Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 17

Chapter 173,883 wordsPublic domain

Wie das Joranna dem fremdgewordenen Mann durch die Seele schnitt -- er kannte die beiden Männer, die manche Nacht in seiner Hütte geschlafen und von seiner Brodfrucht gegessen -- und ihn kannte keiner. Und hatte er sich denn gar so sehr verändert, und Zeit und Gram sein Antlitz so entstellt, daß ihn selbst alte Freunde und Nachbarn nicht mehr kannten? es war das ein wehes, schmerzliches Gefühl. Aber männlich kämpfte er jetzt gegen jede solche Regung an; er wollte sich nicht verrathen, ehe er nicht gewisse Kunde von dem erhalten, was wie die Ahnung nahenden Verderbens auf seiner Seele lastete.

Das freundliche Joranna leise erwiedernd, stieg er in's Boot hinüber, die Ruder fielen ein und wenige Minuten später raschelten die Korallen unter seinen Füßen.

»Und Sadie?« -- der Name lag auf seinen Lippen, aber der Mund wagte nicht ihn auszusprechen, und unwillkürlich suchte der scheue Blick unter den lachenden munteren Gruppen die theuren bekannten, und jetzt doch fast gefürchteten Züge der Geliebten. »Sadie«, oh wie das Wort ihm durch die Seele klang, und die Erinnerung in tausend und tausend lieben nie vergessenen Bildern alle die seligen Stunden wieder auf beschwor, deren Schauplatz der Boden hier gewesen.

»Er versteht unsere Sprache nicht« sagten die Insulaner dabei unter einander -- »er weiß nicht wohin er gehen soll, wir wollen den Mitonare rufen.« Und ein paar sprangen dem Hause zu, während Andere seine Hände ergriffen, und ihm durch Zeichen jetzt, und mit einzelnen abgebrochenen Worten, begreiflich zu machen suchten, daß in dem Haus da drüben ein Europäer wohne, der sich freuen würde ihn zu sehn.

Mitonare -- was für freundliche Scenen das eine Wort in seine Seele rief, und unwillkürlich fast suchte sein Auge die Gestalt des kleinen würdigen Mannes in der offenen Thür. Dort aber trat ihm in der That ein weißer Mann entgegen, und René erkannte mit freudigem Staunen den alten trefflichen Mr. Nelson, der, den Fremden erblickend, freundlich auf ihn zu kam und ihn frug, womit er ihm dienen könne. Auch dieser ahnte in dem ergrauten Fremden mit tiefgefurchten Zügen den jungen lebenskräftigen Mann nicht mehr, der damals in strotzender Jugendkraft wild und trotzig hinein in's Leben stürmte.

»Nur einer Frage wegen komm ich her, ehrwürdiger Herr« sagte René mit leiser Stimme, als ob er schon fürchte sich nur im Klang der Worte zu verrathen -- »lebt hier noch -- wohnt noch auf Atiu --?« -- Wieder stockte er -- er brachte den Namen nicht über seine Lippen.

»Wen meinen Sie?« sagte der Geistliche, ihm still und freundlich in's Auge sehend.

»Sonst wohnte Bruder Ezra hier im Haus« stammelte René endlich, der fühlte, daß er wenigstens eine Antwort geben müßte.

»Bruder Ezra« wiederholte der Geistliche, leise und nachdenkend dabei mit dem Kopfe nickend -- »Bruder Ezra, ja ja, das war in früherer Zeit -- jetzt existirt der freilich nicht mehr.«

»Ist er todt?« rief René schnell und erschreckt.

»Nein, nein« lächelte Mr. Nelson, »das gerade nicht; im Gegentheil erfreut er sich eines ganz besonders gesegneten Wohlseins; aber er hat nur den »Bruder Ezra« und den »Mi-to-na-re« abgeworfen und ist, wenn auch nicht gerade anerkannt zum alten Heidenthum, doch von unserer christlichen Gemeinschaft zurückgetreten. Der arme kleine Mann konnte die vielen, in ihm von so verschiedenen Seiten wachgerufenen Zweifel, nicht länger bekämpfen, und übersprang sein Ziel. Anstatt zu prüfen und das Beste zu behalten verwarf er Alles, und lebt nun ziemlich gleichgültig, aber anscheinend ganz zufrieden in den Tag hinein.«

»Und wo ist seine Wohnung?«

»Nicht sehr weit von hier; gleich über jenem niedern Hügelhang. Wenn Sie den Pfad wüßten --«

»Ich will Dich führen, Wi Wi« sagte da eine leise Stimme an seiner Seite und als sich René rasch dorthin wandte, sah er sich einer schlanken, ziemlich abgemagerten Frau gegenüber, die ihre Augen fest und forschend auf ihn gerichtet hielt.

»Aia!« rief er überrascht aus, aber die Frau ergriff seine Hand und ihn mit sich fortführend sagte sie:

»Komm -- ich weiß wohin Du willst, und kenne den Weg fast so gut wie Du.«

»Herr Delavigne!« rief aber auch jetzt der Geistliche, der ihn ebenfalls erstaunt erkannte -- »mein Gott, wie haben Sie sich verändert.«

»Nicht wahr?« sagte René mit dumpfer düsterer Stimme, »ich bin nicht jünger geworden in den neun Jahren.«

»Komm, komm!« rief aber die Frau, ungeduldig ihn mit sich fortziehend -- »wir Alle nicht -- unser Fleisch ist weich geworden, unser Haar grau -- nur die Erinnerung ist noch frisch und jung;« und den, ihr jetzt willenlos folgenden durch den Garten, den lieben bekannten Pfad hinführend, schritt sie mit ihm durch einen Wald von Guiaven, der hier erst später entstanden zu jenem Hügelkamm hinauf, auf dem Sadiens Lieblingsplätzchen lag.

»Du hast Wort gehalten« sagte sie dabei, still und unheimlich in sich hinein lachend -- »Du bist uns gefolgt -- Du bist gekommen -- Sadie hat es immer behauptet.«

»Sadie --«

»Bst -- bst -- jetzt noch nicht« flüsterte die Frau -- »Du hast wirklich Atiu nicht ganz vergessen, und _bist_ wiedergekommen -- nur ein wenig spät -- ein wenig _zu_ spät; und Dein Haar ist so dünn und grau geworden, Wi Wi, in der kurzen Zeit« fuhr sie, plötzlich stehn bleibend und einen Schritt von ihm zurücktretend fort, »und was für Furchen Dir das böse Gewissen in Stirn und Wangen gegraben. -- Hm, hm, hm« setzte sie kopfschüttelnd hinzu -- »das war doch eine trübe Zeit für Alle -- und hab ich es Euch nicht vorher gesagt?«

»Zu spät, Aia?« rief René mit zitternder Stimme -- »sagtest Du zu spät?«

»Bst, bst« wiederholte aber die Frau, und schritt auf's Neue rasch voran -- »kannst es jetzt auf einmal nicht erwarten, und hast Dich die langen Jahre nicht um sie bekümmert? Du kommst zeitig genug dorthin, Wi Wi.«

Sie sprach von jetzt an kein Wort mehr, und den Hügelhang hinan sprang sie mit flüchtigen Sätzen, daß ihr René kaum zu folgen vermochte, bis sie plötzlich oben sich wandte, und den Ferani erwartend zur Seite trat. Aber René folgte ihr nur langsam nach; -- jeder Schritt, jeder Fußbreit hier, traf ihn wie scharfer Messerstich in's Herz, denn so gepflegt, als ob sie nie den Platz verlassen und sorgsam die kleinste Pflanze gewahrt, lag der Pfad hier, wo der Hügelhang selbst begann und die sorgende Hand verrieth, die ihn gehalten. Und war das _seinet_ willen etwa geschehn? -- Jetzt sah er schon die Wipfel seiner Palmen, die freilich höher geworden waren in der langen Zeit, jetzt erreichte er das kleine Orangendickicht, das den lauschigen Platz so treulich abschloß gegen der Menschen Blick von unten her, und jetzt -- heiliger Gott -- Sadie -- ein jäher Schlag traf ihn durch Herz und Mark und wie vor einer Erscheinung, zusammengeschmettert von dem furchtbaren Augenblick, sank er in die Knie und blickte zweifelnd, staunend, seinen eigenen Sinnen nicht trauend, auf das was sich ihm bot. Dort stand sein Weib -- dort stand Sadie so schön und wunderhold, so wild, so jugendfrisch als je; die dunklen flatternden Blumen durchflochtenen Locken, die freie offene Stirn, das dünne Schultertuch den nackten Leib umfliegend, den Arm ausgestreckt gegen ihn und die zarten Lippen halb und eben weit genug geöffnet, die Perlenzähne dahinter zu verrathen. --

»Sadie!« rief er und barg die Augen in der Hand, um sich dort auf kurze Zeit wenigstens das holde Bild zu wahren, das, wie er nicht anders zu glauben wagte, vor seinem äußeren Blick doch gleich zusammenschwinden mußte -- »Sadie, Du arme -- verrathene Sadie!« -- und was der Schmerz jetzt in jahrelanger nagender Qual fast nicht vermocht, gegen was er angekämpft mit all seinem hartnäckig männlichen Trotz, das brach der eine Augenblick -- das schmolz ihm die Rinde von dem starren Herz. Wie der wild erregte Strom an seinem Damme wühlt und leckt und wäscht, und unermüdlich arbeitet Tag und Nacht, bis er sich endlich die freie Bahn gerissen und nun unaufhaltsam hindurch drängt, und in seinem Sturz die Schranken alle vor sich niederwirft, die ihn bis dahin immer noch gehalten, den furchtbaren, so drängte sich jetzt seiner Thränen so lang und krampfhaft gedämmter, nun aber entfesselter Quell hinaus in's Freie, hinaus aus den brennenden Augenhöhlen -- »Sadie« und die Stirn in den kühlen duftenden Fern pressend, der den Boden deckte, schluchzte er laut.

»Was fehlt dem fremden Mann? -- ist er krank? und woher kennt er meinen Namen?« frug eine sanfte oh so wohl bekannte Stimme, und seinen Sinnen selbst mistrauend zuckte der Unglückliche empor und schaute, in krampfhafter Hast sich die wirren Haare aus der Stirn streichend, auf das liebliche holde Kind, das immer noch ruhig und freundlich vor ihm stand.

Aber auch Aia's Zorn war gewichen, als sie den Reuigen zerknirscht, vernichtet am Boden liegen sah, und während auch über ihre abgehärmten Züge die klaren schweren Thränen nieder tropften, sagte sie leise und mit unendlicher Weiche im Ton:

»Die Du rufst, falscher, treuloser Wi Wi -- die liegt unter Dir in dem kühlen Grab, das wir, ihrer Bitte nach, ihr hier gegraben auf ihrer Lieblingsstelle. Der kleine flache blumengeschmückte Hügel vor Dir deckt das arme Herz, das hier zuletzt den Frieden fand den Du geraubt, und kalt und rücksichtslos unter die Füße getreten. Es hat Dich mehr geliebt als Du verdienst, mehr als Du je geahnt, und noch im Tode Dir vergeben und Gottes Segen auf Dein Haupt herabgefleht. -- Kennst Du Dein Kind nicht mehr?«

»Mein Kind? -- Sadie?« rief René, vom Boden aufspringend und die Arme nach der scheu zu ihm aufblickenden Jungfrau ausstreckend -- »Sadie -- mein armes, armes Kind.«

»Ist das mein Vater, Aia?« frug da mit schüchterner Stimme das holde Kind -- »der Vater, um den die Mutter hier so oft geweint, und für den ich jeden Abend beten mußte, wenn dort die Sonne hinter der Hügelspitze sank?«

Aia konnte nicht sprechen, das Herz war ihr selber zu voll, aber sie nickte langsam mit dem Haupt und Sadie, auf den Vater zutretend und ihr Köpfchen vertrauungsvoll an seine Brust schmiegend, während er sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit umschlang und an sich preßte und ihre Stirn mit heißen Küssen bedeckte, sagte leise:

»Wir haben Dich so lang erwartet, Vater. Du bist recht lang geblieben, und Mutter hatte Dich so lieb.«

»Mein Kind, Du brichst mir ja das Herz« flehte der sonst so starke Mann, den der Schmerz jetzt zu bewältigen drohte -- »mein liebes -- liebes Kind.«

»Komm -- fort von hier!« rief aber jetzt Aia, die es nicht länger ertragen konnte, seinen Arm ergreifend -- »komm, Ihr quält Euch und mich und die Schlafende da unten unter den Blumen. Komm mit hinunter, Wi Wi, zu Ahiahi, den Du sonst Bruder Ezra nanntest, daß wir uns Alle fassen und vernünftig werden -- mir hat's die Adern bald aus der Stirn gebrannt.«

Und seine Hand nicht lassend, während das junge Mädchen, von dem Arm des Vaters umschlungen ihr Haupt an seine Brust gelehnt hielt, schritten sie langsam den Hügelhang an der anderen Seite hinab, wo hin ein neuer bequemer Pfad gebahnt war. Er führte zu der jetzigen Wohnung des Mitonares -- wie ihn die Insulaner doch noch immer, trotz seinem dagegen ankämpfen nannten -- nieder.

Mitonare saß vor seiner Thür, noch behäbiger und runder aussehend vielleicht wie vor neun Jahren; ganz auch wieder in seiner zwar heidnischen, aber jedenfalls bequemen und natürlichen Tracht, hatte er nur den weiten luftigen Pareu um die breiten Hüften geschlagen, und mit einem breitrundigen Strohhut auf dem Kopf -- dem einzigen, das er von der fremden Mode beibehalten -- trug er den Oberkörper nackt, auf dem die blauen zierlichen Linien der früheren Tattowirungen scharf und deutlich hervortraten. Ziemlich gleichgültig hatte er auch wohl bis jetzt die Schritte der Nahenden gehört, als sein Blick auf die ihm verhaßte Europäische Tracht des Fremden fiel, und er schon staunend und überrascht aufschaute über solch ungewohnten und auch wohl unwillkommenen Besuch. Wie er aber die Gruppe erkannte, sein Pflegekind im Arm des fremden Mannes, da durchblitzte ihn auch im Nu die Wahrheit des Ganzen.

»Der Wi Wi!« rief er, von seinem Stuhle aufspringend und dem Fremden fast wie unwillkürlich die Arme entgegenstreckend, dann aber, als ob er sich plötzlich besann, ließ er sie wieder sinken, fiel auf seinen Stuhl zurück und starrte, die Hände auf seinen Knieen gefaltet, mit erstaunten Blicken auf den einstigen Freund, der jetzt so ganz verändert, ein alter Mann geworden, vor ihm stand.

»Mitonare -- Joranna -- Joranna!« rief aber René, dicht vor ihm stehn bleibend und ihm die linke Hand zum Gruß entgegenstreckend -- »hab ich mich so verändert, daß selbst Du, mein alter Freund, mich nicht mehr erkennst? dann muß es freilich arg sein, und ich darf es den Anderen nicht verdenken.«

Mitonare veränderte aber seine Stellung nicht, noch nahm er die gebotene Hand; nur in die schmerzdurchzuckten gefurchten Züge des Zurückgekehrten aufschauend sagte er leise, und fast mehr mit sich selber als zu dem Fremden redend.

»Das war die Strafe für begangene Sünde von _dem_ da oben, wie er auch eben heißt -- das war das einzige Gute was noch in dem falschen und leichtsinnigen Wi Wi stak, _das Gewissen_. Das bohrte und stach und mahnte und ließ nicht nach, ließ nicht Ruhe und trieb den Wi Wi wieder herüber über das große Wasser, die Stelle noch einmal zu sehn, wo er seinen ersten Meineid geschworen gegen den Allmächtigen.«

»Mitonare« flehte René, dem die Worte das Herz zerrissen.

Der kleine Mann schüttelte mit dem Kopf.

»Bah, bah« sagte er, »Mitonare steckt da drinn in den Kalebassen -- da Frack, da Halstuch und Weste -- da dicke Buch, und da Schuh und Hemd -- Ahiahi ist ausgezogen, hat Bruder Ezra und Mitonare in den engen Nähten gelassen und der heißen schwarzen Tapa, und ist jetzt wieder ein _Mann_ geworden, der sich nicht mehr fürchtet, und die Sache abwarten will wie es einmal wird. Ahiahi hat Zeit, und kommt dann mit Vater und Großvater zusammen -- einerlei wo.«

»Ahiahi ist böse auf Dich weil Du die Mutter verlassen hast« sagte da Sadie, traurig zu dem Vater aufschauend, »er hat sie _so_ lieb gehabt.«

Mitonare hatte wahrscheinlich recht ernst und böse bleiben wollen, die Töne aber schnitten ihm in's Herz, und des Mädchens Hand ergreifend, winkte er ihr und Aia fortzugehn. Aia sah daß er mit dem Wi Wi allein bleiben wollte, schlang deshalb ihren Arm um deren Schulter und zog sie leise von dem Vater fort in den Wald hinein, der die Hütte rings umgab.

»Da bist Du nun wieder auf Atiu, René« sagte der Mitonare endlich mit leiser, schmerzbewegter Stimme, das peinlich werdende Schweigen brechend -- »da bist Du nun wieder, und wie ist Dir jetzt zu Muthe? -- bös, bös -- recht bös und weh -- und wie weh erst hast Du allen denen gethan die Dich so lieb gehabt.«

René barg sein Antlitz in den Händen aber erwiederte kein Wort, und der Mitonare fuhr leise fort:

»Die erste Zeit war die Schlimmste -- wie wir so Monat nach Monat saßen und Deiner harrten, und Fahrzeug nach Fahrzeug ankam von Tahiti, ohne auch nur einen Gruß zu bringen an die arme Frau, da hat Sadie viel geweint, und Tage und Nächte lang da oben gesessen, wo sie jetzt ausruht von ihrem Schmerz, um hinauszuschauen nach nahendem Segel -- immer, immer wieder vergebens.«

René hatte rasch und erschreckt aufgesehen, und sagte jetzt mit vor innerer Angst und Aufregung fast erstickter Stimme:

»Und hat sie meinen Brief von Tahiti nicht bekommen, wie ich so schwer dort verwundet lag? -- den Brief den der Missionscutter selber mit herüber gebracht und den der Missionair -- ich weiß nicht welcher -- versprochen hatte in ihre Hand zu geben und sie selber, und wenn nicht das, doch wenigstens Antwort mit zurück zu bringen?«

»Einen Brief? -- der Mitonare?« sagte der kleine Mann kopfschüttelnd -- »und wann war das?«

»Nur wenige Wochen nachdem sie mich verlassen« erwiederte René schnell.

»Da war Bruder Rowe selber hier« sagte der Kleine kopfschüttelnd, »und wußte von Nichts -- hat kein Wort gesagt, keinen Brief -- keine Nachricht gehabt für uns --«

»Und auch von Frankreich kam kein Brief hier an?« frug René in immer wachsender Angst.

Der Mitonare schüttelt aber traurig mit dem Kopf und sagte:

»Keiner -- kein Brief, keine Nachricht -- bis -- bis der Mitonare zum letzten Mal zu Sadie kam -- da hat er viel gesagt, und dann --« setzte er mit tief bewegter, kaum hörbarer Stimme hinzu -- »dann war's vorbei.«

»Allmächtiger Gott, so sind meine Briefe verloren oder unterschlagen« rief René zerknirscht, »und Sadie hat glauben müssen ich hätte nie wieder ihrer gedacht.«

»Nie wieder ihrer gedacht?« sagte der Mitonare finster, »bah, bah, was hätte der Brief geholfen, wenn der Wi Wi selber fortblieb, und den hat doch Niemand vergessen können als er selber.«

»Arme, arme Sadie« stöhnte René.

»Ja wohl arme Sadie« sagte der Mitonare traurig -- »und wie der finstere Mann erst einmal eine lange lange Zeit weggeblieben, und drüben gewesen war über dem großen Wasser, und wie er zurück kam und von dem Wi Wi erzählen konnte, daß er ihn drüben gesehn --«

René wurde aufmerksam und schien dem kleinen Mann die furchtbaren Worte von den Lippen rauben zu wollen, so fest hafteten seine Augen daran.

»Als er von dem großen Haus sagte in dem er dorten wohnte --« fuhr Mitonare immer heimlicher fort, wie jetzt selber schüchtern, als ob die Verstorbene noch einmal die Kunde hören könne, die ihr damals den Todesstoß gegeben -- »und daß er -- daß er sich wieder eine andere Frau genommen -- das schöne weiße Mädchen das drüben auf Papetee gewesen, und mit dem er fortgefahren sei in einem Schiff, -- da -- da war's aus. Da brach ihr das Herz und -- sie lebte wohl noch eine ganze Woche lang, und küßte ihr Kind viel und betete mit ihm, -- aber -- aber das Gift hatte gewirkt, und am nächsten Sabbath« -- der kleine Mann konnte nicht mehr. Bis hierher hatte er sich, seinen Schmerz in der Gegenwart des Mannes der der Urheber all dieses Leids gewesen verbeißend, ruhig gehalten und wenn auch oft mit zitternder Stimme, doch selbst ohne Thräne im Auge forterzählt, die Erinnerung an das herbe Leid aber das ihn betroffen, in solcher Art wach gerüttelt, nahm auch ihm den letzten Halt, die letzte Festigkeit, und den Kopf auf die Knie niederbeugend, daß der Wi Wi die Thränen nicht sehen sollte, die er nicht mehr zurückhalten _konnte_, stützte er den Kopf in die Hände und schluchzte laut.

René wagte nicht das Schweigen zu unterbrechen -- er stand da, erschüttert und vernichtet, und die gefalteten Hände vor sich nieder streckend, das Kinn auf die Brust gebeugt, starrte er mit todtbleichen Zügen und thränenlosen Augen vor sich nieder, bis der Mitonare sich endlich gewaltsam bezwang, die Thränen aus den Augen wischte und mit lebendigerer Stimme fortfuhr.

»Nachher kam Bruder Rowe wieder zu uns; die Mutter war fertig -- wollte nun an der Tochter anfangen -- kam wieder mit »Bruder Ezra« und »Mitonare«, Oros Zorn über ihn; kam mit dickem Buch und dem stachlichen Stock da hinten -- aber Ahi-ahi ist nicht so schwach -- Bruder Rowe kommt nicht wieder über den Hügel -- da hinaus flog er, glaubte er hätte Arm und Bein gebrochen. -- Jetzt ist Alles wieder gut,« setzte er dann mit ruhiger Stimme hinzu, »Ahiahi lebt zufrieden und glücklich -- lernt keine Bibelverse mehr und kein kleines dünnes Buch, braucht Nichts mehr herzusagen und sich nicht mehr mit =iti iti kanaka= zu ärgern. Aber --« setzte er plötzlich rasch und erschreckt hinzu, als Sadie mit Aia zurückkehrten zum Haus, und ein neuer Gedanke sein Hirn durchzuckte -- »was willst _Du_ jetzt wieder hier auf Atiu -- Wi Wi -- bist Du gekommen die Mutter zu suchen oder -- oder willst Du -- Dein Kind mit Dir nehmen in die fremde kalte Welt hinaus?«

Renés Blick haftete mit unendlicher Wehmuth auf den lieben Zügen des holden Mädchens, das die letzten Worte gehört und sich schüchtern zu ihrem Pflegevater wandte.

»Fort von Dir, Vater?« sagte sie dabei -- »fort von Aia -- von Mutters Grab? -- ich darf nicht -- ich habe ihr versprochen ihr Lieblingsplätzchen da oben zu halten wie es ist.«

»Ja« setzte der kleine Mann finster, und doch mit angstgepreßter Stimme hinzu -- »ja -- Du kannst sie jetzt fortnehmen mit Dir -- Du hast vielleicht das Recht dazu, und -- sie ist auch jetzt fast so alt wie ihre Mutter damals war -- gerade alt genug um auch draußen die Sprache der Wi Wis und der Beretanis zu lernen, und fremde Kleider zu tragen und sich elend zu fühlen -- wie ihre Mutter. Hier hat sie freilich Nichts anderes getrieben als Tapa machen und singen und tanzen und fröhlich sein, und beten Abends wenn sie dem Grab der Mutter gute Nacht sagte; sie weiß Nichts weiter, als was wohl einen der jungen Burschen hier auf der Insel glücklich machen könnte -- und sie dann vielleicht auch. -- Aber nimm sie nur mit, bis sie ihr draußen auch das Herz gebrochen haben, _wie_ ihrer Mutter, dann schick sie mir wieder, und Ahiahi wird ihr dann das Bett machen neben -- neben der Anderen.«

»Nein, nein!« rief aber René, dem der nur zu gerechte Vorwurf tief in die Seele schnitt -- »nein, Mitonare, ich habe schwer genug gesündigt an Euch hier; -- nicht mehr -- nicht mehr. Behalt Sadie, und wahre sie vor dem Fluch der ihrer Mutter Glück zertrümmerte -- halte ihr Herz rein und gut, laß sie nie hinaus über das Rauschen ihrer Palmen, über das Donnern ihrer Brandung, und _mir_ den Trost wenigstens zu glauben daß _sie_, mein Kind, hier glücklich lebt.«

Der Mitonare stand eine ganze Weile vor ihm, bald ihn, bald das Kind betrachtend, endlich ergriff er langsam des Mannes Hand und sagte leise und mit tief bewegter Stimme.

»Armer Wi Wi -- armer René -- Du bist recht alt geworden in den wenigen Jahren -- und gewiß nicht glücklich, wie Du vielleicht geglaubt.« René schüttelte heftig und abwehrend mit dem Kopf und der kleine Mann fuhr, sich abwendend fort -- »Die Menschen wissen's gewöhnlich nie wenn sie's sind -- wollen Andere glücklich machen und machen sie, und manchmal auch sich selber elend. Dein Volk hat unserem Lande viel Schmerz gebracht. -- Aber wie willst Du's haben?« setzte er dann ruhiger, freundlicher hinzu, dem Vorwurf vielleicht ein Wort des Trostes beizumischen -- »ich weiß nicht, ob Du das Kind mir lassen willst, oder ob ihr vielleicht der _weiße_ Mitonare, der sie schon oft hat haben wollen, _die_ Sachen lehren soll, die sie bei mir nicht lernen kann?«

»Nein Mitonare, nein!« rief aber René rasch und bewegt -- »kein Segen wäre das hier für sie, auf der stillen Insel, und Du selber hast Dir das größte Recht auf sie erworben. In lieblicher Unschuld ist das Mädchen aufgeblüht -- wahre Du sie fortan, wie Du's bis jetzt gethan. Doch ich bin reich; ich will Dir Geld zurücklassen, daß Du --«

»_Geld?_« unterbrach ihn aber der Mitonare rasch und zornig -- »Geld? willst Du selber den Fluch wieder säen auf Atiu, der unser Volk schlecht gemacht hat und geizig? Geld -- fort damit, fort -- es ist Gift darin und Haß und Neid, und sie wachsen mit den häßlichen runden Stücken. Siehst Du die reife Frucht da am Brodfruchtbaum? siehst Du das klare Wasser hier? -- brauchen wir mehr? -- Wir nicht, aber wer anders braucht davon; -- die schwarzen Mitonares wollen Geld -- immer nur Geld -- denen gieb es wenn Du so viel hast; Ahiahi gönnt es ihnen -- nicht uns hier; hast uns weh genug gethan; aber Du meinst es nicht so schlimm« setzte er ruhiger hinzu -- »wußtest es nur nicht besser. Doch es ist Zeit für Dich, Sadie -- die Sonne sinkt; komm Aia -- laß die Beiden zusammen gehn -- das Gebet dort oben am Hügel wird ihnen wohl thun. Gehst Du mit ihr, René?«

René barg sein Angesicht in den Händen und stand still und sprachlos, viele Secunden lang; endlich ermannte er sich. Als er die Hände fort nahm, war sein Antlitz fast todtenbleich, und er ging langsam auf den Mitonare zu, ergriff und schüttelte seine Hand, und küßte den darüber etwas verlegenen kleinen Mann auf den Mund; auch Aias Hand, die sie ihm willig überließ, nahm er und drückte sie, und sein Kind dann an sich ziehend, schritt er mit ihm langsam den kleinen Hang hinauf, dem Grab der Gattin zu.

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