Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 4
Kein anderes Land läßt sich auf solch kurze, einfache Formel bringen wie die Republik zwischen dem La Plata und den Kordilleren: Argentinien ist sein Vieh und sein Korn.
Allerdings galt diese Formel nicht immer, wie sie auch für die Zukunft kaum Geltung behalten wird. Man denke, vor ein bis zwei Menschenaltern gab es in dem Viehland Argentinien nichts, was der heutigen Viehzucht gleichkam, und noch vor vierzig Jahren führte der heute größte Getreideexporteur der Welt für den eigenen Bedarf Weizen ein, und so wird auch der fortschreitende Übergang der argentinischen Landwirtschaft zum intensiven Landbau das zukünftige Bild ändern, ganz abgesehen von den industriellen Möglichkeiten, die die Ölquellen von Comodore Rivadavia, die Wasserfälle des Iguassu und die noch unerforschten Mineralschätze der Anden bergen mögen.
Vieh und Korn! Seit etwa anderthalb Jahrzehnten fing das Getreide an, in den Ausfuhrziffern in die Vorhand zu kommen. Allein trotzdem ist Argentinien noch auf lange Zeit in erster Linie ein viehzüchtendes und kein ackerbautreibendes Land, da die gesamte Struktur der landwirtschaftlichen Besitzverhältnisse durchaus auf der Viehzucht beruht und den Ackerbau, wenigstens was die großen Estancien anbetrifft, gleichsam nur als einen landwirtschaftlichen Nebenbetrieb erscheinen läßt.
Die großen Estancien umfassen den weitaus besten und bedeutendsten Teil des anbaufähigen Landes. Von dem Willen ihrer Besitzer, der Estancieros, hängt es ab, ob und zu welchen Bedingungen Land zu Kolonisationszwecken verfügbar wird und in welcher Weise sich die argentinische Landwirtschaft entwickelt.
Ihre Grundlage sind eine unbegrenzte und schier unendliche Weidefläche, eine Fläche Land, die Deutschland, England, Frankreich und Italien an Ausdehnung übertrifft, und -- die acht Kühe und der eine Stier, die die Spanier im Jahre 1553 hierher brachten. Heute ziehen nicht mehr riesige Herden, von halbwilden Hirten, den Gauchos, getrieben, in wochen- und monatelanger Wanderung auf der Suche nach frischer Weide über die Pampa, die Steppe, das Vieh wird in kleinen Herden in Potreros gehalten und über jedes einzelne Stück genau Buch geführt. Aber dem eingeborenen Volkselement, das von der Viehwirtschaft lebt, Herr und Knecht, haftet noch immer die ritterliche Großzügigkeit des Nomaden an, der ohne schwere körperliche Arbeit von dem natürlichen Überfluß seiner Herde lebt.
Ohne Dung und Pflege erneuert das jungfräuliche Land seine Säfte. Auf ihm wächst und vermischt sich das Vieh, ungehütet Sommer und Winter im Freien. Selbst die Mühe des Melkens und der Butterbereitung ist den meisten der Besitzer zu groß. Sie erübrigt sich auch, da der Gewinn ohnehin überreichlich ist und der Besitzer sich damit begnügen kann, das schlachtreife Vieh, einerlei ob Ochsen oder Kühe, an die Frigorificos, die Schlacht- und Kühlhäuser, zu verkaufen.
Dies ist das Bild der argentinischen Viehwirtschaft von heute. Es wird nicht das von morgen sein; denn schon sind die Anzeichen einer weitgehenden Intensivierung überall zu sehen. Von zwei Seiten geht sie aus: einmal von den Cabañas, jenen Estancien, in denen hochwertige Rassen zu Zuchtzwecken gezogen werden und in denen man das Vieh in modernen Stallanlagen hält, und dann von jenen Estancien, in denen weitsichtigere, energischere oder auch nur ökonomischer denkende Unternehmer (meistens Ausländer) zu Milchwirtschaft, Butter- und Käsebereitung und zu sonstiger landwirtschaftlicher Industrie übergegangen sind.
Aber einstweilen beruht noch die große Mehrzahl der Estancien auf der reinen Zucht von Schlachtvieh. Und auf großen Estancien kann es einem geschehen, daß man weder Butter noch Milch bekommt. --
Die Mittagssonne brennt auf das Land. Vor Hitze flimmert der Horizont, und in eiligem Galopp auf müden Pferden streben Capataze und Peone, die seit frühem Morgen unterwegs sind, der Estancia zu, der Schatteninsel im Sonnenmeer. Der dichte Hain von Eukalyptus und Paraiso wirkt wie ein Schutzdach vor der sengenden Sonne, die die Temperatur bis auf 40 Grad hinauftreibt. In ihm verstreut liegen das Haus des Mayordomo und das Wirtschaftsgebäude. Hier ruhen auch, mit Stricken an den Eukalyptusbäumen angebunden, die wertvollen Zuchtstiere, wahre Musterexemplare potenzierter Männlichkeit, die nur nachts zu den Kühen, die sie decken sollen, gelassen werden. Das Vieh draußen steht müde und apathisch um die Wasserbehälter, in die die klappernden Windräder Tag und Nacht frisches Wasser pumpen, oder es drängt sich, soweit Platz ist, in dichten Haufen im Schatten der wenigen Bäume, die als Alleen die zur Estancia führenden Wege einfassen, oder die an der Stelle einer ehemaligen Kolonistensiedelung blieben, als einziges Zeichen, daß hier einstmals ein Rancho stand.
Einst kannte dieses Land ja nicht einen einzigen Baum. Als die Spanier hierherkamen, gab es nichts als eine einzige unermeßliche Ebene, ein Meer von Steppe.
In all den Jahrhunderten, die seitdem verstrichen, sind keine Wälder gepflanzt worden. Nur um die Wohnhäuser der Estancieros setzte man einige Eukalyptus- und Paraisobäume, und es sind schon sehr moderne, gutgeleitete Estancien, in den systematisch Baumreihen und Buschgruppen als Sonnen- und Windschutz angelegt sind.
Statt Busch und Baum aber hat die fortschreitende Zivilisation der ehemals freien Pampa den Drahtzaun gebracht. Jenes Gesetz -- ich weiß nicht mehr, aus welchem Jahre --, das die Einzäunung jedes Besitzes forderte, wurde die Grundlage der heutigen argentinischen Viehwirtschaft. Es machte dem freien Umherschweifen der Herden und ihrer wahllosen Vermischung ein Ende und ermöglichte damit erst eine systematische Aufzucht von Rassevieh.
So segensreich dieses Gesetz auch war, ist es der Anlaß, daß das ganze Land mit Draht durchzogen wurde, und man kann schon von einer Manie des Einzäunens sprechen. So scheiden sich beispielsweise die Provinzen durch Draht voneinander, die Bahngesellschaften sind verpflichtet, ihre Linien durch Draht einzuhegen, und jeder einzelne Besitz ist, wie gesagt, durch Draht geteilt. Millionenwerte stecken in diesen Drahtzäunen; denn das Meter Drahtzaun stellt sich auf einen Peso, und nach Angabe der Zollbehörde sind in dreißig Jahren etwa eineinhalb Millionen Tonnen Stacheldraht eingeführt worden.
Aber die Abgrenzungen durch Draht in sogenannte „Potreros“ ermöglichen erst eine rationelle Weide und Mästung des Viehs und auch eine genaue Kenntnis des Standes der Herden. Eine Anzahl Potreros untersteht dem Capataz, einem Vorarbeiter. Jeden Tag muß er die Umzäunung abreiten, um zu sehen, ob die Drähte fest genug gespannt sind, und er kontrolliert, ob die Windräder laufen und in den Behältern genug Wasser ist, ob die Weiden ausreichen, oder ob man noch ein paar Stück Vieh mehr halten kann, und ob sich kein Unkraut ausbreitet, das frisch gekaufte Herden an ihren Hufen eingeschleppt haben können.
Die Normalweidepflanze ist die Alfalfa. An Stelle des ursprünglichen harten Steppengrases waren mit der Zeit weichere Grasarten getreten. Aber der gewaltige Aufschwung der argentinischen Viehzucht rührt von der Einführung der Alfalfa genannten Kleeart her. Während auf dem rohen Kamp bestenfalls ein Stück Großvieh auf zwei Hektar gerechnet werden kann, zählt man bei Alfalfaweide zwei bis vier Stück Vieh auf einen Hektar. Der ungeheuere Vorteil der Alfalfa liegt darin, daß ihre Wurzeln auf der Suche nach Wasser acht bis zehn Meter tief in den Boden hinabkriechen und dabei wasserundurchlässige Tonschichten durchdringen, so daß dieser Klee auf einem Boden gedeiht, auf dem sonst nichts wächst. Nur wegen der Anpflanzung von Alfalfa verpachtet, wie schon erwähnt, der Estanciero zeitweise Teile seines Kamps an Kolonisten, die nach Ablauf ihres Pachtvertrages den Boden mit Alfalfa bestellt zurückliefern müssen. Im allgemeinen kann man dann für ein Alfalfafeld zehn bis zwanzig Jahre rechnen, bis der Boden neu umbrochen werden muß.
Die Großzügigkeit des Estancieros und nicht minder die Lethargie des Kreolen sind es, die den bisherigen Charakter der argentinischen Landwirtschaft bestimmen. Man hat intensive Arbeit nicht nötig, und bei den geringen Anforderungen, die der Eingeborene sowohl wie der eingewanderte italienische Landarbeiter an Komfort und Lebenshaltung stellen, während der Estanciero den größten Teil des Jahres in der Hauptstadt verbringt, ist das Land, das ein Garten sein könnte, überwiegend noch Weide.
Kaum daß um die Estancia ein Pfirsichhain und ein paar Gemüsebeete angelegt sind. Aber trotzdem drängt die ganze Entwicklung argentinischer Landwirtschaft auf die Einführung intensiver Bewirtschaftung und gibt damit dem europäischen Einwanderer ganz andere Möglichkeiten in die Hand als heute. Waren ehemals die Felle das einzige, was der Estanciero von seiner Herde verwertete -- das Fleisch blieb liegen, ein Fraß für Geier und Jaguare --, so ist es heute das Fleisch, und morgen werden es ganz allgemein Milch und Butter sein und eine eingehende Nutzung landwirtschaftlicher Industrie jeder Art.
8. ~Sigue Vaca!~
Estancia „La Louisa“.
Seit Wochen regnet es nicht. Der Boden ist trocken wie Zunder. Auf den Pfosten der Potrerozäune sitzen in regelmäßigen Abständen graugepudert die Habichte. Von den Hufen des Pferdes weht der Staub gleich gewaltiger Rauchfahne nach rückwärts. Aber sie ist wie ein dürftiges Fähnchen gegenüber der riesigen Wolke, die über den Horizont zieht. Breit und massig steigt sie gen Himmel.
Es ist eine Herde frisch gekauften Viehs, die zur Verteilung in die Ensenada getrieben wird. Dort sollen die aus dem Norden kommenden Rinder nach ihrer Qualität in kleine Herden geteilt werden. Ist dies geschehen, so wartet ihrer noch Bad und Impfung. Dies und Kastrieren, Markieren und Schneiden der Hörner ist neben der täglichen Kontrolle des Viehs, der Zäune, Pumpen und Tanks die Arbeit der Capataze und Peone, der Viehhirten der Estancia.
Es ist Arbeit, die ihr Vorgänger, der Gaucho, nicht kannte; er hätte auch für die modernen Hilfsmittel der Ensenada nur ein verächtliches Lächeln gehabt. Er hatte nichts als sein Pferd und seinen Lasso. Wollte in früheren Zeiten ein Estanciero zwecks Zählung oder Verkaufs seine Herde zusammentreiben, so geschah es auf freiem Feld, höchstens daß ein Pfosten den Platz bezeichnete, an den sich das Vieh mit der Zeit gewöhnte, so daß es willig mitzog, wenn die Gauchos es in dieser Richtung trieben. Aber seine Trennung und Absonderung geschah nur durch lebendige Gassen von Pferden und Reitern, die es oft genug durchbrach. Zum Markieren oder Kastrieren aber mußte jedes einzelne Stück mit dem Lasso gefangen und geworfen werden.
Heute ist der Lasso, jedenfalls auf modernen Estancien in den zentralen Provinzen, mehr ein Dekorationsstück, das aus Tradition noch am Sattel hängt. Wenigstens erlebte ich es, als ich vom galoppierenden Pferd aus den Lasso versuchte und natürlich fehlwarf, daß auch der unterweisende Peon bei Pferd wie Kuh und Schaf keinen besseren Erfolg hatte.
Die Ensenada hat den Lasso überflüssig gemacht. Ein weiter Corral, ein festumzäunter Platz, in den das Vieh getrieben wird. Auf die erste Abteilung, den Vorhof gleichsam, folgt eine zweite, die sich trichterförmig verengt und schließlich in einen engen Schlauch ausläuft, in dem zwischen schrägen festen Wänden kaum ein Stück Vieh Platz hat. Durch Fallgatter und Türen kann man bequem, ohne Anstrengung und Gefahr, jedes einzelne Stück in verschiedene Unterabteilungen, die auf den Gang münden, leiten.
Mit dumpfem Brüllen hat sich inzwischen die wandelnde Staubwolke dem Eingangstor der Ensenada genähert. Der voranreitende Peon zieht an einem Strick eine klappernde Lata, eine große leere Blechbüchse, hinter sich her. Willig folgt ihm die Herde. Versuchen einige Ungebärdige rechts oder links auszubrechen, so treiben die begleitenden Peone mit lautem Geschrei und geschwungener Peitsche sie auf den Weg zurück.
Der Corral ist voll. Die Staubwolke steht und steigt gerade gen Himmel. Unruhig schiebt und drängt sich die Herde hin und her. Das dumpfe Brüllen ist allgemein geworden. Aufreizend durchzittert es die Luft, die so dick voll Staub ist, daß man alles nur in ungewissen, verschwommenen Formen sieht. Von den Peonen sind einige abgesessen und haben zu beiden Seiten des Schlauchs Posto gefaßt. Die andern reiten an.
Lust faßt mich, mitzutun. Mit geschwungener Peitsche und lautem Geschrei gibt es ein Preschen auf die Rinder. Unwillig setzt sich ein Teil in Bewegung und drängt in die Trichter. Andere wollen nicht, brechen aus, gehen die Reiter an. Es gibt ein wildes, heißes Reiten. Immer wieder im Galopp um die Herde herum und mit Gewalt in sie hineingeprescht.
„~Sigue vaca!~“ „~Vamos!~“ „~Sigue, sigue!~“ und dazwischen ein indianerartiges Aufheulen in hohen Fisteltönen. Donnerwetter, trotz der Ensenada ist es harte Arbeit. Die Kehle ist heiser vom Schreien, Gesicht und Arme sind schwarz von Staub. Die braune Haut der Peone sieht sich an wie altes, brüchiges Leder.
Endlich haben wir einen Schub im Trichter. Das Tor wird geschlossen. Drinnen bleiben zwei berittene Peone und treiben die Rinder, die immer wieder umzukehren versuchen, in den Schlauch.
Der nächste Schub und der übernächste! Je weniger Vieh im ersten Corral bleibt, desto ungebärdiger wird es. Es sind ja jene Widerspenstigen, die bisher immer wieder auszubrechen verstanden, die übrigblieben und die nun hineingetrieben werden müssen.
„~Sigue, sigue vaca!~“ Die Kehle gibt nur mehr ein heiseres Brüllen her. Mund und Lunge sitzen voll Staub. Es ist ein eigentümliches Gefühl, in diese Masse Rinderhäupter hineinzureiten. Langsam schiebt sie sich vor, bis eines ausbricht und die ganze Herde kehrtzumachen droht. Da heißt es, sofort den Widerspenstigen zurückzutreiben.
Ein mächtiger Stier trottet vor mir zwischen den Kühen her. Zornig und tückisch schielt er, als empfinde er das Unwürdige seiner Situation. Plötzlich dreht er und will zurück. Eine Wendung mit dem Pferd, und die Last des angaloppierenden Pferdes prallt dem Stier in die Flanken, während gleichzeitig die schwere Peitsche ihm über den Rücken saust.
Die Brust des Pferdes ist Waffe und Werkzeug. Mit ihr reitet man das Vieh an, wie das Pferd auch gewöhnt ist, mit der Brust die Tore der Umzäunung zu öffnen. Bewundernswert ist die Ruhe der Tiere. Für den Neuling ist es ein unheimliches Gefühl, so mitten zwischen den Hörnerspitzen einer unruhig drängenden Rinderherde zu reiten, aber willig sprengt das Pferd immer wieder von neuem gegen jedes widerspenstige Rind. Es ist ein heißes, hartes, aber auch schönes, ritterliches Arbeiten. In der Luft liegt etwas von der Aufregung, Lust und Gefahr eines siegreichen stürmischen Schlachttages.
Ein anderes Bild: Eine Herde frisch eingetroffener Pferde jagt über den Kamp. Im Galopp geht es zur nächsten Ensenada. Sie müssen gezeichnet werden.
Es ist Sitte und Gesetz von jenen Zeiten her, als das Land noch keine Drahtzäune kannte, daß jedes Stück Vieh die Marke seines Besitzers, die gesetzlich eingetragen ist, führen muß. Diese Marke ist etwas Ähnliches wie bei uns ein Wappen und wird auch auf dem Briefbogen geführt. Wird ein Stück Vieh verkauft, so wird die Marke umgekehrt über die erste Markierung eingebrannt, zum Zeichen, daß der Besitzer das Pferd rechtmäßig verkaufte, und daneben wird das Zeichen des neuen Besitzers aufgeprägt.
Die Pferde stehen jetzt hintereinander im Schlauch, das vorderste zwischen zwei Gattern vorne und hinten eingepreßt. Von einer Plattform aus kann man ihm bequem mittels der Schlaufe der Peitsche eine bändigende Fessel über die Nüstern legen. Inzwischen glüht an dem kleinen Knochenfeuer, das mit Fett zu hellerer Flamme angefacht wird, das Brandeisen.
Ruhig steht das gefesselte Pferd. Der Peon setzt ihm das Eisen auf den Schenkel. Jetzt spürt das Tier die Hitze. Wild schlägt es mit den Hufen gegen die Bretterwände und versucht, sich mit gewaltigem Ruck zur Seite zu werfen. Umsonst, schon hat sich der glühende Stahl unerbittlich in sein Fleisch gebissen. Das Gatter öffnet sich. Verzweifelt sich schüttelnd, stürmt es ins Freie. Das nächste!
Für besonders ungebärdige Tiere, vor allem für Stiere, dient eine Art Holzklammer, welche die Tiere so zusammenpreßt, daß sie ganz widerstandslos werden. Eine ähnliche Vorrichtung benutzt man zum Festklemmen des Kopfes, um die Hörnerspitzen kappen zu können.
Eine besondere Einrichtung erfordert das Baden, dem alle aus dem Norden kommenden Tiere unterworfen werden müssen, da sie durchweg mit Zecken behaftet sind. Die Anlage ähnelt der Ensenada. Nur endet der Schlauch in einem engen Kanal, der mit desinfizierender Lösung gefüllt ist. Langsam trotten die Rinder den engen Gang vor. „~Vamos! Sigue vaca, sigue!~“ Mit den Peitschenstielen treiben die Peone die Unheil witternden Rinder an. Jetzt steht das erste vor dem Kanal und stutzt. Aber schon hat es den Fuß auf die schräge Zementbahn gesetzt. Und damit ist sein Schicksal besiegelt. Es saust die steile Bahn hinunter und schlägt auf dem hochspritzenden Wasser auf. Ängstliches Brüllen, verzweifelt starrende Augen, aber ein mit langer eiserner Gabel bewaffneter Peon faßt die Hörner und taucht unerbittlich den Kopf in die dunkle Flut.
Rind auf Rind passiert. Will eines absolut nicht vor, so genügt ein rascher Griff, der ihm den Schwanz bricht, um es vorzutreiben.
Dazwischen traben die Kälber. Sie sind die Widerspenstigsten. Oft gelingt es ihnen, sich umzudrehen. Dann müssen sie rückwärts schreitend ins Bad getrieben werden. Oder zwei purzeln übereinander, geraten gleichzeitig mit einem ausgewachsenen Rind ins Bad und kommen unter dessen Füße; dann gibt es aufreibende Arbeit, sie vor dem Ertrinken zu bewahren.
Am Ende des Bades führt eine Rampe in zwei zementierte Einzäunungen, aus denen die kostbare Flüssigkeit wieder ins Bad zurückfließen kann. Hier steht zitternd und tropfend das verängstigte Vieh, während von der andern Seite das aufreizende „~Sigue vaca!~“ klingt und die Peone einen neuen Schub Rinder in den Trichter treiben.
Es ist spät geworden, als ich mich verabschiede. Schon ist der die Luft füllende Staub golden von der sinkenden Sonne.
„~Buenas noches, caballeros!~“ Mit vollendeter Ritterlichkeit ziehen die braunen Gestalten, von denen mehr als einer aussieht wie ein Strolch, die Hüte und schütteln mir kavaliermäßig die Hand. Es ist wohl nicht nur das alte stolze Indianerblut in jedem von ihnen, sondern auch ihre ritterliche, reiterliche Tätigkeit, die ihnen nur das Leben im Sattel, die Arbeit mit Peitsche, Lasso und Messer als die einzig manneswürdige erscheinen läßt.
9. Deutsche Kolonien in Santa Fé.
San Geronimo.
Der leichte Fordwagen jagt hüpfend und stoßend über die löchrige Straße, die sich neben den Drahtzäunen hinzieht. Zwischen den kleinen Weiden, auf denen das Vieh enger beisammen steht, Felder mit Korn und Mais. Der Charakter der Landschaft wird fast norddeutsch. Darüber ein blauer Himmel mit getürmten Haufenwolken, wie man ihn oft im bayerischen Hochland sieht. Dabei aber sitzt es auf den Wegen gelb und grünlich und orangerot von Schmetterlingen, wie Blütenfall.
Die erste Kolonie, die wir passieren, ist San Carlos. Es bedürfte nicht der Worte des Begleiters, um zu wissen, daß hier Italiener wohnen. Im nächsten Ort, der Anklänge an die Normandie zeigt, wohnen Franzosen, bis wir in San Geronimo ankommen, das Schweizern und Deutschen gehört. Friedliche, saubere Häuser mit großen Blumengärten, mit Sträuchern und Obstbäumen. Beides kennt der Eingeborene nicht. Es ist ihm zu mühsam. „Obst kommt nicht“, antwortet er, wenn man ihn frägt, oder: „Die Heuschrecken fressen es ja doch.“ Aber die Deutschen und Schweizer pflanzen es, und es gedeiht, trotzdem gerade hier die Heuschreckenplage besonders groß ist, wie die rings um das Dorf gleich Wällen aufgestellten Bleche künden, die vor der anmarschierenden Brut schützen sollen.
An der weiten grünen Plaza die Kirche. Daneben blütenumrankt das Pfarrhaus. Der Pater, der seit dem Kriege keinen Deutschen von drüben sprach und dessen Fragen, wie alles kam, kein Ende nehmen wollten, blätterte in der Chronik: Vor etwa 60 Jahren, im März 1857, kamen die ersten Deutschen herüber, 80 Familien aus der Gegend von Mainz, die das benachbarte Esperanza gründeten, heute eine blühende Stadt. Ein Jahr später kamen Schweizer aus dem Wallis und legten den Grund zu San Geronimo.
Später sitze ich bei alten Kolonisten, die jene Zeit noch als Kinder erlebten, und lasse mir erzählen, wie hart der Anfang war. Wohl hatte die Regierung das Land umsonst gegeben. Aber der erste Weizen mußte mit Hacken und Rechen in den Boden gelegt und mit der Sichel geerntet werden. An Nahrung gab es nur Fleisch von den benachbarten Estancieros. „18 Monate hatten wir kein Brot,“ erzählte der alte Kolonist aus dem Hessischen, „und unmittelbar vor dem Hause konnte man die Rehe schießen.“
Die damals hart und schwer um des Lebens Notdurft ringen mußten, sind heute müde und alt. Aber sie sind alle reich geworden. Nach deutschen Begriffen zum Teil Millionäre.
Noch ist San Geronimo deutsch, aber es gilt einen harten Kampf, es deutsch zu erhalten. Gibt es auch Familien, in denen noch die Enkel deutsch sprechen, so doch auch andere, in denen bereits die zweite Generation nur Spanisch kann. Als Kaufleute sind Argentinier ins Dorf gekommen, die Peone sind Eingeborene, der Schulunterricht ist spanisch. Halten die Eltern nicht streng darauf, daß im Hause deutsch gesprochen wird, so lernen die Kinder nur das ihnen viel leichter fallende Spanisch. Der Pater klagte mir sein Leid. Er kämpft tapfer für das Deutschtum und unterhält eine Privatschule, in der in Deutsch unterrichtet wird. Sie wird immerhin von 140 Knaben besucht, während die Mädchen deutschen Unterricht von -- man höre und staune! -- französischen Schwestern erhalten. So gibt es also doch noch Inseln, denen der Haß fernblieb.
Die Grundlage des Wohlstandes in San Geronimo wie in allen andern Kolonien ist der Weizenbau. Heute wird jedoch nach und nach die Ackerwirtschaft durch reine Viehwirtschaft ersetzt. Eine ganze Reihe von Gründen sprechen mit: einmal die Erschöpfung des Bodens, die Unsicherheit des Getreidebaues, bei dem einige schlechte Jahre mit Trockenheit und Heuschrecken um jeden Gewinn bringen können, während Viehzucht einen ständigen und sicheren Ertrag gewährt. Je weniger Getreide gebaut wird, desto weniger lohnt es sich für Dreschmaschinenunternehmer zu kommen. Mit ihrem Fernbleiben geht der Körnerbau weiter zurück, und heute baut San Geronimo nicht einmal mehr so viel Getreide, um den eigenen Bedarf zu decken.
So sind heute die Bauern zu dem Betrieb der Estancien, zur Viehhaltung, zurückgekehrt, allerdings einer wesentlich intensiveren, deren Grundlage die Milchwirtschaft ist. Nötig ist dies ja bereits durch die viel geringere Bodenfläche, über die die Chacra, das Bauerngut, verfügt.
Ursprünglich erhielten die Kolonisten von der Regierung nur eine Konzession, kinderreiche Familien zwei. Diese alten Konzessionen messen 33 Hektar, die neuen 25. Fast alle Kolonisten aber konnten ihren Besitz durch Kauf erweitern. Es gibt heute Kolonisten mit 20 Konzessionen. Die Regel aber sind vier bis sieben. Eine Familie kann etwa vier noch ohne Hilfe bewirtschaften. Die Kinder gehen sämtlich wieder in die Landwirtschaft. Der Besitz wird unter sie geteilt. Durch Zukauf sucht man eine allzu weitgehende Verkleinerung der Chacras zu verhindern.
Auf einer alten Konzession lassen sich zirka 60 Stück Rindvieh halten, so daß selbst ein kleiner Kolonist über größere Herden verfügt als ein deutscher Gutsbesitzer. Die Milch wird an Molkereien verkauft, für 6 bis 7 Centavos das Liter. Es gibt eine genossenschaftliche Molkerei am Ort, andere liefern nach Rosario oder Santa Fé oder direkt nach Buenos Aires. Die Magermilch dient der Schweinemast. Mit einer Kaseinfabrik ist der Anfang landwirtschaftlicher Industrie gemacht. Dazu kommen Hühnerzucht und Obstbau.