Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 7
Der Wein, den der Wirt verschenkt, ist Inselprodukt. Die Salesianerpatres haben neben ihrer Arbeit im Weinberg des Herrn auch einen irdischen Weinberg aufgetan. Kirche und Schule liegt in ihrer Hand, und nebenbei haben sie die beste Bodega, wie man hier einen Winzerbetrieb nennt.
Dem Salesianerkloster ist auch äußerlich nichts anzumerken. Ein einstöckiger, schmutziger Ziegelrohbau. Aber durch Zimmer und winklige Korridore kommt man mit einem Male in einen hochgewölbten Kreuzgang, ein erstaunlicher Anblick in einem Lande, das nur Wellblech- oder Lehmbauten kennt. Die Erklärung ist einfach. Einer der beiden Patres war früher Architekt. Welch seltsames Schicksal mag ihn zum Salesianermönch gemacht haben! Nun mauert er Jahr für Jahr Gewölbe an Gewölbe, Kreuzgang, Schlafsaal, Kelterei und Weinkeller. Daneben wird Jahr für Jahr ein weiteres Stück roher Kamp gerodet und als Weinberg bestellt. Daneben der Schulunterricht und die geistliche Tätigkeit.
Wir müssen alles ansehen, Weinberg und Kelter, die zementenen Gärbottiche und das hohe Steingewölbe mit den großen Lagerfässern, in ihrer Art einzig im Rio-Negro-Tal. Und schließlich geht’s die enge Treppe hinunter in den Keller unter dem Kreuzgang.
Während wir eine Sorte nach der andern probieren müssen, erzählt der andere Pater ununterbrochen. Über der speckigen, mehr grünlichen als schwarzen Sutane sitzt ein kugelrunder Kopf, in seiner blühenden Farbe wie aus Rosenquarz gedrechselt, und alles darunter ist rundlich.
Ein ferner Klang wie von Geigenspiel streicht durch das Kellergewölbe. Wir stehen lauschend. „Unser Rennreiter“, meint Pater Rosenquarz.
Und er erzählt: „Eines Tages kam ein junger Mann und bat um Herberge. In diesem gastfreien Land ist es allgemein Sitte, jedem, der da kommt, Herberge und Essen zu gewähren. Es sind Arbeitsuchende oder Abenteurer oder auch nur Wanderlustige, die in monatelangen oder jahrelangen Märschen halb Südamerika durchwandern. Ich habe manchen von ihnen kennengelernt. Einer war dabei, der ganz Brasilien und halb Argentinien durchwandert hatte. Da er dem Mayordomo, bei dem er um Herberge gebeten, gefiel, fragte ihn dieser, ob er nicht bleiben und Arbeit nehmen wolle. Aber ein entrüsteter Ausruf war die Antwort: ‚Was, arbeiten! Ich bin zwei Jahre durch Brasilien gewandert, ohne zu arbeiten, und ich denke es hier in Argentinien auch nicht anders zu tun!‘ Trotz dieses vielfachen Mißbrauches der Gastfreundschaft wird doch der Estanciero jedem, der morgens kommt, Frühstück und Mittagbrot und jedem, der nachmittags eintrifft, Abendessen und Nachtlager geben.“
Solch einer war es auch, der zu den Salesianern gekommen war. Monatelang war er durch die Republik gewandert und am nächsten Tage wollte er weiter. Aber im Gespräch stellte es sich heraus, daß er Rennreiter und als berühmter Jockei durch die ganze Welt gekommen war. Bei seinem letzten Rennen in Buenos Aires hatte er sich den Kopf so bös zerschlagen, daß es nichts mehr war mit der Reiterei. Eine gute Stelle auf einer Estancia, die man ihm verschafft, gab er mir nichts dir nichts auf und begann ein Wanderleben.
Aber außer den Pferden hatte er immer noch seine Geige gehabt, und die hatte er mitgenommen und spielte den Patres darauf vor. Und als sie sein Spiel hörten, da meinten sie, das wäre eine treffliche Gelegenheit, um ihren Schülern Musikunterricht zu geben, und auf ihren Vorschlag blieb der ehemalige Rennreiter als Musiklehrer und Laienbruder bei den Salesianern.
Auf unsere Bitten riefen sie den Musikanten zu uns und zum Wein, einen hohen, schlanken Menschen in billigem Leinenanzug, aber mit Akzent und Allüren eines Wiener Aristokraten.
Paris und London, Sidney und New York waren ihm in gleicher Weise geläufig, und zwischen den Erzählungen von Rennen und Siegen schwirrten nur so die phantastischsten Zahlen von Gehältern und Gewinnen. Aber jetzt scheint das alles weit hinter dem noch jungen Mann zu liegen, und er, ruhig und abgeklärt, als habe es nie etwas anderes gegeben, als habe er nie etwas anderes erstrebt und gewünscht, als auf einem weltvergessenen öden Fleckchen einer Insel im Rio Negro mit zwei ein wenig fetten und schmutzigen, aber vergnügten und tüchtigen Patres zu sitzen und braunen, wilden Söhnen von Italienern, Spaniern und Indios Musikunterricht zu geben.
Wir merkten ihm den Wunsch an, uns vorspielen zu dürfen, und baten ihn darum. Mit todernstem Gesicht lehnte er sich an den Tisch, und wie er den Bogen ansetzte, schwand der kranke Ausdruck der Augen -- von dem Sturz war das Hirn wohl noch immer ein wenig durcheinandergerüttelt --, und wie er nun spielte, saßen alle lauschend, wir und die Patres und der Indianerjunge, der den Wein einschenkte.
Immer leidloser und immer befreiender wurden die Lieder, und man sah die Mücken nicht mehr, die massenhaft um den brandroten Wein schwirrten. Und er spielte doch nur Wiener Walzer, Operetten, „Dorfkinder“ und „Zigeunerprimas“, aber aus dem Spiel schluchzte himmelhoch und sehnsüchtig der ganze Gegensatz heraus von hier und dort, von einst und jetzt.
17. Das Land der Kanäle.
Allen, Territorium Rio Negro.
Ein beinahe unheimlicher Eindruck erfaßt einen, wenn man zum erstenmal mitten in die Zone intensiver künstlicher Bewässerung kommt. Ein Schauer streift einen, als sei hier in fast frevelhafter Weise das Gesetz der Natur überwunden, indem der Mensch das Wetter meistert oder vielmehr seinen Einfluß ausschaltet und sich in der Bestellung des Bodens von Regen und Sonnenschein unabhängig macht. Der schlimmste Feind der argentinischen Landwirtschaft, die Trockenheit, sie, die in regelmäßigen Abständen Tausende von Existenzen zugrunde gehen ließ, die Früchte jahrelanger Arbeit in kürzester Frist zerstörte, die das Korn versengte und das Vieh in Massen mordete: hier ist sie überwunden. Die Landwirtschaft ist industrialisiert, ist ein maschinenmäßiger Betrieb geworden, dessen Gedeihen abhängt von dem richtigen Gang des technischen Apparates, der aber unabhängig ist von den Launen der Witterung. Ein später Frost kann wohl die Baumblüte zerstören und die Obsternte gefährden, aber dies ist auch fast das einzige, was dem Landmann das Wetter noch antun kann. Im übrigen ist der jährliche Ertrag etwas, was man mit Hilfe der Bewässerung selbst regelt. Der Landwirt braucht nicht ängstlich zum Himmel schauen, sei es, ob endlich der ersehnte Regen fällt oder ob der Himmel seine Schleußen schließt, um von der verregneten Ernte noch etwas zu retten. Es regnet nur im Winter, wenn es gleichgültig ist, und der Farmer selbst gibt seinen Pflanzen das an Wasser, was sie brauchen.
Die steil abfallenden Steinwände des patagonischen Hochlandes, deren Fels rot zu glühen scheint von der darauf brennenden Sonne, begrenzen das weite Tal, das eine Kuppel von intensivster unabänderlicher Bläue überspannt. Wo das Wasser noch nicht hinkam, trostlose Dürre, kaum daß der Boden ein paar dornige Büsche trägt, und unmittelbar daneben, soweit die Feuchtigkeit reicht, blühendes Grün.
Pappeln säumen alle Wege, Pappeln, immer nur Pappeln. Ist in andern Gegenden der Republik Meilen auf Meilen und Stunden auf Stunden ermüdender Bahnfahrt Drahtzaun, Windrad und Wassertank das ewig wiederkehrende Motiv, so ist es hier der hohe schlanke Baum. Regelmäßig und quadratisch wie alles hier im Lande, ist das ganze Bewässerungsgebiet in Lose von gleicher Größe geteilt. Kann auch ein Besitzer mehrere Lose in einer Hand vereinen, so muß doch ein jedes Los von der Größe von 100 Hektar von öffentlichen Wegen umschlossen sein. Jeder dieser Wege, von denen der größte, die Hauptverkehrsader durch die Kolonie, eine Breite von 50 Meter hat, ist mit enggepflanzten Pappeln eingefaßt. Und jeder Weg auf den Chacras, ja jedes Feld ist wieder mit diesen Bäumen umstanden. Sie säumen jeden Corral und jeden Wassergraben. Ihr Zweck ist ein vielfacher. Sie sollen die Gewalt der vom Hochland herunterbrausenden Staubstürme brechen und die jungen Pflanzungen schützen, und sie sollen die Böschungen der Kanäle festigen. Aber daneben reizt auch das rein Praktische zu ihrer Anpflanzung. Sie geben Holz, ein wertvoller Artikel in diesem holzarmen Lande. Und als letzten, wenn auch vielleicht nicht einmal beabsichtigten Vorteil spenden sie Schatten. Stundenlang im Schatten reiten zu können ist ein Genuß, den man sonst in Argentinien nicht leicht findet.
Am stärksten ist der Kontrast zwischen dem leichten frischen Grün des Bewässerungslandes und der gelben heißen Dürre des übrigen Bodens unmittelbar an der Mündung des großen, im Bau befindlichen Regierungskanales bei Almirante Cordero. Einige Kilometer flußaufwärts von der Vereinigung des Neuquen und des Limay, die zusammen den Rio Negro bilden, ist mittels eines gewaltigen Staudammes das gesamte Flußbett abgesperrt. Von hier zweigt der große Regierungskanal ab, der bis Zorilla oder Chinchinales führen und das gesamte Rio-Negro-Tal auf eine Länge von 120 bis 150 Kilometer bewässern soll. Dieser Staudamm soll zugleich das Tal vor den gefährlichen Überschwemmungen schützen, die es bisher von Zeit zu Zeit verheerten und deren letzte im Jahre 1899 das Städtchen General Roca zerstörte. Vollständig wird der Schutz vor den Überschwemmungen allerdings erst dann sein, wenn auch der Limay reguliert ist. Die größte Gefahr ist jedoch wohl heute schon gebannt.
Ein besonders günstiger Umstand ist das Vorhandensein eines ungeheuren leeren Felsenkessels unweit des Staudammes, die Cuenca Vidal. Ihre Steilwände haben ein Fassungsvermögen von über 5 Milliarden Kubikmeter, so daß selbst die größten Wassermengen zu Zeiten ungewöhnlich großer Schneeschmelze unschädlich dorthin abgeleitet werden können.
Almirante Cordero ist heute nichts als eine Barackenstadt für die am Bau beschäftigten Ingenieure und Arbeiter. Der Anblick ist aber wesentlich anders als der sonst übliche. Man hat gleich zu Beginn der Arbeiten Bewässerungskanäle gezogen und Bäume gepflanzt, und heute liegen die Wellblechbaracken im Schatten eines dichten Haines hochstämmiger Pappeln.
Es ist die Zeit des niedersten Wasserstandes, und doch ist es eine gewaltige Wasserflut, die durch die Schleusen in den unmittelbar vor dem Staudamm abbiegenden Hauptkanal strömt, genug, um Zehntausende von Hektaren zu bewässern. Wenige hundert Meter flußaufwärts zweigt ein breites steiniges Bett ab, das einen natürlichen Ablauf zur Cuenca Vidal bildet. Man ist augenblicklich noch dabei, das Bett zu vertiefen. Zwischen dieser Linie und dem Kanal ist ein Streifen Kulturland von Pappelreihen eingefaßt, und es breiten sich frischer grüner Rasen und blühende Gärten. Inmitten der sonstigen Steinwüste wirkt dies alles fast phantastisch, um so mehr als der Übergang zwischen Fruchtbarkeit und Dürre nicht allmählich erfolgt, sondern plötzlich, wie mit der Meßschnur gezogen.
Der Rio Negro fließt dicht am Südrande des Tals entlang, teilweise fast am Fuße der Steilwände des patagonischen Hochlandes. Im Gegensatz dazu wird der Kanal am Nordrand des Tales entlang geführt. Mittels eines Systems von Nebenkanälen, die das Tal durchqueren, soll das ganze Gebiet mit Wasser versorgt werden. Bisher sind aber nur die ersten Zonen mit den Kolonien Picasso und Luzinda unter Kultur genommen. Trotzdem an dem Kanal seit vielen Jahren gebaut wird und mehr als 12 Millionen Peso dafür ausgegeben sind, schiebt sich die endliche Fertigstellung von Jahr zu Jahr hinaus, so daß die Bewässerung der größten Kolonie, General Roca, noch immer durch den alten Genossenschaftskanal erfolgt, während die weiter flußabwärts liegenden Gebiete einstweilen vergeblich auf Wasser warten.
Die Bewässerung erfolgt in der Weise, daß von Nebenkanälen, den „Secundarios“, durch immer weitere Verzweigungen das Wasser bis zu jeder einzelnen Chacra geleitet wird. Hier hat der Besitzer durch ein System von Gräben, den „Acequias“, selbst für die Verteilung des Wassers zu sorgen. Vorbedingung für die Bewässerung ist die vollkommene Planierung des Geländes. Darauf wird jeder einzelne von Acequias umrahmte Abschnitt oder Potrero durch niedrige Dämme in Streifen von 20 Meter Breite eingeteilt. Diese Streifen können nacheinander je nach Bedarf unter Wasser gesetzt werden, indem man die Acequias staut und den Damm an der gewünschten Stelle durchsticht.
Die Schwierigkeit liegt darin, dem Boden die richtige Wassermenge zuzuführen. Vielfach hat sich durch ein Zuviel der Grundwasserspiegel in bedenklicher Weise gehoben. Aus solcher Überwässerung mag auch der allzu große Wassergehalt herrühren und der dadurch bewirkte fade Geschmack, den man da und dort dem Obst vom Rio Negro vorwirft. An einzelnen Stellen sind die Folgen noch schwerer, und eine unachtsame, allzu reichliche Bewässerung hat zu einer vollkommenen Verschlammung des Bodens geführt, die stellenweise so weit geht, daß man beim Passieren zu versinken droht.
Vor einem solchen versumpften Feld mögen einen Bedenken beschleichen, daß sich die Natur doch nicht ungestraft ins Handwerk pfuschen läßt. Allein es sind Fehler, die in der Anlage liegen. Jedes Bewässerungssystem erfordert die gleichzeitige Anlage von Entwässerungskanälen; bei dem neuen Regierungskanal hat man dies vorgesehen und auch ein Entwässerungssystem gebaut.
Der Eindruck, den das Bewässerungsgebiet macht, ist trotz der technischen Unzulänglichkeit größer als der jedes andern technischen Werkes. Denn hier greift der Mensch wirksam und erfolgreich in den Lauf der Natur ein. Er gibt dem Lande nicht nur Wasser, wann er will, sondern mit der Bewässerung des Tales ändert sich auch das Klima, und mit diesem und infolge der vom übrigen Argentinien von Grund aus abweichenden Lebensbedingungen ändert sich wohl auch der Charakter der hier aufwachsenden Menschen. Die schwüle Hitze, die andere Teile Argentiniens so unerträglich macht, fehlt hier völlig. Die Nächte sind auch im Sommer frisch, die Winter kalt. Statt der extensiven Wirtschaft im übrigen Argentinien herrscht hier intensiver Betrieb. Das Leben hat hier etwas von der Enge, aber auch von der Behaglichkeit des alten Deutschland. Ein bitterer Wermutstropfen nur: trotz der Bemühungen einzelner Deutschargentinier, wie Theodor Alemanns, war es vor dem Kriege nicht möglich, Interesse für diesen Landstrich zu gewinnen, der wie kein anderer für deutsche Einwanderung geeignet gewesen wäre. Heute ist das Land fast durchweg in festen Händen und teuer, so daß deutsche Einwanderer nur gestützt auf eine kapitalkräftige Kolonisationsgesellschaft hier die Ansiedelung wagen könnten.
18. Ritt durch Neuquen.
Am Neuquenfluß.
Der Zug fährt durch eine Wand von Staub. Mehr als die schwarzen Schleier, die die unendliche Nacht vor die Kupeefenster zieht, sind es die Staubmassen, die jeden Ausblick hemmen. Wie inmitten einer Sandhose fährt der Zug.
Resigniert gibt man den Versuch auf, durch die blinden Scheiben den Charakter der Landschaft zu erspähen, und läßt auch noch die hölzernen Rolläden herab, um dem Staub den Eintritt in den Wagen zu wehren.
Umsonst. Durch die feinsten Ritzen dringt er ein. Fingerdick setzt er sich auf Polster und Lehne, auf Koffer und Kleider. Von Zeit zu Zeit macht ein Bediensteter der Bahn den Versuch, mit einem Wedel den Staub aufzuwischen. Es ist hoffnungslos. Der Zug ertrinkt im Staub.
Wie sagte der Herr in Bahia Blanca, als er von meiner Reise durch Neuquen hörte?
„Was, in diese Wüste wollen Sie?“
„Waren Sie denn schon einmal dort?“ war meine Gegenfrage.
„Nein, aber das weiß man doch!“
Das weiß man doch! Ich frage etwas unter meinen Bekannten in Bahia Blanca herum, wer Neuquen oder auch nur Rio Negro kenne. Das Resultat war nicht anders als in Buenos Aires. -- Kaum einer. Seltsam, da handeln die Geschäftsherren mit den ~Frutos del pais~, mit Getreide und Alfalfa, mit Wolle und Häuten, aber sie haben kein Interesse daran, das Land kennenzulernen, aus dem sie das beziehen, womit sie sich ein Vermögen machen.
Und so bilden sich Urteile nicht aus eigener Anschauung, sondern gleichsam auf überkommenen Konventionen ruhend, die man nachspricht, ohne sie nachzuprüfen. „Patagonien -- nur für Schafzucht geeignet“, „Regierungsland -- wertlos“, „Neuquen -- eine Wüste“.
Stimmt das Urteil? Auf den Stationen sieht man im schwachen Licht der Sterne kaum eine Bretterbude, einen Windmotor und Wassertank, dahinter nichts als zampabestandene Wüste. -- Ich gehe ins Schlafkupee. Auch hier der Staub. Noch in den Traum folgt er und liegt beim Aufwachen trocken im Gaumen und knirscht zwischen den Zähnen.
Die Stationen sind spärlich geworden. Stundenlang fährt der Zug von einer zur andern. Und nicht einmal für die wenigen fanden sich Namen, einfach Kilometer soundso.
Sand, Zampa, Tosca, dorniges Buschwerk, bestenfalls am Horizont ein paar Hügel und leicht sich wellende Berge.
Um neun Uhr sind wir in Ramon M. Castro, der letzten Station vor Zapala, von wo die Reise zu Pferd weitergehen soll.
Wie ging uns als Knabe das Herz auf, wenn wir von Wild West lasen. Heute kann man die Vereinigten Staaten von Ost nach West, von Nord nach Süd durchfahren, man wird von Wild-West-Romantik nichts mehr sehen. In Argentinien gibt es sie noch, keine 40 Bahnstunden von der Hauptstadt entfernt: Städte, die heute aus ein paar Wellblechbaracken bestehen und deren Entwicklung niemand ahnen kann. Unbegrenzte Möglichkeiten für den Zähen, Zielbewußten, und königliche, schrankenlose Freiheit in unbegrenzter Weite.
Die Häuser, aus denen Ramon M. Castro besteht, lassen sich leicht an zwei Händen zählen: Außer der Station drei Almacene, ein Franzose, ein Spanier, ein Pole, eine Fonda, die ein Italiener bewirtschaftet, die Bretterbude der Polizeistation und einige Lehmranchos. Halt, da ist noch ein stattliches, zweistöckiges Gebäude, ein Ziegelbau mit Wellblechdach -- die Schule. Man frägt erstaunt, für wen. Alle Achtung vor einem Land, das in seinen abgelegensten, menschenärmsten Teilen noch solche Schulen baut.
Diese armselige Kampstadt inmitten trostlos heißer Sandwüste ist für eine weite Umgebung Kultur- und Wirtschaftszentrum. Hierher verkaufen die wenigen an dem Flusse sitzenden Estancieros wie die auf dem Regierungsland nomadisierenden Indios ihr Vieh und ihre Felle. Hier können sie in den Läden alles einkaufen, was sie brauchen, und in der Kneipe können sie spielen und sich betrinken. Kehrt man nach tagelangen Ritten in einsamer Wüste und Steppe nach Ramon zurück, so ist es nicht anders als die Rückkehr aus der Provinz nach Buenos Aires.
Einstweilen aber kann man es nicht fassen, wie Menschen es in diesem heißen, sandigen Kessel aushalten. Kein Grün, weder Busch noch Baum. Nur an der Bahn das Gärtchen des Stationsvorstands, das, von dem Tank der Südbahn aus mit Wasser versorgt, mit frischem Grün prangt: Tomaten, Kohl, Pfirsiche, Äpfel, Birnen.
Sonst kommt alles, was diese Kampstadt zum Leben braucht, mit der Bahn. Die Preise sind höher als in Buenos Aires. Früchte, die man nur wenige Bahnstunden weit in Roca zu anderthalb Peso das Hundert kaufen kann, verkauft der Italiener mit 10 Cent das Stück. Gebrauchsgegenstände, Stoffe, Kleider, Küchengerät, Messer usw. verkaufen die Almaceneros mit hundert, zweihundert, ja sogar dreihundert Prozent Aufschlag. Oft spielt sich das Geschäft in der Weise ab, daß die Indios den Erlös für Vieh, Felle oder Wolle in einem Tag vertrinken, die Ware auf Kredit nehmen und wieder ohne einen Cent bares Geld auf ihre einsamen Ranchos zurückkehren.
Wir warten die größte Mittagshitze ab, ehe wir abreiten. Mäntel und Decken -- denn die Nächte sind kalt -- und ein wenig Wäsche ist alles, was mitkommt.
Ein breites flaches Tal zwischen sanften Hängen zieht sich nach Norden. Wir reiten Stunden und Stunden. In großen Abständen kündet eine weidende Tropilla Pferde oder eine Schaf- und Ziegenherde einen Puesto, eine kleine Ansiedlung von Indianern.
Ein ganz ärmlicher Rancho, ein Brunnen, um den Kürbisse wuchern, und allenfalls noch ein Corral, mit mühsam zusammengesuchtem Gestrüpp kunstlos eingehegt, das ist alles. Auf engstem Raum hausen unter dem niedrigen Lehmdach oft mehrere Männer und Frauen und ein Dutzend Kinder. Wir steigen ab und bitten um Wasser. Mit argentinischer Höflichkeit wird es gereicht, aber als wir photographieren wollen, gibt es fast eine böse Szene. Die Señora fürchtet sich vor dem Apparat; vielleicht glaubt sie sich auch nicht schön genug angezogen. Wir müssen ohne Aufnahme weiter.
Von den Hufen unserer galoppierenden Pferde weht der Staub in langen Fahnen. So geht es Stunde um Stunde, kaum mit kurzen Schritteinlagen. Es sind billige eingeborene Tiere, klein und unansehnlich; aber fabelhaft ist, was sie leisten. Sicher wird durch Mischung mit europäischem Blut der einheimische Schlag größer und ansehnlicher. Allein geht das nicht auf Kosten von Zähigkeit und Anspruchslosigkeit? Kein europäisches Pferd könnte bei diesem Futter auch nur entfernt ähnliches leisten.
Schon will es dämmern, als sich das Tal verengt. Felskulissen schieben sich vor. Über den Paßeinschnitt wechselt flüchtendes Wild -- Strauße. Scharf zeichnen sich für Augenblicke ihre Silhouetten am Horizont ab.
Die Pferde keuchen den steinigen Pfad empor. Auf der Höhe weitet sich der Blick. Den Horizont grenzen blaue Berge.
In wildem Farbentaumel stirbt der Tag. Soweit das Auge reicht, nicht Mensch noch Tier noch Anzeichen menschlicher Behausung. Ringsum grenzenlose Einsamkeit.
Der Galopp der Tiere, der müd und kurz geworden war, wird in der kühlen Nachtluft wieder raumgreifend. Schweigend galoppieren wir durch buschbestandene Steppe. Mensch wie Tier hasten dem Ziele zu.
Aus dem Grunde vor den horizontfernen Bergen, die sich jetzt wie eine schwarze Wand drohend vor uns aufbauen, kommt ein mattes Blinken wie von Silber, auf das schwaches Licht fällt -- der Fluß.
Ohne es zu wissen löst sich aus staubtrockener Kehle ein Schrei: Der Fluß, Wasser, Leben! Die Pferde rasen ohne Antrieb vorwärts.
Wie im Traum faßt das Auge die wechselnde Landschaft. Zwischen den blinkenden Kurven dunkle Flächen von Grün, Gras und Alfalfa, mehr geahnt als erkannt, Pappeln in Reihen aufmarschiert, die Schatten hoher Baumgruppen.
Inmitten der Wüste grünendes Leben, treibende Frucht.
Wir reiten zwischen Pappelreihen. Dahinter Weingärten, Obst, Früchte. Unter hohen Bäumen ein großes, weißes Haus, Schuppen, Ställe und ringsherum Gärten. Eine Oase in der Wüste nimmt uns auf.
Es ist kein anderer Boden, kein anderes Land als jenes, das wir durchritten haben, nur daß es der Zauberstab berührt hat, auf den das ganze Land wartet, um sich in ein Paradies zu wandeln -- die segenspendenden, lebenschenkenden Fluten künstlicher Bewässerung.
19. Zukunftsland.
Wo der Rio Cayunco in den Neuquen fließt, treten die Berge im weiten Umkreis zurück und bilden mit ihren steil abfallenden Wänden einen mächtigen Felskessel. Eingeschlossen von dem toten heißen Gestein aber, an den Ufern der Flüsse, fruchtbares Land, das nur des Wassers bedarf, um jede Frucht zu treiben.
Es ist ein eigen Ding um die Sonne, die hier von einem Himmel von unendlicher Bläue herunterbrennt und deren Hitze die steinernen Mauern vielfach widerstrahlen. In wenigen Tagen färbt sie Gesicht und Hände, den offenen Hals und die bloßen Arme über ein Indianerrot zu einem tiefen satten Braun.
Sicherlich steigt hier die Quecksilbersäule auf die gleiche Höhe wie in Buenos Aires, ja selbst auf die Höhe, die ich im Dezember und Januar im Norden der Provinz Santa Fé stöhnend erlebte. Aber es ist eine andere Hitze. Es scheint eine andere Sonne. Die Luft ist in diesem Lande, das keinen Regen kennt, von einer Trockenheit, Reinheit und Klarheit, daß die Hitze nur wie ein köstlicher, warmer Hauch empfunden wird. Dazu sind die Nächte wundervoll frisch, fast kalt.
Wer hat von diesem Klima Neuquens gehört? Ich habe nur von unerträglichen Staubstürmen gelesen, und es bedarf wohl geraumer Zeit, bis man sich klar wird, daß dieses Wohlgefühl des Körpers von einem Klima herrührt, das dem Ägyptens ähnelt.