »was führt Euch her?«

»Murphy?« wiederholte der Ire erstaunt seinen Namen, »wo bei Jäsus, habt Ihr den Namen her, Sirrah? -- aber s'ist einerlei« fuhr er dann rascher fort. »Ihr Franzosen spionirt ja doch überall herum -- aber Ihr habt eine Belohnung auf das Einfangen von einem weggelaufenen Mann gesetzt -- wollt Ihr die zahlen?«

»Ha -- wer ist das?« rief der Gouverneur rasch, der den ungefähren Sinn der letzten Worte verstanden hatte.

»Jäsus mein Herzchen -- ob er nicht blos so thut als ob er keine Ohren hätte« sagte Murphy mit einem breiten Grinsen, »aber was sagt er jetzt?«

René wechselte rasch einige Worte mit dem Gouverneur und wandte sich dann wieder an den Iren.

»Und wer ist's den Du zu vergeben hast, mein Bursche? -- wenn's der rechte ist kannst Du einen schönen Thaler Geld verdienen -- wie heißt er?«

»Jim O'Flannagan -- =damn his eyes=[2] und Jack irgend noch sonst was.«

[2] Verdamm seine Augen.

»Alle Beide?«

»Sitzen jetzt in der Falle.«

»Und wo ist das?«

Wieder verzog sich das Gesicht des Mannes zu einem breiten halb pfiffigen halb höhnischen Grinsen und er knurrte:

»Soll Euch Murphy das Nest nennen eh' er das Silber hat?«

»Das Nest wird Mütterchen Tots Hotel sein« sagte René gleichgültig während der Mann einen überraschten tückischen Blick auf ihn warf -- »doch hab' keine Furcht, wenn Du die beiden Burschen in des Gouverneurs Hände lieferst, wird Dir Dein Lohn nicht entgehn. Aber -- wie ist mir denn?« frug er sich besinnend und gegen den Gouverneur gewandt -- »der eine von ihnen hat doch nur ein Verbrechen verübt, nicht wahr?«

»Der andere ist ein entsprungener Matrose« sagte Mr. Bruat.

»Hm« murmelte René vor sich hin -- »doch es liegt Ihnen daran nur den einen zu fassen?«

»Nein, nein alle Beide -- sind Sie alle Beide im Haus? -- bitte fragen Sie den Burschen einmal.«

»Habt Ihr sie alle Beide im Haus -- auf den einen sind fünfhundert, auf den andern nur zwei gesetzt!«

»Alle Beide« bestätigte Murphy, »aber rasch müssen Sie machen, wenn Sie die Vögel noch erwischen wollen -- die Sonne ist nicht weit mehr vom Untergehn und jetzt ist die Zeit -- später steh ich für Nichts, denn fort wollen sie auch.«

»Fort? -- wohin?«

»Wohin? -- weiß ich's?« sagte der Kleine mürrisch -- »nur ihre Bündel haben sie bei sich, und ihre Waffen, und ein Canoe ist nicht schwer zu finden am Strande, wer Lust dazu hat!«

»Nicht unwahrscheinlich« sagte, mit dem Kopf nickend, der Gouverneur, der aufmerksam dem Gespräch gefolgt war, und jedenfalls so viel Englisch verstand, den ungefähren Sinn zu begreifen. »Dann haben wir keine Zeit zu verlieren, und Sie können den Spaß mit ansehn Delavigne.«

Er klingelte und sagte, als die Ordonanz gleich darauf in militärischer Stellung eintrat:

»Lieutnant Bertrand von der Jeanne d'Arc lasse ich ersuchen augenblicklich zu mir zu kommen -- er ist an Land, Du wirst ihn drüben im Café bei Victor finden -- es ist eilig.«

Der Soldat verschwand blitzesschnell wieder durch die Thür und vielleicht zehn Minuten später, während der Gouverneur mit auf dem Rücken zusammengelegten Händen im Zimmer auf und ab ging, Murphy ungeduldig von einem Fuß auf den andern schaukelte und bald nach der Thür bald nach dem Fenster sah, hörten sie die raschen Schritte des jungen Officiers über die hölzerne Verandah kommen; wenige Secunden später betrat er das Zimmer, das Nöthigste jetzt über die rasch auszuführende Expedition zu berathen, das Berathene eben so rasch auszuführen.

* * * * *

Die Bambushütte in der Mrs. Tot ihren Wohnsitz aufgeschlagen, lag, wie sich der Leser erinnern wird, einige hundert Schritt von der äußersten und jetzt von Gräben und Wällen eingeschlossenen Grenze der eigentlichen Stadt Papetee entfernt, tief in den Guiaven und Fruchtbäumen versteckt, und jetzt also von jedem Verkehr mit ihren europäischen Gästen, den Matrosen der Englischen oder Französischen Schiffe, vollkommen abgeschnitten. Französische Matrosen hatten sich überhaupt bei ihr sehr selten, und nur dann und wann einmal von den Mädchen selber dorthin gezogen, sehen lassen, deshalb auch ihre Sympathieen nicht, und ein kleiner Transport ächten holländischen Genevres, eine Parthie versetzten Kartoffelbranntweins, den sie sich in Jims Abwesenheit von einem anderen ungeschickteren Bekannten wollte besorgen lassen, war ihr noch außerdem erst an dem gestrigen Tage von einer französischen Patrouille entdeckt und confiscirt worden, und damit dem Fasse ihrer Geduld der Boden ausgestoßen.

Die Hütte selber lag auch in den letzten Tagen wie leer und verlassen, denn wenn auch gerade jetzt dem verbotenen und so vortheilhaften Einzelverkauf der Spirituosen Nichts im Wege stand, da die Franzosen in ihren Schanzen gewissermaßen eingeschlossen lagen, wenigstens nicht daran dachten nur um dem Schmuggeln zu steuern kleine Patrouillen in das Dickicht hinauszuschicken, die von den Eingeborenen leicht überrascht und aufgehoben werden konnten, so lag doch auch der Platz wieder für diese zu weit von ihrem jetzt eingenommenen Lager entfernt, und sprachen ja einmal Einzelne dann und wann vor, so geschah das meist nur auf Kundschaft, vielleicht irgend wen ihrer abtrünnigen und den Feranis ergebene Landsleute, die sie jetzt fast mehr haßten als die Feranis selber, zu überraschen und aufzuheben. Murphy konnte fast den ganzen ausgeschlagenen Tag ungestört in seiner Bibel lesen, und Mütterchen Tot saß in einem Winkel ihrer Hütte, in einer Stimmung, die nur eine Ursache suchte, Gift und Galle gegen den ersten ihr in den Weg Laufenden auszuspritzen.

Es war spät am Nachmittag als die Stille fast zum ersten Mal durch die Schritte dreier Männer unterbrochen wurde, die den schmalen aus den Bergen niederführenden Pfad herunter kamen und sich der Hütte näherten. Es waren zwei Weiße und ein Insulaner -- drei alte Bekannte von uns, Jim O'Flannagan, Jack und Raiteo, der Dollmetscher von Atiu, der mit dem ehrwürdigen Mr. Rowe von dort herübergekommen, und die Verhältnisse hier viel zu interessant und versprechend gefunden zu haben schien, Tahiti so bald wieder mit der stillen Heimathsinsel zu vertauschen. Der Indianer wurde voran in die Hütte geschickt, zu sehen ob die Luft rein und keine Gefahr zu fürchten sei.

»Nun was giebt's?« knurrte die Alte, als der Insulaner den Kopf in die Thür steckte und, Niemanden weiter darin erblickend wie die beiden Besitzer, eben so rasch fast wieder verschwand -- »die Pest auf Deinen Kopf, Du rother Hallunke, kommst Du zum Spioniren hierher und weiter Nichts? daß Dich ein Hai packe das erste Mal wo Du den Fuß wieder in Salzwasser setzest, und Du Gift in dem ersten Glase Brandy säufst. Ha? -- wer kommt da? -- auf mit Dir Du fauler schuftiger Tagedieb dort, oder _ich_ stehe auf und schlage Dir das vermaledeite Buch um die Ohren herum, das ich Dir tausendmal schon hätte verbrennen sollen, wenn meine verfluchte alberne Gutmüthigkeit nicht wäre. Auf mit Dir, sag' ich, und sieh nach -- daß ich Dir Beine mache« knurrte sie dann leiser hinterher, als Murphy, innerlich Verwünschungen ausstoßend, denen er sich nur scheute Worte zu geben, aber doch dem Ruf gleichsam instinktartig gehorsam, aufstand, und durch die Stäbe der Bambuswand schaute.

Sie sollten jedoch über den Besuch nicht lange in Zweifel gelassen werden, denn schon wenige Secunden später riß Jim O'Flannagan selber die Thür auf und betrat, immer aber noch einen mistrauischen Blick umherwerfend, und von Jack und Raiteo gefolgt, das Haus, wo ihn Mrs. Tot mit einem halb erstaunten halb mürrischen Gesicht empfing.

»Segne meine Seele Mann, wie seht Ihr aus« kreischte sie aber, als sie einen vollen Blick auf die Gestalt des Iren geworfen, die sie jetzt erst wieder erkannte. »Mensch, haben Euch die Feranis oder die Teufel in den Krallen gehabt, daß sie Euch nicht einen Zollbreit gesundes Fleisch im Gesicht gelassen? -- wenn's nicht an Eueren Haaren und Euerer ganzen Gestalt wäre, an Eurer liebenswürdigen Physionomie hätte ich Euch im Leben nicht wieder erkannt. Wo kommt Ihr her und was führt Euch zu mir?«