Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Part 12
Durch das Absegeln zweier Kriegsschiffe nach den Marquesas-Inseln war die französische Macht in Papetee sehr geschwächt worden, und in der That fingen auch an Provisionen zu fehlen, da die feindlich gesinnten Eingeborenen nicht allein keine Produkte mehr einbrachten, sondern auch die den Feranis freundlich gesinnten daran verhinderten, und nicht selten Einfälle selbst in die Stadt machten, ihre Häuser zu zerstören und ihre Fruchtbäume nieder zu schlagen oder zu tödten. Die Befestigung von Papetee selber war ziemlich gut und stark, aber zu ausgedehnt für die jetzt schwache Besatzung; die verschiedenen Bastionen konnten nicht alle gleich stark vertheidigt werden und es war hier wirklich mehr die Furcht die der Eingeborene vor den Kanonen der Feranis hatte, auf die sich der kecke Leichtsinn, ja die Tollkühnheit derselben verließ, mit wenigen hundert Mann, nicht einmal aller Bewohner in Papetee sicher, dem Angriff der ganzen Insel begegnen und ihren keineswegs so unbedeutenden Waffen Trotz bieten zu wollen.
Ein Handstreich war möglich, und zwar durch die Gefangennahme der Häuptlinge, denn in dem Volke selber lag kein rechter Trieb zum Widerstand, -- wie sie gleichgültig die fremde Religion angenommen, würden sie es auch mit der Regierung gethan haben, wären die Eroberer in den einzelnen Stellen nicht eben zu schroff aufgetreten, und hätte die zugleich bedrohte Religion nicht durch ihre Priester stacheln helfen, dem sich der Häuptlingsstolz dann beigesellte. Eine wirkliche Schlacht, wo sie nicht unbedingt nöthig war, mußten die Franzosen aber jetzt sorgfältig vermeiden, denn jeder Mann den sie verloren schwächte ihre kleine Garnison um einen wichtigen Theil, und gab den Feinden größeren Muth und Selbstgefühl; ja der Gouverneur bereute schon fast die Expedition hinaus gesandt zu haben, selbst solchen Zweckes wegen, und sandte in einer Zeit, wo er glauben konnte daß sie ihr Ziel erreicht haben mußten, und die Aufmerksamkeit der Insulaner vielleicht noch mehr dadurch von ihnen abgelenkt wurde, zwei stärkere Trupps nach, die Patrouillen in ihren Bewegungen zu unterstützen, oder ihren Rückzug wenigstens zu decken.
Die erste, so ausgesandte Colonne traf, wie schon erzählt, auf die retirirenden Landsleute und zog sich mit diesen, nicht weiter als durch einzelne harmlose Schüsse behindert, auf Papetee zurück, die andere aber kam wenig über die nächste Umgebung der Stadt hinaus, denn ein dort im Hinterhalt liegender Schwarm von Eingeborenen, der jedenfalls schon von ihren Bewegungen vorher Kunde gehabt, griff sie in wilder ungebändigter Wuth an und zwang sie, von dem Terrain und seiner Ortskenntniß begünstigt, sich mit dem Verlust einzelner ihrer Leute, die sie nicht einmal im Stande waren mit fortzunehmen, auf die Stadt zurück zu ziehen.
Die kleine Garnison wurde natürlich durch diesen halben Angriff vollständig alarmirt. Die Wälle waren besetzt, die Kanonen geladen und gerichtet, und marschfertige Patrouillen zogen hin und wieder, die verschiedenen Punkte zu revidiren und Hülfe zu bringen wo sie Noth thun sollte.
In dem Caffeehaus des Franzosen Victor waren eine Anzahl Officiere versammelt, die von den verschiedenen Punkten eben Nachricht eingeholt und ihr frugales Mittagbrod mit einem, schon selten gewordenen Glase Claret würzen wollten. Auch René hatte sich hier eingefunden, saß aber still und allein, die Arme auf der Brust verschränkt, das kaum berührte Glas vor sich, und schien nur halb der lebendigen Beschreibung Adolphes zu lauschen, der seine Abenteuer an dem Tage, das Ende des Piraten und den von den Feinden so oft und hartnäckig bestrittenen Rückzug erzählte.
»=Diable=!« rief da Einer der älteren Officiere, »die Burschen machen bei Gott Ernst, und wir mögen nur immer unseren Wein austrinken, denn wer weiß ob uns nicht in der nächsten Minute die Lärmtrompete schon wieder an unsern Posten ruft. Die Soldaten werden knapp, aber mit den Officieren gehts noch knapper, und wenn sie noch ein paar von uns wegputzen, können wir uns nur Unterofficiere zu dem Geschäft abrichten.«
»Wißt Ihr schon daß die Jeanne d'Arc in diesen Tagen, wenigstens in nächster Zeit, ebenfalls segeln wird?« frug Bertrand.
»Das fehlt auch noch« riefen Andere, »dann doch sicher nicht, bis sie uns andere Schiffe zum Ersatz geschickt; wenn man nicht hier sich wenigstens den Rücken frei wüßte, möchte der Teufel einer ganzen Insel voll gut bewaffneter Indianer die Stirn bieten. Springen sie uns einmal über die Wälle und wir haben kein Schiff hier das ein paar Kugeln herüber werfen und uns im schlimmsten Fall an Bord nehmen kann, so sind wir alle zusammen verloren.«
»Wein her, Victor, Wein! aber rasch -- es wird uns nicht mehr viel Zeit bleiben der Ruhe zu pflegen« rief ein junger Artillerie-Officier, der eben das Zimmer betrat, seine Mütze auf den Tisch und sich selber in einen Stuhl warf, »Tod und Teufel, ich glaube die Burschen machen Ernst.«
»Was giebt's Luçon?« frugen fünf, sechs Stimmen auf einmal -- »neue Nachrichten? -- ist Lefévre zurück?«
»Nichts zu hören von ihm und zu sehen, möchte nicht in seiner Haut stecken« rief der Neugekommene, sich ein Wasserglas rasch voll Wein schenkend, daß es über und auf den Tisch spritzte -- »aber einen Gefangenen haben sie eben eingebracht, der hier in Papetee herum spionirte und von Rüstungen spricht, die an Point Venus wie an der östlichen Seite von hier statt finden sollen. Wir selber haben jetzt Spione nach beiden Richtungen abgeschickt und sobald die zurückkommen und das Ausgesagte betätigen giebt's jedenfalls Arbeit.«
»Was fehlt Dir nur heute, René?« sagte Adolphe, der sich jetzt zu ihm gesetzt hatte und seine Hand ergriff -- »Donnerwetter Kamerad reiß Dich heraus aus den Grillen und sei endlich einmal wieder ein Mann, denn seit ich Dir heute von Belards erzählt, kommst Du mir wahrhaftig vor wie ein liebesieches Mädchen. Warum hast Du überhaupt das Haus gemieden? -- sie scheinen Dich dort lieb zu haben und es würde Dich zerstreuen.«
»Es ist vergebene Mühe, Kamerad« lachte Bertrand jetzt, der zu ihnen an den Tisch trat, und wahrscheinlich glaubte, Adolphe habe ihm wieder zugeredet französische Dienste zu nehmen -- »er hat den Geschmack am Handwerk verloren, das wenigste zu sagen, und wird hier ruhig sitzen und zusehn, während wir uns draußen mit dem Feind herumschlagen müssen, nur unser Leben und das Dach zu vertheidigen unter dem wir schlafen.«
»So weit wird's nicht kommen« lächelte René -- froh dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können -- »die Eingeborenen sind gutmüthiger Natur, und wenn Ihr ihnen nur selber Raum zum Athmen gestattet, lassen sie Euch gern in Frieden.«
»Ja das hast Du wohl auch gemerkt?« lachte Bertrand -- »die Eingeborenen sind gut genug, dagegen hab' ich Nichts, wenn wir eben nur allein mit denen auch zu thun hätten; die aber, die hinter ihnen stecken, die ihnen fortwährend in die Ohren schreien daß der liebe Gott in Gefahr wäre von den verdammten Baptisten geschändet zu werden, und ihnen schreckliche Geschichten vorerzählen von den Gräueln, denen ihre Seelen entgegen gingen, wenn sie dem Feind das »Feld des Glaubens« überließen, _das_ sind die Hetzer, das die Feuerbrände, die die Gluth immer und immer wieder auf's Neue schüren. Und wenn es _Männer_ wären, denen man mit dem Schwert entgegengehen könnte, sollte es gehn, aber es sind _Weiber_ in langen Röcken, straf mich Gott, die mit den salbungsvollen langweiligen Gesichtern und den weißen Läppchen unter dem Kinn herumlaufen, und ihr fades nüchternes Gewäsch wie eine Sündfluth um sich her ausgießen, daß Einem ordentlichen Kerle schwach und weh wird. Demüthig und erbärmlich thun sie dabei, verdrehen die Augen und falten die Hände, und sehen so weich und schwammig aus, als ob ihnen Butter nicht im Mund zerginge, aber gieb ihnen einmal die Gewalt, laß sie sich nur oben schwimmend glauben mit einer »gläubigen Schaafheerde« unter sich, und sieh wie ihnen der Kamm wächst. »Christliches Bewußtsein« nennen sie's dann und noch anders, und Gesetze schreiben sie vor und Befehle; keine Kirche ist prächtig, keine Pfründe reich genug, keine weltliche Herrschaft soll über sie gebieten können, und keine weltliche Herrschaft giebt es dabei in die sie nicht hinein reden möchten in all ihrer christlichen Demuth. -- Giftkröten!« rief er mit einem leise gemurmelten Fluch, und leerte das gefüllte Glas auf einen Zug.
»Hahahaha!« lachte ein Anderer, »Bertrand hat sich in die frommen Männer ordentlich verliebt -- Dir haben sie's angetan mit ihrer unverbesserlichen Liebenswürdigkeit.«
Bertrand murmelte eine Antwort zwischen den Zähnen, indeß er sich sein Glas wieder füllte, und ging dann mit raschen ärgerlichen Schritten im Zimmer auf und ab.
»Sie sind es auch, die die Eingeborenen immer in böse Händel verwickeln« rief Adolphe, »und hast Du mir nicht selber erzählt, René, daß ohne Deines wunderlichen Atiuer Freundes Hülfe, von dem ich immer noch nicht herausbekommen kann, ob er ein Schuft oder ein ehrlicher Kerl ist -- der Häuptling Aonui Dein Blut vergossen hätte? -- wie man aber hier überall hört, ist gerade jener Aonui ein reines Werkzeug der Missionaire, den weit milderen und vernünftigeren Rathschlägen Utamis gerade entgegenarbeitend.«
»Zum Teufel, ja!« sagte René, die Stirne runzelnd in der Erinnerung an die, so knapp gemiedene Gefahr, »des Schuftes Aonui Schuld war's wahrlich nicht, daß ich jetzt hier noch bei einem kühlen Glas Claret sitze, und ich glaube er war wüthend genug über meine Flucht. Wenn eins mir auch den Degen noch einmal in die Hand drücken könnte gegen die Indianer, wär' es die Hoffnung dem schleichenden Hallunken zu begegnen, und ihm die Todesangst zurück zu zahlen.«
»Wer weiß, Delavigne, ob wir nicht Ihre Hülfe noch früher in Anspruch nehmen« sagte der junge Artillerielieutnant -- »wir sind so schwach an Mannschaft, daß wir bei einem allgemeinen Sturm der Eingeborenen die Wälle gar nicht ordentlich besetzen, die Geschütze nicht gehörig bemannen können, und Sie werden sich wahrlich nicht ruhig in's Kaffeehaus setzen und ihren Wein trinken wollen, während wir draußen nicht Arme und Köpfe genug finden können die Stadt und die Weiber und Kinder vor dem Einbruch der wilden, und dann auch gewiß blutdürstigen Horden zu sichern. Selbst die Herren Belard und Brouard haben heute Morgen, von unserem prekären Stand und der Gefahr in der wir schweben in Kenntniß gesetzt, dem Gouverneur ihre Hülfe anbieten und ihn bitten lassen, über sie ganz zu disponiren, wie er es für gut finden würde. Sie werden sich nicht wollen von Monsieur Brouard ausstechen lassen.«
»Ist es denn wirklich so arg?« rief René -- »ich habe nur immer geglaubt, Bertrand und Adolphe redeten mir so zu mich wieder zum Dienst zu bringen. Es versteht sich von selbst daß ich mich der Vertheidigung der Stadt nicht entziehe, wenn ich einmal darin bin, selbst wenn es nicht gälte meine eignen Landsleute mit vertheidigen zu helfen. Wird es da nöthig sein mich erst beim Gouverneur zu melden?«
»Gewiß« sagte der Artillerielieutnant, »aber wenn Sie das wollen kommen Sie mit mir, ich gehe in diesem Augenblick zu ihm, und weiß daß wir ihm Freude damit machen.«
»Dann laß Dich nur mit zu mir einrangiren!« rief Adolphe, »und wär' es nur der alten Zeiten wegen.«
»Und Atiu?« flüsterte René leise.
»Läuft Dir nicht fort« lachte der Freund, der die Worte gehört -- »Mensch, danke Gott daß er Dir die Gelegenheit förmlich in den Schoos wirft Dich auszuzeichnen, und Dir eine Stellung hier auf den Inseln, wenn Du denn nun einmal Dein Leben darauf beschließen _willst_, zu erringen. Frankreich braucht solche Männer wie Dich zu seinen Colonieen, aber suche den _Zweck_ Deines Lebens dann auch nicht blos in einer Bambushütte und in den Armen einer hübschen Dirne -- ich bin auch kein Kostverächter, aber ich will ein Ziel haben zu dem ich _auf_schauen muß, eines das mir die Nerven und Adern mit Stolz und Freude füllt, dann freut mich auch ein häuslich Glück daheim, und wahrlich nur in solchen Verhältnissen kann ich es mir denken.«
»Ich kenne René gar nicht mehr« sagte Bertrand, »und glaube doch am Ende die Missionaire haben's ihm angethan.«
»Hahahaha« lachten Andere, »das wäre kein übler Spaß, wenn Delavigne Mitonare auf einer der Inseln drüben würde, und die Heidenkinder mit dem heiligen Wasser wüsche.«
»Gar nichts so Unmögliches« sagte Bertrand, »da sind schlimmere und wunderbarere Sachen vorgekommen in der Welt, und wenn er so fortliefe im alten Gleis, ständ ich ihm bei Gott für Nichts.«
»Er wird Euch zeigen ob er noch fechten kann« rief aber René jetzt, dem das Blut in Schaam und Aerger in die Schläfe stieg -- »daß ich nicht muthwillig gegen die Eingeborenen fechten _wollte_, dafür hat ich den guten und mir selber genügenden Grund, ich bin in anderen Verhältnissen an diese Küsten geworfen als Ihr; aber treiben sie mich dazu, wie's mir jetzt fast scheint, denn ihrer Güte verdank ich's nicht daß ich noch athme, ei, dann bin ich auch meiner Verbindlichkeiten quitt und ledig, gegen die Herren von Tahiti, und so lange ich hier noch auf der Insel wohnen bleibe, will ich sie mir wenigstens mit helfen vom Leibe halten. Ob ich mich dabei wie ein Mitonare oder wie ein Franzose benehmen werde, mögen die Herren mir nachher bezeugen.«
»Bravo Delavigne -- bravo!« rief es von allen Seiten und die meisten der jungen Offiziere sprangen auf ihn zu und schüttelten ihm die Hand; in dem Augenblick aber tönte draußen ein Horn -- das Alarmsignal, das die beurlaubten Officiere zurück auf ihre Posten rief, und Mützen und Waffen aufgreifend, wurden die Gläser noch rasch voll geschenkt und geleert, und fort stürmten sie Alle mit flüchtigem Gruß neuen Kämpfen, neuen Gefahren, aber so sorglos entgegen, als ob sie zu irgend einem fröhlichen Feste den lustigen Reihen, und nicht schon arg zusammenschmolzene Schaaren dem unermüdlichen und ihnen an Zahl so weit überlegenen Feind entgegenführen sollten.
Der Aufstand der Eingeborenen war aber in der That nicht bloßes Gerücht gewesen, und René behielt kaum Zeit dem Gouverneur, der ihn freudig begrüßte, als Freiwilliger vorgestellt und bestätigt zu werden, als von Point Venus her die neue Botschaft kam, daß sich die Insulaner dort in einer Verschanzung festgesetzt und von da hereinbrechend einzelne Häuser der den Franzosen freundlich gesinnten Indianer niedergerissen, und die sich ihnen entgegenstellende Patrouille zurückgeworfen hätten.
Selbst auf die Gefahr hin Papetee für den Augenblick zu sehr von Truppen zu entblößen, mußten die Feinde aus dieser Stellung, die sie in der unmittelbaren Nähe der Stadt hielt, vertrieben werden, und mit wirbelndem Trommelschlag und schmetternden Trompeten sammelten sich die Franzosen in der Nähe des Missionsgebäudes, und rückten dann in dichten Colonnen dem Feind entgegen.
Der Platz wo sich die Eingeborenen diesmal festgesetzt, hieß Harpape und es schien fast, als ob sie durch diese Stellung die verhaßten Feranis nur eben aus ihren festen Verschanzungen herauslocken wollten, um sie desto wirksamer auf ihrem eigenen Terrain bekämpfen zu können. So hatten die Franzosen gerade die Missionsstation von Harpape erreicht und passirt, und die ersten Colonnen waren eben in dem dicht dahinter liegenden Orangenhain auf ihrem Weg, dem Fort der Eingeborenen zu, verschwunden, als überall aus dem Dickicht heraus das Feuern der Eingeborenen begann, deren Absicht jedenfalls gewesen war, die Feinde hier zu trennen und zu zerstreuen, und dann gemeinsam zu überfallen und zu vernichten. Das aber gelang ihnen allerdings nicht; ein scharfes Feuer wurde auf den Busch gerichtet, der den schlauen Feind verbarg, und von See aus warf ebenfalls ein kleiner Französischer Dampfer, der dort auf und nieder fuhr, die Bewegungen des Militairs zu unterstützen, Kugeln in alle Dickichte die ihm der Sammelplatz der Eingeborenen schienen. Wild fuhren diese dann manchmal auseinander, wenn ganz unerwartet, von einem ungesehenen, ungeahnten Feind geschleudert, eine Kugel hinein schmetterte, mitten zwischen sie, oder wie das nicht selten geschah, den Stamm einer gewaltigen Palme traf und splitterte, und der fruchtschwere riesige Wipfel dann prasselnd und krachend niederbrach über die Entsetzten.
Das Missionsgebäude lag hier mitten im Feuer, und war besonders den Kugeln des Dampfers ausgesetzt; zwei der Missionaire deshalb, die sich zu dieser Zeit gerade im Inneren desselben befanden, die Brüder Brower und Mac Kean traten auf die Verandah hinaus, um die Leute an Bord wenigstens wissen zu lassen wer sich hier aufhalte. Der Dampfer respektirte auch das Haus der Missionaire und glitt geräuschlos vorbei, erst auf der anderen Seite wieder sein Feuer eröffnend.
Gefährlicher schien für die beiden Männer, die in einer merkwürdigen Verblendung, ob aus Neugierde, ob aus Furcht, oder in der That weil sie hofften dadurch die Kugeln am sichersten von sich abzulenken, nicht allein in dem gefährdeten Haus, sondern auch auf der Verandah desselben blieben, das Kleingewehrfeuer der Truppen zu werden, die sich zuerst vor den Gebäuden gesammelt hatten und nun zu einem förmlichen Angriff rüsteten. Kaum hatten sie aber den Orangenhain wieder betreten, als auch von dort aufs Neue ein scharfes Feuer auf sie eröffnet wurde, und ein Theil der Truppen sprang in die Umzäunung der Kapelle oder des Bethauses, aus dieser, die aus aufgerichteten Cocosplanken bestand, eine zeitweilige Brustwehr zu bilden und den erwarteten Sturm der Eingeborenen besser und nachdrücklicher abweisen zu können. Diese kamen aber nicht, sondern begnügten sich nur mit der Vertheidigung des Dickichts, dem Feinde nicht die Vortheile des freien Feldes zu gönnen, und die Franzosen, des Plänkelns müde, bei dem sie nur Leute einbüßten und dem Feind auch nicht den geringsten, wenigstens sichtbaren Schaden zufügten, sammelten sich wieder in kleinen Colonnen, die versteckten Insulaner jetzt ernstlich aus ihren grünen Bollwerken heraus zu treiben, und auf ihr Hauptlager in Harpape zurückzuwerfen.
Gouverneur Bruat selber, der indessen am Missionshaus stillgehalten, hatte die beiden Missionaire gewarnt sich dem Zufall einer schlechtgezielten Kugel solcher Art auszusetzen, und sie zogen sich demnach in die Hinterzimmer des Gebäudes zurück; Rufen und Schreien draußen und das schärfere Schießen lockte sie aber auf's Neue vor, und erst als mehre Kugeln in das Dach und die Fenster des Gebäudes selber schlugen, wollten sie sich wieder zurückziehn -- aber zu spät. Mr. Mac Kean hatte sich eben zum Gehn gewandt, da traf ihn eine von den Insulanern selber abgefeuerte Kugel in den Hinterkopf, und als ihn Mr. Brower taumeln und sinken sah und zuspringen wollte ihn zu halten, stürzten Beide auf den Boden der Verandah nieder. Mr. Brower zog ihn allerdings nun in das Gemach hinein und versuchte Alles ihn wieder in's Leben zurückzurufen, aber die Kugel war tödtlich gewesen -- er athmete noch ein paar Mal leise und -- war nicht mehr.
Die Soldaten indessen, sich wenig darum kümmernd was in der Verandah des Missionsgebäudes vorging, warfen sich in kalter Entschlossenheit auf den versteckten Feind, trieben ihn aus dem Schutz der Büsche hinaus und stürmten seine Schanzen, daß er, seine Todten und Verwundeten aufraffend, in wilder Flucht sein Heil suchen mußte. Gern hätte der Gouverneur sie nun auch weiter verfolgt, wären ihnen nicht zu gleicher Zeit die von Papetee herüber donnernden Kanonenschläge eine ernste Mahnung gewesen dorthin zurück zu kehren. Aus dem Hautauethal nieder hatten nämlich die Eingeborenen, nachdem sie Lefévre mit seiner kleinen Schaar erschlagen, von dem leichten Siege trunken, einen tollen Angriff gewagt, und als das Commando von Point Venus zurückkehrte, kam es eben nur noch zur rechten Zeit, die schon zum Aeußersten erschöpfte Besatzung von den immer und immer wiederkehrenden wüthenden Angriffen der Insulaner zu befreien, die nur zurückgeschlagen schienen, um mit doppelter Wuth und ungeschwächten Kräften ihre Ueberfälle zu erneuern.
Selbst der Untergang der Sonne setzte dem erbitterten Kampfe noch kein Ziel, und die Indianer suchten besonders unter dem Schutz der Dunkelheit einige der am schwächsten besetzten Punkte zu überrumpeln, bis ein paar zwischen sie abgefeuerte Raketen und über sie geworfene Leuchtkugeln sie erschreckt zurücktrieb in ihren sicheren Wald.
René hatte sich mehrfach an diesem Tag ausgezeichnet, auch ein paar leichte Streifwunden bekommen, aber ungeschwächt dadurch dem Kampfe Stand gehalten. Das herzliche Betragen seiner neuen Kameraden dabei that ihm wohl; es erweckte wieder die alten fröhlichen Erinnerungen aus früheren Tagen, früheren Zeiten, und mit dem Bewußtsein dazu, wie er den Kampf nicht muthwillig gesucht, und eben sein eigenes Leben nur mit vertheidigen helfe, das ihm noch gefährdet sein mußte, wäre er wieder in die Gewalt Aonuis oder jener fanatischen Parthei gefallen, kam wieder all der fröhliche Jugendübermuth in seine Seele, und er horchte mit blitzenden Augen den Plaudereien der Erzählenden, von Kampf und Sieg, Avancement und Orden -- Orden in blutiger Schlacht mit dem Säbel in der Faust gewonnen, und nicht im Frieden behaglich eingeknöpft.
Die strengsten Patrouillen mußten aber die ganze Nacht hindurch die Außenwerke begehn; die Posten wurden unaufhörlich revidirt, und die Truppen warfen sich in ihren Kleidern, die blanke Waffe zum raschen Dienst bereit, auf ihre Matten, der Nacht ein paar Stunden Schlaf abzustehlen, und zum frischen Kampf am nächsten Morgen, an dessen Beginn keiner von Allen zweifelte, wieder bereit zu sein.
Sie hatten sich auch nicht geirrt; mit dem dämmernden Morgen schmetterten die Alarmhörner und wirbelten die Trommeln, das Kleingewehrfeuer von dem, den Schanzen gegenüberliegenden Dickichten begann schon wieder, und der Donner des schweren Geschützes von den Wällen brach prasselnd hinein in Guiavenbusch und Orangenhain, und trieb den Rauch in schwerfälligen Massen in der Niederung hin, sie mit dichten Schwaden füllend.
Die Franzosen hatten die Wälle so gleichmäßig als möglich besetzt, und der kleine Dampfer unterstützte sie dabei nach besten Kräften von der Seeseite.
Nichtsdestoweniger gelang es mehrmals den verschiedenen Trupps bis in das Innere der Verschanzungen zu brechen, wo sie manche der den Franzosen ergebenen Häuptlinge und andere Insulaner erschlugen, und das Französische Missionshaus zu stürmen suchten. In wildem unerschrockenem Trupp, das Feuer der Geschütze wie die in ihren Reihen angerichtete Verwüstung nicht achtend, warfen sie sich dem ihnen an Kriegskunst und Waffen weit überlegenen Feind trotzig entgegen, und die Alarmsignale der Französischen Truppen mußten in solchen Fällen Hülfe herbeirufen nach den am meisten bedrohten Punkte. Glücklicher Weise für die Besatzung versäumte der Feind solche Angriffe, obgleich zehnmal zurückgeworfen, weil sie fast die ganze Macht der Gegner im Widerstand fanden, an mehren Punkten zugleich zu unternehmen, Papetee wäre sonst unrettbar verloren gewesen; hartnäckig nur blieben die Eingeborenen bei ihrer alten Art des Angriffs und -- konnten ihr Ziel nicht erreichen.
Aber auch hierdurch wurde die kleine Besatzung mehr und mehr entkräftet; die ewigen Stürme bald hier bald da, immer mit gleicher Wuth geführt, während die Insulaner, Tod und Wunden nicht scheuend immer nur danach zu trachten schienen den Feind zu treffen und zu schwächen, rieben sie nicht allein auf, sondern verminderten auch schon merklich ihre vertheidigungsfähige Mannschaft, und hie und da war schon der Wunsch unter den zum Tod erschöpften Leuten, den die Officiere Mühe genug hatten zu unterdrücken, aufgetaucht, daß sie den Dampfer heranrufen und an seinen Bord wenigstens ihr Leben sichern sollten, bis französische Schiffe mit Mannschaft und Provisionen ankämen und so nöthige Hülfe brächten. Lauter wurde der Wunsch, je wilder der unermüdliche Feind ihre Wälle stürmte, und mancher Blick der armen verwundeten und zum Tod erschöpften Truppen suchten den fernen Horizont nach so heiß ersehnter nöthiger Hülfe.