Part 6
Er kehrte wieder an das Bett zurück, Thorbjörn sah ihn mit großen, klaren Augen an, der Vater mußte hineinschauen, und da begannen die seinen feucht zu werden. »Ich wußte, daß es so enden würde,« sagte er leise, wandte sich ab und ging hinaus. Die Mutter saß auf einem Schemel zu den Füßen des Sohnes und weinte, sprach aber nicht. Thorbjörn wollte sprechen, aber er fühlte, daß es ihm schwer fallen würde, und so schwieg er. Aber er sah die Mutter unverwandt an, und die Mutter hatte niemals einen solchen Glanz in seinen Augen bemerkt, sie waren auch nie so schön gewesen, und das schien ihr ein schlimmer Vorbote zu sein. »Gott der Herr helfe dir!« rief sie endlich, »ich weiß, daß es mit Sämund aus ist an dem Tage, wo du gehst!« Thorbjörn sah sie mit unbeweglichen Augen und Zügen an. Dieser Blick ging ihr durch und durch, und sie begann, ihm ein Vaterunser vorzubeten, denn sie glaubte, daß er nur noch kurze Zeit zu leben habe. Während sie so dasaß, ging es ihr durch den Sinn, wie teuer gerade er ihnen allen gewesen war, und jetzt war keins von seinen Geschwistern zu Hause. Sie sandte einen Boten nach der Alm hinauf, um Ingrid und einen jüngern Bruder zu holen, kehrte dann zurück und setzte sich wieder an ihren alten Platz. Er sah sie noch immer an, und sein Blick wirkte auf sie wie der Gesang eines Kirchenliedes, der ihre Gedanken nach und nach zu höhern Dingen hinleitete, und die alte Ingebjörg wurde andächtig, holte die Bibel und sagte: »Jetzt will ich dir vorlesen, das wird dir wohltun.« Da sie keine Brille zur Hand hatte, schlug sie eine Stelle auf, die sie noch aus ihrer Mädchenzeit ungefähr auswendig wußte, und das war aus dem Evangelium Johannis. Sie war nicht sicher, ob er sie hörte, denn er lag unbeweglich wie zuvor da und starrte sie nur an; aber sie las doch, wenn nicht für ihn, so doch für sich selbst.
Ingrid war schnell daheim, um sie abzulösen, da aber schlief Thorbjörn. Ingrid weinte unablässig; sie hatte schon zu weinen begonnen, ehe sie von der Alm gegangen war; denn sie dachte an Synnöve, die nichts erfahren hatte. -- Jetzt kam der Doktor und untersuchte ihn. Er hatte einen Messerstich in die Seite bekommen und war auch sonst verletzt worden, aber der Doktor sagte nichts, und niemand fragte ihn. Sämund folgte ihm in die Krankenstube, blieb dort stehn und sah das Gesicht des Doktors ununterbrochen an, ging mit ihm hinaus, half ihm auf das Kariol und griff an die Mütze, als der Doktor sagte, daß er am nächsten Tage wiederkommen würde. Dann wandte er sich zu seiner Frau, die mit hinausgekommen war: »Wenn der Mann nichts sagt, ist es gefährlich!« Seine Lippen bebten, er schlang den einen Fuß um den andern, und dann ging er auf das Feld hinaus.
Niemand wußte, wo er geblieben war, denn an jenem Abend und auch in der Nacht kehrte er nicht heim, sondern erst am nächsten Morgen, und da sah er so finster aus, daß ihn niemand etwas zu fragen wagte. Er selber fragte: »Nun?« -- »Er hat geschlafen!« antwortete Ingrid; »aber er ist so kraftlos, daß er nicht einmal die Hand aufzuheben vermag.« Der Vater wollte hinein, um nach ihm zu sehn, kehrte aber um, als er an die Tür gekommen war.
Der Doktor war da, wie auch am folgenden Tage und mehrere Tage darauf; Thorbjörn konnte sprechen, durfte sich aber nicht bewegen. Meist saß Ingrid bei ihm, aber auch die Mutter und sein jüngerer Bruder; aber er fragte sie nach nichts, und auch sie fragten ihn nicht. Der Vater kam niemals herein; sie sahn, daß es dem Kranken auffiel; jedesmal, wenn sich die Tür öffnete, merkte er auf, und sie glaubten, es müsse sein, weil er den Vater erwarte. Schließlich fragte Ingrid ihn, ob er sonst noch jemand zu sehn wünsche. -- »Ach, sie wollen mich wohl nicht sehn,« erwiderte er. Dies wurde Sämund wiedererzählt, der nicht gleich darauf antwortete; an diesem Tage aber war er nicht zu Hause, als der Doktor kam. Als der Doktor aber die Landstraße eine Strecke hinabgefahren war, traf er Sämund, der am Wege saß und auf ihn wartete. Nachdem er ihn begrüßt hatte, fragte Sämund nach seinem Sohne. -- »Er ist arg zugerichtet,« lautete die kurze Antwort. -- »Kommt er durch?« fragte Sämund und zog den Sattelgurt des Pferdes an. -- »Danke, der sitzt ganz gut,« sagte der Doktor. -- »Er war nicht stramm genug,« erwiderte Sämund. Es entstand nun ein kurzes Schweigen, währenddessen der Doktor ihn betrachtete. Sämund aber war eifrig mit dem Gurt beschäftigt und sah nicht auf. -- »Du fragtest, ob er durchkommen würde; ich glaube wohl,« sagte der Doktor langsam. Sämund sah hastig auf. -- »Ist er außer Lebensgefahr?« fragte er. -- »Das ist er schon seit mehreren Tagen,« antwortete der Doktor. Da tropften ein paar Tränen aus Sämunds Augen; er versuchte sie wegzuwischen, aber sie kamen wieder: »Es ist wirklich eine Schande, wie ich an dem Jungen hing,« schluchzte er, »aber siehst du, Doktor, einen stattlichern Burschen gibts im ganzen Kirchspiel nicht.« -- Der Doktor war gerührt: »Weshalb hast du erst jetzt danach gefragt?« -- »Ich war nicht stark genug, es zu hören,« erwiderte Sämund und kämpfte noch mit den Tränen, die er nicht zurückzuhalten vermochte, -- »und da waren die Weiber« -- fuhr er fort, »sie gaben jedesmal acht, ob ich fragen würde, und da konnte ich nicht.« -- Der Doktor ließ ihm Zeit, sich zu beruhigen, und dann sah ihn Sämund fest an: »Bekommt er seine Gesundheit wieder?« fragte er plötzlich. -- »Bis zu einem gewissen Grade; übrigens kann man noch nichts mit Bestimmtheit sagen.« -- Da wurde Sämund ruhig und nachdenklich. -- »Bis zu einem gewissen Grade,« murmelte er. Er stand da und sah vor sich hin; der Doktor wollte ihn nicht stören, weil ein gewisses Etwas an dem Mann ihm das verbot. Plötzlich hob Sämund den Kopf in die Höhe: »Ich danke dir für die Nachricht,« sagte er, reichte ihm die Hand und ging zurück.
Zu derselben Zeit saß Ingrid bei dem Kranken. »Wenn du dich stark genug fühlst, mich anzuhören, dann will ich dir etwas von dem Vater erzählen,« sagte sie. -- »Erzähle,« sagte er. -- »Ja, den ersten Abend, als der Doktor hier gewesen war, verschwand der Vater, und niemand wußte, wo er war. Er aber war drüben im Hochzeitshause gewesen, und allen Leuten war ganz unheimlich zumute geworden, als er kam. Er hatte sich unter sie gesetzt und hatte getrunken, und der Bräutigam hat erzählt, er glaube, der Vater habe sich einen kleinen Rausch angetrunken. Dann erst fing er an, sich nach der Prügelei zu erkundigen, und er erhielt genauen Bescheid, wie alles zugegangen war. Knud kam hinzu, und nun wollte der Vater, daß +er+ erzählen solle, und er ging auf den Hof hinaus nach der Stelle, wo ihr euch geprügelt hattet. Alle Leute gingen mit. Knud erzählte ihm dann, wie du ihm mitgespielt hättest, nachdem du ihm die Hand lahm geschlagen hattest, als aber Knud nicht weitererzählen wollte, sprang der Vater auf und fragte, ob es dann so zugegangen sei -- und damit ergriff er Knud bei der Brust, hob ihn auf und legte ihn auf die Steinplatte, an der noch dein Blut klebte. Er hielt ihn mit der linken Hand nieder und zog mit der rechten sein Messer; Knud wurde leichenblaß, und alle Gäste schwiegen. Einige von den Leuten haben gesehn, wie der Vater weinte, aber er tat Knud nichts. Knud selber rührte sich nicht. Dann hob der Vater Knud wieder in die Höhe, legte ihn aber nach einer Weile wieder nieder: »Es wird mir sauer, dich laufen zu lassen,« sagte er und stand da und starrte ihn an, während er ihn festhielt.
»Zwei alte Frauen gingen vorüber, und die eine von ihnen sagte: ›Denke an deine Kinder, Sämund Granliden!‹ Und sie sagen, da hätte der Vater Knud sofort losgelassen, und nach einer Weile sei er vom Hofe verschwunden gewesen; Knud aber schlich sich zwischen den Gebäuden weg von der Hochzeit und kehrte nicht wieder zurück.«
Kaum hatte Ingrid diese Erzählung beendet, als sich die Tür öffnete und jemand hereinsah. Es war der Vater. Sie ging sogleich hinaus, und Sämund kam herein. Was die beiden miteinander gesprochen haben, hat niemand erfahren; die Mutter, die an der Tür stand, um zu lauschen, glaubte aufgefangen zu haben, daß sie davon gesprochen hätten, wie weit er seine Gesundheit wieder erlangen würde. Aber sie war sich dessen nicht ganz sicher, wollte auch nicht hineingehn, solange Sämund da war. Als Sämund herauskam, war er sehr weich gestimmt, und seine Augen waren gerötet. »Wir behalten ihn noch,« sagte er im Vorübergehn zu Ingebjörg. »Aber Gott weiß, ob er seine Gesundheit je wieder erlangen wird.« Ingebjörg fing an zu weinen und folgte ihrem Mann auf den Hof hinaus. Auf der Treppe des Vorratshauses setzten sie sich nebeneinander, und nun wurde gar manches zwischen den beiden beredet.
Als aber Ingrid wieder leise zu Thorbjörn hineinkam, lag er mit einem kleinen Zettel in der einen Hand da und sagte ruhig und langsam: »Das hier mußt du Synnöve geben, sobald du sie wiedersiehst.« Als Ingrid gelesen hatte, was darauf stand, wandte sie sich um und weinte; denn auf dem Zettel stand:
An die wohlgeachtete Jungfer Synnöve Guttormstochter Solbakken!
Wenn Du diese Zeilen gelesen hast, muß es zwischen uns beiden vorbei sein. Denn ich bin nicht der, den Du haben sollst. Der liebe Gott sei mit uns beiden.
Thorbjörn Sämundsen Granliden.
6
Synnöve hatte es am Tage darauf erfahren, daß Thorbjörn zur Hochzeit gewesen war. Sein jüngerer Bruder war mit der Nachricht nach der Alm hinaufgekommen. Ingrid aber hatte ihn gerade noch draußen im Vorbau erwischt, als er gehn wollte, und sie hatte ihm eingeschärft, was er sagen sollte. Synnöve wußte deswegen nichts weiter, als daß Thorbjörn umgeworfen hatte und dann nach Nordhaug gegangen war, um Hilfe zu suchen, daß Knud und er dort aneinandergeraten waren und daß Thorbjörn leicht zu Schaden gekommen wäre und jetzt zu Bette liege, ohne daß indessen die Sache gefährlich sei. Die Nachricht war derart, daß Synnöve sich mehr darüber ärgerte als betrübte. Und je mehr sie darüber nachsann, um so verzagter wurde sie. Wie viele Versprechungen er ihr auch machte, immer betrug er sich doch wieder so, daß die Eltern etwas gegen ihn zu sagen hatten. ›Aber trotzdem lassen wir uns nicht auseinanderbringen,‹ dachte Synnöve.
Es kam nicht häufig Nachricht auf die Alm hinauf, und deswegen währte es eine ganze Weile, ehe Synnöve wieder etwas erfuhr. Die Ungewißheit lastete schwer auf ihrem Gemüt, und Ingrid kam nicht wieder herauf, folglich mußte sich irgend etwas ereignet haben. Sie war nicht mehr imstande, ihre Kühe des Abends heimzusingen, so wie sie es früher getan hatte, und des Nachts schlief sie nicht gut, da Ingrid ihr fehlte. So kam es, daß sie am Tage müde war, und das machte ihr den Sinn nicht leichter. Sie ging umher und arbeitete, sie scheuerte Milcheimer und Tonnen, machte Käse und setzte Milch an, aber es geschah alles ohne Lust, und Thorbjörns jüngerer Bruder und der andre Junge, der zusammen mit ihm das Vieh hütete, glaubten jetzt steif und fest, daß zwischen ihr und Thorbjörn etwas los sei, was ihnen Stoff zu mancher Unterhaltung gab oben auf den Halden.
Am Nachmittage des achten Tages, nachdem Ingrid nach Hause geholt worden war, fühlte sie den Druck mehr als je auf sich lasten. Nun war so lange Zeit verflossen, und noch immer keine Nachricht da. Sie ließ ihre Arbeit liegen und setzte sich und sah über das Tal hin; das war ihr, als hätte sie Gesellschaft, und sie wollte nun einmal nicht mehr allein sein. Wie sie so dasaß, wurde sie müde, legte den Kopf auf ihren Arm und schlief ein; die Sonne aber stach, und es war ein unruhiger Schlaf. Sie war drüben auf Solbakken, oben auf der Bodenkammer, wo ihre Sachen standen, und wo sie zu schlafen pflegte; die Blumen aus dem Garten sandten einen süßen Duft zu ihr herauf, wenn auch nicht den, an den sie gewohnt war, sondern einen andern, fast wie von Heidekraut. ›Woher mag das wohl kommen?‹ dachte sie und beugte den Kopf zum offnen Fenster hinaus. Ja, da stand Thorbjörn unten im Garten und pflanzte Heidekraut. -- »Aber, Liebster, weshalb tust du denn das?« fragte sie. -- »Ach, die Blumen wollen nicht wachsen,« erwiderte er und arbeitete weiter im Garten. Da tat es ihr leid um die Blumen, und sie bat ihn, sie ihr doch heraufzubringen. -- »Ja, das will ich gern tun,« meinte er, und dann sammelte er sie auf und brachte sie ihr; aber es war nicht mehr in der Bodenkammer, wo sie saß, denn jetzt konnte er geradeswegs zu ihr hereinkommen. Gerade da kam die Mutter herein. »In Jesu Namen! Soll der abscheuliche Bursche von Granliden zu dir hereinkommen?« sagte die Mutter, sprang hinzu und stellte sich ihm gerade in den Weg. Aber er wollte dennoch herein, und nun begannen die beiden miteinander zu ringen. -- »Mutter, Mutter, er wollte mir ja nur meine Blumen bringen,« bat Synnöve und weinte. -- »Ja, das hilft nichts,« sagte die Mutter und rang weiter. Und Synnöve war so erschrocken, so erschrocken, denn sie wußte nicht, wem sie den Sieg wünschen sollte, unterliegen aber sollte keins von ihnen. -- »Nimm meine Blumen in acht!« rief sie, aber sie rangen jetzt heftiger als zuvor, und all die schönen Blumen wurden ringsumhergestreut. Die Mutter trat darauf, und er auch; Synnöve weinte. Als aber Thorbjörn die Blumen hatte fallen lassen, wurde er so häßlich, so häßlich; das Haar wurde lang, und das Gesicht wurde ganz groß, die Augen blickten so böse, und mit langen Krallen packte er die Mutter. -- »Nimm dich in acht, Mutter! siehst du nicht, daß es ein andrer ist? -- nimm dich in acht!« schrie sie und wollte der Mutter helfen, konnte sich aber nicht vom Fleck rühren. Da rief jemand nach ihr -- und noch einmal hörte sie ihren Namen rufen. Sofort aber stürzte Thorbjörn hinaus, und die Mutter ihm nach. Abermals hörte sie ihren Namen rufen. -- »Ja!« sagte Synnöve und erwachte.
»Synnöve!« rief es. -- »Ja,« antwortete sie und sah auf. -- »Wo bist du?« fragte eine Stimme. -- ›Das ist die Mutter, die mich ruft,‹ dachte Synnöve, erhob sich und ging nach dem Weideplatz, wo die Mutter mit einem Eßkorb in der einen Hand stand, während sie sich mit der andern die Augen beschattete und zu ihr hinübersah.
»Hier liegst du und schläfst auf der bloßen Erde!« sagte die Mutter. -- »Ich war so müde,« entgegnete Synnöve, »daß ich mich einen Augenblick niederlegte, und ich bin eingeschlafen, ehe ich michs versah.« -- »Davor mußt du dich in Zukunft hüten, mein Kind. Hier ist etwas für dich in dem Korbe; ich habe gestern gebacken, da Vater eine lange Reise antreten will.« -- Synnöve fühlte aber, daß die Mutter nicht deswegen allein gekommen war, und sie meinte, daß sie nicht ohne Grund von ihr geträumt habe. Karen, so hieß die Mutter, war, wie schon vorher gesagt worden ist, klein und fein gebaut, mit blondem Haar und blauen Augen, die ihr lebhaft im Kopfe herumgingen. Sie lächelte ein wenig, wenn sie sprach, aber nur, wenn sie mit fremden Leuten redete. Ihre Züge waren mit der Zeit ein wenig scharf geworden, sie war rasch in ihren Bewegungen und war immer sehr geschäftig. -- Synnöve dankte ihr für das Mitgebrachte, hob den Deckel ab und sah nach, was es war. -- »Ach, das hat Zeit bis später.« sagte die Mutter; »ich habe vorhin bemerkt, daß deine Milchkübel noch nicht gescheuert waren, mein Kind, das mußt du immer tun, ehe du dich zur Ruhe legst.« -- »Ja, das war heute auch nur ausnahmsweise.« -- »Komm jetzt, dann will ich dir helfen, da ich nun einmal hier bin,« sagte die Mutter und stürzte die Röcke auf. »Du mußt dich an Ordnung gewöhnen, du magst unter meiner Aufsicht sein oder nicht.« -- Sie ging voraus nach der Milchkammer, und Synnöve folgte ihr langsam. Sie nahmen alles heraus und wuschen es ab; die Mutter sah das Geschirr nach und fand alles in gutem Zustande vor, sie erteilte fleißig Ratschläge und half beim Ausfegen; so vergingen ein paar Stunden. Während der Arbeit hatte sie Synnöve erzählt, was sie daheim trieben, und wieviel sie zu tun gehabt habe, um alles für die Abreise des Vaters fertigzumachen. Dann fragte sie, ob Synnöve auch daran denke, Gottes Wort zu lesen, ehe sie sich am Abend schlafen lege; »denn das darfst du nicht vergessen,« sagte sie, »sonst geht die Arbeit am nächsten Tage schlecht.«
Als sie mit allem fertig waren, gingen sie auf den Weideplatz hinaus, um dort die Kühe zu erwarten. Und als sie eine Weile beieinander gesessen hatten, fragte die Mutter nach Ingrid, ob die nicht bald wieder auf die Alm heraufkäme. Synnöve wußte darüber nicht mehr als die Mutter. -- »Ja, so kann es den Leuten gehn!« sagte die Mutter, und Synnöve begriff sehr wohl, daß nicht Ingrid gemeint war; sie hätte gern von etwas anderm angefangen, aber sie hatte nicht den Mut dazu. -- »Wer den Herrn nicht im Herzen trägt, der wird von ihm heimgesucht, wenn ers am mindesten glaubt,« sagte die Mutter. -- Synnöve erwiderte kein Wort. -- »Nein, das habe ich immer gesagt, aus dem Burschen wird nichts -- -- sich so zu benehmen! -- pfui!« -- Sie kauerten beide auf dem Rasen und sahn hinunter ins Tal, aber sie sahn sich nicht an. -- »Hast du gehört, wie es mit ihm steht?« fragte die Mutter und sah nun schnell zu der Tochter hinüber. -- »Nein,« antwortete Synnöve. -- »Es soll schlecht mit ihm stehn,« sagte die Mutter. Die Brust schnürte sich Synnöve zusammen. -- »Ist es denn gefährlich?« fragte sie. -- »Ach ja, da ist der Messerstich in die Seite -- und dann hat er auch noch arge Schläge bekommen.« -- Synnöve fühlte, daß sie dunkelrot wurde; sie wandte sich hastig ab, daß es die Mutter nicht sehn sollte. -- »Aber das hat wohl nicht viel zu bedeuten?« fragte sie so ruhig, wie es ihr nur möglich war; die Mutter aber hatte bemerkt, wie heftig ihre Brust arbeitete, deswegen antwortete sie: »Ach nein, das hat es wohl nicht!« -- Da begann Synnöve zu ahnen, daß etwas sehr Ernstes vorgefallen sein müsse. -- »Liegt er?« fragte sie. -- »Natürlich liegt er! Es ist ein Jammer um die Eltern, so brave Leute! Gut erzogen ist er auch, so kann ihnen Gott das nicht zur Last legen.« -- Synnöve wurde nun so beklommen, daß sie sich nicht zu helfen wußte. Da fuhr die Mutter fort: »Nun zeigt es sich, was für ein Glück es ist, daß niemand an ihn gebunden ist. Der liebe Gott führt doch alles zum besten.« -- Synnöve wurde so schwindlig, als müsse sie den Berg hinabstürzen.
»Nein, ich habe es immer zum Vater gesagt, ich: Gott bewahre uns, habe ich gesagt, wir haben nur diese einzige Tochter, und für die müssen wir sorgen. Er ist ein wenig weich von Natur, der Vater, so brav er sonst ist; da ist es denn ein Glück, daß er Rat da sucht, wo er ihn findet, nämlich in Gottes Wort.«
Als nun aber Synnöve an ihren Vater dachte, wie sanft der allezeit war, wurde es ihr noch schwerer, die Tränen zu unterdrücken, und diesmal half denn auch kein Widerstand; sie fing an zu weinen. -- »Weinst du?« fragte die Mutter und sah nach ihr hin, ohne ihr jedoch ins Gesicht sehn zu können. -- »Ja, ich dachte an den Vater, und da -- --« und nun brachen die Tränen gewaltsam hervor. -- »Aber liebes Kind, was hast du nur?« -- »Ach, ich weiß nicht recht -- es überkam mich so -- -- vielleicht kann es ihm übel ergehn auf dieser Reise," schluchzte Synnöve. -- »Wie kannst du nur so reden,« sagte die Mutter; »weswegen sollte es ihm nicht gut gehn auf der Reise zur Stadt, die ebene Landstraße entlang!« -- »Ja -- aber denk doch nur -- wie es -- dem andern erging,« schluchzte Synnöve. -- »Ja -- dem! -- Aber dein Vater fährt doch nicht drauflos wie ein Verrückter, sollt ich meinen! Er kehrt sicher wohlbehalten wieder heim -- wenn nur Gott seine Hand über ihm hält!«
Der Mutter aber gaben diese Tränen, die gar nicht wieder aufhören wollten, zu denken. Und wie sie so dasaß, sagte sie plötzlich: »Es gibt viele Dinge auf dieser Welt, die schwer genug sein können, aber da muß man sich damit trösten, daß sie noch viel schwerer hätten sein können.« -- »Ja, das ist ein trauriger Trost,« sagte Synnöve und weinte bitterlich. Die Mutter konnte es nicht über das Herz bringen, zu antworten, was sie dachte, so sagte sie denn nur: »Gott der Herr lenkt gar vieles für uns in sichtbarer Weise; das hat er wohl auch hier getan!« Und dann erhob sie sich, denn die Kühe fingen an oben auf dem Bergrücken zu brüllen, die Glocken erklangen, die Hirtenjungen jubelten, und die Herde kam langsam bergab, da das Vieh satt und ruhig war. Sie stand da und sah zu, dann hieß sie Synnöve mitkommen und sie in Empfang nehmen. Synnöve erhob sich jetzt auch und folgte der Mutter, aber es ging langsam.
Karen Solbakken war nun vollauf in Anspruch genommen durch die Begrüßung ihrer Herde. Da kam eine Kuh nach der andern herbei, und alle erkannten sie und brüllten. Sie streichelte sie, sprach mit ihnen und wurde wieder fröhlich, als sie sah, wie gut sie alle zugenommen hatten. -- »Ach ja,« sagte sie, »Gott ist dem nahe, der sich zu ihm hält!« -- Sie half nun Synnöve das Vieh eintreiben, denn bei Synnöve ging es heute nur langsam. Die Mutter sagte nichts dazu; sie half ihr auch beim Melken, obwohl sie infolgedessen länger da oben blieb, als sie beabsichtigt hatte. Als sie nun die Milch geseiht hatten, schickte die Mutter sich an, heimzukehren, und Synnöve wollte sie eine Strecke begleiten. -- »Ach nein,« sagte die Mutter, »du bist sicher müde und sehnst dich nach Ruhe«; und so nahm sie denn den leeren Korb, gab ihr die Hand und sagte, indem sie sie fest ansah: »Ich komme bald wieder herauf, um zu sehn, wie es dir geht. -- -- Halte dich zu uns, und denke nicht an andre.«
Kaum war die Mutter ihr aus dem Gesichtskreis entschwunden, als sie schon darüber nachdachte, wie sie am schnellsten einen Boten nach Granliden hinabschicken könnte. Sie rief Thorbjörns Bruder, sie wollte ihn hinabsenden; aber als er kam, konnte sie sich nicht entschließen, sich ihm anzuvertrauen, deswegen sagte sie: »Ach, es war nichts!« Dann dachte sie daran, selber zu gehn. Gewißheit mußte sie haben, und es war unrecht von Ingrid, ihr keine Nachricht zu senden. Die Nacht war ganz hell, und der Hof lag nicht so weit talabwärts, daß sie den Weg nicht hätte machen können, wenn es sie so hinabzog. Während sie dasaß und hierüber nachdachte, wiederholte sie sich in Gedanken noch einmal alles das, was die Mutter gesagt hatte, und ihre Tränen begannen von neuem zu fließen. Da aber zögerte sie nicht länger, warf ein Tuch um und wählte einen Schleichweg, damit die Jungen nichts merken sollten.
Je weiter sie kam, um so mehr beeilte sie sich, und schließlich sprang sie den Fußpfad hinunter, daß die kleinen Steine abbröckelten, hinabrollten und ihr Schrecken verursachten. Obwohl sie wußte, daß es nur Steine waren, die rollten, war es ihr doch, als wenn jemand in der Nähe sei, und sie mußte stehnbleiben und lauschen. Aber es war nichts, und sie sprang schneller als zuvor bergab. Da geschah es, daß sie mit einem stärkern Sprung auf einen großen Stein geriet, der ein Stück aus dem Wege hervorragte, sich aber jetzt löste und an ihr vorbei hinunterrollte. Er machte argen Lärm, es knackte in den Büschen, und sie war ganz bange, erschrak aber noch mehr, als sie leibhaftig sah, wie sich da unten jemand erhob und bewegte. Zuerst dachte sie, es könne ein wildes Tier sein, sie blieb stehn und hielt den Atem an -- auch die Gestalt unten am Wege stand still. »Hoi--ho!« rief es. Es war die Mutter. Das erste, was Synnöve tat, war, daß sie zur Seite sprang und sich versteckte. Sie saß eine ganze Weile da und wartete, ob die Mutter sie erkannt hätte und zurückkäme; aber das tat sie nicht. Dann wartete sie noch eine Weile, damit die Mutter einen guten Vorsprung gewänne. Als sie sich dann wieder auf den Weg machte, ging sie ganz langsam, und bald näherte sie sich den Häusern.