Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band
Part 10
Jim lachte leise vor sich hin, und es lag etwas Teuflisches in dem Lächeln das Adolphe fast unwillkürlich nach dem Griff seiner Pistolen suchen machte; aber der Ire sagte jetzt, noch immer mit leiser, aber fester bestimmter und wie es schien zum Aeußersten entschlossener Stimme.
»Wenn Ihr nicht schon lange gemerkt habt, daß ich meinen Weg verfehlt, ist das nicht meine Schuld -- laßt Euere Pistolen im Gürtel, Kamerad, mit denen könnt Ihr keinen Menschen schrecken der den Strick um den Hals trägt; aber hört mich jetzt an und entschließt Euch dann rasch, denn meine wie Euere Zeit ist kostbar. Mein gutes Glück hat uns in Rufs Nähe einer Schaar von Eingeborenen gebracht --«
»Dein gutes Glück, Schuft?« knirschte der Bootsmann mit den Zähnen, »wage es einen Laut auszustoßen und soll mich Gott strafen, wenn ich Dir nicht beide Hackensehnen durchschneide, oder Dich an den nächsten Ast hänge, ehe die Schufte da unten selbst in Schußnähe sein könnten.«
»Dazu hast Du Deinen eignen Hals zu lieb, Kamerad« lachte der Gefangene, »ich selber aber hätte nichts Besseres verdient, wenn ich eine so kostbare und nie im Leben wiederkehrende Gelegenheit jetzt unbenutzt vorübergehen ließe. _Noch_ bin ich in Euerer Gewalt und Ihr könnt mich, ehe meine Beschützer herankommen, tödten, soll das aber Jemand fürchten, der jetzt die Wahl hat zwischen einem raschen Tod und dem Galgen? -- bah, soviel für Euere Macht --« und er schnalzte mit dem Finger. »Doch Dienst gegen Dienst« fuhr er dann fort, als er sah daß der Bootsmann das Tau das ihn hielt nur rascher und entschlossener packte -- »Ihr seht daß Ihr, wenn entdeckt, diesem hier vor uns lagernden Trupp nicht entgehen könnt, während ein einziger Schuß, hier abgefeuert, neue Feinde vielleicht noch von jeder anderen Seite herbeiruft, die Euch den Weg nach Papetee zurück mit leichter Mühe abschneiden und Euch ohne große Gefahr für sich selber, aus dem Dickicht heraus einzeln wegschießen könnten.«
»Und wenn sie mir die Glieder stückweis vom Leibe rissen« knirschte der Bootsmann zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch -- »erst seh ich _Dich_ hängen Bestie, und dann mögen sie machen mit mir was sie wollen.«
»Noch habt Ihr einen Ausweg« sagte Jim ohne sich im Mindesten aus seiner Fassung bringen zu lassen -- »Dienst um Dienst; laßt mich frei, und ich verspreche Euch, daß ich hier still und regungslos liegen bleiben will, bis Ihr außer jeder Gefahr die Wälle von Papetee sicher und unbelästigt wieder gewonnen haben könnt.«
»Daß sie nachher in Papetee mit Fingern auf uns wiesen« zischte Adolphe mit fest zusammengezogenen Brauen -- »thue Dein Schlimmstes Schuft, aber beim ewigen Gott, ehe ich Dich lebendig aus meinen Händen ließ, hing ich Dich selber an die nächste Guiave hier. Und nun zurück von da oben, wir haben ohnedies schon Zeit genug versäumt, und hältst Du Dich ruhig, will ich Dir versprechen mein Möglichstes in Papetee zu versuchen Deinen Hals frei zu bekommen; aber kein Wort weiter und jetzt marsch.«
»Das Anerbieten ist freundlich genug« sagte Jim, »aber da weiß ich ein Besseres --« und ehe der Bootsmann, der das Tau noch fest in der Hand hielt, nur eine Ahnung davon hatte, warf sich der Gefangene, das ganze Gewicht seines Körpers in den Sprung legend, durch den Busch hindurch, den steilen Abhang, an dessen Rand er stand, hinunter. Er würde auch jedenfalls seinen Zweck und den Boden unten erreicht haben, wo er höchstens von den kaum sehr gefährlichen und ihm sicher gleichgültigen Kugeln auf kurze Zeit bedroht blieb, denn der Seemann, der einen Sprung dort hinunter für ganz unmöglich gehalten, stand keineswegs fest genug sich dagegen zu stemmen und wurde im Nu von dem Gewicht des schweren Mannes zu Boden gerissen; aber das Tau das er um die Hand trug hakte glücklicher Weise in eine der dort gerade vorragenden starren und zähen Guiavenwurzeln, und der Ire fand sich im nächsten Augenblick, an den Armen aufgehangen, schwebend an der Klippe.
»Hülfe -- Hülfe!« gellte dabei, jetzt zum Aeußersten getrieben, sein wilder Schrei durch den Wald, und die dort gelagerten Eingeborenen sprangen, ihre Waffen aufgreifend, rasch in die Höh' und heran -- »Hülfe! Hülfe!«
»Teufel verdammter!« schrie aber Adolphe, sein Pistol aus dem Gürtel reißend und an den Rand der Schlucht springend, während der Bootsmann, der durch das Gewicht des Gefangenen niedergeworfen war, das Tau aber immer noch fest um die linke Hand hielt, es mit der rechten jetzt ebenfalls zu erreichen suchte, dem fast ausgerenkten Arm Erleichterung zu verschaffen. Dieser sah aber kaum die Absicht seines Officiers als er, unbekümmert um sich selber ausrief:
»Nein, nein Monsieur -- halt -- hier Jean, hier Petit -- faßt das hier -- weiter vorn -- so -- haltet fest -- sacrrrr, ob mir der Hallunke nicht bald den Arm mit der Wurzel herausgerissen hat, und nun herauf mit ihm, daß ich seinen Hals bekommen kann.«
»Dort stürmen die Eingeborenen schon herbei!« rief Adolphe.
»S'ist nun doch einmal einerlei« rief der Bootsmann trotzig, »ob sie uns hier oder funfzig Schritt weiter unten einholen, ja im Gegentheil, hier können wir ihnen erst eine Salve geben; aber ich gehe nicht eher vom Fleck bis ich den Schuft nicht gehangen habe.«
»Hülfe -- Hülfe -- Hülfe« gellte der Schrei des Gefangenen, der vielleicht kaum sechs Schritt von der Erde entfernt, seine Kräfte in wilder Verzweiflung anstrengte dem Tau zu entgehn, oder die oben Stehenden mit sich nieder zu reißen. War es ihm aber mit dem ersten Wurf nicht gelungen, so blieb es nachher für ihn ganz unmöglich, denn die beiden Matrosen hatten, unbekümmert um den rohen Feind und nur dem Befehl ihres Bootsmanns gehorchend, rasch die Gewehre nieder geworfen und das Tau gefaßt, an dem sie den sich mächtig aber umsonst dagegen Sträubenden mit einem lauten und trotzigen »Ahoyho -- ahoy-y« emporzogen -- es war eine neue fast fingerstarke Hanfleine und hätte zwei solche Burschen getragen.
»Top! -- avast da!« rief der Bootsmann jetzt, als er den Kragen des Iren erreichen konnte, indem er ganz kaltblütig aus dem anderen Ende des Taues das er in der Hand hielt, eine Schlinge machte -- »haltet einen Augenblick, und Einer von Euch schnüre ihm einmal wieder die Hände auf den Rücken -- oh hol der Teufel die Kugel, kehr Dich nicht daran Jean, so --«
»Hülfe -- Hülfe!« tobte der Gefangene indessen in Todesangst, der jetzt eine Ahnung von dem bekommen mochte, was seine Henker mit ihm beabsichtigten, »Hülfe -- Hülfe!«
»Strample nur Bestie -- wirst gleich fertig sein« brummte der Bootsmann zwischen den Zähnen durch, zwischen denen er jetzt sein Messer hielt.
Wilde Ausrufe tönten nun von rechts und links herüber, und die ersten der Insulaner erkannten kaum die Gestalten von Europäern auf dem Abhang als sie auch schon, -- unbekümmert ob Freund ob Feind dadurch getroffen würde, ihre Gewehre dorthin abfeuerten. Eine der Kugeln schlug an den Fels an, an dem der Gefangene sich sträubend hing, eine andere zischte dicht an des Bootsmanns Kopf vorbei; vollkommen ruhig aber legte der Seemann die fertige Schleife um den Hals des jetzt laut aufkreischenden Iren, und einen Theil des Taues dann mit seinem Messer trennend, das Ende mit der Schlinge gleich darauf mit einem Seeknoten um den nächsten Guiavenstamm zu schlagen, rief er, indem er das Messer in die Scheide zurückstieß:
»Jetzt bete, Schuft, Deine Zeit ist abgelaufen, bis ich zwölf zähle bist Du eine Leiche.«
»Laßt mich los -- nein, zieht mich hinauf!« schrie der Unglückliche in Todesangst -- »ich will Euch zurückführen -- sicher nach Papetee -- ich weiß Schleichwege dorthin -- ich muß -- ich muß dort -- gehangen sein.«
»Bete während ich zähle!« rief der Seemann -- »eins, zwei, drei, vier, fünf.«
»Ich will Alles gestehen -- ich habe noch einen Mord verübt den ich bekennen muß! um Gotteswillen.«
»Sechs, sieben, acht, neun, zehn.«
»Hülfe -- Hülfe!« kreischte mit gellender Stimme der Mann und der Angstschweiß troff ihm in schweren Tropfen von der Stirn nieder. -- Wieder wurden dabei zwei Schüsse auf sie abgefeuert, und die eine Kugel traf sogar den Stamm, der bestimmt war den Verurteilten zu tragen.
»Elf, zwölf! --« zählte aber der Bootsmann, unbekümmert um Alles was um ihn her vorging, weiter -- »so mein Bursche, die Zeit war vorüber, und was Deine Morde betrifft, die Du auf dem Gewissen hast, so zweifle ich gar nicht daran, daß Du Dir mit dem Erzählen derselben eine ganze Woche Frist gewinnen könntest -- aber das ist zu spät jetzt -- so nieder mit ihm, meine Jungen, und dann vielleicht eine Salve über sein Grab auf die rothen Schufte da unten, wenns Ihnen recht ist, Monsieur. -- Laßt los!«
Ein gellender Aufschrei folgte dem Befehl, aber der Todeskampf des Verbrechers machte dem rasch ein Ende, und während die Matrosen ihre Gewehre wieder aufgriffen, kommandirte Adolphe, der sich schaudernd von der Execution abgewandt hatte, sie aber auch nicht verhindern wollte, Feuer.
Einzelne der Eingeborenen hatten sich indessen schon ziemlich nahe herangewagt, zu sehen was es eigentlich hier mitten im Dickicht gebe, und was die tollkühnen Wi Wis so keck und zuversichtlich sowohl in den Wald geführt, als auch was der furchtbare Hülferuf Eins der ihren bedeute; die ziemlich sicher gezielten Kugeln trieben sie aber rasch wieder zurück, ihre Schaar zu sammeln und zu einem ernstlichen Angriff auf die Feinde zu ordnen.
Für den kleinen Trupp war es jedoch ebenfalls die höchste Zeit sich zurückzuziehn, und den Kamm des Abhangs rasch zwischen sich und die Feinde bringend, wenigstens für jetzt vor ihren Kugeln geschützt zu sein, machte der Bootsmann den Vorschlag, den vor kurzer Zeit erst verlassenen Pfad zu verfolgen, und dann vielleicht mit der anderen Patrouille wieder zusammenzustoßen und sich zu verstärken. Adolphe aber, von seinen früheren Jagden her gewohnt die Richtung zu beachten, der er im Walde folgte, wollte davon Nichts hören; sie kamen auf dem Pfad nur immer weiter vom Strand ab und in die Berge hinein, und durch das Schießen aufmerksam gemacht, durften sie jetzt wohl erwarten noch mehr Verfolger auf ihre Fersen zu bekommen, ehe sie Papetee wieder erreichten, als ihnen lieb war. So die kleine Schaar um sich sammelnd, ließ er sie wieder gegen den Abhang vorrücken, die Gegner wenigstens auf kurze Zeit vielleicht damit zu täuschen, daß sie diese Position behaupten wollten; es war aber keiner von den Eingeborenen mehr zu sehen. Während sich der Bootsmann jetzt noch einmal zu dem Gerichteten nieder bog, zu untersuchen ob der Bursche da unten todt sei, rief das Kommandowort des Officiers die Soldaten in Reih und Glied, und als sich der Seemann wieder, völlig befriedigt, emporrichtete, marschirte der kleine Trupp, zu dem die Matrosen den Nachtrab bildeten, über den schmalen offenen Raum der Richtung zu, nach der sie den Pfad wußten, brach sich dort durch die Büsche Bahn, und folgte dem gefundenen offenen Weg endlich in einem kurzen Trab, aus der Nähe der Feinde zu kommen.
Diese waren indessen aber auch nicht müßig gewesen, und mit dem Wald vertraut, den gehaßten Fremden schon weit genug vorgeeilt sie zu belästigen und in ihrem Marsch aufzuhalten. Einzelne Schüsse fielen aus dem Dickicht, von denen eine Kugel sogar Adolphe in der Seite streifte, und einige Mal brach und raschelte es in den Büschen nach allen Richtungen, daß der Officier schon, einen allgemeinen Angriff gewärtigend, die Seinen halten und sich sammeln ließ. Augenscheinlich wollte der Feind dabei nur Zeit gewinnen, denn Boten waren sicher schon nach Verstärkung abgesandt, den kleinen Trupp der Fremden förmlich aufzuheben, und erst als sie sahen daß diese sich eben nicht aufhalten ließen und näher und näher wieder der Stadt zurückten, tönte plötzlich von allen Seiten ihr gellendes Kampfgeschrei und wie ein Rudel Wölfe fielen sie, dem Tod trotzend über die sie ruhig erwartenden Europäer her.
Wohlgezielte Schüsse empfingen sie aber hier, und die kleine Schaar wies den Angriff so muthig zurück, daß der Feind, seine Todten und Verwundeten aufgreifend, wieder im Dickicht verschwand und die Feranis eine Strecke lang ihre Bahn ruhig verfolgen ließ. Diese aber hatten auch einen schwer Verwundeten, der eine Matrose war durch den Leib getroffen und mußte jetzt von zweien getragen werden; doch die Leute wechselten unverdrossen mit einander ab, sich zur Vertheidigung stellend so wie sie die Feinde kommen hörten und ihre Flucht fortsetzend, sobald ihnen ein Augenblick Zeit gelassen wurde, bis ihnen, gar nicht weit entfernt, und auch schon ziemlich in der Nähe der Stadt, ein französisches Signalhorn neue Hoffnung brachte. Ihr Signal antwortete dem, und vielleicht zehn Minuten später rückte eine starke Colonne Marinesoldaten, zur Hülfe nachgesandt als ausgeschickte Spione die Kunde von dem gehörten Schießen nach Papetee gebracht, auf der Straße heran.
Von der, unter Lefévre abgegangenen Schaar hatte man ebenfalls Schießen gehört und eine andere Compagnie war ihr zur Hülfe nachgesandt, der Erfolg jedoch natürlich noch nicht bekannt.
* * * * *
Lefévre hatte indessen, mit dem Wald und allen Schleichpfaden um die Stadt herum vollkommen gut vertraut, auch ziemlich sicher daß sie gerade nach der gestrigen Niederlage der Eingeborenen nicht gleich wieder einen Angriff von ihnen befürchten durften, seinen Weg sehr rasch, aber auch etwas unvorsichtig verfolgt. Ein jahrelanger Aufenthalt auf den Inseln mußte ihn allerdings mit dem ganzen Leben und Wesen der Eingeborenen vollkommen vertraut gemacht haben, und er hielt sich ihnen an Schlauheit im Walde noch für überlegen; er hatte die Eingeborenen aber nie kennen lernen wie sie sich jetzt zeigten -- gereizt und tapfer, dem eroberungssüchtigen Feind gegenüber, und vertraute dabei vielleicht zu viel auf das Uebergewicht, was ihm die bessere Führung der Schießwaffe jedenfalls geben sollte.
Wenig sich deshalb an das Geräusch kehrend, das sie etwa machten, rückten sie vorerst, so schnell ihnen das Dickicht den Fortgang erlaubte, durch die schon mehrfach erwähnte Guiavenniederung, in der sie sich jedoch mehr rechts hielten als Adolphe mit seinem Trupp, bis sie mit dem Fuß der Berge auch die Grenze der Guiaven oder diese doch hier so vereinzelt fanden, ihnen weiter kein Hinderniß mehr in den Weg legen zu können. Hochstämmige Mape- und Wibäume, Aitos, die Tiairis, mit einzelnen Brodfruchtbäumen, den prächtigen Tamanu oder Ati, der immergrünen =callophyllum inophyllum= und der Beringtonia Speciosa bildeten hier den herrlichsten Hochwald, den nur hie und da kleine Dickichte von Guiaven oder Citronen und Orangen füllten, während da und dort einzelne wehende Palmen mit ihren weit und zierlich gezackten Kronen selbst über die höchsten Wipfel dieser mächtigen Stämme hinausragten -- die Könige der Wälder.
Hier hielten sie einen Augenblick; Lefévre selber, ehe sie das Thal betraten, wollte erst recognosciren ob sich vielleicht in dem, darin niederführenden und sonst sehr betretenen Pfad frische Spuren erkennen ließen und wohin sie gingen; es war aber Nichts zu sehn und nach dem, in letzter Nacht gefallenen Schauerregen noch kein Fuß wieder bergab gekommen -- ihre Bahn lag frei. So wieder zurück zu den Seinen gehend, ermahnte er sie jetzt, da sie doch gewissermaßen feindliches Gebiet beträten, zu Vorsicht, besonders nicht mehr Geräusch im Gehn zu machen, als unumgänglich nöthig war, und setzte sich dann mit dem kleinen Zug wieder in Bewegung, das Thal hinauf und dem Lauf des kleinen Stromes, der hier klar und rauschend aus den Bergen nieder kam, folgend.
Eine Viertelstunde mochten sie so langsam in dem schmalen Thale fortgeschritten sein, dann und wann den Bergbach, der sich herüber und hinüber warf in seinem Bett, kreuzend, weil schroffe Felswand oder schlüpfriger steiler Hang ein Fortrücken an ein und demselben Ufer unmöglich machte, als der Seecadet, ein junger Bursch von vielleicht dreizehn Jahren, der hinter dem Zuge eine kleine Strecke zurück geblieben war, weil er mit dem An- und Ausziehen seiner Stiefeln beim Wasserdurchwaten nicht so rasch fertig werden konnte, eilig, und jetzt an kein Ausziehn mehr denkend, nachkam, an der kleinen Schaar vorbeiglitt und dem Führer mit etwas ängstlicher und erschreckter Miene meldete, daß er eben ziemlich fest überzeugt zu sein glaube, die Gestalt eines Eingeborenen in dem von den hohen Laubbäumen dicht überschatteten Thalgrund gesehn zu haben.
»Ein Gespenst haben Sie gesehn« lachte aber Lefévre, »Sie sehen ja todtenbleich aus, mein junger Herr -- und die Hosen und Stiefel bis hoch hinauf naß -- die Gestalt hat Ihnen wohl Beine gemacht?«
»Ich gebe Ihnen mein Wort daß es ein Indianer war -- Mann oder Frau konnte ich natürlich nicht erkennen, denn sie gehen Beide ziemlich gleich gekleidet« erwiederte aber der junge Bursch jetzt mit fester und etwas beleidigter Stimme -- er war nicht feige und die halbe Anschuldigung solcher Schwachheit machte ihn hoch erröthen.
»Und was that er dort, =mon enfant=?« lächelte der Führer.
»Das weiß ich nicht, Monsieur; als ich ihn zuerst sah, stand er aufrecht an einem Baume, im nächsten Augenblick aber, ob er nun bemerkt haben mochte daß er entdeckt sei oder aus sonst einem Grund, schien es mir als ob er sich auf den Boden niederdrücke, oder sich bücke, aber er blieb verschwunden, und ich stand etwa fünf Minuten vergebens da, sein Emporrichten wieder zu erwarten.«
»Er wird Lichtnüsse gesammelt haben« lachte Lefévre, »die liegen dort in Masse im Wald herum; oder er hat sich zum Schlafen niedergekauert. Und sind Sie hingegangen um zuzusehn was aus ihm geworden?«
»Nein, Monsieur,« sagte der junge Mann, »ich wollte nicht ohne Ordre den Pfad verlassen, und Ihnen vor allen Dingen die Meldung machen.«
»Es ist gut -- haltet hier einen Augenblick -- ich will selber mit zurückgehn und sehn was es war -- wir sind gleich wieder da« und dem Cadetten einen Wink gebend, der ihm rasch voranschritt, suchte er mit ihm die vielleicht zweihundert Schritt entfernte Stelle wieder auf, wo der junge Mann behauptete den Insulaner gesehn zu haben. Dieser fand auch die Stelle ohne Schwierigkeit wieder, bezeichnete dem Führer ihrer kleinen Schaar den Platz, und kroch dann selbst voran durch die Büsche dem Stamm zu, an dem die Gestalt gestanden haben sollte. Lefévre folgte ihm, vorsichtig dabei rings umhorchend, ob sie nicht doch vielleicht den schlauen Feind in der Nähe hätten, und auf dem Boden zugleich nach frisch eingedrückten Spuren suchend. Der Grund war hier weich und dicht mit Laub und Moos bedeckt, und an manchen Stellen von den silbergrauen Tutuinüssen[6], der Frucht welche die Eingeborenen als Lichter brennen, wie überstreut. Hier ließen sich auch in der That die Eindrücke eines Fußes erkennen, ein Verfolgen derselben war aber, noch dazu in dem düsteren Schatten des Hochwaldes, wenn nicht unmöglich, doch sehr schwierig, und würde ihnen hier nutzlos viel Zeit gekostet haben; davon glaubte aber Lefévre überzeugt zu sein, daß die Fährten gerade dorthin zurückliefen, von wo sie herkamen und es blieb deshalb viel wahrscheinlicher daß der einzelne Wilde, den sie hier vielleicht überrascht hatten, scheu und erschreckt Bewaffneten zu begegnen, sein Heil in der Flucht gesucht und ihnen dann schwerlich mehr lästig fallen würde, als daß es ein ihnen auflauernder Spion gewesen. Keinenfalls ließ sich jetzt etwas an ihrem einmal gefaßten Plan ändern, und der Zwischenfall hatte wenigstens das Gute, Lefévre aufmerksam auf die doch möglichen Gefahren gemacht zu haben, die ihrer noch hier warteten.
[6] Der Kern der Tutui- oder Tuituinuß hat große Aehnlichkeit mit unserer Wallnuß, ist aber eher noch öliger und brennt; ebenso wie auch der Kern unserer Wallnüsse ein ziemlich helles Licht verbreitet.
Rasch holten sie jetzt den kleinen Trupp wieder ein, der sich indessen in dem kühlen Schatten eines mächtigen Mapebaumes gelagert, und aufsprang, als die Officiere zurückkehrten. Die Entfernung zu der bezeichneten Schlucht war aber nun auch gar nicht mehr so weit, und die zur Landmark dienenden Palmen konnten sie schon deutlich auf dem Felsenkamm erkennen.
Hier lag das Thal noch ziemlich breit; über losgerissene und schon wild genug umhergeworfene und oft rund und glatt gearbeitete und gewaschene Felsstücken hin kam der Waldbach wohl funfzehn bis achtzehn Schritt breit, toll und sprudelnd hernieder gesetzt in gewaltigen Sprüngen, den weißen Schaum aufwühlend aus cristallenem Grund, und nach dem Moos aufspritzend und daran zerrend, das sich der felsige Uferdamm wohl seit langen langen Jahren aufgesetzt, und die Schulter jetzt gegenstemmt gegen den muthwilligen, seinen Hauptschmuck zu wahren. Hier an einer steilen, schroffen Wand niederwaschend, von deren verwitterten Seiten bunte Farn- und Schlingpflanzen niederhingen und ihre Spitzen in der Fluth kühlten und tränkten, brach er sich wieder, als ob des Spieles müde, durch den felsigen Thalboden freien Weg zu dem anderen Hügelhang, hier sich eine mächtige Wurzel losspühlend und hin- und herreißend in seinem Strom, dorten sich selber einen Stein in das Bett rollend, den kecken Sprung hinüber zu thun, von dem sich die kleinen Wellen dann plätschernd und lachend erzählten, wenn sie die wieder frei gewordene Bahn blitzesschnell und das Sonnenlicht mit ihren Armen fangend, niederglitten, bis drüben ein anderer Fels ihrem Ansprung die breite Stirn bot und sie auf's Neue dem finsteren Nachbar hinüberschickte. Und Blumen und Früchte aus einem kälteren Klima nieder, weit oben aus den starren wild zerrissenen Schluchten trugen sie in's sonnige Thal, und spühlten sie leise an die moosige Uferbank; seltsam geformte, mit faserigem Netz überzogene Nüsse, phantastisch gezeichnete und gezackte Blätter und Blumen, von wunderbarem Farbenschmelz und Duft, sonderbar gewundene farbige Schlinggewächse, wie sie das wärmere Thal nicht erzeugte, und das badende Mädchen unten am Meeresstrand fing sie auf, schmückte sich damit, und dankte heimlich, aber ganz heimlich daß es um Gott die finsteren Mi-to-na-res nicht erfuhren, den freundlichen Geistern dafür, die ihm die Blumen oben von unwegsamer Klippe gepflückt und niedergesandt, in dem murmelnden Strom.
Und hoch und gewaltig thürmten sich die Bergmassen an beiden Seiten in steilen, von einander gerissenen Wänden[7] empor, als ob ein Gott den Berg gefaßt und zersplittert mit Riesenfaust, und dann seinen grünenden wehenden, blüthendurchwebten Mantel darüber geworfen hätte. Rankige Lianen flochten sich da von Klippe zu Klippe hin, in schwingenden Festons die Brücke bildend zwischen Baum und Wand und buschige Blumentrauben nieder schaukelnd in Moos und Farrenkraut. Palmen gediehen hier oben fast gar nicht mehr, oder standen nur spärlich und zerstreut; hoch aber auf der einen Wand, die sich viel hundert Fuß ein einziger schroffer aber dicht mit Moos und Kraut überzogener Fels gen Himmel streckte, standen am äußersten Rand, schüchtern in die schwindelnde Tiefe schauend, über der ihre Wipfel hingen, drei einzelne schlanke Palmen, an deren zähen Stämmen schon mancher wilde Sturm seine Kraft versucht, aber die mächtigen Bäume, je toller er an ihnen gerüttelt, nur um so tiefer und fester in den Boden gewurzelt hatte. Grad' an ihnen vorüber aber, und selbst aus ihrer Mitte heraus, sprang mit _einem_ kecken Satz, sein moosiges Bett hinter sich lassend, wie der Wanderbursch die stille freundliche Heimath, ein wilder funkelnder schäumender Bergquell, mitten hinein in das helle rosige Licht, das ihn mit seinen buntesten schimmernsten Farben übergoß, während die Luft ihn in ihren Armen fing und den tobenden wilden Gesell in tausend und tausend blitzenden Perlen faßte und ein funkelnder Regen in das Thal hernieder sprühte.