Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.
Part 14
René's kleiner Haushalt befand sich indeß in wilder ungemüthlicher Verfassung; Alles war gepackt gewesen, und nur gezwungen hatten sie im Anfang das Nothdürftigste wieder herausgenommen, immer noch hoffend daß sich die unangenehme Sache freundlich erledigen würde; aber Tag nach Tag verging ohne daß eine Entscheidung kam, und René seines Wortes, Tahiti nicht zu verlassen, entbunden worden wäre. Er war selber mehrmals bei Mons. Bruat, dem jetzt ernannten Gouverneur und wurde von ihm artig empfangen; dieser behauptete aber die Untersuchung unter keiner Bedingung aufgeben zu können, bis er zu einem Resultat gekommen sei, und René stände als Eigenthümer des Grundstücks wo die Waffen geschmuggelt wären, ja als zeitweiliger Eigenthümer sogar des Schooners, der Sache zu nah, sein Zeugniß, falls etwas auftauchen sollte was Licht darin geben könnte, zu entbehren. »Augenscheinlich« setzte er dann zwar höflich aber ziemlich bestimmt hinzu, »wisse er auch mehr über die Waffen, als er für gut finde, vielleicht durch seine enge Verwandtschaft mit den Eingebornen dazu veranlaßt, auszusagen, und wenn es seinem bekannten Charakter nach auch nicht wahrscheinlich wäre, daß er selber irgend etwas Feindseliges gegen seine eigenen Landsleute unternehmen, oder auch nur dulden würde, so lange er es eben verhindern könnte, sei die ganze Verhandlung noch keineswegs klar genug, so rasch und vollkommen wieder aufgegeben zu werden; das aber müsse in der That geschehn, wenn er ihn jetzt seines Wortes entbinden wolle.« Uebrigens bot auch Gouverneur Bruat, wie vor ihm der Kommandant ~d'Aubigny~ dem jungen Mann an in Französische Dienste zu treten, wodurch er ihm besonders zu beweisen hoffte, daß gegen seine Person nicht der mindeste Verdacht vorliege. Zu gleicher Zeit machte er ihn besonders darauf aufmerksam, welch wohlthätigen vermittelnden Einfluß er da oft werde im Stande sein auf einzelne Verhältnisse auszuüben: René erklärte aber bestimmt, hier in Tahiti nie einen Degen gegen die Eingebornen führen zu wollen, und das sei am Ende bei einem Ausbruch der Insulaner, sobald er wirklich eingetreten wäre, nicht zu vermeiden, lehnte deshalb auch das Anerbieten zwar dankbar, aber doch bestimmt ab.
Das Belard'sche Haus hatte er aber noch nicht wieder betreten -- ja sogar auf das Aengstlichste vermieden nach Papetee zu kommen. Er fühlte welche Gefahr dort für ihn lag, die er jetzt nicht einmal mehr vor sich selber verbergen konnte; ja auch Susanna mußte durch seinen Abschied, und die Worte die er in der furchtbaren Erregung des Augenblicks gesprochen, gesehen haben welchen Eindruck sie auf ihn gemacht, und wie ihre Nähe den Frieden seines Hauses, seines Lebens zu stören, zu untergraben drohe, wenn er nicht mit fester männlicher Kraft dagegen ankämpfe, und die Leidenschaft niederhalte, die zwei Wesen zu verderben drohte. Monsieur Belard hatte ihn allerdings schon mehrmals auf der Straße getroffen, wo ihn Geschäfte in das Gouvernements-Gebäude riefen, er erklärte aber jeden Augenblick die Erlaubniß zu erwarten Tahiti zu verlassen, und wolle den Abschied von ihm so lieb gewordenen Freunden nicht zum zweiten Male durchleben, da er einmal überstanden. Mons. Belard lachte dazu, und meinte er spreche von einem solchen Abschied als ob er auf's Schaffot solle, und nicht nach einer nur wenige Meilen entfernten Insel überzusiedeln gedenke, hatte aber immer zu viel Geschäfte dabei im Kopf, lange auf dem Thema zu verweilen, und kam bald, von René rasch dabei unterstützt, auf irgend etwas Anderes, Gleichgültigeres zu reden.
Recht wilde trübe Zeiten waren das für ihn, und mehr und mehr drängte es ihn dann nach Hause zurück, wo Sadie, sein liebes treues Weib mit unermüdlicher Liebe schaffte und sorgte, ihm wenigstens daheim das Alles vergessen zu machen, was ihm die Menschen draußen weh gethan. Das, glaubte sie auch, drücke ihm das Herz, er wäre ja sonst nicht immer so traurig und verstimmt zu Haus gekommen und bleich und schwermüthig geworden, gar nicht in seiner Art, wo ihm ja doch das Liebste wohnte was er sein nannte auf dieser Welt. Aber sie scheuchte auch die Wolken von seiner Stirn und rief das Lächeln wieder auf seine Lippen, wie in alter Zeit; und wenn die Kleine dann auf seinem Schoos spielte und sie sich an ihn schmiegte, plauderte sie ihm von Atiu und den lieben Plätzen die sie dort wieder besuchen würden; von dem stillen Sitz an dem Palmenhang; von dem Ihiamoea oben im Dickicht, wo er die böse Nacht verbracht; von der kleinen Veste auf der Hügelspitze wo er sie zuerst gesehn und sie ihn fortgeführt hatte in das friedliche Missionshaus an der Bai -- und von den seligen, seligen Stunden die sie da verlebt.
René lauschte, das glückliche Weib an seinem Herzen, wie in einem Traum, der all die lieben Bilder wieder heraufbeschwor vor sein inneres Auge; aber immer und immer wieder mußte er sich zwingen dazu, das Alles _keinen_ Traum zu nennen, wo der Wiedergewinn ja fast im Bereiche seines Armes lag, und doch ein Schatten aufstieg zwischen dem Bild und seinem Herz. Und daß er das fühlte, daß er das erkannte machte ihn unglücklich. »Du sündigst« flüsterte es in seiner Brust mit rastlosem, nimmer endendem Klang, »Du sündigst« sprach jeder Liebesblick aus den Augen seiner Sadie, »Du sündigst« drängte ihm vorwurfsvoll das unschuldliebe Lächeln seines Kindes entgegen, »Du sündigst« donnerte die Brandung, die ihn einst in Schlaf gesungen, in Liebe und Glück.
Wie um vor sich selbst zu flüchten, hatte er den Vater Conet wieder aufgesucht, der in zarter Rücksicht bis dahin sein Haus lange Zeit nicht betreten, weil er fürchtete daß seine Stellung zu den Protestantischen Geistlichen Uneinigkeit säen könne in stilles häusliches Glück; er forderte ihn jetzt selber auf sie zu besuchen, oft zu besuchen, so lange er noch auf Tahiti sei, und er hoffte Trost in dem Umgang des freundlichen verständigen Mannes zu finden. Aber der Muth gebrach ihm wirklich dem Freunde, der sogar nach seiner Religion berechtigt war eine solche Offenheit zu fordern, das zu gestehen was ihm das Herz erfüllte, was es quäle, und Alles das trug er fest in sich verschlossen und allein, und kämpfte still und männlich dagegen an. Es war ein Kampf der Verzweiflung Fuß an Fuß, und in der Gefahr nur wuchs ihm erst die Kraft.
Auch Bertrand hatte ihn in der letzten Zeit häufiger besucht, aber fast nur ihm zuzureden der Einladung des Gouverneurs zu folgen, und wieder in eine Stellung im Leben einzutreten, die seinem Geist und Herzen doch auch mehr bot als eine bloße Existenz, die ihm eine Aussicht auf spätere Zeiten bahnte, ehrenvollere Stellung einzunehmen auf dieser Welt, als eben nur das Bewußtsein zu haben daß man ist und athmet. Auch Vater Conet stimmte darin dem jungen Officier vollkommen bei, René sei, wie gar keinem Zweifel unterliege, noch viel zu jung, auch nur daran denken zu können sich von der Welt ganz zurückzuziehn, die ebenfalls ihre Forderung an _ihn_ habe und sich ihr Recht dann doch einmal über kurz oder lang zu wahren wisse. Beide bestritten ebenfalls, daß ihm das Leben der Inseln auf die Länge der Zeit genügen würde und könne, und wie sich _alle_ seine Landsleute für später solche Aussicht offen gelassen -- eine Aussicht die bei Allen fast, mit nur sehr wenigen Ausnahmen eine _Hoffnung_ wurde -- so werde auch er einmal den Drang wieder in sich fühlen nach Frankreich zurückzukehren, an dessen weit geselligeres Leben sich dann auch Sadie, schon jetzt mit den Sitten, der Sprache des fremden Volkes bekannt und befreundet, leicht und gern gewöhnen würde.
Sadie schüttelte bei solchen Reden recht ernst und ängstlich mit dem Kopf; sie hatte genug von Französischem Leben hier auf Tahiti gesehn, sich nicht weiter da hineinzusehnen, und in einem Lande zu leben wo sie weiter gar Nichts mehr sehen sollte als fremde unbekannte Gestalten, wo ihr die lieben Palmen fehlten und das fröhliche Lachen der fröhlichen Kinder ihres sonnigen Vaterlands? -- Nein, nein, dahinein paßte sie nicht, und sie würde und müßte vergehen dort, in Sehnsucht und Heimweh.
Auch René hatte dagegen seine heimlichen Bedenken, Gedanken die in ihm laut wurden und Form gewannen, er mochte sich dagegen stemmen und wehren so viel er wollte.
Mata Oti, der Bursche, war ebenfalls mit Bruder Ezra von den Französischen Behörden eingezogen worden, etwas mehr aus ihm herauszubringen über jene Nacht, als ein bloßes ~aita vau i ite~ -- ich weiß es nicht -- und Sadie hatte dafür ein Mädchen zu sich genommen, die ihr die Dienste des Knaben ersetzen sollte. Nai Nai war über die Blüthe der Jahre hinaus, wenn auch noch gar nicht so alt, und obgleich sie vor sechs oder acht Jahren noch ein recht hübsches Mädchen gewesen sein sollte, doch jetzt abgefallen, mager und selbst häßlich geworden. Eine eigene Wuth die sie dabei hatte Europäische Kleider und besonders Hüte zu tragen, zeigte sich nicht im Stande ihre Reize zu erhöhen, und Sadie lachte darüber, aber auf René machte es einen peinlichen Eindruck, so peinlich daß er zuletzt Sadie bat sie wieder fortzuschicken, wenn er ihr auch keinen Grund dafür anzugeben vermochte. Sadie versagte ihm nie einen Wunsch, wenn es in ihren Kräften stand ihn auszuführen, und Nai Nai wurde wieder hinüber nach Imeo geschickt, von wo sie gekommen, und von einem hübschen jungen Mädchen ersetzt.
Wenige Wochen waren solcher Art nach den im vorigen Capitel beschriebenen Vorgängen verflossen, und wenn sich auch die Insulaner schon ziemlich über den Verlust ihres Missionairs und Consuls beruhigt hatten, sollte bald wieder ein Gewaltstreich der Fremden diesem scheinbaren Frieden ein Ende machen.
Die ~Reine blanche~ war wieder gesegelt und Monsieur Bruat hatte Alles versucht die Eingebornen in Güte dazu zu bringen, ihnen die nöthigen Provisionen zu liefern, aber umsonst. Wie die Franzosen behaupteten, von den Missionairen aufgereizt, jedenfalls auf den Befehl ihrer eigenen Häuptlinge, hielten sich die Insulaner in ihren Wohnungen und brachten nicht eine Brodfrucht mehr zu Markte, ja das Gerücht verbreitete sich sogar, sie seien gesonnen Alles was sie nicht von Früchten und überhaupt Lebensmitteln nothwendig selber brauchten, in die Berge und den Feranis aus dem Weg zu schaffen.
Dem zu begegnen schritt der Französische Kommandant zu einem Gewaltstreich, lockte vier der einflußreichsten Häuptlinge, unter ihnen Terate, Avei und Nane ini an Bord eines Schiffes, wo er sie gefangen hielt, und hätte sich fast auch noch eines andern Trupps bemächtigt, wäre diesem nicht noch zeitige Warnung geworden, daß er in die Berge fliehen konnte.
Bald darauf erschien eine Proclamation vom Gouverneur Bruat unterzeichnet, die im Namen des Königs von Frankreich und als Gouverneur der Französischen Besitzungen, dem Volke von Tahiti erklärte daß die vier Häuptlinge Taaniri, Raheahu, Potowai und Teraitane, da sie auf das Wort des Friedens nicht hatten hören wollen, für Rebellen erklärt und ihr Eigenthum mit Beschlag belegt werden sollte.
»Acht Tage« hieß die Proclamation weiter -- »sind ihnen noch gegeben sich zu unterwerfen. Der Distrikt der ihnen Schutz giebt soll, nach seiner Wichtigkeit, unter eine entsprechende Contribution gelegt werden. -- Die dem Frieden und dem Gesetz freundlich gestimmten Personen bleiben ruhig unter dem Protectorat Frankreichs -- die Strenge der Gesetze soll die Schuldigen treffen. Bruat.«
Jetzt zum ersten Mal schien das Volk zu fühlen daß es wirklich unterjocht werden sollte, da man sich nicht allein begnügte die Englischen Missionaire feindlich zu behandeln, sondern auch sogar Hand an ihre eigenen Häuptlinge legte, und ein wilder Schrei des Zorns und der Entrüstung ging durch das ganze Land.
Pomare war zu gleicher Zeit von den Missionairen feste Hülfe von England versprochen, und selbst alle dort lebenden Engländer bestätigten das, da Britanien nie dulden werde, daß Einer seiner Consuln auf solche Weise behandelt werde; nur verzögern mußte sie einen Ausbruch des Volks, damit der Franzose nicht neuen Grund bekam zu neuen Uebergriffen, und sich indeß ihr Recht wahren, als souveraine Königin.
Dem Sinne folgend schrieb sie einen Brief[H] an die Häuptlinge, worin sie dieselben zum treuen und geduldigen Ausharren ermahnte, aber sie auch zugleich indirekt darin aufforderte in ihrer Widersetzlichkeit gegen die Feranis standhaft zu bleiben, und dieser Brief wurde, wie es heißt, von Gouverneur Bruat so aufgefaßt, als ob er die Eingeborenen in der »Rebellion gegen ihre gesetzmäßige Regierung« bestärken und bekräftigen solle.
[H] Pomare's Brief lautete wörtlich: »Gesundheit Euch Allen; ich mache Euch bekannt daß unser Kriegsschiff uns bald verlassen wird; der Admiral verlangt es nach Oahu zurück. Ein kleines Kriegsschiff liegt hier, über uns zu wachen, ein anderes wird kommen. Horcht nicht auf die Männer die Euch entmuthigen wollen mit der Nachricht daß wir nicht unterstützt würden. Britanien wird uns nicht verlassen. Laßt uns uns gut betragen, bis die Depeschen eintreffen.
Dies ist mein Wort an Euch -- laßt unter keiner Bedingung etwas Unrechtes geschehen, behandelt ja nicht die Feranis schlecht; habt große Geduld. Nehmt mich zum Muster und folgt mir, und laßt uns Alle brünstig zu Gott flehen, daß er uns von unserer Prüfung befreien möge, wie einst Hezekiah. Frieden sei mit Euch. Pomare.«
Der ehrwürdige Mr. Rowe bekam, wahrscheinlich selbst von Französischer Seite, einen Wink, daß der Königin in Folge dieses Briefes Gefahr für ihre persönliche Sicherheit drohe, und verlor, durch Mr. Pritchards Gefangennehmung überdies noch aufgeregt und eingeschüchtert, dermaßen den Kopf, daß er auf der Stelle zu ihr zu eilen beschloß, sie auf das Dringendste zur Flucht zu mahnen.
Pomare war allein, als ihr der Missionair gemeldet wurde, und Bruder Rowe mußte lange draußen warten ehe er vorgelassen werden konnte. Selbst ihre Einanas hatte die Königin von sich entfernt; die Mädchen saßen und lagen draußen auf der Verandah herum und flüsterten leise miteinander -- sie wagten nicht laut zu reden. Nur eine von ihnen ging hinein die Gebieterin von der Ankunft des Geistlichen zu benachrichtigen, und kam dann zu den Uebrigen zurück, denen sie mit halblauter Stimme etwas zuflüsterte.
»Hast Du Pomare meinen Namen genannt, Waihine?« frug der Geistliche endlich, dem der Boden anfing unter den Füßen zu brennen -- »_weiß_ sie daß ich hier bin und sie sprechen muß?«
»Ja, Mitonare!« lautete die leise Antwort.
»Und was hat sie gesagt?«
»Mitonare soll warten« -- das Gespräch war wieder abgebrochen.
»Mitonare soll warten« -- und die Zeit verfloß indeß, die ihr vielleicht noch geblieben, und _mit_ der Königin waren auch alle ihre Rathgeber gefährdet -- wer weiß was sie vielleicht in ihrem weibischen Trotz Alles aussagte und -- gestand.
Der Missionair ging mit raschen ungeduldigen Schritten wieder draußen auf und ab.
»Sie muß mich vergessen haben« rief er aber endlich, nicht länger im Stande seinen Unmuth zu verbergen, indem er wieder vor der Einana stehen blieb -- »fort mit Dir, Waihine -- sage noch einmal daß ich da bin, und Pomare sprechen _muß_, denn ich hätte ihr Wichtiges -- sehr Wichtiges mitzutheilen.«
»Pomare hat gesagt Mitonare soll warten,« sagte aber das Mädchen, und Bruder Rowe sah sie erstaunt und mißtrauisch an -- so hatten die Einanas noch nie gewagt mit ihm, oder einem aus seiner frommen Schaar zu sprechen -- »und kam diese Sinnesänderung von oben herab?«
Er sollte aber nicht länger Zeit zum Ueberlegen behalten; die Königin, ob sie die ungeduldige Stimme des Missionairs gehört, oder selber es für Zeit fand ihn hereinzulassen, rief, ein paar von den Mädchen sprangen auf, den Besuch zu geleiten, und Bruder Rowe betrat wenige Minuten später das kleine Gemach, in dem Pomare auf einer ausgebreiteten Matte auf der Erde saß.
Sie hatte sich in das einfachste Zimmer ihres Hauses zurückgezogen; weder Tisch noch Stuhl stand in dem leeren Raum, vor dessen Fenster, das einzige Zeichen des neueingeführten Luxus, weiße gemusterte Gardinen hingen und in dem Zug der offnen Flügel hin und herwehten. Nur Matten, nebst einigen mit roher Pflanzenwolle gestopften Kissen lagen im Zimmer zerstreut umher, eben so viele Sitze bildend, und ein an der Wand befestigtes Seitenbret trug drei oder vier Bücher, eine reich vergoldete Obertasse mit abgebrochenem Henkel, und eine gewöhnliche Cocos Poe-Schale.
Der ehrwürdige Mann blickte etwas erstaunt umher, denn gerade in der letzten Zeit hatte Pomare weit eher gesucht sich mit Europäischem Glanz zu umgeben, als sich solcher Art in ihre Einsamkeit zurückzuziehn; aber die Königin selber zog seine Aufmerksamkeit bald auf sich allein, denn sie sah bleich und abgehärmt aus, und die Spuren frischer Thränen waren noch in ihren Augen.
»Was bringst Du mir?« sagte sie mit halb abgewandtem Antlitz, als ob sie sich dieses Zeichens von Schwäche schäme -- »was wollt Ihr von _mir_? ich habe Nichts mehr zu befehlen hier auf Tahiti -- meine Sonne ist untergegangen und meine Nacht bricht an -- Ihr müßt von jetzt an für Euch selber sorgen -- Pomare Waihine hat kaum noch den einzigen Brodfruchtbaum behalten, der vor ihrer Thüre steht.«
»Und doch bist Du noch frei, Pomare,« sagte der Missionair mit traurigem, mitleidigem Blick -- »hast noch Dein Volk um Dich und den blauen Himmel über Dir --«
»Und wer kann mir das nehmen?« rief Pomare schnell, und ihr mißtrauischer Blick haftete forschend an dem Auge des Priesters.
»Der Feind hat jetzt die Macht« entgegnete finster der Missionair, »und seine Bosheit ist groß.«
Pomare erwiederte Nichts und sah den Unglücksboten nur ruhig und sinnend an, dann langsam aufstehend trat sie zu ihm, legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise:
»Was ist vorgefallen, Bruder Rowe? -- sag es mir gleich heraus und leg Dich nicht erst in den Hinterhalt -- Du thust mir weh damit.«
»Es ist auch keine Zeit mehr zu verlieren, Pomare,« erwiederte der Priester ernst -- »Du weißt was die Feranis mit Piritati gemacht haben.«
»Piritati war ein Beretani« rief die Königin schnell -- »er gehörte nicht in dieses Land -- sie konnten das wagen -- sie dürfen nicht Hand an Pomare legen.«
»_Dürfen_?« sagte Mr. Rowe achselzuckend -- »wir sind ein friedliches Volk und können uns nicht zur Wehr setzen.«
»Und wessen Schuld ist das?« frug die Königin rasch und mit einem Zornesblick im Auge -- »wer anders als Ihr, die Ihr uns von England die Religion gebracht habt, die Ihr eine Religion der Liebe nennt, und die jetzt Haß und Tod unter mein Volk bringt, wer anders hat den Bewohnern dieser Inseln ihre alten Kriegsspiele verboten, und die Führung der Waffen für sündhaft erklärt? wer eiferte früher dagegen, daß meine jungen Leute ihr Cocosöl und ihre Perlmutterschalen gegen Gewehre und Pulver eintauschen sollten wie es mein und ihr Wunsch war, und erklärte es gegen Gottes Gebote, während Ihr Oel und Muscheln für Eure eigenen Zwecke sammeltet und nach Beretani schicktet?«
»Es geschah das um Gottes Wort auch auf andern Inseln zu verbreiten -- auch andern Völkern den Segen der christlichen Religion zu bringen« sagte mit milder freundlicher Stimme der Geistliche.
»Ich habe das gute Buch durchgelesen von Anfang bis Ende« erwiederte die Königin finster -- »und nirgends darin gefunden daß Jesus Christus _gesammelt_ hat für andere Völker.«
»Damals war es noch nicht nöthig, Pomare« erwiederte Mr. Rowe, etwas verlegen -- »und nicht wohl ist es gethan, das Schwert zu nehmen, denn Jesus selber hat gesagt, »wer das Schwert nimmt, der soll durch's Schwert umkommen.«
»Geh, geh!« sagte aber Pomare traurig mit dem Kopf schüttelnd -- »Du hast für Alles einen Vers aus Deinem Buch und die Beretanis, die Du sagst daß sie gute Christen wären fahren eben so mit Kriegs-Canoes auf der See herum wie die Feranis, sie nehmen das Schwert und sie kommen nicht um, und ich habe das Schwert nicht genommen und verliere mein Reich -- Was willst Du jetzt von mir? -- was soll ich thun? -- gehe zurück zu Deinen Landsleuten und sage ihnen daß ich Euch hier nicht mehr schützen kann. Ich danke ihnen daß sie mir die Bibel gesandt, aber mein Volk ist zerstreut, meine Macht ist gebrochen -- wenn ich wieder Königin bin, will ich Euch wieder in mein Land nehmen.«
»Nicht meinethalben kam ich hierher, Pomare« sagte aber der Geistliche ernst, »nicht für mich Schutz oder Hülfe zu erbitten von Dir, Du schwergeprüfte Königin, sondern Dich selber wollt' ich warnen, Dich einer Gefahr zu entziehn, die über Deinem Haupte schwebt, und Dich in der nächsten Stunde schon vielleicht erreichen kann.«
»So sprich!« rief Pomare, »schon seit Du das Zimmer betreten, sehe ich Dein Unheilkündendes Gesicht, und mein Herz ist von Angst erfüllt -- was ist es?«
»Vor einer Stunde etwa« nahm der Geistliche wieder das Wort, »bin ich gewarnt worden, daß die Feranis, böse über Deinen Brief den Du an die Häuptlinge geschrieben, Dich ebenso wollten gefangen nehmen und in Gewahrsam halten, wie Terate und die Andern, damit Du die Eingebornen nicht aufwiegeln könntest gegen sie. Die wahnsinnigen Menschen behaupten jetzt die rechtmäßigen Eigenthümer Tahitis zu sein, und erklären uns selber für _Rebellen_ wenn wir gegen sie reden.«
Ein zorniges Lächeln flog über Pomares Züge, als sie die Worte hörte und sie antwortete finster:
»Mich gefangen nehmen? und wo bleiben jetzt Euere Schiffe? wo die Kanonen die Ihr mir zu meinem Schutz verspracht? -- Euere Kriegsschiffe haben, ein kleines Schiff ausgenommen, die Bai verlassen, Euer Consul ist gefangen, Euere Fahne verschwunden -- wo bleiben Euere Predigten, Euere Worte? Als ich Sandelholz hatte und Cocosöl, da war ich Königin, da kamen die Capitaine und sprachen schöne Worte und brachten Geschenke -- jetzt da ich arm und verlassen bin, kommt Niemand mich zu unterstützen. Und wohin soll ich fliehen?«
»Es liegt ein Englisches Kriegsschiff im Hafen das Dich aufnehmen wird, und unter Englischer Flagge bist Du sicher« rief der Missionair.
»An Bord eines fremden Schiffes? nie« -- zürnte die Königin, »wär' ich nicht dort Gefangene wie da?«
»Und doch ist es das Einzige« seufzte der Missionair -- »dorthin reicht der Arm der Feranis nicht, und wer weiß ob Du heut Abend selbst noch zu dem Schritt Raum und Zeit behältst.«
»Ich kann mich nicht allein in den Schutz der fremden Männer geben« sagte Pomare, doch jetzt unruhig werdend über den besorgten Ernst des sonst ihr so freundlich gesinnten Mannes -- »ich kann nicht allein an Bord eines Kriegsschiffs fliehn.«
»Dein Gatte und zwei Deiner Einanas müssen Dich begleiten« sagte Mr. Rowe, »Pomare Tane[I] ist ja von Imeo zurückgekehrt, und wird sich nicht weigern Dir an Bord zu folgen.«
[I] Der Gemahl Pomare's geht unter dem Titel »Pomare's Mann.«
»Weigern?« sagte die Königin zürnend, und ein verächtliches Lächeln spielte um ihre Lippen -- »aber meine Kinder? -- was würde aus denen?«
»Wohin die Mutter geht, gehn sie auch, und Capitain Hunt ist ein Gentleman, der sich glücklich schätzen wird einer armen verrathenen Frau und Königin Schutz mit den ihren zu gewähren.«
Pomare ging, die Hände krampfhaft gefaltet, das Haupt gesenkt, mit raschen Schritten im Zimmer auf und ab, als draußen Stimmen laut wurden und gleich darauf Eine der Einanas den Häuptling Tati meldete, der Pomare dringend zu sprechen wünsche.
»Tati?« rief Pomare, erstaunt vor dem Mädchen stehn bleibend -- »Tati? was will er von _mir_ in jetziger Zeit? oder haben ihn die Feranis geschickt, seine Königin abzuholen ins Gefängniß -- send' ihn fort, er gehört zum Feind; Pomare will ihn nicht sprechen.«
»Wenn der Feind Dein Vaterland ist, Pomare, dann hast Du recht« sprach in diesem Augenblick die tiefe klangvolle Stimme des Häuptlings, der dem Mädchen auf dem Fuß gefolgt, und auf der Schwelle stehn geblieben war, bis seine Ankunft gemeldet worden -- »schicke mich nicht noch einmal fort von Dir, denn ich bringe ein Freundeswort.«