Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Part 11
[7] In keinem Lande, auf keiner Insel der Welt, ist es so augenscheinlich wie hier, daß furchtbare Erderschütterungen die Berge in früheren Zeiten auseinandergerissen, und dadurch jene tiefen schroffen Thäler gebildet haben, die sich, Abgründen gleich, Meilen weit ausdehnen und deren Hänge in den meisten Ländern durch Zeit und Stürme abgerundet und zu selbstständigen verschiedenen Theilen wurden. Hier aber liegt noch die Kluft, wie sie jene geheimnisvolle Kraft der Tiefe mit furchtbarer Gewalt auseinander gesprengt, und wenn auch der üppig vorquellende Pflanzenwuchs solch fruchtbar vulkanischen Boden nicht mochte lange unbenutzt liegen lassen und die schroffen Hänge und Felsen selbst, bis in die höchsten und ungangbarsten Wände hinein, mit Busch- und Schlinggewachs mit Farrenkraut und Waldung selbst überzog, hat die Natur doch noch nicht Zeit genug bekommen jene scharf abgerissenen, durch den gewaltsamen Auswurf erzeugten Conturen wieder auszugleichen, und die Umrisse _der_ Wände, trotz der tiefen eingebrochenen Schlucht dazwischen, zeigen deutlich und unverkennbar, wie sie früher _ein_ Ganzes gebildet, in Bruch und Einschnitt die Riesenkraft verrathend die hier thätig gewesen.
Es war ein wunderherrlicher Morgen und der Thau, der noch im kühlen schattigen Thal in glitzernden Perlen auf der dichten Moosdecke lag, spiegelte in einzelnen zuckenden schillernden Lichtern den Sonnenstrahl wieder, der sich mühsam seinen Weg durch dichtbelaubte, eng in einander gereckte Zweige gebrochen, und wunderliche Schatten über das gelbe feuchte Laub am Boden warf. Und die kleine blaue Eidechse mit den klaren klugen Augen schaukelte sich auf dem schwanken Halm herüber und hinüber, und hei wie rasch sie sich in das raschelnde Laub hinunter fallen ließ und mit blitzschnellen Füßen über das weiche thauige Moos hinschoß, als sie die Menschen in ihrer Nähe gewahrte, eine schmale dunkelgrüne Spur auf die, mit schimmernden Tropfen besetzte Moosdecke ziehend. Hoch oben aber in den Lüften, still und wie fest gebannt in der klaren ätherreinen Luft mit den scharf und kühn geschnittenen Flügeln stand einer jener schlanken prächtigen Fischadler, den die Seeleute den =man of wars bird=, oder den Kriegsschiffvogel mit wirklich bezeichnendem Ausdruck nennen, als ob er verlangend in das sonnige Thal hernieder sähe und doch nicht wage, so keck und zuversichtlich er auch da oben durch die Lüfte strich und sich seine Beute mit kühnem Stoß selbst aus der klaren Fluth heraus holte, in das ihm fremde Element von Busch und Baum und Felsgestein einzutauchen.
Lefévre hatte seinen kleinen Trupp hier wieder halten lassen; er schien noch nicht ganz fest davon überzeugt zu sein, daß die andere Patrouille auch den Rückwechsel erreicht habe, und die ganze Expedition hätte in dem Fall ja scheitern können. Nach einer Viertelstunde endlich, selber ungeduldig sein Ziel zu gewinnen, brachen sie wieder auf, ohne auch nur dem mindesten Verdächtigen zu begegnen, und erreichten so den Eingang des von Jim bezeichneten schmalen Thales, das hier gewissermaßen die Abzweigung des Gebirgs in einer engen Schlucht durchbrach, und auf dieser wie jener Seite ausmündete. Oben darin, und gegen den hier durch ziehenden Passat durch einen breiten Felsvorsprung, wie ein vollkommen verwachsenes und kaum durchdringbares Orangendickicht geschützt, stand eine kleine Hütte und es hieß daß sie sich in letzterer Zeit, seit er Papetee und die Französische Sache verlassen, Utami zu seinem Aufenthalt gewählt habe, um von hier aus gewissermaßen die Operationen in beiden Thälern überwachen und leiten zu können.
Hier, als sie den Bergstrom wieder durchschritten, ließ Lefévre seine Leute auf den rollenden Felsmassen hin, die keine Spur bewahrten, einen Theil noch weiter aufwärts rücken den Eingang zum Thal vollkommen zu beherrschen und, falls ja ein einzelner Indianer oder ein Trupp hier vorüber ziehen sollte, sie irre zu leiten, und befahl ihnen dann, sich abseits vom Pfad so lange still und verborgen zu halten, bis er entweder selber wieder zurückkehre oder ihnen das Zeichen zum raschen Vordringen durch einen abgefeuerten Pistolenschuß gebe. Die größte Vorsicht, denn sie hatten es mit einem schlauen Feind zu thun, machte er ihnen dabei zur Pflicht, und er selber schlich sich dann, dem Fähndrich indessen das Commando überlassend, auf ihm vollkommen gut bekannten Pfaden, am Berge aufwärts, oben das Orangendickicht zu erreichen und von dort aus den verrathenen und umzingelten Feind zu beobachten. Seine Maßregeln konnte er dann leichter und sicherer danach nehmen.
Den steilen Hang der die Thäler von einander trennte, kletterte er so, mit dem gespannten Pistol in der Faust, einem etwa gelegten Hinterhalt nicht allein gerüstet entgegentreten zu können, sondern auch zugleich das Zeichen zum Herbeistürmen der Seinen zu geben, langsam und vorsichtig hinan; aber nicht das Mindeste ließ sich hören -- der Omaomao flötete hier im Blüthenbusch so ruhig und ungestört, als ob noch nie der Fuß des Fremden seinen Frieden gestört, das Heiligthum seines stillen Waldes entweiht habe, und die schnelle raschelnde Eidechse im Laub, mit dem Summen der Grillen oder eines einzelnen schimmernden Käfers, war der einzige Laut, der sein Ohr traf, sein Auge aber immer rasch und vorsichtig der Richtung zulenkte. So hatte er endlich den ersten Abhang, der wie eine Art Terrasse an dem jetzt steil und unersteigbaren Felsen hinlief, erreicht, und ein hartbetretener, mit bröckliger Lavamasse gefüllter Pfad schlängelte sich hier entlang, der die Verbindung des Hauptthals mit dem Osten der Insel unterhielt.
Rasch folgte er diesem, von keinem hindernden Dickicht mehr belästigt, um den Rand des vielleicht noch dreihundert Schritt entfernten Orangenhains zu erreichen, als ein kaum unterdrückter Schrei seine Lippen trennte, denn dicht vor ihm, bis dahin aber von einem vorragenden Felsen, an dem sie gelehnt, gedeckt, stand die Gestalt einer Frau -- stand _Aumama_ -- sein _Weib_ und auch sie preßte erschreckt und todtenbleich beide Hände auf das, oh wohl so ängstlich pochende Herz als sie den Mann erkannte, der ihr das größte, schwerste Leid gethan.
»Aumama« flüsterte Lefévre bestürzt, und das Blut schoß ihm in vollen Strömen in Stirn und Wangen, »was, zum Henker, treibst Du hier, Mädchen, daß Du im Wald Versteckens spielst? -- wo kommst Du her und was thust Du hier allein? oder ist noch Jemand bei Dir?« setzte er rasch, einen forschenden Blick dabei ringsum werfend, hinzu.
»Also Du -- Du bist es« seufzte aber die Frau aus tiefster Brust, und wehmüthig dabei mit dem Kopf nickend, ohne eine seiner Fragen zu beantworten, ja ohne sie vielleicht gehört zu haben, »Du, der sich mit der Waffe in der Mörderfaust in unsere Berge schleicht, neues Unheil zu bringen dem armen, schon überdies mishandelten Lande? -- Oh was haben wir Dir denn gethan?« setzte sie rascher und bewegter hinzu, »daß Du uns so unablässig verfolgst -- ist es nicht genug daß Du die Ueberzeugung mit Dir nimmst _ein_ Wesen elend gemacht zu haben auf der Welt?«
»Unsinn, Unsinn Aumama« sagte Lefévre kopfschüttelnd, »was fehlt Dir heute Mädchen, daß Du so tolles Zeug schwatzest, Du wirst Dich ohne mich so wohl befinden, wie Du es vielleicht nie mit mir gethan hast; aber sprich nicht so laut, mein Herz, denn ich bin hier allein im Wald und möchte nicht gern einem Schwarm Deiner Landsleute begegnen; sind deren in der Nähe?«
»Was suchst Du hier? -- was willst Du bei uns? --« frug aber jetzt das Weib, sich mit fester Hand die Locken aus der Stirn werfend und den dunklen, thränenschweren Blick forschend auf ihn geheftet -- »was trieb Dich mit der gespannten Feuerwaffe in der Hand hier her, wo ich, ein schwaches unbewehrtes Weib ungehindert und furchtlos gehe? -- war es das böse Gewissen das Dich hinaus jagte aus den sicheren Wällen Deiner Freunde? -- ha dem entgehst Du nicht, und die Kugel, die sich tückisch und unheilvoll in dem kleinen Rohr verbirgt -- schützt und rettet Dich nicht vor dem.«
»Ich habe mich verirrt, Aumama« sagte Lefévre, das Pistol dabei in Ruhe setzend und in seinen Gürtel zurückschiebend -- »ich bin vom Wege abgekommen.«
»Du Dich verirrt? verirrt an einer Stelle« sagte die Frau ungläubig, ja fast zornig mit dem Kopf schüttelnd, »wo wir hundert Mal zusammen den Berg erstiegen und in das wundervolle Thal hinab, auf die weite sonnenblitzende See hinausgeschaut? -- Es ist aber doch möglich daß Du den Weg vergessen« setzte sie dann mit leiserer weicher Stimme und fast wie traurig hinzu -- »vergaßest Du doch alles Andere was Du damals gesprochen.«
»Und wohnt jetzt wirklich Utami in der alten Hütte oben, Aumama?« frug Lefévre, der nicht allein jene Erinnerungen zu vermeiden wünschte, sondern dem auch daran lag, jetzt zu erfahren was er wissen mußte, wollte er nicht die Zeit hier leichtsinnig und nutzlos verstreichen lassen.
»Was hast Du mit dem alten Haus?« sagte Aumama aber finster -- »was kümmerts Dich, ob es bewohnt ist oder leer steht. Nein, kehre zurück Mann in Deine Stadt -- kehre zurück zu den Deinen -- ich und die Kinder haben Dir verziehn -- Gott hat es so gewollt, doch laß uns _unseren_ Frieden. Ich wollte mich rächen einst an Dir -- die Zeit ist jetzt vorbei, und während ich gerade dachte daß an solcher Stelle, die der Erinnerungen so viele und -- so wehe für mich hat -- der Zorn und Haß die Ueberhand gewinnen müsse, stimmt es mich weich und weibisch -- gehe fort.«
»Utami wohnt jetzt in dem Haus -- ich weiß es -- ist er allein? -- ich möchte ihn sprechen wenn es irgend geht --« sagte Lefévre, der dem Weibe wohl ansah daß sie mehr wußte als sie eigentlich sagen wollte.
»Du möchtest ihn sprechen? und weshalb?«
»Vielleicht bring ich ihm Frieden.«
»Oh, wer Dir trauen dürfte« sagte die Frau, tief aufseufzend -- »aber« -- setzte sie dann rascher hinzu -- »willst Du allein zu ihm gehen?«
»Ich habe nur noch einen Knaben bei mir, den ich zurückließ und erst dann holen will.«
»Nur einen Knaben?« frug die Frau und ihre Augen hafteten scharf und forschend auf dem scheu sie meidenden Blick des Feranis. »_Nur_ einen Knaben? und weshalb ließest Du den zurück? hattet Ihr nicht Beide Platz im Pfad?«
»Ist Utami allein?«
»Nein, noch ein anderer Häuptling ist bei ihm.«
»Kennst Du seinen Namen?«
»Fanue!«
»Von Tairabu« -- rief Lefévre schnell, »und hat ihn Niemand hierher begleitet?«
»Wen wolltest Du noch?« frug Aumama lauernd, und die Augen blitzten Haß und Eifersucht auf den Verräther.
Wäre Lefévres Auge nicht dem Blick des Weibes ausgewichen, er hätte sich die Frage ersparen können, so aber sagte er mit erzwungener Gleichgültigkeit, und dabei mit dem Heft seines Pistols spielend.
»Ich meinte nur ob Nahuihua, das spröde wilde Ding von Tairabu vielleicht mit herüber gekommen wäre Dich zu besuchen.«
»Ja -- sie ist da« hauchte Aumama, und die Unterlippe leicht zwischen die beiden Reihen ihrer perlenreinen Zähne gepreßt, die Augen fest und forschend auf den Fragenden geheftet, stand sie da, halb abgewandt von ihm, als ob sie fliehen wolle und doch nicht von der Stelle könne -- dürfe.
»Sie ist da?« rief aber Lefévre rasch und unbedachtsam mit freudestrahlenden Blicken, und unwillkürlich fast machte er eine Bewegung nach vorwärts, aber sich besinnend setzte er hinzu -- »doch einerlei -- ich darf auch meinen Begleiter nicht im Stich lassen und muß den holen -- leb wohl Aumama -- doch vielleicht sehe ich Dich nachher noch wieder und -- und Mädchen, wenn Du etwas brauchen solltest -- wenn Dir irgend etwas fehlte, was ich Dir schaffen kann -- laß mich's wissen in Papetee, und wenn's in meinen Kräften steht, sollst Du's haben.«
Aumama erwiederte Nichts, und sah ihn lange schweigend an; wie er ihr aber freundlich zunickte und sich wandte, den Pfad wieder zurück zu gehn, rief sie ihm nach und sagte leise:
»Bleib hier, Lefévre -- gehe nicht wieder hinunter in's Thal. Willst Du wirklich mit Utami sprechen und will Dein Mund Frieden bringen und Freundschaft, so komm mit mir -- allein, wie Du da stehst und gehst. Ich gebe Dir mein Wort, sicher sollst Du die Hütte betreten, sicher Papetee wieder erreichen -- mit meinem eigenen Blute hafte ich Dir für das Deine. -- Komm und ich will Dich führen, wie in früherer Zeit, und kein Groll soll in meinem Herzen Raum haben für Dich, kein Schlag desselben soll gegen Dich gerichtet sein.«
»Ich danke Dir Aumama, wenn ich auch Deinen Vorschlag jetzt nicht annehmen kann; ich weiß Du bist immer gut und freundlich gewesen« sagte Lefévre, »und es freut mich jetzt daß Du ruhig geworden und vernünftig. Sieh, wir haben das ja auf den Inseln auch in hundert anderen Beispielen und Fällen, daß ein Mann seine erste Frau verlassen und die jüngere Schwester derselben zum Weib genommen hat. Wenn Du ihr nicht mehr abredest, wird sie sich auch nicht länger sträuben, und vernünftig sein.«
»Wer?« sagte Aumama, aber so leise, daß Lefévre wirklich nur an der Bewegung ihrer Lippen errieth daß und was sie gesprochen.
»Nahuihua, närrisches Kind« lachte er, leise ihre Wange streichelnd, aber sie fuhr von der Berührung zurück, als ob er ein Messer auf sie gezückt hätte -- »willst Du ihr zureden?«
»Ja« hauchte die Frau.
»Und es soll auch Dein Schade nicht sein, Aumama« flüsterte der Mann -- »nun, nun, hab' keine Angst vor mir -- fürchtetest Dich doch sonst nicht wenn ich Dir nahe kam. Aber ich muß fort« -- setzte er rascher hinzu, »und meinen Kameraden holen -- sage indessen nicht daß Du mich gesehen hast -- ich will sie überraschen.« Und mit flüchtigen Sätzen, innerlich jubelnd über den leichten Doppelsieg dem er entgegenging, sprang er den Pfad zurück, den er gekommen, die Bewohner der Hütte noch nicht durch einen Schuß zu alarmiren, sondern seine kleine Schaar selber heraufzuholen, und dann vielleicht jeden Widerstand gleich von vorn herein unmöglich zu machen. Es war viel besser wenn das Ganze friedlich und ohne Blutvergießen beendet werden konnte, denn die Insulaner kämpften manchmal, besonders wenn zum äußersten getrieben, wie Rasende.
Aumama blieb allein zurück, und als seine Schritte hinter der nächsten Felswand, um die sich der Pfad zog, verklungen waren, barg sie ihr Antlitz in den Händen und schien den Schmerz, der ihr in wilder Qual die Brust zu zerreißen drohte, zurückbannen zu wollen mit aller Kraft in seine alte Veste. Aber es ging nicht -- zu viel -- zu viel war dem armen Herzen angethan und zugemuthet, zu viel, die Thränen mußten sich Bahn brechen endlich, hinaus in's Freie, und zwischen den zarten Fingern quollen sie hell und perlend vor und tropften heiß und brennend nieder auf das kühle Moos, das sie gierig auftrank, die Gramesboten.
Aber fort -- fort mit _den_ Gedanken -- mit einem Wurf ihres Hauptes schleuderte sie die Locken aus der Stirn, die Thränen von den Wimpern, und sich hoch und stolz emporrichtend blickte sie wild und zornig umher. Er war fort -- fort die Genossen zu holen in feiger Hinterlist, wie schon die ausgesandten Boten lang vorher gemeldet, und mit flüchtigem Fuß floh sie den Pfad hinauf, der Hütte zu, von der aus jetzt rechts und links bewaffnete Krieger hinausschlüpften -- hier an dem Hang hin, hinter niedergestürzten Stämmen oder dichten Büschen sich bergend, dort den Orangenhain füllend mit ihrer Schaar, und einzelne mit scharf geladener Waffe in die Felsen vertheilt und Klippen der Bergeswand -- regungslos wie selber aus Stein gehauen, und nur in den Augen das wilde trotzige Leben verrathend, das in ihnen kochte und trieb.
Jetzt krachten die Zweige unten, als die Schaar der Feinde leichtfüßig und rasch den weichen Berghang emporsprang, sicherem Sieg entgegen, und auf der Bergesspitze wieder wie vorher stand Aumama, die Hände fest und krampfhaft auf der Brust gekreuzt, das Auge stier und thränen-, die Wangen von Blute leer -- und jetzt? -- die Feranis stutzten und horchten dem fremden Laut.
»=Uupa -- uupa=!« klang es leise von Kluft zu Kluft.
»Ha, die Turteltauben rufen, ein gutes Zeichen« lachte Lefévre, den Degen aus der Scheide reißend, »und dort auch steht Aumama, ihres Wortes getreu -- ich bringe Besuch, mein Schatz.«
»Er ist willkommen« entgegnete das Weib mit eisiger Kälte, aber ihre Stimme drang kaum zu dem Ohr des Führers, als es ein anderer, herberer Laut begrüßte. Ein gellender Schrei brach aus Waldesschlucht und Berg -- das ganze Thal schien einzustimmen in den furchtbaren Ton und mit scharfem tödtlichen Krach prasselte eine unregelmäßige Salve Kleingewehrfeuer drein.
»Verrath!« schrie Lefévre und sprang, die blanke Waffe in der Faust, auf Aumama zu; aber eine wilde Gestalt flog ihm in den Weg, sein Degen splitterte an einem vorgehaltenen, seinen Hieb parirenden Büchsenlauf, und im nächsten Augenblick traf ihn selbst das schwere Eisen an die Stirn, daß er mit dumpfem Todesschrei zusammenbrach.
Ha, wie sie flohn -- den Berg hinab durch Busch und Strauch, ihre Waffen lassend, wenn sie ein Busch faßte und hielt, blind und taub in den Strom hinein, dessen schlüpfriger Grund ihnen die Füße fortriß und sie gegen die schleimigen glatten Felsblöcke warf, bis sie sich halten konnten -- halten, um den jubelnden halbnackten Wilden am Ufer stehn zu sehn, wie er den Speer mit gellendem Lachen in der Faust schwang und schüttelte, und zum Todeswurf ausholend erbarmungslos in ihr Herz sandte, der Fluth die Leiche überlassend. Nach rechts und links stoben die wenigen Menschen, wie ein Volk aufgescheuchte Hühner auseinander -- in Verzweiflung suchten sie an der steilen Wand emporzuklimmen, die sie zurückwarf in die Arme der Rächer, oder den Pfad entlang mit flüchtigen Sohlen dem flüchtigeren Feinde zu entgehn -- umsonst; Speer oder Kugel traf sie ehe sie den dichteren Busch erreicht, oder wild tättowirte Gestalten tauchten auch wohl, wie dicht vor ihnen aus dem Boden auf, und schlangen mit gellendem Jubelruf ihre Arme um sie, die Entsetzten niederreißend mit sich, bis des Verfolgers Waffe das zuckende Leben hinaustrieb mit scharfer Wehr.
Nur Einer, von all den Anderen floh nicht und stand, den Säbel in der schwachen Faust, die Linke drohend ein Pistol gespannt, den Rücken gegen einen Fels gepreßt, noch ernst und trotzig da, dem Schlachten, das er nicht verhindern konnte, keck die Stirne bietend. Es war jener Knabe, den Lefévre erst vorher gehöhnt, und zwar mit Zügen, aus denen jeder Tropfen Bluts gewichen war, aber keck und entschlossen blitzenden Augen, die nur zu deutlich eher den Tod als Schande suchten.
Drei der Eingeborenen sprangen jetzt gegen ihn an, ihm die Wehr zu entreißen und seine noch feine klare aber feste Stimme warf ihnen ein trotziges »zurück« entgegen.
»Schont ihn!« bat Aumama, die auf ihn zu eilte, ihn zu schützen -- »es ist nur ein Kind!«
»Aber ein ausgewachsenes!« schrie der eine Wilde, der schon Blut gekostet -- »ergieb Dich!« und mit jähem Schwung hob er den gewichtigen Kolben zum jedenfalls verderblichen Schlag -- da blitzte aus der aufgeworfenen Hand des jungen Burschen ein scharfer Strahl, dem der dumpfe Knall der Feuerwaffe folgte, und mit dem Blitz fast knickte die riesige Gestalt vor ihm zusammen, die Waffe stürzte prasselnd auf den steinigen Boden nieder und der Körper taumelte schwerfällig -- eine Leiche -- den steilen Hang hinunter. Aber zu viel der Feinde waren für die junge Hand; wohl schleuderte er dem nächsten mit glücklichem Wurf das Pistol gerade in's Gesicht, sich dessen auf kurze Frist erwehrend, wohl hieb die scharfe Klinge mit sicherer Hand geführt, tiefe Wunden in den nackten Leib des Anderen, und hätten sie Alle gefochten wie das Kind, manch Indianische Mutter würde an dem Abend ihre Wehklagen haben singen müssen über den Körpern der Erschlagenen; doch die Kräfte gaben aus, und wie Aumama vorsprang und der Waffen nicht achtend mit ihrem eigenen Körper den Knaben decken wollte, traf ein Speer, von sicherer und gewaltiger Hand geführt, die Brust des Unglücklichen, der todt zusammenbrach, und nicht Einer von dem ganzen Trupp kehrte zurück, die Schrecken jener Stunde zu erzählen.
»=A hi a nu=!« ein wilder Siegesschrei gellte durch die Berge und die dunkle Schaar sammelte sich unten im Thal; von allen Seiten rannten sie nieder, die Waffen in der Faust, und hohe trotzige Gestalten führten sie an zum neuen Kampf. »Nach Papetee« jubelte ihr Kriegeslied in einer der alten heidnischen Weisen -- »nach Papetee, den Feind jetzt zu treffen mit scharfer Waffe -- nach Papetee!« und die Erschlagenen zurücklassend wo sie ihr Geschick erreicht, zog die Schaar, anwachsend aus jeder Schlucht, wo andere Trupps in Versteck gelegen, das Thal hinab, dem einstmaligen Sitz der Pomaren zu, den Feind hinaus zu treiben oder zu vernichten.
Und bei den Todten allein blieb Aumama, das arme junge Weib; mit leisem scheuen Gang schritt sie zwischen den Erschlagenen hin -- schaudernd wenn das warme Blut ihre Sohle netzte, und die Augen mit der Hand bergend vor dem entsetzlichen Anblick -- zu der Stelle zurück, wo der Mann lag der ihr einst Treue geschworen, und deren Bruch mit seinem Tod gezahlt.
Todt -- allmächtiger Gott wie lag das Haupt jetzt zerschmettert, das sie auf ihrem Schoos so oft gewiegt -- und diese Lippen, die sie tausend und tausend Mal geküßt, so blutig -- so kalt und blutig. Arme, arme Aumama, mit dem Tod des Mannes war auch der Haß, die Rache hingestorben, und bitter klagend saß sie bei der Leiche -- sich selbst beweinend und die armen, verlassenen Kinder.
Mit der gebrochenen Waffe des Geliebten grub sie dann ein Grab; sie stach die lockere Erde auf und warf sie, mühsam und beharrlich mit den Händen hinaus -- Stunde nach Stunde, und ohne Klagelaut. Von duftigem Fern pflückte sie dann ein Lager, weich und reinlich, und breitete es aus in der schmalen Gruft, und ihre Thränen flossen heiß darauf, und wie die letzte Ruhestätte ihm, der sie so unsagbar elend gemacht, bereitet war, trug sie, die letzten Kräfte anspannend, allein die Leiche hinein in ihr einsam Bett, deckte das blutige entstellte Antlitz mit ihrem Schultertuch und breitete Blumen und Blüthen über den Entschlafenen.
Unten vom Strand aus donnerten die Feuerschlünde der Feranis, und der Schall brach sich dröhnend sein Echo aus den steilen Schluchten, aber sie hörte es nicht; an dem offenen Grab saß sie, in Schmerz versunken und dachte der schönen Zeit zurück, die sie mit dem Gerichteten verlebt -- was er gefehlt, was er verbrochen -- sein Tod hatte das Alles gesühnt; mit dem Blut war die Schuld fortgewaschen von seiner Seele und nur der Geliebte lag ihr noch da, der Hingeschiedene -- der Vater ihrer Kinder, das Ein, das Alles des armen Weibes. Oh wie hatte sie ihn so glühend gehaßt als er sie verließ der eigenen Schwester wegen, wie hatte ihr Herz so heiß und wild nach Rache gedürstet, an dem Verräther -- und jetzt? der Haß war hingeschmolzen wie der Brandung Welle am starren Riff, hoch drohend und Verderben sprühend in ihrem Anprall, und das Ziel erreicht -- zerfließend wieder in klare ruhige Fluth mit tausend blitzenden Thränenperlen nur auf der glatten Fläche.
Arme, arme Aumama -- und wie sie sich über das Grab hinüberbog sang sie mit leiser Stimme die Todtenweise ihres Stammes, das letzte Joranna dem Hingeschiedenen.
»Die Sonne blitzt auf Dich herab, Und Du bist todt. Sie scheint Dir in das offne Grab Und Du bist todt. Die Vögel singen rings im Laub -- -- Du hörst sie nicht -- Dein Ohr ist taub Joranna, Lieb, Joranna.
Ich ruhte einst in diesem Arm, Und Du bist todt. Ich lag an diesem Herzen warm, Und Du bist todt. Du hast mich schwer, ach schwer betrübt, Doch heißer hab ich Dich geliebt Joranna, Lieb, Joranna.«
Capitel 6.
Der Angriff auf Papetee.