Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.

Part 6

Chapter 63,680 wordsPublic domain

»Glauben Sie das nicht Delavigne« sagte Madame Belard kopfschüttelnd, »der Tahitier, so weit ich ihn kenne, ist sorglos und leichtsinnig, und selbst gleichgültig gegen das Höchste was wir im Leben anerkennen -- er hätte seine Religion nicht sonst so leicht, und auf manchen Inseln wirklich aus reiner Gefälligkeit verändert. Der Französische leichte Sinn sagt ihm auch weit mehr zu, als der starre Presbyterianische Ernst. -- Nur diesen einen Tag, den ersten Umsturz überstanden, und der Eingeborene wird sich leicht in das _Geschehene_ fügen, ja vielleicht es sogar liebgewinnen, wenn er findet daß es ihm manche Erleichterungen manche Freiheiten bietet, die ihm der starre Methodismus nicht zugestehen wollte.«

René schüttelte den Kopf.

»Wenn sich selber überlassen, ja« sagte er ernst, »aber der Fanatismus wird seine Brandfackel in ihre Herzen schleudern; der heilige Geist wird wieder die Trommel rühren, und die »Lämmer Gottes« zum Kampfe treiben und der Name Gottes wird auf's Neue zum Schlachtschrei gebraucht werden, Ehrgeiz und Habsucht zu verdecken und beleidigte Eitelkeit zu rächen. Ich glaube an keine friedliche Unterwerfung.«

»Sie werden sich natürlich zu den Eingebornen schlagen?« sagte halb neckend halb lauernd Susanne, und ließ ihren Blick fest und forschend auf dem jungen Franzosen ruhn.

»Wir würden dann unter _einer_ Fahne kämpfen« lachte René der Frage ausweichend.

»Wer ich?« rief Susanne schnell -- »da haben Sie weit am Ziel vorbeigeschossen, Monsieur; wenn auch in Nordamerika und von einem Protestantischen Vater geboren, bin ich doch in Louisiana im rechten Glauben erzogen, und meine Sympathie ist ganz auf Seiten des Gekreuzigten -- ich hasse die Methodisten.«

»Gott weiß es, ich auch« sagte René und der tiefe Seufzer mit dem er es sprach bürgte für die Aufrichtigkeit. »Der beste von ihnen ist gestorben« fuhr er dann, wie mit sich selber redend fort, seine Worte wenigstens an keine der Frauen richtend -- »der alte Osborne war ein braver wackerer Mann, und sie haben ihm das Herz gebrochen, mit ihren Intriguen und Anfeindungen. Wenn auch jetzt Einzelne zwischen ihnen sein mögen, die wirklich in wahrem Glaubenseifer der einmal betretenen Bahn folgen -- die meisten sind Heuchler, hängen den Namen Gottes vor ihr eigenes Bild, und streuen nur Haß und Unfrieden in Familienkreise, wo sie Liebe und Eintracht säen und die Herzen aneinander festigen sollten statt sie auseinander zu reißen. Gift über sie, mir thäte es in der Seele wohl ihre Macht hier gebrochen, ihr Reich zertrümmert zu sehn -- und doch fürchte ich, kann es nicht ohne Blutvergießen geschehn, denn gutwillig geben diese Leute die Waffen nicht aus ihren Händen.«

»Ha der Schuß!« rief Susanna die den Blick gerade auf das Französische Admiralschiff geheftet hielt, und den blendenden Strahl bemerkte, der plötzlich daraus hervorschoß, und mit dem Worte fast schlug der Donner des Geschützes an ihr Ohr und machte das Blut von Tausenden rascher durch die Adern jagen.

»Da kommen auch die Boote!« rief René, »nun wird sich das Schicksal des Tages bald entscheiden.«

»Und glauben Sie daß die Eingebornen jetzt einen Kampf mit uns wagen werden?« frug Madame Belard rasch und ängstlich.

»Fürchten Sie Nichts« lachte aber René -- »was können die Unbewaffneten jetzt gegen die Schießgewehre der Soldaten, mit den Kanonen der Fregatten auf sich gerichtet, beginnen, es wäre Wahnsinn, und ein solcher Kampf müßte so rasch enden, wie er begonnen hätte.«

Die Boote stießen wirklich von den verschiedenen Kriegsschiffen ab; Schaluppen vollgedrängt von Bewaffneten, die von den regelmäßigen Riemenschlägen der Matrosen getrieben, rasch wie der Seefalke auf seine Beute, dem Lande zuschossen. Das Ufer stand gedrängt voll Menschen, aber man sah keinen bewaffneten Insulaner; die Lenden und Schultern mit ihren Tüchern umhüllt, die Brust und das Haupt mit Blumen und gelben Bananenblättern geschmückt, lachend und schwatzend standen sie da, die Boote erwartend, als ob deren Kommen eine für sie sehr gleichgültige, vielleicht sogar erwünschte Handlung wäre, und nicht wirklich den Umsturz alles Bestehenden, in Politik, Religion, Regierung und Gesetzen drohte und bedingte.

Kaum Raum gaben sie dabei den landenden Truppen, und wenn diese auch anfänglich mißtrauisch den zahlreichen Schwarm betrachteten, der schon in seiner Masse ihnen hätte eine Art Widerstand bieten können, sahen sie doch bald daß sie hier weder Angriff noch Schwierigkeiten zu erwarten hätten, und der Menschenknäul, fast aus eben so viel Frauen und Mädchen als Männern bestehend, drängte sich langsam auseinander, dem landenden Feinde Raum zu geben, seine Truppen aufzustellen.

Es waren etwa zweihundert Artilleristen und Marinesoldaten und drei bis vierhundert Matrosen, mit Cutlaß, Pistolen und Musketen bewaffnet; die Bayonnette aufgesteckt, und ziemlich gut einexercirt formirten sie sich auf das Commando in einzelne starke Rotten, und zogen mit festem dröhnendem Schritt, von dem Corvetten-Capitain Mons. ~D'Aubigny~ angeführt, der sogar zum zeitweiligen Regierungsrath der Insel von dem Admiral ~Du Petit Thouars~ ernannt worden, zum Hause Pomares hinauf, von dem noch immer, fest und trotzig die Landesfahne mit der stolzen Krone ihren Feinden furchtlos entgegenwehte.

Im Hause aber lag Alles todtenstill -- die Vorhänge waren niedergezogen, die Thüren verschlossen, kein Mensch auf der Verandah oder an irgend einem Fenster zu sehn, denn die Furcht schien doch stärker in den Herzen der Einanas, als die Neugier, und lautlos rückte die Schaar in geschlossenen Colonnen bis dicht vor das Haus, schwenkte, machte Front und die Gewehre rasselten auf das Kommandowort auf den hartgetretenen Boden nieder.

»Und was werden sie jetzt thun, wo sich Niemand ihnen widersetzt?« frug Susanna, und fast unwillkürlich wandte sich ihr Herz dem Schwächeren, Angegriffenen zu, den sie widerstandlos dem mächtigen Feinde übergeben sah.

»Sie werden die Flagge herunternehmen« sagte René, »die Tricolore dafür aufpflanzen und das Land in den Besitz des Königs von Frankreich erklären, so wenigstens lautete die Drohung des Admirals.«

»Und was geschieht mit der Tahitischen Flagge?« frug Susanna rasch und blickte dem jungen Mann fest in's Auge.

»Ich weiß nicht« lächelte dieser, »irgend einer der Officiere wird sie wohl mit sich auf's Schiff zurücknehmen.«

»Ob wohl ein specieller Befehl da ist, was mit ihr geschehen soll?«

»Ich glaube kaum« meinte René -- »was liegt an dem Tuch?«

»Ich weiß nicht _was_ ich darum gäbe, _die_ Fahne mein eigen zu nennen« rief Susanna da plötzlich, und Stirn und Wangen bis tief in Nacken und Busen nieder waren wie von Gluth übergossen.

»Die Tahitische Fahne?« frug René erstaunt.

»Sie könnte mich glücklich machen« sagte Susanna, und hielt die leuchtenden Blicke fest auf das, in der Abendsonne hell blitzende Tuch geheftet, das jetzt das Leichentuch der Tahitischen Freiheit werden sollte.

René, von einem plötzlichen Gedanken durchzuckt, griff seinen Strohhut auf, der neben ihm auf einem Tische lag, und wollte das Zimmer verlassen.

»Wo wollen Sie hin?« rief Madame Belard bestürzt -- »sind Sie rein vom Bösen besessen?«

»Ich bin gleich wieder bei Ihnen!« rief René und warf die Thüre hinter sich ins Schloß.

»Monsieur Delavigne« rief auch Susanna und blickte bestürzt ihm nach, aber er hörte schon nicht mehr die Worte, oder achtete ihrer nicht, und eilte flüchtigen Schrittes, seiner Schwäche förmlich trotzend, die Treppe hinab, schritt durch den Garten dessen benachbartes Grundstück eine offne Thür nach dem Strand zu hatte, und befand sich wenige Minuten später mitten in dem Gewirr von Eingebornen und Französischen Soldaten, und dem Flaggenstock gerade gegenüber, an den in diesem Augenblick ein Französischer Officier, Bertrand, hinantrat, die Königliche Flagge niederzuziehn. Dicht gedrängt um ihn standen die unter seinem Befehl stehenden Matrosen der ~Jeanne d'Arc~ theils, theils der ~Danae~, und René drängte sich leise aber so entschlossen vor und zwischen sie hinein daß die Seeleute, die ihn bald für einen Landsmann erkannten, glaubten, er habe jedenfalls ein Recht, vielleicht sogar eine Pflicht dazu, zu erscheinen, und ihn ruhig gewähren ließen.

Ein Trommelwirbel erschütterte jetzt die Luft, und Bertrand zog während desselben und unter einem Todtenschweigen der versammelten Tausende, die Flagge an dem Flaggenfall nieder -- kein Schrei des Zorns oder der Entrüstung von Seiten der Eingebornen, kein Hurrahruf der Sieger begleitete den Akt -- es war wie eine Execution, und Bertrand mochte das fühlen, denn halb abgewendet schob er die gedemüthigte Flagge von sich und absichtlich einem der Leute zu, sie von dem Fall zu lösen, erstaunt aber drehte er sich gegen René um als er einen Fremden erblickte, der, ein kleines blitzendes Messer in der Hand, das Flaggenfall unten mit einem raschen Schnitt trennte und das Messer in die Tasche zurückschiebend, die Fahne ruhig und gleichmüthig zusammenrollte.

»René,« rief der Seemann erstaunt und mit halb unterdrückter Stimme aus, als er ihn erkannte -- »Mensch, was thust Du hier?«

René winkte ihm mit den Augen, aber dicht neben sich hörte er die halblauten und nichts weniger als freundlichen Worte:

»Das ist der Bursche der unsern Lieutenant erschossen hat -- was beim Teufel will der hier zwischen uns?«

Das Blut schoß ihm im Zorn in die Schläfe, aber er wußte auch daß er sich hier nur eingeschmuggelt und nicht an seinem Platz befinde, und ruhig die Flagge zusammenrollend schob er sie sich unter den Arm, und suchte jetzt den Rückweg anzutreten. An Bord der Französischen Schiffe hatte man auch in der That so fest geglaubt die Tahitier würden ihre Flagge selber streichen, daß gar keine Verfügung, sie selbst betreffend, erlassen war. Das Interesse des Augenblicks band sich auch überdies nicht an solche Nebensache, denn der, noch an demselben Abend zum zeitweiligen Gouverneur von Tahiti ernannte Mr. ~d'Aubigny~ brach jetzt in die allerdings merkwürdigen Worte aus:

»Officiere, Soldaten und Matrosen, und Ihr Bewohner dieser Inseln, denen wir _Gerechtigkeit_ und _Frieden_ bringen, -- im Namen des Königs, unseres gnädigen Herrn, nehme ich Besitz von diesem Land -- wir Alle werden mit Freuden in der Vertheidigung der glorreichen dreifarbigen Fahne sterben. Hißt die Flagge!«[E]

[E] Wörtlich.

Bertrand hatte indessen die Tricolore statt der Tahitischen an dem Flaggenfall befestigt, die ihm nächststehenden Seeleute sprangen hinzu sie aufzuhissen, und unter dem fröhlichen Wirbel der Trommeln und dem donnernden ~Vive le roi~ der Soldaten und Matrosen, drängte sich René wieder den Gärten zu und gewann das Freie; ~d'Aubigny~ aber mit seinem blanken Degen Ruhe winkend rief mit lauter klangvoller Stimme, wie er nur erst einmal hoffen durfte den Lärm zu durchdringen:

»_Die Königin Pomare hat aufgehört zu regieren und wir stehen jetzt auf Französischem Grund und Boden!_«

Unmöglich wär' es den Jubel zu beschreiben, der bei diesen Worten die Französischen Kehlen zu zersprengen drohte; es war ein förmlicher Aufschrei von Triumph und toller Freude und wunderbar stach dagegen die Ruhe und der Ernst der umstehenden Tahitier ab, die den Sinn des Satzes gar nicht verstanden hatten, und kopfschüttelnd dem Lärm horchten, den die tollen Wi-Wis hier mitten auf der Straße, dicht vor dem Hause ihrer Königin, vollführten. Das Verschwinden ihrer eigenen Fahne aber, und das Wehen der verhaßten Tricolore ließ die Absicht der Fremden doch ziemlich deutlich herauserkennen. Trotzdem erschien es ihnen immer noch als keine so entscheidende Handlung, wie es von den Europäern angesehen werden mußte, denn die Insulaner kannten die Bedeutsamkeit der Flaggen nicht zu dem Maße. Ob da oben ein weißes oder dreifarbiges Tuch flatterte, blieb sich am Ende gleich und nur das dumpfe Gerücht das sich anfing Bahn zu brechen -- die Wi Wis hätten ihre Königin abgesetzt und wollten selber regieren, brachte etwas mehr Leben in die Schaar und trieb Einzelne dem Hause des Englischen Consuls zu.

Dort aber war indessen die Englische Flagge von Mr. Pritchards eigener Hand in dem Augenblick niedergeholt worden, als die Tricolore emporstieg, die Demonstration auch auf den Französischen Schiffen wohl bemerkt, aber nicht beachtet worden, und der frühere Missionair fand sich bald darauf von zahlreichen Trupps Eingeborenen umgeben, die eine Erklärung der stattgehabten Vorfälle haben wollten und hier zu ihrer, eben nicht angenehmen Ueberraschung erfuhren, daß die Franzosen wirklich Besitz von der Insel genommen hätten und diese von nun an behaupten wollten.

»Bah« lachten aber Andere wieder, »ein paar Tage haben sie hier das große Wort, und wenn sie fortsegeln werfen wir ihren bunten Lappen wieder herunter, wie schon früher einmal.«

Eifrig bestritt Pritchard diese Meinung und suchte die Eingebornen von der Gefahr zu überzeugen, in der in diesem Augenblick ihre Unabhängigkeit nicht allein, nein auch die Religion schwebe, die sie als die bessere erkannt und angenommen; theils Gleichgültigkeit gegen äußere Formen die ihnen unbedeutend schienen, theils ihre angeborne Gutmüthigkeit, die selbst nicht dem Feind gleich das Schlechteste zutraun wollte, ließ sie dem Allem nur mit halbem Ohre lauschen. Vergebens ereiferte sich der fromme Mann und bürdete ihnen die Folgen auf, die alle aus dieser fabelhaften Theilnahmlosigkeit ihrer heiligsten Verhältnisse entspringen könnten; sie schüttelten lachend mit dem Kopf und schlenderten dann wieder langsam zu der Königin Haus zurück, vor dem und unter ihrer eigenen jetzt dort wehenden Flagge die fremden Soldaten und Matrosen noch immer aufmarschirt standen, und selber erstaunt darüber schienen, daß die sonst doch gar nicht feigen Insulaner die größte Beleidigung die einem Lande bildlich geschehen kann, so ruhig und selbst heiter und vergnügt hinnahmen. In der That begriffen die Tahitier aber noch wirklich nicht, was mit dem eben Gesehenen gemeint sei, denn das bloße Flaggenwechseln hatten sie ja ebenfalls vor einiger Zeit auch zu ihrem Vergnügen gethan, ohne irgend etwas Böses dabei zu denken; die Franzosen hatten es ihnen nachgemacht und bis sie wieder fort waren mochte die dreifarbige Fahne da oben auf dem Stocke ruhig ausflattern.

René indessen, dem der wirklich unerwartet glückliche Erfolg seiner kecken That, ganz wieder den alten fröhlichen Muth, vielleicht auch Leichtsinn, zurückgegeben, sah schon von weitem wie sich Susanna, ängstlich nach ihm ausschauend, aus dem Fenster bog, und wie er mit der Hand hinüber winkte und den Hut schwenkte zum Zeichen fröhlichen Gelingens, wehte ihr weißes Tuch grüßend ihm entgegen. Er sah weder nach rechts noch links, das eine Ziel im Auge, und vor Eifer fast zitternd mit seiner Beute, die ihm aber Niemand auch nur dachte streitig zu machen, den sicheren Garten wieder zu erreichen, und doch schritt er kaum auf fünf Fuß Entfernung an seinem eigenen Weib, die das schlafende Kind auf dem Arm trug, und zufällig und mit blutendem Herzen ein unfreiwilliger Zeuge des ganzen Vorfalls gewesen, vorüber, und ließ Sadie in sprachlosem Staunen starr und kaum ihren Sinnen trauend, zurück. Dem Gatten war sie gefolgt, theils für seine Sicherheit fürchtend nach einer That die sie für ein Verbrechen hielt, theils auch weil sie sich Vorwürfe machte, ihn wohl zu schroff und hart von sich gestoßen und ihn der Verzweiflung preisgegeben zu haben in der ihr liebendes treues Herz sich schon wilde entsetzliche Bilder heraufbeschwor, und jetzt? -- strahlend von Glück und Seligkeit, mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen floh er an ihr, ohne sie zu sehen, vorüber und dort am Fenster -- ein stechender jäher Schmerz zuckte ihr durch Herz und Nerven als sie die wunderschöne Europäerin erkannte, mit der René schon an jenem furchtbaren Abend so viel gesprochen und getanzt, und deren kaltem fast verächtlichem Blick sie dann mehr als einmal mit einem unbeschreiblichen Gefühl von ahnungsvoller Angst begegnet war.

Noch stand sie still und regungslos auf derselben Stelle auf der ihr René wie eine Erscheinung entschwunden war, und sie wußte im ersten Augenblick nicht einmal ob sie ihm folgen, seinen Namen rufen oder zurückgehn solle, still und allein in ihre Heimath die Rückkunft des jetzt ihrer Sorge wahrlich nicht mehr bedürfenden Gatten geduldig zu erwarten, als eine leichte Hand nur leise ihre Schulter berührte, und eine weiche bekannte Stimme ihren Namen flüsterte:

»Sadie!«

»Aumama!« rief Sadie, sich rasch nach ihr umdrehend, und hatte in diesem Augenblick fast den Gatten vergessen in dem Schreck über das wildverstörte, fahle und doch so trotzige Aussehn der Freundin, deren räthselhaftes Verschwinden ihr schon Sorge und Kummer genug gemacht. »Aumama, wo um Gottes Willen kommst Du her? -- wo warst Du die ganze Zeit und wie siehst Du aus?«

»Wie ich aussehe, Herz? hahaha,« lachte das schöne Mädchen in unheimlicher Lustigkeit, »der Thau in den Bergen gräbt Spuren in die Haut und -- aber das ist es nicht was ich Dir sagen wollte; ich zeige Dir etwas, komm; glaubst Du an Geister?« --

»An Geister? -- wie verstehst Du das? -- was soll's?« frug Sadie erschreckt -- »was hast Du Aumama, Du machst mich fürchten.« --

»Fürchten? -- bah, thörichtes Kind -- wovor? vor dem eigenen Mann? -- der thut Nichts -- sieh nur wie freundlich und lieb er da drüben mit dem ganz fremden Mädchen ist, würde er dem eigenen Weibe da etwas zu Leide thun? -- hahaha Schatz, ich glaube wir Beide können uns bald lustige Geschichten erzählen« -- und die Widerstandlose über den breiten Weg mit sich hinüberziehend, wo ein Haufen aufgeschichteter und zu Canoes bestimmter Blöcke lag, auf die sie leicht wie die wilde Geis ihrer Berge hinaufsprang, deutete sie mit dem ausgestreckten Arm und jetzt Zornfunkelnden Augen nach den offenen Fenstern des Belardschen Hauses hinüber, die René gerade in diesem Augenblick mit seiner eroberten Flagge betrat und wo er mit Jubel von den Frauen begrüßt wurde.

»Pomarens Flagge, die sie in den Staub gezogen, bringt er dem Feind -- bringt er seiner neuen Liebe« flüsterte Aumama mit leiser, vor innerer Bewegung zitternder Stimme -- »sieh nur, sieh wie sie sich zu ihm überbeugt -- hahaha -- ich glaube das war ein Kuß -- nein« lachte sie dann höhnisch, »sie werden die Nasen aneinander gerieben haben nach Inselart. Aber komm -- komm Sadie ich habe Dir viel viel zu erzählen, und wenn das Pärchen da drin wieder zur Besinnung kömmt, könnten sie uns hier draußen bemerken -- den Triumph sollen sie nicht haben -- komm.«

Sadie ließ sich willenlos fortführen von der Frau, und nur ihr Kind fester an sich drückend folgte sie der Führerin, gleichgültig welchen Weg sie einschlage, durch einen schmalen Gartenpfad erst dem wilden Gedräng des Strandes außer Bereich, und dann, auf weniger begangenen, jetzt fast menschenleeren Wegen die Broomroad wieder hinauf, ihrer eigenen Heimath zu. Sie sah die hundertmal begangene Strecke, aber sie erkannte sie nicht wieder, und blickte erstaunt endlich umher, als sie vor ihrer eigenen Thüre stand, denn das Bild des Gatten mit dem schönen fremden Weib zuckte ihr vor ihren Blicken herüber und hinüber und wie eine entsetzliche Erklärung dazu lautete Aumamas Bericht von dem eigenen Schmerz, der eigenen Schmach.

Bei dem letzten unglückseligen Europäischen Tanz hatte Lefévre zum ersten Mal ihre eigene Schwester gesehen und sich toll und blind in sie verliebt. ~Nahuihua~ -- der blitzende Stern im Norden -- liebte aber seine Schwester zu sehr, ihr den Gatten abtrünnig zu machen und floh, und Lefévre verließ Weib und Kind und folgte ihrer Spur über die ganze Insel. Nur mit Gewalt konnten sich die Häuptlinge von Taiarabu, wo er sie endlich wieder aufgefunden, seiner tollen Leidenschaft entgegenstellen, und zornig abgewiesen war er erst heute nach Papetee, aber nicht in seine Heimath zurückgekehrt, selbst nach seinen Kindern zu fragen.

-- Und René? --

»Hahahaha« lachte Aumama mit wildem Feuer im Blick -- »Aia hatte recht -- sie sind sich _alle_, _alle_ gleich -- Alle, _Teufel_ mit ihren glatten Zungen und freundlichen Augen, und wenn sie die Blume gepflückt die ihnen im Wege stand, und sich an ihrem Duft einen Augenblick gefreut -- werfen sie sie fort -- sie geben ihr nicht einmal zum Welken Zeit« setzte sie mit weicherer wehzerschnittener Stimme hinzu, »und im Weg, von den Vorübergehenden getreten muß sie ihr junges hingemordetes Leben lassen. Aber Rache will ich haben, Rache beim ewigen Gott!« rief sie plötzlich sich hoch und stolz emporrichtend -- »meine Kinder hab' ich schon in die Berge geschafft, in gute Pflege, daß sie mich nicht an meinem Ziel beirren, und der treulose Mann soll sehen, wie sich ein Tahitisches Mädchen zu rächen weiß.«

Aumama war in furchtbarer Aufregung, und Sadie schrak zurück vor der entsetzlichen Gluth und Wildheit die in ihren Zügen lag, und der sie das sonst so sanfte fröhliche Wesen nie für fähig gehalten hatte; sie wollte sie beruhigen, aber das gereizte Weib stieß sie zornig zurück, und der Schmerz löste sich erst in milden Thränen, als die Erinnerung an vergangenes, nie wiederkehrendes Glück sich Bahn brach durch Leidenschaft und Trotz.

Und Sadie saß noch lange, das frohe spielende sorglose Kind zu ihren Füßen, das Haupt der Freundin an ihre Brust gelehnt, Trost gebend wo sie selber o des Trostes so viel bedurfte, entschuldigend wo ihr selber das Herz brechen wollte in Angst und furchtbarer Qual.

Und René? --

Saß lachend und plaudernd neben Madame Belard, der schönen Susanna gerade gegenüber; sie sprachen von der Welt draußen, von Paris, von seinem Vaterland, sie lachten und scherzten, und als sich Susanna endlich an das Pianoforte setzte und mit fertiger Hand dem schönen Instrument so liebe bekannte Weisen entlockte, als ihm das Herz immer höher und höher schlug und das Blut heiß durch die Adern jagte, da -- er mußte sich gewaltsam zurückhalten der schönen Spielenden nicht in zu glühenden Worten zu sagen wie glücklich sie ihn heute Abend gemacht, und mit wie schwerem Herzen er doch heute gerade nach Papetee gekommen -- da fühlte er vielleicht zum ersten Mal den Abstand seines jetzigen Lebens mit der früheren Welt, die fest und abgeschlossen hinter ihm lag, die Brücke abgebrochen die hinüberführte -- Zum ersten Mal brach sich der Gedanke in ihm Bahn an das was er gethan, und das Bild des alten Osborne, wie er im Lehnstuhl auf Atiu vor ihm saß, so ehrwürdig mit dem weißen Haar, so mild und ernst mit den freundlichen stillen Zügen, tauchte in ängstlicher Wahrheit vor ihm auf und blickte, wehmüthig mit dem Kopfe nickend und mahnend zu ihm herüber.

»Spiel' etwas Heiteres, Susanna« rief da Madame Belard, »unser junger Freund wird schon wieder ganz bleich und melancholisch -- die Marseillaise ist heut besser hier am Platz, und nicht all das süße und weiche Gekose.«

Susanna ging rasch in die herausfordernden Töne des begeisternden Liedes über, und René fühlte wie ihn die Melodie hob und sich selber wiedergab -- Großer Gott, wohin war er gerathen -- was hatte er gethan? und mit dem Bewußtsein faßte ihn die Angst -- die Reue. Nur fort von hier jetzt, fort, war der einzige Gedanke der in ihm lebte, und aufspringend griff er nach seinem Hut.

»Wohin?« frug Madame Belard erstaunt.

»Zu Hause --«

»Jetzt? -- Sie werden doch erst Thee mit uns trinken -- nicht einmal das Lied will der grobe Mensch aushören« rief die junge Frau erstaunt.

»Fehlt Ihnen etwas?« frug Susanna, mitten in der Melodie vom Instrument aufspringend.

»Nein -- ja --« stammelte René -- »schon zu lange bin ich hier gewesen -- die beängstigende Luft -- die späte Stunde -- ich muß fort -- Sadie auch ängstigt sich um mich.«

»Ach was, Sadie mag beten, bis wir Thee getrunken haben,« sagte mit komischem Aerger Madame Belard -- »ich hatte nun so fest auf Sie heute Abend gerechnet.«

Der unzarte Scherz that ihm weh, aber bestärkte ihn nur mehr darin aufzubrechen -- »Ich _muß_ fort« sagte er bestimmt.