Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Part 16
»Sie haben schon weit mehr gethan, Capitain Sinclair« sagte René mit ruhiger, aber fast tonloser Stimme, »als ich je gewagt hätte von Ihnen zu erbitten -- mehr fast als sie verantworten können. Ich sehe ein daß es unmöglich ist Atiu zu erreichen, ja daß wir selber hier mit einbrechender Nacht vielleicht gefährdet würden länger zu kreuzen. Ich bitte Sie, thun Sie Ihre Pflicht.«
»Lieber Delavigne« sagte der Capitain gerührt, »ich fühle ganz das Bittere Ihrer Lage, aber trösten Sie sich auch wieder mit einer baldigen Rückkehr. Was sind die paar tausend Seemeilen herüber und hinüber, wie bald trägt uns das gute Schiff an die heimische Küste. -- Gingen Sie aber jetzt nicht lieber hinunter? -- wenn ich das Schiff vor dem Wind abfallen lasse, können wir wohl ein paar Seeen hinten über bekommen, ehe die Segel ordentlich gefaßt haben; die See geht gerade nicht so ungeheuer hoch eine Gefahr zu befürchten, aber es ist doch unangenehm.«
»Ich danke Ihnen« sagte der junge Mann leise -- »wenn ich Ihnen hier nicht im Wege bin, möchte ich oben bleiben, bis wir -- den anderen Cours liegen -- es ist so bald Abend.«
»Wie Sie wollen, Delavigne -- bleiben Sie nur da stehn wo Sie sind. -- Monsieur Roland« wandte er sich dann zu dem zweiten Lieutnant, der auf der Leeseite des Quarterdecks indessen auf und ab gegangen war -- »wir wollen die Marssegel lösen -- lassen Sie dann Süd Süd Ost anliegen.«
»Zu Befehl, Monsieur.«
Der schrille Pfiff des Bootsmann gellte über Deck; wie die Katzen liefen die Leute an den Wanten hinauf auf die Marsraaen, die Reefknoten zu lösen und die Segel auszuschütteln, und gleich darauf stiegen die Raaen unter dem Chor der singenden Matrosen, die sich nach dem Tackt mit dem ganzen Gewicht ihres Körpers in das Tau legten, empor. Der Bug des Schiffes fiel vor dem Winde ab, die Raaen wurden fast vierkant gebraßt und der stolze Bau, der bis jetzt mühsam gegen die schweren Wogenmassen angekämpft, flog, von den nachpressenden noch gedrängt und geschoben, pfeilgeschwind über die rauschenden, zischenden, schäumenden, stürzenden Wogen hin, die Insel, der er den ganzen Tag vergebens zugestrebt, gerade hinter sich lassend.
Düsterer wurde es jetzt auf dem Wasser, die Sonne neigte sich dem Horizont und dichte Wolkenschatten sammelten sich mit der einbrechenden Nacht. René stand noch immer, jetzt an dem Heck des stattlichen Schiffes, hinter dem die spritzenden schäumenden Wogen dreinstürmten, die Augen fest und unverwandt auf das mehr und mehr in düsterer Ferne verschwimmende Land geheftet, das Alles barg, was ihm einst diese Erde zum Paradies geschaffen -- Alles -- Alles, und das, ein Punkt, am Horizont verschwand.
»Arme Sadie« hauchte er leise, und mit der Gewißheit des Verlustes empfand er erst -- zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit, nicht was er verlor, nein, was er muthwillig fort von sich geworfen, und wie er das Bild sich ausmalte, seines armen verlassenen Weibes, wie sie geduldig seiner harrend mit dem Kind -- dem süßen, lieben herzigen Kind auf jener, oh so wohlbekannten Stelle stand, da Tag nach Tag, und Woche nach Woche verstreichen sah in stets vergebenem Harren und nur der stille Seufzer, keine Klage, kein Vorwurf über ihre Lippen kam, da brach ihm fast das Herz, und da zum ersten Mal auch füllten Thränen, heiße brennende Thränen der Reue seine Augen.
Und drüben am Horizonte verschwand indeß das Land -- noch ein dünner Streifen jetzt, wie ein blauer schmaler, kaum erkennbarer Wolkensaum, wie der dunkle Schattenrand des dämmernden Meeres selber -- und jetzt -- das Auge fand ihn nicht mehr -- Joranna -- Joranna hauchten die Lippen und der starke trotzige Mann barg weinend das kummerschwere Haupt in seiner Hand.
Capitel 8.
Schluß.
Auf Tahiti vertheidigten sich indessen die Insulaner mit unerschütterter, ungebrochener Tapferkeit gegen den täglich wachsenden, ihre Insel mit einer Kette von Bollwerken umziehenden Feind. Nicht Monate mehr, Jahre lang hielten sie sich in den, in den Bergen errichteten und befestigten Lagern und wiesen jeden Sturm und Angriff kaltblütig und unerschrocken zurück. Neue Schiffe kamen aber, mehr und mehr Truppen wurden auf den Kampfplatz geworfen, der den Indianern selber keinen Entsatz zu bringen vermochte, und das Resultat konnte zuletzt nicht zweifelhaft bleiben. Dennoch wäre es vielleicht noch so viel Jahre länger unentschieden geblieben, hätte ihnen nicht Verrath die Schluchten der Berge geöffnet.
Durch die Missionaire fortwährend in der thörichten Hoffnung gehalten, daß ihnen England doch noch, und zwar in kürzester Frist Hülfe schicken würde, zerstörte diesen Wahn zuerst der wackere Capitain des Englischen Dampfers Salamander, Capitain Hammond, der ihnen unumwunden und aufrichtig erklärte, so viel er wisse beabsichtige die Englische Regierung nicht sich in ihren Streit zu mischen, er selber habe wenigstens nicht den geringsten, dahin lautenden Auftrag bekommen, und sie möchten sich deshalb nicht falschen, betrügerischen Hoffnungen hingeben, die sie nur über ihre eigenen Vertheidigungsmittel irre führen, und zu unüberlegten, ihre Stellung verschlimmernden Schritten treiben müßten.
Pomare blieb an Bord der Basilisk, bis eine Englische Fregatte, der Carysford, von Lord William Paulet befehligt, am 17. Juli 1844 in Papetee eintraf, und nach vorhergegangener Besprechung mit Gouverneur Bruat, die Königin nach Barbara auf Imeo, wo Tabara, ihr erster Gemahl wohnte, hinüberbrachte, dort die Entscheidung der Mächte ruhig abzuwarten.
England hatte indeß die Behandlung seines Consuls nicht so ganz ungeahndet können hingehn lassen, während die Französischen Klagen gegen ihn auch wohl durch zu viel Beweise bekräftigt wurden, sie ganz zu verwerfen. Die Französische und Englische Regierung deshalb, nicht einer so trostlosen Sache wegen einen Europäischen Krieg zu beginnen, vereinigte sich dahin, daß die erstere den Admiral =Du Petit Thouars=, der bei seiner Rückkehr in Toulon von dem jungen Volk enthusiastisch empfangen und mit einem Ehrensäbel beschenkt wurde, trotz seiner Vertheidigung das Kommando entzog; die Englische Regierung dagegen versprach Mr. Pritchard, der sich den Französischen Interessen zu feindlich gezeigt, nie wieder nach Tahiti oder einer von den Franzosen in Besitz genommenen Inseln zu senden.
Am 19. Juni 1847 erließen die beiden Großmächte England und Frankreich ebenfalls eine Deklaration, in welcher sie die Unabhängigkeit der Inseln von Huaheine, Raiatea, Bola Bola etc. -- erklärten, wie zugleich unter §. 3 bestimmten, daß »kein Häuptling von Tahiti zu ein und derselben Zeit über jene Inseln regieren könne.«
Nicht allein daß die Macht der Pomaren auf Tahiti und Imeo gebrochen war, sondern die ihnen bis jetzt wenigstens tributpflichtigen Stämme wurden, um die Franzosen fern zu halten, ihrer Oberherrschaft jetzt ebenfalls entzogen, und der Königsstamm der Pomaren sah seinen Stern untergehn auf ewig.
Ueber den Schluß des Krieges, den die Eingeborenen mit so wackerem Muth und fabelhafter Ausdauer gegen die, ihnen an Waffen und Kriegskunst so weit überlegenen Fremden führten, sagt ein Missionsbericht vom Januar 1847 das folgende:
»Etwa Anfang December des vorigen Jahres entdeckte ein Eingeborener von Atiu über dem Hautaualager (dessen Thal unmittelbar hinter Papetee liegt und eine Passage durch das Innere zu den beiden anderen Lagern eröffnete) einen gangbaren Pfad eine Klippe hinauf, wo die Feinde eine Position nehmen konnten, das unter ihnen liegende Lager zu beherrschen. Er war von den Eingeborenen desertirt, und erbot sich in Papetee die Feinde für eine besonders bestimmte Belohnung -- ich glaube 200 Dollar -- dort hinauf zu führen. Nicht lange nachher marschirten fast sämmtliche Truppen das Thal hinauf, die Hauptmasse formirte sich in Schlachtordnung auf der gewöhnlichen Passage, wie im Begriff einen neuen, schon so oft abgeschlagenen Sturm zu versuchen, und der Zweck wurde auch dadurch vollkommen erreicht, denn die Eingeborenen, von denen eine starke Abtheilung sogar fouragiren geschickt war, richteten ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Vertheidigung des einen Passes. Unter der Zeit schlich der Atiuer mit etwa dreißig den Franzosen ergebenen Eingeborenen und vierzig Soldaten, zu dem ihm wohlbekannten Pfad, und ließ von dort ein mitgenommenes Seil nieder, an diesem eine feste und schon zu dem Zweck bereit gehaltene Strickleiter aufzuziehn. Auf dieser folgten nun nach und nach die übrigen Soldaten, bis sie Alle die Klippe, und später den etwa 1000 Fuß hohen Abhang erreicht hatten, wo sie die Eingeborenen unmittelbar über ihrem Lager bedrohten, und furchtbare Verwüstung hätten unter ihnen anrichten können. Die Insulaner sahen auch bald daß weiterer Widerstand vergeblich war, streckten die Waffen und wurden als Kriegsgefangene in die Stadt gebracht.«
»Die Einnahme dieses Lagers öffnete den Franzosen jetzt den Weg zu den beiden anderen befestigten Plätzen; ihnen lag aber keineswegs daran die Insulaner zu bekämpfen, sie wollten sie sich nur unterwerfen, und entließen ihre Gefangenen augenblicklich wieder, sobald sie das Französische Protektorat anerkannt. Einer der entlassenen Häuptlinge wurde dann nach Buaania, der schwächsten Befestigung, als Parlamentair abgesandt sie zur Uebergabe aufzufordern, oder mit einem Angriff zu drohn. Diese ebenfalls, als sie hörten wie die Sachen doch nun einmal standen, unterwarfen sich, und streckten dort allein 250 Gewehre.«
»Das Lager von Papeeneo ergab sich zuletzt; die Vertheidiger zögerten mehrere Tage, endlich aber fügten auch sie sich der Uebermacht und marschirten, gerade am Neujahrstag, in die Stadt, wo sie ihre Waffen nieder legten. Sie kamen in langer Procession -- die Häuptlinge voran, dann die Krieger, und die Frauen und Kinder zuletzt. Noch etwa hundert Schritt von den Französischen Truppen entfernt machten sie Halt, knieten nieder und beteten, dann erhoben sie sich zusammen und marschirten in die Stadt. Indessen waren von den Franzosen schon ihre eingeborenen Richter ernannt worden, diese empfingen sie mit freundlichem Gruß, bewillkommten sie als Brüder und führten sie nach dem Gouvernementshaus, wo sie ihre Waffen förmlich niederlegten und das Protektorat anerkannten. Eine allgemeine Amnestie (ohne Ausnahme) wurde dann verkündigt, alle Fehltritte wurden als vergessen betrachtet, und den Leuten angedeutet sich ruhig und unbesorgt wieder in ihre Heimath zu verfügen.«
Die geflüchtete Königin kehrte erst im Februar nach Tahiti zurück, wo sie von Gouverneur Bruat empfangen und von ihm, als dem Repräsentanten Frankreichs, in alle ihre Rechte und Privilegien als Königin von Tahiti und Morea, _unter Französischem Protektorat_ anerkannt wurde. Ein aufgestelltes Musikchor spielte ein Französisches Nationallied und ein Salut von ein und zwanzig Schüssen donnerte seinen Segen dazu.
Ihre Majestät bekam von da an einen förmlichen Gehalt von der Französischen Regierung; etwa in derselben Art wie die abgesetzten Indischen Fürsten auf Java von den Holländern erhalten und bezahlt werden, als Mittelspersonen gewissermaßen zwischen den Eingeborenen, für die sie zu haften haben, und der fremden Regierung. Pomare erhält jährlich 5000 Dollar, und außerdem noch eine nicht unbeträchtliche Summe als Landzins, für Beamtenstellen etc. -- so daß die ganze Summe fast 8000 Dollar betragen mag. Jeden Verkehr Ihrer Majestät aber mit Fremden, die auf Tahiti wohnten oder es besuchten, behielt sich das Protektorat vor, und eine gewünschte Audienz mußte vier und zwanzig Stunden vorher angezeigt und der Grund der gewünschten Zusammenkunft gegeben werden -- wahrscheinlich um weiteren Aufreizungen zuvor zu kommen und sie von vorn herein unmöglich zu machen.
So war der _Titel_ den Pomaren erhalten, aber sie hatten aufgehört zu regieren.
Die katholische Religion breitete sich dabei ebenfalls mehr und mehr aus; ein Bischof war von Frankreich herüber gekommen, und ein großer Theil der Indianer wandte sich der neuen Religion zu. Andere verharrten in ihrem Glauben, und sehr Viele »überlegten sich« die Sache; sie waren stutzig geworden auf dem eingeschlagenen Weg -- ihr einfacher Verstand begriff die Spitzfindigkeiten der verschiedenen Sekten nicht, und bald dieser bald jener sich neigend, leben sie gleichgültig in den Tag hinein; ein geringer gebotener Vortheil kann sie der einen oder anderen Religion leicht gewinnen.
Es war Frieden in Tahiti; die Partheien hatten sich vereinigt, Paofai und Utami, Tati, Hitoti und Paraita waren Richter des Volks geworden, und die Sonne lachte so freundlich auf die blitzenden Uniformen der Französischen Soldaten nieder, die beim Parademarsch alle jungen Leute der Umgegend um sich sammelten zu heiterer Lust, als sie auf die Tapatücher von deren Voreltern nieder geschienen. Die zerschossenen Brodfruchtbäume und Palmen waren entfernt, und andere schon wieder an ihrer Stelle gewachsen, große steinerne Gebäude aufgeführt, breite Straßen angelegt, Brücken gebaut und -- Straßenlaternen standen auf behauenen Corallblöcken am Strand des Hafens von Papetee.
* * * * *
Im November des letzten Jahres kam ein Schiff durch die Straße von Tahiti und Imeo eingesegelt und wurde da von Windstille befallen. Während es noch mit schwerfällig gegen den Mast schlagenden Segeln, mit der Gegenströmung eher wieder seinen Cours zurückgehend, dort lag, lief ein kleines, von zwei Eingeborenen gerudertes Boot von Morea herüber an ihnen vorbei, und wurde von Deck aus angerufen.
Ein Passagier wünschte mit an Land zu fahren, und da er ihre Sprache vollkommen gut verstand, einigten sie sich bald darüber. Das Boot legte sich an die Seite des Schiffs, die Fallreepstreppe wurde über Bord gehangen, und der Fremde stieg rasch hinab, wo er ohne Weiteres seinen Sitz im Heck des Bootes und der Steuerruder nahm.
»Gerad' da hinüber wohin Ihr den Bug jetzt gedreht habt liegt die Einfahrt der Bai« sagte der eine Indianer, als sie das Schiff verließen und rasch über das vollkommen ruhige Wasser dahin glitten.
»Ich weiß es« erwiederte der Europäer, ohne die Augen jetzt von dem, vor ihnen ausbreitenden Ufer fort zu nehmen, und die Indianer ruderten schweigend weiter. Durch die Einfahrt glitten sie, von der Fluth begünstigt, rasch hinein und am Ufer hinauf, vermieden die hie und da verborgenen Corallenriffe, deren Lage der fremde Mann zu dem unbegrenzten Erstaunen der beiden Insulaner vollkommen gut kannte, und landeten endlich in Matavaibai an dem Fuß eines ziemlich gut gehaltenen Gartens, in dem oben eine der gewöhnlichen großen Bambushütten, wie sie die wohlhabenderen Eingeborenen bewohnen, stand.
Woher kannte der Fremde den Platz so genau? und doch erinnerte sich keiner der Beiden, die hier seit ihrer Kindheit wohnten, ihn je gesehn zu haben. Es war ein schlanker kräftig gebauter Mann, und seine Bewegungen hätten fast jugendlich genannt werden können, nur daß dem das schon stark ergraute Haar und die tiefen Furchen seines Angesichts widersprachen.
Neun Jahre hatten René Delavigne zum Greis gemacht, so daß selbst zwei seiner alten Nachbarn ihn nicht wieder erkannten.
Er sprang an Land, und als er den festen Grund betrat, denselben Platz wo einst seine eigene Heimath gestanden und er vor neun Jahren Abschied von -- Er durfte den Gedanken nicht ausdenken, denn er wollte den Insulanern die Aufregung nicht verrathen in der er sich befand; aber er brauchte in der That mehre Minuten, ehe er sich so weit gesammelt hatte sie wieder anzureden, und frug endlich ruhig, wem das Haus hier gehöre und wer es bewohne.
»Dies hier? Mitonare« -- sagte der Eine von ihnen.
»Was für ein Mitonare? -- ein Ferani oder Kanaka?«
»Kanaka -- gewiß« erwiederte der Eingeborene lachend, »Kanaka Raiteo -- da sitzt er« fügte er dann mit leiserer Stimme hinzu, als er mit dem Fremden den schmalen Weg hinauf und am Haus vorbei der Straße zu ging, und René erkannte die Gestalt seines alten _Feindes_ oder _Freundes_, wie es sein Nutzen eben nur erheischte, der, sein bewegtes Leben mit einem gottseligen vertauscht, ausruhend vor seiner Thür unter einem schattigen Orangenbusch saß und, die aufgeschlagene Bibel neben sich auf einem Tisch, die Hände über einem ansehnlichen Bauch gefaltet, mit unbeschreiblicher Behaglichkeit die Last seiner Existenz zu tragen schien. Er war in Frack, Weste und Halstuch, so unbequem als möglich gekleidet, aber darunter nur in den Pareu, denn seine Landeskrankheit, die unter den älteren Eingeborenen ungemein häufige Elephantiasis, erlaubte ihm nicht, der ansehnlich geschwollenen Beine wegen, in Hosen zu fahren. Die Unbequemlichkeit abgerechnet hat diese wunderbare Krankheit aber weiter gar keine üblen Folgen, sondern verleiht im Gegentheil dem Träger eher noch ein würdiges achtbares Ansehn, wenigstens in den Augen seiner Landsleute, und die damit Behafteten werden alt und grau.
Als Raiteo den Fremden erblickte rief er ihm sein gastliches =Haremai, haremai= entgegen, und lud ihn durch Winken mit der Hand ein näher zu treten.
»Wollen wir nicht hin gehn? -- Mitonare winkt« sagte der eine Insulaner, der ihn noch bis zu da, wo oben seine Hütte stand, begleitete -- René zögerte auch fast unwillkürlich, aber er wandte sich wieder ab, grüßte mit der Hand nach dem würdigen Mann hinüber, und schritt rasch vorbei.
Langsam und allein verfolgte er, als ihn der Eingeborene verlassen hatte, seinen Weg, die jetzt breite und bequem ausgegrabene Straße entlang nach Papetee. Sein Blick flog dabei unwillkürlich von einer der gemachten Verbesserungen und Neuerungen zur anderen, ohne aber lange darauf zu haften; er schritt theilnahmlos an den Kasernen und Kapellen, an den Gouvernementsgebäuden und Befestigungen vorüber, bis er die kleine, wohlbekannte Gartenpforte erreichte, die zu Monsieur Belards Hause führte. Seine zitternde Hand legte sich auf den Drücker, als sein Blick auf eine kleine Porcellaintafel fiel, die einen fremden Namen trug.
Durch den Garten kam, die Hände in den Taschen seiner weiten Nankinghosen, und ein fröhliches Lied pfeifend, ein behäbig aussehend alter Herr von unverkennbar Englischem Ausdruck.
»Verzeihen Sie mein Herr« redete ihn René in dieser Sprache an -- »bewohnte nicht dieses Haus in früherer Zeit ein -- Monsieur Belard?«
»In früherer Zeit allerdings« erwiederte jener -- »ich habe es von ihm gekauft.«
»Und Monsieur Belard?« frug René rasch.
»Ist vor zwei Jahren etwa zurück nach Frankreich gegangen.«
»Zurück nach Frankreich? -- allein?«
»Mit seiner Frau.«
»Und er nahm -- er nahm sonst keine Dienerschaft -- keine Begleitung mit?«
»Niemand, so viel ich weiß; wir waren bis zur letzten Stunde noch zusammen.«
»Ich muß Ihre Zeit noch einen Augenblick in Anspruch nehmen« fuhr René nach kurzer Pause fort -- »können Sie mir vielleicht Auskunft geben, ob Schiffe oder Fahrzeuge manchmal von hier nach den leewärts gelegenen Inseln gehn?«
»Selten, die Missionsfahrzeuge ausgenommen; aber wenn Sie Fracht dorthin haben sollten, so liegt gleich da unten ein kleiner Cutter, kaum größer wie eine Schiffsbarkasse, dessen Eigentümer ihn mir erst heute Morgen zu irgend einer Fahrt offerirte; den könnten Sie jeden Augenblick miethen. Sie sind wohl erst ganz kürzlich von Frankreich herübergekommen?«
»Nein Sir; ich habe Frankreich schon mehre Jahre verlassen.«
»Aber Sie sind Franzose?«
»Allerdings.«
»Das dacht ich mir -- doch wir stehn hier so in der Thüre, wollen Sie nicht näher treten?«
»Ich danke Ihnen herzlich« sagte René, dem es ein unheimliches Gefühl war _die_ Schwelle gerade bei fremden Menschen wieder zu überschreiten -- »ich habe dann keine Zeit zu verlieren und erkundige mich lieber gleich nach den Bedingungen. Wissen Sie vielleicht zufällig wo ich den Eigenthümer finden kann?«
»Er ist ein Landsmann von ihnen und wenn Sie ihn nicht an Bord finden, können Sie ihn jedenfalls bei Viktor erfragen -- er fährt aber nicht selber, sondern schickt seine Indianer. Sie gehn dazu die erste Querstraße hier hinauf in die sogenannte Broomroad, und dann rechts hinunter bis Sie --«
»Ich danke Ihnen, ich kenne den Platz.«
»Ah, desto besser« und mit freundlicher Verbeugung trennten sich die Männer.
Der frische Ostpassat blähte die Segel, das wackere kleine Schiff warf schäumend die schimmernden Wellen zurück, die hinter ihnen her tanzten und sprangen, und in wilder Lust ihre Häupter schüttelten, daß die klaren blitzenden Perlen davon absprühten, und der Himmel spannte sich klar und rein über das tiefblaue, wie mit einem durchsichtig goldenen Netz überzogene Meer.
Gerade vor dem Bug des Cutters, dem er mit schwellender Leinwand entgegen strebte, zeigte sich Land -- über den Horizont auf stiegen die wunderlich gezackten blauen Kuppen einer kleinen Insel, und hoben sich höher und höher, jetzt die einzelnen Conturen der Schluchten und Berghänge klarer abzeichnend, jetzt den zackigen Baumwuchs selbst, auf dem oberen Kamm der Hügel deutlich unterscheidend, während rechts und links schon ein schmaler, dünner, blauer Streifen -- das niedere Palmenland, das die Hügel umgab, ablief, und der Fluth gleichsam entquoll, als sich das scharfgebaute flüchtige Boot mehr und mehr dem Ufer näherte.
»Mein Atiu!« flüsterte René, als er vorn auf der Back des kleinen Fahrzeugs stand, wo die am Bug aufspritzenden Wogen unter seinen Füßen schäumten, »mein liebes Atiu -- und dort der Hügelhang, der unvergessene mit seinen rauschenden flüsternden Palmen, den stillen Zeugen meines schönsten Glücks -- da drüben das schmale schattige Thal mit den duftenden Blumen, dort oben die runde Kuppe, die das Ihiamoea trägt -- dorthin das Joch, das sich hinüber spannt nach jenem Berg, über den mich Sadie führte in jener Nacht; und da unten -- ha, dort kommt schon das helle friedliche Dach des Mitonares mit seinem Orangenhain und Bananengarten, seinem lauschigen Platz unter dem breitästigen Hibiscus und dem murmelnden Quell am Haus, über dem die Palme liegt. Es ist noch Alles so wie ich es verließ« setzte er tief aufseufzend hinzu, als das kleine schmale Fahrzeug der Einfahrt in die Riffe zu strebte, und wieder nach langen Jahren die stille so wohl bekannte Bai die waldigen Arme ausstreckte ihn zu begrüßen -- »Alles, nur in der eigenen Brust ist es todt, und am Herzen nagt es und wühlt in Schmerz und Reue.«
Das Segel fiel -- der kleine Cutter hatte den seichten Corallengrund erreicht, und drei von den vier Eingeborenen, die seine Besatzung bildeten, kamen nach vorn, den leichten Anker über Bord zu werfen. Wie er sank und den Grund faßte, schwang das leichte Fahrzeug vor der Fluth herum, und die kleinen Fluthwellen kräußten in dem sonst hier vollkommen stillen Wasser an seinem Ankertau und Bug.
Sie lagen kaum dreißig Schritt vom Land entfernt, konnten aber, der hier überall auszweigenden Corallen wegen, nicht näher hinan kommen und mußten von dort ein Canoe oder Boot herbei rufen. Am Ufer hatten sich indessen eine Menge Mädchen und Frauen und Männer gesammelt, den ungewohnten Besuch zu empfangen und zu besprechen, und René harrte mit ängstlich klopfendem Herzen des Augenblicks, der ihn an Land -- der ihn unter jene Gruppen wieder bringen sollte, dort zu erfahren was er nicht den Muth gehabt, in eines Menschen Auge hinein auf Tahiti zu erkunden. Wer hätte auch dort ihm Nachricht geben sollen von der fernen Insel.
Jetzt stieß ein Canoe vom Strand -- zwei alte Insulaner saßen darin, und das leichte schlanke Fahrzeug glitt pfeilschnell zwischen den hier überall aufragenden Corallenblöcken hin auf sie zu und legte sich langseits.
»Joranna, Joranna!« riefen die fröhlichen Menschen, »Joranna bo-y -- komm an Land Fremder, komm an Land -- wir haben Cocosnüsse für Dich und Brodfrucht -- komm an Land!«