Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.

Part 18

Chapter 18784 wordsPublic domain

»Komm Kind, komm -- faß Dich mein süßes Lieb -- sieh was müssen die Matrosen davon denken, die gleich hier bei uns sind. Um Gott, was fehlt Dir nur?«

»Nichts -- nichts;« flüsterte Sadie leise und suchte sich aufzurichten -- sie deckte einen Moment die Augen mit ihrer linken Hand und das rasche Wogen ihrer Brust verrieth jetzt allein noch den Sturm der in ihr tobe. »Es ist vorbei« sagte sie dann nach kleiner Pause mit leiser, aber wieder fester Stimme -- »es ist Alles vorbei.«

Aia wandte sich ab, und hielt beide Hände jetzt fest an ihr Herz gepreßt, René aber rief mit lauter freudiger Stimme:

»Und da drüben beginnen wir dann ein neues, freudiges Leben -- so wirf den Gram und Kummer von Dir mein herziges Weib; sieh, da sind die Leute, und ungeduldig winkt mir der Bootssteurer schon und zeigt nach dem Schiff -- sie _dürfen_ nicht länger zögern -- leb wohl Sadie!«

Wieder warf sich die Frau an seine Brust -- aber es war nur ein Moment, nur die fast krampfhafte Wirkung des Trennungsworts, dann sich gewaltsam emporraffend griff sie nach ihrem Kind und reichte es ihm hinauf.

»Da -- küß Dein Kind noch einmal« flüsterte sie ihm zu.

»Aber Sadie, quälst Du Dich doch als ob es eine Trennung auf Jahre gälte; fasse Dich Lieb.«

»Küsse Dein Kind« bat die Frau, und das kleine liebe Ding hatte schon die Aermchen um des Vaters Nacken gelegt, und preßte seine rosigen Lippen auf seinen Mund -- »und nun leb wohl René« sagte sie dann und ihr Antlitz, wenn auch noch von Thränen überströmt, hatte ganz wieder seine alte Ruhe gewonnen -- »leb wohl René und schütze Dich -- schütze Dich Gott!«

»Mein liebes Weib --«

»So -- so, das ist gut, und nun mein Kind -- fort, fort nach Atiu« -- und unter Thränen lächelnd hob sie die Kleine sich auf den Arm; noch einmal hingen ihre Lippen in langem heißen Kuß an denen des Gatten, und sich selber aus seinem Arm reißend floh sie hinunter zum Boot, wo die Leute schon ungeduldig standen und sie erwarteten.

»Segel auf da vorn!« rief indeß der Bootssteuerer der hinten, mit dem langen Riemen im Eisenring, stand und die Abschiedsscene mit spöttischem Lächeln betrachtet hatte -- »und aufgepaßt da mit Euerem Bug, daß wir nicht auf den Sand kommen -- Alles klar?«

»Halt! die Wahine da soll auch noch mit« rief Einer der Leute.

»Wetter noch einmal, über all das Weibervolk« brummte der Wallfischfänger leise vor sich hin -- »wird eine schöne Fahrt werden.«

»So leb wohl Aia« rief der davon Springenden René noch freundlich nach -- aber Aia kümmerte sich nicht um ihn; ihr Blick hing an dem schmerzlich durchzuckten Antlitz Sadiens -- sie hörte kaum daß ihr die Matrosen zuriefen sich zu eilen, und im Boot kauerte sie neben der schlanken Gestalt der Frau nieder und barg, den Arm um sie hergeschlagen, ihr Antlitz in ihrem Kleid.

»Alles klar da vorn« schallte die rauhe Stimme des Bootssteuerers.

»Alles klar!« lautete die Antwort.

»Ab mit Euch -- stoßt ab.« Die Riemen wurden eingesetzt, der Bug des schlanken Fahrzeugs flog herum, und das Segel, das bis jetzt rasch und heftig gegen den schwanken Mast geschlagen, blähte weit aus in der frischen günstigen Brise, daß das schlanke Boot schon im nächsten Augenblick hineinpreßte in die klare Fluth, und den weißgekräußten wie gläsernen Schaum zu beiden Seiten hinausspritzte.

»Joranna René -- Joranna!« rief ihm die Frau noch hinüber, und ihre rechte Hand, während sie mit der linken das Kind an sich preßte, winkte und grüßte den Zurückgebliebenen.

»Joranna, Joranna!« schallte der Ruf zurück klar und deutlich mit der Brise über das Wasser -- »Joranna!« Aber das Boot schäumte durch die Fluth -- weiter und weiter drängte der Kiel dem Lande ab, der schmalen Einfahrt des Hafens zu und draußen, mit backgebraßten Segeln, lag schon das Schiff, der Ankunft des Bootes harrend, mit wehender Flagge noch, wie es den Hafen von Papetee verlassen. Jetzt hatte das schnelle Boot die offene See erreicht, mehr und mehr näherte es sich dem Wallfischfänger; jetzt fiel das Segel, René konnte deutlich die Leute erkennen, wie sie hinaufliefen an der Seitenwand -- das Boot stieg empor, die Raaen flogen herum und »Joranna« hauchten seine Lippen das Abschiedswort, als das wackere Schiff die frische Brise faßte, Segel auf Segel sich noch entfaltete, und der schlanke Bau in seinen Formen in immer weiterer Ferne mehr und mehr zusammenschmolz, bis er, ein weißer Punkt noch auf der dunkelblauen Fläche ruhte und -- verschwand.

[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden Ebook wurden offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert. Die Schreibweise von Eigennamen richtet sich weitgehend auch nach den beiden bereits veröffentlichten Bänden.

Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersetzt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck: #fetter Text#]

End of Project Gutenberg's Tahiti. Dritter Band., by Friedrich Gerstäcker