Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.

Part 15

Chapter 153,748 wordsPublic domain

»Schickt Dich der Ferani?« frug die Königin, ihn mit einem finstern Blick betrachtend -- »haben sie Dir wieder neue Versprechungen gemacht, oder soll ich vielleicht noch einen Vertrag unterzeichnen, der mir auch die Füße bindet, wie der erste die Hände, und mich hier hält in ihren bewaffneten Häusern, als Geißel für die Unterwürfigkeit meines armen Volkes?«

Tati zog die Brauen finster zusammen und sein Blick suchte den Missionair, als ob er dort den Grund solcher harten Anklage vermuthe, aber das gute Element in ihm gewann die Oberhand und mit ruhiger fast herzlicher Stimme sagte er:

»Du hast Grund uns zu zürnen, Pomare, denn wenn auch absichtslos, gaben wir dem Ferani den Halt an dieses Land, den er jetzt benutzt, es zum Abgrund niederzureißen, aber vielleicht bin ich im Stande Dir heute zu beweisen daß es Tati redlich mit Tahiti, redlich mit Dir meint, und kleinliche Eifersucht seinem Herzen fremd ist, in der Stunde der Noth. Du bist in Gefahr und mußt Papetee verlassen.«

»Ich weiß es, ich weiß es« rief Pomare schnell -- »der ehrwürdige Mann hier hat mich schon gewarnt, und das Schiff der Beretanis wird mich und die Meinen aufnehmen, ehe ich mich den Feranis gefangen gebe.«

»Das Schiff der Beretanis?« rief Tati, fast ebenso sehr erschreckt als erstaunt -- »und was hast Du bei den Beretanis zu thun? sind sie nicht Fremde, so gut als Jene? O Pomare, wann wirst Du aufhören Dich auf Fremde zu verlassen?«

»Der Häuptling Tati spricht, als ob unsere Nation dem Tahitischen Stamme je noch feindlich gewesen wäre« sagte der Missionair, »ich dächte wir hätten bewiesen, daß wir unsere Tahitischen Brüder lieben.«

»Genug -- genug« sagte der Häuptling abwehrend -- »nicht um mit Worten zu streiten bin ich hierhergekommen; die Zeit zum Handeln ist gekommen, und Du, Pomare, sollst jetzt beweisen, ob Du würdig bist das Tahitische Volk zu regieren, wo dann Tati und alle Andern sich freudig Deiner Herrschaft beugen werden.«

»Und soll ich mit meiner Flucht solchen Beweis beginnen?« frug die Königin bitter.

»Allerdings« rief Tati rasch, »aber nicht wenn Dich die Bahn nach einem fremden Schiffe führt.«

»Und wohin denn? -- wo hast Du Schutz für mich?«

»Bei Deinem Volk, Pomare!« rief der Häuptling rasch und während die Königin finster und wehmüthig mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er von seiner Sache begeisterter, wärmer werdend, fort -- »schüttle nicht so zweifelnd das Haupt, die Führer fast aller Partheien, die sich vereinigt haben in der gemeinsamen Noth des Landes senden mich, und rufen, ja fordern Dich auf, ihrem Schutze Dich anzuvertrauen und mit ihnen in die Berge zu ziehn. Dort pflanzen wir die eigene Fahne auf, und Tod den Feinden, wenn sie es wagen sollten uns dorthin zu folgen, wo wir uns fest und freudig um Dich geschaart.«

»Nur bei dem Versuch in die Berge zu entkommen« warf hier kopfschüttelnd der Geistliche ein -- »wäre Pomare fast der gewissen Gefahr ausgesetzt, von den Feranis angehalten und gefangen zu werden. Sie würden es nimmer dulden etwas geschehn zu lassen, was ihnen die Eingebornen zu so viel gefährlicheren Feinden machen müßte.«

»_Gefahr_ und _Dulden_!« rief der Häuptling, mit dem Fuße stampfend, »ein einzig Zeichen durch die Stadt von mir und fast drei Viertel der Bewohner schaaren sich mit einem Jubelschrei um ihre Königin. Laßt das Volk wissen daß Tati und Utami, Hitoti und Paraita mit Pomaren sind, und kein Arm der noch einen Bogen spannen und einen Speer schleudern kann, bleibt daheim, das Ende schmachvoll abzuwarten. Nein Pomare, nicht Furcht jetzt, nicht Gefahr, darf Dich abhalten davon, Dich an die Spitze Deines Volks zu stellen. Die Fremden haben jetzt deutlich genug gezeigt _was_ ihre Absicht ist, und uns bleibt keine andere Wahl, als Unterwerfung oder Kampf.«

»Uns bleibt die Wahl Britischen Schutz zu suchen« rief der Missionair, neben Pomare tretend, »uns bleibt der Schutz der Bibel und wenn auch spät, die Hülfe bleibt nicht aus; so langsam sie kommt, so sicher wird sie kommen.«

Tati wollte heftig gegen den Priester auffahren; aber er bezwang sich, er fühlte die Wichtigkeit dieser Stunde und sagte ernst und ruhig:

»Pomare, der Augenblick ist gekommen, wo Du zu wählen hast zwischen Deinem Volk und den Fremden, zwischen Deiner eigenen Herrschaft oder der, Beretanischer oder Feranischer Priester; -- gieb Dich wieder in ihre Hände, und Deine Macht ist gebrochen für ewige Zeiten -- wirf sie von Dir, und wir erkämpfen Dir die Freiheit oder uns Allen einen ehrenvollen Tod. Sieh, daß die Häuptlinge _mich_ senden, mag Dir ein Beweis sein wie wir denken -- jeder Partheistreit sei vergessen, jeder kleinliche Gedanke an Eigennutz zerstört, das Vaterland ist in Gefahr und wie der fremde Ferani schlau und tückisch seinen Vortheil zog aus dem Zwiespalt der Partheien, so pflanze die _eine_ Macht jetzt siegreich ihr Banner auf in den Bergen.«

Die Königin stand unschlüssig; das Herz schlug ihr heftig und ihr Blick flog ängstlich von den schönen belebten Zügen des Häuptlings nach dem bleichen Antlitz des Priesters hinüber.

»Und was wird aus Pomare Tane?« frug sie leise.

Tati biß sich die Lippe --

»Er mag mit Dir gehn« sagte er endlich leise, »aber _wenn_ er ein Mann wäre hätte er selber schon das Schwert aufgegriffen und sein Volk zu den Waffen gerufen -- oh daß Dein Vater lebte, Pomare.«

»Und was dann, wird aus den Lehrern dieses Volks, was wird aus uns und unseren Häusern?« rief der ehrwürdige Mr. Rowe. »Vertrauungsvoll sind wir an Eueren Strand gekommen, Euch den Frieden und die Liebe zu bringen, und sollen wir jetzt als Geißeln in den Händen der Feinde zurückbleiben? So lange Du unter Britischem Schutz stehst, Pomare, wird ebensowohl _Dein_ Eigenthum hier geachtet werden, denn die Feranis fürchten unseren Stamm, mögen sie jetzt hier so trotzig auftreten wie sie wollen, einmal aber erst in die Berge geflüchtet, als erklärter Feind und mit den Waffen in der Hand, so ist nach den Gesetzen des Kriegs Alles dem verfallen, der das Feld behauptet.«

»Und denkt Ihr an Euch jetzt allein?« rief Tati zornig, »wo das Schicksal des ganzen Landes am Rande des Abgrunds steht?«

»Viel weniger an mich« -- erwiederte ruhig der Missionair, »als an alle meine Brüder hier auf den Inseln, ja an das Schicksal der Mission selber, die damit ihrem gewissen Untergang entgegen zöge. Sobald Pomare jetzt offenkundig den Krieg beginnt, liegt die Vergangenheit abgeschnitten hinter ihr, und die Gewalt der Waffen allein entscheidet wer künftig und welche Religion herrschen soll. Wird sie besiegt, so ist es der Sieger, der die Bedingungen schreibt und denen sie sich fügen muß, indeß sie jetzt noch immer Englands Hülfe sich erhält, seine Vermittlung die stets nur auf Seiten der Bibel sein kann.«

»Zum Abgrund mit der Bibel!« schrie aber der im Herzen noch immer den alten Göttern zugethane Häuptling jetzt, bei dem der Zorn über den egoistischen Geistlichen die Ueberhand gewann -- »es gilt hier nicht das dicke Buch, es gilt das ganze Land, es gilt hier für Pomare die Herzen ihres Volks, die jetzt noch mit ihr, doch wer weiß wie lange sind. Tati läßt auch Alles zurück was er sein eigen nennt, ebenso Utami -- wir wollen uns selber, wollen unsere Ehre, unser Reich retten, mag der Feind die Brandfackel in unsere Hütten werfen und unsere Brodfruchtbäume niedermähn; die Berge tragen Feis, der Wald Orangen und Guiaven und tausend andere Früchte, und Gottes Sonne glüht und leuchtet da oben so rein und frisch, wie hier im Thal.«

»Ich will auf das Schiff gehn, Tati« sagte aber jetzt Pomare, die bis dahin unschlüssig und ängstlich gestanden -- »der Mitonare hat recht; so lange ich unter Englischem Schutz bin und nicht gegen sie kämpfe, werden sie unser Eigenthum achten und nicht zerstören, und das fromme Werk der Mission, das mir von Gott überantwortet ist, wird nicht zu Grunde gehn; ich will nicht das Schwert nehmen, ich bin eine Frau und meine Kinder sollen ihre Krone nicht vergossenem Blute zu verdanken haben -- wenn Andere Unrecht thun will ich nicht selber sündigen. Und auch Du Tati, schaudere vor dem Abgrund zurück an dem Du stehst, denn Du verachtest die Bibel und sie ist Deine einzige Rettung.«

»Pomare -- laß uns nicht in dieser Stunde um ein Wort, um eine Meinung zanken,« bat aber der Häuptling -- »schicke mich nicht fort von Dir mit solcher Antwort; noch bist Du Königin und will Dich England schützen, wird es das eher thun, wenn Du Dir Achtung von ihm _erzwingst_, durch Königliches Handeln, als wenn Du feige auf eines ihrer Schiffe flüchtest, von vorn herein gleich erklärend, ich bin zu schwach, ich _kann_ nicht Königin sein.«

»Da kommt Bruder Brower in großer Eile« rief Mr. Rowe da, der einen Blick durch das Fenster geworfen -- »was wird er bringen?«

»Unheil diesem Haus« sagte Tati düster, der in den Augen Pomare's schon seine Antwort las, und nicht mit Unrecht befürchtete der zweite Mitonare würde den Ausschlag geben. Er sollte darüber nicht lange in Zweifel bleiben; mit ängstlicher Miene brach der kaum angemeldete Priester ins Zimmer, und nur einen mißtrauischen Blick auf den Häuptling werfend, dessen Parthei den Interessen Pomare's bis dahin selten freundlich gewesen, rief er aus:

»Die Noth ist groß Pomare, größer aber die Gefahr, denn soeben höre ich daß die Französische Regierung beschlossen hat Dich zu fangen und zu halten, bis zu Abschluß des Friedens. Glücklicher Weise aber war das Boot des Basilisk hier an Land -- sein Officier ist von mir in Kenntniß gesetzt und liegt am Ufer, dicht hier vor dem Haus, Dich unter dem Schutz seiner Flagge sicher fortzuführen -- aber der Augenblick drängt, Du hast keine Viertelstunde mehr zu Deiner Verfügung.«

»Eben so rasch entkommst Du in die Berge, Pomare« rief da Tati noch einmal, den letzten Versuch zu machen, die Königin ihrem Lande zu erhalten -- »über die Straße hinüber beginnen die Guiaven, und mein Kopf bürge Dir für Deine Sicherheit.«

Pomare Tane brach in diesem Augenblick in's Gemach; es war ein junger bildschöner Mann, wohl sechs oder acht Jahr jünger als die Königin, aber mit weichen, weibischen Zügen, die Oelgetränkten Haare mit Blumen geschmückt und die Finger mit Ringen besteckt. Auch seine Züge waren jetzt angstentstellt, und die Männer nicht beachtend die im Zimmer standen rief er laut:

»Flieh Pomare, flieh -- an den Bergen haben die Feranis Soldaten mit geladenen Gewehren stehn und das Volk schreit, sie kämen Dich zu fangen und zu binden.«

»Das Boot liegt am Strand, in fünf Minuten bist Du frei,« drängte da Mr. Rowe.

»Tati, Du wirst Dich an die Spitze meiner Krieger stellen« bat Pomare -- »der Allmächtige wird Dir seinen Schutz verleihen und den Sieg in unsere Hände geben.«

»Verdorren soll der Finger der sich für Deine Sache regt wenn Du ihr selbst den Rücken kehrst;« -- rief aber der Häuptling trotzig und finster -- »Pomare -- hah, was ist _mir_ der Name? dem _Vaterlande_ hätt' ich mein Blut geweiht, und jeden feindlichen Gedanken, jede Idee von Uneinigkeit draus fern zu halten, selbst _Deinem_ Stamm gehorcht. Du bist aus edlem Blut entsprossen und das Land hätte, so von jedem Partheienhaß befreit, seiner Königin zugejauchzt und sich für sie mit Freuden in den Kampf geworfen -- das ist vorbei, die schwarzen Männer haben Dich wieder in ihrer Gewalt und Tati ist für Dich verloren.«

Noch stand Pomare zögernd, da schallte ein kurzer Trommelwirbel, eine vorbeiziehende Patrouille vielleicht, an ihr Ohr.

»Der Feind!« rief Pomare Tane, riefen die Missionaire -- »sie kommen Dich zu holen.«

»Wo sind meine Kinder« flehte die arme Königin jetzt selber von der Angst der Uebrigen eingeschüchtert -- »meine Kinder!«

»Hier im Zimmer bei den Einanas« beruhigte sie Mr. Brower -- »ich ließ sie selber hier zusammenkommen, jetzt fort -- in wenigen Minuten bist Du an Bord -- schon im Boot bist Du sicher und ungefährdet« und ihre Hand ergreifend, die sie ihm willig überließ, folgte sie ihm hinaus.

»Meine Kinder« rief die Königin.

»Hier, hier -- Ihr Mädchen da rasch mit den Kindern in's Boot das am Strande liegt -- fort mit Euch.«

»Aber meine Matten, meine Kleider --«

»Alles wird Dir nachgeschickt Pomare,« rief Mr. Rowe rasch -- »wir selber wollen Dein Eigenthum schützen, das der Ferani nicht wagen darf anzutasten.«

Pomare, durch das erneute Trommeln nur noch mehr außer Fassung gebracht, folgte fast willenlos den Führern, und mit den Kindern voran floh der kleine Zug über den schmalen Strand dem zum augenblicklichen Abstoßen bereiten Englischen Boote zu. Eine Französische Patrouille kam gerade zufällig am Wasserrand nieder, aber der Officier, der auch wahrscheinlich gar keinen Befehl dazu hatte, hinderte das Einschiffen der recht gut gekannten Königin nicht, ja es ist leicht möglich, daß die Franzosen sehr zufrieden damit waren einer unangenehmen Ueberwachung Pomares solcher Art vollkommen überhoben zu sein. Sie bekamen dadurch viel freiere und ungestörtere Hand in der Stadt, und hatten gewissermaßen eine Verantwortlichkeit weniger.

Unbelästigt erreichte die Königin das Boot, wohin ihr ihr Gemahl mit den Kindern und zweien der Einanas folgte, und während die Brüder Rowe und Brower am Ufer standen und mit einem dankenden Blick nach oben die Rettung Pomare's feierten, schoß das scharfgebaute Boot mit seiner kostbaren Ladung blitzesschnell dem nahen kleinen Kriegsschiff[J] zu, wo die seltenen Schützlinge von dem Englischen Capitain auf das Zuvorkommendste und Freundlichste empfangen und, so gut als der enge Raum des Fahrzeugs es erlaubte, untergebracht wurden.

[J] Der »~Basilisk~«, nur eine sogenannte »~catch~« von circa 200 Tons.

So ruhig sich aber die Bewohner von Papetee bis jetzt verhalten hatten, und so gelassen sie der, vor ihren Augen geschehenen Occupation zugesehn, eine Ruhe die nicht einmal durch die Gefangennahme ihres ersten Missionairs gestört werden konnte, so heftig erschütterte dagegen das Gerücht: Pomare hat fliehen müssen vor den Feranis, jedes Gemüth, und wer nur jetzt irgend glaubte den Zorn der nichts heilig achtenden Fremden auf ein oder die andere Art gereizt zu haben, flüchtete in die Berge, ihrer Rache zu entgehn, und sich zum Widerstand zu rüsten. Halb Papetee stand einsam und verlassen, während die Eroberer, damit gar nicht unzufrieden, Besitz von den geräumten Häusern nahmen, und sie theils zu Kasernen und Wachen, theils zu eigenen Wohnungen herrichteten, zugleich aber auch mit vereinten Kräften daran gingen den Wall und Graben um die Stadt zu beenden und mit Kanonen zu besetzen, wie überhaupt Alles zu thun, was sie im Fall eines wirklichen Angriffs gegen eine Ueberzahl der Feinde schützen konnte.

Nichtsdestoweniger blieb die Stadt ruhig -- kein wirklicher Ueberfall geschah, ja die einzelnen Franzosen die sich hie und da noch immer sorglos zwischen den Eingeborenen herumtrieben, wurden nicht belästigt noch beleidigt, wenn ihnen auch die finsteren Blicke der Männer deutlich genug verriethen, wie gern sie hier gesehn wurden.

Capitel 9.

Der erste Kampf.

Die Kunde von den neuen Gewaltthätigkeiten der Franzosen lief aber auch, wenn es selbst die Bewohner von Papetee noch nicht zu einem Ausbruch trieb, mit fabelhafter Schnelle über die ganze Insel, und das Volk fing jetzt zum ersten Mal an einzusehn, was die Entfernung seiner Flagge eigentlich bedeutet, was der Ferani beabsichtigte, als er das Bündniß mit den Häuptlingen schloß, und seine Priester ihnen herüberbrachte. Dumpfe Gerüchte folgten dem zu gleicher Zeit, daß die Feinde sich aller ihrer Häuptlinge bemächtigen wollten, die nach dem Lande der Ferani's geschafft werden sollten, und wenn das Volk bis jetzt noch nicht daran gedacht hatte zu rüsten, begann es jetzt. Waffen tauchten überall auf, Munition wurde vorgesucht, der Gebrauch der Muskete von den einzeln zwischen ihnen zerstreuten Europäern gelernt und geübt, und ein Eifer zeigte sich plötzlich in der Bevölkerung, eine Regsamkeit, die einen ernsten Widerstand, selbst unter den Kanonen des Feindes, keineswegs als eine Unmöglichkeit erscheinen ließ. Nur an einem wirklich thätigen Grund zum Beginn fehlte es noch, einem ersten Ausschlagen irgend einer Parthei; das Geschütz war geladen, es bedurfte nur noch der Lunte es zu entzünden, und wie sich die Völker jetzt entgegenstanden, _konnte_ das nicht lange auf sich warten lassen.

Es war an einem Sonnabend (wie bekannt der frühere Sabbath der Bewohner von Tahiti) Nachmittag -- und Bruder Dennis hatte an diesem Tage Gottesdienst auf der Halbinsel Tairabu gehalten. Die Bewohner dieses freundlichen Distrikts lebten allerdings zu entfernt von dem Schauplatz wirklicher Feindseligkeiten, ihr ruhig patriarchalisches Leben schon aufgegeben und zu den Waffen gegriffen zu haben, zu nahe aber auch sie gleichgültig an sich haben vorübergehn zu lassen, und wenn auch äußerlich noch Nichts den Geist verrieth, der in den Bewohnern anfing sich zu regen, waren unter der Hand die Rüstungen mit vielleicht nicht weniger Eifer betrieben worden, als in der unmittelbaren Nähe Papetee's.

Schon während der Predigt selbst war an diesem Tag ein fremdes Französisches Kriegsschiff, die jetzt dort an der Küste täglich auf- und abkreuzten, in ihren Hafen eingelaufen, und hatte die Sabbathfeier dadurch wesentlich gestört und die Aufmerksamkeit der Gemeinde natürlich von dem Geistlichen ab, dem viel interessanteren Schiffe zugewandt. Harte Worte waren es denn auch gewesen die der fromme Mann gegen die »Papisten und Sabbathschänder« sprach, die Herzen seiner Zuhörer mehr noch mit Zorn und Entrüstung füllend.

Nichtsdestoweniger blieben die gelandeten Bootsmannschaften, die sich ziemlich sorglos zwischen die Gruppen am Ufer mischten, unbelästigt, und wenn ihnen die Eingebornen wohl auch oft finstre Blicke zuwarfen, und die Mädchen besonders, die sie nach altgewohnter Weise anfassen und mit ihnen scherzen wollten, zornig den Rücken drehten und mit verächtlichem Ruf die Lenden schlugen, geschah Nichts was die Freiheit ihrer Bewegungen, ja durch den Widerstand der Schönen zuletzt gereizt, selbst ihrem Uebermuth, hätte irgend eine Grenze gesteckt.

Die Trupps der Soldaten und Matrosen begnügten sich übrigens damit am Ufer, oder in der Nähe desselben umherzuschwärmen; nur ein einzelnes kleines Piquet, von etwa zehn Mann marschirte, als der Gottesdienst schon lange vorüber war und sich die einzelnen Familien in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten, einer Patrouille gleich, aber nur theilweis bewaffnet, durch den kleinen Ort durch und an dem nächsten Hügelhang hinauf, wo nur einzelne Häuser zerstreut unter vorhängenden Palmen lagen, und der schmale Pfad sich zwischen fruchtbaren Gärten und kleinen Guiavendickichten hinaufzog.

Vor dem ersten dieser Häuser saß eine kleine Gruppe sorgloser fröhlicher Indianer lachend und singend auf einem offenen von hohen Brodfruchtbäumen und Palmen dicht beschatteten Platz, die Frauen als am Sabbath mit keiner Arbeit beschäftigt, hie und da eine sogar auf ihre Matte ausgestreckt und auf den zusammengefalteten Armen liegend, um in einer großen aufgeschlagenen Tahitischen Bibel zu buchstabiren, während die Männer untereinander plauderten und erzählten, oder auch wohl zu Vieren oder Fünfen kurze Verse einzelner Hymnen mit vollkommen richtiger Eintheilung der Stimmen sangen. Ein Zuschauer hätte hier nie geahnt daß sich dies muntere, glückliche, sorglose Volk am Vorabend eines Krieges befände, und den Feind unter sich wußte, der es schon geärgert und gereizt, und jeden Augenblick weiter gehn und zum Angriff schreiten konnte.

Zwischen den Frauen waren drei reizende junge Mädchen, zwei von Tairabu, und eine, ein Gast in ihrer Mitte von Papetee, und auf feingeflochtene reinliche Matten gelehnt, ihre Hände in denen der beiden Jungfrauen, die sich lächelnd zu ihr hinüberneigten, erzählte die Fremde den Freundinnen von der Stadt an der andern Seite der Insel, von den frechen Wi-Wis die ihre Waffen und Kanonen an Land geschafft, und die Herren sein wollten der ganzen Insel, aber mehr noch von ihren komischen Sitten und Gebräuchen, von ihren großen Bärten und heißen Kleidern, von der wunderlichen Sprache -- wie oft und schnell hintereinander sie das Wi-Wi sprächen, das ihnen den Namen gegeben, und wie sie -- fuhr die Jungfrau leise und schüchtern fort, den Mädchen nachstellten und ihnen stets von ewiger Liebe sprächen, und sie dann wieder verließen wo sie ein anderes junges Gesicht gesehn.

Es war ein liebliches zauberschönes Bild, diese drei jungen Kinder der Insel mit den blitzenden sprechenden Augen und üppigen Formen, denen die Bronzefarbe der Haut nur womöglich einen noch höheren Reiz verlieh. Und dicht hinter ihnen saß ein alter Mann, in seinen Tapamantel eingeschlagen, und an den Stamm an einer hochwüchsigen mit goldgelben Früchten dicht umschlossenen Papaya gelehnt, finster vor sich niederbrütend, und doch dabei dem Schwatzen des holden Mädchens lauschend. Es war der alte trotzige Häuptling Fanue, dem das heiße Blut die Zornesader an der Stirn hoch aufschwellte, als er den Uebermuth der frechen Fremden von rosigen Lippen lachend bestätigt hörte, und der die Faust fest unter dem Mantel ballte wenn er daran dachte, wie sie die Schmach schon so lange ertragen, und immer und immer noch nicht losgeschlagen hätten in das Herz des Feindes hinein.

Lautes Geräusch, Rufen und Lachen, fremde Stimmen und Worte tönten zu ihnen von unten herauf, und ein junger Bursch kam gesprungen der die Nachricht brachte, die gelandeten Wi-Wis stiegen auch jetzt, die Mädchen neckend und die Männer ärgernd, bis zu ihnen herauf.

»Die Wi-Wis« -- die Mädchen drängten sich neugierig vor, ob sie nicht irgend wo auf dem freien Pfad eine der feindlichen wunderlichen Gestalten erkennen könnten, schüchtern aber dabei und bereit zu augenblicklicher Flucht, wenn das wirklich der Fall gewesen wäre. Trommeln wirbelten indessen unten im Thal, aber nicht der bekannte fröhliche Laut zum jubelnden Tanz, sondern in kurz abgebrochenem schroffen Takt, und Hörner und Trompeten klangen herauf die von der munteren Soldateska mit herüber genommen waren die Herzen der Hörer zu gewinnen.

Fester Tritt und lautes Lachen schallte da näher und deutlicher zu ihnen herüber, und unten am Hang, in den Gärten schon wo die Reihen sorgfältig gepflanzter Bananen und süßer Kartoffeln standen, wurden die bunten Uniformen der Fremden sichtbar, die an den Fruchtbäumen, wenig sich um den Eigenthümer kümmernd, herumgingen, reife Früchte zu suchen und zu pflücken.

Die Mädchen welche aufgesprungen waren und rasch mit einander geflüstert hatten, wollten fliehen, aber Fanue's finstres Wort hielt sie zurück. Was hatten sie zu fürchten an _seiner_ Hütte? glaubten sie daß der Fremde es wagen dürfe, einen der Seinen ungestraft zu beleidigen? Die Mädchen schämten sich ihrer Furcht und nahmen ihren alten Sitz auf der Matte ein, nur die Fremde wollte nicht bei ihnen bleiben, und sie faßten sie endlich halb mit Bitten halb mit Gewalt an ihrem Kleid, und zogen sie wieder zu sich nieder. Es war ihnen selber so schon nicht recht daß sie dableiben mußten, und nun wollte das Mädchen von Papetee sie auch noch dazu allein lassen -- das ging unter keiner Bedingung an.

Die Franzosen, von denen einige mit ihren Seitengewehren bewaffnet waren, drei oder vier sogar ihre schweren Musketen trugen, andere jedoch in die leichte Tracht der Europäer auf den Inseln, weite Hosen und Jacken und breiträndigen Strohhut gekleidet gingen, kamen indeß näher und näher und steuerten, als sie die bunten Kleider der Mädchen vor dem Haus erkannten, gerade auf die kleine hier befindliche Gruppe zu.

Die Männer oben hörten dabei auf zu singen, und blickten finster auf die ungebetenen Gäste, die hier die Heiligkeit des Sabbath sowohl wie des eigenen Hauses störten, und die Mädchen rückten enger zusammen, und flüsterten ängstlich miteinander, denn die Feranis kamen gerade auf sie zu, und blieben lachend und plaudernd vor ihnen stehen. Sie wagten nicht einmal zu ihnen aufzuschaun. Nur der alte Fanue verharrte, die Arme fest auf der Brust gekreuzt, in seiner Stellung, und sah die Fremden ernst und fragend an.