Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 8
In der trockenen Glut dieses Felskessels reift eine Frucht von unendlicher Süße. Ich gehe durch die pappelumstandenen Weingärten der Estancia, die mir Gastfreundschaft gewährt. Schwer hängen grün und blau und rot die Trauben von den jungen Stöcken. Noch sind erst schüchterne Versuche gemacht worden, aus ihnen Wein zu keltern. Aber Lage und Boden müssen ein Produkt geben, das es mit jedem Wein des Rio-Negro-Tales aufnehmen kann. Anschließend strömen die Obstgärten unter kühlem Schatten einen betäubenden Duft aus. Die zehnjährigen Pfirsichbäume hängen übervoll. Hier und da sind besonders schwerbehangene Äste gestützt oder unter der Last der Früchte heruntergebrochen. Weiterhin Äpfel und Birnen, Pflaumen, aber auch Feigen. Auch mit Tabak sind die ersten Anbauversuche erfolgreich gemacht. Der Boden scheint alles zu tragen, was man in ihn pflanzt.
Schwierig ist die Verwertung. Zur Station sind zehn Leguas. Trotzdem werden Früchte nach Bahia Blanca verschickt. Das übrige dient für den großen Bedarf des Besitzers, seiner Familie und des Gesindes. Für den Winter wird in großem Maße Trockenobst bereitet, das man in einfacher Weise in der Sonne dörrt.
Die Obst- und Weingärten säumen Alfalfafelder, die fast bis an den Fluß reichen. Unter den Akazienbäumen des Hofes steht die Reinigungsmaschine, die den Samen von den letzten Unreinigkeiten befreit. Wie pures Gold rinnen die gelben Körner über die Siebe in die Benzinkannen, die als Meßgefäße dienen.
Keuchend bringen die Peone die schweren Säcke angeschleppt. Klappernd dreht sich die Maschine, und ein kleiner Indianerjunge streicht vorsichtig den Samen in den Latas, den Kannen, bis zum Rande glatt, damit das Maß genau stimme, und der Besitzer füllt über ausgebreitetem Segeltuch den goldenen Samen so sorgfältig in die zum Versand bestimmten doppelten Säcke, als handle es sich um wirkliches Gold. Für ihn ist es das auch. Trägt ihm doch jeder Hektar 500 Kilo Samen und rechnet er aus seinen wenigen hundert Hektaren auf einen Gewinn von 30000 bis 40000 Peso.
Mit Ausnahme der in der Nähe des Flusses liegenden Alfalfafelder empfängt das ganze Land Wasser mittels eines Kanals, der zwei Leguas oberhalb der Estancia vom Fluß abzweigt und durch ein System von Acequias Alfalfa, Obst und Wein bewässert.
Die ganze Anlage ist nicht älter als dreizehn Jahre. Um diese Zeit kam der Besitzer hierher, ein Spanier, der bisher einen Laden in Las Lajas hatte, kaufte um wenige Peso das wertlose Land und schuf in unermüdlicher, harter Arbeit das heutige Paradies.
Das Land ringsum, zum Teil Regierungsland, zum Teil Privatland, ernst um einen Pappenstiel gekauft, aber unverwertet gelassen, da seine unfruchtbare Dürre kaum Schafe und Ziegen ernähren würde, unterliegt denselben Bedingungen. Nur zwei Dinge braucht es, Arbeit und Wasser.
Wir reiten zum Fluß. Noch brennt die Mittagssonne. Langsam trotten die Pferde hintereinander auf dem schmalen Pfad durch die Alfalfa. Noch liegt ein leichter blauer Schimmer der absterbenden Blüte über dem grünen Feld. Doch die meisten Pflanzen hängen schon schwer unter dem überreichen Samen.
Ein breiter Streifen ungenützten Landes trennt das letzte Alfalfafeld vom Fluß, Überschwemmungsland. Denn noch ist ja der wilde Gebirgsfluß in keiner Weise reguliert, und Überschwemmungen drohen hier jede menschliche Arbeit zu vernichten. Sand und Kiesbank, grünumstandene Lagunen, Schilf, Gras und Buschwerk, durch das sich die Pferde kaum einen Weg bahnen können und das fast über unseren Köpfen zusammenschlägt, wechseln miteinander ab. Dann wieder das Kiesbett eines trockenen Flußarmes und Weiden in kleinen Gruppen. Die Sonne brennt auf unsere bloßen Arme. Über unsern Häuptern streicht ruhigen Fluges ein mächtiger Adler. In seinen Fängen windet sich lang herabhängend eine große Schlange.
Unsere Pferde saufen im Fluß. Man muß schon ein guter Schwimmer sein, um über den breiten reißenden Strom das andere Ufer zu gewinnen. Fast andächtig sehe ich auf die raschfließende Flut. Wie nutzlos vergeudetes Lebensblut verströmt sie. Nur ein winziger Bruchteil dieses lebenweckenden Elementes ist ja abgefangen. Statt Hunderte von Hektaren ließen sich Tausende und Zehntausende bewässern. Wir stehen hier am Anfang vielfältigen Werdens.
Vor den Hufen unserer Pferde schwirren immer wieder die Martinetes auf. Diese schmackhaften, hier nur allzu zahlreichen Vögel sind der einzige Feind der Kulturen, die weder Dürre noch Heuschrecken, noch Phylloxera noch irgendeine andere Reben- oder Baumkrankheit kennen. Aber wie der Weg höher hinaufführt, sandiger und steiniger wird, hören auch sie auf, und nur ab und zu huscht eine feiste Feldmaus vorüber oder ein putziges Gürteltier, das eiligst hinter einem Busch Deckung sucht.
Der Weg führt hoch oben am Rand der Felsmauern entlang, und man sieht weithin über das Land. Nur spärlich sind die grünen Flächen bebauten Landes oder die Baumgruppen, die menschliche Wohnung künden. Fast zufällig sind sie entstanden, indem da oder dort ein unternehmender Estanciero oder ein etwas weiterblickender Indio einen Kanal vom Fluß abzweigte.
Rasch wechseln beim eiligen Reiten Gedanken und Phantasien. Wenn hier planmäßig gearbeitet würde, wenn das Wasser der Flüsse nicht nur zu rationeller, groß angelegter Bewässerung genützt, sondern der regulierte Neuquen gleichzeitig als Transportstraße für den Absatz der Produkte dieses Landstriches verwendet werden könnte und sein Gefälle für den Antrieb elektrischer Maschinen, die ein weites Gebiet mit Licht und Kraft versorgten -- da, das bäumende Pferd wirft mich fast aus dem Sattel. Grellgelb und schwarz züngelt dicht vor ihm eine Giftschlange auf. Die Pistole fliegt aus dem Futteral. Aber schon ist das Biest in einem Erdloch verschwunden. Die Gedanken sind plötzlich abgerissen. Noch ist hier ja Wüste, Einsamkeit, Weltabgeschiedenheit. Wer hier als Ansiedler anfängt, läßt weit hinter sich alles, was Kultur und Zivilisation heißt. In weiter Ferne liegt die Verwirklichung der Möglichkeiten, die dieses Land birgt, es sei denn, daß zu den beiden, die Wüste in Garten wandeln sollen, zu Wasser und menschlicher Arbeit, ein drittes kommt -- das Kapital.
20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis.
Am Cayunco.
Die Nebenflüsse des Neuquen vervielfachen die Möglichkeiten dieses Flusses der Gobernacion gleichen Namens. Wenn auch für Schiffahrtszwecke infolge des niedrigen Wasserstandes im Sommer nicht geeignet, so sind die Verhältnisse für künstliche Bewässerung hier stellenweise noch günstiger als am Hauptfluß.
Ich reite den Cayunco stromauf. Einige Leguas hinter der Mündung schließt sich das Tal zu enger Felsschlucht zusammen. Tief unten springt der Fluß über Felsblöcke. Aber noch hier oben am Wege ist der Stein seltsam ausgehöhlt, rundgewaschen und glattpoliert, zum Zeichen, daß manchen Winter übergroße Wassermassen die ganze Schlucht füllten.
Hinter der Enge öffnet sich ein weites Tal. Auf dem nördlichen Ufer rücken die Berge bis an den fernen Horizont zurück, während sie sich auf dem südlichen in sanftgewellte Hügel lösen.
Von Zeit zu Zeit künden grüne Flächen und Baumgruppen die Puestos von Indianern, die mit Hilfe primitiver Kanäle einige Hektar unter Kultur genommen haben.
Bei einer Ranchogruppe unter besonders hohen dichten Bäumen soll erste Rast gehalten werden. Allein statt der Indios, die wir um Mate, um Paraguaytee, angehen wollten, stoßen wir auf Männer, bei denen aller Sonnenbrand die mitteleuropäische Abkunft nicht verwischen konnte. Deutsche Laute nehmen den letzten Zweifel. Wir sind in einer deutschen Siedelung mitten in der Wildnis, an der Grenze der Republik.
Es sind junge Leute zwischen zwanzig und dreißig Jahren, die der für Deutschland ungünstige Ausgang des Krieges aus ihrer Bahn geworfen hat: aktive Offiziere des Heeres und der Flotte, Marineingenieure, Staatsbeamte, aber auch Handwerker und Landarbeiter. Da sie nicht über viel Geld verfügten, blieb ihnen die Qual der Wahl, wo sie das Land kaufen sollten, erspart. Sie mußten sich mit billigem Regierungsland begnügen.
Ich habe einige Tage unter diesen Siedlern gelebt, und ich muß sagen, einfacher kann man nicht gut leben, aber auch kaum glücklicher und zukunftsfroher sein. Wohl waren einige Lehmranchos da. Aber da sie noch von ihren früheren Bewohnern her voll Ungeziefer saßen, nutzte man sie lediglich als Gepäck- und Geräteschuppen, und alles, einschließlich der einen Frau, die ihren Gatten in die Wildnis begleitete, schlief im Freien.
Es ist ein herrliches Schlafen unter dem freien strahlenden Sternenhimmel, wenn auch das Aufstehen in der empfindlichen Kühle nicht ganz leicht ist. Bereits vor fünf Uhr steht alles um das mächtig flackernde Feuer, auf dem der Siedler vom Küchendienst bereits den Morgenkaffee bereitete.
Um fünf Uhr beginnt die Arbeit. Der ehemalige Indianerpuesto, in dem sich die Siedler zunächst niedergelassen, hatte einen alten verwahrlosten Kanal. Den galt es zunächst in Ordnung bringen, um möglichst rasch einige Hektar Gartenland und Weide bewässern zu können. Dann mußte ein Potrero gebaut werden, der bereits fertig ist, und jetzt ist man an der Errichtung eines Kolonistenheims, um vor Eintritt der kalten Jahreszeit unter Dach und Fach zu sein und um vor allem auch für die übrigen Frauen, die teilweise auf benachbarten Estancien, teilweise noch in Deutschland sitzen, eine gute warme Unterkunft zu schaffen.
Steine für den Unterbau liefert eine hinter der Siedelung hochsteigende Felswand. Lehmboden zum Ziegelbrennen ist zur Genüge da, Kalk hofft man noch zu finden, und so brauchen nur Holz und Wellblech zugeführt zu werden. Einer der Siedler ist Architekt, nach dessen Plänen und unter dessen Leitung gebaut wird.
Es sind etwa zwanzig Herren, die unter der Leitung zweier argentinischer Landwirte, eines Kolonisationschefs und eines Capataz, den Grundstock zu einer Siedelung legen.
Manche der Siedler stammen aus angesehenen, wohlhabenden Familien, und sicher war der Sprung in so ganz andere Lebensverhältnisse und die Gewöhnung an schwere körperliche Arbeit nicht leicht, und das Zusammenleben so verschiedenartiger Elemente auf so engem Raume mußte zu Reibungen führen. Aber wie sich alle in der Zwischenzeit ein paar tüchtige, schwielige Hände zugelegt haben, so hatte ich auch den Eindruck, daß sich die übergroße Mehrzahl nicht nur mit dem neuen Leben abgefunden hat, sondern daß sie alle völlig in ihrer Arbeit und in ihrem Unternehmen aufgehen.
Es ist ein eigen Ding um die Arbeit auf eigenem Grund und Boden. Zehnmal so leicht ist sie wie für fremde Rechnung. Die Siedler haben sich zunächst zu einem Jahr unentgeltlicher gemeinschaftlicher Arbeit verpflichtet, und sobald wie möglich sollen dann die einzelnen Familien auf eigenen Losen angesiedelt werden und jede eine gewisse Anzahl Hektar Bewässerungsland bewirtschaften, während der übrige Kamp genossenschaftlicher Viehwirtschaft dient.
Sobald es Abend wird, kommen die einzelnen Gruppen von der Arbeit, die einen vom Steinetragen, die andern vom Roden, die dritten vom Kanalbau. Unter den Pappeln und Weiden sitzt man auf den selbstgefertigten Bänken, ein Stück knusprigen Bratens in der Hand.
Rasch sinkt die Nacht. Von dem verglimmenden Feuer steigt ein leichter blauer Rauch. Aus dem Potrero tönt das Läuten der Glocke der Leitstute der Tropilla, und in das Läuten der Glocke, in das Quaken der Frösche vom Fluß her und das Zirpen der Grillen und in all die unbestimmbaren Geräusche der Nacht in der Wildnis klingt immer wieder das Lachen der jungen Frau.
Man sitzt und erzählt. Einer hat sich schon zurückgezogen, und aus der Ferne klingt sein Geigenspiel. Schwermütige Weisen -- wie könnt’ es anders sein.
Es war viel Hoffnungsfreude und Zukunftsglaube unter den Siedlern. Im Geiste stand bereits das Haus, blühte das Feld. Aber als ich nach Jahresfrist nach Argentinien zurückkehrte, da war die Siedelung eingegangen, an Kapitalmangel, an Streitigkeiten der Siedler. Sie alle waren auseinandergeflogen, und ein Teil vegetierte dahin in Elend und Armut.
21. Auf dem Cayuncohochland.
Am Cayunco.
Zwischen den beiden Nebenflüssen des Neuquen, dem Cayunco und dem Agrio, erstreckt sich als Wasserscheide ein mächtiges Hochplateau. Vom Fluß aus scheinen dessen steil abfallende Wände das Tal wie mit unübersteigbaren Mauern abzuschließen. Aber wie man mir sagt, führt ein Reitweg auf die Hochfläche hinauf, und da Hufspuren und vertrockneter Pferdemist untrügliche Spuren geben, reite ich allein eines Morgens los.
Endlos dehnt sich der Weg. Die scheinbar so nahen Felsmauern rücken immer wieder ein Stück in die Ferne. Es zeigt sich, daß oberhalb der leicht und einfach bewässerbaren Flußufer sich weithin eine zweite Stufe dehnt, teilweise Ebene, teilweise leicht gewelltes Land, die nicht minder Frucht und Alfalfa tragen könnten wie das Land am Fluß, wenn, ja wenn es gelänge, hierhin Wasser zu bringen. Allein mit den einfachen Mitteln des bisherigen Kanalsystems ist nicht daran zu denken. Dazu gehörten schon Stauwerke, großzügige Anlagen, Ingenieurarbeit.
Zwischen Zampabüschen, die noch bei größter Dürre und absolutem Wassermangel gedeihen, führt die Hufspur. Der Boden ist reich an Salpetersalzen. Stellenweise ist er weiß von ausgeschiedenen Kristallen, und einzelne Pflanzen sind von unten her ganz damit bedeckt. Die Kristalle kriechen an Wurzeln und Stengeln in die Höhe, so daß es aussieht, als verwandelten sie sich langsam in steinerne Blumen des Todes.
Eine Reihe trockener Flußbetten kreuzt den Weg. Dann schlängelt er sich längs der Felsen hin, bis eine Schlucht sich auftut und steil und steinig der Weg sich aufwärts windet.
Mühsam keucht das Pferd. Auf Meilen sind wir beide die einzigen Lebewesen. Sind wir’s wirklich? Dort, von dem Felsvorsprung, hebt sich eine seltsame Silhouette vom Himmel ab, ein seltsam geformter Stein, ein bizarrer Strauch, oder ist es wirklich ein Guanaco? Beim Näherkommen zeichnet sich deutlich das braune zottelige Fell ab, der unwahrscheinlich lange Hals, der lächerlich kleine Kopf des Tieres, das wie eine tolle Laune des Schöpfers wirkt. In seiner unbeweglichen Haltung sieht das Tier nicht anders aus wie einer dieser grotesken Auswüchse der Felsen, die bald Drachen, bald menschliche Köpfe oder tierische Leiber scheinen. Fast könnte man noch zweifeln, ob es wirklich ein lebendes Wesen ist. Da bekommt es Wind von dem nahen Menschen und zieht in eiliger Flucht ab.
Wie Blut und Feuer brennt in der Sonne der rote Fels. Die Augen schmerzen, bis der Rand der Hochfläche erreicht ist und das jetzt wieder alles überwuchernde matte Grün der Büsche wohltuende Ruhe gibt.
Aber zwischen den Büschen verschwindet der letzte Rest der Hufspur. In den leichten Senkungen des Hochplateaus versinkt der letzte Richtpunkt am Horizont. Nach rechts, nach links, nach vorn, nach hinten eine einzige, gleichförmig eintönige Fläche. Nur Sonne und Kompaß bleiben als letzte untrügliche Wegweiser.
In mühsamem Galopp geht es durch das dornige Strauchwerk. In die grenzenlose Verlassenheit zittert ein Sehnen nach etwas Großem, Befreiendem, nach einem Ende dieser verzweiflungsvollen Öde. Aber hinter jede eben überwundene sanfte Hügelkette schiebt sich eine neue. Mit einem Male, als die Stimme, die zur Umkehr mahnt, schon laut und vernehmlich geworden war, scheint es, als höben sich Vorhänge, und von der letzten Kimme aus öffnet sich berauschend weit der Blick ins Agriotal hinunter.
Einem Amphitheater gleich öffnet sich die weite Schlucht. Immer weiter treten Felskulissen zurück, braun und grau und rot, bis über Hänge und Stufen hinunter tief unten im Grund wie fließendes grünes Licht das gewundene Band des Agrio aufleuchtet. Nach West und Nordwest aber baut sich in horizontweiter Ferne unter der leuchtenden Last des ewigen Schnees der Fels der Kordillere in intensiv blauen und weißen Farben auf.
Unbestimmte Sehnsucht ist es, die durch brennend heißen Sand und Dornbusch bis zu jenen unerreichbar fernen Bergen treibt. Zwischen Busch und Stein formt sich wieder Hufspur, die durch Schluchten hindurch langsam wieder abwärts führt zu jener Stufe oberhalb des Cayuncotals.
Eben oder nur in sanfter Wellung zieht sich die Terrasse Leguas weit. Herrenloses Land, unnützes Land, trocken und dürr. Wer hier Wasser hinbrächte, wer hier Weide und Acker erschlösse, nahrungspendend für Tausende!
Vor dem Reiter flüchtende Schaf- und Ziegenherden künden die ersten Spuren menschlicher Siedelung. Es sind Indianerpuestos unten am Fluß zwischen Pappeln und Weiden.
Der Weg führt plötzlich steil und rasch abwärts. Der Fluß rückt dicht heran. Jetzt trennt nur mehr ein steil abfallender Hang den Pfad von seinem blauen Spiegel.
Der Weg scheint zu Ende. Die Hänge, die voll von Papageienlöchern sind, lösen Felsen ab, die dicht an den Fluß heranrücken. Zwischen Wasser und Stein bleibt kaum so viel Platz, daß das Pferd vorsichtig tastend seine Hufe setzen kann.
Auf einer Sandbank am Fluß endet der Weg. Kristallklar strömt die Flut. Durstig trinken Mensch und Tier. Hinter dem über den Wasserspiegel Gebeugten knirscht der Kies. Ein Mensch ist aus den Felsen herausgetreten, sonngebräunt, verwildert, mit langem Bart und Haar. Einen mächtigen Kasten und ein Stativ hält er in den Händen. Weiß Gott, ein Nivellierapparat! -- Es ist ein Vermessungsingenieur. Seit Wochen haust er hier in menschenfernster Einsamkeit, häuft meterhohe Steinpyramiden zu trigonometrischen Punkten und mißt das Land, das selbst auf den neuesten Regierungskarten nur eine weiße Fläche ist.
Er führt mich zu dem Indianerpuesto, wo er ißt und schläft. Hier kredenzt die braunhäutige Señorita den Mate, den in Argentinien üblichen Paraguaytee. Neben dem alten Indianer, der nicht lesen noch schreiben kann, der nichts kennt als seine Pferde und Schafe, sitzt als Gast und Hausgenosse der akademisch gebildete deutsche Ingenieur und ehemals königlich preußische Staatsbeamte, benutzt zum Trinken dieselbe Bombilla, das Röhrchen mit einem Sieb am untern Ende, und spricht mit dem Indio als Caballero zum Caballero. Der in Europa so ganz andere Verhältnisse gewöhnte Fremde muß immer wieder über die natürliche, kavaliermäßige Sicherheit staunen, mit der sich auch der einfachste Ureinwohner dieses Landes bewegt, und über das über alle sozialen Unterschiede hinwegleitende chevalereske Verhältnis gegenseitiger Höflichkeit und Achtung zwischen Patron und Peon.
Wie ich die beiden nebeneinander sitzen sehe, steigt mir eine Zukunftsvision dieses Staates auf, in dem sich aus den größten Gegensätzen des Klimas, des Bodens und der Menschen langsam und fast unmerklich ein neues Land und eine neue Rasse formen.
Chile
22. Über die Kordillere.
Los Andes.
Von Neuquen führen zwei Wege über die Kordillere der Anden nach Chile, der eine über San Carlos Barriloche und den Nahuel-Huapi-See, der andere über San Martin de los Andes, der erstere im Auto, letzterer nur zu Pferd oder Maultier benutzbar. So groß auch die Lockung war, über die Schneeberge zu reiten, die ich täglich vor mir sah, so entschloß ich mich doch, nach Buenos Aires zurückzufahren, um den ersten und Hauptverkehrsweg zwischen Argentinien und Chile zu benützen und über den Uspallatapaß mit der transandinen Bahn zuerst nach der Hauptstadt der chilenischen Republik zu fahren.
Vierundzwanzigstündige Schnellzugsfahrt bringt nochmals durch die seit Monaten wohlbekannte argentinische Landschaft. Pampa, flache, endlos weite unbegrenzte Ebene. Aber je mehr sich mit Tagesgrauen der Zug der Wein- und Obstzone von Mendoza nähert, desto mehr ändert sich der Charakter der Landschaft. Die Eindrücke vom Rio Negro und Neuquen wiederholen sich. Erst spärlich aufmarschierende Pappelreihen, die ersten Anzeichen künstlicher Bewässerung, dann dichter und dichter werdend Wein, Obstgärten und Alfalfafelder.
Mendoza ist das Zentrum des ältesten Wein- und Fruchtgebietes des Landes, eine friedliche Stadt; gepflasterte Straßen, Baumreihen und Häuschen, umrankt von Trauben. Hier wechselt die Spurweite, und die schmalspurige Andenbahn beginnt.
Von der Landschaft des Rio Negro kommt man in die des Neuquen. Die Kulturen verlieren sich zwischen Sand und Stein, die Berge, die als großartiges Panorama den Horizont säumten, rücken heran. Die Schienen gleiten in Flußtal und Schlucht hinein. Unten rauscht der Mendoza. Hie und da ist noch ein Kanal für die eine oder andere kleine Estancia mit wenigen Alfalfafeldern abgezweigt. Dann hört auch das auf. Die letzten Büsche verschwinden; kein Halm, kein Strauch, keine noch so dürre, bedürfnislose Distel. Nichts als Stein, nackter Fels; nur wo dem kahlen Stein die heißen Quellen entspringen, bei Cacheuta, inmitten ödester Felseinsamkeit mondänstes Leben.
Bald saust der Zug um scharfe Kurven. Täler verengen und weiten sich. Graues, schieferartig übereinandergeschobenes Gestein wird heller und rötet sich zu Sandsteinfarbe. Das letzte Grün verhaucht zwischen den Schluchten. Neue Felsen, neue öde, grandios einsame Steinhalden. Die Sonne brennt in den Steinkessel, die Bläue des Himmels vertieft sich. Im Zug wird es stiller und stiller. Tiefleuchtende Augen sehen voll stummer Andacht in diese Welt, so unbelebt, so unberührt. Hier ist Gottes ureigenstes Gebiet.
Nur das heisere Schnaufen des Zuges und der gellende Sirenenschrei der Lokomotive durchbrechen die Stille. Weiter und weiter. Als ginge es in steinernen Urwald hinein, in ein vormenschliches Zeitalter, mit einem Häuflein Menschen in hochmodernen Wagen.
Noch stummer, noch unbeweglicher, noch mahnender stehen die Felsen. Ein Grauen packt uns vor dieser Einsamkeit. Wer ist stärker, sie oder wir? Stumm stehen die Felsen. Kein Laut löst die Enge. Drei, vier Felsen, wie in Verzweiflung gerungene Hände, dicht aneinander und übereinander wachsend, dann wieder ein einziger großer Stein, ein mächtiger Koloß, ruhend, stark wie ein Gott, der die paar Menschen an sich herankommen läßt. Als der Zug, bei steilerem Anstieg wieder einmal in die Zahnradkette eingeschnappt, langsam keuchte, war einer ausgestiegen, der dann, als die Lokomotive plötzlich wieder anzog, nicht rasch genug wieder aufspringen konnte. Es gab ein verzweifeltes Rennen, bis der Zugführer verständigt war und stoppte. Auf den Zügen des italienischen Auswanderers malte sich das Grauen, als er uns wieder erreichte.
Scharf geht die Bahnlinie den Fels an. Steil wird die Trasse und gefährlich. Bald, in wenigen Wochen, in Tagen vielleicht werden zwischen jenen Felsblöcken die ersten Schneelawinen hinunterrollen. Der Mensch hat Schutzdächer gebaut, um seine Bahn zu schützen. Wie in einen Schlund tauchen wir unter das erste. Oder haben sie den Zweck, die Augen vor der immer großartiger werdenden Schönheit zu schützen? Wenn ein Schutzdach aufhört, sieht man verwirrt in die flimmernden Lichter. Die Sonne hat ihren Zenit überschritten. Regenbogenlichter spielen auf dem Fels. Dahinter die weißen Kuppen der Schneeberge und der bläuliche Schimmer von Gletschern. Wo sie herunterkommen, verändern sie den Fels. Rillen werden gewaschen, Blöcke verschoben. Man ahnt, daß auch hier Kämpfe spielen, der ewig währende, uralte Kampf zwischen Wasser und Stein.
Puente del Inca ist der letzte Punkt, bis zu dem die Zivilisation hochgedrungen. Dann stört nichts mehr die grandiose Monotonie der Berge. Nur der Schienenstrang, den der Mensch als Fessel über den Berg gelegt, verbindet menschliches Leben diesseits und jenseits der Kordillere. Wir sind jetzt in über dreitausend Meter Höhe. Das Blut pocht in den Schläfen. Der Kopf wird schwer von Wirrnis.