Synnöve Solbakken: Erzählung

Part 5

Chapter 53,979 wordsPublic domain

Mehrere redeten ihn an, aber er hörte es nicht. »Der Branntwein hat es ihm angetan,« sagte der auf dem Bette. Da blickte Aslak auf und begann wieder zu lächeln. »Ja, nun sollt ihr ein lustiges Stück hören,« sagte er. »Gott bewahre, wie lustig es ist!« sagte er nach einer Weile und lachte mit weit geöffnetem Munde, aber ohne daß sie das Lachen hörten. -- »Er hat heute wirklich seinen guten Tag,« sagte der Vater des Bräutigams. -- »Ja, meine Mittel erlauben es mir!« sagte Aslak; »noch einen Schluck mit auf die Reise!« rief er und streckte die Hand aus. Der Branntwein kam, er trank ihn langsam aus, hielt den Kopf mit dem letzten Tropfen auf der Zunge ein wenig hintenüber, schluckte ihn und sagte dann zu dem Mann auf dem Bett gewandt: »Jetzt bin ich euer Schwein, ich!« und lachte wie vorhin. Er umspannte das Knie mit beiden Händen, bewegte den Fuß auf und nieder, indem er sich dabei hin und her wiegte, und dann begann er: »Ja, es war einmal ein Mädchen, das wohnte in einem Tale. Der Name des Tals tut nichts zur Sache, ebensowenig wie der Name des Mädchens. Aber das Mädchen war schön, und das fand der Bauer auch -- pst! --, und das war der, bei dem sie diente. Sie bekam einen guten Lohn, den bekam sie, und sie bekam noch mehr, als sie bekommen sollte, sie bekam ein Kind. Die Leute sagten, es sei von ihm, aber das sagte er nicht; denn er war verheiratet, und auch sie sagte es nicht, denn sie war stolz, das arme Ding. So wurde denn bei der Taufe eine Lüge gesprochen, und es war ein Taugenichts von Jungen, den sie geboren hatte, und so war es einerlei, daß er mit einer Lüge getauft worden war. Sie aber bekam eine Ruhestelle unterhalb des Hofs, und das gefiel der Frau nicht, wie man sich ja denken kann. Kam das Mädchen auf den Hof, so spuckte sie nach ihr, kam aber ihr kleiner Junge, um mit den Kindern vom Hofe zu spielen, so hieß sie diese den Hornung wegjagen; er sei nicht mehr wert, sagte sie.

»Sie bat ihren Mann Tag und Nacht, die Person vom Hofe zu jagen. Er hielt stand, solange er ein Mann war, dann aber ergab er sich dem Trunke, und da bekam die Frau das Regiment. Von nun an ging es dem armen Mädchen sehr schlecht; es wurde mit jedem Jahre schlechter, und es fehlte nicht viel, so wäre sie mitsamt ihrem kleinen Buben verhungert, denn der wollte nicht von seiner Mutter, er.

»So verstrich ein Jahr und noch eins, und schließlich waren acht Jahre verflossen; aber noch immer wohnte die Dirne auf ihrer Stelle, obwohl sie weg sollte. -- Und dann kam sie wirklich weg! -- Vorher aber stand der Hof in lichterlohen Flammen, und der Mann verbrannte, denn er war betrunken; die Frau rettete sich mit den Kindern, und sie sagte, die Betteldirne unten auf der Stelle hätte es getan. Das konnte ja sein, daß sie das getan hatte. -- Und es konnte leicht auch anders sein. -- Es war ein merkwürdiger Junge, den sie hatte. Acht Jahre lang hatte er es mit angesehn, wie seine Mutter sich abhärmte, und er wußte sehr wohl, wo die Schuld lag; denn die Mutter hatte es ihm oft erzählt, wenn er fragte, warum sie immer weine. Das tat sie auch an dem Tage, ehe sie fort mußte, und deswegen war er während der Nacht nicht zu Hause. -- Aber +sie+ kam lebenslänglich ins Zuchthaus, denn sie sagte selber zu dem Schreiber, sie hätte das schöne Feuer auf dem Hofe gemacht. -- Der Junge blieb in der Gegend, und alle Leute halfen ihm, weil er eine so schlechte Mutter hatte. -- Dann zog er aus der Gegend weg, weit weg in eine andre, wo man nicht so gut gegen ihn war, denn dort wußte wohl keiner, was für eine schlechte Mutter er hatte. Ich glaube nicht, daß er es selber sagte. -- Das letztemal, als ich von ihm hörte, war er betrunken, und die Leute sagen, daß er sich in der letzten Zeit aufs Trinken gelegt habe; ob das wahr ist, will ich dahingestellt sein lassen; eins aber ist wahr, daß ich nicht weiß, was er Besseres tun könnte. Er ist ein schlechter, böser Bursche, das könnt ihr mir glauben; er mag die Menschen nicht leiden -- und noch weniger mag er es, daß sie gut gegeneinander sind, am allerwenigsten aber, wenn sie gut gegen ihn selber sind. Und er sähe es gern, wenn andre so wären wie er selber -- aber das sagt er nur, wenn er betrunken ist. Und dann weint er auch, weint wie ein Schloßhund -- über gar nichts; denn worüber sollte er auch wohl weinen? Er hat nie einem Menschen einen Heller gestohlen oder etwas von dem Schlechten getan, was manche andre tun, so daß er wirklich nichts hat, worüber er weinen könnte. Und doch weint er, weint er wie ein Schloßhund. Und solltet ihr ihn einmal weinen sehn, so achtet nicht darauf, denn er weint nur, wenn er betrunken ist, und dann weiß er nicht, was er tut.«

Hier fiel Aslak unter heftigem Weinen rücklings von seinem Schemel herunter, aber er beruhigte sich doch bald wieder, denn er schlief ein.

»Jetzt ist das Schwein besoffen,« sagte der Mann auf dem Bette. »Dann liegt er immer da und heult sich in Schlaf.« -- »Das war eine häßliche Geschichte,« sagten die Frauen, standen auf und gingen hinaus. -- »Ich habe ihn niemals andre Geschichten erzählen hören, wenn man ihm seinen eignen Willen ließ,« sagte ein alter Mann, der von seinem Sitz an der Tür aufstand. »Gott weiß, warum die Leute ihn hören wollen,« setzte er hinzu und sah nach der Braut hinüber.

5

Einige gingen hinaus, andre suchten den Spielmann, daß er wieder hereinkäme, damit der Tanz beginnen könnte. Aber der Spielmann war in einer Ecke der Diele eingeschlafen, und einige von den Gästen baten, man möge ihn ruhig liegen lassen. Seit sein Kamerad Lars zuschanden geschlagen worden ist, hat Ole Tag und Nacht spielen müssen. Man hatte Thorbjörns Pferd und seine Sachen auf den Hof geschafft und einen andern Wagen vorgespannt, da er trotz aller Bitten wieder fort wollte. Namentlich der Bräutigam suchte ihn zurückzuhalten: »Hier ist vielleicht nicht so große Freude für mich, wie man glauben sollte,« sagte er, und Thorbjörn dachte das seine dabei; aber er beschloß doch, weiterzufahren, ehe es Abend wurde. Als man sah, daß er unerschütterlich war, zerstreute man sich über den Hof. Es waren viele Leute da, aber es war sehr still, und das Ganze sah wenig nach einer Hochzeit aus. Thorbjörn mußte einen neuen Deichselpflock haben und ging, sich einen zu suchen. Auf dem Hofe war kein passender Gegenstand, deswegen ging er ein wenig weiter und kam an einen Holzschuppen, in den er hineinging, langsam und still, da ihn die Worte des Bräutigams verfolgten. Er fand, was er suchte, und setzte sich dann, ohne recht zu wissen, was er tat, an die eine Wand, Messer und Pflock in der Hand. Da hörte er ganz in der Nähe etwas stöhnen; es war auf der andern Seite der dünnen Wand, wo das Wagenschauer war, und nun lauschte er. -- »Bist du es -- auch wirklich?« hörte er eine männliche Stimme leise und in langen Zwischenräumen sagen, als spräche sie mit großer Anstrengung. Dann hörte er jemand weinen, aber es war kein Mann. -- »Weshalb kamst du auch hierher?« fragte eine Stimme, die der Weinenden gehören mußte, denn sie war von Tränen erstickt. -- »Hm -- auf wessen Hochzeit sollte ich denn spielen, wenn nicht auf deiner!« sagte die erste Stimme. ›Das ist sicher der Spielmann Lars, der da liegt,‹ dachte Thorbjörn. Lars war ein kräftiger, schöner Bursch, dessen alte Mutter auf einer Häuslerstelle, die zu dem Gehöfte gehörte, zur Miete wohnte, die andre aber mußte die Braut sein! -- »Weshalb hast du nur nie gesprochen?« sagte sie leise, aber sehr langsam, als sei sie in großer Erregung. -- »Ich glaubte, das sei zwischen uns beiden nicht nötig,« war die kurze Antwort. Dann war eine Weile alles still, endlich begann sie von neuem: »Du wußtest doch, daß er hierherkam. -- Ich hatte dich für stärker gehalten.« -- Er hörte nun nichts als Weinen, endlich brach sie wieder in die Worte aus: »Warum hast du nicht gesprochen?«

»Es hätte dem Sohne der alten Birthe wohl wenig genützt, wenn er die Tochter auf Nordhaug angesprochen hätte,« antwortete er nach einer Pause, während der er schwer geatmet und viel gestöhnt hatte. Er wartete auf Antwort. -- »Wir haben einander doch so viele Jahre nachgeschaut,« sagte sie endlich.

»Du warst so stolz, man wagte nicht, ordentlich mit dir zu reden.«

»Und doch habe ich nichts in der Welt so sehr gewünscht! -- Ich wartete jeden Tag; wo wir uns begegneten -- es war mir fast, als böte ich mich dir an. Und dann dachte ich, daß du mich verschmähtest.« -- Wieder war alles still. Thorbjörn hörte keine Antwort, kein Weinen; er hörte den Kranken auch nicht atmen.

Thorbjörn dachte an den Bräutigam, den er kannte und für einen guten Mann hielt, und er empfand Mitleid mit ihm. Da sagte sie: »Ich fürchte, er wird wenig Freude an mir haben, er -- der --« -- »Es ist ein braver Mann,« sagte der Kranke und fing wieder an, leise zu stöhnen, da ihn offenbar die Brust schmerzte. Es schien, als fühle sie seinen Schmerz mit, denn sie sagte: »Das ist nun so schwer für dich -- aber es wäre wohl niemals zur Aussprache zwischen uns gekommen, wenn dies nicht geschehn wäre. Als du Knud den Schlag versetztest, verstand ich dich erst.«

»Ich konnte es nicht länger ertragen,« erwiderte er. Und nach einer Weile fügte er hinzu: »Knud ist schlecht!« -- »Er ist nicht gut,« sagte die Schwester.

Sie schwiegen eine Weile, dann sagte er: »Es soll mich wundern, ob ich wohl jemals wieder gesund werde. Nun, das ist jetzt auch ganz einerlei.« -- »Hast du es schlimm, so habe ich es noch weit schlimmer,« und abermals folgte heftiges Weinen. -- »Willst du jetzt gehn?« fragte er dann. -- »Ja,« lautete die Antwort, und nach einer Weile sagte sie: »O mein Gott, mein Gott, was für ein Leben wird das werden!« -- »Weine nicht,« sagte er; »der liebe Gott wird meinem Leben bald ein Ende machen, und dann wird es auch für dich besser werden, das sollst du sehn.« -- »Jesus, Jesus, daß du nicht gesprochen hast!« rief sie mit verhaltner Stimme, wie wenn sie die Hände ränge; Thorbjörn glaubte, daß sie weggegangen sei, oder daß sie nicht imstande sei, länger zu reden; denn er hörte eine ganze Weile nichts. Er ging.

Den ersten besten, dem Thorbjörn im Hofe begegnete, fragte er: »Was ist eigentlich zwischen dem Spielmann Lars und Knud Nordhaug vorgefallen?« -- »Ha? Zwischen denen? Ja« -- sagte der Häusler Peter und zog das Gesicht zusammen, als wollte er etwas in den Falten verbergen; »danach kannst du wohl fragen, denn das war um nichts und wieder nichts. Knud fragte Lars nur, ob seine Fiedel auf dieser Hochzeit einen guten Klang habe.«

In diesem Augenblick ging die Braut vorüber; sie hatte das Gesicht abgewandt, als sie aber den Namen Lars vernahm, wandte sie sich um und zeigte ein Paar große, rotgeweinte Augen, die unsicher blickten; sonst aber war das Gesicht ganz kalt, so kalt, daß Thorbjörn es nicht mit ihren Worten von vorhin zusammenreimen konnte. Das gab ihm noch mehr zu denken.

Etwas weiter nach vorn im Hofe stand das Pferd und wartete; er befestigte seinen Pflock und sah sich nach dem Bräutigam um, von dem er sich verabschieden wollte. Er hatte keine große Lust, ihn zu suchen, es war ihm sogar lieb, daß er nicht kam, und er setzte sich also auf den Wagen. Da vernahm er von der linken Seite des Hofes her, wo die Scheune stand, Lärmen und Rufen; es war eine ganze Gesellschaft, die aus der Scheune herauskam; ein großer Mann, der voranging, rief: »Wo ist er? -- Hat er sich versteckt? -- Wo ist er?« -- »Da, da!« riefen mehrere. -- »Laßt ihn nicht dorthin,« sagten andre, »es gibt nur ein Unglück.« -- »Ist das Knud?« fragte Thorbjörn einen kleinen Jungen, der neben seinem Wagen stand. -- »Ja, er ist betrunken, dann sucht er immer Händel!« -- Thorbjörn saß schon auf dem Wagen und trieb nun das Pferd an. --»Nein, halt, Kamerad,« hörte er eine Stimme hinter sich; er hielt das Pferd an, als dies aber weiterging, ließ er es laufen. -- »Hallo! bist du bange, Thorbjörn Granliden?« schrie jetzt die Stimme ganz dicht hinter ihm. Jetzt zog er die Zügel an, sah sich aber nicht um.

»Steig ab und nimm teil an unsrer guten Gesellschaft,« rief jemand. Thorbjörn wandte den Kopf: »Danke, ich muß nach Hause,« sagte er. Sie unterhandelten eine Weile, und währenddes war der ganze Schwarm an den Wagen herangekommen; Knud stellte sich vor das Pferd hin, streichelte es erst und faßte es dann beim Kopfe, um es zu betrachten. Knud war hochgewachsen, er hatte blondes, aber struppiges Haar und eine aufgeworfne Nase, der Mund war groß und dick, die Augen milchblau, aber frech. Er hatte wenig Ähnlichkeit mit der Schwester, nur einen Zug um den Mund hatten sie gemein, und dann hatte er dieselbe gerade aufsteigende Stirn, nur etwas niedriger, wie denn alle ihre feinen Züge bei ihm gröber waren. -- »Was willst du für deinen Gaul haben?« fragte Knud. -- »Ich will ihn gar nicht verkaufen,« erwiderte Thorbjörn. -- »Du glaubst wohl, ich könnte ihn nicht bezahlen?« sagte Knud. -- »Ich weiß nicht, was du kannst.« -- »So? Du zweifelst daran? Davor solltest du dich denn doch hüten,« sagte Knud. Der Bursche, der vorhin drinnen im Zimmer an der Wand gestanden und mit dem Haar der Mädchen gespielt hatte, sagte nun zu einem Nachbarn: »Knud wagt es diesmal nicht recht.«

Das hörte Knud. -- »Ich wage es nicht? Wer sagt das? Ich wage es nicht?« schrie er. Mehr und mehr Leute kamen herzu. -- »Aus dem Wege, gebt acht aufs Pferd!« schrie Thorbjörn und schwang die Peitsche; er wollte fahren. -- »Sagst du zu mir: Aus dem Wege?« fragte Knud. -- »Ich sprach mit dem Pferd; ich muß fort,« sagte Thorbjörn, wich aber auch nicht zur Seite. -- »Was, du fährst gerade auf mich zu?« fragte Knud. -- »So geh aus dem Wege!« -- und das Pferd erhob den Kopf, sonst hätte es Knud damit gerade vor die Brust stoßen müssen. Da faßte Knud es beim Gebiß, und das Pferd, das diesen Griff noch von der Landstraße her kannte, fing an zu zittern. Das aber rührte Thorbjörn, der bereute, was er dem Pferde angetan hatte; jetzt wandte sich sein Zorn gegen Knud, er erhob sich mit der Peitsche in der Hand und schlug Knud über den Kopf. -- »Du schlägst?« schrie Knud und drängte sich näher heran; Thorbjörn sprang vom Wagen herab. -- »Du bist ein schlechter Mensch!« sagte er leichenblaß und übergab die Zügel dem Burschen aus der Stube, der herzukam und sich erbot, das Pferd zu halten. Aber der alte Mann, der von seinem Sitze neben der Tür aufgestanden war, als Aslak seine Erzählung beendet hatte, ging jetzt zu Thorbjörn heran, faßte ihn am Arm und sagte: »Sämund Granliden ist ein zu braver Mann, als daß sich sein Sohn mit einem solchen Raufbold prügeln sollte.« Da wurde Thorbjörn ruhig, Knud aber rief: »Ich bin ein Raufbold! Das ist er ebensogut wie ich, und mein Vater ist ebenso gut wie der seine. -- Komm heran! Es ist schlimm, daß die Leute nicht wissen, wer von uns beiden der stärkste ist,« fügte er hinzu und nahm sein Halstuch ab. -- »Das wird sich schon früh genug zeigen,« sagte Thorbjörn. Da sagte der Mann, der vorhin auf dem Bette gelegen hatte: »Sie sind wie zwei Katzen; sie müssen sich erst Mut einreden, alle beide!« Thorbjörn hörte das, antwortete aber nicht. Einige aus der Menge lachten, andre sagten, es wäre schändlich mit allen den Prügeleien hier auf der Hochzeit und namentlich, daß sie einen fremden Mann verhöhnten, der friedlich seiner Wege ziehn wollte. Thorbjörn sah sich nach dem Pferde um; es war seine Absicht, weiterzufahren. Der Bursche aber hatte es umgewandt und eine ganze Strecke fortgefahren; nun stand er dicht hinter ihnen. -- »Wonach siehst du dich um?« fragte Knud; »Synnöve ist weit weg!« -- »Was geht dich die an?« -- »Nein, solche scheinheilige Frauenzimmer gehn mich nichts an,« sagte Knud, »aber vielleicht hat sie dich um deinen Mut gebracht.« -- Dies war zu viel für Thorbjörn; sie sahn, wie er sich umschaute und den Platz prüfte. Jetzt legten sich wieder einige von den ältern Leuten ins Mittel und meinten, Knud hätte auf dieser Hochzeit schon genug Unheil angerichtet. -- »Mir soll er nichts tun,« sagte Thorbjörn, und als die andern das hörten, schwiegen sie. Andre sagten: »Laßt sie die Sache ausfechten, dann werden sie wieder gute Freunde; diese beiden haben sich lange genug feindlich angesehn.« -- »Ja,« meinte einer, »sie wollen beide erster im Kirchspiel sein, jetzt werden wir es ja sehn.« -- »Habt ihr etwa einen gewissen Thorbjörn Granliden gesehn?« fragte Knud; »mich dünkt, er sei hier vorhin auf dem Hofe gewesen.« -- »Ja, hier ist er,« sagte Thorbjörn, und in demselben Augenblick bekam Knud einen Schlag über das rechte Ohr, so daß er zwischen zwei Männer taumelte, die dastanden. Jetzt trat tiefe Stille ein. Knud erhob sich und stürzte vor, ohne ein Wort zu sagen, Thorbjörn trat ihm entgegen. Es entstand ein langer Faustkampf, da beide einander auf den Leib wollten; beide aber waren geübte Ringer, und jeder hielt den andern von sich ab. Thorbjörns Schläge fielen doppelt so schnell, und einige meinten, auch doppelt so schwer. -- »Da hat Knud seinen Mann gefunden,« sagte der Bursche, der das Pferd hielt; »macht Platz!« -- Die Frauen flüchteten, nur eine stand hoch oben auf einer Treppe, um besser sehn zu können; es war die Braut. Thorbjörn erblickte einen Schimmer von ihr und hielt einen Augenblick inne -- da sah er ein Messer in Knuds Hand; er erinnerte sich ihrer Worte, daß Knud kein guter Mensch sei, und mit einem wohlgezielten Schlage traf er Knuds Arm über dem Handgelenk, so daß das Messer zu Boden fiel und der Arm kraftlos herabsank. »Au, wie du schlägst,« sagte Knud. -- »Meinst du?« entgegnete Thorbjörn und drang auf ihn ein. Knud konnte sich mit einem Arm nur schlecht wehren, er wurde aufgehoben und davongetragen, aber es währte lange, bis er wieder geworfen wurde. Er wurde mehrmals so hart zu Boden geworfen, daß jeder andre genug daran gehabt hätte, aber Knuds Rücken war stark; Thorbjörn stürzte vorwärts mit ihm, die Leute wichen zurück, er kam ihnen nach mit seiner Last, so ging es um den ganzen Hof herum, bis sie an die Treppe kamen, wo er ihn noch einmal in die Höhe hob und mit solcher Gewalt zu Boden schleuderte, daß seine Knie nachgaben und Knud über die steinernen Stufen fiel, daß es in ihm sang. Knud blieb regungslos liegen, stieß einen tiefen Seufzer aus und schloß die Augen. Thorbjörn erhob sich und sah sich um; sein Blick fiel gerade auf die Braut, die regungslos dastand und zuschaute. -- »Holt etwas und legt es ihm unter den Kopf,« sagte sie, wandte sich um und ging ins Haus.

Zwei alte Weiber gingen vorüber; die eine sagte zu der andern: »Herrgott, da liegt schon wieder einer! Wer ist denn das nun?« Ein Mann antwortete: »Das ist Knud Nordhaug.« Da sagte die andre Frau: »Da hat es in Zukunft wohl ein Ende mit diesen Schlägereien! Sie sollten ihre Kräfte doch auch zu etwas Besserm gebrauchen.« -- »Da hast du ein wahres Wort geredet, Randi,« meinte die andre; »Gott helfe ihnen so weit, daß sie aneinander vorbei und zu etwas Höherm hinaufsehn lernen.«

Diese Worte machten einen eigentümlichen Eindruck auf Thorbjörn; er hatte kein Wort gesagt, sondern stand schweigend da und sah den Leuten zu, die um Knud beschäftigt waren. Mehrere sprachen mit ihm, aber er antwortete nicht; er wandte sich ab und versank in Gedanken. Synnöve trat ihm vor die Seele, und er schämte sich tief. Er überlegte, was für eine Erklärung er ihr geben sollte, und er dachte darüber nach, daß es doch nicht so leicht sei, sich zu bessern, wie er geglaubt hatte. In demselben Augenblick hörte er hinter sich den Ruf: »Nimm dich in acht, Thorbjörn!« Ehe er sich aber umwenden konnte, war er von hinten bei den Schultern gepackt und niedergeworfen, und er fühlte nichts mehr als einen stechenden Schmerz, ohne recht zu wissen, wo er ihn empfand. Er hörte Stimmen um sich her, fühlte, daß gefahren wurde, glaubte selber zeitweise, daß er führe, war sich aber über nichts klar.

Dies währte eine lange Zeit, es wurde kalt, dann bald wieder warm, und dann war ihm so leicht, so leicht, daß er zu schweben glaubte -- und jetzt begriff er es: er wurde von einem Baumgipfel zum andern getragen, so daß er auf den Bergabhang hinaufkam, und höher hinauf, bis auf die Alm -- noch höher hinauf -- bis auf den höchsten Berg; da beugte Synnöve sich über ihn und weinte und sagte, er hätte doch reden sollen. Sie weinte heftig und meinte, er hätte doch selber sehn können, daß Knud Nordhaug ihm in den Weg träte -- ihm beständig in den Weg getreten wäre, und da habe sie ja Knud nehmen müssen. Und dann streichelte sie ihm sanft die eine Seite, so daß er da ganz warm wurde, und weinte so, daß sein Hemd an der Stelle ganz naß wurde. Aslak aber kauerte oben auf einem großen, spitzen Stein und zündete die Baumwipfel ringsumher an, so daß es knisterte und prasselte und die Zweige um ihn herumflogen, er selber lachte mit weit aufgerissenem Munde und sagte: »Ich bin ja nicht, der es tut, meine Mutter tut es!« Und Sämund, sein Vater, stand auf der einen Seite und warf Kornsäcke so hoch in die Höhe, daß die Wolken sie zu sich emporzogen und das Korn ausbreiteten wie einen Nebel -- und es erschien ihm sonderlich, daß sich das Korn wie ein Nebel über den ganzen Himmel ausbreiten konnte. Als er zu Sämund selbst hinabblickte, erschien ihm dieser so klein, so klein, daß er schließlich kaum noch über den Erdboden aufragte, trotzdem aber warf er die Säcke immer höher und höher und sagte: »Mach mir +das+ einmal nach, du!« -- Weit fort in den Wolken stand die Kirche, und die blonde Frau von Solbakken stand oben auf dem Turm und winkte mit einem rötlichgelben Taschentuch in der einen und einem Gesangbuch in der andern Hand und sagte: »Hierher kommst du nicht, ehe du dir das Prügeln und Fluchen abgewöhnt hast!« -- und als er genauer hinsah, war es nicht die Kirche, sondern Solbakken, und die Sonne schien so grell auf alle die Hunderte von Fensterscheiben, daß die Augen ihn schmerzten und er sie fest schließen mußte. --

»Vorsichtig, vorsichtig, Sämund!« hörte er eine Stimme sagen und erwachte wie aus einem Schlummer davon, daß er getragen wurde, und als er sich umsah, war er in die Stube zu Granliden gekommen; ein großes Feuer brannte auf dem Herde, die Mutter stand neben ihm und weinte; der Vater hatte gerade den Arm unter ihn geschoben -- er wollte ihn in ein Nebenzimmer tragen. Da ließ der Vater ihn wieder los: »Es ist noch Leben in ihm,« sagte er mit bebender Stimme zur Mutter gewandt. -- »Herr, sei uns gnädig!« rief sie, »er schlägt die Augen auf! Thorbjörn! Thorbjörn! Geliebter Junge, was haben sie dir getan!« und sie beugte sich über ihn herab und streichelte seine Wange, während ihre Tränen warm auf sein Antlitz fielen. Sämund strich sich mit dem einen Ärmel über das Auge, schob dann die Mutter sanft zur Seite: »Ich will ihn lieber gleich nehmen!« Und er schob die eine Hand vorsichtig unter die Schulter und legte die andre ein wenig tiefer unter den Rücken: »Halte du den Kopf, Mutter, wenn er nicht Kraft genug haben sollte, ihn zu tragen.« -- Sie ging voran und hielt den Kopf, Sämund versuchte, Schritt mit ihr zu halten, und bald lag Thorbjörn auf dem Bett in der andern Stube. Als sie ihn nun zugedeckt und sorgfältig gebettet hatten, fragte Sämund, ob der Knecht fort sei. -- »Sieh, da ist er!« sagte die Mutter und zeigte aus dem Fenster. Sämund öffnete das Fenster und rief hinaus: »Wenn du in einer Stunde da bist, sollst du deinen Jahreslohn doppelt haben -- einerlei, ob du das Pferd zuschanden reitest.«