Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.

Part 9

Chapter 93,782 wordsPublic domain

»Nicht daß ich wüßte« brummte Mons. Belard -- »im Gegentheil scheint ihm der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt -- ein Anerbieten einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüssig gewesen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand gewiesen. Er ist rein toll -- oder blind.«

»Und wann will er fort?« sagte Mad. Belard.

»Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle seine Siebensachen packen und zu Schiff bringen kann -- er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß wieder fort -- er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher für ihn zu legen, vielleicht komm ich nachher noch einmal herüber.« Und mit kurzem Gruß verließ er das Zimmer wieder.

Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons. Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte wieder leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren Akkorden.

»Merkwürdig« brach Madame Belard endlich das Schweigen -- »etwas _muß_ da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß getrieben haben -- gestern Abend schon sein eigenthümliches Betragen.«

»Du sprichst von Mons. Delavigne?« sagte Susanna, ohne die Freundin anzusehn.

Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf ihr ruhen und sagte dann leise:

»Ja.«

»Die Männer sind wunderliches Volk« sagte die Schöne -- »er wird sich mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der Welt -- in ihren Armen träumen.«

Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst:

»Das ist nicht Alles wie es sein sollte -- hätte er den Entschluß langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefaßt, so würde es mich recht von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.«

»Wie so?« frug Susanna rasch.

»Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die sie nicht gehört, in die sie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein liebes engelgutes Kind, und _verdiente_ glücklich zu sein -- und wird es nie werden« setzte sie recht tief aufseufzend hinzu.

»Warum nicht glücklich?« sagte Susanna gleichgültig, der Stimme wenigstens den Ausdruck gebend, »so viel ich von dem Leben dieser Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer ist ihnen ziemlich gleich, um sie bewirbt und -- die Dauer seines Aufenthalts vielleicht -- bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.«

»In der Regel, ja --« sagte Madame Belard -- »leider Gottes handeln die Männer hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der Insulaner -- das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und Gebrauch.«

»Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen könnten« entgegnete Susanna etwas kalt.

»Doch, doch« sagte leise Madame Belard, »und Sadie ist gar nicht wie ein Kind dieser Inseln erzogen -- nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie, Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein Kind des Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen, aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen. Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß sie für das Leben ihres Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewöhnlichen ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können -- und ich fürchte, sie wird _nicht_ im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf immer an sich zu fesseln.«

»Und verlangst Du von Delavigne daß er sein Leben auf jenem Atiu verträumen -- diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und Brodfruchtbäumen nie wieder verlassen soll?« rief Susanna in ihrem Spiel aufhörend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend.

»Verlangen?« sagte diese achselzuckend -- »ich verlange von einem Mann vor allen Dingen daß er seine Schwüre hält, es ist das wenigste _was_ man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin _als sein Weib_ mit hinüber in das alte Vaterland nimmt.«

»Um dort der Kinder Spott zu werden« rief Susanna rasch.

»Er hat das Alles voraus gewußt,« sagte Marie Belard, »Sadie ist übrigens ein wunderhübsches Weibchen.«

»Und wie lange wird das dauern?« frug Susanna, »in sechs Jahren, in fünf vielleicht schon, ist die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber und _die_ Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den civilisirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede anständige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit _schwarzem_ Blute Umgang zu haben.«

»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard.

Susanna zuckte die Achseln.

»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag einmal eine der dortigen Familien, ob sie _jetzt_ einem ihrer Söhne gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu _beflecken_. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern -- Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.«

»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard -- »die leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer Ceremonie als bei uns und -- ich sollte denken -- auch ebenso bindend. Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben bringen kann, ist das _eigene_ Wort, das eigene Herz das einzige worauf man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.«

»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen wird?« frug Susanna -- »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt _aufhören_ zu leben -- ist das wahrscheinlich?«

»Aufhören zu leben -- mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut »aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste und schönste Ziel seines Lebens gewesen; -- es wäre zu traurig für die arme Sadie; und doch _fürchte_ ich fast das wilde ungestüme Wesen des Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens, auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. _Ihr_ Beiden hättet besser zusammen gepaßt.«

Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.

Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle -- keine der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme leise ein.

Die Halme wehn gedankenschwer Auf jener Wiese drüben, Sie sagen wohl einander nur Daß sie sich innig lieben;

Ich aber liege einsam hier Und schaue in die Höhe -- Ach daß mich Niemand lieben will Ist ja mein einzig Wehe.

»Ein trauriges Lied« seufzte Madame Belard und drehte sich nach der Freundin um, stieß aber unwillkürlich einen leisen Schrei aus, als sie den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt, bleich und ernst vor sich stehen sah.

Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die Wangen schoß, stand sie auf und verließ das Instrument.

»Sie haben uns belauscht« sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte geliehn.

»Den Dichter wenigstens« entgegnete René, ihrem Blick begegnend -- »den armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner Pracht und Herrlichkeit -- es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tausend Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch -- sein Sie mir nicht böse daß ich Sie gestört habe -- ich will ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen -- ich komme Ihnen Adieu zu sagen.«

»Sie wollen fort?« sagte Susanna leise.

»Hoffentlich Morgen« erwiederte René mit einem Lächeln wenigstens, wenn es auch ein gezwungenes war.

»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein« rief Madame Belard -- »gestern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.«

»Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.«

»Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet, lieber Delavigne -- auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie wirklich nicht noch -- einmal sehn sollte -- es thut uns recht, recht leid Sie von hier verlieren zu müssen.«

»Madame Belard« sagte René und seine Stimme zitterte.

»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie nicht wiedersehn?«

»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte -- »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und -- es ist besser so vielleicht -- ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen« setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und -- da konnte ich es doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.«

»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard schnell -- »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns -- es ist ja das letzte Mal vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen. Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie ja noch immer Ihr freier Herr.«

»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René -- »ich kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten _kann_, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können, denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich nicht irre der Salamander, signalisirt worden.«

»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns Briefe aus der Heimath.«

»Aus der Heimath« sagte René leise -- »es ist doch ein wunderbares Wort -- ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte -- aber -- ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis -- Sie werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.«

»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr lag, den Kopf von René abgewandt.

»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug Madame Belard -- »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?«

»Gott weiß was sie thun« sagte René -- »soviel ist gewiß, daß die Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn einzuschreiten.«

»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem ganzen Wesen« sagte die junge Frau -- »ich hätte ihn gar nicht für einen Missionair gehalten.«

»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die Eingeborenen ausübt -- ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.«

Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:

»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten -- seit Sie den Frack wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.«

»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René, rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.

»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch nicht wieder verwischen lassen.«

»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh -- wieder ein Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.«

»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten ist es daß es sich irrt.«

»Sie _hätten_ recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets den _Kleidern_ des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört unbefangen zu sein -- eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode sprach das Urtheil vorher.«

»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer werdend -- »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.«

»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend -- »das Gesicht also abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.«

»Etwas spricht für Ihre Behauptung« sagte Madame Belard etwas pikirt -- »daß wir armen Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden -- vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie so boshaft sein könnten.«

»Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen« sagte Susanna, wirklich fast böse über die etwas herbe Bemerkung.

»Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte« fiel ihr René rasch ins Wort -- »zürnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute Morgen, und der Gedanke Tahiti -- so viele liebe Freunde zu verlassen, noch zu neu, zu fremd -- zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was vor dem Abendschuß abgethan sein muß.«

»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard.

»Ich kann nicht anders« seufzte René und fuhr dann leiser und ihre Hand ergreifend fort, »ich lasse viele liebe Freunde hier zurück -- werden auch Sie manchmal meiner gedenken?«

»Wir wollen keinen großen Abschied von einander nehmen, Delavigne« sagte die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung niederkämpfend -- »Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier herüber kommen; es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt, liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen Hintergrund der Trennung nur so viel schärfer und reiner in unserer Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und -- mögen Sie das finden was Sie suchen.«

Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die Thränen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen -- verließ sie rasch das Zimmer.

Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken Hand stützte.

»Miß Lewis« sagte René leise -- »ich glaube nicht daß wir uns wiedersehn werden --«

»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,« unterbrach ihn die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich wußte warum, einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr sie, in den leichten Ton übergehend, freilich in gezwungener Fröhlichkeit fort -- »Sie haben sich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erst um Urlaub bitten. Wissen Sie wohl daß mir der Preis bekannt ist, den mein Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt so ohne Weiteres entlassen?«

»Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle« bat aber René leise und ernst -- nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden Ton einzugehn -- »üben Sie Gnade meinet- -- Gnade eines anderen Wesens wegen.«

»Ich verstehe Sie nicht« sagte Susanna rasch, »aber ich sehe wohl ein, mir armem schwachen Mädchen wird das nicht gelingen, was der Delaware mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte -- Sie zu halten. -- Und was soll ich meinem Vater sagen?«

»Sagen Sie ihm,« rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag brechende Gefühl nieder zu kämpfen -- »sagen Sie ihm -- daß ihn die Tochter hart und schwer gerächt. Und nun -- leben Sie wohl, recht wohl und -- glücklich.«

Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an seine Lippen und sprang dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.

»René!« wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst -- die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und schloß hinter sich die Thür mit dem Riegel.

Capitel 6.

Jim O'Flannagan in Thätigkeit.

Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht, wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen gewußt hat, auf kurze Zeit.

Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen. Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus -- aber er hatte noch viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ, und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald, ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu -- o wie sie der Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte -- nach Atiu, nach ihrem lieben lieben Atiu -- und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust, der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend -- ihrer Liebe -- o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit, wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.

Aber wo blieben die Männer? -- auch Mata-oti war draußen und kehrte, trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und höher herauf -- und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen -- das waren Schritte -- die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer; sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja Nacht, kaum noch erkennen.

»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte -- »René ist noch nicht zurück?«

»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß wenigstens Einer von Euch da ist -- es ist gar so unheimlich hier so ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben -- ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für mich.«

»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise.

»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.«