Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.
Part 16
»Hallo Waihine's!« rief da der Eine der Franzosen in ihrer Sprache -- »auf mit den Köpfchen, was haltet Ihr das Kinn auf der Brust und das Näschen im Schultertuch -- aufgeschaut Dirnen und laßt ein vernünftig Wort mit Euch reden. -- Vor Allem sollt Ihr mir eine Frage beantworten, und ich weiß Ihr könnt, wenn Ihr wollt.«
Die beiden Töchter Fanue's wandten ihr Antlitz trotzig ab, und nur die Fremde senkte ihr Köpfchen tiefer und tiefer, und glühendes Roth schoß ihr über Wange und Stirn und färbte ihr den Nacken selbst bis unter das Oberkleid. Der alte Fanue aber, die Verlegenheit der Mädchen bemerkend und kaum noch im Stand den Zorn zurückzuzwingen der in ihm kochte und gährte, sagte finster, die Feinde seines Vaterlandes mit den Augen messend:
»Und was habt _Ihr_ für Fragen zu stellen und zu einem Haus zu kommen, zu dem man Euch nicht das ~hare mai~ gerufen hat? -- fort mit Euch wohin Ihr gehört auf Euere Schiffe, und mit denen weiter über das blaue Wasser nach den Lee-Inseln; unsere Augen schmerzen von Euerem Anblick.«
»Dir wird bald noch etwas anderes schmerzen, alter Bursche, wenn Du so unverschämte Reden führst!« rief Einer der Bewaffneten drohend; »übrigens hat kein Mensch mit Dir gesprochen, sondern mit den Dirnen hier, so warte hübsch bis Du gefragt wirst -- hallo hier Waihine, gieb Antwort mein Kind, und vor allen Dingen mir einen Kuss« sich niederbeugend zu ihr, legte er seinen rechten Arm um ihren schlanken zitternden Körper, während sie sich ihm mit lautem ängstlichem Ruf zu entziehen suchte.
Der alte Fanue sprang in grimmer Wuth empor, zu gleicher Zeit hatte aber auch Einer der Franzosen das Mädchen von Papetee erkannt, und den Arm nach ihr ausstreckend rief er in freudigem Staunen:
»~Nahuihua~ -- bei Allem was da lebt -- die Perle die ich suchte; da bist Du ja, Mädchen!«
»Zurück -- Le-fe-ve« -- rief aber die Schöne mit zornfunkelnden Augen -- »zurück falscher Wi-Wi -- todtmüde auf der Matte liegt drin im Haus Aumama -- und sie hat den Fluch über Dich gesprochen.«
»Aumama?« rief Lefévre etwas bestürzt, »sie ist hier?« jede weitere Unterhandlung wurde aber rasch und plötzlich durch den greisen Häuptling selber abgeschnitten, der mit zornfunkelnden Augen zwischen die Fremden sprang und Lefévre, denn dieser war es wirklich, an der Schulter faßte und zurückschleuderte von dem Mädchen. Er hatte den Namen gehört und dachte in dem Augenblick nicht an die Folgen.
»Fort mit Dir!« schrie er und sein Auge blitzte -- »fort mit Dir falscher Wi-Wi, oder diese Hand greift noch einmal nach der Kriegskeule und dem Speer, nach dem es mich lange und lange gejuckt hat; fort mit Dir, meineidiger feiger ~Huapareva~[K] oder Du sollst den Tag verfluchen der Dich zu unserem Leid an diese Küste gebracht!«
[K] Das Ei des Vogels Pareva das oft in der See, auf altem Schilf schwimmend gefunden wird, und womit die Insulaner Personen von unbekannter dunkler Herkunft vergleichen.
»Teufel!« schrie aber Lefévre in toller Wuth, der von der kräftigen Hand des Alten seitab geschleudert wirklich Augenblicke brauchte sich im Gleichgewicht zu halten daß er nicht zu Boden fiel -- »Teufel!« und sich in wildem Grimm auf ihn werfend, wollte er einen Schlag nach ihm führen, aber der Alte kam ihm zuvor, warf seinen Arm zur Seite und traf ihn mit kräftiger Faust dermaßen gegen die Stirn, daß er betäubt einen Schritt zurücktaumelte.
»Rebellion!« schrie da Einer der Bewaffneten, und den Hahn spannend und die Flinte emporreißend, schlug er auf den ihm trotzig gegenüberstehenden Häuptling an und feuerte. Die Kugel wäre dem alten Mann auf die kurze Entfernung auch jedenfalls verderblich gewesen, hätte nicht ~Nahuihua~, während die beiden anderen Mädchen flüchteten, selber den Lauf des Gewehres gerade noch zur rechten Zeit emporgeschlagen, das tödtliche Blei durch das Dach des Hauses zu senden.
Jetzt aber sprangen auch die andern Männer empor, an dem beginnenden und in der That nicht mehr zu vermeidenden Kampfe Theil zu nehmen; Lefévre nur, der sich rasch von dem Schlag erholte, kümmerte sich nicht weiter um den Alten, auf den sich schon zwei der Soldaten geworfen hatten, ihn nieder zu reißen und als Gefangenen mitzunehmen, sondern sprang mit einem Satz auf die zusammenschreckende Maid, die in Todesangst der Schwester Namen rief, faßte sie mit unwiderstehlicher Gewalt in seine Arme, hob sie, trotz allem Sträuben und Wehren vom Boden auf, und floh mit ihr den Pfad hinunter, den Strand und mit ihm sein Boot zu erreichen, und seine Beute in Sicherheit zu bringen.
Mehre Schüsse wurden indessen oben gefeuert und unter dem Zeterschrei der Frauen stürzten zwei der Insulaner, der Eine schwer verwundet, der Andere todt, zur Erde nieder. Auf der Schwelle der Hütte aber erschien, gleich nach dem ersten Schuß, eine andere Frau, ein junges schönes Weib, die Haare aber wild und ungeordnet um Stirn und Schläfe hängend, das Schultertuch selbst gelöst und nur von der linken Hand zusammengehalten, wild und verstört wie sie aufgesprungen aus festem Schlaf nach langer Wanderung und Ermattung. Aber nur einen Blick warf sie auf die Kämpfenden, ihr Auge suchte ein anderes Ziel, und mit der Schwester Hülfeschrei erkannte sie kaum die Gestalt, in deren Arm sie sich sträubte, als sie auch, alles Andere um sich her vergessend, vorsprang sie zu retten -- sich selber zu rächen.
Dicht vor ihr rang Einer der Soldaten mit einem Insulaner, und der Indianer hatte dessen Gewehr gepackt, das er ihm zu entwinden suchte, sein kurzer Degen aber hing in der Scheide, ihrem Griff frei, und mit Gedankenschnelle die Waffe an sich reißend, floh sie den Hang nieder. Das Schultertuch flog ihr von den Achseln, die Haare flatterten wild hinterdrein, aber was achtete das die Rasende -- wie eine zürnende Göttin ihres Waldes, und so schön wie zornig, flog sie dahin, die Füße kaum den Boden berührend, und ehe noch der Räuber den Waldrand erreicht war sie dicht hinter ihm.
»Le-fe-ve!« hauchte sie, und kaum brachte sie das Wort über die Lippen, aber der Fliehende hörte es und es traf ihn wie ein Stoß in's Herz -- »Le-fe-ve!« und er wandte den Kopf, ließ aber auch in dem nämlichen Moment die Gefangene frei, die ihm unter den Händen fort und in die Büsche glitt, während das zürnende Weib mit geschwungener Wehr gegen den erschreckt Zurückfahrenden ansprang.
»Dieb!« schrie sie mit heiserer fast erstickter Stimme, »falscher schurkischer Dieb!« und wäre die schwache Hand gewohnt gewesen eine Waffe zu führen, der Schlag mit dem sie nach dem Haupt des Verräthers niederschmetterte, hätte für diesen keinen zweiten nöthig gemacht. Selbst so traf er den rechten Arm, den er schützend vorgestreckt, daß er kraftlos an seiner Seite niederfiel, und Lefévre wagte nicht dem zweiten Hieb, wagte nicht länger dem zürnenden Auge der von ihm so schändlich verrathenen Frau zu trotzen, und floh in feiger Angst, rücksichtslos wohin die Flucht ihn brachte, in den Wald hinein und den Hang nieder, zum Strand zurück.
Von dort aber stürmten indeß die Franzosen gleich nach dem ersten Schuß in wilder Eile bergauf, dem Schauplatz des Kampfes zu, wo sich indeß die Sachlage wesentlich verändert hatte.
»Sind wir Hunde?« schrie der alte Fanue in grimmer Wuth den, ihm zu kurzem, Athem verlangenden Waffenstillstand gegenüberstehenden Feinden zu -- »daß Ihr uns so behandelt? -- wir waren ein ruhiges Volk, wir _wollten_ Frieden, aber Ihr laßt uns nicht Ruhe, Ihr reizt uns bis in das innerste Herz hinein, so nehmt denn auch die Folgen!«
»Die Bestie droht noch!« schrie ein Soldat, »so, das für Dich, Du rothe Giftkröte!« und auf ihn anschlagend zielte er ihm auf den Kopf und drückte ab; aber die Kugel zischte ihm dicht am Ohr vorbei, das sie leicht streifte, und schlug in den hinter ihm stehenden Brodfruchtbaum. In demselben Augenblick hatte sich aber auch der alte Häuptling auf ihn geworfen, und ein kleines Handbeil hoch geschwungen in der Hand, traf er damit die Stirn des Unglücklichen daß er, mit dem Todesröcheln auf den Lippen leblos zusammenbrach.
»Nieder mit den Verräthern!« schrieen die Franzosen, »hierher Kameraden -- hierher zu Hülfe!« und einzelne Schüsse fielen; aber aus dem benachbarten Orangendickicht, während eine Schaar von französischen Soldaten den Pfad heraufstürmte, brach ein dunkler Haufe von Eingebornen, nicht unbewaffnet, sondern mit blitzenden bayonnetbewehrten Musketen in der Hand, und den Franzosen gerade gegenüber feuerten sie mitten hinein in den Schwarm, der sich also überrascht und bestürzt in der Flanke angegriffen sah. Der gellende Kriegsschrei tönte zugleich von den Lippen der Insulaner, und wurde von allen Seiten her beantwortet. Die Franzosen aber merkten jetzt wohl daß sie es in kurzer Zeit mit einem, ihnen weit überlegenen Feind würden zu thun bekommen, während sie sich hier höchst leichtsinniger Weise zu weit von dem Strand entfernt hatten, und in dem dichten Gebüsch dem schlauen Gegner viel eher in die Hand gegeben waren. Fest deshalb zusammenrückend, und jetzt nur auf Vertheidigung bedacht, feuerten sie ihre Gewehre gegen die Angreifer ab und zogen sich dann, ihnen die Bayonnette entgegengestreckt und die Unbewaffneten in ihre Mitte nehmend, den Weg zurück den sie gekommen. Die Insulaner aber, voll Grimm und Wuth über das vergossene Blut der ihren, und durch den Rückzug des Feindes nur noch mehr ermuthigt, warfen sich in toller Todesverachtung ihnen entgegen, und manche schwere Wunde wurde noch gegeben und empfangen, ehe die Franzosen den offenen Strand wieder erreichten.
Hier von den ihrigen unterstützt, wollten sie einen neuen Angriff machen, theils die Insulaner zu züchtigen, theils einzelne ihrer Verwundeten, die sie hatten nach dem ersten Anprall zurücklassen müssen, zurück zu erobern, und nicht gefangen, wer wußte welchem Schicksal, zu überlassen; aber das was sie fanden war mehr als Widerstand, es war der endlich losgebrochene Grimm eines mißhandelten Volkes, und mit dem alten Fanue an der Spitze, der schon aus vier oder fünf Wunden blutete, warfen sich die Eingebornen dem viel besser bewaffneten Feind mit solcher Hartnäckigkeit und Todesverachtung immer auf's Neue entgegen, daß dieser zuletzt in voller Flucht die Boote suchen und nach dem Schiffe zurückrudern mußte. Dieses eröffnete jetzt, da die eigenen Leute den Kugeln nicht mehr im Wege standen, ein unregelmäßiges aber von wenig Erfolg begleitetes Feuer auf die Eingebornen, die sich dabei wieder in den Wald zurückzogen, und die Corvette, mit keiner Ordre hier einen wirklichen Kampf zu beginnen, der sogar höchst unsicher schien da die Eingebornen wider alles Erwarten reichlich mit Feuerwaffen versehen waren, lichtete ihren Anker und suchte so rasch sie konnte wieder nach Papetee aufzukreuzen, dorthin die wohl schon erwartete, aber jedenfalls höchst unwillkommene Nachricht von dem Aufstand der Insulaner zu bringen.
An Todten und Verwundeten hatten sie bei diesem ersten Kampf zwischen vierzig und fünfzig verloren, von denen sie nur einen Theil im Stande waren wieder auf ihre Boote in Sicherheit zu bringen; fast alle Todte und viele der Verwundeten blieben in der Gewalt der Feinde.
Von Papetee wurde, sobald die Nachricht dort eintraf, augenblicklich ein Kriegsdampfer, und die ~Jeanne d'Arc~ mit den nöthigen Marinesoldaten abgeschickt, die Insurgenten zu züchtigen und zu zerstreuen, während die Eingebornen um Papetee, die noch rascher durch abgeschickte Läufer Kunde von dem Beginn der Feindseligkeiten erhalten, ebenfalls zu den Waffen griffen und sich in nicht unbedeutenden Schwärmen in der Nähe der jetzt vollständig befestigten Stadt, wo man jeden Augenblick einen Angriff erwartete, sammelten. Die Lage der Franzosen in Papetee wurde dadurch denn auch zu einer keineswegs angenehmen, da die Uranie, wie mehre andere Kriegsschiffe, den Hafen erst ganz kürzlich verlassen hatte, einen temporären Westwind benutzend, die Marquesas zu erreichen. Die Besatzung, durch das Auslaufen der übrigen, irgendwo an der Küste verlangten Fahrzeuge, blieb deshalb fast allein nur auf sich selber angewiesen, und war sich der Gefahr in der sie, einem wirklich ernsten Angriff der Eingeborenen gegenüber, schwebte, recht gut bewußt.
Capitel 10.
Der Abschied.
Die Lage der Dinge war aber jetzt eine so mißliche geworden, daß René selber fürchtete außerhalb der Befestigungen, und in der That gerade in einem Distrikt wohnen zu bleiben, der mitten zwischen dem Hauptsitz der Europäer und den Strecken lag, auf denen sich die Insulaner schon an zu sammeln und zu verbarrikadiren fingen, und von wo aus sie auch jedenfalls Streifzüge gegen Papetee selber unternehmen würden. Welche Parthei nun auch Sieger blieb, die Unannehmlichkeit, ja die Gefahr einer solchen Lage blieb dieselbe. Aber Sadie wollte nicht nach Papetee -- Monsieur Belard hatte ihnen schon ein kleines Gebäude, das auf seinem Grundstück lag und leer stand, anbieten lassen; der Gedanke aber was sie dort gesehn, die Angst selber dann vielleicht gezwungen zu sein länger zwischen den Fremden wohnen zu bleiben, und wieder in einen Umgang gezogen zu werden, dessen Gefahren ihr Herz mit einer ihr selber unbegreiflichen Furcht erfüllten, trieben sie zu wirklich entschlossener Weigerung, und sie fand einen Bundesgenossen der sie darin unterstützte in dem ehrwürdigen Mr. Nelson.
Dieser war längere Zeit unten in Papara gewesen, und ganz kürzlich erst wieder von da nach Papetee zurückberufen, eine andere noch nicht fest bestimmte Station auszufüllen. Sadie hatte dem würdigen Mann ihr ganzes Herz ausgeschüttet, Alles geklagt was ihr fehle, Alles gestanden was sie bei einem längeren Aufenthalt unter den Fremden fürchte, und in dem Geständniß, während sie sprach, und Worte fand für das, was ihr bis dahin still und schwer im Herzen gelegen und ihr so weh gethan, war es auch fast als ob sich Manches, was ihr bis dahin selber noch nicht klar gewesen und ihr mit finsterer unbegriffener Ahnung die Brust erfüllte, von selber löse und zu fester Form gestalte. Sie öffnete dem alten ehrwürdigen Mann ihr ganzes Herz, und erfuhr dabei erst selber wie dunkel doch die Welt jetzt um sie lag, und wie sie nur in der That noch durch eine Flucht nach Atiu dem Allen wieder entgehen, und glücklich werden könne. René liebte sie noch wie in früherer Zeit, sein Herz war gut und brav und edler Regung, Handlung rasch geöffnet, -- nur der Verführung mußte er hier entzogen sein -- nur erst wieder vergessen was er Alles aufgegeben für sie, dann würde auch Alles wieder gut wie in früherer Zeit, und der Himmel wieder blau, der jetzt wohl recht lange trüb gewesen -- recht trüb und traurig.
Ein erster Sonnenblick in dieses Dunkel war die Berufung des alten wackeren Missionairs Nelson nach Atiu, die er, wie er Sadie versicherte, der freundlichen Verwendung des Mr. Rowe, der überhaupt jetzt Einer der leitenden Missionaire geworden war, zu danken hatte. Ein Englischer Wallfischfänger, der hier vor einigen Tagen erst eingelaufen Erfrischungen einzunehmen, hatte sich dabei, von den Geistlichen der Inseln aufgefordert, erboten, den Missionair mit seinen Habseligkeiten an den neuen Ort seiner Bestimmung zu schaffen, und Mr. Nelson kam jetzt Sadie und René den Vorschlag zu machen, ihre Sachen und Mobilien einzupacken, und Sadie mit dem Kinde ihm anzuvertrauen. Er hatte schon die Versicherung erhalten daß man Bruder Ezra erlauben würde ihn zu begleiten, und zweifelte sogar nicht daran, auch vielleicht René seines Worts entbunden zu sehn, der dann gleich Schiffsgelegenheit wie Alles geordnet hatte, seine längst besprochene Uebersiedelung auszuführen. Günstigeren Zeitpunkt dazu gab es nicht für ihn, und verzögerte sich selbst jetzt noch, durch Französische Weitläufigkeit aufgehalten, seine Abreise, so wußte er nicht allein, wenn der Kampf hier wirklich losbrach, Weib und Kind in Sicherheit, sondern er selber war auch durch Nichts mehr behindert, frank und frei nachzukommen sobald er sich nur selber dieser trostlosen Untersuchung entzogen.
Sadie erschrak anfänglich bei dem Gedanken sich von René, und wenn auch nur auf kurze Zeit, zu trennen, so sehr ihr auch das Herz freudig pochte in wenigen Tagen vielleicht ihr liebes Atiu dann wieder zu sehn. Sollte -- _durfte_ sie den Gatten hier allein zurücklassen, wo ihm vielleicht noch Gefahr für seine Freiheit, und wie sich der Kampf gestaltete, für sein Leben drohte? Und _allein_ nach Atiu zurückzukehren? -- sie hatte sich das so ganz anders gedacht -- so lieb und glücklich sich das ausgemalt wenn sie, an die Brust des Gatten geschmiegt, ihr Kind am Herzen, von fern die ersten Kuppen der lieben Insel wieder erschauen würde -- wenn die Thäler und Hänge dem Meer entstiegen -- rechts und links das niedere Palmenbewachsene Land austräte von den Gebirgen, und höher und deutlicher würde, und sie sich dann jeden felsigen Vorsprung zeigen konnten, jedes Thal, jede Schlucht und zuletzt -- Ach sie seufzte recht schwer und schmerzlich auf wenn sie daran dachte, daß sie das Alles jetzt _allein_ nur schauen sollte, wo die Freude über den Anblick doch das Bewußtsein halb ertödten müßte -- _er_, durch den Dir die Plätze und Thäler ja so lieb gewesen, er der Dir dies Land ja erst zum Paradies geschaffen, ist nicht bei Dir, und wenn er kommt, muß er das Alles auch allein nur wiedersehn, und hat seine Sadie, hat sein Weib und Kind nicht bei sich, dem seligen Gefühle Wort und Laut zu geben.
Ging sie aber jetzt nach Atiu, so bot ihr das auch einen Ausweg nicht hinein in die Stadt, nicht nach Papetee zu ziehn, fort fort zu dürfen aus der Nähe der Menschen, die sie nicht verstanden, die zu ihr _nieder_blickten, mit ihrer Haut und Bildung, die ihr nie das Bedürfniß stillen konnten und -- mochten, ein Herz zu finden dem sie sich anschlösse, eine Brust in die sie ausschütten konnte was sie quäle, der sie zujubeln durfte was sie freue.
René sträubte sich Anfangs ebenfalls gegen den Gedanken Frau und Kind vorausziehn zu lassen, so lieb es ihm auch sonst war, sie jeder hier aufsteigenden Gefahr enthoben zu sehn; er wußte aber auch recht gut, wie schwer es in jetziger Zeit sei eine so günstige Gelegenheit zu finden auf einem großen sicheren Schiff die Seinen an den Ort ihrer Bestimmung zu schaffen, und nur einen letzten Versuch wollte er machen, von dem jetzigen Gouverneur die Erlaubniß zu erhalten die Frau begleiten zu dürfen. Trotz einer unausgesetzten Untersuchung jenes Falles, bei dem sich die Französischen Behörden ganz besonders solche Mühe gaben, irgend etwas Gravirendes gegen die Protestantischen Geistlichen oder die auf der Insel überhaupt wohnenden Engländer zu finden, hatte sich nicht das Geringste herausgestellt, was auch nur den Schatten eines Verdachts auf seine Betheiligung werfen konnte; ausgenommen vielleicht daß sein Ueberfall an dem Abend, René wußte selber nicht wie, bekannt geworden, und man ihm das gewissermaßen zum Vorwurf machte, es gegen die seine Untersuchung leitende Behörde verschwiegen zu haben. Anderseits sprach das aber wieder um so mehr für seine Unschuld, von dem beabsichtigten Verbrechen, verbotene Waffen auf die Insel zu führen, Nichts gewußt zu haben; was hätte den Insulanern sonst an seiner Person gelegen. Die Sache schien überhaupt keinen Erfolg zu versprechen und man wurde ihrer müde. Bruder Ezra hatte dabei wirklich die Erlaubniß erhalten nach Atiu zurückzukehren, mit der Bedingung jedoch, gleich aus dem Gefängniß an Bord geschafft zu werden, und mit weiter Niemandem an Land auch nur den geringsten Verkehr zu haben.
René ging denn auch ohne Weiteres zur Wohnung des Gouverneurs, diesem die Sache noch einmal, wie seine ganzen Verhältnisse vorzutragen, und ihn zu bitten ihn seines Worts zu entbinden. Sei denn später seine Gegenwart wirklich noch einmal nöthig, was aber jetzt sehr zu bezweifeln stand, so lag ja Atiu auch nicht aus der Welt, und er wäre jeden Augenblick bereit gewesen sich zu stellen.
Aber auch hier sollte er sich wieder in seiner Hoffnung getäuscht sehen; Gouverneur Bruat war gar nicht in Papetee, sondern mit einer Dampf-Fregatte selber hinunter nach Tairabu gegangen, von wo der, im Bureau befindliche Secretair glaubte, daß der Oberbefehlshaber der Inseln wahrscheinlich eine Rundreise nach der benachbarten Gruppe hinübermachen wollte, da besonders von Huaheina und Bola Bola ebenfalls bedenkliche Nachrichten über den Zustand der dortigen Verhältnisse eingelaufen waren. Der Secretair konnte natürlich Nichts in der Sache beschließen, die nur der Gouverneur zu erledigen vermochte, und er bat den jungen Mann nur noch höchstens zehn oder zwölf im allerlängsten Fall vierzehn Tage zu warten, wo Mons. Bruat unter jeder Bedingung zurück sein müßte, und dann der Entbindung von seinem Wort auch sicher nichts weiter im Wege stände, da er ihm die Beruhigung allerdings geben könne, daß sich der Gouverneur selber dahin geäußert habe die Untersuchung als trostlos fallen zu lassen. Nur einen definitiven Beschluß vermochte er selber nicht zu geben.
Das schlug zwar alle seine Hoffnungen zu Boden mit dem, schon am nächsten Morgen zum Auslaufen bestimmten Wallfischfänger in See gehn zu können, beruhigte ihn doch aber auch so weit, daß seinem raschen Nachfolgen nichts mehr im Wege stehn würde. Ohne Weiteres beschloß er nun aber auch in die Abreise seiner Frau und seines Kindes mit dem bequemen Wallfischfänger, dessen Capitain er gleich selber aufsuchte, zu willigen, besprach mit diesem das an Bordschaffen der verschiedenen Güter, das am nächsten Morgen mit Tagesanbruch durch die vier Wallfischboote des Schiffes selber geschehen sollte, wie denn Mr. Nelsons Effecten schon eingenommen waren, und schritt nun langsam nach Hause zurück, die letzte Nacht unter dem Dache an Mativaibai, wo er so manche frohe und glückliche Stunde verlebt, mit seiner Sadie zuzubringen.
Die letzte Nacht -- es liegt ein eigener, wehmüthiger Zauber in dem Wort, wenn wir einen lang bewohnten, wohl gar lieb gewonnenen Platz verlassen sollen; trifft uns ja doch schon die Bedeutung des Worts bei selbst gleichgültigen Stellen, bei einem Ort vielleicht, aus dem wir uns fortgesehnt haben mit aller Kraft unserer Seele. Wir drängten und trieben, bis wir das Ziel erreicht, bis wir das Haus, den Platz zuletzt verlassen konnten, wo uns der Boden vielleicht schon Monate lang unter den Füßen gebrannt, und wenn wir fort _dürfen_, wenn die Welt frei und offen vor uns liegt, und die Schranken fielen, die uns bis dahin hielten, dann faßt uns ein eigenes, unerklärbares, unbegreifliches Gefühl von Weh und Reue fast die Brust -- wir stehn und zögern, wenden uns zum Gehn, und der Fuß ist schwer geworden, der uns in Gedanken schon oft im Fluge weiter trug. Und frägst Du Dich _warum_? -- zum letzten Male bewohn ich diesen Platz, sagst Du Dir leise -- zum letzten Mal betret ich ihn vielleicht -- dazwischen liegt die Ewigkeit, und der Gedanke an jenes unbestimmte Sein, dem wir mit diesem neuen Schritt schon wieder so viel mehr entgegen gehn, klopft und regt sich Dir in der Tiefe des Herzens, und mahnt und warnt, und Dein Zögern ist nicht mehr die Anhänglichkeit an den vielleicht verhaßten Platz -- es ist die Furcht, die kaum gefühlte Scheu der Zukunft gegenüber.
Und wie viel stärker muß das Gefühl da sein, wo sich das Herz noch mit allen Fasern an die Erinnerung lieber Plätze klammert, und nicht loslassen will und mag, der ersten Forderung; was uns da fern liegt stößt uns noch zurück, und das Gewohnte, dem sich das Herz ja so gern zu eigen giebt, wahrt und behauptet seinen alten Raum.