Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.
Part 2
Seine etwas lange und hagere Gestalt war aber noch nicht ganz hinter den, diesen Theil der Hecke bildenden Papayen verschwunden, als aus der ziemlich dichten Orangenlaube die nahe zum Hause stand, eine kleine wohlbeleibte Figur, ganz das Gegentheil des mageren Geistlichen, vortauchte, und dessen Entfernung mit augenfälliger Aufmerksamkeit und fast wie mißtrauisch beobachtete. Der hier jedenfalls versteckt Gewesene schien sich auch gar nicht damit zu beruhigen daß der also Bewachte seinen Weg die Straße entlang bis außer Sicht fortsetzte, sondern er verließ ebenfalls den Garten und folgte dem Andern zuerst eine kurze Strecke auf dem Weg, und dann, als er eine kleine Anhöhe erreichte, von der er einen ziemlichen Ueberblick gewann, noch eine ganze Zeitlang mit den Augen, bis er wirklich in weiter Ferne hinter einer Biegung der Straße verschwunden war. Erst dann schien er sich vollkommen sicher zu fühlen und eilte jetzt mit raschen Schritten und Freude strahlenden Augen zum Haus zurück, dessen Thüre noch, wie sie der Geistliche verlassen, halb geöffnet stand. An der Schwelle aber blieb er wie scheu und unschlüssig stehen -- er hob den Arm und ließ ihn wieder sinken -- er setzte den Fuß vor, und zog ihn fast ängstlich wieder zurück; endlich aber faßte er sich ein Herz -- die Sonne stieg mit jedem Augenblick höher und er _durfte_ die kostbare Zeit nicht länger versäumen, und die Hand der Thüre nähernd klopfte er, mit einem jedenfalls gewaltsam gesammelten Entschluß laut und herzhaft an.
Keine Antwort; -- drinn im Zimmer rührte und regte sich Nichts und der Klopfer blieb kopfschüttelnd und unschlüssig in seiner lauschenden Stellung an der Thür. Endlich, und nach augenscheinlicher Ueberwindung klopfte er zum zweiten Mal, und zwar etwas stärker als vorher, und als auch diesmal seine Anmeldung so unbeantwortet blieb als vorher, gewann die Ungeduld bei ihm so weit die Oberhand, daß er, vielleicht auch halb mit der Ueberzeugung es sei Niemand mehr im Haus, den Knöchel seines dritten Fingers laut und heftig an die Thür anpochte, in demselben Augenblick aber auch mit einem kaum unterdrückten Schrei zurücksprang, als das leise aber doch so deutliche und ihm so wohlbekannte »~hare mai~« einer weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Sein erstes Gefühl schien auch wirklich unbedingte Flucht, aber die Töne hatten zugleich alte und oh so liebe Erinnerungen in ihm geweckt, und fast instinktartig und jedenfalls unbewußt nach seinen Füßen hinunterfühlend, ob er die Schuhe auch, wie es sich gehöre, daran habe, und nicht etwa wieder barfuß als roher Wilder zwischen den cultivirten Menschen herumlaufe in der Welt, schob er die Thüre langsam auf und trat hinein.
Sadie hatte sich eben, als sie das Klopfen gehört, vom Boden erhoben und stand der Thüre zugedreht, kaum aber auch die kleine, so lang befreundete Gestalt des Eintretenden erblickt als sie mit dem Freudenruf »Mitonare -- mein guter, lieber Mitonare,« auf ihn zusprang und seine, nach ihr ausgestreckte Hand ergriff.
»Pu-de-ni-a!« stammelte der kleine Mann, und riß die Augen weiter und weiter auf, den mehr und mehr füllenden und vorquillenden Thränen, die er nicht zurückpressen konnte in ihr Bett, einen Blick abzugewinnen auf das Wesen, das ihm das Liebste gewesen war auf der Welt, fast seit dem Tag an, wo er es zuerst auf seinem Arm gewiegt und mit allen Schmeichelnamen genannt hatte die er wußte -- »Pu-de-ni-a -- es -- es freut mich recht -- recht sehr -- Sie -- Sie -- Dich --« Er kam nicht weiter -- die großen hellen Thränen rollten ihm die Backen hinunter und die nicht widerstrebende Frau an sich ziehend, rieb er -- den höchsten Ausdruck innigster, herzlichster Zärtlichkeit den er kannte, seine Nase an der ihrigen, zog sie dann fester an sich, streichelte ihr mit beiden Händen die Schläfe, drehte ihr Köpfchen zu sich hin, ihr in die Augen zu sehen und nannte sie dabei mit allen alten Schmeichelnamen die er kannte und ihr, o wie viel tausend Mal schon, in früheren Jahren liebkosend gegeben hatte; Sadie aber barg ihr Köpfchen an seiner Brust und ihre Thränen strömten ungehindert an dem Herzen des treuen ehrlichen Freundes.
Bruder Ezra war auch wirklich der Erste der sich wieder sammelte, und das geliebte Kind auf Armes Länge leise von sich schiebend, daß er eben die bleichen, thränenfeuchten Züge erkennen und überblicken konnte, sagte er flüsternd und mit recht weicher, wehmüthiger Stimme, doch nicht in seinem gebrochenen Englisch, sondern der ihm geläufigen Muttersprache:
»Aber was ist das? -- ist Pudenia -- meine kleine, liebe Pu-de-ni-a nicht mehr das fröhliche leichtherzige Kind von A-ti-u? -- sind die klaren Augen schon so trüb geworden in der kurzen Zeit, und die Wangen so fahl? und ist der böse böse Wi-Wi etwa gar schlecht gewesen mit meinem Lieb, meinem süßen herztröstenden Lieb?«
Unter ihren Thränen vor lächelte Sadie und seine Hand fassend und streichelnd schüttelte sie leise mit dem Kopf und sagte, mit wieder fast dem vollen Strahl vorigen Glücks in den schönen Zügen:
»Nein Mi-to-na-re -- nein er ist gut und lieb wie je und mein Herz ist sein bis zum Tod, und weit, weit darüber hinaus -- zanke mir nicht den Wi-Wi --«
»Dann hat Dir der »schwarze Mann« wieder das Herz schwer gemacht mit seinen Worten, die Einem wie Messer einschneiden in die Brust und nur immer brennen und schmerzen« sagte Bruder Ezra, und der scheue aber zürnende Blick den er aus dem Fenster die Straße entlang warf, verrieth nur zu deutlich wen er damit gemeint. »Wenn ich eine Zeitlang mit ihm zusammen bin, und ihn beten und predigen höre, dann komme ich mir immer vor wie der entsetzlichste furchtbarste Sünder, der noch ein besonderes Feuer in der Hölle haben müßte, seine Sünden vollständig abzubüßen -- und wenn ich sonst mit Vater Osborne sprach, war mir's dagegen, als ob mir der eine Last von der Brust gewälzt und mir Balsam in die frischen Wunden gegossen hätte. Es ist doch eine ganz erschreckliche Geschichte, wenn man so gar nicht gewiß erfahren kann ob man ein nichtswürdiger Sünder oder ein guter Christ ist, und ich bin bei mir noch nicht im Stande gewesen dahinter zu kommen.«
»Aber wie siehst Du aus, Mitonare« -- rief Sadie, indem sie lächelnd einen Schritt zurücktrat, seine Gestalt und Kleidung, die sich allerdings seit sie ihn nicht gesehen um ein Wesentliches verändert hatte, besser überschauen zu können -- »segne mich, wie Du Dich gekleidet hast, und wie stattlich Du einher gehst jetzt, und wie ehrwürdig.«
Bruder Ezra schüttelte mit dem Kopf, und sich selber, mit einem keineswegs sehr selbstgefälligen Blick von oben bis unten betrachtend, sagte er leise und traurig:
»Es ist Nichts, Pudenia -- gar Nichts; die Hosen machen einen Menschen höchstens unbequem aber noch nicht zum Christen, und die steifen Dinger hier unter den Ohren -- der Weiße hatte gestern recht der mir sagte wenn ich mich einmal rasch und plötzlich bückte, schnitt ich mir die Ohren ab, wie mit dem Rasirmesser.«
»Die Kleider machen allerdings den Christen nicht, Mi-to-na-re« lächelte Sadie, »aber das treue Herz in der Brust hat Dich dem reinen schönen Glauben gewonnen und Dein Herz erfüllt mit Seinem Ehr und Preis.«
Der kleine Mitonare seufzte recht aus schwerem Herzen tief auf, und es war augenscheinlich daß ihn dort etwas drückte, mit dem er sich scheute an Tageslicht zu kommen. Sadie fühlte das mehr als sie es sah, denn des Mitonare veränderte Kleidung hatte ihre Aufmerksamkeit bis jetzt in der That zu sehr in Anspruch genommen. Erst jetzt bemerkte sie auch eigentlich, ihm voll in's Angesicht schauend, daß nicht Alles so mit dem kleinen, sonst so freundlichen Manne stehe als es wohl solle, und irgend etwas vorgefallen sein müsse, das ihn drücke und quäle, und nicht zu Ruhe kommen lasse. Mit seinen Schwächen und Eigenschaften aber auch wieder bekannt, lächelte sie, denn nicht unwahrscheinlich kam ihr der Gedanke, die neue außergewöhnliche und unbequeme Kleidung die ihm der Missionair jedenfalls wenn nicht aufgenöthigt doch angerathen (bei Mr. Rowe so gut wie ein Befehl) drücke ihn und nehme ihm das Freie, das Zutrauliche seiner Bewegungen.
Mi-to-na-re sah aber auch wirklich verzweifelt aus, denn nicht allein daß er die Weste fest und eng zugeknöpft trug über dem seit einiger Zeit wieder gediehenen Bauch, und die Knöpfe derselben in wirklich gefährlicher Spannung hielt, nicht allein daß ihm das weiße dicke Tuch dreimal in dichten Falten um den Hals lag und dem Kopf das Ansehen gab, als ob er mit dem steif und starr gestärkten Hemdkragen oben eben nur hinausgeschnürt sei; nicht allein daß seine Füße wie früher in den breiten unbequemen Schuhen standen, und er bei jedem Schritt auftrat, als ob er den Fuß irgendwo eingeklemmt hätte, und ihn wieder herauszuziehen wünsche, so war ihm auch jetzt das, sonst doch wenigstens bequeme und luftige Lendentuch genommen, und die kleinen dicken Beine staken in so engen, strammen Hosen, daß es ein Wunder schien wie er überhaupt hineingekommen und den kleinen schüchternen Mann veranlaßt hatte einen kurzen Pareu, _trotz_ den Einreden des Geistlichen, noch _über_ diesem neuen und jedenfalls unpassenden Kleidungsstück zu tragen, das nun einmal durchaus nöthig sein sollte auch den letzten heidnischen Anstrich von ihm zu entfernen. Und selbst das war nicht genug gewesen, denn sogar der hohe trostlose Europäische Hut durfte nicht fehlen ihn elend zu machen, und so oft war er schon damit in jedem Guiavenbusch, jeder Banane, in der Thür jeder Hütte, in den Zweigen jedes Baumes hängen geblieben, daß er jetzt unter keiner Palme mehr hinging ohne den schmalen Rand seines Peinigers zu fassen und sich zu bücken.
Solcher Art, und noch mit dem Zusatz eines dicken und schweren Gebetbuchs, das er in die linke und enge Fracktasche hineingezwängt trug, während es ihm in dem schmalen Zipfel fortwährend in die Kniekehlen schlug, war Mitonare aufgeputzt, und es läßt sich denken daß er sich, selbst unter den günstigsten Verhältnissen, an das freie Leben seiner Inseln gewöhnt, nicht hätte leicht und behaglich fühlen können. Aber dem armen kleinen Mann drückten auch noch andere Sorgen.
»Die schöne Zeit ist vorbei« sagte er traurig, »wo nur die Sterne die Augen Gottes waren, und ich hineinschauen konnte, durch die funkelnden Lichter bis tief in sein herrliches Reich. Mitonare ist unglücklich, sein Glaube ist wankend geworden, und nun hat er den Weg verloren und weiß nicht ob er gerade durch über die Berge und durch die Thäler weg steigen und klettern, oder ein Canoe nehmen, und im seichten Binnenwasser der Riffe langsam hinsteuern soll.«
»Armer Mitonare« lächelte Sadie, die noch immer nicht den ernsten Sinn seiner Worte begriff -- »aber wer hat Dich nur so herausgeputzt in der fremden Tracht, die Dir nicht paßt und zusagt?«
»Wer?« murmelte Bruder Ezra finster vor sich hin -- »wer? -- er hat noch andere Sachen gethan. Wir sind arge Sünder und müssen jetzt entsetzlich viel beten und Bibelstellen auswendig lernen, oder wir gehen Alle rettungslos zu Grund -- Mitonare kennt das halbe dicke Buch, und die andere Hälfte hat er auch gekannt aber wieder vergessen; nun muß er noch einmal von vorn anfangen und -- und sein Vater und Großvater bleibt doch in der -- da unten -- tief da unten.«
Der kleine, sonst so freundliche Mann schüttelte finster mit dem Kopf und Sadie, seine Hand ergreifend sagte mit leiser unendlich rührender Stimme:
»Es wird schon noch Alles gut gehen, Mi-to-na-re -- und Gott ist ja der Allerbarmer, ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache, kein Haar von Deinem Haupte fällt -- so erzähle mir von Atiu -- von meinem Atiu -- was sie dort treiben und thun und -- ob sie meiner noch manchmal freundlich da gedenken. Ach kein Tag vergeht, wo ich die Wolken nicht neide die da hinüberziehn, und mit meinen Gedanken, meinen Wünschen ihnen doch noch so weit, so weit voraus bin.«
»Atiu« wiederholte der kleine Mann, langsam und freundlich mit dem Kopfe nickend -- »mit dem stillen luftigen Haus und der kleinen lieben Kirche -- wo die ~nahuitarava ia mere~[A] Abends gerad über unserem Dache stehn und ihr mildes Licht auf uns heruntergießen; wo -- aber es ist auch manches anders geworden auf Atiu« setzte er sinnend, und fast wie mit sich selber redend, hinzu -- »die Leute werden zu klug und zu reich, und dann ist's mit dem Frieden vorbei und dem Glück. -- Wie schön war Atiu als es nur seine Palmen hatte und seine Pandangedeckten Hütten.«
[A] ~Nahuitarava ia mere~, das Gestirn des Orion.
»Wie schön war Atiu« wiederholte seufzend die junge Frau.
»Und vielen Besuch haben wir drüben gehabt« setzte der kleine Mitonare mit noch fast ernsterer Stimme hinzu -- »lauter Leute die es gut mit uns meinten, wie sie sagten, und die gekommen waren unsere Seelen zu retten, und die uns entsetzlich viel versprachen wenn wir nur gerade da hineinspringen wollten, wo die Anderen sagten daß es lichterloh mit Pech und Schwefel brenne.«
»Waren Missionaire von Frankreich auf Atiu?« frug Sadie rasch und fast erschreckt.
»Ich weiß nicht wo sie herkamen,« sagte der kleine Mann traurig, »aber Wi-Wis waren darunter und Andere auch -- und -- sie haben uns wenigstens das Herz schwer gemacht, mit ihren Versprechungen und drohenden Reden.«
»Und weiß Mr. Rowe daß die Fremden da gewesen?«
Mitonare lächelte fast wieder wie in alter Zeit und sagte schmunzelnd:
»Ob er es weiß; und Mord und Blut hat er vom Himmel heruntergebeten für die -- die Götzendiener -- und der Himmel blieb blau« setzte er unheimlich lachend hinzu -- »und dann kamen die anderen Männer und sprachen vom lieben Gott, den sie ganz genau kennen wollten und der ihr bester Freund sein sollte, und riefen auch wieder einen Feuerregen von Pech und Schwefel nieder auf die Häupter ihrer Gegner -- und der Himmel blieb _blau_!«
So scharf und grell stieß er dabei das letzte Wort aus, daß die kleine Sadie, die bis jetzt ruhig und unbeachtet am Boden gespielt, erschreckt in die Höhe fuhr und einen leisen Schrei ausstieß. Bruder Ezra drehte sich rasch danach um und das Kind kaum am Boden erblickend, warf er, mit Mißachtung jedes Unfalls, den Hut von sich auf die Erde, fiel neben dem noch immer furchtsam zu ihm emporschauenden Kinde auf die Knie nieder und rief mit, vor innerer Rührung fast erstickter aber auch jubelnder, jauchzender Stimme:
»~Iti iti Pudenia, iti iti aiu, potii.~«[B]
[B] Kleine kleine Pudenia, kleines, kleines Herzchen, mein kleines Mädchen.
Und die Kleine, die ihn erst staunend betrachtet hatte, streckte die Händchen nach ihm aus und lachte ihm entgegen, und der gute kleine Mitonare griff sie auf, nahm sie auf den Arm und sprang jauchzend mit ihr im Zimmer umher, bis ihn das hinten wie wüthend über solches Betragen schlenkernde Buch zum Einhalten zwang, so sehr sie sich Beide darüber freuten. Jetzt hatte er aber auch, mit dem Kind, Alles vergessen, was ihn bis dahin gedrückt oder weh gethan, und das Mädchen nur herzend, das sich wunderbarer Weise Alles von ihm gefallen ließ, was er mit ihr vornehmen mochte, als ob es gewußt hätte daß ihr von _dem_ Manne sicher nichts Uebeles drohe, plauderte er mit ihr das tollste wildeste Zeug, nannte sie bei allen Schmeichelnamen und fing endlich sogar an mit ihr in seinem gebrochenen Englisch, von dem er aber in den letzten Jahren noch viel mehr vergessen als dazu gelernt hatte, zu schwatzen und lachen und Geschichten zu erzählen aus Bibel und Heidenzeit, von Meer und Land, wie es ihm durch den Sinn zuckte, dem lieben lächelnden Kind gegenüber. Und Sadie stand daneben, die linke Hand auf den Tisch gestützt und mit der rechten in den Locken des Kindes spielend und seinen Scheitel streichend, während die kleine Sadie jauchzte und lachte über den neuen wunderlichen Spielgefährten, ihre Aermchen um seinen Nacken legte und ihn an den steifen Hemdkragen und Halstuchspitzen zupfte. Und Mitonare ließ sich das Alles ruhig gefallen, und hatte tausend und tausend Fragen und Liebkosungen für das Kind.
»Und wie lange bleibst Du auf Tahiti, Mitonare?« sagte da Sadie -- »hast Du auch Atiu verlassen, und willst nicht wieder zurückkehren nach dem lieben Land?«
Da wurde der kleine Mann plötzlich ernsthaft, setzte das Kind, das ihn noch gar nicht lassen wollte nieder auf den Boden und sagte, recht herzhaft mit dem Kopfe schüttelnd und einen scheuen Blick nach der Thür werfend:
»Wär' es auf mich angekommen, hätt' ich die Insel nicht verlassen mein Lebelang, außer Dich hier, Pudenia, vielleicht einmal wieder aufzusuchen und -- wenn es anging, zurückzuholen zu Deinen alten Lieblingsstellen; aber es ist jetzt eine schlimme Zeit -- die Leute sind irre geworden an ihrem Gott und mit _Gewalt_ wollen sie die Liebe bringen, und mit Blut den Glauben begießen, daß er wachse und gedeihe.«
»Aber ich verstehe Dich nicht« sagte Sadie.
»Sie haben was vor hier auf Tahiti!« fuhr der Bruder Ezra leise fort, als ob er sich fürchte irgend ein Geheimniß zu verrathen, »was es ist, weiß ich noch nicht, aber die Bibelstellen die Vater Rowe gepredigt riechen nach Blut. Die Beretanis haben Kriegsschiffe hier, wie ich sehe, aber die Wi-Wis sind auch nicht müßig, und vorgestern waren zwei große Schiffe auf Atiu in Sicht, von denen Raiteo behauptet, daß sie den ~Feranis~ gehörten und viel Kanonen an Bord hätten mit Pulver und schweren Kugeln.«
»Und was können unbewaffnete Menschen dagegen thun?« frug Sadie wehmüthig mit dem Kopfe schüttelnd.
»Unbewaffnete, _Nichts_« erwiederte Bruder Ezra rasch, »aber Bewaffnete desto mehr; Bibeln waren _nicht_ in den Kisten, die sie vom Bord desselben Wallfischfängers, der jetzt, wenn mich nicht Alles täuscht, hier im Hafen liegt, in Atiu an Bord und zu sicheren Verstecken in die Berge schafften.«
»Die Missionaire werden nie die Hand reichen zu Gewalt und Blutvergießen« rief Sadie.
»Wenn ich 'was nicht sehen mag, dreh' ich den Kopf weg,« sagte der Mitonare trocken -- »es giebt Leute genug überall, die, einen Dollar zu verdienen, leicht ein schlechtes Werk thun, wie viel eher denn nicht ein gutes -- ihre Landsleute mit Waffen zu versehen, daß sie sich selbst beschützen können.«
»Du nanntest erst Raiteo, Mitonare?« frug Sadie -- »wie geht es ihm und was treibt er jetzt -- ist er ein besserer Mensch geworden?« --
»Was er in diesem Augenblicke treibt weiß ich wahrlich nicht«, sagte der kleine Mann finster, »aber als ich kam stand er draußen auf Posten, und ging dann mit dem ehrwürdigen Bruder Rowe in die Stadt zurück; -- ist nicht das erste Mal daß sie in einem Joche ziehn.«
»Raiteo hier auf Tahiti?« rief Sadie erstaunt.
»Raiteo Mitonare« erwiederte Bruder Ezra trocken.
»Mitonare? -- Raiteo? der seinen Vater verrathen würde um ein Stück Kattun zu verdienen oder ein Stück Geld?«
»Raiteo Mitonare« bestätigte aber auf das Bestimmteste der kleine Mann und setzte, langsam dabei mit dem Kopfe nickend hinzu -- »Menschen sind einmal bös, und dann wieder gut -- Raiteo hat seine Sünden eingesehen und ist frommer Mann geworden -- aber trägt noch keine Hosen« fügte er, trotz aller Unbequemlichkeit, doch mit einem gewissen Grad von Eifersucht hinzu; »hat noch sein Lendentuch und seine nackten Beine und bloßen Kopf -- und nur am Sabbath in der Kirche einen Frack -- kann nicht gut ohne Frack in die Kirche kommen.«
»Raiteo Mitonare« wiederholte aber wiederum Sadie, die sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen erholen konnte -- »und das auf Atiu -- wo sie ihn kennen.«
Bruder Ezra verneinte das aber. Auf Atiu eigentlich nicht, der Wahrheit die Ehre zu geben, denn wenn auch sein frommer christlicher Sinn dort gerade bei ihm zum Durchbruch gekommen, habe doch auch Manches wieder, gerade in der Erinnerung der Bewohner der Insel, gegen ihn gesprochen und Bruder Rowe, der sich von seiner wirklichen Sinnesänderung überzeugt, hätte ihn eben nur mitgenommen, um ihn vielleicht mit bei der, in den nächsten Tagen zu haltenden Versammlung von »Kirchenältesten« zu wissen und dann auf irgend eine der Nachbarinseln, auf denen er nicht gerade persönlich bekannt sei, zu versetzen.
Sadie blickte erstaunt auf den kleinen Mann, denn eine wunderbare Veränderung war jedenfalls in dessen ganzem inneren Wesen vorgegangen. Er, der noch vor wenigen Jahren jedem Wort von den Lippen der Missionaire in frommer, furchtsamer Scheu gelauscht, und weit eher an seiner eigenen Existenz, als an der Wahrheit ihrer Sätze und Glaubensformeln gezweifelt hätte, sprach jetzt, selbst von dem strengsten ihrer Schaar, gleichgültig; ja Sadie konnte sich über den Ausdruck in seinen Zügen und Worten nicht länger täuschen, fast ironisch, und das bittere Lächeln das um seine Lippen spielte mochte der _Furcht_ noch den Platz gönnen, aber strafte die Ehrfurcht Lügen.
Bruder Ezra schaute noch eine Zeit lang gerade vor sich nieder, er fühlte daß Sadiens Blick auf ihm haftete -- daß sie die Veränderung entdeckt die in ihm vorgegangen, und scheute sich auch gerade ihr vielleicht das zu gestehen, was in ihm arbeitete -- was ihm den Schlaf raubte und den Frieden und ihn manchmal wie eine furchtbare Sünde drückte und doch auch wieder mit jedem Tage, in seiner nächsten Umgebung selbst, die neue Nahrung fand. Als er aber einmal scheu und flüchtig den Blick zu ihr aufschlug, und die zärtliche, liebende Angst sah die aus diesen treuen Augen leuchtete, da mochte es ihm wohl durch das Herz zucken, daß sie -- seine Pu-de-ni-a, sein liebes liebes Kind das er gehegt und gepflegt und wie einen Augapfel gewahrt -- ja das zu ihm bis jetzt mehr wie zu einem zweiten Vater als einem Freunde aufgesehen, Schlimmes -- Schlimmeres von ihm denken könne als er ertragen mochte, und in _der_ Furcht die Hand bittend gegen sie ausstreckend sagte er leise:
»Mitonare ist kein böser Mensch geworden, Pu-de-ni-a; er liebt seinen Gott und -- thut auch -- thut Alles was in der Bibel steht aber -- andere Männer, Männer die auch sagten daß sie der liebe Gott geschickt -- sind zu ihm gekommen und haben ihm, wo er in Verzweiflung war, Trost gebracht -- wo er weinte, seine Thränen getrocknet, wo er unschlüssig stand, einen neuen Pfad gezeigt und -- wenn er sich auch bis jetzt noch nicht getraute den neuen Pfad zu wandeln -- hat er doch bis jetzt --«
Er stockte, als ob er sich nicht mehr getraue weiter zu reden, und Sadie fuhr langsam und traurig seine Hand ergreifend fort:
»Den alten Pfad seiner Religion verlassen und nur die äußere Form beibehalten, seinen Gott damit zu täuschen.«
»Aita Pudenia, aita« -- rief aber der kleine Mann da rasch und ängstlich vielleicht, weil er die Wahrheit wenigstens eines Theils des Vorwurfs fühlte -- »nein Kind, nicht meinethalben bin ich wankend geworden im rechten Pfad, nein die Mitonares selber tragen die Schuld, die einander anfeinden und schimpfen, und Heiden- und Götzenanbeter nennen, während sie Alle allein behaupten, den rechten und auch alleinigen Glauben zu haben, dessen Feinde Gott mit seiner Rache heimsuchen und von der Erde vertilgen müsse. Was mir aber am Herzen nagte, das Schicksal von altem Mann Vater -- von der _Mutter_, die noch gar Nichts von einem anderen Glauben gewußt, ja ihn kaum nennen gehört, und die nun doch rettungslos sollten verloren sein und verdammt, das that mir weh, und als der andere Priester kam und mir die Aussicht stellte, ich könne durch fleißiges Beten und frommen Wandel ihre Seligkeit auch gewinnen, von dem allbarmherzigen Gott, und als Bruder Aue dagegen donnerte mit allen Waffen der heiligen Schrift, da zuckte und zog es mir im Herz, und böse Gedanken stiegen auf in mir, und ließen mich nicht rasten und ruhn, und jetzt weiß ich nicht -- hat der Eine recht und sind sie unrettbar verdammt zu ewigem Feuer, oder der Andere und ich begehe eine entsetzliche Sünde, wenn ich mein Leben dann nicht ihrer Rettung weihe wo ich die Mittel dazu vielleicht in Händen habe. Armer Mitonare« setzte er dann traurig hinzu -- »ist recht bös daran, soll anderen Kanakas den Glauben bringen und weiß selber nicht -- Und wenn der alte Mann nun doch am Ende recht hätte.«