Tahiti: Roman aus der Südsee. Dritter Band.
Part 10
»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.
Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die Lampe an die auf dem Tisch stand.
Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit immer dumpferem Brausen.
»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend und ihn bestürzt ansehend -- »Du siehst aus, als ob irgend etwas vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? -- Heiliger Gott, René -- wo ist René --«
»Pst -- pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf -- »pst, pst Pu-de-ni-a -- nicht solchen Spektakel machen -- haben Schildwache dicht bei --«
»Aber René --«
»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus, zum Abschied -- Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art« sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme Frau zu beruhigen -- »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi -- bah -- ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.«
»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe -- der Mann erscheint mir nur immer vor Sorge und Trübsal und großer Noth -- was soll er hier, heute noch hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.«
»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor -- er verließ den Garten, wie ich kam -- war er nicht hier im Haus?«
Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.
»Er kam aus _unserem_ Garten?« frug sie leise -- »doch ich bin ein thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.«
»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra.
»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur zurückgerudert.«
Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still und schweigend hinaus in die Nacht.
»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend, als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.
»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse mit seinen Töchtern wohnt.«
»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin -- »es ist doch eine böse Geschichte, böse, böse Geschichte.«
Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum vor Augen erkennen konnte.
»Was war das?« sagte sie leise -- »war das nicht als ob ein Canoe dort unten landete -- ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?«
»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür zumachend -- »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter -- Cutter liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist, wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.«
»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu erlauschen -- »das ist René.«
»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da unten flüstere.
»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen von der Hand des kleinen Mitonare befreiend -- »was hast Du, Mitonare -- Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da draußen?«
»Pu-de-ni-a -- es ist Nichts -- ist nicht viel« sagte der kleine braune Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen -- gute Freunde von -- keine guten Freunde von Wi-Wis -- aber nicht von _unserem_ Wi-Wi« setzte er rasch hinzu -- »wollen sich -- wollen sich was in die Berge tragen, daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«
»Was in die Berge tragen? -- wie versteh' ich das?« frug die Frau erstaunt -- »geschieht da etwas gegen die Gesetze?«
»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell -- »im Gegentheil, das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen -- ist Alles vorgeschrieben drinn.«
»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise.
»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«
Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen. Mitonare verhinderte sie daran.
»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch -- »nicht hinaussehn jetzt -- brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie Gewehre in die Berge tragen.«
»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt -- »Waffen für die Eingebornen?«
Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare, eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.
»Und weiß René davon?« frug die Frau.
»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken gerad hinaus -- »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a -- Nein das ist gerad das Komische -- nehmen es durch sein eigen Haus und er weiß _nicht_!«
»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau, ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.
»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein -- »der Wi-Wi kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt -- haben ihn eingeladen bis zehn Uhr -- nachher Alles vorbei -- kann nachher kommen und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch draußen horchte -- »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? -- Bah -- soviel für die Wi-Wis -- sind ein paar gute darunter ja -- aber nicht viel; Kanaka muß was in der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die Matten unter dem Rücken fort.«
Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute, wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen, und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine _Flagge_? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten. Und der Erfolg? -- sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer, nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren Feinde die Spitze bieten. -- Aber Blut -- Blut sollte in diesen Thälern fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.
Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und _die_ selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere dabei als leitende herrschende Wesen dachte -- den kleinen friedlichen Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten -- sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.
»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust -- »wenn die Männer zu den Waffen greifen, haben sie recht -- die jungen Leute eines Stammes haben ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den _Lehrern_ eines Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die, die Dich angegriffen haben? -- ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«
»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land weggenommen,« rief der Mitonare schnell -- »Religion -- ja das ist Alles recht schön und gut -- Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem auch die Religion Nichts.«
Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an -- sprach das der kleine gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?
»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.
»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit -- »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig -- aber glücklich wird man nun einmal nicht dabei.«
»Und wir _waren_ glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth seine Hand ergreifend.
»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam wieder über ihn -- »recht glücklich waren wir -- bis die Wi-Wis kamen -- nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen -- bis die anderen Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch wieder in alten Weg zurückgeführt hatte -- es ist doch nicht mehr so wie früher, wir sind älter geworden und -- ha -- was war das? -- Jemand ist an der Thüre.«
»Das wird René sein« rief Sadie.
Die Klinke draußen wurde versucht.
»Sadie -- öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt hatte.
»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch hinzusprang dem Gatten zu öffnen -- »warum kommt er nicht oben herein von der Straße -- er muß sie gesehn haben.«
»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend. »Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?«
»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.
»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt -- »habt Ihr denn Nichts gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei? -- wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von nebenan wird auch gleich hier sein.«
»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt -- »was weiß sie von hier?«
»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.«
»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten, aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus.
»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn zurückziehend -- »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf einen dort stehenden niederen Schemel -- mit den hohen Stühlen konnte er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt, still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier ruhig abzuwarten gedenke.
* * * * *
René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte, auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.
Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.
Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis -- Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge, und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand -- in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein Haus zu erreichen.
Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können, war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.
»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit -- »sie werden fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben. Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen, schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale, mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt fühlte.
Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb, vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:
»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine noch nicht ganz vernarbte Wunde -- laß mich los, wir können ruhig mit einander reden.«
»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.
»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch unten leise hielt -- »was habt Ihr gegen _mich_? -- es ist doch wohl nur ein Versehen, daß Ihr _mich_ gerade angefallen habt.«
»Versehen? -- vielleicht« sagte der Eine vorsichtig -- »nicht viel zu sehen hier überhaupt -- wie heißt Du?«
»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher bewohnte.«
»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute.
»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?«
»Müssen Dich erst noch sprechen -- komm herein in das Haus hier -- thun Dir Nichts« sagte der Erste wieder.
»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch beliebt.«
»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin noch nicht gesprochen.
»Wenn ich's _nicht_ wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René.
»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort -- »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier zum nächsten Haus -- gleich am Wasser dran -- wollen was mit Dir sprechen.«
»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach Hause rufen« sagte René ausweichend.
»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher -- »komm Freund, Du _mußt_ -- weißt Du, dann kann man nicht anders.«
»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders -- aber _was_ wollte man von ihm? -- »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen -- »ich will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und muß zu ihr.«
»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte -- »soll Dir Nichts geschehn, Freund -- blos warten ein Bischen blos warten« -- und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben, gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.
René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten, und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei, daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je eher er sich wieder frei machte, desto besser.
Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's Arm los und bat ihn hinein zu gehn -- er habe Nichts für sich zu fürchten.
»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da etwas aus dem Weg zu gehn, sonst --« und er riß das Terzerol, das er in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem Eingeborenen entgegen -- »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«
»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah -- »hast Du so was auch in der Tasche? -- hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts -- schießt Du mich, sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«