Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 2

Chapter 23,484 wordsPublic domain

Nicht müßig aber beriethen nur die Häuptlinge in Mahaena, sondern zu gleicher Zeit wurden an dem einen passendsten Hügelhang, auf den Vorschlag und unter der Anleitung mehrer englischer und irischer Matrosen, Befestigungen aufgeworfen, einem etwaigen Angriff auch die Spitze bieten und abwarten zu können, bis die ganze Insel gemeinschaftlich gegen die Unterdrücker aufstehn würde. Ueberhaupt hatten sich eine ganze Zahl Fremder, die sich früher hier nieder gelassen und den Einfluß der Franzosen fürchteten, den Eingeborenen gleich von allem Anfang angeschlossen, von denen sie, wenigstens von den meisten, gar sehr willkommen geheißen wurden. Es war diesen schon gewissermaßen eine Beruhigung Weiße mit sich gegen Weiße zu wissen und in der Führung der Feuerwaffe, die sie hier zum ersten Mal in die Hände bekamen, brauchten sie auch noch Leute die sie mit den Geheimnissen derselben betraut machten. Die meisten dieser Weißen waren früher entlaufene Matrosen von Wallfischfängern, ja hie und da aber auch sogar von den französischen Kriegsschiffen selber, die sich in den steilen unwirthbaren Bergen nicht halten konnten, und jetzt wohl genöthigt wurden die Waffen aufzugreifen, ihre eigene Freiheit zu vertheidigen.

Unter ihnen befand sich Jack sowohl, wie Jim O'Flannagan, dem der Aufenthalt in Papetee nach seinem letzten Zusammentreffen mit dem Lieutenant der Jeanne d'Arc doch zu heiß geworden war, und der doch auch kein Schiff finden konnte die Insel jetzt gerade, was er mit Vergnügen gethan haben würde, zu verlassen. Auch der Neger war dort, eine herkulische Gestalt, der vor einigen Abenden erst einen Zank mit mehren französischen Soldaten bekommen und vier davon so zugerichtet hatte, daß er sich nur durch die Flucht der blutigen Rache der übrigen entzog. Manche Andere waren durch die Franzosen selber zu diesem letzten verzweifelten Schritt getrieben, die unkluger Weise in jedem Engländer oder Amerikaner einen Verräther ihrer Sache sahen und diese auf Schiffe packen wollten, um sie von Tahiti wenigstens zu entfernen, oder auch möglicher Weise unter Aufsicht zu halten, bis der Conflikt erst entschieden und das tahitische Volk selber vollständig unterworfen gewesen wäre.

Mit dieser Beihülfe war Mahaena, oder vielmehr das Fort von Mahaena, wie man die rohe Verschanzung nannte, gar nicht so schlecht befestigt worden. Ein etwa fünf Fuß hoher und ungemein starker Erdwall sollte sie vor allen Dingen gegen die Kugeln der Kriegsschiffe schützen, die man jedenfalls bei einem Angriff der Franzosen erwarten mußte, während sich das Rücktheil der kleinen Veste an den steilen Hügel selber lehnte und die Zerrissenheit der Schluchten nur einen einzelnen, den Eingeborenen allein bekannten Pfad dort hinaufließ, den wenige Mann hätten gegen eine gewaltige Ueberzahl vertheidigen können. Auf dem Wall aber schützte ein starkes Pallisadenwerk, von den starren zackigen Aesten der Guiaven aufgeschichtet, das kleine Fort fast vollständig gegen einen Bayonnetangriff, und Boten waren indeß schon nach allen Richtungen abgesandt, die Krieger der verschiedenen Stämme herbei zu ziehen und hier zu sammeln und dann einen vereinten Angriff auf Papetee zu wagen.

Die Franzosen wollten ihnen aber da keineswegs so lange Zeit gönnen, weil sie schon des bösen Beispiels wegen suchen mußten die Eingeborenen von jedem Fleck wo sie sich befestigen konnten, zu vertreiben, ihnen vor allen Dingen das Vertrauen zu nehmen, daß sie sich überhaupt einem ihrer ernstlichen Angriffe mit Erfolg entgegenstellen _könnten_. Die Scharte von Tairabu mußte sobald als möglich wieder ausgewetzt werden.

Am frühen Morgen hatten deshalb auch die beiden dorthin beorderten Schiffe, die Uranie wie der Dampfer Phaeton ihre Truppen gelandet, aber noch keinen wirklichen Angriff unternommen, weil man erst die Ankunft der aus der Stadt herbeigezogenen Truppen erwarten wollte, und es war Mittag geworden bis diese eintrafen; dann aber eröffneten beide Kriegsschiffe auch ihr Feuer auf das kleine Fort. Der Schlag gegen die Empörer sollte mit einem Mal geführt und alle die Frevler vernichtet oder zerstreut werden.

Oben im Fort selber herrschte indessen ein reges Leben. Die Frauen und Kinder hatten sich schon bei Ankunft der Schiffe in die Berge geflüchtet, und nur ein Theil derselben, meist lauter junge kräftige Weiber, waren ihren Männern oder Vätern gefolgt, das Pittoreske der Scene dadurch nur noch erhöhend. Ueberall auf dem weiten geräumigen Plateau kauerten sie über den dampfenden Kochgruben, das Mittagsmahl für die Krieger zu bereiten; mit dem schmalen Holzspaten warfen sie die Erde herab und lüfteten die über saftige Ferkel oder Brodfrucht gedeckten Blätter, zu sehn ob sie bräunen und gahr werden wollten, und breiteten dann die glatten Blätter der Banane oder des Tutuibaumes auf ebene Stellen aus, als Tisch dem leckeren Mahle. Indianer und Europäer saßen dabei wild durcheinander gestreut, und wenn irgend Jemand überhaupt bei der Gasterei ausgezeichnet wurde, bei der nur die Häuptlinge für sich einen etwas erhöhten Platz gewählt hatten, so war es der Neger Pompey, dem die Frauen und Mädchen, vielleicht seiner brillant schwarz glänzenden Farbe wegen, die besten Stücke aussuchten und zuerst die Cocosnuß zum Trinken reichten. »Pompey« ließ sich das auch ganz ruhig, und wie ein Mann, der an etwas derartiges gewöhnt ist, gefallen, und that der Mahlzeit alle Ehre an, während er mit den Männern selber lachte und Geschichten erzählte, und der Ausgelassenste von Allen schien. Dann, in einem förmlichen Paroxismus von Fröhlichkeit, warf er sich nicht selten hintenüber, zwei Reihen der glänzendsten Zähne dabei zeigend, und die Eingeborenen schrieen und jubelten um ihn herum.

Ein gar verschiedenes Bild hiervon zeigte eine andere Gruppe, an einem der entferntesten Theile der Verschanzung, denn dort hatte der ehrwürdige Bruder Dennis, jeder Gefahr von Außen her trotzend und recht gut wissend daß die Franzosen einen Angriff beabsichtigten, eine kleine Schaar seiner Gemeinde um sich versammelt, die in den wunderlichsten und oft nicht immer ehrerbietigsten Stellungen der Predigt lauschten. Die meisten saßen allerdings auf Steinen oder ausgebreiteten Matten, jeder seiner eigenen Bequemlichkeit folgend, ruhig und aufmerksam vor ihm, andere hatten sich aber auch, von den Schanzarbeiten ermüdet, der Länge lang ausgestreckt, und lauschten mit halbgeschlossenen Augen der Predigt, mit leiser Stimme die dann und wann gesungenen Hymnen nachbrummend, während noch Andere emsig dabei beschäftigt waren ihr indeß gahr gewordenes Mittagsbrod mit ihren Holzspaten zu Tag zu fördern, das sie dann auch augenblicklich an Ort und Stelle, und zu gleicher Zeit der körperlichen wie geistigen Nahrung hingegeben, verzehrten.

Ueberall aufgestellte Waffen, Musketen mit und ohne Bayonnette, Speere, ja hie und da sogar noch Bogen und Pfeile, Keulen, Wurfspeere, Cavallerie- und Infanteriesäbel, Aexte und Beile, gaben dabei dem ganzen Bilde ein kriegerisches Aussehn, und wild dazwischen herumtanzende Mädchen, sich weder um die Predigt noch die Essenden kümmernd, vollendeten die Scene. Unordentlich durch einander gewürfelt lag und stand Alles, Niemand schien da, der einen Oberbefehl über das Ganze habe, oder irgend einen Einfluß darauf ausüben könne, und ohne Dach und Fach, nur hie und da mit ein paar rasch und unregelmäßig aufgesetzten Pandanus oder Bananenblatt-Dächern, machte auch das ganze Lager weit eher den Eindruck einer wandernden bewaffneten Caravane, die sich hier zur Mittagszeit eine kurze Rast gegönnt und in der nächsten Stunde wieder aufbrechen würde, als einer wirklichen Befestigung, die bestimmt war einem mächtigen Feinde auf längere Zeit Trotz zu bieten und Widerstand zu leisten.

Und diese Waffen -- rostige Musketen und hölzerne Speere, Keulen und Beile, die sich dem furchtbaren Geschütz der Feinde entgegenstellen sollten; wie Spott und grimmer Hohn lehnten die dünnen Lanzen an den Erdwällen und kauerten oder standen die halbnackten Männer daneben, ihrem Geschick verfallen wie es schien, wenn die geschlossenen Colonnen der Feinde anrücken und ihre donnernden Geschütze die Todesboten in die kleine Veste schmettern würden. Und hatten sie keine Ahnung der furchtbaren Gefahr die ihnen drohe? -- noch war es Zeit, noch konnten sie, durch Guiaven-Dickichte versteckt die sicheren Berge erreichen, wohin ihnen der schwerfälligere Feind nicht zu folgen vermochte. Auch der finstere Priester dort in der Ecke weckte mit donnernder Stimme die Unglücklichen zu Buße und Reue »in der elften Stunde.« Die offene Bibel im linken Arm, die rechte gegen sie ausgestreckt und das bleiche ausdrucksvolle Gesicht zum blauen Himmel flehend, zitternd emporgewandt, stand er da, ein mahnendes Bild dem Sünder, ein Wegweiser zu dem Thron des Höchsten.

Horch -- ein leiser Trommelwirbel vom andern Ende des Lagers -- die Betenden wandten den Kopf halb danach um -- fürchten sie den anrückenden Feind? -- Noch einmal, lauter als vorher und ein gellender Jubelruf der den Ton begleitet --

»Horch!« schrie eine jauchzende Mädchenstimme, fortwerfend was sie gerade in Händen hielt und in der Erregung des Augenblicks, von dem Feind bedroht, selbst die Nähe des sonst so gefürchteten Missionairs nicht achtend.

»Horch Horch wie der Trommel Schlag Wirbelt der Brandung nach Horch Lauert der Feind auch schon, Herzchen ich komme schon Horch!«

Es war Maire, trotz dem noch lange nicht wieder gewachsenen Haar die tollste der Schaar, die den Zwang erst einmal abgeschüttelt dem sie unwillkürlich das Knie gebeugt, jetzt fast gar nicht wußte wie sie die versäumte Zeit am raschesten und wildesten wieder nachholen könne.

»Maire! Maire!« riefen einzelne Stimmen warnend, aber die Trommel wirbelte weit verlockender darein und die tolle Dirne war schon lange, von fünf oder sechs andern jetzt gefolgt, zum Nationaltanz angesprungen, dem sie in seinen wildesten Formen und Stellungen folgte.

Aonui, der fromme Häuptling, und Potowai waren aufgesprungen und schauten mit gerunzelten Brauen auf den Unfug, der selbst im Angesicht des frommen Missionairs verübt wurde, und dieser sprach einige ernste drohende Worte zu den Männern. Aber die Männer waren nicht allein Christen, sie waren auch Häuptlinge, und fühlten recht gut wie sie jetzt gerade, im Begriff einen gefährlichen Kampf zu bestehen, dem jungen Volk nicht den tollen Muth wehren durften, der wohl die Grenzen der Schicklichkeit übertritt, dann aber auch wieder im ernsten Kampf, dem stärkern Feind gegenüber, ihm die starre und kecke Todesverachtung gab, in dem aufgeregten fröhlichen Blut.

»Maire! Maire!« rief Aonui endlich, aber mehr ermahnend als strafend von seinem erhöhten Platze nieder, »wahre Dich Mädchen und denke an Deinen Gott -- wer weiß ob Du nicht in der nächsten Stunde schon vor seinem Richterstuhl stehst --«

»Ich?« schrie das tolle Mädchen in jubelnder Lust zurück, während sie das Oberkleid von den Schultern riß und von sich schleuderte »ich? --

Bah! Heut ist ein Jubeltag Hörst Du der Trommel Schlag? Da! Hei, wie der Wirbel rollt Betet so viel Ihr wollt. Da!«

Und jubelnd und jauchzend fiel der Chor ein, Männer und Frauen, denn viele von diesen freute es, daß sich dem sonst so gefürchteten Missionair eines der Mädchen keck entgegengestellt hatte, und die einzelne Trommel, ein altes englisches Instrument, und in früherer Zeit einmal von irgend einem Kriegsschiff gegen wer weiß was für werthvolle Sachen eingetauscht, schlug rasselnd ein in den tobenden Chor, den das zürnende Gebet des Missionairs nicht übertäuben konnte.

Der fromme Aonui kam aber auf einen anderen Ausweg, und mit den um ihn geschaarten Seinen, denen er rasch ein Zeichen gegeben, begann er jetzt ohne Weiteres eines ihrer gewöhnlichen und von allen gekannten Kirchenlieder, das sie im Chor so gern sangen und dem sich auch augenblicklich die Nächsten anschlossen. Weiter und weiter drängte die fromme Melodie hinein in die Masse, den Tanz und Sang der Einzelnen schon halb übertönend, mehr und mehr schwollen die Töne im vollen rauschenden Chor, ein Preis dem Herrn in der Höhe und ein Gebet um seinen Schutz, seine Hülfe in Drangsal und Noth.

Die Tänzer standen still und horchten den Tönen -- selbst der Trommler, der im Anfang wie in Schadenfreude nur ärger auf das gespannte Fell losgeschlagen, schwieg mit dem wilden Tanz und folgte leise dem Takte der Hymne mit den Schlägeln -- wunderliche Begleitung dem frommen Lied:

Dein sei Lob, Ehre, Preis und Ruhm Der Liebe höchstes Eigenthum -- Erbarm Dich uns'rer Sünden Und laß uns, oh Herr Zebaoth In Leid und Graus in Noth und Tod Vor Dir Herr, Gnade finden. Und wenn das letzte Strafgericht Im Sturm der Erde Vesten bricht Mit Deinen starken Armen,

»Der Feind -- der Feind!« dröhnte da plötzlich ein gellender Schrei selbst über das jetzt zum vollen Chor angewachsene Lied hinaus, das die Landbrise weit weit hin über das Wasser trug, aber die Sänger störte es nicht. Einzelne flüsterten das Schreckenswort nach, »der Feind -- der Feind!« und zwei oder drei sprangen auf die Brüstungen nach den erwarteten Colonnen auszuschauen, aber Aonui mit voller kräftiger Stimme, die Arme, wie Hülfe suchend zum Himmel aufgestreckt, erhob seine Stimme nun um so lauter, und donnernd überschallte den Ruf der Schluß des Verses:

»Dann führe uns durch Nacht und Graus Zu Dir hinein, in's Vaterhaus -- Erbarmen Herr -- Erbarmen!«

»Der Feind! der Feind!« schallte es jetzt aber dringender, gellender als vorher -- von unten herauf tönten die scharfen schmetternden Töne der Trompeten, und dumpfer Trommelschlag wirbelte d'rein, während die ausgesandten Laufer und Wächter athemlos aus dem, die Umschanzungen begränzenden Holz brachen und die Nachricht brachten, daß der Feind in zwei starken Colonnen anrücke, und sich, wie es schien, zum Sturm rüste auf das Fort.

Oben wirbelte aber auch schon die Trommel den Schlachtenruf, während die Männer nach ihren Waffen sprangen, und noch drängte und trieb Alles durcheinander, in ungeordneten Haufen dem allerdings schon früher durch Teraitane für jeden bestimmten Platze zuzueilen, als der erste Gruß von den Schiffen herüber schmetterte, und die Uranie wie der Dampfer in voller Flankensalve ihre Kugeln theils in dem Wall begruben, theils vor oder hinter ihnen die Guiavenstämme krachend zusammenschlugen.

Einen Augenblick stand die Schaar wie erschreckt; es war bei fast allen das erste Mal, daß sie die furchtbare Wirkung einer solchen Kugel beobachten konnten; Jim O'Flannagan aber, der seine Zeit bis dahin benutzt und während die andern getanzt oder gesungen, auf eine Matte ausgestreckt ein ganz tüchtiges Mittagsschläfchen gehalten hatte, sprang bei dem, ihm gut genug bekannten Lauten empor, und den Hut um den Kopf schwingend, rief er ein donnerndes dröhnendes Hurrah den feindlichen Kugeln keck und furchtlos entgegen.

Die Salve aber, die vollkommen erfolglos gewesen, wie der herausfordernde Ton des Iren, dem sich Pompey jetzt zugesellte und sein zweites Hip hip hip hurra ertönen ließ, fand Anklang in den kecken und muthigen Herzen der Krieger, und der tahitische Schlachtenschrei, der das Echo in diesen Thälern seit langen Jahren nicht geweckt hatte, brach in wilder jubelnder Lust von ihren Lippen.

Es war ein stilles, friedliches Volk, das den Krieg fast ängstlich so lange vermieden hatte, wie es nur irgend eine Aussicht auf gütliche Beilegung seiner Zwistigkeiten sah, das aber jetzt auch, da es die Fremden zu arg getrieben, rücksichtslos auf irgend eine größere Macht die noch vielleicht an ihre Küste geworfen werden könnte, die Waffen aufgriff, und nun mit eben dem kecken, vielleicht unbewußten Muth der Gefahr entgegenging, wie es früher in seine Kirche oder zu seinem Tanz gegangen war.

Nur dieser erste Augenblick der Erwartung war peinlich -- die Ungewißheit von welcher Seite der Angriff zuerst geschehen würde, und ob sie es überhaupt wagen würden die Eingebornen in ihrer festen Stellung anzugreifen. Von diesen, mit vielleicht zwanzig oder dreißig Europäern und vierzig oder fünfzig Frauen, waren etwa 1000 Krieger dort versammelt; die Hälfte aber kaum mit ordentlichem Feuergewehr bewaffnet, führten die Anderen noch ihre alten hölzernen Speere von Oros Zeit, und Viele Schleudern und Wurfspeere. Hier aber zeigte sich jetzt ein gewaltiger Nachtheil gegen frühere Zeit, wo eben diese unscheinbaren Waffen selbst in den Händen der nackten Wilden zu furchtbarer Wehr durch die Geschicklichkeit geworden waren, mit der sie sich derselben zu bedienen wußten. Die Zeit war vorbei, denn die Missionaire hatten ihnen ernstlich jede Art solcher »heidnischer« Waffenspiele untersagt gehabt, weil diese ihre Gedanken nur wieder zu dem alten viel zu sehr geliebten Kriegsgott Oro zurückführen mußte, und sie Alles zu vermeiden suchten, was die Erinnerung an jene Zeit ihrem Gedächtniß erhalten konnte. Die wenigen Eingeborenen, die sich noch im Gebrauch der Schleuder -- früher eine ihrer gefährlichsten Waffen -- tüchtig geübt gehalten, hatten sich nie dem Einfluß der Missionaire unterworfen gehabt, oder es heimlich gethan, und Wurfspeer sowohl, wie Bogen und Pfeil die Hälfte ihrer Gefahr für die Angreifer verloren. Nichtsdestoweniger gab ihnen ihre feste Stellung dafür wieder andere Vortheile, und mit trotzigem, jetzt fast ungeduldigem Muth erwarteten sie den immer noch hinausgezögerten Angriff.

Eine Gefahr existirt nur so lange sie droht, und hat gewöhnlich all ihre Furchtbarkeit verloren, so bald sie erst wirklich einmal in's Leben tritt; das Leben kämpft dann dagegen an, und in dem Ringen gerade liegt die Vergessenheit derselben.

Schmetternder Trompetenschall tönte herauf; von den Schiffen drüben blitzte es wieder in langer zuckender Reihe, und prasselnd hagelte auf's Neue ein eiserner Kugelgruß von da herüber gegen die kleine Veste, von wo sie mit trotzigem Jubelruf begrüßt und beantwortet wurde.

»Dort kommen sie, meine Burschen!« schrie da Pompey, der an der einen Flanke, seiner riesigen Kräfte und vielleicht auch seiner schwarzen Farbe wegen, mit einem Anführerposten betraut war -- »da kommen sie, nun hurrah und wahrt Euer Feuer, bis sie aus den Büschen heraustreten und vollkommen draußen im Freien sind -- keinen Schuß eher, und keinen Speerwurf, wenn Ihr nicht den Mann schon fast mit der Spitze erreichen könnt -- verdamme die hölzernen Dinger« murmelte er dann leise vor sich hin -- »s'ist doch nur so, als wenn man sich nach Tisch mit Zahnstochern wirft.«

»Für die Bibel! für die Bibel!« schrie Aonui auf der anderen Seite, wirklich seine Bibel im linken Arm, die er fest an die Brust gedrückt hielt, indeß er mit der rechten Hand seine Muskete schwenkte -- »für die Bibel Ihr Streiter Gottes, der Herr ist mit uns und wird die Feinde zerstreuen, wie Spreu vor dem Winde!«

Jim, der nicht weit von ihm stand, brummte etwas in den Bart und sah nach seiner Muskete, während der ehrwürdige Mr. Dennis die meisten der Frauen um sich gesammelt hatte und mit ihnen im brünstigen Gebet auf den Knieen lag, vom Herrn der Heerscharen die Abwendung so schweren Leides zu erflehen, »wenn das noch eben irgend möglich sei, und mit seinen himmlischen Rathschlüssen übereinstimme.«

Näher und näher wirbelten die Trommeln, schmetterten die Hörner der Stürmenden; auf einer kleinen Anhöhe, nicht sehr weit von dem Fort, aber etwas tiefer als dieses liegend, waren mehre Feldstücke aufgepflanzt, die von jetzt ein lebhaftes Feuer auf den Wall begannen, ohne jedoch irgend einen Schaden anzurichten, als hie und da ein paar der aufgeschichteten Guiaven-Pallisaden einzureißen und einige leichte Verwundungen der nächst dabei Stehenden zu verursachen, die aber kaum beachtet und mit nur herausfordernderem Geschrei beantwortet wurden.

Jetzt aber rückten auch in geschlossenen Colonnen die Verstärkungen von Papetee, eine Compagnie Marine-Infanterie mit den Soldaten des Phaeton und der Uranie und den dazu gegebenen Seeleuten, in geschlossenen Colonnen gegen die Verschanzung an, und wo sich ein Kopf irgendwo darüber blicken ließ, wurden gerathewohl Schüsse hinübergefeuert, die Eingeborenen zu schrecken und zurückzuhalten, daß die Stürmenden den Wall erst einmal erreichen und ersteigen konnten. Aber weit furchtbarerer Widerstand erwartete sie hier als sie je vermuthet hatten.

Pompey, der sein dunkles Gesicht einem dichten darübergehaltenen Guiavenbusch anvertraut hatte, unbelästigt die Stürmenden vor allen Dingen beobachten zu können, gab zuerst das Zeichen. Er hatte etwa fünfzig mit Musketen bewaffnete Männer unter seinem Befehl, denen er schon den ganzen Morgen mit größtem Eifer und vielem Erfolg das rasche Laden beigebracht und sie den Werth bequemer Patrontaschen gelehrt hatte, und kaum zeigte sich die erste Colonne im Sturmschritt den steilen Hügel erklimmend, in dem Bereich ihrer Kugeln, als er mit gellendem Schrei seinen Arm, das verabredete Zeichen, emporwarf, seine Büchse aufgriff, und von seinen Leuten redlich dabei unterstützt, eine wirkungsvolle Salve in die anstürmenden Feinde gab, die vor solch unerwartetem Gruß allerdings einen Augenblick stutzten und zurückprallten. Aber es war auch wirklich nur ein Augenblick, denn mit einem wilden, zornigen Hurrah, nicht allein jetzt den Feind zu besiegen, sondern auch die gefallenen Kameraden zu rächen, warfen sich die Soldaten, rasch ihre Gewehre abfeuernd, und ohne sich selbst Zeit zu nehmen wieder zu laden, auf die Schanzen, den Wall mit Sturm zu nehmen und den dahinter versteckten Gegner zu vertreiben.

Gleichen Anprall hatte Aonui abzuhalten, der aber den größten Theil der Europäer in seiner Schaar zählte und die Feinde ebenfalls mit wohlgezielten Schüssen empfing. Aber auch hier, nach kaum einmal gewechselter Salve, flogen die Franzosen zum Bayonnetangriff und nachdrängend in keckem Muth, warfen sie sich tollkühn gegen die Schanzen an.

Hier aber zeigte sich der Vortheil des zu Pallisaden benutzten Guiavenholzes, das starr und elastisch, die rauhen knorrigen und doch schwachen Aeste überall hinausstreckte, keinen Halt dem bietend, der sich daran fest klammern wollte, und doch auch wieder dem Druck nachgebend statt zu zerbrechen. Wie in einer Falle gehalten staken die ersten der Stürmer zwischen dem zähen überall auszweigenden Holz und die Speere der dahinter stehenden Wilden suchten und fanden mit leichter Mühe förmlich vertheidigungslose Opfer.

Einzelnes Musketenfeuer prasselte dazwischen -- hie und da hatte ein Trupp tollkühner Franzosen in die Lanzen und Bayonnette der Feinde hinein sich seine Bahn erzwungen, und Posto gefaßt auf dem Erddamm, von dem sie vergebens jetzt niederzupressen suchten, die Einzelnen, in die Schaar der Feinde, einem gewissen Heldentod entgegen. Dazu suchten die weiter unten aufgestellten Feldstücke alle die Plätze zu bestreichen, wo kein französisches Militair im Angriff war, die Feinde an dieser Stelle wenigstens von dem Damm zu halten; aber tiefer stehend als das Fort selber, waren sie nicht im Stande irgend einen wesentlichen Schaden zu thun, und die Eingeborenen achteten die Kugeln gar nicht, die draußen harmlos in die Erdwälle oder in den Hügel selber einschlugen.