Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Part 14
»Es ist Nichts -- es geht gleich vorüber« sagte René, die Augen schließend und den Kopf halb abgewandt -- »es zuckt mir nur manchmal in der Wunde; vielleicht liegt der Verband nicht ordentlich -- der Doktor kommt ja nachher.«
Madame Belard nickte tief aufseufzend mit dem Kopf, erwiederte aber Nichts und der Kranke lag mehre Minuten schweigend auf seinem Lager. Endlich sagte er leise:
»Ich habe Fräulein Lewis eigentlich noch gar nicht gesehn, nur gehört gestern, wie ich zu mir kam. Sie ist doch nicht krank? --«
»Krank? -- nein, aber verreist.«
»Verreist?« frug René rasch, den Kopf nach der Redenden umwendend, »verreist? wohin?«
»Sie hat schon lange einmal wieder nach Imeo hinüber gehen wollen, wohin ihre Freunde von Papara, der dort ausgebrochenen Unruhen wegen, zeitweilig übergesiedelt sind; aber sie mochte Sie auch nicht allein hier liegen lassen, so lange wir noch Nichts Gewisses über Ihren Zustand wußten, und darüber beruhigt, und da sich heute Morgen gerade eine Gelegenheit mit einem Französischen Dampfer bot, benutze sie dieselbe, und hat mir jetzt nur viel herzliche Grüße für Sie aufgetragen.«
René erwiederte kein Wort und Madame Belard fuhr nach längerer Pause mit lebendigerem Tone fort.
»Mein Mann hat auch mit gefochten, Monsieur, Sie hätten ihn nur sehn sollen, Delavigne, mit dem langen Schleppsäbel und der doppelläufigen Jagdflinte; er war aber wahrhaftig Feuer und Flamme und soll sich sogar bei derselben Affaire, wo Sie die Wunde bekamen, ebenfalls ausgezeichnet haben. Selbst Monsieur Brouard hatte sich bewaffnet und wie ich jetzt höre, sind wir allerdings nur mit genauer Noth, und Dank Ihrer aller Tapferkeit, dem traurigen Schicksal entgangen, von den Insulanern besiegt und dann auch jedenfalls gemordet zu werden, denn an jenem Tage hätten sie sicherlich keine Gnade geübt. Es ist eine seelensgute Nation, so lange man sie in Frieden läßt und in Freundschaft mit ihr lebt, aber furchtbar wenn gereizt, und blutdürstig glaub' ich, wie noch in den alten heidnischen Zeiten.«
»Und wird sie lange bleiben?« frug René, noch immer den Kopf der Wand zugedreht.
»Wer? -- die Nation? -- ah, Sie meinen Susanna?« fuhr Madame Belard, den Blick fest auf ihn geheftet, fort, als er schwieg und das Blut wieder in seine Wangen zurück kehrte; -- »nein, ich glaube nicht. Sie _darf_ sogar nicht sehr lange wegbleiben, denn sie hat noch manches vor ihrer Abreise zu besorgen.«
»Sie kehrt nach Europa zurück?« sagte René, aber so leise, daß sie die Worte kaum verstehen konnte.
»Mit dem ersten Französischen Kriegsschiff -- Herr Brouard wird mit seiner Frau ebenfalls Tahiti verlassen und Susanna will sich ihnen anschließen; der Admiral hat ihnen schon früher die Erlaubniß dazu ertheilt -- ich wollte ich könnte mit.«
»Und geht das so bald?«
»Das ist noch unbestimmt; es hieß zuerst die Uranie würde segeln, jetzt glaubt man übrigens daß die Jeanne d'Arc als ein schnelleres Fahrzeug den Vorzug bekommen soll; aber es kann noch immer einige Wochen dauern. Doch fehlt Ihnen etwas Delavigne? Sie sprechen so gedrückt? -- haben Sie wieder Schmerzen? vielleicht kann ich Ihnen den Verband lindern. Lassen Sie das gut sein« fuhr sie lächelnd fort, als er langsam mit dem Kopf schüttelte, »ich bin gar kein so ungeschickter Chirurg, wie Sie bald finden sollten.«
»Ach beste Madame Belard« sagte René da seufzend -- »wie tief bin ich nicht auch außerdem schon in Ihrer Schuld, und wie soll ich Ihnen das je danken können? -- Sie haben mich hier aufgenommen und gepflegt --«
»Bst -- bst -- bst« rief aber Madame Belard erröthend und ihre kleine Hand auf seinen Mund legend -- »erstlich sollen Sie eigentlich gar Nichts reden, und dann noch viel weniger solchen Unsinn. Sie sind mir in Nichts verpflichtet, denn es versteht sich von selbst, sogar in der _Heimath_, daß der Bürger in Kriegszeiten Einquartirung bekommt, wie viel mehr also in einem so wilden Land wie hier. Halten Sie sich nur recht ruhig, daß Sie uns bald wieder gesund werden, oder doch wenigstens aus dem Bett können, denn Ihren Arm werden Sie wohl in den ersten Monaten noch nicht wieder brauchen können.«
»Wenn ich nur -- wenn ich nur nach Atiu schreiben könnte« sagte René endlich zögernd, und mit einem kaum unterdrückten Seufzer.
»Hinüber dürfen Sie nicht, Delavigne« sagte Madame Belard ernst, »daran brauchen Sie nicht zu denken; ich habe auch schon mit Lieutnant Adolphe darüber gesprochen, denn wenn sich auch Ihre Wunde bis jetzt ziemlich gut angelassen hat, verlangt sie noch immer, wie mir der Doktor gesagt, die sorgfältigste ärztliche Pflege, und so gut Sie Sadie, und vielleicht besser als wir hier, pflegen würde, so wenig ist sie im Stande dem zu genügen. Außerdem ist gar nicht mit dem Schuß zu spaßen, und wer weiß ob nicht selber schon der Transport die schlimmsten Folgen haben könnte.«
»Wenn es nur anginge« sagte René schüchtern und schwieg wieder, als ob er sich scheue auszureden, Madame Belard aber, die leicht seine Gedanken errieth, sagte freundlich. -- »Sadie hier herüber zu bekommen? nicht wahr, das meinen Sie?«
»Aber nicht weil ich etwa glaube daß ich in Ihren Händen weniger gut aufgehoben wäre« rief der Verwundete schnell, »halten Sie mich nicht auch noch für undankbar, Madame Belard.«
»Nein, nein, lieber Delavigne« sagte die kleine Frau gerührt, »ich denke gar nicht daran, und Sie haben vollkommen recht; Sadie soll herüber kommen, so bald wir sie nur herüber bekommen können, und ich will heute noch an sie schreiben, daß der Brief bei erster Gelegenheit fertig ist. Wo aber kann man sich nach einer solchen erkundigen?«
»Im Hauptquartier und im Missionsgebäude« sagte René, »ich glaube aber fast daß in dem letzteren die erste Gelegenheit sein wird, denn die Missionaire unterhalten eine ziemlich regelmäßige Verbindung mit jener Gruppe.«
»Mein Mann soll noch heute Morgen die genausten Erkundigungen einziehn -- sind Sie nun beruhigt?«
René streckte der kleinen freundlichen Frau mit einem dankenden Lächeln die Hand entgegen, die sie nahm und herzlich drückte, dann aber sagte sie, sich gewaltsam bezwingend, denn ein eigenes Weh dem sie nicht Worte geben konnte und wollte, schnürte ihr die Brust zusammen, »nachher schick ich Ihnen meinen Mann ein wenig, Delavigne, der mag Ihnen von dem Kampfe erzählen -- er hat auch in der That von weiter noch Nichts gesprochen die ganze Zeit -- das wird Sie unterhalten und zerstreuen und -- regt Sie auch eben nicht so besonders auf. Aber da seh ich den Doktor kommen -- nun erhalten Sie frischen Verband, und ich werde heute Susannas Stelle bei Ihnen vertreten.«
Der Doktor öffnete gleich darauf die Thür und grüßte Madame Belard freundlich.
»Ah Madame, sehr erfreut Sie hier zu sehn -- und wie geht es unserem Kranken? -- nun Monsieur? -- guten Morgen, wie haben Sie geschlafen, und wie geht es unserem rechten Flügelknochen. Aber ha« -- rief er etwas bestürzt aus, als er das Gesicht des jungen Mannes erblickte -- »Sie sehn echauffirt aus, und haben sich jedenfalls, gegen meinen sehr strengen Befehl dahin, durch irgend etwas aufgeregt. Haben Sie Schmerzen?«
»Ja -- ein Stechen in der Wunde -- ich fühle den Pulsschlag so deutlich --«
»Da haben wir's, das Blut in Wallung; nun lassen Sie uns einmal untersuchen wie die Sache heute Morgen aussieht -- hoffentlich nicht schlechter als gestern -- wir dürfen nun nicht wieder zurück gehn, wir müssen machen daß wir vorwärts kommen.« Und während er noch sprach den Verband vorsichtig ablösend, hatte er kaum einen Blick auf die Wunde geworfen, als er auch schon sehr bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und endlich seinem Unmuth in Worten Luft machte.
»Das ist nicht wie es sein sollte, die Entzündung ist eher schlimmer wie besser geworden, und wir müssen uns ungeheuer hüten daß wir keinen Rückfall bekommen. Ruhe ist aber dazu das Haupterforderniß, unbedingte, durch Nichts gestörte Ruhe, und wenn Sie Ihren Patienten bald wieder auf den Beinen sehn wollen, Madame, so müssen Sie mir dafür besonders mit Sorge tragen helfen. Ruhe ist ihm jetzt die beste Kur und je vollständiger er die genießen kann, desto eher wird sich seine jugendliche, kräftige Natur schon selber wieder Bahn brechen.«
Er gab dann noch mehre Verordnungen, bat Madame Belard keinen seiner Freunde, ohne Ausnahme welchen, wenn sie nicht unmittelbar bei der Verpflegung beschäftigt wären, zu ihm zu lassen, und versprach Nachmittag noch einmal vorzukommen und zu sehn ob sich nicht vielleicht bessere Symptome eingestellt hätten.
Es vergingen übrigens volle acht Tage, ehe wirklich eine wesentliche Besserung in dem Stand der Wunde eintrat; der Kranke hatte sich in der ganzen Zeit musterhaft gehalten und Monsieur und Madame Belard waren fast die Einzigen gewesen die Zutritt zu ihm gehabt, während sich indeß der Gouverneur sowohl wie alle übrigen Officiere täglich nach ihm entweder selber erkundigten oder erkundigen ließen.
Nach Atiu war noch immer keine Gelegenheit gewesen, doch sollte jetzt in etwa drei Tagen der Missionscutter hinüber gehn, und Madame Belard wartete nur auf die Ankunft des Geistlichen, der sich seit längerer Zeit in dem Lager der Eingeborenen im Hautauethale aufgehalten, diesem den Brief selber zu übergeben und seiner Sorgfalt zu empfehlen. Sie hatte René darüber beruhigt und ihm versichert, daß er seine Frau dann bald hier erwarten dürfe. Ein Zimmer für sie war schon hergerichtet worden.
Am andern Morgen kam Madame Belard früher als sonst zu dem Kranken, seinen Verband zu wechseln, was sie jetzt immer selbst besorgt, und sagte freundlich, aber mit einer gewissen ängstlichen Besorgniß im Blick:
»Delavigne, ich bringe Ihnen heute lieben Besuch -- werden Sie sich kräftig genug fühlen ihn zu empfangen.«
»Fräulein Lewis?« sagte René mit leiser fragender Stimme, und er fühlte wie ihm das Blut in die Wangen stieg.
»Susanna ist schon seit gestern wieder zurück -- die Jeanne d'Arc sollte übermorgen segeln, hat aber heute wieder Gegenordre bekommen und soll bis zur Ankunft der =Reine blanche=, die wir täglich von den Marquesas-Inseln her erwarten, liegen bleiben, wahrscheinlich Depeschen des Admirals mit nach Europa zu nehmen. =Du Petit Thouars= scheint zu Hause gern den Sieg über die Eingeborenen zugleich anzeigen zu wollen, und das hartnäckige Volk will sich noch immer nicht besiegen lassen, und hält sich unverdrossen in den Bergen in einer fast uneinnehmbaren Position.«
»Und Fräulein Lewis?«
»Kann doch unmöglich so lange hier im Haus bleiben« fuhr Madame Belard mit einem freundlichen Lächeln fort, »ohne sich selber von Ihrer Besserung zu überzeugen -- wollen Sie ihr erlauben?«
»Madame, wie können Sie so grausamen Spott mit mir treiben« rief René, »erlauben -- drängt es mich denn nicht ihr selber für ihre Theilnahme danken zu können?«
»Gut, ich schicke sie Ihnen, ich muß überdieß einmal hinüber zu Brouats, die jetzt in einem prächtigen Zustand leben; Alles gepackt und jeden Augenblick erwartend an Bord gerufen zu werden, existiren sie jetzt fast auf Indianische Weise, und ich habe ihnen nur indessen wenigstens das Nothdürftigste geborgt, damit sie noch essen, trinken und schlafen können.«
»Und Susanna?«
»Wird gleich erscheinen, aber -- halten Sie sich hübsch ruhig -- sprechen Sie so wenig wie möglich, und lassen Sie die junge Dame lieber erzählen; das wird Ihnen die Zeit vertreiben. Außerdem, wenn Sie etwas nach Europa zu schreiben haben, können Sie ihr diktiren -- es wird jedenfalls die nächste Gelegenheit sein. Ich habe meine Briefe auch schon fertig. Doch nun ade, in einer Stunde, denk' ich, bin ich wieder bei Ihnen.«
Sie verließ rasch das Zimmer und René lag mit klopfendem Herzen und ängstlich schlagenden Pulsen, die Ankunft des Mädchens zu erwarten, das, er konnte es sich nicht mehr verhehlen, einen so gewaltigen Eindruck auf ihn gemacht. Mit jedem Tage hatte er dabei ihre Rückkehr sehnlicher, heißer erhofft, je mehr er alle diese Gefühle in seinem Inneren verschließen mußte, ja fast _gefürchtet_, indem er sich nach und nach alles dessen bewußt wurde, was Pflicht und -- Ehre -- er wagte kaum noch die Liebe zu nennen -- ihm entgegenstellten.
Sadie -- oh hätte er nie Tahiti betreten, nie in diese Augen geschaut, die jetzt den _vergifteten_ Pfeil in seiner Brust zurücklassen mußten, ob sie sich selber gleich von ihm abwandten auf ewig. Sadie -- er barg das bleiche Antlitz fest in der linken Hand und bitterer Vorwurf füllte ihm mit unendlichem Weh das Herz. Und dennoch, dennoch kämpfte das zauberschöne Bild dagegen an, und rang sich dort Bahn das Heiligste zu stürzen, das er so sorgsam, so freudig in tiefster Brust einst gepflegt. Sadie -- arme Sadie; -- aber noch war Rettung möglich; noch wenige Wochen, Tage vielleicht und das Schicksal selbst, das ihn -- die eigne Brust hatte da keinen Vorwurf -- dem machtlos in die Bahn geschleudert, was er gefürchtet, was er meiden wollte -- trennte ihn wieder von jenem kalten, schönen Bild und hob den Zauber -- gab ihn wieder frei. Er kehrte dann zurück nach Atiu, abgeschlossen lag hinter ihm die Welt, und in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht, wollte er vergessen daß er ein Leben weggeworfen an einen Traum -- so schön der auch gewesen. Und die Erinnerung? -- doch was sich nutzlos quälen mit zukünftiger Zeit -- die Erinnerung _dann_ war Gegenwart _jetzt_, und wenn -- ha, ein leichter Schritt auf der Verandah draußen -- das klopfende Herz drohte ihm die Brust zu zersprengen, der Thürgriff drehte sich leise im Schloß -- aber noch öffnete sich die Thür nicht und die Sekunden wurden zu Minuten. Er wollte rufen, aber er vermochte es nicht; die Zunge klebte ihm am Gaumen, und als er die Augen schloß, und bleich und erschöpft auf sein Kissen zurücksank, fühlte er mehr als er hörte daß Jemand das Zimmer betrat, und sich fast geräuschlos seinem Bette näherte.
Es war Susanna -- schüchtern und ängstlich nahte sie dem Lager, und ihr Blick haftete in Schmerz und Mitleid auf den weh durchzuckten Zügen des Leidenden.
»Er schläft« flüsterte sie vor sich hin, und wollte sich, so geräuschlos wie sie jetzt gekommen, wieder zurückziehn als er die Augen öffnete, und sein leises »Susanna« sie an die Stelle bannte auf der sie stand.
»Monsieur Delavigne.«
Der junge Mann streckte schweigend die Hand nach ihr aus, und sie reichte ihm die ihrige.
»Und haben Sie sich so lange meinem Dank entzogen?« sagte er endlich, mit sanftem Vorwurf im Ton und mühsam den Seufzer zurückpressend, der ihm die Brust heben wollte, »war das recht von Ihnen?«
»Wie ist Ihnen jetzt, fühlen Sie sich leichter, wohler?« frug die Jungfrau ausweichend -- »Sie sehen noch recht bleich und angegriffen aus!«
»Mir ist wohl jetzt, unendlich wohl« rief der Kranke -- »und doch auch wieder recht weh« setzte er dann mit leiserer Stimme hinzu -- »die Wunde sitzt zu tief.«
»Die Zeit wird sie heilen, René« hauchte Susanna, und wandte das Antlitz halb ab von ihm, die eigene Bewegung zu verbergen; aber ihre Hand zitterte in der seinen. René schüttelte langsam mit dem Kopf -- er wollte reden, aber er fürchtete dem Gefühl Worte, Ausdruck zu geben. Noch hielt ein schwacher Damm die mächtig in ihm glühende Leidenschaft zurück, noch schlummerte das gefährliche Geheimniß, ob auch von Beiden gekannt, doch unausgesprochen in ihren Herzen -- den Damm einmal durchbrochen und die Folgen waren nicht mehr zu berechnen, die Fluth dann nicht mehr zurück zu drängen.
Susanna fühlte das ebenfalls, und wenn sie auch früher in fast muthwilliger Lust der Bande gespottet hatte, die den jungen Mann, für den sie kaum ein flüchtiges Interesse fühlte, an ein Wesen fesselte das schon, ihren angewurzelten Begriffen nach, in seiner Abstammung so tief unter ihnen Beiden stand, so schien es als ob jetzt ein reineres, besseres Gefühl die Oberhand gewinnen sollte. Sie hatte gesiegt -- vollständiger als sie es je erwartet, sich je bewußt gewesen zu erstreben, aber auf das _eigene_ Herz dabei vergessen, der eigenen Stärke zu viel vertraut, und mit dem Wunsch dem Freunde Schmerz zu sparen, mischte sich jetzt die Furcht der eigenen Schwäche.
»Sie sind Capitain geworden« lächelte das Mädchen endlich, das zuerst die Fassung wieder gewann, mit einer eigenen Mischung von Stolz und Schmerz, und fest entschlossen dem Gespräch jetzt eine andere, gleichgültigere Richtung zu geben. -- »Sie müssen aber auch wirklich mit einer ordentlich rasenden Tapferkeit gefochten haben. Monsieur Bertrand konnte uns nicht genug davon erzählen.«
»Bertrand ist mein Freund« lächelte René, dem sich mit der Wendung des Gesprächs eine Centnerlast von der Brust wälzte -- »es hat ihm selber Freude gemacht etwas Günstiges über mich zu sagen, und da mag er wohl übertrieben haben. Ich that nicht mehr als alle Kameraden.«
»Dem ist doch wohl nicht so; man behauptet sogar, nur Ihrem ungestümen Angriff sei es zu danken, daß man im Stande gewesen wäre die Wilden von der Erstürmung des Arsenals abzuhalten, dessen Resultat dann furchtbar hätte sein müssen, da die Eingeborenen, mit keiner Idee von der entsetzlichen Wirkung und Macht des Pulvers, jedenfalls auf das aus trockenem Bambus bestehende Gebäude gefeuert hätten.«
»Toll genug wären sie dazu gewesen« lächelte René -- »aber hat man keine weitere Nachricht von ihnen? ich habe doch heute Morgen wieder schießen hören -- was bedeutet das?«
»Ihre Landsleute beabsichtigten heute einen neuen Angriff auf ihre Befestigungen« erwiederte Susanna, »aber man verzweifelt hier selber an dem Erfolg, denn durch die früheren Verluste gewitzigt, haben die Insulaner jetzt eine Stellung eingenommen die fast unnehmbar scheint, und sicherlich noch viele Leben kosten wird, wenn nicht ein günstiger Zufall vielleicht, oder Verrath, die Schlüssel dazu in ihre Hände spielt. Sie sehen aber recht angegriffen aus, Delavigne, Sie brauchen Ruhe und ich fürchte ich habe Sie durch -- mein Schwatzen nur mehr aufgeregt. Ich lasse Sie jetzt allein, aber so lange ich noch hier bin -- und bis nicht liebere Hände kommen mir das Amt abzunehmen« -- setzte sie leiser hinzu -- »gestatten Sie mir wohl wieder daß ich Ihre Pflege übernehmen darf. Es ist ja doch nur noch so kurze Zeit die wir zusammen sind, und ich möchte wenigstens mit der Beruhigung von hier scheiden, daß Sie Ihrer Genesung rasch entgegen gehn.«
»Die Fleischwunde wird heilen« sagte René düster.
»Und mit der erstarkt auch der Geist« fiel rasch Susanna ein; »glauben Sie mir, René, so lange der Körper nicht gesund ist, scheint uns die Sonne selbst matt und trüb, und das Leben oftmals eine Last; doch mit dem gesunderen Blut kehrt Muth und Freudigkeit in unser Herz zurück. So schlafen Sie wohl jetzt, und mögen freundliche Träume ihrem Geist die Stimmung geben die er braucht -- wenn Sie sich gestärkt haben, kehr ich zu Ihnen zurück -- gute Nacht!« und mit freundlichem Kopfnicken die Hand ihm entziehend, die sich leise wieder der seinen gefügt, glitt sie aus dem Zimmer, den Kranken sich selber und seinen Gedanken, seinen Träumen überlassend.
Susanna übernahm jetzt wieder das Amt als Renés Wärterin, jede Stunde fast die Ankunft der Reine-Blanche erwartend, die dann in kurzer Zeit die vollständig zum Auslaufen bereite Jeanne d'Arc entsenden konnte; aber sie vermied von da an allein mit dem Kranken zu sein, und was sie zusammen reden konnten betraf nur gleichgültige Gegenstände. Auch einen Brief hatte René mit Adolphes Hülfe, dem er ihn diktirte, nach Atiu geschrieben, Sadie von seinem Unfall in Kenntniß gesetzt, und sie gebeten den rückkehrenden Missionscutter zu benutzen und mit dem Kind zurück nach Papetee zu kommen, wenn sie sich seinetwegen ängstige; aber es gehe besser mit ihm und er hoffe selber doch, wie ihm der Arzt gesagt, spätestens in drei bis vier Wochen dessen Sorge entbehren und hinüber zu können, wo ihn der Gattin Pflege bald wieder herstellen und gesund machen würde. Er entschuldigte sich dann auch, trotz Adolphe's Kopfschütteln, bei Sadie, daß er selber die Waffen aufgegriffen gegen ihre Landsleute; aber sie hatten ihn dazu gezwungen, es war in Selbstvertheidigung gewesen, und er blieb nicht Soldat, sondern kehrte nach Atiu zurück.
Mit dem Brief wurde ein junger Bursch in das Missionshaus geschickt, einen der Ehrwürdigen Herren dort, der gerade nach Atiu hinüberging, zu bitten ihn richtig zu besorgen, und womöglich die junge Frau selber, jedenfalls aber eine Antwort zurück zu bringen.
Mr. Rowe, der sein früheres Amt wieder aufgenommen, und eben im Begriff stand sich nach Atiu einzuschiffen, erhielt Brief und Botschaft.
»An Madame _Sadie_ Delavigne« sagte er, mit zusammengezogenen Brauen die Adresse des Schreibens lesend -- »und der Brief wurde Dir für _mich_ von Herrn Delavigne gegeben?«
»Für den Mitonare der nach Atiu ging« sagte der Bursch etwas bestürzt; »wenn es nicht recht ist nehm ich ihn wieder mit.«
»Es ist recht« sagte der Geistliche ruhig nach kleiner Pause, »der Brief ist in guten Händen -- und ist der Verwundete bald wieder hergestellt?«
»=Ai ta vau i ite, mi to na re=« antwortete der Insulaner achselzuckend -- »er liegt noch im Bett -- böse Wunde.«
Der Geistliche nickte nur mit dem Kopf und der Eingeborene, der schon deshalb eine gewaltige Furcht vor dem Protestantischen Missionair hatte, weil er selber in einem katholischen Hause lebte, und sich seinen Landsleuten in den Bergen nicht angeschlossen, ließ sich den Abschied nicht zweimal gesagt sein, und schoß wie der Blitz zur Thür wieder hinaus und in's Freie.
* * * * *
Zwei Wochen waren solcher Art vergangen; René's Wunde hatte sich so weit gebessert, ihm das Aufsein wieder zu gestatten, aber die stattgehabte Entzündung seinen Arm so gelähmt, daß er noch nicht im Stande war ihn wieder zu gebrauchen. Die Kugel war ihm durch den, gerade zum Hieb ausholenden rechten Oberarm in die Schulter gedrungen, und dabei, wenn auch das Schultergelenk nicht verletzend, doch, ehe sie um den Oberarm herum ging, diesen so stark berührt, daß sie neben der gefährlichen Wunde noch eine Gehirnerschütterung hervorrief, die ihn so lange bewußtlos auf's Lager warf, und seine Heilung dann so sehr erschwerte. Er trug deshalb auch den Arm noch in der Binde und der Arzt, dem der Verlauf der Wunde gar nicht recht zu gefallen schien, hatte ihn schon einige Male versichert er bedauere Nichts mehr, als daß der junge Mann nicht jetzt die vaterländischen Bäder besuchen könne, die ihm gewiß von großem Nutzen sein würden. Er hoffe allerdings auf eine vollständige Herstellung, aber er könne allerdings nicht dafür einstehn, und müsse ihm von vornherein und ganz aufrichtig erklären, daß sich die Sache, im allergünstigsten Fall, als sehr langwierig herausstellen würde.
Zu gleicher Zeit war der Missionscutter von Atiu zurückgekehrt, hatte aber nur einen der Eingeborenen Mitonares von einer anderen Insel der Cooksgruppe und sonst nicht einmal einen Brief von Sadie mitgebracht, deren Schweigen sich René nicht zu erklären vermochte, und das ihn beunruhigt haben würde, wenn er nicht selber beabsichtigt hätte jetzt bald selber dorthin zurück zu kehren. Ihm blieb keine andere Wahl und er fing schon an, die Zeit herbei zu sehnen, die ihn endlich der jetzigen Qual entheben und Ruhe -- o so heiß ersehnte Ruhe bringen solle.
In diesen Tagen wurde ein Dampfer, von Osten kommend, signalisirt -- noch an dem nämlichen Abend lief er in dem Hafen ein und brachte die Post von Frankreich -- Briefe aus der Heimath.