Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 18

Chapter 183,498 wordsPublic domain

Wir standen am Ufer des Iguassu und warteten auf die Barkasse. Jeden Augenblick glaubte ich das Puffen des Motors zu hören und hoffte das Boot an der nächsten Flußbiegung auftauchen zu sehen, aber dann war es wieder nichts.

„Manchmal wird es 5 Uhr, bis sie kommt“, tröstete Karl.

Karl war bisher Kellner in einem deutschen Hotel von Porto da União gewesen und ging jetzt daran, sich selbständig zu machen. Er hatte sich ein paar tausend Milreis erspart und erborgt. Mit denen wollte er eine Venda in Cruz Machado aufmachen.

„Gibt es denn dort noch keine?“ fragte ich.

„Doch, schon drei, aber es wird schon noch für eine vierte etwas zu verdienen geben. Die Kolonie wächst.“

Karls Vertrauen stand in krassem Gegensatz zu allem, was man mir in der Stadt gesagt.

„Was, Sie wollen nach Cruz Machado?“ hatte der Wirt gemeint, als er von meiner Absicht gehört. „Das hat gar keinen Wert. Cruz Machado taugt nichts.“

„Der Boden ist schlecht“, sagte der Besitzer der größten Venda. „Alle Einwanderer, die dorthin gehen, kommen wieder zurück. Es ist ein Verbrechen, Einwanderer nach Cruz Machado zu bringen.“

Auch der sehr verständige Arzt meinte, es gebe so viele Kenner dieser neuen Staatskolonie in Porto da União, daß ich hier alle Auskünfte viel besser einziehen könnte als draußen im Wald.

Cruz Machado ist gegenwärtig die bedeutendste brasilianische Bundeskolonie, in die ein großer Teil der in Rio eintreffenden Einwanderer geleitet wird. Ich bestand also auf meiner Absicht.

„Wozu wollen Sie dahin? Der Beauftragte des deutschen Reichswanderungsamtes selbst, der vor einigen Monaten hier war, ist auch nicht hingefahren. Außerdem können Sie jetzt gar nicht hin. Die Wege sind aufgeweicht. Es gehen keine Autos.“

„Ich werde schon hinkommen.“

„Und wenn; Sie werden nichts anderes sehen, als wir Ihnen gesagt haben. Was haben Sie dann?“

„Dann habe ich mit eigenen Augen gesehen.“

Man war etwas beleidigt, und ich stand jetzt mit Karl am Iguassu. Es war wirklich nicht so leicht, nach Cruz Machado zu kommen. Bis Porto Almede ging gelegentlich ein Motorboot, aber von da war es noch eine tüchtige Strecke ins Land.

„Wie weit?“

„Oh, so 30 bis 40 Kilometer.“

„Sie reiten einen Tag.“

„70 Kilometer mindestens“, meinte ein Dritter.

Auskünfte über Weglängen sind im ganzen Innern Südamerikas immer sehr unbestimmt.

Wir warteten; die Barkasse kam nicht. Wir hatten um 11 Uhr ein wenig gefrühstückt und rannten dann eilig an den Fluß hinunter. Jetzt brannte brasilianische Sommersonne mit größter Kraft.

Neben uns im Gras glühten mächtige Eisenstücke in der Sonne, Maschinenteile, Zahnräder, ein Zylinder, ein in zwei Teile zerlegtes Schwungrad.

„Für die Papierfabrik“, sagte Karl.

„Wann wird die gebaut?“

Er zuckte die Achseln.

„Die Sachen liegen schon ein Jahr da.“ Sie waren rot von Rost.

Papierfabriken fehlen in ganz Südamerika. Das ist sehr sonderbar. Es gibt, vor allem in Brasilien, Holz und Wasserkraft dicht beieinander in beliebigen Mengen, dazu Zeitungen, die einen Papierbedarf haben, größer als die größte deutsche Zeitung, aber das Papier kommt so gut wie alles von Übersee, viel aus Nordamerika, einiges aus Europa.

Vor uns floß der Iguassu, ruhig, breit, mächtig. Sein Wasser war fast so grau wie Buschwerk, Sumpf und Schlingpflanzen, die seine Ufer säumten. Nur die Stelle, wo das Motorboot anlegen sollte, war etwas ausgehauen. Am andern Ufer, gerade uns gegenüber, warfen riesige Palmen ein leise zitterndes Spiegelbild.

Die Barkasse kam noch immer nicht. Es war sehr heiß. Ich warf die Kleider ab.

„Lieber nicht“, meinte Karl.

„Warum?“

Ich war schon im Wasser. Es war lau, aber doch herrlich erfrischend. Ich vergaß das Boot und schwamm, bis ich weit über Strommitte war.

Dicht neben mir kräuselte sich die Flut. Etwas sich Windendes, Schillerndes. Eine Wasserschlange. Ich erschrak und machte einen Bogen. Außerdem fiel mir ein, daß ich vergessen hatte, nach Alligatoren zu fragen. Überhaupt die Barkasse. Es war Zeit umzukehren.

Ich wendete. Karl war nicht mehr zu sehen. Die Strömung war viel stärker gewesen, als ich geschätzt, und ich war weit stromab getrieben. So gut es ging, holte ich gegen den Strom auf, aber ich kam doch gut ein Kilometer weiter flußab ans Ufer. Vor einem Steilhang lagerte sich ein schier undurchdringliches Gewirr von Wasserpflanzen. Glücklich kam ich heraus und trabte zu meinen Kleidern. Als ich da war, legte eben die Barkasse an.

Bereits wenige Kilometer hinter der Stadt traten die Waldberge bis dicht an den Fluß heran, hohe, dichtbewaldete Kuppen. Nur ab und zu sieht man ein Stück Hang gerodet. Daneben liegt zwischen Mais, Wein und Pfirsichbäumen ein Haus. Eine einfache Bretterhütte, aber herrlicher gelegen als die schönsten Villen an mondänen Plätzen.

Die Kolonisten, die hier am Ufer wohnen, haben beste Absatzgelegenheit auf billigem Wasserwege nach Porto da União. So wundert man sich, daß noch nicht mehr Boden urbar gemacht ist. Allein das Land an beiden Ufern gehört Kolonisationsgesellschaften. Sie haben es nicht sehr nötig zu verkaufen, von Porto da União soll eine Bahn Iguassu abwärts gebaut werden. Dann verdoppeln sich die Preise.

Diese Bahn ist nötig; denn der Iguassu ist nur bis Porto Almede schiffbar; dann beginnen die Stromschnellen: ein Krescendo von über Felsen stürzenden Wassern, bis sie ihren Höhepunkt in den Fällen von Santa Maria erreichen, kurz vor der Mündung des Flusses in den Paraná in einer Phantasie tosender Wassermengen.

Die Iguassufälle sind ein Weltwunder. Sie sind die größten der Welt. An Höhe und Wassermenge übertreffen sie noch den Niagara und die Viktoriafälle des Sambesi. Die Energiemenge, die da verstäubt, genügte für ganz Südamerika; aber bisher ist noch nicht die bescheidenste Pferdekraft gewonnen. Die Fälle liegen mitten im feuchtheißen, tropischen Urwald, Tausende von Kilometern von den industriellen Mittelpunkten der angrenzenden Länder Brasilien und Argentinien entfernt. Brasilien lenkt planmäßig seine Kolonisation Iguassu abwärts, und auch die projektierte Bahn von Porto da União bis an die Flußmündung soll der Erschließung dieser Region dienen, deren Wichtigkeit in absehbarer Zukunft vielleicht nicht hoch genug veranschlagt werden kann. In dem Augenblick, in dem der eine der beiden Besitzer der Fälle, Argentinien oder Brasilien, auch nur die bescheidenste Anlage an den Iguassufällen schafft, wird die Erschließung der Fälle in raschestes Tempo geraten, da dann Rivalität und Eifersucht auch den andern Staat zu fieberhaften Anstrengungen und großen Unternehmungen treiben werden. Aber bis heute blieb’s bei Studienkommissionen. --

Ab und zu legte das Motorboot an. Der Neger zog es dann mit einem langen Bootshaken unter die traumhaft überhängenden Weiden und Palmen, zwischen denen weiße und rote Blumen leuchteten und flammten wie eine Schar rastender bunter Vögel. Es ist nicht viel Verkehr flußab. Der bedeutendere geht stromauf: Mais, Schweine, Hühner, Eier und Früchte von den Kolonien in die Stadt.

Trotz der raschen Fahrt wurde es fast Abend, bis wir nach Porto Almede kamen. Die Waldhänge waren etwas stärker gelichtet, ein paar rote Dächer im Grün, das war der ganze Hafen. Hinter dem letzten Haus schien ein Strich über den Fluß gezogen, von da ab war das ruhige Grün des Stromes unruhig, gekräuselt, mit weißen Flecken durchsetzt: die Schnellen.

Das Motorboot, das nur selten verkehrt, fuhr am übernächsten Tag wieder nach Porto da União. Bis dahin mußte ich nach Cruz Machado und wieder zurück sein. Zunächst schien es allerdings hoffnungslos; denn, wo ich auch um ein Pferd oder Maultier anfragte, erhielt ich abschlägigen Bescheid.

57. Auf brasilianischer Bundeskolonie.

Cruz Machado.

Wenn sich auf hoher See die großen Passagierdampfer begegnen, auf der einen Seite die Dampfer der Hoffnung, die sich neigen von den an die Reling drängenden Menschen, jubelnd, tücherschwenkend, von denen jeder einzelne eine Welt von Erwartung und Zukunftsglauben in sich trägt, auf der andern Seite die stillen Schiffe der Rückkehrenden, so hat solches Zusammentreffen immer etwas von dem Begegnen der Züge im Felde an sich. Die einen, die frisch an die Front fahren, laut und lärmend, voll Hoffnung, unbekümmerten Mutes und Leichtsinns, und die andern mit den roten Kreuzen und den stillen blassen Männern, beschattet vom harten Ernst bitterer Enttäuschung, aber auch starrer Entschlossenheit. Jeder Dampfer, der in die Heimat zurückkehrt, trägt unsichtbar solch rotes Kreuz, und jeder, der auf ihm fährt, die Narben der Enttäuschung, sei es sichtbar im Antlitz, sei es unsichtbar in der Seele. Auch jene, die die alte Heimat nur zeitweise aufsuchen, die nicht klagen können, auch jene, die erfolggekrönt zurückkehren. Irgendwie war es doch anders, bitterer, schwerer, zum mindesten anders. Und fast alle führte der Weg von der großen Hoffnung über die große Enttäuschung, zum schließlichen Erfolg, oder zum stillen Sich-Bescheiden, oder zum Zusammenbruch, aus dem nur das nackte Leben in die alte Heimat zurückgerettet wurde.

Wenn die Schiffe aus der Heimat drüben einlaufen, in der Bai von Rio, deren berauschender Zauber selbst Menschen trunken macht, die schon satt sind von der Schönheit der Welt, oder in dem Silberstrom, dessen braune Unendlichkeit grandios trostloser Wüste gleicht, aus der Buenos Aires gleich einer Fata Morgana aufsteigt, so zittert die Luft von all der ausströmenden Hoffnung und Erwartung. Jeder ist ein heimlicher König, auf den all die Reichtümer, die da am Strande ausgebreitet liegen, nur warten, daß er sie aufnehme.

Es soll niemand die Hoffnung genommen werden, der hinüberfahren will in das Land der Hoffnung. Aber ich sah doch Menschen, die bei der Landung die Welt in die Tasche steckten, die in der Einwandererbank der Hauptstadt noch den Kopf hochhielten, die in den verflohten, verwanzten Einwandererschuppen im Innern bereits klagten und dann im Urwald nach kurzer Zeit die Axt hinwarfen und wegliefen, um irgendwo unterzutauchen, oder andere, die in der Stadt am La Plata nur allzu rasch den Weg vom „Kaiserhof“ über den „Deutschen Bund“ zum Nachtquartier auf den Freitreppen des Colontheaters fanden.

Was ich in der neuen brasilianischen Staatskolonie Cruz Machado an Einwanderern vor mir sah, waren eben der Hundertsatz an Zähen, Energischen, die sich nicht abhalten ließen, den Weg ins Neue, in neue Heimat, auf jungfräulichem Boden zu versuchen. Der Weg ist nicht leicht.

Es ist unendlich schwer, eine solch junge, eben erst im Entstehen begriffene Kolonie zu beschreiben. Sie ist so, wie sie der einzelne Einwanderer als Vorstellung im Herzen trägt. Nur auf das Hoffen, Wünschen und Glauben kommt es an. Es ist ja nichts gegeben; alles existiert nur im Herzen, in der Phantasie. Auch Cruz Machado muß erst von der Summe der Willensenergien derer, die in ihr arbeiten wollen, geschaffen werden.

Die Auspizien sind gut. Das Einwandererhaus ist übervoll, und täglich kommen neue Familien an, voll Hoffen und Glauben. Die Kolonieverwaltung hat es übernommen, jeder Einwandererfamilie ein Haus auf ihrem, von ihr selbst gewählten Los zu bauen.

Hier beginnt die erste Schwierigkeit. Die Verwaltung kommt nicht nach. Der Andrang ist im Augenblick so groß, daß die Häuser nicht rasch genug gebaut werden können. So ist der Einwandererschuppen übervoll. Rechts eine Reihe Pritschen, links eine Reihe Pritschen. Darauf Männlein, Weiblein und Kinder in buntem Wechsel. Die Betten sind verwanzt, der Schuppen ist heiß, in den schmalen Gängen zwischen den Pritschen wimmelt es von Kindern. Zank und Streit ist nahe bei der Hand, wenn so viele Menschen so dicht beieinander wohnen. Die Neuankommenden nehmen wieder Platz weg. Die Unzufriedenheit der bereits Unzufriedenen trübt auch ihre Laune.

Da mag es nicht immer leicht sein, das Bild der Kolonie so froh und schön im Herzen zu tragen, wie es eben nötig ist, wenn man vorwärtskommen will.

Der brasilianische Staat übernimmt nicht nur die freie Beförderung der Einwanderer und ihres Gepäcks vom brasilianischen Hafen bis auf die Kolonie einschließlich Verpflegung (freie Überfahrt wurde in beschränkter Anzahl gewährt, ist aber gegenwärtig beinahe unmöglich zu erlangen) auf der Reise und in den Einwandererhäusern, er stundet auch die übrigens sehr niedrigen Sätze für Kolonielose und Häuser. Außerdem werden den Einwanderern ein Vierteljahr lang Lebensmittelkredite in Höhe von einem Milreis für jedes Familienmitglied gewährt, die durch Wegarbeiten abverdient werden müssen. Da auch Samen und Arbeitsgerät von der Kolonieverwaltung geliefert werden, ist theoretisch die Ansiedelung auf einer brasilianischen Staatskolonie ohne jedes Kapital mit Ausnahme des für die Überfahrt nötigen möglich. In der Praxis gibt es natürlich einige Schwierigkeiten, da doch für eine ganze Reihe von Bedürfnissen Geld erforderlich ist, und auch die Lebensmittelkredite zu völliger Sättigung bei der schweren Arbeit kaum ausreichen.

„Wir haben unsern Koffer verkauft,“ jammert mir die Frau, die vor dem Einwandererschuppen gerade ihre Sachen wäscht, „jetzt weiß ich nicht mehr, wohin mit den Sachen.“

„Und ich hab ihm Stiefel gegeben, dem Kerl“, fügt eine andere Frau hinzu und weint. „Keiner wollt’ was geben dafür.“ Sie halten zusammen, all die Schmeißfliegen, die den Mangel nutzend in jeder neuen Kolonie die Einwanderer umkreisen und ihnen für wahre Schandpreise ihre Sachen abnehmen. Aber nur durch Verkauf können sich viele Herübergekommene das nötige Bargeld verschaffen.

Die beiden Frauen weinen laut auf, als sie mir erzählen, was sie alles verkaufen mußten. Andere kommen hinzu und bringen andere Klagen vor. Jammern steckt an. Das ist das Gefährliche.

Sicher ist manche Klage berechtigt, und jeder, der Südamerika kennt, weiß, daß die zweifelsohne guten und praktisch durchdachten Einwanderermaßnahmen des brasilianischen Staates oft genug von Durchstechereien der untern Behörden durchkreuzt werden können. So erscheint mir glaubhaft, daß gewisse Beamte der Immigração auf Einwanderer, solange sie noch im Einwandererhaus auf der Blumeninsel bei Rio sind, einen Druck ausüben, sich auf Fazendas, auf Kaffeeplantagen, zu verdingen, statt auf eine Staatskolonie zu gehen. Die Kaffeefazendeiros brauchen dringend Arbeitskräfte, und wer will sagen, ob nicht der oder jener Beamte eine empfängliche Hand hat?

Aber auch in Cruz Machado selbst gab es mancherlei Klagen. Die Werkzeuge und der Samen würden in schlechtem Zustand und unvollständig geliefert. Der Lohn für die Wegearbeit werde nicht voll ausbezahlt, und dergleichen mehr. Klagen über Klagen von den einen, dann aber wieder Zufriedenheit und frohes Glück in den Augen bei andern, die sich schon durch die ersten Schwierigkeiten durchgebissen, denen der Mais schon Früchte trägt, die sich bald ein Schwein kaufen können, und die, wenn sie abends arbeitsmüde vor ihrer Hütte sitzen, im Geiste Wohlstand und Reichtum zwischen der frisch gemachten Roce emporsprießen sehen.

Auf der Kolonieverwaltung sah ich die Karten ein. Das ganze zur Verfügung gestellte, vermessene Land ist bis auf ein Zipfelchen vergeben. Doch sind bereits Vermessungskolonnen unterwegs, um weitere große Urwaldstrecken für Kolonisationszwecke zu vermessen. Urwald, nichts als Urwald, doch in nicht allzu ferner Zeit aller Voraussicht nach blühende, reiche Landstriche. Ich sah Kolonien, die fünf Jahre bestehen, nette kleine Dörfchen inmitten wogender, früchteschwerer Felder, zehn Jahre alte Kolonien, in denen es Vorangekommene schon zu kleinen landwirtschaftlichen Industrien brachten, wo schon ein Kirchturm zwischen Essen gen Himmel ragt. Und dann die großen, reichen Städte in Rio Grande, das große Vorbild und das Symbol der Hoffnung allen, die jetzt mit dem Einwandererbündel auf der Blumeninsel landen.

58. Kaffeefazendas.

São Paulo.

Von dem feuchtheißen, ehemals so fieberschwangeren Santos führt in steiler Kurve die Bahn durch tropischen Urwald hinauf auf das kühle und gesunde Paulistaner Hochland, und hier, fast unter dem Wendekreis, liegt in 800 Meter Höhe São Paulo, die Hauptstadt des gleichnamigen Staates, die nur hinter der Bundesmetropole Rio de Janeiro an Größe und Einwohnerzahl zurücksteht, sie aber übertrifft an Rührigkeit und Energie ihrer Bewohner und an wirtschaftlicher Bedeutung.

Diese große, europäisch anmutende Stadt mit ihren breiten Boulevards, großen öffentlichen Palästen, großen Theatern ist ebenso wie der Hafen Santos und wie der ganze Staat São Paulo, der mit Minas Geraes zusammen den brasilianischen Bund regiert, eine Schöpfung des Kaffees.

Der Kaffee baute diese breiten Straßen, dieses dichte Bahnnetz, diese reichen Paläste und prächtigen öffentlichen Gebäude. Er zahlt die Seidenkleider und Florstrümpfe der Frauen und die Autos und mancherlei Passionen der Männer. Vom Kaffee lebt nicht nur der Staat São Paulo, von ihm lebt in der Hauptsache der gesamte brasilianische Bund. Er ist Hauptexportartikel, wirtschaftliches Rückgrat des ganzen Landes. Auch in der gegenwärtigen Krise richten sich aller Augen hoffend auf diesen Artikel, in dem die große südamerikanische Republik ein gewisses Weltmonopol hat. Wie wird die Ernte werden? Wie werden sich die Preise gestalten? Wird es den Valorisationskäufen der Regierung gelingen, die Preise so weit zu heben, daß trotz des erschreckenden Valutasturzes die Handelsbilanz des Bundes nicht allzu ungünstig abschneidet?

Abgesehen von den Verhältnissen auf dem Weltmarkt ist für São Paulos Kaffeebau zweierlei nötig: die Erschließung neuen Plantagenbodens und die ständige Zufuhr von Arbeitskräften.

Fährt man von São Paulo aus westwärts und nordwestwärts, so kommt man über Land, das ehemals Kaffeeboden war, das aber jahrzehntelanger Anbau der braunen Bohnen so ausgelaugt hat, daß man zu andern Kulturen überzugehen gezwungen war. So müssen sich die parademäßig aufmarschierten Reihen der Kaffeebäume immer weiter nach Westen schieben, wo ein Stück jungfräulichen Urwalds nach dem andern zu fallen hat, damit die Kaffeeproduktion auf der Höhe erhalten werden kann.

Noch ist der unerschlossene brasilianische Urwald groß, schier unermeßlich. Darum droht hier noch keine Gefahr. Anders aber steht es mit den Arbeitskräften. Der eingeborene Brasilianer arbeitet in den Kaffeefazendas nicht oder nur sehr ungern -- er wird seine Gründe haben --, und auch frisch Herübergekommene bleiben nur in Ausnahmefällen als Arbeiter auf den Plantagen, so daß die Fazendeiros, die Plantagenbesitzer, ständigen Bedarf an Arbeitskräften haben, den sie aus den Einwanderern decken: Portugiesen, Spaniern, Italienern und neuerdings auch Deutschen. Der Bedarf danach ist groß. Als ich in São Paulo auf der Immigração weilte, waren dort nicht weniger als 20000 Arbeitskräfte als verlangt angemeldet. Bei einer derart großen und derart lebenswichtigen Nachfrage mag es immerhin vorkommen, daß Bestechung eine Rolle spielt und daß von Einwanderungsbeamten ein unzulässiger Druck auf die Einwanderer ausgeübt wird, um sie auf die Fazendas zu bringen. Der Gerechtigkeit halber muß jedoch anerkannt werden, daß von seiten der zentralen Einwanderungsbehörde sehr energisch gegen solche Mißbräuche eingeschritten wird, sobald sie zu ihrer Kenntnis gelangen.

Das Leben und die Arbeit auf den Kaffeefazendas wird sehr verschieden beurteilt: von dem einen als sicherer Aufstieg zu eigenem Besitz, von dem andern als reine Sklaverei. Zweifelsohne ist die Arbeit dort schwer, und das Leben niemals leicht. Die Temperatur in den Kaffeefazendas ist hoch. Das Land ist kahl. Die mannshohen Kaffeebäume geben keinen Schatten. Es gilt, sie das ganze Jahr über unkrautfrei zu halten. Das ist nicht leicht, denn das Unkraut wuchert üppig. Man muß sich schon fest daranhalten, wenn man 3-4000 Bäume im Jahr rein halten will. Und diese Arbeit ist herzlich schlecht bezahlt, etwa 160 Milreis im Jahr für 1000 Bäume. Da ist es gut, wenn man eine recht zahlreiche Familie hat, die tüchtig mithilft.

Das Pflücken des Kaffees macht extra Arbeit, die allerdings auch extra bezahlt wird: für den Sack zu hundert Liter werden 2 Milreis gezahlt. Eine Familie zu sechs Personen vermag 1400 Sack zu ernten.

Zu diesem Barlohn tritt noch freie Wohnung und freies Holz. Außerdem wird in der Regel die Erlaubnis erteilt, zwischen den Kaffeebäumen eine Reihe Mais und zwei Reihen Bohnen zu ziehen, mitunter wird auch noch sonstiges Pflanzland gegeben, so daß sich die Fazendaarbeiter Hühner und Schweine halten können.

Unter solchen Bedingungen haben zahlreiche Einwandererfamilien es dahin gebracht, sich nach einer Reihe von Jahren erst Land zu pachten und später kleine Kaffeeplantagen zu kaufen und auf eigene Rechnung zu bewirtschaften. Aber äußerste Sparsamkeit in den ersten Jahren gehört dazu und Verzicht auf alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten. Außerdem darf man nicht krank werden; ein Unglücksfall kann alles ruinieren, und man darf nicht auf eine Fazenda kommen, wo der Besitzer für die Lebensmittel, die jeder besitzlose Arbeiter für den Anfang auf Kredit nehmen muß, Wucherpreise verlangt. Sonst ist die Gefahr der Schuldenwirtschaft gegeben, die leicht zu einer Schuldknechtschaft werden kann.

Als ich in São Paulo auf dem deutschen Konsulat war, traf ich dort einen Mann und eine Frau, die von einer Kaffeefazenda in die Stadt geflohen waren. Der Fazendeiro hielt sie über den Kontrakt hinaus auf der Fazenda unter geradezu grauenhaften Verhältnissen. Als sich der Mann dagegen auflehnte und fort wollte, ließ der Plantagenbesitzer ihn niederschlagen und sperrte ihn in den Schweinestall. Mit einem andern dort arbeitenden Deutschen floh daraufhin die Frau, um die Hilfe des Konsulats anzurufen.

Solche Fälle mögen selten sein. Der geflohene Mann sagte mir selbst, daß er seit vielen Jahren auf Fazendas arbeite und daß er solche Verhältnisse bisher nie angetroffen habe. Allein, mögen sie auch noch so selten sein, Vorsicht tut doch bei jedem Vertragabschluß not. Wesentlich bessere Bedingungen würden sich erzielen lassen, wenn es gelänge, für die deutschen Einwanderer Tarifverträge durchzusetzen und eine Organisation zu schaffen, die dafür sorgt, daß solche Ausnahmefälle von Brutalitäten und Übergriffen nicht mehr vorkommen oder daß wenigstens ihre Ahndung auf dem Fuße folgt. Gar so schwer könnte das nicht sein; denn Brasilien lebt vom Kaffee, und ohne Zufuhr von Arbeitern für die Fazendas müßte es wirtschaftlich zusammenbrechen.

59. Die Großstadt der Tropen.

Rio de Janeiro.

„Wiederum führte ihn der Teufel mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit.“

Wenn der Dampfer in die Bai von Rio de Janeiro einläuft, vorbei an den umgischteten Kaimauern der alten Forts und unter dem Schatten der unheimlichen Felssäule des „Zuckerhuts“, schaut man den Berg, auf den der Satan den Erlöser führte, um ihn zu versuchen. Wenigstens machen die Brasilianer Anspruch darauf, daß der Corcovado, die steil über Stadt und Bucht ragende Felsklippe, der Berg sei, von dem das vierte Kapitel des Matthäus-Evangeliums erzählt.

Es läßt sich gegen diese Legende wenig einwenden; denn der Versucher hätte in ganz Palästina, ja in der ganzen Alten Welt keinen Fels finden können, zu dessen Füßen so überreich alle Herrlichkeit der Welt ausgebreitet ist.