Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 5

Chapter 53,495 wordsPublic domain

Infolge dieses intensiven Betriebes sind die Landpreise außerordentlich hoch. Eine alte Konzession von 33 Hektar kostet 12-14000 Peso. So kommt diese Gegend für Einwanderer nicht in Frage, höchstens um zu lernen, oder allenfalls als Pächter.

Einer der Kolonisten zeigt mir eine seiner Chacras, eine halbe Autostunde vom Ort. Die fünf Konzessionen, die sie mißt, sind an einen Italiener, einen ehemaligen Österreicher, verpachtet. Er ist als Medianero auf halben Gewinnanteil gesetzt. Aus der Milch allein zieht er als seinen Anteil im Jahr 3000 Peso. Daneben hat er aber auch von einer halben Konzession 326 Zentner Mais geerntet.

Ein großer Obst- und Blumengarten umprangt das Haus. Kaum eine Fruchtart fehlt da: Pfirsiche, Aprikosen, Äpfel und Birnen, von denen man im allgemeinen behauptet, daß sie hier nicht kämen, Quitten, Orangen, Mandarinen, Pflaumen, Feigen und selbst Dattelpalmen. Die meisten Bäume, die dicht voll Früchte hängen, sind 30 bis 40 Jahre alt, aber in einem Teil des Gartens steht auch eine Hecke dünner, doch immerhin übermannshoher Stämmchen. Sie ist aus Pfirsichkernen entsprossen, die im vorigen Jahr in den Boden gelegt, und an einem und dem andern der ein Jahr alten schmucken Bäumchen hängt bereits seidenweich und rund ein großer Pfirsich. Wäre nicht die Heuschreckenplage, das Land wäre das Paradies!

Auf der andern Seite ist der Corral, in den die Kühe zum Melken getrieben werden. Er ist besser eingerichtet und sauberer als die Tambos der Estancien. Die eine Seite nimmt eine offene Halle ein, in der die Kühe bei schlechtem Wetter gemolken werden. Weiterhin ist eine Einzäunung für Schweine, und gackernd laufen über den Hof Hunderte von Hühnern, bei dem billigen Futter und den hohen Eierpreisen -- hier draußen 50 Centavos das Dutzend -- sicher kein schlechtes Geschäft.

Es ist ein sonderbares Gefühl, das mich hier beschleicht. Hier ist Heimat und doch Fremde. Wie eine Figur aus dem „Lederstrumpf“ steht der alte Pionier mir dem wallenden weißen Bart auf seinem Grund. Er hat ein Leben hinter sich, wie wir es nur aus Geschichten kennen, aber er hat reiche Ernte eingebracht.

Ist dies heute noch möglich? Gibt es noch Teile in der Republik, in denen es der Fremde zu gleichem Glück und Wohlstand bringen kann wie jene Deutschen vor zwei Menschenaltern in Santa Fé? Der Gedanke beschäftigt mich, während wir im Auto zurücksausen durch die Abendlandschaft, die ganz von Goldstaub flimmert. Die Heuschrecken, die vom Wege aufschwirren, prallen gegen den Wagen. Eine ägyptische Plage, und trotzdem das blühende Land! Galt ihretwegen vielleicht einst Santa Fé für ebenso aussichtslos für Kolonisation, wie man es heute wegen Klima, Trockenheit und Wassermangel von den noch unerschlossenen Teilen der Republik wähnt? Jede Mühe und Fährlichkeit scheint es wert, mitzuhelfen, Raum und Brot für hungernde Menschheit zu schaffen.

10. Heißes Land.

Auf dem Paraná.

In den Straßen von Santa Fé stand die Glut, körperlich, sichtbar. Man schritt durch sie hindurch, wie durch greifbare Masse, und am Fuß der Häuser fehlte auch die kleinste Spur von Schatten.

Die Hitze stand über allem in der Stadt. Über allem, was man tat und sprach; es war, als sei alles gelähmt, belastet, betäubt von diesem schwülen, feuchten Hauch, der bis auf den letzten Tropfen alle Feuchtigkeit aus dem Körper zu pressen suchte. Und diese Schwüle sprach wohl auch aus den Worten des deutschen Lehrers, der davon renommierte, wie anders sie, die Auslandsdeutschen, den Krieg beendet hätten, wenn sie nur drüben gewesen wären, und wieviel mehr sie im Ausland gelitten als jene in der Heimat, denen es im Grunde an nichts gefehlt habe.

Die Nacht brachte keine Kühlung. Die Luft stand im Zimmer wie ein heißes Ölbad. Sobald man sich niederlegte, fiel die feuchtschwere Luft als drückende Hitzelast auf die Brust. Wieder aufgestanden und zu entrinnen versucht. Umsonst. Wie hineingegossen blieb der Körper in der stickigen Schwüle.

Nervenaufreizend summten die Moskitos, die immer wieder ihren Weg durch die Netze fanden. Nur wenn man den schweren starken Ventilator dicht ans Bett rückte, konnte man sich für Augenblicke das Gefühl der Kühlung vortäuschen.

Endlich brach das Unwetter los, das die Luft mit so überreicher Feuchtigkeit gesättigt hatte. Strömend floß, rann, stürzte das Wasser vom Himmel. Draußen rieselte und planschte es. Durch das Badezimmer trat ich aus dem unerträglich heißen Raum ins Freie. Die Hoffnung auf Kühlung trog. Auch hier war es nicht anders wie im Treibhaus. Schlaflos verging die Nacht.

Am frühen Morgen fuhren wir im kleinen Dampfboot über den Strom, über den Paraná. Wie eine Vision, phantastisch schwül, blieb die Stadt zurück. Vorbei an ärmlichen Häusern und Hütten, den Vorstädten Santa Fés, menschlichen Wohnstätten, die nur aus vier Pfählen und einem Schilfdach bestanden. Überdies war der Strom jetzt über seine Ufer getreten und hatte die armen, halbnackten Bewohner aus ihren armseligen Behausungen gejagt. Wie seltsame Fahrzeuge schwammen die Schilfdächer auf der gelben, trüben Flut.

Am jenseitigen Ufer baut sich die Stadt Paraná auf steilem Steinhang mit Türmen und Kuppeln auf. Dahinter ziehen sich die welligen Hügel der Provinz Entre Rios in unabsehbaren Reihen zum Horizont, nach der grenzenlos ebenen Eintönigkeit der Pampa ein überraschendes Bild.

Die steigende Sonne bringt die Glut des vergangenen Tages wieder. Wie eine Erlösung begrüßt man am Horizont, im Zollhaus auf den Koffern sitzend, den wie ein stockhohes Haus mit schaumaufwirbelnden Schaufelrädern rasch näherkommenden Mihanovichdampfer.

Kühle Kabinen, geräumige Salons und der fächelnde Lufthauch der raschen Talfahrt. Die Hitze der vergangenen Tage versinkt wie böser Traum.

Aber über dem ganzen Schiff liegt es wie ein Hauch tropischer Fremdheit. Es kommt den Paraná herunter von Asuncion, und Paraguayaner stellen den größten Teil der Passagiere. Gelbe bis dunkelbraune Gestalten mit tiefschwarzem Haar, und Frauen von seltsam fremdartiger Schönheit. Den Farmer mit der Pergamenthaut im saloppen Leinenanzug mit dem offenen Hemd ohne Kragen begleitet das junge Mädchen in schwarzer Seide, augenscheinlich seine Compañera, die in Paraguay in der Regel an Stelle der Gattin das Leben des Mannes teilt.

Alle, die auf diesem Schiff vom Norden herunterkommen, tragen irgendwie das Merkmal der Hitze. Irgendwie hat sie die blendende, glühende Sonne gezeichnet. Das gilt von dem zarten, träumerischen, berückend schönen Mädchen -- fast ist es noch ein Kind -- mit der pfirsichweichen mattbraunen Haut ebenso wie von jenen unförmig in die Breite gegangenen Frauen mit dem merkwürdig stechenden, heimtückischen Blick, deren ganzes Wesen Nichtstun, Lässigkeit, Schwelgen in erotischen Träumen kennzeichnet, während der Körper Tag für Tag untätig in Hängematten und auf Pfühlen liegt. Und sie zeichnete auch jene deutsche Frau, die mißmutig, gequält, verärgert mit dem geschwollenen, entzündeten Fuß, in den der Sandfloh seine Eier gelegt hatte, nach jahrelangem Aufenthalt im Norden, enttäuscht und verbittert, verblüht zurückkehrt.

Die Nacht im Liegestuhl auf dem kühl umhauchten Deck ist ein unerwartet geschenkter Ruhepunkt zwischen dem qualvoll heißen Santa Fé und Buenos Aires, das um diese Zeit auch nichts anderes ist als ein Glutofen, von dem die Zeitungen Temperaturen bis zu 40 Grad und täglich Todesfälle infolge Hitzschlag melden.

Ich muß an alle die Kolonisationsprojekte denken, die wir auf der Estancia durchgesprochen, von der Besiedlung des Chaco, von Misiones, Formosa und Paraguay. Kenner meinten, die Temperaturen seien dort auch nicht schlimmer, in gewisser Hinsicht sogar erträglicher als in Santa Fé oder Buenos Aires. Mag sein, wenn es auch wenig wahrscheinlich klingt. In jedem Fall ist diese erste große Hitzewelle, die den frisch aus Europa Kommenden nach so kurzem Aufenthalt überfällt, eine Warnung, ein Menetekel, nicht unvorsichtig, nicht ohne sorgfältige Prüfung jene Zonen aufzusuchen, in denen die Sonne als allmächtige, unumschränkte Herrin mit glühender Peitsche herrscht.

11. Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der Argentinischen Republik.

Buenos Aires.

Im Hafen lag noch die beflaggte „Argentina“, der erste deutsche Passagierdampfer, der seit Kriegsausbruch in den La Plata eingelaufen war; die Sirenen, die zu ihrem Willkommen über die Docks gegellt, waren noch kaum verhallt. Es war ein starker Sympathiebeweis für Deutschland gewesen, und auch jene Zeitungen, die während des Krieges auf Deutschland nicht genug Schmähungen hatten häufen können, hatten freundliche Worte gefunden.

Die Casa Rosada, der Regierungspalast, flimmerte in der Sonne. Die rosaroten Wände glühten wie von innen erleuchtet. Hier war man immer deutschfreundlich und entschlossen, den Krieg zu vermeiden. Auch in jenen schweren Tagen, als das Ungeschick des deutschen Gesandten es dem argentinischen Präsidenten fast unmöglich machte, seine Neutralitätspolitik fortzusetzen. Damals stand Irigoyen fast allein gegen Volk, Presse und Parlament. Er schaffte es; der ungeheure Wille des einen Mannes siegte.

Verständlich, daß ich ihn sehen und sprechen wollte. Es war nicht leicht; denn natürlich ist er überlaufen, und überdies ist er eine zurückgezogene Natur. Die deutsche Gesandtschaft hatte es sogar für vollkommen ausgeschlossen erklärt, diese Unterredung zustandezubringen, aber das „Argentinische Tageblatt“ machte sie sofort möglich. Kaum hatte es von meinem Wunsche gehört, so erhielt ich eine Einladung in das Präsidentenpalais.

Es war wirklich nicht ganz leicht, bis in das Innerste der Gemächer vorzudringen, und wir entgingen übermäßig langem Warten nur dadurch, daß uns ein Vertrauter durch den Eingang des Präsidenten und mittels des ihm vorbehaltenen Fahrstuhles unmittelbar in das Vorzimmer des Präsidenten geleitete.

Als wir bei Irigoyen eintraten, saß er an seinem Schreibtisch, den mächtigen, fast ungefüge wirkenden Kopf über Schriftstücke gebeugt, die ihm einer seiner Sekretäre reichte. Als er den Kopf hob, schaute man in ein durchdringend blickendes Auge, wie ich es vorher nur bei Thomas Alva Edison gesehen. Eine seltsame Mischung von Güte und unbeugsamem Willen lag in Gesicht und Erscheinung des Mannes, der, auf Gehalt, Wohnung im Palast sowie allen Luxus und Prunk verzichtend, in den einfachsten Verhältnissen lebt, der nur einen Gedanken kennt: sein Land, und der keinen Augenblick zögert, seinen Willen einer Welt entgegenzusetzen.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, als er jetzt auf uns zuging und uns in der natürlich höflichen und herzlichen Art des Südamerikaners begrüßte, dem republikanisches Empfinden und demokratische Form seit Generationen angeboren ist.

Man braucht nicht sehr lange mit Irigoyen zu plaudern, um dem faszinierenden Zauber zu unterliegen, den diese starke Persönlichkeit ausstrahlt, und man versteht ebensosehr die fanatisierende Wirkung, die er auf die Massen ausstrahlt, wie die innerliche Überredungskunst, die schon oft genug aus erbitterten Gegnern ergebene Freunde machte.

Was an dem Präsidenten der Argentinischen Republik am stärksten wirkt, ist die gerade Offenheit, mit der er seine Gedanken äußert und seine Ideen vertritt. Es zeigte sich dies ganz besonders, als wir auf die argentinische Völkerbundpolitik zu sprechen kamen. Man hatte gerade in deutsch-argentinischen Kreisen die Meinung geäußert, daß Deutschland mit seinen Sympathiekundgebungen gegenüber Argentiniens Haltung auf dem Völkerbundkongreß in Genf zurückhalten solle, da ein allzu großes Maß von Zustimmung und Sympathie Argentiniens Stellung gegenüber den Alliierten erschweren müsse.

Ich äußerte diese Bedenken, aber Irigoyen schüttelte nur den Kopf: „Unsere Haltung in Genf“, sagte er, „wie auch unsere Neutralitätspolitik während des Krieges war lediglich bestimmt durch unsere Interessen als souveräner Staat, durch unsere Auffassung von einer wirklich gerechten, völkerversöhnenden Politik, sowie durch unsere Sympathien gegenüber Deutschland. Was Dritte dazu meinen sollten, ist uns völlig gleichgültig und kann in keiner Weise unsere Entschlüsse oder unsere Politik beeinflussen.“

Im weitern Verlauf des Gespräches entwickelte Irigoyen seine Ideen über einen wirklichen Völkerbund. Und der sonst so ruhige abgeklärte Mann ereiferte sich dabei.

„~Que esperanza!~“ -- rief er aus, „welche Idee, ein Völkerbund, dem nicht alle Staaten angehören! Wie soll ein solcher Staat den Frieden garantieren können?“

Und er sprach im Anschluß daran von seinen Sympathien für Deutschland, für das deutsche Volk, und welche Erwartungen er in die deutsche Zukunft setze.

Von seiten jener ultrareaktionären extrem monarchistischen Auslandsdeutschen wird immer wieder betont, wie sehr Deutschland durch die „Schmach“ seiner Niederlage und der Revolution in der Achtung des Auslandes gesunken. Und da auch Irigoyen von diesen Kreisen gerne als Kronzeuge angeführt wird, ergab es sich von selbst, daß das Gespräch auch diesen Punkt berührte.

„Unsere Sympathie“, meinte der Präsident, „gilt in erster Linie dem tüchtigen und arbeitsamen deutschen Volk. Ohne Rücksicht auf seine Regierungsform. Aber selbstverständlich ist es, daß wir als Republikaner für eine deutsche Republik doppelte Sympathien empfinden. Im Kriege muß schließlich immer einer verlieren, und die Niederlage kann die Bewunderung für das, was Deutschland geleistet, nicht verringern. Statt an Sympathien zu verlieren, hat das deutsche Volk durch die Revolution nur gewonnen, und zwar durch die Tatsache, daß es aus einem derartigen weltgeschichtlichen Zusammenbruch sich aus Anarchie in die Bahnen einer neuen ruhigen Entwicklung hinaufarbeitete.“

„Selbstverständlich ist es,“ fügte Irigoyen hinzu, „daß die Spuren eines derartigen Umwandlungsprozesses noch nicht verwischt sind und daß man noch mit einem Dezennium wird rechnen müssen, ehe die deutsche Republik sich völlig konsolidiert hat. Aber ich habe keinen Zweifel daran, daß Deutschland sich zu einem großen demokratischen Gemeinwesen entwickeln wird, in ähnlicher Weise wie die Vereinigten Staaten.“

Wir sprachen noch lange über den Krieg, die Revolution, die Blockade und den Hunger und das Elend, die in ihrem Gefolge einherzogen. Auch über Versailles und die Wirkungen, die eine Politik heraufbeschwören muß, die ein Volk durch unerfüllbare Forderungen zur Verzweiflung treibt. Das Gesicht Irigoyens war sehr ernst, sehr nachdenklich, als ich von den Konsequenzen sprach, die die Geschehnisse in Europa auch für die südamerikanischen Republiken haben müßten.

Es war spät geworden. Durch die weit offenstehenden Fenster sah man, wie die lehmgelben Wasser des La Plata sich rot zu färben begannen. Es sah aus, als spüle der Ozean von Osten her Blut an den Strand.

Ich stand auf; es war Zeit zu gehen. Mehr als Phrase war es, als ich Irigoyen zum Abschied sagte, daß die Unterredung mit ihm mein stärkster Eindruck in Südamerika gewesen. „Sie kennen ja jetzt den Weg zu mir,“ sagte er zum Abschied, „sobald Sie wieder nach Buenos Aires kommen, vergessen Sie nicht mich wieder aufzusuchen.“

Man ist außerordentlich höflich in Südamerika. So höflich, daß man keineswegs jedes Wort, das im Verlauf eines Gespräches fällt, als bare Münze nehmen darf. Aber von dem, was Irigoyen über seine Politik und über Deutschland sagte, blieb nachhaltig das starke Gefühl, daß hier ein Mann gesprochen, der unbedingt und unbeugsam zu seinen Worten und Entschlüssen steht.

12. Nach Patagonien.

Bahia Blanca.

Von der Station Constitucion, dem Bahnhof der Südbahn in Buenos Aires, aus dessen bretterbudenartiger Halle sonst die Ausflüglerzüge nach Quilmes und die eleganten Badezüge nach Mar del Plata laufen, fährt zweimal in der Woche der Neuquenzug, der bis nach Zapala an den Fuß der Kordillere führt. Die Rio-Negro-Neuquen-Bahn ist die nördlichste der vier Stichbahnen, die vom Atlantischen Ozean aus nach Patagonien hineinführen, gleichsam als ein schwacher Versuch, dieses ungeheure Gebiet zu erschließen.

Patagonien ist für den Europäer im allgemeinen ein Begriff, unter dem er sich nicht viel vorstellen kann. Bestenfalls hat er ein unklares Bild von Wüste und Steppe, von winddurchwehter, eisiger Hochfläche, auf der Indianer und Schafe ein kümmerliches Dasein fristen. Aber auch der Argentinier der zentralen Provinzen und des Nordens besitzt, soweit er nicht geschäftliche Verbindungen nach dort unten hat, kaum eine bessere Kenntnis dieses Teiles seiner Heimat, der sich über nicht weniger als 18 Breitengrade erstreckt. Die meisten, zu denen ich von meiner Absicht sprach, Patagonien zu bereisen, meinten erstaunt: „Was wollen Sie da? Das ist die reine Wüste, höchstens für Schafzucht geeignet. Im übrigen kommen Sie da bereits bald in den Winter.“ Allerdings wird in dieses Urteil das Rio-Negro-Gebiet nicht eingeschlossen, das zwar nominell zu Patagonien gehört, aber einen Begriff für sich bildet, da die klimatischen und infolge der künstlichen Bewässerung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse völlig andere sind als im mittleren und südlichen Patagonien.

Der Zug füllt sich. Estancieros und Chacreros, die nach kurzem Besuch in der Hauptstadt auf ihre Besitzungen zurückfahren, vor allem aber Kaufleute, Geschäftsreisende, Aufkäufer und Arbeiter, die zur Alfalfa- und Obsternte an den Rio Negro fahren. Vom Kupeefenster aus sieht man den Strom am Zug entlang streichen, und unter all den dunkelfarbigen, schwarzhaarigen tauchen mit einem Male ein paar blauäugige helle Blondköpfe auf. Junge Burschen in Lodenanzügen, die ihre Säcke schleppen. Auf den ersten Blick unverkennbar deutsche Offiziere, die mit Fahrkarten der Einwanderungsbehörde nach dem Süden fahren, um sich dort am Rio Negro oder in der Kordillere eine neue Existenz zu gründen.

Immer wieder stößt man auf das eine schwere Problem: da Frachtraum und mehr noch Valutanot es nicht ermöglicht, den gewaltigen Überschuß dieses Landes an Nahrungsmitteln dem hungernden Deutschland zuzuführen, sollte es da nicht gehen, all denen, die in Deutschland weder Brot noch Arbeit finden, hier eine neue Heimat zu schaffen?

Die Reise im Zwischendeck kostet beim heutigen Kurs 5000 Mark, der Aufenthalt in Buenos Aires selbst bei bescheidensten Ansprüchen 2-3000 Mark für den einzelnen. Es gehört also ein kleines Vermögen dazu, um nur herüberzukommen und hier mit nichts anfangen zu können. Und doch! -- Wenn sich hier nur Menschen fänden, die statt zu debattieren und zu verhandeln rasch und tatkräftig helfen wollten!

Drei Richtungen stehen sich in der Siedlungs- und Kolonisationsfrage gegenüber. Jene, die den Einwandererstrom nach dem subtropischen Norden, in den Chaco, nach Formosa und Misiones, lenken wollen, die andern, die nur auf die zentralen Provinzen schwören, auf Buenos Aires, Santa Fé, Cordoba, Entre Rios und allenfalls die Pampa, und schließlich jene, die nur den Süden gelten lassen.

Auf eine kurze scharfe, aber leider im allgemeinen zutreffende Formel gebracht, kann man sagen: Die Herren in Buenos Aires halten stets die Gegend für die geeignetste zur Kolonisation, in der sie Kampe liegen haben, die sie entweder anbringen wollen, oder für die sie durch intensivere Wirtschaft fleißiger Kolonisten Wertsteigerung erhoffen. Die zentralen Provinzen haben das eine für sich, daß der Einwanderer auf gutes Land und in Verhältnisse kommt, die den europäischen verhältnismäßig am ähnlichsten sind. Da hier jedoch der Hektar 300, 400, 500 und mehr Peso kostet, ist es mir unklar, woher die Mittel hierfür aufgebracht werden sollen.

Im Norden gibt es viel billiges und auch gutes Land. Aber ob deutsche Familien dort auf die Dauer die sehr hohen Temperaturen ertragen?

So bleibt zunächst nur der Süden.

Der Früchteaufkäufer, der mir gegenüber sitzt, schwärmt davon. Er kauft für eine Engrosfirma in Buenos Aires ein. Seine Pflücker sind schon unten; denn die Chacreros verkaufen die Ernte meist auf den Bäumen. Er zahlt für den Cajon, für die Kiste Pfirsiche, die etwa 180 bis 200 Stück faßt, zweieinhalb Peso. Mit Pflücklohn, Fracht und sonstigen Unkosten stellt sich der Cajon auf 6 Peso. Verkauft wird er im Großhandel für 12 bis 14 Peso. Und bis die Früchte an den Konsumenten kommen, kosten sie ein bis eineinhalb Peso das Dutzend. „~Muy lindo negocio~“ -- ein feines Geschäft --, meint schmunzelnd der Händler.

Draußen zieht erst unter klarem Sternenhimmel und dann bei grauendem Tag das Land vorbei. Noch öder, noch trostloser, noch flacher, wenn möglich. Stundenlang nur roher Kamp und der ewige Draht. Die Estancien müssen weit drinnen im Lande liegen. Kaum daß man ab und zu einen dunklen Schatten am Horizont sieht.

Erst hinter Pringles ändert sich das Bild. Sanft ansteigende Hügel, dann steile Felsen, tief eingeschnittene Flußtäler. Und gleichzeitig zwischen den Bergen grüne Gärten, Bäume -- man staunt, richtige Bäume --, die Sierra de la Ventana, die einer Oase gleich die ewig gleichförmige Landschaft unterbricht.

Aber nach wenigen Stationen werden die Hügel flacher und verlaufen sich schließlich wieder in der unendlichen Ebene, graubraun, öde und tot.

Mit einem Male steht mitten in der Ebene ein Schiff. Schornsteine, zwei Masten und unterhalb des schwarzen Rumpfes ein leuchtender roter Streifen. Unvergleichlich phantastisch sieht es aus, bis das Auge langsam erkennt, daß die Ebene am Horizont ohne erkennbare Grenzlinie in Schlick, Sumpf und schließlich offenes Wasser übergeht.

Schiff auf Schiff. Dann die unheimlichen Türme der Getreidesilos: Bahia Blanca, die Metropole des Südens!

13. Die Metropole des Südens.

Bahia Blanca.

Die Geschichte mancher Städte des Landes ist nicht anders als in der Union. Vor achtzig, neunzig Jahren noch ein Indianerfort, vor einem Menschenalter ein Dorf, heute eine blühende moderne Stadt. Als typisches Beispiel mag man Bahia Blanca nehmen, aber auch dafür, wie sehr die Kurve des Erfolges in diesem Lande nicht nur für den einzelnen, sondern auch für ganze Gemeinwesen auf und ab geht, und wie auf übersteigerte Hoffnungen und Erwartungen empfindliche Rückschläge folgen.

Wenn man die Lage Bahia Blancas auf der Karte ansieht, drängt sich der Gedanke auf, daß diese Stadt, an einem natürlichen Hafen gelegen, der gegebene Mittelpunkt des Südens der Republik werden müsse. Orientiert man sich aber näher, so muß man wie überall die verschiedensten Urteile hören, die wie in allen Fragen von den größten Erwartungen bis zu dem pessimistischsten Urteil variieren, daß Bahia Blanca keine Zukunft habe und der Höhepunkt seiner Entwicklung bereits überschritten sei.

Es ist nicht leicht, sich in dem Widerstreit der Meinungen ein eigenes Urteil zu bilden. Sicher ist, daß das Übergewicht von Buenos Aires wie auf der Entwicklung jeder argentinischen Stadt auch auf der von Bahia Blanca lastet. Eine Möglichkeit, dieses Übergewicht wenigstens in etwas zu paralysieren, schien gegeben, als die Regierung der Provinz Buenos Aires aus der gleichnamigen Landeshauptstadt hinausverlegt werden sollte, um die bisherige Reibung zwischen den Verwaltungen der Provinz und des Landes zu verringern. Damals wäre Bahia Blanca die gegebene Hauptstadt der Provinz Buenos Aires gewesen. Allein den Politikern schien die Stadt wohl zu langweilig und abgelegen, und so entschloß man sich, in „La Plata“ in nächster Nähe der Metropole Buenos Aires aus dem Nichts eine Provinzhauptstadt zu schaffen, die trotz der großen Gelder, die man an sie wandte, doch nie etwas anderes werden kann als eine Vorstadt der Landeshauptstadt, und die südliche Metropole mit ihren völlig anderen Verhältnissen und Bedürfnissen wird nach wie vor vom Norden aus regiert.