Tahiti: Roman aus der Südsee. Vierter Band

Part 1

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Tahiti.

Roman aus der Südsee von Friedrich Gerstäcker.

Zweite unveränderte Auflage.

Vierter Band.

Der Verfasser behält sich die Uebersetzung dieses Werkes vor.

Leipzig, Hermann Costenoble. 1857.

Inhalt des vierten Bandes.

Seite Cap. 1. Die Schlacht von Mahaena 1 " 2. Alte Abrechnungen 55 " 3. Das Lager der Insulaner 103 " 4. Die Flucht 142 " 5. Lefévre und Aumama 170 " 6. Der Angriff auf Papetee 218 " 7. René und Susanna 248 " 8. Schluß 302

Capitel 1.

Die Schlacht von Mahaena.

»Joranna!« -- und die Palmen rauschten dazu ihre leise wehmüthige Weise, und wie grollend, zürnend tönte der dumpfe Donner der Brandung ihm in's Ohr -- »Joranna!« -- »Und doch ja auch nur für wenige Tage!« rief er dann plötzlich sich abwendend und mit der Hand die Stirne streichend, als ob er da alle die trüben traurigen Ideen fortwischen wolle. »Unsinn, sich das Herz da schwer zu machen mit Sorge und Noth und tollen, trüben Ideen; wie rasch verfliegt die Stunde, und Wochen schwinden, daß man sie kaum zählen kann. Nein, nicht muthwillig mag ich mir das Leben schwer machen, ein tückisches Schicksal quält und neckt uns überdies schon genug, wirft Wermuth in den süßesten Becher, oder giebt der Frucht Stacheln nach der unsere Lippe sich sehnt. Fort; in der Stadt vergeß ich die Grillen und mein Haus mag heute sehen wie es allein fertig wird.«

Und den Hut fest in die Stirn drückend, die Arme über der Brust zusammengeschlagen und den Kopf gesenkt, ging er mit raschen Schritten nach der Stadt zurück und betrat, seine Grillen wie er sie nannte, mit einer Flasche Wein niederzuschwemmen, das erst seit kurzer Zeit etablirte Haus eines Franzosen, Viktor, ließ sich eine Flasche Claret geben, und setzte sich, ein paar Gläser rasch hintereinander hinunterstürzend, den Kopf in die Hand gestützt, allein an einen Tisch, in die entfernteste Ecke der Stube -- gedankenvoll auf das vor ihm ausbreitende Meer hinausschauend.

Wohl eine Stunde mochte er so gesessen haben, die Flasche stand geleert vor ihm, und noch immer starrte er düster vor sich hin, als eine Hand ihm derb auf die Schulter klopfte und eine fröhliche Stimme seinen Namen rief:

»René!«

René schaute langsam auf, sprang aber im nächsten Augenblick von seinem Sitz empor und rief, dem Freund beide Arme entgegenstreckend und ihn an's Herz drückend:

»Adolphe! mein lieber, lieber Freund, wo kommst Du her? zehntausendmal willkommen auf Tahiti.«

»Und Dir geht es gut?« frug Adolphe, die ersten herzlichen Begrüßungen vorüber -- »es gefällt Dir hier, und Du bereust Dein Weglaufen nicht?«

»Bereuen?« lächelte René, »ich habe Alles hier, was das Menschenherz nur fordern oder verlangen könnte und sollte bereuen? -- Doch« -- unterbrach er sich plötzlich, den Freund erstaunt betrachtend -- »spielst Du Maskerade oder ist es jetzt Sitte hier geworden, französische Uniformen anzulegen? was thut der Wallfischfänger in der Officiersuniform?«

=»Peste!«= lachte Adolphe, »ich hatte das Leben ebenfalls satt, und da uns gute Kräfte hier fehlen, hielt ich den Zeitpunkt für geeignet, meine alte Carrière wieder aufzunehmen. Hol der Teufel die Freiheit am Bord eines Wallfischfängers; durch =Du Petit Thouars= selber, von dem ich die Ehre habe schon seit frühern Zeiten gekannt -- vielleicht überschätzt zu sein, sind mir die Epauletten wieder auf die Schultern gedrückt, mit denen ich seit langer Zeit fertig zu sein glaubte.«

»Und seit wann bist Du hier?« frug René erstaunt.

»Seit drei Tagen etwa; aber wie mir gesagt wurde, wärst Du zurück nach Atiu gegangen, wo wir Dich damals ließen.«

»Ich habe die Erlaubniß noch nicht erhalten, einer langweiligen Untersuchung wegen.«

»Ich weiß, ich weiß, wegen einer Französischen Schildwache, man hielt das aber für abgemacht -- nun desto besser, so hab' ich Dich doch hier noch getroffen, ich wäre aber später jedenfalls einmal hinübergekommen, Dich zu besuchen. Mensch ist es möglich -- Du hier verheirathet und Familienvater? -- nun die Sache klingt gefährlicher, wie sie ist.«

»Ich fühle mich glücklich darin,« sagte René. --

»Und was willst Du jetzt auf Atiu?«

»Dort bleiben.«

»Bah, Unsinn --«

»Unsinn? -- weshalb?«

»Du willst Dich, mit acht und zwanzig Jahren in einem Cocospalmenwald vergraben und mit der Welt fertig sein? -- Mensch bist Du denn wahnsinnig oder hast Du die Lektionen am Bord des Delaware noch nicht vergessen? und ein indianisches Mädchen -- René, René, ich fürchte fast, Du hast da Dir selber einen recht bösen Streich gespielt, und ich habe Dir am Ende gar keinen so besonderen Dienst geleistet, als ich die Bande durchschnitt die Dich hielten. Das Schlimmste gereicht uns oft zum Glück, und das gerade, was wir armen kurzsichtigen Sterblichen im Anfang für die Krönung unserer Wünsche halten, ist nicht selten der Beginn von -- gerade dem Gegentheil.«

»Du kennst Sadie nicht,« lächelte René -- »sie ist nur Indianerin von Geburt, sonst aber fast ganz in europäischen Sitten und Gebräuchen auferzogen.«

»Desto schlimmer für sie,« brummte Adolphe kopfschüttelnd. »Ich habe auch darüber schon Manches munkeln hören. Aber was zum Teufel bleibst Du da nicht wenigstens in Papetee? -- hier hast Du doch einen Wirkungskreis für irgend eine Thätigkeit; auf Atiu versauerst Du ja doch, und zehn Jahre dort, machen Dich untüchtig für irgend einen menschlichen Beruf.«

»Verhältnisse, lieber Adolphe, bestimmen den Menschen,« lächelte der Freund, wenn auch nicht mehr so ganz unbefangen. »Sadie fühlte sich hier nicht glücklich zwischen den Europäerinnen und --«

»Aber ich denke sie hat eine ganz europäische Erziehung bekommen -- wie stimmt das?«

»Ich -- ich selber fühlte auch daß wir dort drüben würden viel freier, ungehinderter leben können« entgegnete René ausweichend.

»Ungehinderter? das glaub der Teufel,« lachte Adolphe, »wer sollte Euch dort stören? wenn da nicht einmal zufällig ein vereinzelter Wallfischfänger anlangte -- aber apropos René -- weißt Du denn, daß Capitain Lewis Tochter hier auf Tahiti und sogar in Papetee ist?«

René fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfe stieg und drehte sich rasch ab, nach einer frischen Flasche Wein zu rufen.

»Ich weiß es,« sagte er gleichgültig -- »ich habe sie hier auf einem Ball kennen lernen, sie wohnt jetzt bei Belards; aber Adolphe --« rief er, rascher sich dem Freund wieder zudrehend, der ihn aufmerksam betrachtete -- »Du hast mir ja noch gar nicht erzählt, was Ihr damals mit dem ehrwürdigen Manne gemacht habt, den Ihr statt meiner an Bord nahmt. Was sagte er denn, als er wieder zu sich selber kam?«

»Was er sagte?« lachte Adolphe in der Erinnerung an jenen Abend laut auf, »er war Feuer und Flamme, und wollte augenblicklich an Land gesetzt sein. Mein Glück übrigens wars, daß er behauptete Einer der Bootsleute habe ihn zu Boden geschlagen und gebunden und geknebelt, und unser alter Seehund von Harpunier wußte recht gut, daß ich nicht lange genug oben gewesen war, das möglicher Weise zu Stande zu bringen, wenn er mir's auch zutraute, während keiner der Anderen das Boot verlassen haben wollte, und auch in der That verlassen hatte. So ärgerlich der _Alte_ übrigens auch war, daß wir _Dich_ nicht, trotz aller gemachten Auslagen, wie des Aufenthalts und bösen Beispiels wegen, wiederbrachten, so sehr freute er sich doch jedenfalls heimlich, daß es gerade der Schwarzrock gewesen, der darunter leiden mußte, noch dazu, da er einen Matrosen verrathen, und wir Alle kamen so, wenigstens für den Augenblick, mit einem blauen Auge davon. Nichtsdestoweniger hatten sie gegründete Ursache auf mich den stärksten Verdacht einer Mitwissenschaft zu werfen, und wenn ich mir auch nicht gerade besonders viel daraus machte, wurde doch das Leben an Bord für mich dadurch nach und nach so fatal, daß ich mich zuletzt in Honolulu, als wir von oben wieder herunter kamen, auszahlen ließ und nicht einmal mit dem Schiff zu Hause ging. Ich bin übrigens dem geistlichen Herrn eben heute Morgen hier in der Straße begegnet -- und ob er mich nicht wieder erkannte? Wie er nur einen Blick auf mich warf, blieb er im ersten Moment überrascht stehen, -- er wußte wahrscheinlich nicht gleich wo er mich hinthun sollte; als ich aber ein, vielleicht etwas malitiöses Lächeln doch nicht verbeißen konnte, und ihm auch wahrscheinlich dabei einfiel bei welcher, für ihn so fatalen Gelegenheit wir uns zum letzten Mal gesehen, quoll ihm das Blut wie eine Springfluth in's Gesicht und er ging rasch, und ohne mich weiter eines Blicks zu würdigen, an mir vorüber, die Straße hinab.«

»Ja, er hat hier seine Mission« sagte René noch in der Erinnerung an heut Morgen, mit zusammengezogenen Brauen, »mir aber ist er bis heute ausgewichen wie dem bösen Feind, und wirklich heute Morgen zum ersten Mal hat er meine Schwelle, in meiner Anwesenheit überschritten, um Abschied von meiner Frau zu nehmen.«

»Will er fort?«

»Nein, meine Frau hab' ich hinüber nach Atiu, mit einem der anderen protestantischen Missionaire geschickt, um später nachzukommen.«

»So so?« sagte Adolphe gedehnt, »Du bleibst jetzt noch allein in Papetee -- und wo wirst Du wohnen?«

»Ich wollte eigentlich gern in meinem Haus draußen bleiben, aber ich fürchte es wird nicht gehen -- heute Morgen wenigstens kreuzten schon dumpfe Gerüchte von einem wirklichen Aufstand, und was ich hier darüber gehört, bestätigt das nur. Als einzelner Franzose setzte ich mich da draußen doch am Ende Unannehmlichkeiten aus.«

»Nein, Gott bewahre« rief Adolphe rasch -- »diese Indianer sind seelensgute Menschen wenn in Frieden gelassen, aber treib' sie erst einmal dazu daß Blut fließt, und sie sind wie die Tiger, unersättlich. -- Ich fürchte auch wir bekommen hier noch einen verwünscht schweren Stand, denn die zwei Schiffe sollen, wie ich höre, an allen Inseln zugleich anklopfen, und wenn sie da in Papetee nicht eine _recht_ tüchtige Besatzung zurücklassen, so weht einmal eines Morgens die Tahitische Flagge statt der Französischen, und für unsere Leben, alle mitsammen, möcht' ich dann keinen Franc geben. Die Missionaire thun außerdem was sie können, die Eingeborenen gegen uns aufzuhetzen.«

»Verdenken kann ich's ihnen nicht« entgegnete René, die geleerten Gläser wieder vollschenkend, »haben sie doch meine Landsleute hier vollständig aus dem Sattel gehoben, und jeder wehrt sich seines Brodes so gut er kann.«

»Peste, René, Du vertheidigst die Schwarzröcke wohl gar?« lachte Adolphe. »Wetter mein Bursche, hast Du Dich geändert. Die Luft hier muß anstecken.«

»'Bist im Irrthum, Adolphe, nur den Stand selber vertheidige ich, der hier ein Recht hat zu existiren, sobald _wir_ nur den Schatten eines solchen beanspruchen wollten. Stände ihnen die eigene Bibel nicht dabei im Wege, wären sie gerade die Leute die sich zu Herren des Landes erklären dürften, insoweit sie zuerst hier ihren Wohnsitz, und damit nach dem Rechte der Entdecker, Besitz von dem Lande nahmen. Doch es fällt mir nicht ein ihre Parthei zu ergreifen« setzte er rasch hinzu, »und Gott weiß es, sie haben mir das Leben hier schon manchmal recht verbittert, ja -- hätten es mir verleiden können.«

»Haben Sie Dich nicht auch bekehren wollen?« lachte Adolphe.

»Nun ja, im Anfang wohl dann und wann, das gaben sie aber doch bald auf -- die Besseren unter ihnen sind auch tüchtige wackere Leute, Menschen die, wenn auch nicht immer den Kopf, doch jedenfalls das Herz auf der rechten Stelle haben, die Mehrzahl aber, mit ihrem ewigen Beten und Psalmensingen, könnte einen Heiligen zu Verzweiflung bringen. Ich glaube wenn ich noch ein Jahr hier in Papetee geblieben wäre, hätten sie mir mein Weib entweder abtrünnig, oder da das nicht ging, verrückt gemacht.«

»Hat Dir der Ehrwürdige Mr. Rowe noch Nichts weiter in den Weg gelegt?« frug Adolphe.

»Er hat noch nichts Anderes gethan fast, als gesucht einen Anhaltepunkt zu finden. Es hieß einmal, er sollte mit einem speciellen Auftrag an die Tafel der Missionaire abgeschickt werden, den hat aber wahrscheinlich Mr. Pritchard mitbekommen, den sie hier fortschicken mußten, wenn sie je hoffen wollten, sich mit den Eingeborenen wieder anders als mit den Waffen in der Hand zu verständigen. Ich wollte übrigens dieser Rowe _wäre_ fort von hier, mir verbittert sein kaltes scheinheiliges Gesicht jedesmal den ganzen Tag, wenn er mir einmal zufällig über den Weg läuft, und ich kann mich des Gedankens kaum erwehren, daß er mir noch irgend einmal feindlich in's Leben greift. Seine Schuld wird's auch in der That nicht sein, wenn er eine, sich ihm vielleicht einmal bietende Gelegenheit unbenutzt vorübergehen ließe. Doch fort mit dem Schleicher, wir haben wahrlich Besseres zu thun, als an ihn zu denken. Und Du bleibst jetzt hier auf den Inseln, Adolphe?«

»Eine Zeitlang wenigstens, und so lange es etwas zu thun giebt,« erwiederte der Freund.

»Wenn Du nur einmal eine kurze Zeit hier bist, wird es Dir auch schon besser gefallen« lächelte René, »vielleicht sogar machst Du mir's nach, und wir werden noch am Ende Nachbarn -- Adolphe, diese Inseln sind ein wirkliches Paradies.«

Adolphe schüttelte mit dem Kopf.

»Und doch möchte ich es nicht auf die Länge der Zeit mit Dir theilen« sagte er ernster -- »ja, nach einem langen und vielleicht langweiligen Kreuzzug durch die Meere, nach Eis und Schneegestöber da oben in jenen unwirthlichen Regionen, nach Entbehrungen und Strapatzen, wie sie der verweichlichte Landbewohner kaum für möglich halten würde -- und in der That auch kaum für möglich hält -- thut es Einem wohl, wieder einmal eine kurze Zeit unter Palmen auszuruhn, -- und die freundlichen Gesichter der Eingeborenen, wenn erst einmal diese unglücklichen Conflikte vorüber sind, bilden keine unangenehme Zugabe solcher Rast --; aber da bleiben, wohnen, _heirathen_, und seine Existenz hier beschließen? nein, ich glaube ich hielte das gar nicht aus, ja ich bin fest davon überzeugt daß ich nicht einmal den Versuch machen möchte.«

»Und was könnte das Herz mehr verlangen als es hier findet?« rief René -- »was bietet Dir Gottes Welt Schöneres, wohin Dich der unstete Fuß auch trägt, als diese Küsten, wenn Du ein Wesen hier findest, das dieses Glück mit Dir theilt? was würde Dir in diesem Paradiese fehlen?«

»Der Nerv es zu genießen, es zu schätzen« rief Adolphe rasch, »Thätigkeit -- Entbehrungen, _Leben_ mit einem Wort, wie es der alte Herr da oben für uns erschaffen, und gar erstaunlich weise eingerichtet hat -- ich verginge in dem Müßiggang. Nein René, nein, und tausendmal nein, wenn Du Dir selber vorlügen willst daß Du Dich glücklich darin fühlst. Ich glaube es nicht, weil ich überhaupt nicht an Unmöglichkeiten glauben mag, und Dir noch obendrein so etwas gar nicht wünschen wollte. Du mit Deinem leichten lebensfrischen Herzen, der Abgott Deiner Kreise einst in Paris, der eben nur übermüthig und übersättigt wurde durch das Glück, das überall auf ihn einstürmte. Du, dem noch bis jetzt kein Welttheil vermögend war in seinen Grenzen zu halten, Du solltest jetzt Deine Heimath in einer Bambushütte gefunden haben und mit Deinen Lebensbedürfnissen auf einen Brodfruchtbaum und eine Angel angewiesen sein? -- Unsinn René! -- hahaha komisch ist's aber doch, wenn ich mir das so denke, und komischer noch daß ich ernstlich dagegen anstreite. Bah! geh Du einfach wieder nach Atiu hinüber, aber mit dem was Dir jetzt durch Herz und Seele zieht, was Dir schon, Du magst es verleugnen wie Du willst, in den Augen mit unvertilgbaren Zügen geschrieben steht, lebst Du noch ein Jahr drüben und springst nachher wieder selbst an Bord eines Wallfischfängers, wenn Du auf keine andere Weise fortkommen kannst, oder -- Du bist elend und unglücklich.«

»Nein nein Adolphe, Du hast Unrecht« rief René, aber er war aufgesprungen, und ging mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab. »Du hast Unrecht, und ich werde es Dir beweisen; habe ich Dir doch schon früher gezeigt was ich durchsetzen kann, und auch damals hieltest Du es für unmöglich.«

»Armer René« sagte Adolphe -- »schon mit _den_ Worten gestehst Du mir Alles ein, ohne es selber vielleicht zu wissen; und doch irrst Du Dich. In tollkühnem Muth, einer Gefahr trotzend, die sich Dir noch so wild und furchtbar entgegenstellt, _ja_; im kecken Wurfe bist Du im Stande und setzest Dein Leben ein und gewinnst. Ich glaube nicht daß Du Dich durch irgend eine Schwierigkeit oder Gefahr von irgend einem gefaßten Vorsatz, wär er noch so wahnsinnig, zurückschrecken ließest. Du hast mir das mehrfach bewiesen und am schlagendsten durch Deinen Ein- wie Austritt an Bord des Wallfischfängers; hier aber, wo es darauf ankommt durch zähes _geduldiges_ Ausharren ein Ziel zu erreichen, gäbe es keinen unpassenderen Gesellen dazu wie Dich, und zwingst Du Dich hinein, so gehst Du darüber zu Grunde -- denk' an mich.«

Wilder Lärm draußen unterbrach sie hier; die Leute sprangen durch einander und verworrene Rufe wurden laut. Die beiden jungen Leute waren der Thür zugeeilt, zu sehn was es gäbe, als draußen die scharfen Schläge einer Trommel ertönten.

»Alle Wetter!« rief Adolphe, »es scheint Ernst zu werden, die Trommel ruft uns auf unsere Sammelplätze. Und wo sehen wir uns wieder, René?«

»Heute Abend hier.«

»Gut denn, und ade so lange!« und mit herzlichem Kuß und Handdruck trennten sich die Freunde, Adolphe seinem neuen Beruf mit all dem lebendigen Feuereifer obliegend, eben in dem Neuen der Sache den Reiz findend der ihn auch für manche Last und Unannehmlichkeit entschädigen mußte, während René in der Thür stehen blieb und ihm die Straße hinab nachschaute, bis ihn eine Biegung derselben seinen Blicken entzog. Tief aufseufzend drehte er sich dann um und wandte sich, theils in das Haus zurück zu gehen und seinen Hut zu holen, theils zu sehen was es gebe, als er seinen Namen gerufen hörte und sich umschauend Lefévre erkannte, der mit ausgestreckter Hand auf ihn zu kam.

Der früher so muntere und leichtherzige Nachbar sah aber gar verändert und angegriffen aus. Er trug den linken Arm in der Binde und war bleich und abgemagert, auch der Blick seines Auges hatte etwas Feindliches, Stieres gewonnen, das er sonst nicht gehabt.

»Hallo Lefévre, wie sehn Sie aus?« rief René erstaunt -- »wo wurden Sie denn verwundet, und sind denn unsere Truppen schon mit den Eingeborenen zusammengetroffen?«

»Hier noch nicht« sagte Lefévre, mit einem eignen Lächeln in den scharf ausgeprägten und keineswegs angenehmen Zügen, »wenigstens bis heute Morgen nicht, aber jetzt gerade gehts los, und ich will mir nur eben meinen Säbel und meine Pistolen holen, als Freiwilliger den Spaß mit zu machen.«

»Mit dem Arm in der Binde?« sagte René kopfschüttelnd. »Sie sollten froh sein daß Sie eine Entschuldigung haben nicht gegen die Eingeborenen fechten zu müssen, weshalb das muthwillig herbeiziehen. Gehören wir Beiden nicht zu ihnen?«

»Zu den rothen Hallunken?« rief Lefévre mit einem wilden Fluch -- »hol sie der Teufel alle, denn nicht Frieden giebts, bis wir die eine Hälfte von ihnen todtgeschlagen, und die andere in ihre Bergschluchten hineingejagt haben, dort von Feis und wilden Ziegen ihr Mahl zu halten. Daß die Pest zwischen sie fahre!«

»Lefévre?« rief René erstaunt -- »was ist denn mit Ihnen vorgegangen? -- wo ist Aumama?«

Lefévre lachte höhnisch und rief, den Kopf zurückwerfend:

»Zu ihrem Gesindel zurückgekehrt, aus dem ich ein Thor war sie heraus zu ziehen -- nun, ich habe wenigstens meinen Spaß mit ihr gehabt -- Sie haben Sadie auch wieder nach Atiu zurückgeschickt, wie ich höre. Gescheut, die Dirnen sind recht gut für eine kurze Zeit, so etwas muß aber nicht zu lange dauern, sonst wird es langweilig.«

»Ich habe sie hinübergeschickt um selber nachzugehn« erwiederte René ernst, »und haben _Sie_ sich so leicht von Ihrer _Frau_ trennen können?«

»Frau trennen können« lachte Lefévre -- »wenn es ihr nicht mehr Thränen gekostet hat wie mir, sind wir alle Beide ungemein leicht davon gekommen. Aber wissen Sie daß der Teufel losgegangen ist? die Burschen machen Ernst.«

»Doch nicht hier in Papetee?« sagte René.

»Nicht gerade in der Stadt, aber in Mahaena haben sie sich verbarrikadirt und einen Trupp Soldaten, der sie von dort vertreiben wollte, mit blutigen Köpfen zurückgejagt. Eben ist die Nachricht hier hergekommen, und es soll jetzt gleich ein Bataillon dorthin aufbrechen, den Empörern zu zeigen mit wem sie eigentlich in ihrer Verblendung den Krieg begonnen. Durch diese protestantischen Missionaire aufgehetzt, glauben und hoffen sie immer noch auf die Unterstützung gar nicht vorhandener englischer Schiffe, es wäre ja sonst doch nicht möglich, daß sie nur einen Augenblick daran denken könnten, ernsthaften Widerstand zu leisten. Aber dort rückt schon das Militair heran, kommen Sie mit, René, wir machen uns einen kleinen Spaziergang dahinunter, und helfen die Burschen mit in die Berge jagen.«

René schüttelte mit dem Kopf.

»Ich habe Nichts in dem Kampf zu thun« sagte er ernster, »meine Landsleute mögen das unter sich ausmachen.«

»Bah, Sie werden doch nicht zusehn wollen wie wir uns schlagen?«

»Warum nicht? -- so lange ich kein Interesse dabei habe.«

»Und wenn sie uns hier in der Stadt angreifen?«

»Sie schienen ja eben noch nicht einmal zu glauben daß sie einem einzelnen Bataillon Stand halten könnten.«

»Ei, der Teufel traue den Schuften, manchmal sind sie zäh und werfen sich mit ihren nackten Leibern ganz tollkühn und einer besseren Sache werth in die Bayonnette, wie bei Tairabu.«

»Sie vertheidigen ihr Vaterland« sagte René ernst -- »das ist die beste Sache, die sie vertheidigen können.«

»Meinetwegen« lachte der Franzose, »ich aber habe nun einmal meine ganz besondere Malice auf sie -- also adieu, wenn Sie denn durchaus nicht mitwollen und auf Wiedersehn!« und rasch seinen Säbel umschnallend, den er indeß aus der Ecke geholt, und wobei ihm Einer der hier zur Bedienung gehaltenen indianischen Burschen, da er die linke Hand nicht gebrauchen konnte, helfen mußte, verließ er das Haus mit schnellen Schritten sich dem indeß schon voraus marschirten Trupp anzuschließen.

* * * * *

Die Sonne von Tahiti beschien, zum ersten Mal wieder, seit ihre Feudal- und Religionskriege bei Seite geworfen waren, ein wildes und kriegerisches Bild.

Kaum mehr als etwa zwölf englische Meilen von Papetee entfernt, wo die friedlichen leicht gebauten Bambushütten von Mahaena standen, hinter denen sich die gewaltigen Bergesmassen in steilen kurzen Hängen erheben, hatten sich die Bewohner der benachbarten Distrikte, nach dem Angriff auf Tairabu, zu kurzem Kriegsrath gesammelt, und mit zornig blitzenden Augen und geschwungenen Speeren Rache verlangt für das vergossene Blut der Brüder. Ein Schrei der Entrüstung zuckte durch das ganze Land, und was an waffenfähiger Mannschaft in der Nähe war eilte herbei, seinen Arm der Sache des Vaterlandes anzutragen.

Die am meisten fanatisirten Häuptlinge der Eingeborenen hatten sich hier gesammelt, Aonui und Potowai, Taaniri, Kahuahu und selbst Teraitane, und Boten wurden an Paofai, Tati, Utami, Hitoti und Paraita abgeschickt, diese ebenfalls der vaterländischen Sache zuzuwenden. Einzelne von diesen aber, wie Paofai und Hitoti hatten sich direkt geweigert Pomares Sache zu der ihrigen zu machen, während Paraita, Krankheit vorschützend, ebenfalls in Papetee blieb und nur Tati und Utami, der eine sich nach Papara, der andere nach Papeneeo zurückzog, dabei jedenfalls ihren Rücktritt von den französischen Interessen erklärend.