Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 2

Chapter 23,649 wordsPublic domain

Der Tanz geht weiter. Die Stewards bringen neuen Sekt. Abgerissene Strophen wehen über Deck. Worte in allen Sprachen: „~Dis donc, quand~... Zweihundert Prozent... ~terenos~... ~I bet you~...“ Nur das Zwischendeck ist leer und still. Die Schiffsordnung hat alle unter Deck gejagt. In der schwülen, brütenden Hitze liegen hier schweißgebadet Hunderte von Männern und Frauen, enggeschichtet auf Stellagen neben- und übereinander. Fanatische Hoffnung auf bessere Zukunft läßt sie alles ertragen. Was wird sich erfüllen?

Das Firmament hat sich aufgeklärt. Ein neuer Sternenhimmel wölbt sich über uns, beängstigend in seiner strahlenden Fremdheit. Eine neue Welt, ein neues Leben für jeden, der jetzt die alte Heimat verläßt. Er steht allein. Wird ihn das machtlos gewordene Vaterland schützen können? Nur allein in seiner eigenen Brust ruhen seines Schicksals Wurzeln.

Ich suche in den Sternen zu lesen. Wie ihr Widerschein funkelt es im Kielwasser des Schiffes. Meeresleuchten! Von der Schraube hochgewirbelt steigen leuchtende Ballen an die Oberfläche, glühen auf und erlöschen wieder: Unsere Hoffnungen, unsere Wünsche, unser Leben!

2. Längs der Küste Brasiliens.

An Bord S. S. Frisia, Bahia.

Ehe noch der Dampfer den ersten amerikanischen Hafen anlief, wurde die Tote, die die Grippe im Zwischendeck gefordert, ins Meer versenkt. Es gab kein großes Aufheben, kaum daß der Dampfer einen Augenblick stoppte. Ein Geistlicher und ein Schiffsoffizier. Nur die alte verkümmerte Frau im blauen Umschlagtuch, die immer neben dem Mädchen in dem billigen Liegestuhl lag, stand noch dabei und starrte aufs Meer. Es war zwei Uhr nachts, als die Leiche auf dem Wasser aufschlug.

„Armes, ausgehungertes Volk!“ meinte am nächsten Morgen der argentinische Reisende auf der Reede von Pernambuco, „auf jeder Reise sterben ein paar.“ Mitleidig zuckte er die Achseln und ging nach dem Heck, wo gerade der dicke Holländer die Haiangel richtete. Ein Haufen Fahrgäste sah neugierig zu, wie er ein mächtiges Stück Fleisch an dem starken Eisenhaken befestigte. Kaum konnte der Steward sich durchwinden, der den Eimer mit den morgendlichen Brot- und Speiseresten über Bord schüttete. Man hat sich mit der Zeit ja daran gewöhnt, allein es gibt einem doch immer wieder einen Stich. Wie viele Menschen könnten in Deutschland davon leben!

Eine Regenböe fegte über Deck und färbte das Wasser schwarz. Weiß gischtete an der Mole die Brandung hoch. Mühsam kämpfte sich das Boot mit Arzt und Hafenkommandant hindurch. Drei Reisende stiegen ein, einer aus; Ladung wurde weder genommen noch gelöscht. Lohnte das Anlegen überhaupt? Der junge Deutsche, der auf seine Baumwollpflanzung in Parahyba fuhr, nannte es einen Wechsel auf die Zukunft. Stadt und Hafen stünde eine rasche Entwicklung bevor.

Wir fuhren weiter, ohne die Haie, die uns der Holländer versprochen. Dafür sahen wir am Nachmittag Wale. Wir mußten in eine ganze Herde hineingeraten sein; denn stundenlang sah man rings um das Schiff die breiten schwarzen Rücken auftauchen und das Wasser in Fontänen hochsprudeln. Wie mit Pastellfarben war dahinter die ferne Küste an den Horizont hingehaucht.

Am nächsten Abend liefen wir Bahia an. Eine flimmernde lichterfunkelnde Wand, baute sich über der tiefschwarzen Bucht die Stadt auf, in deren Gärten die köstlichsten Früchte des früchtereichen Landes wachsen, in deren Straßen aber Fieber und Seuchen nie erlöschen. Einer zähflüssigen Masse von Öl und Teer gleich, schien sich das träge flutende Wasser um den Schiffskörper zu legen. Langsam und immer langsamer fuhren wir, bis die Maschine stoppte und die Ankerketten rasselten.

Wie wir jetzt hielten, streckte die Stadt, die wie im Fieber zu uns herüberglühte, ihre feuchtwarme Hand über die Bai und sandte uns einen Atemzug schwüler, heißer Luft. Wir Nordländer lagen nach Kühlung lechzend an Deck; im Speisesaal aber, dessen dumpfe Luft wie glühender Brodem durch die Deckfenster hochstieg, saßen unangefochten von der Hitze die Brasilianer beisammen. Lachen, Singen, Gläserklingen, dazwischen Reden und immer wieder Reden. Die Brasilianer feierten den ~Quinze de Novembro~, den Gedenktag der Ausrufung ihrer Republik. Durch die Fenster trinken sie uns zu. Gleich den Portugiesen haben sie uns vom ersten Tag an keinen Zweifel darüber gelassen, daß sie gegen Deutschland und gegen die Deutschen keinerlei Haß fühlten, sondern mit ihnen in der Abneigung gegen Engländer und Yankees durchaus einig waren.

„Aber euere Teilnahme am Krieg?“

„Nun, das war eine Sache, mit der die Völker nichts zu tun hatten, ein Geschäft, das einige unserer Politiker mit England und den Vereinigten Staaten machten.“

Die Brasilianer sind wie alle Lateinamerikaner eine höfliche Nation, und man wird auf Stimmungen und Meinungen einiger Mitreisender kein allzu großes Gewicht legen dürfen; aber auch die Deutschbrasilianer auf dem Schiff hatten nur günstige Nachrichten.

Die Zahl der Deutschen, die Rio oder Santos zum Ziel haben, ist nicht klein. Einstweilen sind es nur Rückwanderer, die Besitz oder Stellung drüben haben. Aber neue Einwanderer werden folgen. Und der Kaffeepflanzer aus Santos, mit dem ich über die Aussichten sprach, meinte, der fruchtbare Süden biete auch den Kapitallosen gute Möglichkeiten zu raschem Aufstieg.

Ja, fruchtbar muß dieses Land sein. Als am nächsten Morgen die gelbe Quarantäneflagge am Fockmast niederging, wimmelte es rings um das Schiff von Booten, überladen mit Früchten: Bananen, rot und gelb, in dichten Trauben, und dreimal so groß wie jene kümmerlichen Früchte, die jetzt in Deutschland verkauft werden. Orangen, noch grün oder nur mit leichtem gelben Anflug -- es ist hier ja erst Frühling --, aber faustgroß und größer Kokosnüsse und Ananas.

Zwischendeck und Kajüte kaufen und kaufen. Korb um Korb wird hochgezogen. Bald sieht es zwischen den Ladebäumen aus wie ein Fruchtladen. Die Hauptmannsfrau sitzt mit ihren drei Kindern inmitten von Bananen und Ananas. Der Wiener Komiker kommt die Arme voll Orangen von der Reling. Ein anderer schleppt Ananas in Büscheln. Hier trinkt einer eine Kokosnuß aus, und dort schiebt in stummem Staunen ein dreijähriger Blondkopf mit heiligem Ernst eine Banane in den Mund.

Allein die reiche, bunte Fülle will nicht recht zu den ärmlichen, blassen und schmalen Gesichtern passen. Wie anders sehen die strotzenden Bronzeleiber der Neger in den Booten aus, deren glänzende Haut über straff gespannten Muskeln Früchten gleich durch die zerrissenen weißen Hemden leuchtet.

Sie haben auch keinen Anteil an der Fülle dieser reichen Welt, mögen die deutschen Zwischendecker in der ersten Freude noch so sehr über ihre Verhältnisse kaufen. Sind die süßen Schätze auch spottbillig, für uns macht die Valuta sie teuer. Solange diese sich nicht ändert, bleiben wir Parias, ausgeschlossen von den Schätzen der Erde.

Die Valuta ist das große Problem, nicht nur der Sorge, sondern auch der Spekulation. Kaum sind die ersten Zeitungen an Bord, so sitzen sämtliche Herren über dem Studium der Kurse. Eine erregte Debatte entspinnt sich und eine komplizierte Rechnerei. Wie stand der Milreis im Frieden? Wie jetzt? Wo und wann kauft man am besten? Wie steht der Dollar, das Pfund Sterling, der Frank und die Lira? Sie haben alle im Verhältnis zur Vorkriegszeit keinen besonderen Stand gegenüber dem Milreis Brasiliens. Die Valuta dieser südamerikanischen Staaten, die man bei uns vor dem Kriege gern nicht für voll nahm, ist gewaltig in die Höhe geschnellt. Wird das bleiben? Stehen wir hier am Anfang einer Entwicklung, wie sie die Vereinigten Staaten durchliefen?

Lustig flattert über unsern Köpfen die Flagge Brasiliens mit der gelben Weltkugel im grünen Feld. Ein wenig phantastisch scheint sie und ein wenig anmaßend, aber vielleicht ist sie nur prophetisch. Wochenlang fahren wir an der Küste dieses Landes entlang, von dem kaum erst der zehnte Teil der Kultur erschlossen ist.

In unser Gespräch tönt das Rasseln des Dampfkranes. Die farbigen Gentlemen der hiesigen Lloydagentur lassen krachend die Kisten in die Leichter hinunterpoltern.

„Donnerwetter, das sind doch meine Kisten“ -- der ehemalige Flieger springt plötzlich auf. Er nimmt sein Geld in Form von Bijouteriewaren mit hinüber und ist in Sorge, ob er auch alles richtig hinüberbekommt. Oder er sitzt und rechnet und rechnet, was ihn jedes einzelne Stück kostet und wieviel er dafür verlangen kann.

„Unter zweihundert Prozent Verdienst mache ich überhaupt kein Geschäft,“ meinte der argentinische Kaufmann zu ihm, der nun schon zum zweiten Male zum Einkauf nach Deutschland fuhr. Es liegt ein Hauch von Spekulation über dem ganzen Schiff, wie man ihn früher nicht kannte; denn jeder führt irgendeine Ware bei sich, mit der er phantastische Geschäfte zu machen hofft: Bijouterien oder Stahlwaren, Rasierapparate oder Ferngläser.

Der Bankbeamte, der aus dem Krieg nach Buenos Aires zurückkehrt, zieht eine goldene Uhr an kostbarer Kette. -- „Die hätte ich mir sonst auch nicht gekauft.“ -- Aber wer weiß, wie die Verhältnisse drüben liegen, was gebraucht wird und woran Überfluß herrscht. Die wenigen, die Bescheid wissen, schweigen oder renommieren.

Das Gespräch schläft ein. Die Hitze lähmt jede Tätigkeit. Unter dem Sonnensegel ballt sich die Glut fast körperlich. Die weißen Häuser Bahias mit ihren stolzen Säulenhallen und Terrassen blenden über dem trägen, unbewegten Wasser.

Endlich heult die Sirene. Aber noch immer kommen Boote. Der Koch nimmt noch Proviant ein. Mächtige Körbe mit Eiern werden hochgehißt, gewaltige Stücke Fleisch und Kisten mit Fischen. Mitten über Deck platzt eine, und eine silberne Flut stürzt herunter. Es sind Exemplare von Haigröße dabei. Ihre lebenden Brüder tummeln sich um das Schiff.

An der Reling steht die alte, abgehärmte Frau im blauen Umschlagtuch und starrt aufs Meer.

Wieder heult die Sirene. Immer noch nehmen wir Früchte ein. Überall Stapel von Ananas. Auf allen Tischen und Bänken steht angeschnitten die süße Frucht. Einen Augenblick ekelt es mich fast vor dem schweren Fruchtduft, der gleich einem fremdartigen, betäubenden Parfum das ganze Schiff durchzieht.

3. Das unbekannte gelobte Land.

Buenos Aires.

Die Fahrt dahin führte an allen Herrlichkeiten der Erde vorbei. Nach der grotesken Schönheit der spanischen Häfen, nach Lissabon und den Kapverdischen Inseln, nach tropischen Nächten unter dem Äquator, in denen Mond und Wolken Bilder von verzehrender Schönheit auf See und Himmel malten, nach sonnendurchglühten Tagen, an denen der Ozean in fast schmerzlicher Bläue leuchtete, nach Nächten, in denen das Meer phosphoreszierend flammte, als fahre das Schiff durch einen See voll brennender Eisberge, und in denen das Kielwasser sich in einen Strom intensivsten grünen Lichtes wandelte, breitete viele Tage lang die brasilianische Küste ihre schwüle, lockende Pracht aus. Nach Bahias Früchteparadies baute Rio mit seinen Felsen, Bergen und Buchten eine Wunderlandschaft auf.

Aber als wir Santos’ liebliche Bucht verlassen hatten und die Brandung von São Vicente verrauscht war, die gegen brennend bunte Gärten spült, verblaßten des Himmels und des Meeres Bläue. Eisengrau rollten in schwerer Dünung die Wellen. Nach lastender Hitze wurde es frisch und abends bald empfindlich kühl, als runde sich die Reise zum Kreislauf und kehrten wir in die rauhe, kalte Nordsee zurück.

Und wie See und Himmel wandelte sich die Stimmung der Passagiere. Statt satter Behaglichkeit, statt wohligem Nichtstun und siegessicherem Optimismus breitet sich eine fiebernde Nervosität aus, die mehr und mehr das ganze Schiff erfüllt. Riefen in Santos übermütige Zwischendecker den am Kai wartenden Landsleuten zu: „Wie lange dauert’s, bis man hier Millionär wird?“, so mehren sich jetzt die sorgenden, ernsten Gesichter.

In der Kajüte nicht minder. Nur wenige kehren ja in sichere, wohlbekannte Verhältnisse zurück. Auch die drüben Stellung und Besitz haben, fragen sich: wie werden wir unser Geschäft vorfinden. -- Wer kennt denn dieses Land, in dem Hunderttausende in der Heimat das Land der Verheißung sehen? Der Krieg soll es von Grund auf gewandelt, die Preise phantastisch in die Höhe geschnellt haben.

Immer häufiger bilden sich Gruppen, die sich über Preise unterhalten. Der englische Reiseführer von 1914 nennt zwei Pfund für den Tag als unterste Grenze. Der Bankbeamte erzählt, daß er vor dem Krieg mit 200 Peso, etwa 800 Mark, im Monat für Wohnung und Essen auskam. Aber jetzt? Wie wird es werden? Wie weit wird die mitgenommene Barschaft reichen? Und wie viele sind auf dem Schiff, die drüben alles verkauften! Nun sind’s fünfzig- oder hunderttausend Mark, die für Land- und Viehkauf reichen sollen. Oft aber noch viel, viel weniger. Und dabei fällt und fällt die Mark.

Aber dafür hat man ja Waren mitgenommen. Die lange Reise und manche Bowle in den Mondnächten hat die Zungen gelöst. Pläne wurden geschmiedet, Verbindungen geknüpft. Soll man schmuggeln oder nicht? In den Kabinen beginnt ein großes Packen. Geheimnisvolle Zinkkisten tauchen auf. Bijouterien und Goldwaren werden in Wäsche und Stiefeln versteckt, Brillanten in Kleidungsstücke eingenäht.

Wo ist die Zeit, da Lulu tanzte und man Nächte auf Deck verträumte? Lulu ist übrigens nicht mehr an Bord. In Rio flog sie in großer Ekstase ihrem sie sehnsüchtig erwartenden Amigo in die Arme. Aber die Frau im blauen Umschlagtuch, deren Tochter man vor Pernambuco ins Meer senkte, ist noch da und liegt auf ihrem Stuhl und starrt ins Meer. Ein Stockwerk höher, in der ersten Klasse, werden die Augen der alten Dame, die zu ihrem einzigen Sohne fährt, den sie zwölf Jahre lang nicht sah, immer fiebriger. Und in der zweiten Klasse geht der aus portugiesischer Kriegsgefangenschaft heimkehrende Ingenieur immer unruhiger auf Deck auf und ab. Ein Jahr war er in Portugiesisch-Ostafrika, und gerade wollte er seine Familie nachkommen lassen, als der Krieg ausbrach, der ihn in Gefangenschaft auf die Azoren führte. Die ganze Zeit war er ohne Nachricht von seiner Frau. Er kann es nicht mehr sehen, das Meer, auf das er all die Jahre hindurch von seiner Insel aus sehnsüchtig starrte. Und die hilflose Achtzigjährige, die zu ihren Kindern nach Argentinien zurückkehrt, von denen der Krieg sie trennte! Und das Geschwisterpaar, das 1913 auf ein Jahr nach Deutschland in Pension geschickt worden war und das jetzt im Zwischendeck zurückkehren muß. Und all die Frauen, die der Krieg von ihren Männern trennte. Welche Tragödien auch hier!

Das erste Land, das sich nach Brasiliens Palmenbergen am Horizont zeigt, ist flach, öde, wüstengelb. Oasenhaft heben sich von Zeit zu Zeit Baumgruppen über die Sanddünen.

Auf einmal eilt das Schiff. Um neun Uhr abends sollten wir in Montevideo sein, am nächsten Mittag in Buenos Aires. Pünktlich laufen wir die Hauptstadt Uruguays an. Wie auf Schnüren gezogene leuchtende Perlen sind die Lichterreihen der linealgeraden Straßen über den Nachthimmel gespannt. Die Blinkfeuer der Hafeneinfahrt zwinkern rot und grün. Der viele Stock hohe Lokaldampfer nach Buenos Aires liegt am Kai wie ein festlich flimmerndes Haus. Das Knattern der unzähligen eleganten Automobile hört sich an wie Gewehrfeuer.

Argentinische Zeitungen kommen an Bord. Alles stürzt sich darüber her und studiert die Preise. Gott sei Dank, was man hörte, war maßlos übertrieben. Aber anderes ist teuer genug. Der Flieger geht strahlend auf und ab.

„An meinen Bijouterien verdiene ich glatt 10000 Peso.“

„Und der Zoll?“

„Oh, die sind so gut versteckt, da müßte der Beamte schon sehr genau suchen -- --.“

Die Offizierswitwe mit den beiden Söhnen hat bereits ein erstaunlich billiges Angebot für Haus und Land in Paraguay. Die Stimmung geht hoch.

Am nächsten Morgen sind wir mitten im La Plata. La Plata, Silberstrom! Der Name klingt wie Hohn; denn in schmutzigem Lehmgelb wälzen sich seine trägen Wogen. Gelbe, einförmige Wüste, soweit das Auge reicht. Fast wirkt der Anblick bereits wieder schön in seiner grandiosen Eintönigkeit. Am Horizont stehen Schiffe, flach auf die Wüstenplatte gestellt. Merkwürdig unwirklich sehen sie aus.

Das Land, das jetzt zur Linken auftaucht, paßt zum Fluß, es ist flach, öde, reizlos. Aber noch öder, noch reizloser könnte es erscheinen, es würde doch mit den gleichen sehnsüchtig erwartungsvollen Blicken verschlungen. Es ist ja das Land der Verheißung, die Erlösung aus all dem Leid, aus all dem Jammer in der Heimat.

Buenos Aires sticht mit Kaminen, Türmen und Kuppeln über den Horizont. Am Bug ballt sich die Masse der Auswanderer. Rasch wächst die Stadt. Eine flüchtige Ähnlichkeit mit New York, ein schüchterner Versuch zu Wolkenkratzern. Der Jachthafen mit Dutzenden der elegantesten Jachten. Dann im Hafen Schiff an Schiff, endlose Kais lang.

Ärztliche Untersuchung und Paßrevision. Dann darf man von Bord. Jetzt noch die zollamtliche Untersuchung. Der Flieger verhandelt aufgeregt mit einem Gepäckträger. Koffer auf Koffer rollt an. Immer wieder greifen die geübten Hände der Zollbeamten tief in Kisten und Koffer. Der ehemalige Fliegeroffizier hat einen Teil seiner Sachen schon durch, aber nun zieht der Beamte ein Bündel Uhrketten aus einem Paar Damenhandschuhe.

„Was ist das?“ -- und nun kommt Stück für Stück ans Tageslicht. Er bekommt einen puterroten Kopf. Tapfer hält sich die junge Frau.

Auf Schmuggel steht Beschlagnahme der Ware und hohe Geldstrafe, bei großen Beträgen Gefängnis. Weiß Gott, da wird der Herr vom Tisch ~vis-à-vis~ abgeführt. Er hatte Brillanten in der Weste eingenäht. Eine Dame soll ihn angezeigt haben.

Sicher erhoffte Telegramme sind ausgeblieben. Über Paraguay hört man bereits im Zollamt nur Ungünstiges. Luftschlösser stürzen ein. Und die Traumstadt der Verheißung ist, wenn man sie betritt, auch nicht anders wie jede Weltstadt: eine gewaltige Mühle, die die Masse der Menschen zerreibt, um den wenigen Zähen, Auserwählten den Aufstieg zu unerhörter Macht freizugeben.

Argentinien

4. Die Stadt am La Plata.

Buenos Aires.

Draußen im Land blühen jetzt die Kakteen. Wenn man mit einer der zahllosen Elektrischen hinausfährt und wenn nach den eleganten Straßen auch die Zone der Vorstädte mit ihren niedriger und ärmer werdenden Häusern zurückbleibt, bis nur mehr der durch Steppe, Sumpf und Busch führende Damm der Bahn der einzige Bindestrang mit der zurückgelassenen Zivilisation ist, dann ranken Kakteen zu beiden Seiten des Weges, seltsame, fleischig-wulstige Pflanzen. Wie Tiere ihre Jungen auf dem Rücken tragen, so haben sie ihre Triebe angesetzt, und dazwischen treibt der staubgraue Leib eine Blüte von seltsam flammender Schönheit, die auf dem häßlichen Pflanzenkörper so fremd anmutet, als hätte sich ein leuchtender Schmetterling auf ihn gesetzt.

Ist dies das Bild der Stadt, in der ich jetzt lebe? Sicher ist es ein krasser, willkürlicher Vergleich, und doch drängte er sich mir auf, als ich zum ersten Male von dem Turm der Pasaje Guemes über die Stadt blickte. Wie trostlos öde ist der Boden, aus dem diese Stadt erwuchs! Jede, aber auch jede angeborene Schönheit hat ihr die Natur versagt. Der Fluß, dessen unerhörte Breite ein Meer vortäuscht, ist, von hier oben gesehen, nichts als ein braunes ödes Feld. So träge steht die Masse der lehmschweren Flut, daß der Unwissende von hier nicht unterscheiden könnte, ist es Morast oder Wüste oder Wasser. Und nicht anders ist das Land, in das sich die Stadt mählich verliert. Keine blauen Berge am Horizont, keine fernen Wälder, nichts, auf dem das Auge friedlich ruhen, kein Punkt, nach dem die Sehnsucht schweifen könnte.

Unten am Fuß des Gebäudes aber ziehen elegante Straßen, dehnen sich Plätze voll Palmen und blühenden Blumen. Die Plaza und Avenida de Mayo, Plaza San Martin, der Palermo-Park mit seinen Teichen, Rasen und Hainen: alles ist künstlich geschaffen, ist einer Wüste abgerungen. Und alle diese Plätze, Gärten, öffentlichen Gebäude und reichen privaten Villen und Residenzen sind gebaut aus dem Erlös der Produkte dieses so trostlos öde scheinenden Landes. Dieses Land hat die Palmen gepflanzt und die Autos der Männer wie den Schmuck der Frauen bezahlt. Es allein ermöglicht die Einfuhr aller dieser wahnsinnig teueren Luxusartikel aus allen Ländern der Erde, die die Lager und Läden der Stadt füllen. Wie reich und vollsaftig muß dieses Land sein, das eine solche Blüte treiben konnte, aus dem in phantastischer Üppigkeit eine Hauptstadt erwachsen konnte, in der ein Viertel der Bewohner des ganzen Landes lebt, deren überreicher Luxus Zweck und Ziel aller Arbeit auf den fernen Estancias und Chacras, auf den Ranchos und Quintas zu sein scheint!

Eine Kakteenblüte voll fremdartiger Schönheit? -- Nein, der Vergleich stimmt doch in keiner Weise! Dazu ist diese Stadt zu nüchtern, zu europäisch, zu amerikanisch. Ja, amerikanisch, das ist der Grundton, und es bedürfte nicht der Ansätze zu Wolkenkratzern, um an New York zu erinnern. Aber da unten die Plaza de Mayo könnte ebensogut in irgendeiner mexikanischen oder brasilianischen Stadt liegen, und die Avenida erinnert durchaus an einen Pariser Boulevard, ihre Läden an Oxford Street in London und die umliegenden Straßen an die Berliner Friedrichsstadt. Selbst in der Vorstadt ähnelt an einer Stelle die Wellblecharchitektur dem Rande von Chicago, während an anderer Stelle die auf Pfählen im Sumpf errichteten Bretterbuden einer polnischen oder wolhynischen Landstadt gleichen. Jede Nation mag hier Anklänge an ihr Heimatland finden.

Unten in der Avenida rollen in sechsfacher Reihe die Autos, Wagen an Wagen; wie bei marschierender Truppe Leib an Leib gepreßt, zieht es sich wie ein stählernes endloses Band, wie ein grau und gelb und schwarz lackiertes Trottoir roulant hin, das alles, was Geld und Macht und Ansehen hat, hin- und herträgt zwischen den die Straße gleich mächtigen Querriegeln begrenzenden Gebäuden, dem Regierungspalast und dem Kongreß. In den beängstigend engen Straßen aber, die beiderseits der Avenida wie schmale Rillen in die viereckigen Häuserblöcke eingeschnitten sind, drängt sich der Strom der Autos, Wagen und Fußgänger so dicht, daß sie von hier oben kaum belebt erscheinen.

Ist es anders als in der Fifth Avenue oder in den Steinschluchten um Woolworth oder Bankers Trust Building in New York City? Wer dem Pulsschlag lauscht, dem Pochen des Herzens, das in jeder Stadt schlägt, wird den Unterschied finden.

Hier fehlt der eine harte Klang, der das ganze Leben der Union durchzittert, der Rhythmus Dollar, Dollar, Dollar, der in den Riesenturbinen von Niagarafalls nicht anders pulst als in dem Blut der Tausende von Girls in weißen Blusen, die nach Geschäftsschluß die Straßen füllen als springlebendiger, weicher, warmer Strom.

Hier fehlt die harte Geste, das Vorwärtsdrängen, Zurückstoßen. Schon an der Art, wie sich der Straßenverkehr abspielt, wird es erkennbar, an der graziösen Leichtigkeit, mit der der elegante schlanke Schutzmann in dunkelblauer Uniform und blauem Tuchhelm mit seinem schneeweißen Gummiknüppel in weißbehandschuhter Hand den Strom der Autos lenkt. An der Höflichkeit und Liebenswürdigkeit der Menge wird es deutlich, die sich ohne Lärm, ohne Zwischenfall, ohne Schelten in den lächerlich engen Straßen bewegt, auf deren Bürgersteigen nicht zwei Personen nebeneinander gehen können.

Sicher spielt in den geschäftlichen Kreisen von Buenos Aires Geld keine geringere Rolle als in andern Handelsmetropolen, sicher wird hier im Verhältnis nicht weniger umgesetzt und verdient als in New York oder London, aber die Brutalität des Geldmachens fehlt hier. Man lebt leichter, verdient leichter und gönnt auch dem Nächsten seinen Teil, so daß die Geste auch des Geschäftsmannes hier liebenswürdige Höflichkeit bleibt.

Und weiter erkennt man bei näherem Zusehen, daß diese scheinbar so amerikanische oder europäische Stadt im Grunde ganz etwas anderes ist: durch und durch argentinisch; mag dies auch in dem noch unorganischen Stadtbild nicht deutlich werden, wo ein moderner englischer Geschäftsbau neben einem altspanischen Hause mit blumenumranktem Innenhof steht.