Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 13

Chapter 133,707 wordsPublic domain

»Ein Segel!« wie ein elektrischer Schlag ging der Ruf durch das ganze Lager -- »ein Segel am Horizont« -- ein Kriegsschiff das uns Hülfe -- das Verstärkung bringt -- ein Kriegsschiff das schon mit dem Namen den kecken und übermüthigen Feind einschüchtert und zurück in seine Berge jagt, der bis jetzt zu glauben schien die wenigen Truppen seien allein zurückgelassen, die Insel im Besitz zu halten, und wenn sie die wieder vertrieben oder erschlügen, wären sie auf's Neue die Herren ihres Landes. Die Europäer mochten ihnen in der That etwas derartiges vorerzählt haben, als aber das fremde Schiff am Horizont auftauchte, oder vielmehr, um die östliche Landspitze her, schon in gar nicht mehr so großer Entfernung sichtbar wurde, hielten die Eingeborenen es ebenfalls für ein ihnen günstiges Omen, denn wenn die Franzosen hier wirklich allein zurückgelassen waren, konnte das neueinkommende Fahrzeug kein anderes als ein englisches sein, und einen Wetteifer galt es jetzt, die Feinde zu werfen und zu vertreiben, ehe fremde Hülfe selber gekommen sei.

Die beiden wichtigsten Anführer der Insulaner an diesem Tag waren aber der wilde Häuptling Fanue, und Pompey der Afrikaner, dem seine prächtige Hautfarbe wie riesige Kraft diese Auszeichnung verschafft hatte. Pompey besonders, während der Indianer mehr eine stille, mehr hartnäckige Tapferkeit entfaltete, rief die ihm blind folgenden Krieger immer mit einem wahren Jubelschrei zu neuem Angriff, und zehnmal zurückgeschlagen und aus vielen Wunden blutend, schien ihm das Alles nur ein leichtes fröhliches Spiel, dem er mit Singen und Lachen wieder entgegenflog.

Im Osten von Papetee hatte die schon zum Tod erschöpfte Mannschaft eben einen solchen Angriff zurückgeschlagen, bei dem in der That nur ein glücklicher Kartätschenschuß den Ausschlag gegeben, der den dicksten Haufen der Feinde traf, und furchtbare Verwüstung zwischen ihnen anrichtete. So vollständig waren sie dadurch überrascht worden, daß sie selbst ihre Todten auf dem Platze ließen, so schnell als möglich die Büsche wieder zu erreichen. René und Adolphe hatten hier zusammengekämpft, und der erstere besonders sich mit so kalter Todesverachtung dem Feind entgegengeworfen, und mit so unübertroffener Tapferkeit gefochten, daß ihm Gouverneur Bruat, der von einem Platz zum anderen galoppirte die Vertheidiger anzufeuern und etwa nöthige Anordnungen zu treffen, selber das Kreuz der Ehrenlegion auf die Brust heftete und ihn zum Capitain, an die Stelle seines gefallenen Vorgesetzten, avancirte.

»Du bist nun einmal ein Glückskind, René« lachte Adolphe, ihm auf die Schulter klopfend, »und Fortuna scheint Dich besonders ausersehen zu haben.«

»Fortuna ist ein Weib, Adolphe, und unbeständig, wer kann sagen wie mich die nächste Stunde findet und -- ich weiß wahrhaftig nicht ob ich mich über mein unverhofftes, ungesuchtes Avancement freuen oder -- oder ärgern soll.«

»Aergern?« lachte Adolphe -- »Gott sei Dank, das wär' eine Ursache vom Zaun gebrochen. Aber Du hast's auch verdient, denn ich schlage _mein_ Leben auch nicht gerade so übermäßig hoch an, doch mich solcher Art mitten zwischen die tollsten Haufen der Feinde und in Bayonnet und Speer gerade hinein zu werfen, fiele mir nicht ein -- und ich bin _nicht_ verheiratet.«

Am anderen Ende der Stadt begann in diesem Augenblick, und ehe René etwas erwiedern konnte, ein scharfes unregelmäßiges Schießen, dem die Französischen Signalhörner antworteten. -- Der Gouverneur selber kam in diesem Augenblick zurückgesprengt, und den Platz erreichend wo die beiden Freunde standen, rief er schon von weitem:

»Herr Hauptmann Delavigne, mit ihrem Trupp vor so rasch Sie können; unser Missionshaus ist schon genommen und es gilt jetzt, den Feind wieder zurückzuwerfen, oder Papetee ist verloren!« -- und an den Schanzen hinunter sprengte er, Hülfscorps noch abzuziehn, wo sie sich irgend entbehren ließen, den bedrängten Platz zu entsetzen, während René im Sturmschritt, die wirbelnde Trommel voran, dem bezeichneten Kampfplatz zueilte. Und es war die höchste Zeit, denn ein wilder Schwarm, den alten Fanue an der Spitze, hatte die Schanzen schon genommen, die Umzäunung des erst kürzlich errichteten Katholischen Missionshauses niedergerissen und dieses gestürmt und in Brand gesteckt.

Bertrand, der nach dem Tod des ersten Lieutenants der Jeanne d'Arc zu dessen Stelle avancirt war, kommandirte hier, war aber durch die wirkliche Todesverachtung der Masse, jeden Fußbreit Boden mit Schwert und Bayonnet vertheidigend, zurückgedrängt worden, denn die ganze Macht der Insulaner schien sie wieder auf diesen einen Punkt zusammengerafft zu haben, während der größte Theil der Französischen Besatzung noch von dem letzten Angriff her an der Ostseite Papetees stand.

Hoch auf loderte die Flamme aus dem, aus leichtem Fachwerk gebauten Missionshaus in die stille Luft, und leckte und nagte an den, wie ängstlich die langen Blattarme zurückwerfenden Palmen, deren Kronen sie dörrte; und hinein in das Prasseln des Holzes und das Wirbeln der Trommeln, hinein in das Knallen des Kleingewehrfeuers und Schmettern der Signalhörner, mischte sich das Jubelgeschrei der Eingeborenen, die hier von Pompey auf der rechten, von Fanue auf der linken Flanke geführt, während Utami selber das Centrum befehligte, in wildem Siegestaumel die Feinde aus einer Hecke der Gärten in die andere trieben, und wie es schien, sich zu dem Platz durchschlagen wollten, wo die Feranis eine Art Arsenal angelegt, und einen ziemlichen Vorrath von Munition und Waffen aufgestellt hatten.

Dicht vor dem Arsenal, in dem Grundstück eines der eingeborenen Richter, der sich auf Seiten der Feranis erklärt, hinter einem festen Zaun von gespaltenem Holz, der ihnen als Brustwehr diente, hielten die Franzosen wieder Stand und vertheidigten sich mit verzweifelter Tapferkeit gegen die Uebermacht. Viele der Eingeborenen, wie Ule der Richter selber, fochten in ihren Reihen, denn sie wußten recht gut daß gerade sie zuerst verloren gewesen wären, wenn die Insulaner die Feranis schlugen. Da brach Fanue von der Rechten zuerst durch den Zaun; von zwei Bayonnetten getroffen schlug er die Feinde trotzdem zu Boden, und auf Ule zuspringend, während die Seinen nachpreßten und die Aufmerksamkeit der Soldaten von ihm ablenkten, faßte er, seine Waffe fallen lassend, den verrätherischen Richter um den Leib, und trug den jetzt laut um Hülfe rufenden mit einem Triumphgeschrei in seinen Trupp hinein. Seine Absicht war dabei wohl gewesen ihn als Gefangenen mit in die Berge zu führen, aber die Wuth der Seinen dachte nicht an Aufschub ihrer Rache und sein Flehen nicht achtend warfen sie sich, selbst trotz der Einsprache des Häuptlings, in gellendem Jubelruf auf den Gestürzten, ordentlich wetteifernd, wer Beil oder Speer, Degen oder Bayonnet zuerst in seiner Brust begraben solle.

Dadurch war aber ihre Aufmerksamkeit zu sehr von dem Angriff selber abgelenkt worden; die Franzosen hatten sich wieder gesammelt und mit Bertrand an der Spitze räumten sie noch einmal die Umzäunung. Neue Massen preßten jedoch heran, und die wenige Mannschaft hätte den Platz nicht länger behaupten können, wäre nicht in diesem Augenblick René mit seiner kleinen Schaar dem schon siegestrunkenen Feind muthig in die Flanke gefallen.

Das neue Angriffsignal von einer anderen Seite machte sie stutzen und sie wichen dem jetzt erneuten Angriff Bertrands, nicht vielleicht im Rücken von einer stärkeren Macht umzingelt und abgeschnitten zu werden.

Der rechte, von Pompey geführte Flügel sammelte sich aber rasch, und der Neger erkannte kaum den Führer des kleinen Corps, als er sich ihm auch selber entgegenwarf, mit dessen Vernichtung dem Trupp das Haupt zu nehmen.

»Hierher, Kanakas!« schrie er mit seinem kecken gellenden Lachen, die schwarzen nackten muskulösen Arme emporwerfend -- »hierher und der Sieg ist unser!« und der gleich darauf gegen den jungen Franzosen mit einem riesigen Pallasch geführte Streich hätte diesem jedenfalls verderblich werden müssen, wenn René nicht mit einem raschen Seitensprung dem furchtbaren Hieb entgangen wäre. Ehe sich der Coloß aber zu einem neuen Schlage zusammenraffen konnte, und wie er eben den Arm dazu hob, fuhr ihm die scharfe Klinge des geübten Fechters durch die Achselhöhle in die Brust, und nachspringend faßte René in demselben Augenblick, die eigene Klinge fahren lassend, die Hand des tödtlich Verwundeten und entwand ihr den Pallasch, ihn jetzt blitzesschnell auf die Häupter der ihm nächsten Feinde richtend.

So rasch und gewandt war die That ausgeführt, daß die ihm nächsten Eingeborenen ihren Verlust erst begriffen, als der riesige schwarze Körper vor ihnen zusammenbrach, und das kleine Häufchen der Franzosen mit einem donnernden Hurrah und gefälltem Bayonnet wüthend auf sie einpreßte.

Der rechte Flügel wich, und fröhliches Jubelgeschrei der Franzosen füllte zugleich die Luft, denn aus der Bai herüber donnerte ein Kanonenschuß, die schwere mächtige Kugel schwirrte über ihre Köpfe und traf einen starken Brodfruchtbaum dicht unter den Wipfel, seine breiten gewichtigen Aeste auseinanderreißend, während zugleich der Ruf =L'Uranie, L'Uranie!= neue Hoffnung den Bedrohten brachte. Das fremde Schiff war in die Bai eingelaufen und von seinem Heck flatterte frisch und frei in der Brise die dreifarbige Fahne.

Nichtsdestoweniger konnte die Hülfe von dort noch immer zu spät kommen, denn wenn auch der rechte Flügel, durch den Tod des Führers bestürzt gemacht, dem muthigen Angriff des Feindes wich, hielt Utami noch wacker Stand und drängte sogar mit Fanue zu gleicher Zeit auf's Neue vor, jetzt Alles daran setzend, das Arsenal zu erreichen und ebenfalls anzuzünden. Bertrand kam hierbei zwischen die beiden Colonnen, und der alte tapfere Utami, seinen schweren Säbel fast eben so viel als Keule wie als scharfe Waffe brauchend, arbeitete sich, von dem Kern der Seinen und fünf oder sechs gut bewaffneten Europäern dabei unterstützt, mehr und mehr nach dem Führer der Feranis durch, dem Kampf durch dessen Niederlage mit einem Schlag ein Ende zu machen. Kleine Trupps der Franzosen langten indessen zu gleicher Zeit auf dem Kampfplatz an, aber einzelne zerstreute Trupps der Eingeborenen empfingen sie auch überall, ihr Vorrücken aufzuhalten und der Hauptmacht Zeit zu gönnen das beabsichtigte Ziel zu erreichen; René nur, jedes Hinderniß besiegend, hatte sich endlich bis zu dem arg bedrohten Französischen Picket Bahn gehauen, und entdeckte hier kaum den alten Häuptling, dessen Einfluß auf die Insulaner er gut genug kannte, als er das Aeußerste daran zu setzen beschloß, ihn gefangen zu nehmen. Kein wirksameres Mittel gab es dann, den Frieden von den Eingeborenen zu erzwingen.

Bertrand gewahrte ebenfalls den alten greisen Indianer, der den Seinen voran, todesmuthig seinen Weg sich freischlug, und in ihm jedenfalls eine vorragende Persönlichkeit vermuthend, preßte er ihm entgegen und war im Begriff einen Stoß nach ihm zu führen, als ein vor ihm liegender, gestürzter Indianer sein Bein ergriff und ihn mit sich in demselben Augenblick zu Boden riß, in dem der greise Utami vorsprang und den schweren Pallasch in der Luft schwingend einen Hieb nach ihm führen wollte.

René sah die Gefahr des Freundes, und noch während er einen der Insulaner, der sich ihm in den Weg stellen wollte, zu Boden schlug, schrie er in Todesangst:

»Halt Utami -- hierher Deinen Schlag -- hier der Feind!« und dem nach Bertrands Haupt geführten Hieb in demselben Moment parirend, warf er sich mit voller Gewalt gegen den Häuptling und schlang, seinen rechten Arm mit der Waffe empordrängend, den linken um seinen Körper.

Ein jäher Schmerz durchzuckte ihn in dem Augenblick -- er hörte dicht neben sich den Knall eines Pistols -- er fühlte wie der Gefangene seinem Arm entglitt, sah, schon halb bewußtlos, die schützend über ihn gehaltenen Bayonnette der Seinen, und brach dann besinnungslos zusammen.

Capitel 7.

René und Susanna.

Als René wieder zum Bewußtsein kam und die Augen aufschlug, lag er unter einem hohen Mosquitonetz in einem halbdunklen Zimmer auf einem weichen Bett und hörte, -- aber auch nur noch wie in einem Traum -- daß sich Zwei in dem Gemach leise flüsternd mitsammen unterhielten. Er fühlte sich dabei merkwürdig schwach und wollte, wenigstens zu sehn wo er sich eigentlich befand, rasch den rechten Arm heben, das Mosquitonetz bei Seite zu schieben, als ihn ein furchtbar stechender Schmerz durchzuckte, daß er mit einem halblauten Schrei fast besinnungslos wieder auf sein Lager zurücksank.

Das Netz wurde jetzt zurückgeschoben, Jemand nahm seine Hand, fühlte seinen Puls und sagte nach kleiner Pause:

»Der Puls geht regelmäßiger, Mademoiselle; ich hoffe das Beste für unseren Freund.«

»Ist er erwacht?« sagte in diesem Augenblick eine Stimme, die dem Kranken das Blut in Fieberschnelle durch die Adern jagte, daß der Arzt, der noch die Hand in der seinen hielt, bedenklich mit dem Kopf schüttelte, und das Netz weiter zurück schob, die Gesichtszüge des Verwundeten erkennen zu können.

»Hallo« rief er aber, als er hier in die Augen des forschend zu ihm Aufschauenden blickte -- »unser Patient hat wirklich ausgeschlafen, und sieht sich frisch und munter wieder in der Welt um. Wie geht es, Monsieur Delavigne -- wie ist Ihnen jetzt? haben Sie Schmerzen?«

»Schmerzen? -- nein -- ja -- hier in der Schulter -- aber mir ist so wunderbar zu Muthe -- wer ist noch im Zimmer?«

»Ihre Pflegerin, Monsieur, der Sie zu großem Dank verpflichtet sind, denn Sie haben uns die letzten elf Tage viele Sorge gemacht.«

»Letzten elf Tage?« wiederholte René erstaunt, »aber wer ist hier?«

»Halten Sie sich ruhig, Herr Delavigne« sagte da eine leise, oh ihm nur zu gut bekannte Stimme und wieder schoß ihm das Blut zum Herzen zurück und ein Stich, den es ihm durch die Schulter gab, machte ihn die Zähne fest aufeinander beißen.

»Susanna« flüsterte er mit kaum hörbarer Stimme vor sich hin, und ein glückliches Lächeln legte sich über die bleichen Züge. Aber die Erregung war auch zu stark gewesen für den geschwächten Körper, und mit geschlossenen Augen brauchte er viele Minuten Zeit seine Kräfte wieder zu sammeln, seine Sinne, die noch in traumhaften Bildern herüber und hinüber zuckten, der Gegenwart fest zu halten.

Als er die Augen wieder aufschlug war er allein im Zimmer mit dem Arzt, und dieser hob warnend den Finger, als er die auf ihn gerichteten Blicke bemerkte und sagte freundlich:

»Sie müssen sich, wenigstens heute, noch Alles Redens enthalten, Monsieur Delavigne; Sie sind viel zu schwach und angegriffen und können sich durch jede Aufregung den größten Schaden thun --«

»Aber lieber Doktor --«

»Ruhe« lächelte dieser -- »ich kann mir etwa denken was Sie fragen wollen, und werde Ihnen deshalb, um Ihre wohl verzeihliche Neugierde zu befriedigen, einen kurzen Umriß alles dessen geben, was während den letzten elf Tagen, die Sie nun da eingeschachtelt liegen...«

»Elf Tagen?«

»Ja wohl, heut' ist der elfte Tag --, was also in dieser Zeit vorgegangen ist, und Sie werden manches Neue zu hören bekommen. Vor allen Dingen, und um Sie darüber zu beruhigen, ist unsere Position hier vollkommen gesichert und befestigt worden; noch an demselben Morgen, an dem Sie verwundet wurden, worauf Sie sich auch wohl noch besinnen können, kam die Uranie ein und schickte ihre Boote an Land, mit deren Hülfe wir den Feind bald wieder zurück in die Berge trieben. Am nächsten Tag liefen noch zwei andere Kriegsschiffe, eins von den Marquesas, eins von Valparaiso kommend, ein und brachte Verstärkung, wie die so nöthigen Provisionen. Die Insulaner wurden dann aber auch ohne weiteres angegriffen und in die Berge, oder doch wenigstens aus der Nähe von Papetee gejagt, und sie haben sich jetzt in mehren entfernteren Orten wie Papeneeo und besonders im Hautauethale verschanzt, bis wir einmal Zeit bekommen sie auch von dort zu verjagen.«

»Und ist Utami gefangen?« frug René.

»Utami? -- der Anführer der Rebellen? ah, das ist wohl derselbe den Sie gefaßt hatten, als sie den Schuß bekamen? -- nein, Gott bewahre, der hat sich tüchtig herausgehauen und Ihrem Freund Bertrand ebenfalls noch ein Andenken über den Schädel hinterlassen, an dem er wohl noch ein paar Monat mit verbundenem Kopf tragen wird. Schlimmer ist Lefévre weggekommen -- von seinem kleinen Trupp ist nicht ein Mann zurückgekehrt, und ihre Leichen lagen oben zerstreut in den Bergen; nur von Lefévres Leiche war nicht die Spur zu finden, er müßte denn in einem frisch aufgeworfenen und mit Blumen geschmückten Grab liegen, das wir mitten auf dem Kampfplatz, wo die kleine Schaar überfallen worden, entdeckten, wenn man auch nicht recht begreift, wer sich die Mühe gegeben haben sollte, _ihn_ gerade so sorgfältig zu bestatten, während die Uebrigen liegen geblieben waren, wie sie gefallen.«

»Aumama« flüsterte René und ein tiefer schmerzlicher Seufzer hob seine Brust.

»Für heute haben Sie aber Aufregung genug gehabt« sagte der Arzt, seinen Hut aufgreifend -- »jetzt schlafen Sie ein paar Stunden, sich wieder zu erholen und ich werde gegen Abend zurück kommen und den Verband erneuen.«

»Aber wo bin ich verwundet?« frug René mit schwacher Stimme.

»Fragen Sie wo Sie _nicht_ verwundet sind« lachte der Arzt, »Schrammen und Beulen haben Sie am ganzen Körper, nur die Hauptsache ist der letzte Schuß in die Schulter; doch er hat Nichts zu sagen« fügte er lächelnd hinzu, »halten Sie sich nur ruhig und besonders fern von jeder geistigen Aufregung -- denn körperlich bewegen können Sie sich ohnedies nicht -- und wir werden Sie bald genug wieder zusammen flicken.«

Er verließ nach kurzem Gruß das Zimmer, während René in einen leichten unruhigen Schlaf fiel und die freundliche Hand nicht sah, die an seinem Lager ihm Kühlung zufächelte und seinen Schlummer bewachte.

Als er die Augen wieder aufschlug war es Nacht -- ein mattes Licht brannte im Zimmer, und neben seinem Bett hörte er die schweren regelmäßigen Athemzüge eines schlafenden Wärters. Ihn dürstete aber sehr und er streckte seinen linken gesunden Arm aus den Schlummernden zu wecken.

»Hallo!« rief dieser von dem Lehnstuhl in dem er gesessen, emporspringend, als ihn die Hand kaum berührte, »René, bist Du munter -- wie ist Dir, mein wackerer Bursch?«

»Adolphe!« rief der Kranke, »das ist freundlich von Dir bei mir zu wachen.«

»Wie mir scheint hab' ich geschlafen« lachte der Freund -- »aber bedarfst Du etwas?«

»Ich bin durstig.«

»Hier ist Dein Trank -- frische Cocosmilch und Himbeerwasser, das wird Dir gut thun; und wie fühlst Du Dich jetzt?«

»Gut, sehr gut« lächelte René, »und es freut mich herzlich Dich bei mir zu sehn.«

»Alle Deine Kameraden haben abwechselnd bei Dir gewacht« erwiederte Adolphe, »sie haben Dich alle lieb, und die Dich noch nicht kannten, deren Herzen gewannst Du Dir durch Deinen tollkühnen Muth. Mensch, Du hast ein Glück das in's Aschgraue geht, und ich glaube Du könntest von einem Kirchthurm herunter springen und kämst gesund auf Deine Füße.«

»Nennst Du den Schuß ein Glück?« frug René kopfschüttelnd.

»Wenn ich dadurch das schönste Mädchen das je mein Auge gesehn zur Krankenwärterin bekäme, ließ ich mich hinschießen wohin Du willst« lachte Adolphe, »und die kleine niedliche Madame Belard ist auch mehr in Deinem Zimmer hier, wie in ihrem eignen gewesen.«

»So lieg' ich hier bei Belards?«

»Nun versteht sich, die Dich aufgenommen und gepflegt haben, als ob Du ein Kind vom Hause wärest. Monsieur Belard hat übrigens selber mit gefochten« fuhr Adolphe mit mehr unterdrückter Stimme und heimlichem Lachen fort -- »oh, da sind kostbare Sachen vorgefallen, doch das Alles erzähle ich Dir einmal später, wenn Du Dich wieder herzlich auslachen und schütteln darfst; jetzt möcht es Dir weh thun. Schmerzt Dich Deine Wunde?«

»Nicht sehr, aber ich kann den Arm nicht regen -- er ist doch nicht gebrochen?«

»Nein, darüber kannst Du Dich beruhigen; doch war's ein böser Schuß und hätte nicht dürfen einen Zoll tiefer kommen.«

»Wer weiß« seufzte René leise und schloß die Augen wieder.

Adolphe glaubte er wolle schlafen, schattete das Licht und setzte sich leise wieder auf den Stuhl nieder, als René seinen Namen rief.

»Bist Du fort, Adolphe?«

»Nein, sicher nicht -- willst Du etwas?«

»Hast Du mit dem Arzt über meine Wunde gesprochen?« frug der junge Mann mit leiser Stimme.

»Allerdings; ich kann Dich fest versichern daß sie, wenn auch vielleicht ein wenig langwierig, keineswegs lebensgefährlich ist.«

René lag wieder eine ganze Weile ruhig, ohne zu antworten und frug dann langsam:

»Und wann glaubt er daß ich werde nach Atiu hinüber geschafft werden können?«

»Nach Atiu?« wiederholte Adolphe verwundert -- »Mensch, hast Du ein Fieber daß Du jetzt an Atiu denkst, wo Dir der Arzt noch kaum vom Lager darf? Wenn Dir die Fahrt auch dorthin nichts schadete, vorausgesetzt daß ruhiges Wetter bliebe, wie wolltest Du Dich dort ohne ärztliche Hülfe wieder erholen? -- Atiu -- ich begreife Dich nicht.«

»Aber Sadie wird sich um mich ängstigen« sagte René.

»Ich habe daran gedacht« erwiederte ihm Adolphe, »und wollte ein paar Zeilen hinüber schreiben, es ist aber noch keine Gelegenheit dazu gewesen, die ganze Zeit, und erst in acht Tagen, glaub' ich, soll der Missionscutter wieder hinüber gehn.«

»Ich danke Dir, Adolphe« nickte ihm der Freund zu -- »und nun will ich schlafen -- ich bin doch recht matt und angegriffen, und der Kopf schwindelt mir von all dem Denken.«

* * * * *

Die Sonne stand schon hoch am nächsten Morgen, als er erwachte, und einen inländischen Knaben an seinem Bett fand, ihm das Frühstück zu reichen. Der Arzt war, wie ihm der junge Bursche sagte, schon dagewesen, hatte ihn aber nicht stören wollen und versprochen, in einer Stunde etwa wieder zu kommen.

René fühlte sich heute viel wohler und frischer als gestern; der Schlaf hatte ihn gestärkt, und auch die Schulter schmerzte ihn nicht so sehr wie gestern Abend.

»Darf man herein?« rief da eine fröhliche klare Stimme, als er schon etwa eine halbe Stunde in dem wohlthuenden Gefühle schmerzloser Ruhe gelegen und die durch die offenen Fenster strömende kühle balsamische Morgenluft eingeathmet hatte.

»Madame Belard« rief René freudig, und die kleine muntere Frau kam mit leichten, immer noch vorsichtigen Schritten in's Zimmer und zum Bett des Kranken, der ihr mit einem freundlichen, dankbaren Lächeln die Hand entgegenstreckte.

»Meine gute Madame Belard --«

»Ja, gute Madame Belard« lachte die kleine Frau halb besorgt halb zürnend, und doch auch wieder mit ihrem herzlichen Ausdruck im Ton -- »das ist eine Wirthschaft die Einen freuen könnte. Zuerst nimmt der junge Herr Abschied, als ob es für's Leben wäre, und wenn man da ein paar Tage nachher noch ganz angegriffen und alterirt ist, läuft er so lange munter und vergnügt in der Stadt herum, ohne den Fuß noch einmal über die Schwelle zu setzen, bis er das Bischen Besinnung, was ihm eigentlich hätte sagen sollen wo seine _besten_ Freunde wohnen, verliert, und leblos und zerhauen und zerschossen in's Haus _getragen_ wird.«

»Sie haben recht, vollkommen recht, beste Frau« seufzte René -- »und doch -- wie gern wär' ich zu Ihnen gekommen -- aber...«

»Ja, _doch_ und _aber_, das sind Ihre Entschuldigungen -- Sie sind übrigens jetzt in keinem Zustand, ordentlich ausgezankt zu werden, das verspar' ich mir, bis wir Sie wieder vollkommen wohl haben, denn geschenkt ist es Ihnen nicht. -- Aber was Sie uns wieder in dieser Zeit für Sorge und Noth gemacht haben kann ich Ihnen gar nicht sagen; ich möchte nur wissen, was _Sie_ noch einmal für ein Ende nehmen.«

»Liebe Madame Belard --«

»Und Susanna hat glühende Kohlen indessen auf Ihr Haupt gesammelt; dem Vater laufen Sie davon, und die Tochter wacht Tag und Nacht fast an Ihrem Bett.«

Ein stechender Schmerz zuckte durch Renés Schulter -- er biß die Unterlippe zwischen die Zähne, und wurde leichenblaß.

»Um Gott, fehlt Ihnen etwas? -- Sie haben wieder Schmerzen?« rief Madame Belard rasch, das Mosquitonetz mehr zurückwerfend, sein Gesicht deutlicher sehn zu können.