Sünndagsklocken: Stadt- un Dörp-Predigten
Part 1
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Sünndagsklocken.
Stadt- un Dörp-Predigten
sammelt un mit hochdütsches _Vörwurt_:
=»Die Kirchensprache Nieder-Deutschlands«=
rutgewen von
=F. Köhn,= Pastor tau =Garwitz= bi Klinken i. M.
=Verlag von _Paul Christiansen_= Wolgast 1922.
Die Kirchensprache Niederdeutschlands.
I.
Mit Berufung auf Gottes Wort, 1. Cor. 14., und auf den gesunden Menschenverstand hat die Reformation im 24. Artikel der Augustana den Grundsatz aufgestellt, die Kirche müsse sich in ihrem Kultus einer Sprache bedienen, »die das Volk versteht.«
Diesem Grundsatz ist die Reformation anfangs auch in Niederdeutschland gefolgt. Sie brachte die Schrift in niederdeutscher Uebersetzung; niederdeutsch redeten die Kirchenordnungen, niederdeutsch sang die Gemeinde, es gab niederdeutsche Katechismen, niederdeutsch war die Predigt.
Aber bald wurde die kaum begonnene Entwicklung gestört. Gleichzeitig mit der Reformation, in innerem Zusammenhang mit dem sprachlichen Meisterwerk der Lutherschen Bibelübersetzung, setzte eine andere Bewegung ein: eine Bewegung, deren Ausgang wohl dem konfessionell gespaltenen Deutschland die geistige Einheit sicherte, ja für eine späte Zukunft die staatliche Einheit verhieß, — welche aber dem evangelischen Kirchenvolk Niederdeutschlands schweren Schaden gebracht hat. Es ist die Verdrängung der niederdeutschen Sprache aus Schrifttum und öffentlichem Gebrauch in Staat und Kirche.
Um die Mitte des 16. Jahrh. fing man in den fürstlichen Kanzleien an hochdeutsch zu schreiben; die Ratsschreibstuben der Städte folgten, und allmählich schloß sich die Kirche dem Zuge der Zeit an. Hochdeutsche Prediger kamen in niederdeutsche Gemeinden, Einheimische studierten auf hochdeutschen Universitäten, Hochdeutsch wurde neben dem Lateinischen die Sprache des gelehrten Schrifttums, — und so war auch für die Kirche der Weg zur hochdeutschen Sprache in Predigt und Kultus verführerisch gebahnt. Mit dem Ausgang des 30jähr. Krieges ist dieser Uebergang im Ganzen vollzogen. Ausnahmen erhielten sich länger, ganz vereinzelt bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts.
Die Kirche ist sich damals dessen nicht bewußt geworden, daß sie damit einen wichtigen reformatorischen Grundsatz preisgab, also auch nicht, welche Folgen diese Preisgabe für das künftige Leben der Gemeinde haben mußte. _Man unterschätzte den Abstand zwischen der hoch- und niederdeutschen Sprache._ Man beruhigte sich dahin: Deutsch sei Deutsch, und dem Grundsatze der Augustana sei eben mit deutscher Kirchensprache genügt. Eine gewisse Neigung mochte auch vorhanden sein, dem hl. Geiste das Seine zu überlassen. Dazu kam später, daß man _der Schule eine allmähliche Ueberwindung der sprachlichen Schwierigkeiten zutraute_: daher die Aufmerksamkeit, die nach dem 30jähr. Kriege der Errichtung von Landschulen zugewendet wurde.
Wie sehr man sich täuschte, zeigte eine Beschwerde der Stadt Plau aus dem Jahre 1607, die veranlaßt wurde, weil der dortigen Gemeinde ein hochdeutscher Prediger aufgedrängt werden sollte. »Die ganze Gemeinde beschwere sich über das ausländische Idioma und die hohe Sprache desselben. Der größte Teil der Bürger nebst Frauen, Kindern und Gesinde könne von solcher unbekannten Sprache das Wenigste verstehen.« — Nicht viel erfreulicher lauten die Zeugnisse 200 Jahre später. Im Jahre 1789 klagt der Pastor in Kuppentin: »Durchaus haben die Kinder keine Begriffe und wissen mit den Worten keinen Sinn zu verbinden.« — In der Monatsschrift v. u. f. Mecklbg. heißt es im Jahre 1794: »der gemeine Mann verstehe in der Predigt gewöhnlich nur alles halb. Er verbinde mit 100 Worten, bei denen der Prediger kaum an ein Mißverständnis dächte, entweder gar keine, oder doch ganz andere, oft himmelweit verschiedene Begriffe. Man habe stundenlang geredet und ihn bloß mit Schall genährt.« — Im Jahre 1829 brachte die Hengstenberg’sche Kirchenzeitung einen Aufsatz über »Gottes Wort und die kirchliche Sprache«, welcher ausführt: »Den lateinischen Scheffel habe Luther aufgehoben, aber das Licht sei uns in eine Leuchte von trübem Glase gestellt. Die Landessprache sei Sassisch, die kirchliche Hochdeutsch. Der gegenwärtige Zustand sei eigentlich schlimmer, als der von der Reformation bekämpfte. Denn in der kathol. Kirche dürfe trotz lateinischer Kirchensprache die Predigt und der Unterricht in der lebenden Sprache geschehen, während in Niedersachsen nicht nur hochdeutsche Bibeln, Gesangbücher usw. gebraucht werden, sondern auch hochdeutsch gepredigt, katechisiert und gelehrt werde. Dieser Zustand sei ein Spott auf die Reformation, deren Grundsatz verständlicher Predigt man verkannt habe.« Nach längeren Ausführungen über den sprachlichen Zustand der »sassischen« Lande faßt der Verfasser seine Erfahrungen zusammen: »Obgleich einer Landgemeinde vorstehend, die vielen Verkehr mit Hochdeutschen hat, muß ich aufs häufigste bei Jung und Alt, und das bei den Verständigsten, wahrnehmen, wie sehr der Eingang religiöser Lehre in Kopf und Herz durch die Sprache erschwert und gehemmt wird, kenne auch keinen Amtsbruder, der andere Erfahrungen gemacht hätte.« — Im folgenden Jahre schreibt Cl. Harms, (Pastoralth. III., S. 29 ff.) »Ueberall ist bei uns die hieratische Sprache eine andere als die demotische. — Was meinen Sie, wird wohl der hochdeutsch sprechende Prediger überall von den Leuten verstanden? Ich kann Ihnen nicht darin beistimmen, daß es mit der hochdeutschen Sprache bereits soweit gekommen sein sollte.« — Endlich ein letztes Zeugnis aus Boll, Gesch. Meckl., aus dem Jahre 1855: »Ein völliges Verständnis des hochdeutschen Dialekts ist unter den niederen Ständen noch immer nicht erreicht. Die meisten Predigten sind für den gemeinen Mann noch immer von wenig Nutzen.«
Die Aufmerksamkeit, welche man nach obigen Zeugnissen um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts diesem kirchlichem Notstand schenkte, war nicht denkbar ohne gleichzeitige Sorge um dessen Behebung. Zwei Wege waren möglich: _Unterdrückung der Volkssprache_ oder _Wiederbelebung einer niederdeutschen Kirchensprache_.
Der erstere erschien einfacher und entsprach der allgemeinen Anschauung. Pastor Thule in Baumgarten schrieb 1778: »Es wäre auch zu wünschen, daß man mehr hochdeutsche Schulmeister hätte. So lange die Schulmeister mit den Kindern immer noch nicht anders als plattdeutsch sprechen und sprechen können: so lange wird der gemeine Haufe in Ansehung der Verfeinerung ihrer Begriffe und Sitte nicht weit kommen. Die Bücher, die man ihnen in die Hand gibt, müssen ihnen ohne Zweifel barbarisch lauten und ziemlich unverständlich sein. Auf Reisen habe ich es auch durchgehends bemerkt, daß, nach dem in einem Lande _die Sprache der Schriftsprache mehr oder weniger nahe gekommen ist_, auch des gemeinen Mannes Seelenkräfte mehr oder weniger ausgebildet gewesen sind.« — Aber auch gesteigerte Bemühungen, dem hochdeutschen aufzuhelfen, hatten nicht sobald den erwarteten Erfolg. Der Vf. des erwähnten Aufsatzes in der ev. Kirchenztg. v. 1829 spricht von der Erfolglosigkeit des bisherigen Mittels, durch Unterdrückung der Landessprache zum Ziel zu kommen. Zwar geschähen auch jetzt noch dergleichen Schritte, aber die Erfolglosigkeit liege dem klar vor Augen, der unmittelbar unter dem Volke wirke.
Derselbe Verfasser war es nun, der als erster statt der gegenteiligen Bemühungen die Rückkehr zur »sassischen« Kirchensprache empfahl. Seine Ausführungen sind von großer Klarheit und Kraft. Hengstenberg hielt sie für wichtig genug, um in einer Anmerkung eine weitere Behandlung der aufgeworfenen Frage anzuregen. Den Weg denkt sich der Verfasser so, daß anfangs Teile der Predigt, später einzelne Predigten ganz, abwechselnd mit hochdeutschen, endlich alle Predigten »sassisch« gehalten werden sollten. Allmählich sollte auch das kirchliche Schrifttum folgen und so die kirchliche Reform vollendet werden.
Cl. Harms, welcher gelegentlich empfehlend auf jenen Aufsatz hinwies, neigte bei aller zurückzuhaltenden Vorsicht zu der Annahme, daß das auch ihm anliegende Problem in Richtung einer Wiederbelebung plattdeutscher Kirchensprache, wenn auch nicht in so radikalem Umfange, zu lösen sei. Er warnt zwar junge Pastoren, beim Amtsantritt in einer Landgemeinde frischweg mit der plattdeutschen Predigt anzufangen, — dazu sei die Sache noch zu grün, — aber er spricht dreierlei aus, 1. _die plattdeutsche Predigt sei nicht verboten_, 2. _auf die öffentliche Meinung und Befehle der Oberen sei nicht erst zu warten_, und 3. _die Jüngeren seiner Zuhörer würden es vielleicht noch erleben, daß wieder in plattdeutscher Sprache zu predigen angefangen werde_.
Damals schienen alle Vorbedingungen zu endgültiger Lösung des Problems gegeben zu sein. Aber ein tiefgehender Prinzipienstreit beschäftigte die Kirche bald so sehr, daß die Frage der Kirchensprache versandete. Vielleicht sind es Ausläufer dieser Anregungen gewesen, wenn Louis Harms an Sonntagabenden auf seiner Hausdiele plattdeutsche Bibelstunden hielt oder in Schleswig-Holstein plattdeutsche Missionsstunden gehalten wurden oder endlich den »Kropper Kirchl. Anzeiger« eine »plattdeutsche Zugabe« begleitete. Jedenfalls zeigten diese und andere Gelegenheiten, daß die plattdeutsche Sprache ihren Anspruch auf Berücksichtigung durch die Kirche aufrecht erhalte.
* * * * *
In den letzten 50 Jahren hat die Zeit Riesenschritte gemacht, und auch die Sprachenfrage in Niederdeutschland hat sich entsprechend verschoben. Das Zeitalter des Verkehrs hat die Bevölkerung durcheinandergeworfen; das gehobene Bildungswesen mit ausschließlich hochdeutscher Geistesnahrung, das gesteigerte öffentliche und politische Leben mit Tageszeitungen und Volksversammlungen: dies und viel anderes mehr hat mitgewirkt, die Sprachgrenzen zu verrücken, und zwar zu Ungunsten des Niederdeutschen. Wie ein Strom bei Hochwasser die Deiche überspült, höher und höher steigt das Wasser auf Wiesen und Ackerland, — so hat mit sicherer Gewalt das Hochdeutsche an Boden gewonnen. Weite Strecken, die vor 100 Jahren noch ein niederdeutsches Gesicht hatten, sind heute, die einen nicht mehr, die anderen kaum noch dafür anzusprechen. Selbst da, wo Sprache und Art noch am festesten stehen, gewinnt das Hochdeutsche von Volksschicht zu Volksschicht von Familie zu Familie an Raum.
So ist für eine Reaktion von niederdeutscher Seite die Zeit der letzten Möglichkeit gekommen, und man benutzt sie. Es hat eine plattdeutsche Gegenbewegung eingesetzt, die sich die Erhaltung und Pflege niederdeutscher Sprache und Art zur Aufgabe stellt.
Von dieser Seite angeregt ist auch die Frage der Kirchensprache erneut in Fluß gekommen. Im Jahre 1910 hielt auf der Möllner Lehrerkonferenz Pastor Hansen, damals in Pellworm, einen Vortrag über »Das gute Recht einer Wortverkündigung in der sassischen Landessprache«. Im Anschluß daran bildete sich ein Verein für Evangelisation und niederdeutsche Sprache und stellte sich die Aufgabe, vom Rat zur Tat zu schreiten. — Auf der Pfingsttagung des Allg. plattd. Verb. in Schwerin 1920 wurde nach einer plattdeutschen Predigt im Dom ein plattdeutscher Vortrag über »Plattdeutsch in der Kirche« gehalten, und auch hier war das Ergebnis ein Drängen zur Tat. — Im Oktober desselben Jahres wurde auf der niedersächsischen Dorfkirchentagung in Hannover von 2 Referenten das gleiche Thema behandelt, und es wurde hier der Satz geprägt: Für Niedersachsen konzentriere sich in der Frage des Plattdeutschen das ganze Problem _der Dorfkirchenbewegung_. — Auch in Pommern ist mit Verhandlungen eines Dorfkirchentages die Frage in Fluß gekommen.
An vielen Orten ist diesen Anregungen die Tat gefolgt. Es ist eine Bewegung entstanden, die nicht mehr zu übersehen ist, die an das Gewissen der Kirche klopft, zu der man Stellung nehmen muß.
II.
Die Frage der Kirchensprache ist für uns eine kirchliche Frage und nur nach kirchlichen Gesichtspunkten und Interessen zu lösen. Deshalb sind auch die Wünsche und Anregungen, die der Kirche von der allgemeinen plattdeutschen Bewegung her entgegen treten, an kirchlichem Maßstab zu prüfen. Liebhaberei und persönliche Neigung dürfen ebensowenig entscheiden, als persönliche Abneigung und etwa Geringschätzung der plattdeutschen Sprache. »Nichts Kirchenfremdes gehört in die Kirche hinein«, sagte Kaftan von der Ausstattung der Gotteshäuser. Dasselbe gilt auch von der sprachlichen Ausstattung des Kultus. Ebenso gilt hierfür der Grundsatz, »daß die Kirche kein Antiquitätenkabinett sei«. Aber Kaftan sagt auf derselben Seite seiner »4 Capp. von der Landeskirche«: »Wir können nicht lediglich in der Kirche die Gewohnheit festhalten, die seit so und so viel Jahren war.«
Dieser Vorbehalt nach zwei Seiten hin möge gegenwärtig bleiben.
Wir stellen uns vor drei Fragen:
a. Die erste Frage betrifft _das Interesse der Kirche an dem lebendigen Fortbestand der niederdeutschen Volkssprache_, auch abgesehen von ihrem kirchlichen Gebrauch.
Auf der niedersächsischen Dorfkirchentagung von 1920 scheint dies Interesse übersehen oder stillschweigend verneint zu sein. Der Konv.-Studiendirektor Fleisch aus Loccum vertrat als Referent u. a. den Leitsatz: Geht das Plattdeutsch unter, so soll sich die Kirche dem nicht aus Liebhaberei und persönlichen Wünschen Einzelner in den Weg stellen, vielmehr ihrerseits zur Beschleunigung dieses Prozesses, soviel ihr möglich ist, beitragen.
Der kirchliche Gesichtspunkt dieses Leitsatzes ist der, daß die bisherige Weise des Nebeneinanderbestehens einer Kirchen- und einer Volkssprache so unerträglich und dem kirchlichen Leben so schädlich sei, daß nur die Wahl offen stehe zwischen aussichtsvollen Bemühungen zur Wiederbelebung einer plattdeutschen Kirchensprache in bestimmten Grenzen einerseits oder Maßnahmen zu beschleunigtem Untergange der Volkssprache andererseits. Es wird dabei aber die Möglichkeit übersehen, daß auch der Untergang der Volkssprache ein kirchliches Interesse treffen und schwer verletzen würde. Und diese _Möglichkeit_ ist _Wirklichkeit_.
Die Sprache eines Volkes ist nicht wie ein Kleid, daß man nur äußerlich trägt und von heute auf morgen wechselt. Sie ist mit dem Sein und Wesen eines Volkes tief innerlich verknüpft. In der Sprache gibt und findet ein Volk sich selber. »Es besteht eine tiefe Wesensverbindung der Sprache mit dem Ich des Menschen« (Hashagen), und E. M. Arndt sagt: »Die Sprache eines Volkes ist der hellste Spiegel seines Gemüts und seines geistigen Lebens.« »Wer das Volk seines Dialekts entwöhnen will, zerstört mehr als bloßes Volkstum.« (G. Schlosser.) _Laßt die Volkssprache sterben, — es stirbt mit ihr des Volkes bestes Teil._
Einer der Führer der plattdeutschen Bewegung, (Krüger, Gesch. d. niederd. Literatur.) schreibt: »In neuerer Zeit hat man erkannt, daß die Stärke eines Volkes in der Erhaltung seiner Eigenart liegt, und daß deren Schwinden ein Siechtum des Volkskörpers bedeutet. — Viel ist schon verloren, aber ein großes Gut gilt es noch zu schützen. — Zu der Eigenart eines Volkes aber gehört die Sprache, die aus seinem innersten Wesen erwachsen ist, in der sich sein ganzes Denken und Fühlen ausgeprägt hat.«
Auf früher, zu damaliger Zeit ungewöhnlicher volkspsychologischer Kenntnis beruht das warnende Wort in der Hengstenbg. Kirchenztg. von 1829: »Wir stehen an einem gefährlichen Wendepunkte. Es könnte ein »zu spät« geben, wenn aus dem sassischen Volke ein sprachliches Mischvolk erkünstelt ist, ebenso verderbt an Charakter wie an Sprache, _beides hängt genauer zusammen als man denkt_, von ebenso schlechter Bürgertreue und christlichem Sinn, als es annoch durch Loyalität sich auszeichnet und empfänglich fürs Christentum ist.«
Darum kann und darf die Kirche dem Sterben einer Volkssprache nicht teilnahmslos zusehen, geschweige denn zur Beschleunigung des Unterganges mitwirken. Sie hat genug gefehlt, wenn sie seit 300 Jahren an erster Stelle geholfen hat, die niederdeutsche Volkssprache in den Winkel zu drängen. Zu der alten Schuld darf sie die neue nicht fügen.
Alle Bestrebungen, auch die außerkirchlichen, welche die Volkssprache um ihrer selbst willen pflegen und erhalten wollen, verdienen den Anteil und, soweit es möglich ist, günstigen Beistand der Kirche. Sie als Volkserzieherin darf sich da nicht versagen. Es handelt sich um die Pflege des Ackerlandes, auf welchem sie pflügen und ernten will. Gäbe es keine plattdeutsche Bewegung, die Kirche hätte ein Interesse, sie hervorzurufen. Der schon mehrfach zitierte Verfasser des Kirchensprachenartikels in der Hengstenbergschen Kirchenzeitung schreibt: »Gleichzeitige Bemühungen, die Sprache um ihrer selbst willen zu retten und zu kultivieren, würden der kirchlichen Reform zu statten kommen, so wie durch diese wiederum jene Bemühungen unterstützt würden. Dahin rechne ich das Zusammentreten von Gesellschaften, die die ältere sassische Literatur bearbeiteten, die neuere aufmunterten.« Er empfiehlt weiter die Bearbeitung von Idiotiken zur Hebung des Sprachschatzes, einer Grammatik, die Gründung niederdeutscher Zeitschriften und selbst Zeitungen, um dann zu schließen: »Würden diese Hoffnungen nicht, (d. h. von außen her,) erfüllt, — ohne darauf zu harren beginne die Geistlichkeit, da auch sie allein die Reform der kirchlichen Sprache durchzuführen vermag, und werde die Wohltäterin des Volkes.«
b. Aber die verständnisvollste Pflege der niederdeutschen Sprache bindet noch nicht das Urteil über die _Kirchen_sprachenfrage. Deshalb sei eine zweite Frage mit Cl. Harms’ Worten gestellt: _Wird wohl der hochdeutsche Prediger überall von den Leuten verstanden?_
Eine Statistik läßt sich zu dieser Frage nicht aufmachen. Urteile und Auskünfte der Kirchgemeinderäte und Pastoren wären von zweifelhaftem Werte. Daß von irgendwo her Beschwerden kämen, man verstehe die hochdeutsche Predigt nicht, — wie 1607 in Plau, — die Zeiten haben wir gehabt. Wem heute der Gottesdienst nichts bietet, quittiert durch Fernbleiben, wo nicht die Sitte anders zwingt. Zwischen 2 Sprachen, auch zwischen Hochdeutsch und Plattdeutsch, liegt eine kleine Welt. Die Welt der einen schließt sich dem, der aus der anderen kommt, nur zögernd auf. So auch die plattdeutsche Welt dem hochdeutschen Pastor. Es kommt bei letzterem viel Selbsttäuschung vor. Cl. Harms war bis zu seinem 19. Jahre ein Bauernknecht gewesen, darum kannte er das Volk aus dem Grunde und konnte von einem starken Vorrat an Beispielen des Mißverstehens und Nichtverstehens reden. Auch heute kann, wer das Volk wirklich kennt, wer offene Augen und Ohren hat, und der günstige Zufall kommt ihm zu Hilfe, manche wunderbare Entdeckungen machen. — Wo kein Feuer ist, ist auch kein Rauch. Auch die zahlreichen Anekdoten auf diesem Gebiet lassen auf begründete Unterlagen schließen.
Es gilt dies natürlich nur von den Gemeinden und Gemeindeteilen, deren Umgangs-, Haus- und Herzenssprache heute noch Plattdeutsch ist. Auch da ist noch ein großer Unterschied zu machen zwischen Stadt und Land, nach dem Grade der Schulbildung und Begabung, nach der Gelegenheit und Gewohnheit hochdeutschen Umgangs und hochdeutscher Lektüre. Es würde natürlich weit über das Ziel schießen, wollte man allgemein sagen, die hochdeutsche Predigt gehe über die Köpfe weg.
Es wird zugegeben, daß eine gute Dorfschule die begabte Hälfte der Kinder, vielleicht noch etwas mehr, dahin fördert, daß sie einer volkstümlichen hochdeutschen Predigt folgen können. Vielleicht waren sogar die bisherigen Schulen mit ihren vielen Religionsstunden keine üble Vorbereitung hierfür. Jede der Religionsstunden war auch eine hochdeutsche Sprachstunde, in der gerade _der_ Wortschatz und _die_ Gedankenwelt zur Uebung kam, die das Verständnis der hochdeutschen Kirchensprache ermöglicht. — Aber neben den Begabten sitzt in der Schule die Menge der Beschränkteren, die mit dem Hochdeutschlernen ihre Not haben. Auch unter den besten Verhältnissen wird sich ein Bruchteil der Klasse finden, dem die Sache über den Kopf geht. Es ist immer eine fremde Sprache, die gelernt werden soll. Unseren echt plattdeutschen Kindern würde es leichter werden, die englische Umgangssprache zu erfassen, als das hochdeutsche. Aussprache, Wort- und Satzbildung, die ganze Phraseologie, sind dort dem Plattdeutschen ähnlicher als hier. Die niederdeutsche Dorfschule soll mehr leisten, als die Dorfschulen sonst im Reich. Neben dem gleichen Wissensgebiete soll dort die Welt einer zweiten Sprache erschlossen werden. — So bleiben Viele im Deutschen so schwach, daß sie durch _Zuhören_ eine hochdeutsche Rede im _Zusammenhange_ nicht erfassen können. Wir würden uns wundern, wenn wir all das Verkehrte auf einem Haufen sähen, was in einer niederdeutschen Dorfkirche bei der Aufnahme einer einzigen hochdeutschen Predigt zustande kommt. — Das Gelernte wird auch bald vergessen. Der eine bleibt wohl in Uebung, durch gelegentlichen Umgang und Lektüre, der andere hört nach der Schulzeit nur noch in der Kirche, _wenn_ er hingeht, hochdeutsch. Wo dann das bischen Gelernte bleibt, ist klar.
Also gibt es in Niederdeutschland nicht wenige Gemeindeglieder, die nicht genug Hochdeutsch verstehen, um hochdeutscher Predigt folgen zu können. Es bleibe dahin gestellt, wie groß hier oder dort der Gemeindeteil ist, für den dies zutrifft. Unmöglich aber ist es, in Abrede zu nehmen, daß hier ein Notstand vorliegt, dem die Kirche nachgehen muß.
c. Aber selbst _wenn_ dieser Notstand bestritten werden sollte, würde doch die weitere Frage bestehen, ob die _Muttersprache durch eine später erlernte Sprache für die Zwecke der Kirche vollwertig ersetzt werden kann_, selbst wenn diese Sprache formell beherrscht wird.
Das Sprachenwunder am 1. Pfingsttage hat nicht nur die Bedeutung, der Kirche gleich in ihrer Geburtsstunde die Wegrichtung zu allen Völkern zu weisen, sondern auch die Bedeutung, für alle Zeit zu lehren, daß der Weg zum Herzen der Völker nicht durch eine allgemeine Kirchensprache, sondern durch die Muttersprache jedes Volkes gehe. Diesen Wink hat die ev. Mission verstanden. Warneck schreibt einmal: Die Pflege der Muttersprache sei für den Missionar ein Gegenstand von besonderer Wichtigkeit. Allgemein sei der Grundsatz anerkannt, jedem Volk gehöre das Evangelium in seiner Muttersprache. Leider gebe es Missionare genug, die von der Krücke des Dolmetschers niemals ganz loskommen, und noch mehr, die das Sprachproblem in seiner eigentlichen Wurzel kaum verstanden haben: nämlich sich so in die geistige Art des fremden Volkes, in seine ganze Denk- und Anschauungswelt einzuleben, daß es ihnen möglich wird, den Eingeborenen wirklich voll verständlich, im Wortkleid ihrer Sprache die biblische Wahrheit darzulegen. Hier liege vielleicht die größte geistige Arbeit, die dem Missionar zugemutet werde. Er müsse die ihm fremden Eingeborenen verstehen, ehe sie ihn, den Fremdling, verstehen. — Man übertrage diese Richtlinien auf den Wirkungskreis des Pastors einer niederdeutschen Gemeinde. Denn sollte der Grundsatz, der in der Mission richtig ist, auf einmal dem heimischen Kirchengebiet nicht gelten?
»Eine Dorfpredigt«, sagt v. Lüpke in d. »Dorfkirche«, »die in die Seele des Volkes hineindringen und das Christentum ihm wirklich zu eigen machen will in seinem eigenen Denken und Sinnen, die muß seine Sprache reden können. Nur was darin sich ausdrücken läßt, das kann ihm zum Ausdruck der eignen Seele werden.« Er erwähnt dazu, daß die Siebenbürger gerade in ihrer Not keinen anderen Weg gefunden haben, um in den Völkerstürmen dort das Evangelium wirklich im innersten Grunde des Volkes fest zu verankern, als die Verbindung mit der Mundart.