Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 9
Aber als der Zug aus dem langen Tunnel heraustritt, der unter der Paßhöhe der Cumbre durchgestoßen, verwehen alle Spuren der Bergkrankheit. Nichts als restloses Aufgehen in dieser hinreißenden Schönheit des Landes. Der Fels fängt an zu opalisieren. Phantastisch bunte, lichte Farben legen sich über die Hänge: blau, wie Kobalt, rosenrot, violett, vom zartesten Grün bis zum intensivsten Giftton, Indigo, Purpur. Wie Pastellmalerei, zart und fein, spinnt sich das Bild der Farben über den Stein.
Von der Plattform des letzten Wagens ist es ein einsames Schauen, als schwebe man in unendlicher Einsamkeit den Fels hinan. Tiefste Frömmigkeit, wie nur die unmittelbare Todesnot der Schlacht sie brachte, füllt das Herz. Wenn man hier auf diese Höhe Menschen brächte, ihnen Nahrung erschließen könnte aus dem toten Stein, welch Geschlecht müßte hier erwachsen! Ein Geschlecht, das, in unmittelbarer Nähe des Schöpfers aufgewachsen, in seinem Herzen die starke, reine Flamme läutern müßte, die Flamme, die, hinuntergetragen in das dunstige, schlammige Tal, den Frieden bringen müßte den Menschen und Völkern, die heute einander töten, vernichten, vergiften, die wie Reptilien in eklem Pfuhl ineinander verschlungen und verbissen liegen.
Vorbei -- ein neues Schutzdach blendet die Augen. Aber durch die viereckigen Löcher in seiner Decke fällt in dicken Streifen die Sonne herein. Wie Lichtpfeiler geleiten sie den Zug, und es ist, als arbeite sich die Maschine an ihrer Lichtspur aufwärts.
23. Das Paradies am Pazifik.
Santiago de Chile.
Ist es infolge der monatelangen Gewöhnung an die grenzenlose Eintönigkeit der Pampa, oder steht das Herz noch unter dem bangen Eindruck der steinernen Göttlichkeit der Kordillere, daß einen beim Hineingleiten in die chilenische Landschaft dies grünende, blühende, früchtetragende Land umfängt wie ein betörend schöner Traum?
Kaum daß der Zug den Tunnel unter der Höhe der Cumbre passiert hat und in rasend raschen Windungen auf 2000 Meter Höhe hinuntergeeilt ist, vorbei an dem indigoblauen Inkasee, dessen Tiefe noch niemand gelotet hat, kriecht bereits das erste Grün die Steinhänge hinan und weiden längs des sich aus Schmelzwasser bildenden Flusses Pferde und Rinder.
Auf das Grün folgt Kaktus in unheimlich fleischigen, dicken, übermannshohen Stämmen, pfeilgerade ohne Knollen, Früchte und Blätter zwischen dem Fels emportreibend, dann Felder, Gärten, Bäume, richtige schattenspendende Bäume, wie Argentinien sie kaum kennt, die Stationshäuschen von Veranden umgeben, blumenumrankt, und vor ihnen aufmarschiert in endloser Reihe ein Tisch neben dem andern, reichbeladen mit Früchten, Trauben, weiß, blau und rot, Äpfel, Birnen, eine Fülle fremder, absonderlicher Früchte, die der Reisende aus Europa noch nie gesehen.
Und der Eindruck eines paradiesisch schönen, phantastisch reichen Landes bleibt, mag man mit dem Zug weiter nach Westen über Santiago nach Valparaiso oder nach Süden nach Talca oder gen Norden nach Serena fahren. Er bleibt auch, wenn das in allen Farben brennende Herbstlaub von den Bäumen fällt und halbmeterhoch mit Blattgold die Wege deckt. Überzieht sich auch den einen oder andern Tag der Himmel und strömt wolkenbruchartig der Winterregen, die lehmigen Straßen in Gießbäche verwandelnd, so heben sich am nächsten Tag von der intensiven Bläue des Himmels traumhaft schön in blendender Weiße die bis tief hinab mit Schnee bedeckten Hänge der Kordillere ab. An ihrem Fuß aber wandelt man in strahlend warmer Sonne durch Gärten, in denen Rosen blühen, und aus deren dunklem Grün der satte Goldton reifer Orangen leuchtet.
Diese Gärten um Santiago! Kein Baum, kein Strauch, keine Pflanze der Welt scheint in ihnen zu fehlen. Von Kiefern, Pinien und Zedern, von den Eichen und Buchen unserer deutschen Heimat bis zu Palmen und Feigenbäumen voll reifer Früchte, bis zu Mandelbäumen und Paltas, deren Frucht mit Pfeffer und Salz aufgetischt im Herbst bei keiner chilenischen Mahlzeit fehlt.
Die Früchte aber, für die das milde Klima Mittelchiles zu warm ist, wie Äpfel und Birnen, kommen aus dem kälteren Süden, während der Norden subtropische und tropische Früchte liefert. Darum fehlt auf dem Markt von Santiago vielleicht keine Frucht und kein Gemüse der Welt. Dazu kommt über Valparaiso die ganze phantastische Tier- und Pflanzenwelt des Meeres, außer Fischen jeder Art Krebse, Hummern und Langusten, kreisrunde, tellergroße Taschenkrebse, eßbare Algen, stachelige Seeigel, Austern und Pfahlmuscheln.
In noch weiterem Maße als Argentinien erstreckt sich Chile durch alle Klimate und Zonen. Nicht nur, daß es sich nach dem Norden um mehr als vier Breitengrade, etwa 500 Kilometer, weiter dehnt als die Nachbarrepublik, die langgestreckte Enge des Landes bewirkt auch, daß jeder Punkt zu Lande wie zu Wasser rasch erreicht werden kann. So kann man in wenigen Tagen Bahnfahrt von dem völlig regenlosen Norden über das Zentrum mit seinem Mittelmeerklima in den Süden kommen, wo es, wie der Argentinier boshaft sagt, „13 Monate im Jahr“ regnet.
Mittelchile kennt nur Winterregen. Infolgedessen ist Landwirtschaft im allgemeinen nur mit künstlicher Bewässerung möglich. Aber anders als in der argentinischen Bewässerungszone, wo die Kanäle und Acequias das flache Land in planmäßige, langweilige Quadrate teilen, ziehen sich hier die wasserführenden Gräben an den Hängen der Berge entlang, und von ihnen dehnen sich abwärts malerisch wuchernde Gärten und Felder, mit Bäumen und Hecken umstanden, zwischen denen blühende Schlinggewächse ranken.
Es ist wohl das Schicksal von Paradiesen, daß sie stets den Wenigen vorbehalten bleiben. So ist auch Mittelchile, das Millionen sorgenlose Nahrung geben könnte, Sitz und Besitz weniger Großgrundbesitzer, die ihre „~fundos~“ mit teilweise noch halbleibeigenen Inquilinos bewirtschaften.
Während im argentinischen Bewässerungsland Wasser ein kostbares Element ist, bei dem mit jedem Tropfen gespart werden muß, strömt in Chile überall überreich das Wasser von der Kordillere, so daß hier die Anlage von Bewässerungskanälen im allgemeinen einfacher und billiger ist. Trotzdem ist noch ein großer Teil des Wassers für Landwirtschaftszwecke ungenützt, ebenso seine natürliche Kraft. Ein einziger Fall des Aconcagua, der Salto del Soldado, würde genügen, die ganze Andenbahn elektrisch zu betreiben. Bei der wachsenden Kohlennot der Welt liegen hier noch große Möglichkeiten. Chile hat auch das vor Argentinien voraus, daß es in seinen Kohlenfeldern bei Concepcion über reiche Schätze verfügt, und lediglich die in letzter Zeit häufigeren Streiks bewirkten den gefährlichen Kohlenmangel, der den größten Teil des Bahnverkehrs lahmlegte und jetzt auch die Industrie mit Stillstand bedroht.
24. Chilenische Präsidentenwahl.
Santiago de Chile.
Die Santiago einkesselnden Felsen, die sonst in matten Farben von dem abgetönten Gelb und Braun des Morgens bis zu dem rosigen, dann satten und schließlich flammenden Rot des Sonnenunterganges leuchten, glühen und brennen, sind über Nacht weiß geworden. Fast bis ins Tal hinunter ist der Schnee gekommen, der sonst nur auf den fernen Gipfeln blinkt. Unten aber in den reichen Quintas rings um die Stadt flammen im Grün die Goldorangen, und an strahlend klaren Tagen nimmt es diese Stadt an Schönheit mit der gelobtesten Landschaft Italiens auf.
Aber bald ziehen sich die Wolkenschleier vor. Es regnet und regnet. Oben in der Kordillere fällt dichter und immer dichter der Schnee. Die Nervosität jener, die noch rasch, ehe der Winter voll einsetzt, über die Anden wollen, steigt; ängstlich wird die Zeitung durchflogen, ob vielleicht schon die peinliche Nachricht drin steht: „Die Kordillere ist zu, aber man hofft, sie wieder freizubekommen“ -- eine Hoffnung, die nur zu oft täuscht.
Meere verbinden, Berge scheiden! Nie wird einem das Wort klarer, als wenn man von Europa über Atlantik, Pampa und Kordillere in die zwischen Pazifik und Anden eingeklemmte Republik reist. Zwischen Amsterdam und Buenos Aires ist die Ähnlichkeit vielleicht größer als zwischen letzterem und Santiago. Und der Unterschied zwischen Chilenen und Argentinier, die doch beide aus dem gleichen Blute stammen -- auch der indianische Einschlag in Argentinien geht ja auf die chilenischen Araukaner zurück --, fällt selbst dem ungeschulten Auge des Fremden auf.
Roosevelt nannte Chile das schönste Land der Welt. Man möchte es auch das gesegnetste nennen, und es möchte mir wohl wahrscheinlicher scheinen, daß das verlorengegangene Paradies unter dem milden, blauen Himmel Mittelchiles lag als in den heute trockenen und dürren Feldern Mesopotamiens. Wenn irgendwo in der ins Wanken geratenen Welt, so könnte man in Chile ein befriedetes, glückliches Volk erwarten. Statt dessen Volk und Land erschüttert von allen Fiebern politischer und sozialer Erregung. In diesem Land, das so reich ist, daß in einzelnen seiner Teile Massen von Korn, Kartoffeln und Früchten verderben, steigt in andern Teilen die Not von Tag zu Tag. In Santiago übertrifft die Teuerung des Lebens bereits die von Buenos Aires.
Und die gleichen Wetterzeichen, die der Fremde von Europa her gewöhnt ist: auch hier Streik und immer wieder Streik. Monatelang setzt die Arbeit in den Schächten von Concepcion aus, und immer rarer wird die Kohle. Erinnerung an das Zentraleuropa des Krieges und der Revolution: die Züge fahren immer unregelmäßiger, immer größer werden die Verspätungen. Zug auf Zug wird eingestellt. Schon geht seit Monatsfrist die nach dem Norden führende Bahn nicht mehr. Bis Serena wird von Santiago aus der Verkehr nur mühsam aufrechterhalten. Doch auch hier droht völlige Stockung. Aus der Provinz Atacama kommt die Nachricht, die Nordprovinzen verhungern, weil wegen Kohlenmangel die Stichbahnen stilliegen, die von den Küstenstädtchen Caldera, Carrizal und Huasco ins Innere führen. Im Süden aber verfaulen Berge von Kartoffeln.
Das ist der Boden, auf dem politische Erregung zur Siedehitze erglüht. Das große Pendel der Wahlbewegung hat zu schwingen begonnen, und alles, was an politischen, wirtschaftlichen und sozialen Wünschen und Hoffnungen im Lande lebt, wird mit hineingerissen in diese eine Bewegung, von deren Ausgang jede Partei alles hofft und alles fürchtet.
Um die Pole, Barros Borgoño und Arturo Alessandri, hat das ganze Leben der chilenischen Republik zu kreisen begonnen. Als ich in den Märztagen des Jahres 1920 nach Chile kam, da sprach man in den Kreisen, die sehr viel Geld und sehr viel Einfluß haben, von Arturo Alessandri nur als von dem „Bolschewisten“ und „Maximalisten“. Man hielt seine Aussicht, von der Konvention der Allianza als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden, für recht gering. Als er doch überraschenderweise mit großer Stimmenmehrheit aufgestellt wurde, da meinte man in denselben Kreisen, das sei der dümmste Streich, den die Allianza Liberal hätte tun können; denn jetzt sei die Wahl des Kandidaten der Union Nacional mit Unterstützung der Konservativen sicher. Heute haben viele der gleichen Leute sich bereits mit Arturo Alessandri abgefunden, und die ganze Beurteilung dieses Mannes erinnert etwas an die Tonart der Pariser Blätter nach der Wiederkehr Napoleons von Elba. Als sein Schiff in den Hafen von Marseille einlief, schrieb die Pariser Presse: „Der Werwolf und Tyrann, Napoleon Bonaparte, ist in Frankreich gelandet.“ Langsam milderte sich dann der Ton, bis es kurz darauf hieß: „Unser geliebter, gefeierter Kaiser ist an der Spitze seiner Truppen in seine treue Hauptstadt eingezogen.“
Wird Arturo Alessandri ein ähnliches Schicksal haben? Der Fremde, der in die Politik des Landes nicht eingeweiht ist, vermag nur zu vermuten. Man sagt ihm, Überraschungen bei der Wahl seien das Gewöhnliche. Erst in den letzten Tagen, bevor die Wähler zur Urne schreiten, beginne das Geld und der Stimmenkauf seine Rolle zu spielen.
Aber andrerseits sieht, wer die politischen und sozialen Erschütterungen Europas leidend und handelnd miterlebte, in manchem auch klarer. Fast erschütternd war in Santiago die Ähnlichkeit mit Berlin, als kurz nach meiner Ankunft der vierundzwanzigstündige Generalstreik als Demonstration gegen die Verhaftung des radikalen sozialistischen Studentenführers Gandolfo einsetzte.
Ich war noch völlig fremd, hatte noch keine Zeitung gelesen, wußte nicht, um was es sich handelte. Aber das hastige Schließen von eisernen Rolläden der Geschäfte um die Mittagszeit, diese so plötzlich überfüllten Straßenbahnen und die nervöse, unruhige Eile, die mit einem Male das ganze Getriebe der Stadt ergriffen hatte, erinnerte erschreckend an so manche Tage in Berlin, wenn plötzlich das Gerücht des Generalstreiks auftauchte und man hastete, noch vor dem letzten Stadtbahnzug die weit im Vorort gelegene Wohnung zu erreichen.
Unter südamerikanischer Sonne glühen die politischen Leidenschaften heißer. Aber es fehlt andrerseits der günstige Boden für gewaltsame Erschütterungen, den Krieg und Hunger in den Seelen der mitteleuropäischen Völker bereitete. So muß man hoffen, daß jene recht behalten, die Unruhe und Umsturz für ausgeschlossen halten. Aber man darf doch nicht vergessen, daß die chilenische Präsidentenwahl des Jahres 1920 die erste politische Wahl ist, die einen sozialen Charakter hat.
Und noch eines, das man bei all der berechtigten Furcht vor maximalistischer Agitation nicht vergessen sollte: Maximalismus in russischem Sinn gedeiht nur, wo Not und Hunger herrschen. Geschieht in dieser Hinsicht alles, dieses Gespenst zu bannen? Dieser Tage kam ich mit einem reichen Getreidespekulanten ins Gespräch, und wir sprachen auch über Maximalismus. Er meinte: „Die eigentlichen Maximalisten sind wir. Mit 20 und 30 Peso die Tonne Weizen ist uns nicht gedient. Wir wollen 40, 50, 60. +Wir+ sind Maximalisten. Wir wollen immer das Maximum.“ Er hielt es für einen Witz und lachte und war sich der bitteren Wahrheit, die er sprach, nicht bewußt.
25. Chiles deutscher Süden.
Temuco.
Sollte es möglich sein, Menschen wochenlang in tiefen Schlaf zu versenken und sie in diesem Zustand über den Ozean zu bringen, sie würden, in einer der Städte Südchiles erweckt, darauf schwören, Deutschland nie verlassen zu haben. Die viereckige grüne Plaza ist wohl etwas fremdartig, aber die Häuser ringsherum sind rein deutsch; alles ist peinlich sauber, frisch gestrichen, mit blühenden Blumen, in Läden wie in Gasthäusern deutsche Laute, deutsche Kirche, und über der Schule sogar die Inschrift: „Vergiß nicht, daß du ein Deutscher bist.“
Die heute blühendsten Provinzen des Landes, Valdivia, Llanquihue und der Süden von Cautin, sind das Werk deutscher Kolonisation. Vor zwei Menschenaltern begann südlich des Biobioflusses die Frontera, die Grenze, jenseits der das Gebiet der nur nominell unterworfenen Araukaner lag. Im Jahre 1850 kamen hierher, wo heute die blühende, reiche, fast rein deutsche Stadt Valdivia liegt, die ersten dreihundert Deutschen; weitere folgten, die an den Llanquihuesee und nach Puerto Montt zogen.
Die Nachkommen jener ersten Siedler sind heute zum großen Teil Millionäre -- in Peso, nicht in Mark --, aber das Leben ihrer Großväter und teilweise noch ihrer Väter muß nach allen Erzählungen, die man hört, unsäglich hart und entbehrungsreich gewesen sein, wie es überhaupt das Schicksal aller Kolonisten zu sein scheint, daß die Früchte erst Kinder und Enkel erben.
Noch heute ist ein großer Teil der Provinzen Valdivia und Llanquihue Urwald, und eine neue deutsche Kolonie in diesem abgelegenen Gebiet würde mit ähnlichen, wenn auch nicht so großen Schwierigkeiten zu rechnen haben, wie jene ersten deutschen Kolonisten vor siebzig Jahren. Das Land, das in Kultur genommen werden soll, ist undurchdringlicher Urwald. Darum ist die erste Arbeit des Siedlers nach der Vermessung die Herstellung eines Pfades, auf dem er in mühseligem, meist stundenweitem Marsch im Winter auf unergründlichen, schlammigen Wegen -- denn dann regnet es wolkenbruchartig Tag für Tag -- sich seine Arbeitsgeräte und die Nahrung für sich und seine Familie heranschaffen muß.
Dann geht es an die Arbeit des Holzfällens, die der Ungeübte, Fremde, ohne Hilfe einheimischer Peone, meist Chiloten von der Insel Chiloé, kaum bewerkstelligen kann. Aus den Erinnerungen der ersten Ansiedler ist einiges erhalten. Eine jener alten Ansiedlerfrauen, die als Kind in den Urwald kam, berichtet, wie sie im Sommer ankamen und wie Vater, Mutter und ältere Geschwister vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung sich mit dem Fällen der Baumriesen mühten. Und als dann der Frühling seinen Abschied nahm, da war das Stücken Lichtung, an dem so unendliche Arbeit hing, noch jämmerlich klein.
Ist diese erste Lichtung geschaffen, so wird das übermannshohe Gewirr von Stämmen, Ästen und Blättern angezündet, sobald die Sonne des Sommers das Laub gedörrt hat. Allein so eisenhart und fest sind die Stämme, daß nur Blätter und Zweige verbrennen und selbst die dürren Äste kaum ankohlen. So müssen Stämme und Äste mit der Axt durchhauen, aufgeschichtet und neuerdings angezündet werden. Die größten Stämme bleiben liegen, oder man läßt sie überhaupt stehen. Noch heute sieht man im Süden überall, selbst an der Bahnstrecke, Felder, zwischen denen hohe, abgestorbene oder angekohlte Baumstämme in die Luft ragen.
Teilweise sind es ganze lichte Wälder solcher kahler Stämme, zwischen denen das Korn wächst, und im ersten Augenblick wähnt man, man führe durch jene Gegenden Frankreichs, in denen der Regen des beiderseitigen Trommelfeuers die Wälder getötet.
Zwischen den Stöcken und Stämmen wird der erste Weizen in den mit der Hacke aufgeritzten Urwaldboden gestreut. So wird Jahr für Jahr ein immer größeres Stück unter Kultur genommen, bis langsam nicht nur der eigene Bedarf für den Lebensunterhalt, sondern auch ein verkaufsfähiger Überschuß erzeugt wird.
Einfacher ist die Haltung des Viehs; dieses wird in den Wald getrieben, wo es sich die Nahrung selbst sucht. Auch die Wohn- und Arbeitsverhältnisse sind denkbar einfach. Als Wohnung dient ein Bretterhaus, als Fortbewegungsmittel die Carreta, ein primitiver zweirädriger Karren, dessen Räder häufig einfach zwei Scheiben Baumstamm sind. Das Zugtier ist überall der Ochse, der die Carreta mittels eines Joches primitivster Art zieht, von dem Treiber mit dem gestachelten Stab des klassischen Altertums gelenkt.
26. Llanquihue und Magallanes.
Valparaiso.
Das Herz Chiles ist sein Längstal, das sich zwischen Hochkordillere und Küstenkordillere von Nord nach Süd erstreckt. Hier ist seine Korn- und Fruchtkammer, hier führt der Hauptverbindungsweg, hier liegen seine reichsten Städte.
Bei Puerto Montt hört dieses Tal auf. Hier ist das Meer hereingebrochen und hat das Tal unter Wasser gesetzt. Die Küstenkordillere hat es in eine Reihe von Inseln zerlegt, während die Hänge der Hochkordillere statt auf das fruchtbare Tal zu münden, jetzt von den vielen Golfen und Kanälen genetzt werden, die sich zwischen Inseln und Festland hinziehen.
Hier bei Puerto Montt endigt für den Durchschnittschilenen sein Land. Früher war dies an der Frontera der Fall, bis die deutschen Einwanderer die Grenze des Kultur- und Machtbezirkes Chiles um einige hundert Kilometer nach Süden verschoben.
Chiloé, die nördlichste und größte der dem Festland vorgelagerten Inseln, ist noch bekannt. Hier führt eine Bahn von Ancud bis Castro, und vor einer Reihe von Jahren versuchte die Regierung auf Grund eines großangelegten Kolonisationsplanes die Insel zu kolonisieren. Trotz der guten Erfahrungen, die mit der deutschen Einwanderung gemacht waren, fürchtete man doch das allzu starke Überwiegen einer fremden Nationalität in geschlossener Siedelung und siedelte deshalb auf Chiloé Deutsche, Engländer, Franzosen und Holländer durcheinander an, möglichst fremdartige Nationen einander benachbart. Der Erfolg war, daß die meisten der Kolonisten, die sich gegenseitig weder verstanden noch helfen konnten, wieder abwanderten. Nur ein paar Deutsche und Holländer blieben.
Berühmt ist Chiloé wegen seiner Kartoffeln. Aber man klagt über die geringe Verwertungsmöglichkeit infolge der hohen Frachten.
Auf dem gegenüberliegenden Festland aber hört tatsächlich die Welt auf. Man sagt sich verstandesmäßig, daß die Täler dieses Gebietes wenigstens in ihrem nördlichen Teile von den blühenden Kolonien am Llanquihue nicht so sehr verschieden sein können und die gleichen Siedlungen, die gleichen Kolonisations- und ackerbaulichen Möglichkeiten bieten müssen, und daß auch in dem weiter südlich gelegenen Gebiet des Territoriums Magallanes, das klimatisch und landschaftlich norwegischen Fjords gleicht, infolge seines Holz- und Fischreichtums sich große Möglichkeiten eröffnen müssen.
Bei meinem ersten Besuch auf dem Kolonisations- und Einwanderungsamt in Santiago erkundigte ich mich sofort nach Plänen und Angaben über dieses Gebiet. Pläne gab es nicht, und im übrigen bekam ich die verblüffende Antwort: „~sirve para nada~“ (das hat überhaupt keinen Wert).
Die fraglichen Gebiete sind durchweg mit altem Hochwald bestanden, zum Teil mit dem wertvollen Holz der Alerce, eines in Chile einheimischen Nadelbaums. Die Golfe, Kanäle und Flüsse sind ebenso reich an Fischen wie an Choros, den Seemuscheln, die überall in Chile gern gegessen und hochbezahlt werden. Auch die Möglichkeiten für Ackerbau und Viehzucht können nicht ganz von der Hand gewiesen werden.
Aber in gewissem Sinne hatte der Beamte doch recht. Das Land ist wertlos, wenn auch nur gegenwärtig, und zwar um der verwickelten Besitzverhältnisse willen, die dort unten herrschen. Ich erlebte in der Folge bald selbst ein schlagendes Beispiel dafür.
Auf Grund eines Interviews, das in der größten chilenischen Zeitung, dem „Mercurio“, stand, in dem auch die Rede war von meiner Aufgabe, die Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren, erhielt ich eine ganze Reihe von Antworten und Zuschriften. Einer derselben, die ganz besonders verlockend erschien, ging ich nach. Es handelte sich um eine ganze Halbinsel gegenüber Chiloé in der Größe von 50000 Hektar. Der Kaufpreis schwankte zwischen 5 und 30 Peso der Hektar. Der Besitztitel, ein ganzes Buch mit einem Vermögen von Stempeln darauf, war ordnungsmäßig ausgefertigt. Als ich jedoch die Unterlagen mit einem Regierungsingenieur, der die Gegend genau kannte, überprüfte, stellte sich heraus, daß dieses Land zwei Besitzer hatte, die beide ordnungsgemäße Titel in Händen hatten. Ein neuer Käufer müßte sich also zum mindesten mit den beiden bisherigen Besitzern auseinandersetzen, wobei keineswegs ausgeschlossen wäre, daß mit der Zeit nicht noch weitere Besitzer auftauchten.
So kam ich dazu, mich mit der Frage der Besitztitel in Südchile näher zu befassen. Hier liegen die Verhältnisse besonders verwickelt. Wer, sei es von der Regierung, sei es von Privaten, Land kauft, dessen Titel nicht ganz einwandfrei und siebenmalsiebenmal geprüft sind, riskiert einen Rattenkönig von Prozessen mit einem Dutzend plötzlich neu aufgetauchter Besitzer, die alle Rechte auf sein Land geltend machen.
Die Eigentumsrechte an diesen Ländereien gehen zum großen Teil noch auf Konzessionen zurück, die zur Zeit der spanischen Herrschaft an verdiente Feldherren und Soldaten verliehen wurden. Von den Nachkommen wurden Teile dieser Gerechtsame weitergegeben, verschenkt, verkauft und so fort, so daß heute mancher Komplex Dutzende und Hunderte von Besitzern hat. Um solches Land kaufen zu können, muß es erst „bereinigt“ werden. Zu diesem Zweck muß ein „Stammbaum“ angelegt werden, der von der ersten Konzession ausgehend alle weiteren Erben, Käufer und Besitzer feststellt. Mit allen diesen muß man sich mittels Abfindung auseinandersetzen, wenn man einen einwandfreien Besitztitel haben will, und selbst dann ist die Möglichkeit weiterer Komplikation nicht ganz ausgeschlossen, wenn nicht genaue Kenner der einschlägigen Verhältnisse die Bereinigung und den Kauf ausführen.