Synnöve Solbakken: Erzählung

Part 7

Chapter 73,806 wordsPublic domain

Sie wurde wieder ein wenig beklommen, als sie das Gehöft liegen sah, und ihre Beklommenheit nahm zu, je näher sie kam. Alles war still dort, die Arbeitsgerätschaften standen an die Wand gelehnt, Brennholz lag gehauen und aufgestapelt da, und die Axt war in den Holzblock festgeschlagen. Sie ging vorbei und auf die Tür zu; dort blieb sie noch einmal stehn, sah sich um und lauschte; es rührte sich aber nichts. Und wie sie so dastand und unschlüssig war, ob sie auf den Boden hinauf zu Ingrid gehn solle oder nicht, kam ihr der Gedanke, es müsse wohl eine solche Nacht gewesen sein, damals vor Jahren, als Thorbjörn hinübergekommen war und ihre Blumen eingepflanzt hatte. Schnell zog sie die Schuhe aus und schlich die Treppe hinauf.

Ingrid erschrak sehr, als sie erwachte und sah, daß es Synnöve war, die sie geweckt hatte. -- »Wie geht es ihm?« fragte Synnöve. Jetzt fiel Ingrid alles wieder ein, und sie wollte sich ankleiden, um nicht sogleich antworten zu müssen. Synnöve aber setzte sich auf die Bettkante, bat sie, sich wieder hinzulegen, und wiederhole die Frage.

»Jetzt geht es besser,« sagte Ingrid flüsternd; »ich komme bald hinauf zu dir.« -- »Liebe Ingrid, verbirg mir nichts; du kannst mir nichts Schlimmes sagen, was ich mir nicht viel schlimmer gedacht habe.« -- Ingrid war noch immer bemüht, Synnöve zu schonen, deren Furcht aber drängte sie, und es blieb ihr keine Zeit, Ausflüchte zu machen. Flüsternd fielen die Fragen, flüsternd die Antworten; das tiefe Schweigen ringsumher machte sowohl Frage als Antwort noch schwerer, so daß es einer der feierlichen Augenblicke wurde, wo man es wagt, der Wahrheit gerade ins Auge zu sehn. Darüber aber wurden sich beide klar, daß Thorbjörns Schuld diesmal gering war und daß sich nichts Schlechtes von seiner Seite zwischen ihn und ihr Mitgefühl für ihn drängte. Da weinten sich beide gründlich satt, aber sie weinten leise, und Synnöve weinte am heftigsten; sie saß ganz zusammengesunken auf der Bettkante. Ingrid suchte sie zu erheitern dadurch, daß sie sie daran erinnerte, wieviel Freude sie alle drei miteinander gehabt hätten; da aber ging es hier, wie es so oft geht, daß sich jede kleine Erinnerung aus den Tagen, über denen stiller Sonnenschein liegt, jetzt im Kummer in Tränen auflöst.

»Hat er nach mir gefragt?« flüsterte Synnöve. -- »Er hat fast noch gar nicht gesprochen.« -- Ingrid dachte an den Zettel, und der fing an, sie zu bedrücken. -- »Ist er denn nicht imstande, zu sprechen?« -- »Ich weiß nicht, wie es sich damit verhält -- er denkt wohl um so mehr.« -- »Liest er?« -- »Die Mutter hat ihm vorgelesen, jetzt muß sie es jeden Tag tun.« -- »Was sagt er denn?« -- »Nein, er sagt nichts -- das erzählte ich dir ja schon. Er liegt nur da und sieht vor sich hin.« -- »Liegt er in der gemalten Stube?« -- »Ja.« -- »Mit dem Kopfe nach dem Fenster zu?« -- »Ja!« -- Sie schwiegen beide eine Weile. Dann sagte Ingrid: »Das kleine St. Johannisspiel, das du ihm einmal geschenkt hast, hängt dort im Fenster und dreht sich.«

»Ja, es ist mir einerlei,« sagte Synnöve plötzlich und mit Nachdruck; »nie im Leben soll mich jemand dahin bringen, daß ich ihn aufgebe, es mag gehn, wie es will!« -- Ingrid wurde sehr beklommen: »Der Doktor weiß nicht, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird,« flüsterte sie.

Da richtete Synnöve den Kopf auf, drängte die Tränen zurück, sah sie an, ohne ein Wort zu sagen, ließ den Kopf wieder sinken und blieb in Gedanken verloren sitzen; die letzten Tränen rannen ihr leise die Wangen hinab, aber es kamen keine neuen mehr; sie faltete die Hände, bewegte sich aber nicht: es war, als sitze sie da und fasse einen großen Entschluß. Dann erhob sie sich plötzlich mit einem Lächeln, beugte sich über Ingrid hinab und gab ihr einen warmen, langen Kuß. -- »Erlangt er seine Gesundheit nicht wieder, dann will ich ihn pflegen. Jetzt rede ich mit meinen Eltern.«

Dies rührte Ingrid tief; ehe sie aber etwas erwidern konnte, fühlte sie ihre Hand ergriffen: »Leb wohl, Ingrid! Jetzt will ich allein hinaufgehn.« -- Und sie wandte sich schnell ab.

»Da ist noch ein Zettel!« rief Ingrid ihr flüsternd nach. -- »Ein Zettel?« fragte Synnöve. Ingrid war schon aus dem Bett, suchte ihn hervor und brachte ihn ihr; indem sie ihn ihr aber mit der linken Hand in den Busen steckte, schlang sie den rechten Arm um ihren Hals und gab ihr den Kuß zurück, während Synnöve ihre Tränen warm und schwer auf ihr Gesicht fallen fühlte. Dann schob Ingrid sie leise zur Tür hinaus und schloß ab, denn sie hatte nicht den Mut, das Weitere mit anzusehn.

Synnöve schlich leise auf den Socken die Treppe hinab; da aber zu viele Gedanken auf sie einstürmten, machte sie unversehens Geräusch, erschrak, eilte über die Flur, ergriff die Schuhe und lief, sie in der Hand haltend, an den Wirtschaftsgebäuden vorüber, über die Felder, bis an das Zauntor; dort hielt sie inne, zog die Schuhe an und begann nun eiligen Schrittes bergan zu gehn, denn ihr Blut war in Wallung geraten. Sie schritt dahin, summte eine Melodie, ging schneller und schneller, bis sie zuletzt müde wurde und sich setzen mußte. Da erinnerte sie sich des Zettels. -- --

Als der Hirtenhund am nächsten Morgen Lärm machte, als die Jungen erwachten und die Kühe gemolken und hinausgelassen werden sollten, war Synnöve noch nicht zurückgekehrt.

Während die Hirtenjungen noch dastanden und sich wunderten, wo sie wohl sein könnte, und herausfanden, daß sie die ganze Nacht nicht zu Bette gewesen war -- da erschien Synnöve.

Sie war sehr blaß und still. Ohne ein Wort zu sagen, begann sie die Mahlzeit für die Hirtenjungen zu bereiten, packte ihnen Mundvorrat ein und half ihnen dann beim Melken.

Der Nebel hing noch schwer über den niedrigen Bergrücken, das Heidekraut auf der braunroten Weide glitzerte vom Morgentau, es war ziemlich kalt, und wenn der Hund bellte, hallte es von allen Seiten wider. Die Kühe wurden herausgelassen, sie brüllten in der frischen Luft, und eine nach der andern ging den Fußsteg entlang; dort aber saß der Hund schon, nahm sie in Empfang und hielt sie zurück, bis alle herausgekommen waren, worauf auch er sie durchließ; das Schellengeläute tönte über den Bergrücken hin, der Hund bellte so, daß es durch das Läuten drang, die Jungen versuchten, wer am lautesten jodeln könnte. Von all diesem Lärm wandte sich Synnöve ab und ging nach der Stelle auf der Alm, wo Ingrid und sie zu sitzen pflegten. Sie weinte nicht, still saß sie da und starrte vor sich hin und vernahm nur von Zeit zu Zeit das lebensfrohe Geräusch, das sich immer mehr entfernte und harmonischer ineinanderfloß, je größer die Entfernung wurde. Währenddes fing sie an, eine Melodie leise vor sich hin zu summen, dann sang sie ein wenig lauter, und schließlich erscholl mit klarer, lauter Stimme folgendes Lied. Sie hatte es einem andern nachgebildet, das sie von Kindheit an gekannt hatte.

»Nun habe Dank für alles, seit wir klein Zu frohem Spiele reichten uns die Hände, Ich dachte mir, so sollt es immer sein, Ja, bis an unsrer Tage Ende.

Ich hoffte, daß vom Birkenbaum hinaus, Dem schimmernden, das frohe Spiel uns führe Bis in das sonnig helle Vaterhaus Und zu des roten Kirchleins Türe.

Ich saß und schaute nach dem grünen Tann Und wartete in vielen Abendstunden, Doch Schatten schlich den dunkeln Berg hinan, Und nie hast du den Weg gefunden.

Ich saß und wartete und hoffte noch: Ja, morgen findet er den Weg herüber. Und es erlosch die schwache Flamme doch, Es kam der Tag und ging vorüber.

Das arme Auge, vom gewohnten Ziel Wird es ihm schwer, für immer sich zu trennen; Ach auf kein andres je der Blick noch fiel, Heiß fühl ichs unterm Lide brennen!

Ihr meint, ich fände Trost an +einem+ Ort: Das Kirchlein ist es an der Bergesleite. O schweigt! wie fände ich wohl Ruhe dort: Da sitzet er mir ja zur Seite!

Wohlan, so weiß ich doch, wer uns so nah Die Höfe setzte, einen bei dem andern, Wer unserm Blicke wies die Straße da Und ihm erlaubte, sie zu wandern.

Wohlan, so weiß ich doch, wer uns so nah Des Kirchleins Stühle fügte wie zum Paare Und machte, daß sie eng verbunden da Hinüberschauen zum Altare.

7

Eine ganze Weile nach alle diesem saßen Guttorm Solbakken und Karen zusammen in der großen, hellen Stube auf Solbakken und lasen einander aus einigen neuen Büchern vor, die sie aus der Stadt erhalten hatten. Sie waren am Vormittag in der Kirche gewesen, denn es war Sonntag; dann hatten sie einen kleinen Gang durch die Felder gemacht, um zu sehn, wie die Saat stehe, und um zu überlegen, welche Äcker im nächsten Jahre brachliegen und welche bebaut werden sollten. Sie waren von einem Brachfelde und Acker zum andern gegangen, und es schien ihnen, als sei ihr Besitztum gut vorwärts gekommen, seit sie es bewirtschafteten. »Gott weiß, wie es aussehn wird, wenn wir einmal fort sind,« harte Karen gesagt. Da hatte Guttorm sie gebeten, mit hineinzukommen und in den neuen Büchern zu lesen; denn man tut am besten, wenn man sich solche Gedanken aus dem Sinne schlägt.

Nun waren aber die Bücher durchgesehn, und Karen meinte, die alten wären besser: »Die Leute schreiben nur wieder daraus ab!« -- »Daran mag etwas Wahres sein; Sämund sagte heute in der Kirche zu mir, die Kinder wären auch nur die Eltern noch einmal wieder.« -- »Ja, du und Sämund, ihr habt heute viel miteinander gesprochen.« -- »Sämund ist ein verständiger Mann.« -- »Er hält sich aber wenig zu seinem Herrn und Heiland, fürchte ich.« -- Hierauf erwiderte Guttorm nichts. -- -- »Wo ist denn nur Synnöve geblieben?« fragte die Mutter. -- »Die ist oben auf dem Boden,« antwortete er. -- »Du saßest ja vorhin bei ihr, wie war sie gestimmt?« -- »Ach -- -- du hättest sie dort nicht allein sitzen lassen sollen.« -- Es kam jemand. -- Die Frau schwieg eine Weile. -- »Wer war denn das?« -- »Ingrid Granliden.«

»Ich glaubte, sie sei noch auf der Alm.« -- »Sie ist heute nach Hause gekommen, daß die Mutter zur Kirche gehn konnte.« -- »Ja, wir haben sie ja auch wirklich einmal da gesehn.« -- »Sie hat viel zu schaffen.« -- »Das haben andre auch; aber man kommt schon dahin, wohin das Herz steht.« -- Guttorm erwiderte nichts hierauf. -- Nach einer Weile sagte Karen: »Heute waren alle Leute aus Granliden da, Ingrid ausgenommen.« -- »Ja, das war wohl, um Thorbjörn das erstemal das Geleite zu geben.« -- »Er sah elend aus.« -- »Das war nicht anders zu erwarten; ich wunderte mich, daß er noch so gut aussah.« -- »Ja, er hat für seine Torheit büßen müssen.« -- Guttorm sah ein wenig vor sich nieder: »Er ist ja noch die pure Jugend!« -- »Es ist kein guter Grund in ihm, man kann sich niemals auf ihn verlassen.«

Guttorm, der die Ellenbogen auf den Tisch gestützt hatte und ein Buch in der Hand hin und her drehte, öffnete dieses, und indem er scheinbar anfing, leise darin zu lesen, ließ er die Worte fallen: »Man meint, daß er ganz sicher seine Gesundheit wiedererlangen wird.« -- Auch die Mutter nahm jetzt ein Buch: »Das wäre ein großes Glück für einen so schönen Burschen,« sagte sie. »Der liebe Gott lehre ihn in Zukunft bessern Gebrauch davon machen.« -- Sie lasen beide; dann sagte Guttorm, indem er ein Blatt umwandte: »Er hat heute nicht ein einziges Mal zu ihr hinübergesehn.« -- »Nein, ich bemerkte auch, daß er ruhig in seinem Stuhle sitzen blieb, bis sie gegangen war.« -- Nach ein er Weile sagte Guttorm: »Glaubst du, daß er sie vergessen wird?« -- »Das wäre auf alle Fälle das beste.«

Guttorm las weiter, seine Frau blätterte in ihrem Buch. -- »Es gefällt mir gar nicht, daß Ingrid hier so lange sitzen bleibt,« sagte sie. -- »Synnöve hat kaum jemand, mit dem sie reden könnte.« -- »Sie hat uns.« -- Jetzt sah der Vater zu ihr hinüber: »Wir dürfen nicht zu strenge sein.« -- Die Frau schwieg; nach einer Weile sagte sie: »Ich habe es ihr auch niemals verboten.« -- Der Vater klappte das Buch zu, stand auf und sah zum Fenster hinaus. »Da geht Ingrid,« sagte er. -- Kaum hatte die Mutter das gehört, als sie schnell hinausging. Der Vater stand noch lange am Fenster, dann wandte er sich ab und ging auf und nieder; die Frau kam wieder herein, er blieb stehn. -- »Ja, es war so, wie ich dachte,« sagte sie; »Synnöve sitzt da oben und weint, wühlt aber in ihrer Lade herum, sobald ich hereinkomme.« Und dann fuhr sie fort, indem sie den Kopf schüttelte: »Nein, es ist nicht gut, daß Ingrid hierherkommt.« -- Sie machte sich mit dem Abendbrot zu schaffen und ging oft aus und ein. Einmal, während sie draußen war, kam Synnöve still mit rotgeweinten Augen herein; sie glitt an dem Vater vorüber, sah ihm ins Gesicht, setzte sich dann an den Tisch und nahm ein Buch. Nach einer Weile machte sie es wieder zu, ging zur Mutter und fragte, ob sie ihr helfen sollte. -- »Ja, tu das nur!« sagte diese; »Arbeit ist für alles gut.«

Sie mußte den Tisch decken, der am Fenster stand. Der Vater, der bisher auf und nieder gegangen war, trat jetzt ans Fenster und sah hinaus. -- »Ich glaube, der Gerstenacker, den der Regen niedergeschlagen hat, richtet sich wieder auf,« sagte er; sie stellte sich neben ihn und schaute auch hinaus. Er wandte sich um, die Mutter war im Zimmer, so streichelte er nur sanft Synnöves Hinterkopf und begann dann wieder auf und nieder zu gehn. Sie aßen, aber es war eine sehr schweigsame Mahlzeit. Die Mutter sprach heute das Tischgebet, vor wie nach dem Essen, und als sie aufgestanden waren, schlug sie vor, zu lesen und zu singen, was sie auch taten. -- »Gottes Wort gibt Frieden; das ist doch der größte Segen im Hause.« -- Die Mutter sah dabei zu Synnöve hinüber, die die Augen niedergeschlagen hatte. -- »Jetzt will ich eine Geschichte erzählen,« sagte die Mutter, »jedes Wort davon ist wahr, und dem, der darüber nachdenken will, wird es nicht zum Schaden sein.«

Und dann erzählte sie: »Es lebte in meiner Jugend ein Mädchen auf Haug, das war die Enkelin eines alten, gelehrten Schulzen. Er nahm sie früh zu sich, um in seinen alten Tagen Freude an ihr zu haben, und lehrte sie natürlich Gottes Wort und gute Sitten. Sie lernte leicht und gern, so daß sie uns in kurzer Zeit weit hinter sich ließ; sie schrieb und rechnete, wußte ihre Schulbücher und fünfundzwanzig Kapitel aus der Bibel auswendig, als sie fünfzehn Jahre alt war. Ich erinnere mich dessen, als wäre es gestern gewesen. Sie mochte lieber lesen als tanzen, so sah man sie nur selten dort, wo Lustbarkeit war, desto häufiger aber in des Großvaters Bodenstube, wo seine vielen Bücher standen. So kam es, daß sie jedesmal, wenn wir mit ihr zusammen waren, so dastand, als wären ihre Gedanken anderswo, und wir sagten zueinander: ›Wären wir bloß so klug wie Karen Haugen!‹ Sie sollte den Alten beerben, und viele brave Burschen erboten sich, halbpart mit ihr zu machen; sie erhielten sämtlich einen Korb. Um diese Zeit kehrte der Sohn des Pfarrers von seiner Priesterlehre zurück; es war nicht gut mit ihm gegangen, denn er hatte mehr Sinn für ein wildes Leben und für alles Böse gehabt als für das Gute; jetzt trank er. ›Hüte dich vor ihm!‹ sagte der alte Schulze; ›ich bin viel mit den Vornehmen zusammen gewesen, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß sie unser Vertrauen weit weniger verdienen als die Bauern.‹ -- Karen hörte stets mehr auf seine Stimme als auf die aller andern, und als sie später zufällig mit dem Sohne des Pfarrers zusammentraf, ging sie ihm aus dem Wege; denn er trachtete ihr nach. Seither konnte sie nirgends gehn, ohne ihm zu begegnen. -- ›Geh!‹ sagte sie, ›es nützt dir doch nichts!‹ -- Er aber ging ihr nach, und so kam es, daß sie doch endlich stehnbleiben und ihn anhören mußte. Er war sehr schön, als er aber sagte, er könne nicht ohne sie leben, da lief sie erschreckt davon. Er trieb sich um ihren Hof herum, aber sie kam nicht heraus; er stand des Nachts vor ihrem Fenster, aber sie kam nicht zum Vorschein; er sagte, er wolle seinem Leben ein Ende machen, Karen aber wußte, was sie davon zu denken hatte. Da fing er wieder an zu trinken. -- ›Sei auf deiner Hut! Das sind alles nur Teufelskünste,‹ sagte der alte Großvater. Da stand der Bursche eines Tages plötzlich mitten in ihrem Zimmer, niemand wußte, wie er dahingelommen war. ›Jetzt will ich dich ermorden!‹ sagte er. -- ›Ja, tu du das nur,‹ sagte sie. Da aber weinte er und sagte, es stünde in ihrer Macht, ihn zu einem braven Menschen zu machen. -- ›Könntest du dich nur ein halbes Jahr des Trinkens enthalten!‹ sagte sie. Und da enthielt er sich ein halbes Jahr des Trinkens. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er. -- ›Nicht ehe du ein halbes Jahr von allen Festlichkeiten und Gelagen ferngeblieben bist.‹ -- Das tat er. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er. -- ›Nicht ehe du hingehst und deine geistlichen Studien beendest.‹ -- Auch das tat er, und im folgenden Jahre kehrte er als ausgelernter Pfarrer zurück. -- ›Glaubst du mir nun?‹ fragte er und hatte obendrein Talar und Halskrause um. -- ›Jetzt will ich dich ein paarmal Gottes Wort verkünden hören,‹ sagte Karen. Und das tat er wahr und lauter, wie es sich für einen Geistlichen geziemt; er sprach von seiner eignen Sündhaftigkeit, und wie leicht es sei zu siegen, wenn man nur erst den Anfang gemacht habe, und wie schön Gottes Wort sei, wenn man es nur erst gefunden habe. Darauf begab er sich abermals zu Karen. -- ›Ja, nun glaube ich, daß du nach dem leben wirst, was du selber weißt,‹ sagte Karen, ›und nun will ich dir auch erzählen, daß ich seit drei Jahren mit meinem Vetter, Anders Haugen, verlobt bin; du sollst uns am nächsten Sonntag aufbieten.‹« -- --

Hier schloß die Mutter. Synnöve hatte anfangs nur geringe Teilnahme für die Erzählung bezeugt, dann aber war ihre Interesse erwacht, und nun folgte sie mit Spannung jedem Wort. -- »Kommt nicht noch mehr?« fragte sie ganz erschrocken. -- »Nein,« sagte die Mutter. Der Vater sah die Mutter an, da glitt ihr Blick unsicher zur Seite, und nachdem sie sich einen Augenblick besonnen hatte, fuhr sie fort, indem sie mit dem Finger über die Tischplatte hinstrich: »Vielleicht könnte noch etwas kommen -- aber das tut nichts zur Sache.« -- »Ist da noch mehr?« wandte sich Synnöve nun an den Vater, der es zu wissen schien. -- »Hm -- ja! Aber es verhält sich so, wie die Mutter sagt -- es tut nichts zur Sache.« -- »Wie erging es ihm denn?« fragte Synnöve. -- »Ja, das ist es eben,« sagte der Vater und sah zu der Mutter hinüber. Diese hatte sich an die Wand gelehnt und sah sie beide an. -- »Wurde er unglücklich?« fragte Synnöve leise. -- »Wir müssen schließen, wo der Schluß sein soll,« sagte die Mutter und stand auf. Der Vater tat ebenso, und Synnöve stand dann auch auf.

8

Einige Wochen später an einem frühen Morgen machten sich sämtliche Bewohner von Solbakken zum Kirchgang fertig; es war Konfirmation, die in diesem Jahre etwas früher fiel als gewöhnlich, und bei einer solchen Gelegenheit wurden alle Häuser abgeschlossen; denn dann mußten alle mit. Fahren wollten sie nicht, da das Wetter klar war, wenn auch ein wenig kalt und scharf in der frühen Morgenstunde; der Tag versprach schön zu werden. Der Weg führte durch das Kirchspiel, an Granliden vorbei, bog dann rechts ab, und eine gute Viertelstunde weiter lag die Kirche. Das Korn war an den meisten Stellen gemäht und in Hocken gesetzt, die Kühe waren fast überall aus den Bergen heruntergeholt und weideten angepflöckt, die Wiesen waren entweder zum zweitenmal grün oder auf magerm Boden grauweiß; ringsumher stand der vielfarbige Wald, die Birke schon müde, die Espe ganz blaßgelb, die Eberesche mit trocknen, zusammengeschrumpften Blättern und vielen Beeren. Es hatte mehrere Tage stark geregnet, das niedrige Gestrüpp, das am Wege entlang wuchs und sonst im Staube der Landstraße dastand und nieste, war jetzt reingewaschen und frisch. Die Felswände aber begannen sich schwer auf das Tal zu legen, jetzt, wo der plündernde Herbst sie entkleidete und ihnen ein ernsthaftes Angesicht gab, während sich die Felsenbäche, die im Sommer nur hin und wieder Leben gezeigt hatten, jetzt übermütig aufbäumten und mit lautem Lärm hinunterschäumten. Der Granlider Gießbach nahm einen schwerern, ruhigern Gang an, namentlich bis er an den Granlider Steingrund hinabkam, wo der Fels ihn auf einmal nicht weiter begleiten wollte, sondern sich von ihm zurückzog. Da machte er einen Sprung über die Steine und brauste brüllend dahin, so daß der Fels erbebte. Ihm wurde für seine Verräterei gründlich der Kopf gewaschen, denn der Gießbach sandte ihm höhnisch einen Spritzstrahl gerade ins Gesicht. Einige neugierige Erlenbüsche, die sich der Schlucht genähert hatten, wären beinahe von der Flut mit fortgeschwemmt worden; sie standen nun da und schnauften in dem Wasserbade, denn der Gießbach war heute nicht geizig.

Thorbjörn, seine beiden Eltern und seine beiden Geschwister sowie die übrigen Hausbewohner kamen gerade vorüber und beobachteten dies alles. Thorbjörn war jetzt wieder gesund, er zog kräftig wie ehemals seinen Strang bei der Arbeit des Vaters. Die beiden gingen jetzt immer zusammen, so auch hier. -- »Ich glaube fast, wir haben die Leute von Solbakken gerade hinter uns,« sagte der Vater. Thorbjörn sah nicht zurück, die Mutter aber sagte: »Ja, so ist es; aber ich sehe nicht -- ach ja, da ist sie -- ganz hinten.« -- Entweder gingen die Granlider jetzt schneller, oder die Leute von Solbakken hatten ihren Schritt gemäßigt, aber der Abstand zwischen ihnen wurde größer und größer, schließlich sah man einander kaum noch. Es schien, daß heute viel Volk bei der Kirche zusammenkommen würde; der lange Weg war schwarz von gehenden, fahrenden, reitenden Menschen; die Pferde waren jetzt in der Erntezeit übermütig und wenig daran gewöhnt, mit andern zusammen zu sein, deswegen war ein Gewiehere und eine Unruhe unter ihnen, die die Fahrt gefahrvoll, aber sehr lebhaft machten.

Je näher man an die Kirche herankam, desto größern Lärm machten die Pferde, denn jedes, das kam, schrie zu denen hinüber, die schon angebunden dastanden, und diese zerrten an den Leinen, stampften mit den Hinterfüßen und wieherten den Ankömmlingen einen Gruß zu. Alle Hunde des Kirchspiels, die die ganze Woche zu Hause gesessen, einander angehört, sich gegenseitig angeknurrt und herausgefordert hatten, trafen sich jetzt hier bei der Kirche, stürzten sich in die großartigste Beißerei, paarweise und in ganzen Rudeln, weit über die Felder hin. Die Leute standen still an den Häusern und an der Kirchenmauer; sie führten eine flüsternde Unterhaltung und sahen sich nur von der Seite an. Der Weg, der an der Mauer vorbeiführte, war nicht breit, und auf der andern Seite lagen die Häuser dicht nebeneinander; und nun standen die Frauen gewöhnlich an der Mauer, die Männer ihnen gegenüber an den Häusern. Erst später wagten sie es, zueinander hinüberzugehn; auch wenn sich Bekannte von weitem sahen, taten sie, als kennten sie sich nicht, bis dieser Augenblick gekommen war; manchmal geschah es, daß sie sich so nahe gegenüberstanden, wenn der eine Teil kam, daß sie einen Gruß nicht vermeiden konnten; dann geschah es mit halb abgewandtem Gesicht und in kurzen Worten, worauf sich jeder wieder an seinen Platz zurückzog.