Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 15

Chapter 153,761 wordsPublic domain

Briefe aus der Heimath -- oh wie der Klang dem Herzen des fremden, wegemüden Wanderers so wohl thut; Briefe aus der Heimath. -- Die lieben, so lang entbehrten, und doch so oft herbeigewünschten Züge theuerer Hand -- die herzlichen Worte derer, von denen wir so lange geschieden, und die noch mit so inniger Liebe unserer gedenken -- die wieder und wieder ausgesprochene Bitte heimzukehren -- heim in offene Arme, an treue Herzen. Und dann die heimischen bekannten Namen, die wie der Klang von Kirchenglocken uns ernst und feierlich die Brust durchziehn -- ach es ist ein frohes, ein seliges Gefühl, und selbst die fremde Welt die uns gerade umgiebt, nimmt in dem Augenblick der Heimath Farben an, und glüht und lacht, als ob daheim die Sonne, ein Frühlingsgruß dem Heimgekehrten, auf vaterländische Matten ihre milden Strahlen werfe.

Wie freudig blitzten an dem Tage die Augen aller der Glücklichen denen ein Brief geworden; wieder und wieder wurde er gelesen, geküßt und wieder gelesen, und der Inhalt dann ausgetauscht mit Anderer Reichthum.

Nur Einer, von alle diesen saß still und in sich gekehrt, unzufrieden und schwermüthig auf seiner Stube, den Kopf sorgenvoll in die Hand gestützt, das Auge starr und bewußtlos auf die wehende Palme geheftet, die vor dem Fenster stand, und unbeachtet ihr silbern melodisches Rauschen in das stille Gemach flüsterte.

Es war René -- einen offenen Brief vor sich auf dem Schooß, und mit ernsten, finsteren Gedanken das Herz erfüllt, Gedanken denen selbst der Heimath Gruß das Bittere nicht rauben konnte.

»Daß die verdammte Kugel nicht einen Zollbreit tiefer traf, wie Adolphe sagt« murmelte er dabei leise vor sich hin -- »jetzt wär's vorbei -- drunten im kühlen Grund läg ich still und friedlich, einer anderen Welt entgegen zu träumen und Sadie -- beweinte mich, wie man den Hingeschiedenen beweint und lebte glücklich unter ihren Palmen fort. Arme Sadie -- der alte wackre Osborne hatte recht, nur daß die Warnung damals zu spät für uns Beide kam. Da steh ich denn jetzt am Ziel von Allem, was ich in früherer Zeit erstrebt, und bin ich glücklich? -- elend bin ich, elend. Wie das edle Rennpferd an haferstrotzender Krippe mit zerschnittenen Flechsen liegt, das fröhliche Wiehern der vorbeistürmenden Kameraden hört, und kein Ziel mehr hat dem es entgegenstreben _darf_, so lieg ich hier. Vorbei die Zeit, wo es die breite starke Brust dem Strom entgegenwarf, vorbei die frohe Zeit, wo's mit dem Wind wetteifernd, donnernden Hufs entlang die Steppe flog -- vorbei, ein warmer Stall, eine weiche Streu, das süße Futter im Trog und -- die Flechsen zerschnitten -- nicht einmal sterben kanns.«

»Hallo René, so trüb und traurig hier allein?« rief eine fröhliche Stimme und Adolphe stand vor ihm -- »böse Nachrichten im Brief? Du machst ja bei Gott gerade wieder ein solch Gesicht, als wir zusammen vorn auf der Back des Delavare standen; willst wieder desertiren?«

René wandte den Kopf halb ab von dem Freund und reichte ihm die linke Hand -- die Erinnerung an jene Zeit gab ihm, er wußte selbst nicht recht warum, einen Stich durch's Herz. Der Brief selber aber bot ihm Gelegenheit das Gespräch nach anderer Richtung hin zu wenden.

»Unangenehme Geldangelegenheiten, Adolphe« sagte er endlich, ihm den offenen Brief hinüber reichend, »da lies selbst.«

Adolphe nahm den Brief, durchflog ihn und sagte achselzuckend:

»Das läßt sich denken; die treiben jetzt daheim mit Deinem Geld was ihnen gutdünkt. Wär ich wie Du, ich ging auf's nächste Schiff und regulirte dann zu Haus die Sache selbst. Selbst ist der Mann, Du magst hier schreiben und schreiben so viel Du willst, eine einzige Woche an Ort und Stelle richtet mehr aus, als eine Jahre lange Correspondenz. Ueberdies ist die Sache gar nicht unbeträchtlich und schon eine solche Reise werth; und das nicht allein, Du schlägst zwei Fliegen gleich mit einem Schlag, denn, René, verhehle Dir nicht selber wie es mit Deiner Wunde steht; ohne die größte Vorsicht und Pflege kannst Du möglicher Weise einen steifen Arm Dein ganzes Leben hindurch behalten, und jetzt noch ist es vielleicht Zeit, durch die Dir empfohlenen warmen Bäder dem vorzubeugen. Du hättest dabei jetzt gerade die beste Gelegenheit, mit demselben Fahrzeug zu gehn, auf dem Brouards sich einschiffen.«

René sprang, von dem Gedanken getroffen, von seinem Sitze auf, und ging ein paar Mal mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Zurück nach Frankreich? -- er selber? -- mit --«

»Nein, nein« rief er plötzlich in ängstlicher Hast, als ob er selber fürchte der Versuchung nicht widerstehen zu können, die ihm so entsetzlich lockend vor die Seele trat; »zurück nach Frankreich? nein, nein, das ging nicht an -- und wenn nur zum Besuch? Sadie -- Sadie« murmelte er leise und wie beschwörend vor sich hin.

»Und was würde Dich hindern Deine Frau mitzunehmen?« sagte Adolphe, dem das leise geflüsterte Wort nicht entgangen, nach kurzer Pause -- »es wäre zugleich eine Art Probierstein für Dich für spätere Zeiten.«

»Nein Adolphe, nein« sagte aber René nach kurzem Sinnen, seinen Platz am Fenster wieder einnehmend, denn der Arm fing ihn an zu schmerzen vom vielen hin- und hergehn -- »nie im Leben würde sich Sadie dort glücklich fühlen -- noch ich mit ihr. Wie eine Treibhauspflanze, ihrem heimischen Boden entrissen, müßte sie verkümmern und -- so lebensfrisch sie hier im Schatten ihrer Palmen blüht, untergehn. Und dann zugleich mit -- Brouards.«

»Es wäre eine so schöne Gelegenheit, wie Du sie Dir nur wünschen könntest.«

»Ja -- Du hast recht und doch -- es geht nicht; auch gäbe Sadie nie ihre Einwilligung dazu -- und die Reise mit dem Kind.«

»Bah, bah, das sind Kleinigkeiten wenn man sonst nur will« lachte Adolphe, »doch das mache mit Dir selber aus; wichtig genug ist es aber jedenfalls es Dir genau zu überlegen, und Dir bleibt dabei nicht einmal viel Zeit, denn heute Morgen schon wurde ein Schiff signalisirt das, wie man allgemein glaubt, die =Reine blanche= ist.«

»Die =Reine blanche=? -- schon jetzt?« rief René rasch und Adolphe sagte lachend:

»Nun, das ist nicht übel -- seit drei oder vier Wochen wird sie stündlich fast erwartet und dumpfe Gerüchte gingen schon, daß sie irgendwo vielleicht gar in einem Typhoon zu Schaden gekommen, und Du sagst »schon jetzt?« Dir muß die Zeit ungeheuer rasch verflogen sein. Doch ich muß fort, René« brach er, nach der Uhr sehend ab, »der Gouverneur hat mich rufen lassen; gegen Abend seh ich Dich wieder und -- überleg Dir's.«

René schüttelte langsam und ernst den Kopf, während Adolphe mit freundlichem Gruß das Zimmer verließ, und gleich unten an der Thür Lieutnant Bertrand traf, der langsam mit ihm die Straße hinabschlenderte.

Das signalisirte Schiff war in der That die =Reine blanche=, die zwei Stunden später etwa, unter dem grüßenden Donner der Kanonen, in den Hafen einlief. Der Admiral kam aber an diesem Tag gar nicht an Land, sondern empfing nur die von Frankreich für ihn eingegangenen Depeschen und schrieb bis spät in die Nacht hinein. Am anderen Morgen hatte er eine lange Konferenz mit dem Gouverneur, und die Jeanne d'Arc bekam Ordre sich auf den nächsten Tag segelfertig zu halten. Zu seinem Erstaunen aber bekam René eine Einladung an Bord des Admiralschiffs zu kommen, wo =Du Petit Thouars= ihn in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünschte. Er ging um die bestimmte Zeit und fand dort, außer dem Gouverneur Bruat, Monsieur Belard und Brouard, und mehre französische Officiere; unter ihnen Adolphe und Bertrand.

»Lieber Capitain Delavigne« redete ihn der Admiral gleich nach seinem Eintreten freundlich an -- »ich habe einen Auftrag für Sie -- einen wichtigen Auftrag, an dessen geschickter und ehrlicher Ausführung mir viel liegt, und zu dem ich mir hier in Tahiti einen passenden Mann suchen wollte. Diese Herren hier haben mir Alle einstimmig Sie vorgeschlagen, und auf so gute und ehrenvolle Empfehlung hin glaub' ich in Sie denn auch mein volles Vertrauen setzen zu können. Was sagen Sie dazu?«

»Ich erwarte Ihre Befehle zu hören« sagte René, wirklich jetzt neugierig, auf was das Alles hinauslaufen sollte.

»Ich habe Sie zu meinem Gesandten nach Paris ausersehn« sagte der Admiral lächelnd -- »wollen Sie gehn?«

»Herr Admiral!« rief René überrascht, fast erschreckt.

»Ich will ganz aufrichtig mit Ihnen sein« fuhr aber =Du Petit Thouars=, ohne ihn weiter zu Wort kommen zu lassen, fort, »denn ich habe mich schon selber gegen die Herren hier ausgesprochen. Nach den hier auf Tahiti stattgehabten Vorfällen läßt es sich denken, daß nicht allein die Protestanten in Europa, sondern auch manche Leute, die mir gerade nicht freundlich gesinnt sind, die Sache so weit zu unserem Nachtheil ausbeuten werden, wie nur irgend möglich. Wir werden den friedlichen Naturkindern gegenüber als Barbaren und Gott weiß was sonst noch hingestellt werden, und besonders zweifle ich nicht daran, daß die uns feindlich gesinnten Missionaire das ihrige nach besten Kräften thun werden, unsere Thaten recht schwarz und entsetzlich anzustreichen. Dem zu begegnen brauche ich einen Mann, der Zeuge des Ganzen gewesen und die Verhältnisse hier kennt, der aber auch, wie Sie, unabhängig und unbetheiligt, bis Ihnen die Notwendigkeit und Selbsterhaltung die Waffen in die Hand zwang, dem Kampfe zugesehn, und ich verlange nichts weiter von Ihnen, als daß Sie der französischen Regierung meine Depeschen überbringen, und dort Alles so, der Wahrheit treu, schildern, wie Sie es hier gefunden.«

»Dieser so ehrenvolle Auftrag --« stammelte René und der Admiral fiel ihm in's Wort.

»Bietet Ihnen zugleich die Gelegenheit sich von ihrer Wunde, die, wie ich gehört habe, keineswegs so ganz harmloser Natur ist, wieder vollständig zu erholen; Sie bleiben unter der Behandlung Ihres bisherigen Arztes, der natürlich mit seinem Schiffe geht und haben, glaub' ich, wenn ich recht unterrichtet bin, ganz angenehme Gesellschaft unterwegs, eine Seereise von vier Monat etwa, schon erträglich zu machen.«

»Lieber Delavigne« nahm jetzt Monsieur Belard das Wort -- »es wird Ihnen hier eine Auszeichnung geboten, die sogar mit den vorteilhaftesten Umständen für Ihre eigene Gesundheit zusammentrifft, und manchen Anderen unendlich glücklich machen würde -- ich glaube Ihnen gratuliren zu dürfen.«

»Aber meine Frau« rief René, »so ehrenvoll Ihr Vertrauen für mich ist, Herr Admiral, und mit so großem innigen Dank ich versuchen würde ihm zu entsprechen, so hab' ich doch Pflichten hier zu erfüllen, die ich nicht vernachlässigen _darf_, wenn ich nicht in Ihrer eigenen Achtung sinken wollte.«

»Ich weiß, Sie haben ein Indianisches Mädchen zur Frau genommen« lächelte der Admiral -- »sie ist auf einer der Nachbarinseln? machen Sie sich keine Sorge deshalb, die zehn oder zwölf Monate die Sie abwesend zu sein brauchen, wenn Sie wirklich so rasch wieder zurück kommen _wollen_, soll sie unter unserem Schutze stehn.«

»Aber sie weiß kaum daß ich verwundet bin -- erwartet mich wahrscheinlich mit jedem Tag, und ich _dürfte_ nicht eine solche Reise unternehmen, ohne sie vorher nicht wenigstens noch einmal gesehn, gesprochen zu haben.«

»Auch das ließe sich vereinigen« erwiederte der Admiral, dem daran gelegen schien, gerade den jungen Mann für seine Mission zu gewinnen -- »sagten Sie nicht Atiu hieß die Insel, Monsieur Belard?«

»Atiu ist der Name.«

»Gut; bei einer Reise von so viel Monaten kommt es nicht auf einen einzelnen Tag und ein paar Seemeilen an; die Jeanne d'Arc mag Atiu anlaufen und kann dort vielleicht gleich noch eine Parthie süße Kartoffeln und Brodfrucht mit an Bord nehmen, die doch hier jetzt nicht so leicht zu bekommen sind. Ist der Wind nur einigermaßen günstig, so behalten Sie da jedenfalls ein paar Stunden Zeit Ihrer Frau Adieu zu sagen. Hat das Ihre letzten Zweifel beseitigt?«

»Ihre Güte Herr Admiral.«

»Schön, schön -- ich will Sie auch nicht drängen; die Sache ist allerdings wichtig für Sie, und ich gebe Ihnen, ohne jetzt irgend ein Versprechen von Ihnen zu verlangen, zwei Stunden Frist; bis dann _muß_ ich aber eine entscheidende Antwort haben. In zwei Stunden also --« er nahm seine Uhr heraus und sah nach der Zeit, »etwa drei Viertel auf zwei Uhr -- wir wollen zwei Uhr sagen, erwarte ich Sie wieder hier und dann können Sie gleich mein Gast zu Tisch sein; also auf Wiedersehn bis dahin;« und dem jungen Mann wie den Uebrigen freundlich mit der Hand winkend, nahm er Capitain Sinclairs Arm und zog sich mit ihm in seine Privatcajüte zurück.

»Triumph!« rief Adolphe, als er mit René und Bertrand wieder im Boote saß, und rasch dem Lande zuruderte, »Triumph René -- Mensch, wenn Du Dir Alles beim lieben Gott bestellt hättest, konnte es nicht besser ausgefallen sein -- die zwei Stunden Bedenkzeit sind eine wahre Ironie.«

»Was _soll_ ich thun?« sagte, tief aufseufzend, René.

»Was Du thun sollst?« wiederholte Bertrand erstaunt -- »zugreifen mit Lust und Wonne, und Gott auf den Knieen dafür danken. Mir füllt es die Brust mit unbeschreiblicher Seligkeit, daß wir die Fahrt jetzt wieder heimwärts lenken, und Du stehst noch da und sinnst und überlegst. René, René, wenn Du Dir diese Gelegenheit entschlüpfen läßt, bereust Du's sicherlich -- die kehrt nicht wieder.«

»Ich weiß auch gar nicht, ob ich's mit meinem Arm wagen darf eine so lange Reise zu unternehmen« sagte René jetzt sinnend. »Ich muß doch jedenfalls erst den Arzt darüber fragen?«

»Gehst Du jetzt zu Hause?« frug Adolphe.

»Bald wenigstens.«

»Gut, dann schick ich ihn Dir in einer halben Stunde etwa; ich weiß wo er sich in diesem Augenblick aufhält, und komme selber später vielleicht Dich wieder abzuholen, höre jedenfalls Deinen Entschluß und kann Dir dann vielleicht noch mit dem oder jenem helfen. So ade und erleuchte Dich Gott, Du kannst's brauchen« lachte der Freund, und seinen Arm in den Bertrands schiebend, gingen die beiden jungen Officiere, lebhaft das eben Geschehene besprechend, die Straße nieder.

Monsieur Belard war indessen mit seinem eigenen Canoe an Land gerudert und schon zu Haus als René, der noch eine Zeit lang in peinlicher Unentschlossenheit die Straße auf und ab gelaufen war, langsam die Treppe hinaufstieg. Er hörte dabei daß sich die beiden Eheleute eifrig und laut mitsammen unterhielten und wollte sich, ohne sie zu stören, auf sein Zimmer schleichen, denn der Kopf schwindelte ihm von all den wild auf ihn einstürmenden Gedanken und Plänen, aber Monsieur Belard hatte ihn kommen sehn, und ließ ihm keine Zeit zu ruhigem Ueberlegen.

»Und Sie wollen uns jetzt wirklich desertiren, Delavigne?« rief ihm die kleine Frau schon auf der Schwelle, traurig mit dem Kopf schüttelnd, entgegen, »und Susanna auch zu gleicher Zeit, und Brouards -- Himmel, das wird eine förmliche Einöde werden hier in Papetee. Aber bis wann denken Sie zurück zu sein?«

»Ich weiß noch wahrlich nicht einmal ob ich überhaupt gehe -- ob ich gehen _darf_« sagte tief aufseufzend der junge Mann -- »noch habe ich zwei Stunden Zeit zur Entscheidung.«

»Die arme Sadie wäre freilich übel d'ran« sagte traurig die junge Frau -- »das würde ihr einen rechten Schnitt durch's Leben geben -- o Ihr Männer seid doch grausame rücksichtslose Menschen.«

»Aber lieber Gott« entschuldigte ihn hier Belard -- »er bleibt ja doch keine Ewigkeit fort, und Geschäftsreisen gehen nun einmal dem häuslichen Leben vor, weil dieses nur eben wieder durch das Geschäft bestehen kann. Wenn René _nicht_ selber nach Frankreich geht, so bin ich fest überzeugt daß er nach dem Brief, von dem mir Lieutnant Adolphe gesagt, das dort stehende Geld entweder ganz verliert, oder doch wenigstens bedeutend in Gefahr bringt, bis er am Ende doch noch hinüber muß. Dann aber kann er schweres Geld für die Reise bezahlen, während er sie jetzt im Gegentheil honorirt bekommt, und die angenehmste Gesellschaft von der Welt dabei hat. Susanna war schon ganz glücklich wie sie es hörte. Außerdem aber ist es auch nicht ganz einerlei, denk' ich, ob der junge Herr, wenn er hier bleibt, lebenslänglich mit einem steifen Arm herumläuft, oder sich jetzt in einem Bad zu Hause ordentlich auscuriren kann.«

»Ist wirklich die Gefahr vorhanden?« frug Madame Belard besorgt. René zuckte mit den Achseln.

»Gott nur weiß es« sagte er, tief Athem holend, als ob er sich ein Gewicht von der Brust wälzen wolle -- »mir aber schnürt es das Herz zusammen in Angst und Sorge -- ich _kann_ nicht gehn. Mag mir der Arm gelähmt bleiben für Lebenszeit -- mag ich das Geld verlieren daheim -- Beelzebub gesegn' es ihnen; sie haben mich genug schon geärgert und gequält damit, aber ich darf Sadie, darf mein Kind _so_ nicht verlassen. Wenn ihnen nun etwas geschähe während ich fort bin, könnte ich je wieder des Lebens froh werden, je wieder dem Himmel da droben klar ins Auge schauen?«

»Sie haben recht« seufzte Madame Belard, Monsieur Belard aber sagte:

»Unsinn -- jagen Sie sich die Grillen aus dem Kopf; erstlich legt Ihr Schiff da an, und dann werde ich selber im nächsten Monat nach den Gesellschaftsinseln und der Cooksgruppe hinüber gehn, meine Einkäufe zu machen -- dann verspreche ich Ihnen daß ich dort vorfahren will, und hat Sadie Lust, ei so bring ich sie mit zu uns herüber, und sie mag bei uns bleiben bis Sie zurückkehren. Meine Frau wird sich doch für jetzt einsam genug fühlen, wenn Sie Alle fort sind.«

»Sie kommt nicht her zu uns« sagte die kleine Frau, mit dem Kopf schüttelnd -- »ihr ist nicht wohl bei fremden Leuten und ich wäre die Letzte, die Delavigne zureden würde einen solchen Schritt zu thun; er muß es selbst am besten wissen -- und so ganz ohne Abschied.«

»Papperlapapp -- mach Du ihm nun auch noch das Herz schwer« rief aber Mr. Belard dazwischen -- »ich will ihm auch nicht zureden, aber er soll sich die Sache selber und ruhig überlegen.«

»Ruhig überlegen« sagte René tief aufseufzend -- »ruhig überlegen, wo mir das Herz zerrissen ist -- ich _kann_, ich _darf_ nicht fort -- doch ich störe Sie hier« setzte er rasch, seinen Hut wieder aufgreifend, hinzu -- »ich will hinüber in mein Zimmer gehn -- wenn der Arzt kommen sollte, bitte -- schicken Sie ihn wieder fort -- ich werde ihn heute Abend selber aufsuchen.«

Und rasch sich abdrehend, seine Bewegung zu verbergen, suchte er sein eignes kleines freundliches Gemach, und warf sich hier den Kopf gesenkt in einen Stuhl, indeß die Augen trüb und sorgenschwer den Boden suchten.

Wohl eine Stunde hatte er so gesessen, die ihm gegebene Frist war bald abgelaufen und noch kämpfte sein Herz unentschlossen an gegen alles das, was ihm verführerisch lockend vorgehalten wurde, als ein leichter Schritt selbst in seinem Zimmer ihn rasch aufschauen machte, und er mit freudigem Schreck jenes wunderherrliche Mädchenbild erkannte, das seine Träume gefüllt und Tage lang ihm das Herz mit nagender Reue gefoltert hatte.

»Susanna!« rief er, halb flehend, halb abwehrend, und er mußte gewaltsam an sich halten, das Gefühl jetzt zu bergen, das in ihm tobte.

Er hatte sie noch nie so schön gesehn; das volle, kastanienbraune Haar konnte kaum in seinen reichen üppigen Massen von einem lichtblauen seidenen Netz gehalten werden, und quoll und drängte aus jeder Masche hinaus in's Freie; den schlanken Körper umschloß ein einfach dunkles Seidenkleid, das dem makellosen Teint nur noch höhern Reiz verlieh, und in den dunklen Augen lag heute ein so eigener, wunderbarer Schmelz, ihn schwindelte hinein zu sehn in dieser Sterne Tiefe.

»Ich hatte mich so gefreut« sagte sie endlich mit leiser, aber sonderbar bewegter Stimme, einer Mischung von Unmuth und Schmerz, von getäuschter Hoffnung sowohl, wie gekränkter Eitelkeit, dem sogar das Bittere im Ton nicht fehlte -- »daß wir Reisegefährten auf so langer, sonst so langweiliger Fahrt werden sollten -- aber wie mir Marie jetzt sagt haben Sie sich anders besonnen, und können sich nicht auf die paar Monat trennen von Atiu.«

»Oh Susanna« rief René bittend -- »sein Sie nicht grausam -- haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, doch mit Sadie.«

»Mitleid?« sagte das junge schöne Mädchen kalt -- »Sie scherzen wohl, Herr Delavigne, in welcher Art sollte ich Mitleid mit der -- Indianerin haben? _Mitleid_« wiederholte sie mit sonderbar bewegter Stimme -- »das ist das falsche Wort -- wer hat Mitleid mit -- doch was steh' ich da und schwatze;« brach sie rasch, fast ängstlich ab, während ein leichtes flüchtiges, wie krankhaftes Roth ihre Wangen für einen Moment färbte, und dann eben so rasch verschwand -- »ich habe noch so viel zu thun -- will aber auch nicht böse auf Sie sein« setzte sie freundlicher hinzu -- »ich habe Ihnen schon früher versprochen Ihre Briefe für Sie nach Frankreich zu schreiben -- Sie sollen mir dieselben heute Abend, wenn Marie zu Hause kommt, die jetzt Madame Brouard packen hilft, diktiren. Wie geht es heute Ihrem Arm?«

»Gut -- sehr gut« hauchte René.

»Sie werden mich doch wohl in den ersten Tagen manchmal vermissen« sagte das schöne Mädchen, halb von ihm abgewandt -- »und das ist einigermaßen eine Genugthuung mir das zu denken -- ich bin nicht im Stande Sie anders zu strafen.«

»Susanna.«

»Schon gut -- es ist Alles vorbei -- heute Abend erwarte ich Sie drüben zu unserer Correspondenz -- ich muß jetzt fort.«

»Susanna.«

»=A revoir, monsieur Delavigne=« sie winkte ihm leicht mit der Hand und verließ, sich rasch abwendend, das Gemach.

René blieb, die Augen fest und krampfhaft mit der Hand bedeckt, viele Minuten lang im Zimmer stehn; seine Pulse schlugen -- seine Stirn glühte, seine Glieder zitterten in Fieberfrost, und wie bewußtlos endlich griff er seinen Hut auf und stürmte in's Freie -- an den Strand hinunter -- dort lag ein Boot.

»Gerade zur rechten Zeit, Monsieur!« rief der Bootsmann der Jeanne d'Arc, dessen rasch aufgeworfene Hand die eben eingetauchten Riemen seiner Leute zurückhielt.

»Mr. Bertrand befahl mir, Sie hier bis zwei Uhr zu erwarten -- es ist zwei vorbei und ich wollte eben hinüber fahren an Bord des Admiralschiffs, weitere Befehle einzuholen.«

René erwiederte kein Wort -- er sprang in das Boot und wurde an Bord gerudert.

»Nun Delavigne!« rief ihm Bertrand, der mit dem Lieutnant der =Reine Blanche= auf dem Quarterdeck auf und ab ging -- »das ist brav, daß Du kommst -- der Admiral hat Dich schon mit Schmerzen erwartet. Und Du bist der unsere?«

»Ich bin's« sagte René leise und des Freundes Jubelruf nicht beantwortend und ihm nur die gebotene Hand fest und leidenschaftlich drückend -- verschwand er die Cajütstreppe hinab in den inneren Raum.

* * * * *

Ueber die See heulte der Sturm; vor dicht gereeften Segeln peitschte die Jeanne d'Arc gegen die bäumenden zürnenden Wogen an, bis in den Kiel erzitternd vor den gewaltigen Stößen, mit denen sich die See seinem Bug entgegenwarf. Alle Luken waren fest verschlossen, und die von Papetee mitgenommenen Passagiere lagen, mit Ausnahme eines einzigen, halbtodt an Seekrankheit in ihren Coyen.

Den linken gesunden Arm um eine der Besahnwanten geschlagen, stand an der Luvseite des Quarterdecks, den stieren glanzlosen Blick fest auf die zackigen Kuppen einer aus der Ferne eben sichtbar vorschimmernden Insel geheftet, René Delavigne -- neben ihm, das Telescop in der Hand, und den linken Arm, sich zu sichern, um eine der Pardunen gelegt, Capitain Sinclair.

»Sie sehn, Delavigne« sagte er endlich, nachdem er lange und aufmerksam durch das Glas geschaut, und dieses wieder von den Augen nahm, »der Sturm will nicht nachlassen, und ich bin nicht im Stande, so leid es mir selber thut, die Insel anzulaufen. Ja thät ich es selbst, in dieser See, was ich Ihnen gar nicht zu sagen brauche, könnte nicht einmal ein Boot leben. Außerdem bin ich hier in einem, mir vollkommen fremden und von verborgenen Klippen bedrohten Fahrwasser. Sie wissen wie wir gestern fast nur durch ein Wunder dem Korallenriff entgingen, und wir wären _Alle_ verloren gewesen wenn wir das trafen.«