Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 3

Chapter 33,625 wordsPublic domain

Wilder und tödtlicher wurde das Handgemenge, besonders da, wo Aonui an Jim O'Flannagans Seite mit wahrem Heldenmuthe focht. Der alte Mann hatte aber doch die Bibel, die er bis dahin unverdrossen im Arm getragen, in der Hitze des Gefechts fallen lassen, ohne es in der That gewahr zu werden, zweimal schon sein Gewehr mit Erfolg auf den Feind abgefeuert, und eben wieder zum dritten Mal geladen. Jim O'Flannagan, der Ire kämpfte neben ihm, und wenn auch nicht mit so kecker Todesverachtung wie der Indianer, vielleicht mit dafür desto günstigerem Erfolg, denn keineswegs gesonnen sein Leben irgend einer unnöthigen Gefahr auszusetzen, hielt er sich immer etwas mehr im Rückhalt, jeden Platz aber dann um so gewandter und auch entschlossener vertheidigend, wo die Franzosen irgend festen Fuß zu fassen drohten. Er wußte genau für was er kämpfe, und hatte überhaupt keine Idee gehabt, daß die »Fremden« einen solchen ernsten Angriff auf das kleine Fort beabsichtigen könnten. Jetzt aber durfte er den Platz nicht gut mehr verlassen, ohne bei den Eingeborenen als feige verschrieen zu werden und die einzige Vorsicht die er nun brauchte, war sein Gesicht so wenig als möglich auf dem Wall zu zeigen, während er doch selber dann und wann einmal einen Blick nach unten zu gewinnen suchte, ob er nicht seinen gefährlichsten Feind und Gegner unter den Stürmenden entdecken und vielleicht unschädlich machen könne.

Die Matrosen der Jeanne d'Arc waren allerdings bei dem Sturm betheiligt, denn Einer von ihnen, der sich zu keck den Uebrigen vorausgewagt, lag von Jims Kugel getroffen todt in dem inneren Wall, der Strohhut war ihm vom Kopf gefallen und das breite schwarze Band darum trug den vollen Namen des Schiffes. Vergebens suchte er aber nach jenem Officier, die Leute der Jeanne d'Arc schienen von Fremden, ihm wenigstens Unbekannten angeführt zu werden, und zwei von diesen hatte er schon, immer nur sein Augenmerk auf die eine Schaar gerichtet, den einen gleich auf dem Fleck erschossen, den andern tödtlich verwundet, daß er fortgetragen werden mußte.

Pompey auf seiner Seite hatte ebenfalls mit den ihm beigegebenen Leuten, Wunder der Tapferkeit gethan, und die nackten Burschen warfen sich mit kaltblütiger Todesverachtung immer auf's Neue dem scharfen Stahl der Bayonnette entgegen, hier mit Schleuder und Wurfspeer, auf die kürzeste Entfernung oft in einem förmlichen Kugelregen ihr Opfer suchend und findend, und dort, unter den drohenden Waffen der Feinde gefallene oder verwundete Kameraden herausholend, als ob sie sicher im Schatten ihrer Palmen lägen.

Teraitane hatte den Oberbefehl des Ganzen, aber weder sein Befehl noch seine Stimme wurde in dem Gewirr von Tönen, dem Schießen und Schreien, Trompeten und Trommeln gehört, während bald darauf, indeß der Wind sich nach dem Zenith der Sonne wieder legte, der Pulverdampf wie ein dichter Schleier auf dem Hügel lag, und ein Feuern von den Schiffen aus ganz unmöglich machte, indem sie von dort nicht mehr Freund und Feind unterscheiden konnten. Und selbst im Einzelkampf war dieser Pulverqualm den Eingeborenen günstig, denn die Franzosen konnten von ihrer Schießwaffe erst in einer Entfernung Gebrauch machen, wo selbst die leichten Wurfspeere tödtlich wirkten und die sicher geschleuderten Steine manches Opfer trafen und zu Boden warfen. Aber auch erbittert durch den unverhofften Widerstand warfen sich die Matrosen besonders, immer auf's Neue gegen den Wall, von ihren Officieren unerschrocken angeführt, einen Eingang zu erzwingen und den Feind in seine Berge zu treiben.

Bertrand führte übrigens wirklich die Seeleute vom Bord der Jeanne d'Arc, wenn ihn Jim O'Flannagan auch noch nicht gesehn, und Adolphe focht mit einer kleinen und schon tüchtig zusammengeschmolzenen Schaar der Marine-Infanterie an seiner Seite, selber aus mehren Wunden blutend, aber unbekümmert darum die Seinen immer zu neuen Anstrengungen treibend.

Die Trompeten und Trommeln waren ihnen dabei mehr zum Schaden als Nutzen gewesen, denn während sie die Leute, die dessen kaum noch bedurften, mehr anfeuern sollten, verriethen sie den Belagerten immer schon im Voraus die genaue Stelle wo der nächste Angriff geschehen sollte, und zogen sie dorthin, den Stürmenden ihre ganze Macht entgegenzuwerfen. Bertrand sandte deshalb jetzt auf Adolphes Rath seine Trommler sowohl wie Trompeter, durch die Guiaven und den Nebel gedeckt, am Hang hinunter, von dort aus, wenn sie das Fort eine kurze Strecke umgangen hatten, einen Scheinangriff zu blasen, während sie dann zu gleicher Zeit auf anderer Stelle das Fort suchen wollten zu forciren. Glücklich und unbemerkt hatten diese auch, von einem jungen Seecadetten geführt, die eben bezeichnete Stelle erreicht, und wie sie dort zum Angriff bliesen und den, von den Eingeborenen jetzt nur zu gut gekannten Sturmmarsch wirbelten, flogen die meisten der Vertheidiger dort hin, dem erwarteten Angriff zu begegnen.

Teraitanes scharfes Ohr hatte aber gleich vom ersten Augenblick mistrauisch den etwas zu ungewöhnlich lauten und herausfordernden Tönen gelauscht, und rasch die Blöße entdeckend, die auf der einen Seite der Verschanzung gegeben wurde, während auf der anderen noch immer kein Schuß fiel, sprang er vor und rief Aonui mit seinen Leuten von dort ab, auf ihrem Posten zu bleiben und ihre Seite des Walles zu vertheidigen. Er brauchte ihnen aber seine Gründe nicht auseinanderzusetzen, denn in demselben Augenblick fast hörten sie den raschen regelmäßigen Schritt einer stürmenden Schaar, die lautlos und drohend heranrückte.

»Wehrt Euch!« rief Teraitane »und Feuer! sobald Ihr sie sehen könnt!« und unter dem Knall der Musketen warfen sich die von Bertrand und Adolphe geführten Seeleute dem kleinen schwachen Corps, das diese Stelle noch besetzt hielt, entgegen, erzwangen den Damm und warfen die Guiavenbüsche, während ein Theil der Truppe die Eingeborenen mit dem gefällten Bayonnette zurückhielt, hinter sich hinab, freie Bahn zu bekommen für sich und die Nachfolger, und drangen dann, während die hinten Stehenden so rasch als möglich nachpreßten, gerad' hinein in die ihnen entgegenstarrenden Speere und Bayonnette.

Die Pistolen der Matrosen thaten hier schlimme Wirkung, und trotz dem daß sich Aonui mit den Seinen in voller Todesverachtung den feindlichen Kugeln aussetzten, und ihnen jeden Zollbreit Raumes mit scharfer Waffe streitig machten, faßten die Franzosen schon mehr und mehr festen Fuß, selbst bis in die Verschanzung selber hinein, wo sie sich auch vielleicht, waren sie in diesem Augenblick von Außen gehörig unterstützt, behauptet hätten. Der Nebel, der ihr Eindringen aber begünstigte, verhinderte auch die Freunde, die errungenen Vortheile zu sehn, während der gellende Schlachtenschrei Teraitanes die Seinen zu sich rief, die jetzt in mehren Trupps, dort Gefahr wissend, herbeistürmten.

Auch Pompey, der sich mit durch den falschen Alarm der Trompeten und Trommeln hatte täuschen lassen und nach dort zu vergebens einen Augenblick hinausgehorcht, den anrückenden Feind in dem Nebel erscheinen zu sehn, hörte jetzt den Schlachtenlärm zu seiner Rechten, und die ihm nächsten Indianer rasch an sich rufend, sprang er mit ihnen der bedrohten Stelle zu.

Bertrand kämpfte hier in den vordersten Reihen, mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit die nach ihm gerichteten Stöße parirend und mit scharfer Klinge sich mehr und mehr Bahn hauend in den Menschenknäul; da fiel sein Blick plötzlich auf eine bekannte Gestalt -- er sah die Mündung eines Gewehrs, fast dicht vor sich, auf seinen Kopf gerichtet und behielt eben noch Zeit mit dem Säbel unter das auf ihn zeigende und gerad' erreichbare Bayonnett zu schlagen, als auch die Kugel so dicht über seinem Kopf hinpfiff, daß sie ihm einen Theil der Haut mitnahm!

»Hund!« schrie er in demselben Augenblick und warf sich auf den erkannten Verbrecher, und während er die nach ihm gestoßene Waffe noch einmal parirte, führte er mit dem Säbel einen so gut gemeinten Hieb nach der Stirn des Iren, daß nur eine rasche Wendung von dessen Kopf dem Streich das tödtliche nahm, während die scharfe Waffe an der Seite seines Schädels nieder fuhr, den oberen Theil des linken Ohres mit nahm und auf dem Schlüsselbein abprallte. Zu gleicher Zeit sprang Bertrand zu und den Iren mit der Linken fassend, wollte er ihn eben zurück und nach seinen Leuten zu reißen, als Pompey mit der Verstärkung auf dem Kampfplatz erschien und mit solcher Wucht gegen den Franzosen anprallte, daß dieser seinen Gefangenen loslassen mußte und alle seine Stärke und Gewandtheit gebrauchte, sich gegen den neuen riesigen Feind zu vertheidigen.

Die Soldaten und Matrosen fanden sich aber in diesem Momente auch so von allen Seiten bedrängt, daß an ein Vordringen weiter gar nicht mehr gedacht werden konnte, ja Bertrand fast sogar der Rückzug abgeschnitten wäre, hätte sich nicht Adolphe mit seinen regulären Truppen, die eigene Gefahr misachtend, hineingeworfen, ihn heraushauen zu helfen, während von der andern Seite der erste Lieutenant der Jeanne d'Arc ebenfalls mit einem kleinen Trupp Matrosen einen Scheinangriff machte, die Aufmerksamkeit der Belagerten von dort in etwas abzulenken und den Kameraden Luft zu gönnen.

»Hierher meine Jungen«, rief dieser seinen Leuten zu, »hinein mit Euch, und treibt mir die rothen Schufte da einmal zu Paaren,« und über einen niedergeschossenen Guiavenstamm springend wollte er eben über einen kleinen freien Raum der innern Schanze laufen, von seinen Leuten gefolgt den Kameraden Hülfe zu bringen, als eine pulverrauchgeschwärzte Gestalt auf ihn zusprang die er in dem von Blut entstellten Zügen kaum wieder erkannte, und mit heiserer Stimme ihn anschrie:

»Hallo mein Herzchen, bist Du hierhergekommen _uns_ einmal zu besuchen« und der Bursche richtete dabei, auf kaum zwei Schritt Entfernung ein weitmündiges Sattelpistol auf den Officier --

»Schurke!« schrie dieser, seinen entsprungenen Matrosen in ihm erkennend -- »Du meldest Dich gerade zur rechten Zeit,« und zum Hiebe ausholend wollte er auf ihn einspringen, als Jack, der ruhig seine Zeit erwartet hatte, ihm das Pistol so nahe vor den Augen abfeuerte, daß der Pulverblitz seine Augenwimper versengte und die Rehposten mit denen es geladen war den Unglücklichen mit zerschmettertem Hirn zu Boden warf.

»Vergeltung -- Rache!« jubelte der Matrose und stieß einen gellenden Freudenschrei aus, der von der anderen Seite des Forts beantwortet wurde, und von dort her stürmte neue Hülfe. Die Seeleute aber, die sich nicht weiter unterstützt sahen und dem neuen Anprall nicht hätten die Stirne bieten können, faßten ihren erschossenen Officier auf, und zogen sich damit, durch vorgehaltene Bayonnette ihren Rückzug deckend, wieder die Schanze hinauf und jetzt, den Hörnern folgend die von allen Seiten den wirklichen Rückzug bliesen, in die Guiaven hinein, dem schon wieder eröffneten Feuer nicht länger und nutzlos ausgesetzt zu sein.

Es wäre unmöglich den Jubel zu beschreiben, der bei dem Rückzug, ja der Flucht der Feinde, in der kleinen so tapfer vertheidigten Veste ausbrach. Im ersten Augenblick konnten sie ihren Sieg noch nicht gleich übersehen, denn der Nebel lag zu dicht auf der ganzen Kuppe, als aber jetzt ein Windstoß von der See herüber die duftigen Schleier faßte und auseinander riß, sie rechts und links in die steilen Schluchten hineinzudrängen, und der Feind, von dem wilden Anprall der Eingeborenen zurückgeworfen, nirgend mehr zu sehen war, ja seine Todten und Verwundeten sogar hatte zurücklassen müssen, da tönte _ein_ gellender, trotziger Jubelschrei aus den Kehlen der Sieger, und der eigenen Wunden nicht achtend sprangen und rannten sie, ihre Speere und Waffen schwingend wild und toll umher.

Während ein Theil aber wieder, rasch um den Missionair gesammelt, zu einer Dankeshymne die Stimme erhob, dem Herrn der Heerschaaren, der seine Hand über ihnen gehalten in der schweren Stunde, flogen die Mädchen und jungen Leute wieder zum kecken ausgelassenen Tanz. Maire vor Allen, auf den blutgetränkten Boden des einen Walles springend, auf dem der Kampf am hartnäckigsten gewesen und wo selbst die Guiavenbüsche von den Stürmenden wie Belagerten zur Seite gerissen waren, freien Spielraum für ihre Waffen zu haben und Auge in Auge den Gegner zu treffen und zu bekämpfen, war die tollste; dort stand und sprang jetzt das halbnackte, bildschöne wilde Mädchen mit blitzenden funkelnden Augen in den wildesten unanständigen Gebärden ihres Tanzes nach den Schiffen hinüber spottend und drohend --

»Kommt!« sang oder schrie sie vielmehr dabei, denn die Adern ihrer Schläfe waren zum Zerspringen angespannt,

Kommt Ihr Feranis her -- Habt Ihr den Muth nicht mehr? Kommt -- Hei wie Ihr laufen könnt Hei wie Ihr --

Ein wilder, gar nicht dieser Erde angehörender Schrei endete das kecke Lied, und die Arme emporwerfend, während von einer benachbarten, kaum zugänglichen Felskuppe der Donner der Geschütze ganz in der Nähe herüberschmetterte und die überraschten Eingeborenen erschreckt aufschauen machte nach dem neuen Gegner -- flog der von einer Kartätsche zerrissene Körper der jungen Tänzerin -- ein furchtbarer Anblick -- über den inneren Wall herunter in die Verschanzung.

Einzelne Kugeln schlugen noch außerdem hie und da ein, und zum ersten Mal erkannten die Belagerten jetzt daß die Feinde, während des Nebels jedenfalls, eine bessere und höher gelegene Position für ihre Geschütze eingenommen hatten, und wenn sie auch sich nicht denken konnten wie die Feranis den fast unzugänglichen schmalen Pfad dort hinauf allein gefunden haben konnten, ließ sich doch die Thatsache selber, die ihnen Kugel nach Kugel herüber sandte, nicht verleugnen.

Die Franzosen hatten aber auch in der That den Platz durch Verrath genommen, und zwar von einem »Capitain Henry«, wie behauptet wird dem Sohn eines englischen Missionairs, selber geführt, der dem französischen Commandant zuerst den Angriff auf jenen so vortrefflich befestigten Punkt ganz abgerathen und jetzt, als der Angriff zurückgeschlagen worden, den Sieg dadurch auf Seite der Franzosen zu lenken suchte, daß er ihnen den Pfad zeigte, ihre Geschütze günstiger placiren und damit zum Theil die innere Verschanzung der Eingeborenen beherrschen zu können. Durch den Nebel begünstigt, als abgeschickte Boten den wahrscheinlichen Ausgang des Kampfes gemeldet, wurden die Geschütze an Ort und Stelle hinaufgeschleppt und die erste Ahnung welche die Eingeborenen von der gefährlichen Nähe bekommen, war eben die, von dort herübergefeuerte erste Salve.

»=Damn it!=« schrie Pompey, als er einen mehr zornigen als überraschten Blick dort hinüber geworfen -- »wir stürmen das Nest da oben, und werfen ihnen nachher ihre Kugeln auf die Schiffe zurück! wer geht mit?«

Ein wildes jubelndes Geschrei antwortete ihm, und die trotzigen halbnackten Gestalten griffen ihre Waffen fester und machten sich schon bereit, nur eben der ersten Andeutung folgend, ihre Leiber todesmuthig der Gefahr entgegenzuwerfen. Teraitane aber, der das Terrain dort besser kannte und die Unmöglichkeit einsah, von hier oben die fast steile Wand zu den Kanonen hinaufzulaufen, während sie noch dazu von der Artillerie vertheidigt werden konnte, wollte seine Einwilligung nicht geben und hielt, einen neuen Sturm auf das Fort jetzt, unter dem Schutz jener Kanonen mit Recht erwartend, die Seinen zurück.

Auf diesen sollten sie auch gar nicht so lange zu warten haben; der erste Lieutenant der Uranie, der den Oberbefehl über die Stürmenden führte, konnte von einer kleinen Anhöhe aus den neuen und vortheilhaften Stand ihrer Geschütze erkennen, und die Hörner riefen seine Leute, die Ueberraschung des ersten Augenblicks zu benutzen, schnell wieder zum erneuten Angriff des Forts herbei.

Hier aber fanden sie trotzdem noch immer den alten, hartnäckigen Widerstand, und eine halbe Stunde mochte der erbitterte Kampf, Fuß an Fuß von beiden Seiten gedauert haben, wobei den Eingeborenen die höher stehenden Kanonen der Feinde allerdings wesentlichen Schaden thaten, als Pompey endlich, nach kurzem Kriegsrath mit Teraitane und Aonui einen Rückzug in die Berge beschloß, theils von einer anderen Bergspitze aus die dort stationirte Artillerie im Rücken zu fassen, theils die Franzosen zu verlocken ihnen in das Dickicht nachzufolgen, und sie dann, von den Guiaven geschützt zu umzingeln und abzuschneiden, während ihnen die eignen Kanonen im Dickicht keinen Beistand mehr leisten konnten.

Teraitane war nicht ganz damit einverstanden, denn er fürchtete, daß sich die Franzosen vielleicht in dem Fort fest setzen möchten, wo sie dann gezwungen gewesen wären den Platz, den sie jetzt behaupteten, wieder zu erstürmen, Aonui und die Uebrigen aber, die den Versuch wenigstens gemacht haben wollten die gegen sie spielenden Kanonen wegzunehmen oder zu verjagen, überstimmten den Führer, und die Frauen voranschickend, die einen Moment freier Zeit benutzten über den offenen Platz zu fliehen, folgten die Krieger jetzt in kleinen einzelnen Trupps aus dem Fort hinaus bergan, die Verschanzung für den Augenblick den Feinden vollkommen überlassend.

Unten von den Schiffen aus, und während die Soldaten mit Jubelruf von dem verlassenen Fort Besitz ergriffen, sahen sie aber kaum die hellgekleideten Gestalten hinter den Verschanzungen sichtbar werden, als sie, wo das nur irgend anging, ihre Kugeln darauf richteten, und die Eingeborenen fanden sich plötzlich in einem eisernen Regen, der rechts und links Verderben brachte. Furchtbar war die Wirkung der schweren Kugeln in dem dichten Oberholz der Mapes und Wibäume und einzelne Cocospalmen splitterten im Stamme von einander, und warfen die gewaltige schwere Krone rasselnd in die Tiefe, ihre gewichtigen Früchte auf die Flüchtigen niederhagelnd.

Aber die Franzosen dachten gar nicht daran dem Feind zu folgen, denn ihre Reihen waren selber furchtbar gelichtet, und nur rasch ihre Todten zusammentragend und mit etwas Sand und Erde leicht überwerfend, griffen sie die Verwundeten auf und zogen sich mit ihnen, völlig damit zufrieden den Feind, wie sie glaubten, aus der Schanze geworfen zu haben, rasch zurück auf die Schiffe.

Die Artillerie schlug indessen allerdings den tollkühnen Angriff der Eingeborenen auf ihre, fast uneinnehmbare Stellung zurück, hatte aber ebenfalls, da sie das Fort geräumt sah, keine weitere Veranlassung dort oben zu bleiben und folgte, auf dem Rückzug noch von einzelnen Trupps der durch den Wald zerstreuten Insulaner arg belästigt, der übrigen Mannschaft nach den Schiffen. Die Verwundeten wurden meist Alle auf die Fregatte gebracht, und wenige Stunden später lichteten die beiden Kriegsschiffe, noch auf Alles unverdrossen feuernd was sich am Ufer nur einigermaßen verdächtig zeigte, die Anker und segelten nach Papetee zurück.

Capitel 2.

Alte Abrechnungen.

Noch an demselben Abend liefen die Schiffe, die günstige Seebrise benutzend, wieder in den Hafen ein, wohin sie aber, wenn auch als Sieger zurückgekehrt, keine freudige Nachricht brachten. Der unerwartet kräftige Widerstand den sie gefunden, die Tapferkeit der Eingeborenen, die noch dazu weit besser bewaffnet waren als man vermuthen konnte, der Verlust vieler braver Soldaten und selbst von vier Officieren, warf einen düsteren Schatten über den Siegesmarsch, mit dem die Truppen an der Landung aufmarschirten, und konnte wahrlich nicht durch den langen Trauerzug der Verwundeten, denen man an Land bessere Pflege zu gewähren hoffte, gemildert werden.

Selbst die kleine Stadt, von der man nicht einmal aller Eingebornen sicher war, schien gefährdet, und ausgesandte Spione meldeten auch allerdings, daß sich kleine Trupps bewaffneter Insulaner ganz in der Nähe zeigten und recognoscirten; vielleicht gar mit der Absicht einen Ueberfall zu wagen und die dort aufgespeicherten Vorräthe der Feinde wegzunehmen, wie auch den Feind aus diesem wichtigsten Anhaltepunkt -- dem besten Hafen der ganzen Inseln zu verjagen und die Flagge der Pomaren, deren Bedeutung sie erst jetzt ordentlich anfingen einzusehn, wieder an ihrer alten Stelle aufzupflanzen.

René hatte noch an demselben Abend Adolphe aufgesucht, den Verlauf des Tages zu erfahren; er selber war ebenfalls jetzt auf Papetee angewiesen, denn die Eingeborenen streiften überall in kleinen Trupps um die Stadt herum und sein Haus war, mit dem wenigen was er noch darin gelassen, von irgend einer boshaften oder muthwilligen Schaar angezündet worden und bis auf den Grund niedergebrannt; ein Insulaner der dort nicht weit entfernt wohnte und seinen Landsleuten, ebenfalls als es mit den Feranis haltend, bekannt war, hatte, ihren Zorn fürchtend, die Flucht ergriffen und die Nachricht mit nach Papetee gebracht.

Seine Papiere trug er aber bei sich, und seine wichtigsten Effecten waren schon glücklicher Weise mit Sadie nach Atiu hinüber gesandt worden, der Verlust des Uebrigen kränkte ihn deshalb wenig. Er sah übrigens auch daraus wie die Eingeborenen ihm, jedenfalls seiner Abstammung wegen, selber gesinnt wären, und sein baldiger Abschied von Tahiti schmerzte ihn desto weniger.

Die Nacht schlief er mit in dem Bambusschuppen, in dem Adolphe einquartirt lag, und beschloß am nächsten Morgen, als er hörte daß Gouverneur Bruat schon weit früher als man erwartet hatte zurückgekehrt sei, diesem seine Aufwartung zu machen, und die Erlaubniß zur Abreise einzuholen.

Der Gouverneur hatte allerdings, durch den plötzlich ausgebrochenen Krieg auf Tahiti, vor der Hand seine Inspektionsreise nach den Nachbarinseln aufgegeben. Hier mußte vor allen Dingen der Friede wieder hergestellt, mußten die Eingeborenen unterworfen oder wenigstens eingeschüchtert sein, ehe er selber wagen durfte sich von dem Hauptschauplatz zu entfernen.

Bertrand, der übrigens selber mehrfach, wenn auch nur leicht, in dem gestrigen Kampf verwundet war, übernahm es ihn anzumelden und sein Gesuch schon gleich von vornherein zu bevorworten. Gouverneur Bruat empfing ihn auch in der That ungemein freundlich, und seiner Bitte stand nicht das Mindeste mehr im Weg.

»Es thut mir leid, lieber Delavigne, daß ich Sie das nicht habe schon vor einigen Tagen, wenigstens vor meiner Abreise wissen lassen, noch dazu da es Sie in ihren Familienverhältnissen derangirt hat, aber Sie müssen mich wirklich mit dem tollen Treiben unserer Gegenwart entschuldigen, das meinen armen Kopf so entsetzlich in Anspruch genommen. Man möchte jetzt in einem Augenblick überall sein, theils zu mäßigen, theils zu verhüten, und ich weiß wirklich nicht wem man im gegenwärtigen Moment mehr auf die Finger zu sehen hat, eben den Eingeborenen, oder unseren Freunden, den Engländern und Amerikanern.«

»So kann ich also Tahiti verlassen wann ich will, und bin von dem unwürdigen Verdacht der auf mir, wunderbarer Weise ruhte, freigesprochen?« frug René.

»Lieber Delavigne, _ich_ habe Sie noch keinen Augenblick in Verdacht gehabt« lachte der Gouverneur, »und es würde mir nicht eingefallen sein die Sache auf eine, für Sie so unangenehme Weise hinaus zu dehnen, hätten wir nicht, allerdings anonym, eine förmliche Anklage gegen Sie eingeschickt bekommen, die wir schon, um wenigstens spätere Misdeutungen zu vermeiden, nicht ganz ignoriren durften.«

»Eine Anklage gegen _mich_?« frug René erstaunt.

Monsieur Bruat nickte achselzuckend mit dem Kopf.

»Von einem Landsmann?« frug der junge Mann weiter.

»Wohl schwerlich -- der Brief war englisch, die Hand aber jedenfalls verstellt und hie und da mit orthographischen -- vielleicht übrigens absichtlichen Fehlern. Doch dem sei wie ihm wolle« brach er rasch ab, »die Sache ist vorbei und jeder Form genügt; außer dem haben wir auch seit einigen Tagen ziemlich gegründete Ursache einen Engländer selber der That in Verdacht zu halten, der schon eines anderen Verbrechens angeklagt steht, und gestern auch eben bei den Empörern gesehen ist. Vielleicht hat auch der den Brief geschrieben.«

»Das glaub' ich schwerlich« sagte René kopfschüttelnd, »den Dienst hat mir vielleicht ein guter Freund geleistet. Kennen Sie den Namen des verdächtigen Engländers?«

»Jim O'Flannagan.«

»Aha, ich kenne den Burschen; es ist ein Ire.«