Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 17

Chapter 173,601 wordsPublic domain

Im ganzen Wagen -- es ist ein großer, durchgehender amerikanischer Wagen -- hört man nur von Landpreisen und von Bodenbeschaffenheit sprechen, von Gegenden, wo noch Land zu haben und von den Bedingungen, zu denen es abgegeben wird. Dazwischen reden die Frauen untereinander leise von der Wirtschaft, von Schweinen und Mais. Man hört unverfälschte schwäbische, hessische und norddeutsche Mundart. Aus Bündeln wird gute alte deutsche Wurst geholt und Kuchen, wie ihn die Bauernfrauen in Deutschland auch backen. Es ist ein eigentümlicher Eindruck, deutsche Bauernschaft um sich zu haben, die in immer dichter werdenden Urwald hineinfährt.

Bald wird es allerdings so dunkel, daß der Mais wie die Wellen eines geheimnisvollen Wassers den Bahndamm umspült und die alten lianenumrankten Bäume sich wie Gespenster über ihn neigen. Schließlich hockt alles auf harten Bänken und schläft, bis der jähe Ruck in Santo Angelo uns weckt.

Unergründliche Nacht und unergründlicher Schmutz. Wir fragen nach der Witwe Schirach, die man uns als Quartiermutter empfohlen. In der Ferne schimmern ein paar ungewisse Lichter. Sie weist man uns. Wir schultern den Rucksack und treten den Marsch an, der eine Expedition durch Sumpf und Schlamm ist.

53. Kolonisten im Urwald.

Guarany.

Wir ritten die Linie entlang. Linien heißen die breiten Straßen, die schnurgerade durch den Urwald führen und von denen die Nebenwege abzweigen, an denen die Kolonien liegen.

Die Linien sind die Hauptverkehrsadern der Kolonien. Alle Augenblicke begegnet uns denn auch ein Wagen, ein Reiter oder ein Viehtrieb. Erst nach ein paar Stunden Reiten wird es einsamer.

An den Linien liegen die Venden, ferner die Schulen, dann Brauerei- und Limonadefabriken, Schneide- und Mahlmühlen und was man sonst noch hier an kleingewerblichen Betrieben braucht, sowie die bevorzugten Kolonielose: manche Musterwirtschaft, aber auch mancher heruntergekommene Betrieb, in denen ein paar Polen oder ein Weißer mit einer Farbigen in einer Hütte hausen, die nicht mehr als gerade das zum Leben Nötige anbauen.

Beiderseits der Linie Mais. Dann Tabak, der mit Maniok wechselt, und wieder Mais. Mais ist die Hauptfrucht, die wichtigste Nahrung für Mensch und Vieh. Aus ihm bäckt der Kolonist sein Brot. Erst der Wohlhabende nimmt Weizen dazu. Weizen ist hier Luxus. Für seinen Anbau ist es bereits zu heiß. Er muß von der Serra, dem kalten Hochland, hergeschafft oder aus Argentinien importiert werden.

Um die Häuser steht Obst, vor allem Pfirsich, der ähnlich wie in Argentinien auf diesem Boden gleich Unkraut wuchert und bereits im ersten oder zweiten Jahr Frucht trägt, Yerba -- Bäume, deren Blätter den Mate-Tee liefern, und wo Italiener siedeln, eine Weinlaube oder Weinberg.

Die Häuser selbst sind fast sämtlich aus Holz, von hübschen soliden Bauten bis zu einfachsten Bretterbuden. Daneben ein Schuppen für die geerntete Frucht und ein Pferch für das Vieh.

Je länger wir reiten, desto häufiger unterbrechen Waldpartien die Felder, und schließlich geht’s eine ganze Strecke lang durch ungerodeten Urwald. Lianenverfilzt schließen die alten Bäume gleich Mauern beiderseits die Straße ein. Es sind noch nicht kultivierte Kolonielose, deren Besitzer auf die Konjunktur warten, um sie mit hohem Nutzen weiterzuverkaufen. Wo eine neue Staatskolonie vermessen wird, macht sich alsbald die Spekulation breit. Wenn auch dem Gesetz nach jeder Bodenwucher vermieden und Land nur an jene abgegeben werden soll, die es tatsächlich bebauen, so ist doch unvermeidlich, daß der und jener, von den Koloniechefs und Vermessungsingenieuren angefangen, durch Mittelsmänner eine größere Anzahl von Losen in seine Hand bringt, die er erst zum Verkauf stellt, wenn alles Land in der Gegend vergeben und durch die Arbeit der Kolonisten auf den Nachbargrundstücken ein erheblicher Wertzuwachs eingetreten ist.

Eine Pforte in der Mauer steht offen. Ein schmaler Weg führt in den Wald. Ein schmales Spitzgewölbe aus Zweigen und Blättern. Grünliches Dämmern. Treibhausluft. Hintereinander gehen die Pferde.

Wo sich der Weg senkt, öffnet sich eine Lichtung. An den Hängen liegen noch geschlagene Stämme. Verkohlte Stumpen, zwischen denen sich handhoch Asche breitet, zeigen, daß hier frische „Roce“ gemacht wurde. Unten im Grunde steht zwischen hochtreibendem Mais an einem kleinen Wässerlein eine einfache Bretterhütte: der Anfang einer Kolonie. Es ist vollendete Urwaldeinsamkeit, aber lange nicht gleich der, in der Väter und Großväter der heutigen Deutschbrasilianer anfingen. Ein kurzer Ritt bringt bis an die Linie, nur ein paar Stunden sind bis zur nächsten Venda und nicht mehr als zwei Tagereisen bis an die Bahn. Man kann leicht und billig alles kaufen und heranschaffen, was nötig: Gerät und Lebensmittel, Nägel und Bretter. Und Freunde und Nachbarn sind nicht weit, die einem im Notfall helfen können.

Trotzdem bleibt genug an Einsamkeit und Härte des Lebens. Die Frau kommt uns aus der Küche entgegen. Die Küche ist ein offenes Feuer zwischen zwei Feldsteinen. Darüber hängt ein Kessel. Das ist alles.

Sie nötigt uns ins Haus. Es ist einfach aus Brettern zusammengeschlagen, vielleicht fünf Meter im Geviert. Eine Bettstatt und ein Tisch mit einigen Hockern, selbstgezimmert, bilden das ganze Mobiliar.

Das Haus stellt ein Minimum an Wohnung dar, und trotzdem ist es ein Palast gegen die Anfangszeit, als man in einer Laubhütte hauste und bei jedem Regen im Wasser lag.

Der Anfang, das war das Schlimmste; damals, als erst ein Pfad durch den Wald geschlagen werden mußte, um auf den eigenen Grund zu kommen, und dann das Roden begann. Bis Breschen für Luft und Licht hineingeschlagen sind, steckt der Urwald voll Moskitos und Schlangen, von anderem Ungeziefer nicht zu reden. Dann heißt es mit dem Fäustel das Unterholz buschen, darnach werden die großen Bäume geschlagen. Nach ein paar Wochen, wenn alles gut trocken, wird angezündet.

In den durch die Asche gedüngten Urwaldboden, der frischen Roce, wird der erste Mais gesät. Zwischen den Stumpen und halbverkohlten Stämmen werden reihenweise mit dem Stock Löcher gestoßen. Ein paar Maiskörner in ein jedes hinein, und nach ein paar Wochen steht der Mais bereits mannshoch. Hat man im September Roce gemacht, im Oktober gepflanzt, so kann man im März die erste Ernte einbringen.

Der Kolonist kommt aus der Roce herunter und begrüßt uns. Er erzählt, daß er von der ersten Ernte immerhin bereits 35 Sack verkaufte. Für den Sack 5 bis 6 Milreis. Aber das ist nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist, daß man jetzt nicht mehr von gekauften Nahrungsmitteln leben muß, daß man seinen eigenen Bedarf selbst baut und daß man jetzt daran gehen kann, sich Vieh zu halten.

Bisher hatte man nur ein Pferd oder Maultier, das im Wald weidete. Jetzt kann man sich Schweine kaufen und damit vor allem die eintönige Nahrung aufbessern, die bisher nur aus Mais und schwarzen Bohnen bestand.

Dicht neben dem Haus ist ein Pferch, in dem bereits ein paar Dutzend schwarzstruppiger Borstentiere grunzen. Schweinehaltung ist die große landwirtschaftliche Industrie in ganz Rio Grande. Jeder Kolonist, der nur ein wenig Glück mit ihnen hat, wird seinen Mais nicht verkaufen, sondern damit Schweine großziehen. Das Wichtigste an ihnen ist das Fett, das ausgelassen und in Blechbüchsen in die Hafenstädte verkauft wird. Was übrigbleibt, ißt man selbst oder verkauft es an die Nachbarn; denn hat man’s erst, so lebt man auch üppig.

Aber das dauert noch ein paar Jahre, und bis dahin heißt’s harte, schwielentreibende Arbeit. Auf dem Fußboden spielen die Kinder. Es sind im zweiten Ehejahr bereits ihrer zwei. Pro Jahr ein Kind. Auch Wald und Urwaldboden strotzen ja von Fruchtbarkeit.

Im Dach sind Löcher. Der Kolonist folgt unserm Blick. „Ja, das muß ich auch noch machen. Man kommt kaum zu allem.“ Im Urwald heißt es alles selbst machen, alles selbst können.

Die Frau bringt das Essen: schwarze Bohnen, Brot und etwas ausgelassenes Schweinefett. Wie wir abreiten, gehen die beiden zusammen in die Roce. Das Ein- und das Zweijährige bleiben allein zuhause. Die Schweine grunzen im Pferch.

Die Sonne steht hoch. Mann und Weib jäten nebeneinander im jungen Mais. Mann und Weib allein im Wald und nur aufeinander angewiesen. Es ist wie bei der Erschaffung der Erde.

54. Schirachs Erfolg.

Guarany.

Mein Freund in Guarany war der Tischlermeister. Er war fast seit Gründung der Kolonie dort und kannte alle Kolonisten in der Umgebung. Er hatte den nötigen Lokalstolz, um nicht zu ruhen, bis ich alles gesehen. Das war recht interessant, aber auch ein wenig strapaziös; denn diese Ritte und Besuche gingen nicht ohne erheblichen Alkoholkonsum ab. Lag eine Venda an der Linie, so gehörte es selbstverständlich zum Geschäft, daß man abstieg und einen Schnaps nahm, und gar wenn mein Besuch einer Brauerei oder Schnapsfabrik galt; ich war froh, wenn wir einmal eine Limonadefabrik besuchten.

Diese vielen gewerblichen Kleinbetriebe sind ein besonderes Merkmal der deutschen Kolonien in Südbrasilien und ein Zeichen für die Rührigkeit der Siedler. Es wird dort eine Menge handwerksmäßig betrieben, wie z. B. Brauerei oder Brennerei, was wir längst nur mehr als Industrie- und Großbetrieb kennen. Man staunt, wie einfach man alles erzeugen kann. Eine Sudpfanne und ein Gärbottich, und die Brauerei ist fertig. Oder ein einfachster Destillationsapparat für die Brennerei oder ein, zwei Maschinen für die Limonadefabrik. Die Produkte dieser Kleingewerbsbetriebe im Urwald stehen recht hoch im Preis, für die Flasche Bier ein bis zwei Milreis. Aber nicht nur die Kleingewerbetreibenden dieser Art werden reich durch das Geschäft, sie beziehen auch Maschinen und Rohstoffe aus den Hafenstädten zu phantastischen Preisen. Ein Limonadefabrikant nannte mir die Preise, die er für Fruchtessenzen bezahlen muß. Darnach verdient das deutsche Exporthaus in Porto Alegre, von dem er bezieht, daran einige hundert Prozent.

Diese gewaltigen Zwischen- und Unternehmergewinne trägt der Kolonist, ebenso den Riesenverdienst des Handels, der jeden Gebrauchsgegenstand übermäßig verteuert. Trotzdem kommt auch der Siedler zu Wohlstand, selbst Reichtum, wenn er sich nur einigermaßen daran hält; so fruchtbar ist das Land.

„Wenn Sie sehen wollen, was wir in ein paar Jahren aus einem Stück Urwald machen können, müssen Sie unbedingt einmal zu Schirach hinaus“, sagte der Tischler.

So ritten wir eines Morgens los. Gegen Mittag waren wir auf der Schirachschen Kolonie. Sie lag in einem schmalen Tal, das von der Linie abzweigte. Unten bildete ein Bach die Grenze, dann ging es 250 Meter lang am sanften Hang hoch. Das Ganze war ein Kilometer lang, es war nur eine kleine Kolonie.

Aber jeder Fleck war ausgenützt. Zuerst kamen 400 Meter Pferch, in dem 23 Stück Rindvieh und 3 Pferde weideten. Zwischen den Grasenden standen noch die langsam verwitternden Stumpen der gefällten Urwaldbäume, und die verhältnismäßig kleine Weide genügt für den Sommer vollkommen; im Winter kommt noch ein Zuschuß von Salzcaña hinzu, die als Viehfutter regelmäßig angebaut wird.

Neben dem Weideplatz lag das Haus mit Schuppen, Scheune und Schweinestallungen. Davor Rasen, Blumen und dahinter ein großer Obstgarten. Der Boden lag voll von Pfirsichen, die der letzte Wind heruntergeschüttelt. Aber auch Birnen und Äpfel fehlten ebensowenig wie ein Bananengebüsch und eine große dichte Weinlaube, unter deren dichtem Blätterdach man herrlich kühl ging, während einem die reifen blauen Trauben nach Art des Schlaraffenlands in den Mund hingen.

Das Haus war, was selten ist, ein Ziegelbau mit Fachwerk; sauber und fest. Der Besitzer kam uns von der Veranda entgegen. Er konnte sich jetzt schon ab und zu ein Mußestündchen leisten. Mit Ausnahme von etwa fünf Hektar Wald, den er zur Deckung seines Holzbedarfs stehenließ, war alles gerodet und angebaut. Mais, Tabak, Maniok, Reis, Zuckerrohr -- nichts fehlte. Wir liefen uns in der heißen Mittagssonne müde, bis wir alles angesehen hatten.

Man hört so oft, daß nur Landwirte es wagen sollten, in Übersee als Kolonist anzufangen, allein ich habe viel Nichtlandwirte drüben angetroffen, die es als Kolonisten zu etwas gebracht. Auch Schirach war Fabrikarbeiter gewesen, nicht einmal jung, 34 Jahre, desgleichen seine Frau. An Kapital hatte er ein Conto -- das sind 1000 Milreis --, nach heutigem Geldwert etwa 10000 Mark, mitgebracht. Dafür hatte er das Haus gebaut. Er wollte sich gleich ein behagliches Heim schaffen. An Betriebskapital blieb ihm also nichts übrig. Heute, nach acht Jahren, wertet seine Kolonie etwa 14 Contos, mit totem und lebendem Inventar etwa 22. Sein jährlicher Reingewinn beträgt, abgesehen von dem sehr reichlichen Leben, das ihm seine Kolonie bietet, mindestens ein Conto. Unter Umständen können die Erträge auch viel höher sein. Beispielsweise kann ein Mann im Jahr auf einem halben Hektar 20000 Tabakpflanzen anbauen. Sie werden im Frühjahr gepflanzt, im Spätsommer wird geerntet. Bei einem guten Jahr gibt das einen Ertrag von zwei Contos.

Schirach sagte uns nicht, was er an seinem Tabak verdiente. Aber er zeigte uns die Stangen, an denen büschelweise die breiten Blätter zum Trocknen hingen, und die schwarzen Rollen fertigen Tabaks -- die Kolonisten bereiten meist selbst ihren Tabak. Er besteht aus festgedrehten, ein wenig fettigglänzenden Rollen, die wie große Blutwürste aussehen. Sich daraus eine Zigarette zu drehen, ist keine Kleinigkeit. Erst schneidet man wie bei einer Wurst eine Scheibe ab, dreht und zerdrückt sie zwischen den Händen, rollt und zerkleinert dann den Tabak und wickelt ihn schließlich in ein trockenes Maisblatt ein.

Es liegt ein besonderer Reiz darin, sich seinen gesamten Lebensbedarf selbst herzustellen. Es kommt nichts auf den Tisch, was nicht auf eigenem Grund und Boden gewachsen, und als wir uns zum Essen setzten, war alles eigenes Erzeugnis, bis zu dem selbstgekelterten Wein und dem Zucker zum Kaffee.

Wir saßen in patriarchalischer Weise mit den drei hübschen Mägden und dem schwarzen Knecht zu Tisch. Schirachs hatten keine Kinder, und ihr Wohlstand schlägt eigentlich aller Theorie ins Gesicht, daß es nur der Kolonist mit vielen Kindern zu etwas bringt.

„Ach, wenn wir Kinder hätten!“ meinte die Frau. Sie war Ungarin, gleich ihrem Mann, und noch immer hübsch.

Als wir nach Tisch bei Wein und Zigaretten in Schaukelstühlen auf der Veranda lagen, mußte ich unwillkürlich daran denken, wie sich wohl das Leben dieses Mannes gestaltet hätte, wäre er als ungelernter Arbeiter in der Heimat geblieben. Er hätte es wohl nicht über den besitzlosen Proletarier gebracht.

Trotzdem er jetzt einen wohlhabenden Bauer vorstellt, war er noch immer Sozialist. Er konnte sich nicht genug von den Vorgängen in Europa seit dem Kriege erzählen lassen. Eine starke Unruhe war in ihm. „Ich hätte wohl drüben sein mögen!“

„Ach Gott!“ fiel die Frau ein, „denken Sie nur, er will alles verkaufen, und wieder woanders neu anfangen, jetzt, wo wir uns endlich etwas leichter tun können!“

„Ja, es freut mich nicht mehr“; er schaute gelangweilt über seine herrlich stehenden Felder. „Wenn ich jemand finde, der sie mir gut abkauft, gebe ich meine Kolonie gleich her. Vielleicht gehe ich auch wieder nach Europa zurück.“

Ich mußte an die Tausende denken, die über den Ozean ziehen, die hier im Urwald unter schwersten Entbehrungen neu anfangen und denen ein Besitz wie der Schirachsche wie ein fast unerreichbares Ideal in der Ferne vorschwebt.

„Na, vielleicht überlegen Sie es sich noch,“ sagte ich ihm zum Abschied, „das Land hier scheint mir dem Tüchtigen doch noch immer die besseren Chancen zu geben.“

Ehe ich heimritt, machte ich noch seinem Nachbar einen kurzen Besuch. Er hatte gleichzeitig mit Schirach angefangen, aber es noch immer zu nichts gebracht, trotzdem er zwei große Söhne hat. Er schimpfte auf das Land und erzählte dann von seiner Zeit als Potsdamer Garde du Corps. Es war ganz augenscheinlich, daß er auf seine ehemaligen Unteroffizierstressen auf dem weißen Kragen auch heute noch immer stolzer war als auf seinen Hof und Feld und auf all seine Freiheit und Selbständigkeit als brasilianischer Bauer.

55. Brasilianische Landgesellschaften.

Porto da União.

Noch bei Morgengrauen fuhren wir bei Marcelino Ramos über den Fluß, der hier flußauf Rio Pelotas, flußab Rio Uruguay heißt. Dann ging’s quer durch Santa Catharina, fast einen Tag lang im Tal des Rio do Peixe entlang.

Die Bahn war erst seit kurzem wieder hergestellt, nachdem der Fluß den Damm unterspült und einen Personenzug von den Schienen heruntergeholt hatte. Reißend sah er noch immer aus, aber es war eine herrliche Fahrt an den tobenden, in Fällen und Stromschnellen sich überstürzenden Wassern entlang, die fast schmerzhaft blinkten und glänzten, sobald die Sonne auf ihnen lag.

Beiderseits des Flusses Wald. Wald in unendlicher Ausdehnung. Größtenteils brasilianische Koniferen. Mit ihren hohen, geraden Stämmen, die nur an der Spitze einen Kranz horizontal abstehender, spärlich mit Nadeln besetzter Äste tragen, sehen sie aus wie riesige Regenschirme, in deren Bezug ein Sturmwind bös gewütet hat.

An allen Bahnstationen Schneidemühlen und mächtige Stapel von Blockholz und Brettern. Aber so dicht stand der Wald noch, daß man sich fragte, woher denn all dies Holz eigentlich stamme.

An dieses Tal grenzen die Ländereien der wichtigsten brasilianischen Kolonisationsgesellschaft, der Kompanie Hacker. Und alsbald liegen in allen Waggons die Prospekte und Pläne dieser Kompanie, die zum Kauf ihrer Ländereien einladen.

Überall in Südbrasilien, in Hotels, auf den Bahnen trifft man die Propaganda dieser Landgesellschaften, und man begegnet so vielen ihrer Agenten, daß man sich fragt: „Woher nehmen diese Gesellschaften all das Geld nur allein für ihre Propaganda; wie teuer muß der Kolonist schließlich das Land bezahlen, oder wie billig muß der Kompanie seinerzeit die Konzession zu stehen gekommen sein!“

Die Frage der Einwanderung ist nicht zu trennen von der der Landgesellschaften, insbesondere da bei weiterem Anschwellen des Einwandererstromes die Kolonisation der brasilianischen Staaten keineswegs reicht, alle Landsuchenden mit geeigneten Ländereien zu versorgen. Dazu kommt ein anderes. Die am günstigsten gelegenen Ländereien an den Bahnen und Strömen sind zu einem großen Teil in den Händen von Kolonisationsgesellschaften, die sich häufig diese Komplexe sicherten, als sie durch einen mit ihnen liierten einheimischen Politiker von bevorstehenden Bahnkonzessionen erfuhren.

Es ist der Fall möglich, daß der kapitalkräftige Siedler vorteilhafter ein teueres Los bei einer Landgesellschaft erwirbt, als Land vom Staate zu geringerem Preis. Der Anteil der Transportkosten ist sehr groß. Der Sack Mais in Kolonien an der Bahn, mit kurzen Frachten zu den Hauptabsatzgebieten, ist beispielsweise etwa 11 Milreis wert, bei schlechteren Verkehrsverhältnissen kann er bis zu 7 Milreis und weniger heruntergehen, während in tagereisenweit von der Bahn abgelegenen Urwaldkolonien mit obendrein schlechten Wegverhältnissen der Händler dem Kolonisten nicht mehr als 2 Milreis für den Sack bietet.

Man braucht nicht lange in Brasilien zu reisen, um von den verschiedensten Seiten die widersprechendsten Urteile über ein und dieselbe Gesellschaft zu hören. Nach dem einen sind ihre Leiter sämtlich die gemeinsten Betrüger und Blutsauger, nach dem andern sind sie die reinen Wohltätigkeitsanstalten, und die Einwanderer können gar nichts besseres tun, als sich ihnen sofort und blindlings anzuvertrauen. Man wird ja sehr rasch lernen, ungerechte Erbitterung und Verärgerung auf der einen wie Interessenverknüpfung auf der andern Seite zu erkennen. Allein trotzdem ist nichts schwerer, als sich über die Qualitäten der einzelnen Gesellschaften ein zutreffendes Bild zu machen.

Die Preisunterschiede zwischen den Ländereien der Kolonisationsgesellschaften und des Staates sind sehr erheblich. Während staatliche Kolonielose von 25 Hektar in Paraná für 350 Milreis zu haben sind, und selbst in Rio Grande mit seinen hohen Landpreisen Staatskolonien nicht mehr als 1000, allerhöchstens 1500 Milreis kosten, muß man an Kolonisationsgesellschaften 2-3000 zahlen, es sei denn, daß es sich um Kolonien in ganz abgelegenen Gegenden handelt, wo schon Land für 5-800 Milreis zu haben ist.

An Kosten hat die Landgesellschaft im allgemeinen nur die für Vermessung und Wege hineingesteckt. Die in den Prospekten enthaltenen Angaben über Kirche, Schule usw. bleiben allzu häufig nur auf dem Papier.

Im Gegensatz zu den Staatskolonien wird aber streng auf Trennung von Nationalität und Konfession geachtet. Brasilien sucht gleich allen andern südamerikanischen Staaten in seinen neuen Kolonien möglichst die verschiedenen Nationalitäten zu mischen, allerdings überall mit dem gleichen Mißerfolg -- national geschlossene Kolonien kommen wirtschaftlich stets rascher voran. Dagegen halten die auf rein privatwirtschaftlicher Grundlage basierenden Privatkolonien größtenteils auf Scheidung. So hat zum Beispiel die Hackergesellschaft nicht nur streng voneinander geschiedene Kolonien für Deutsche und für Italiener, sondern auch Kolonien für protestantische und katholische Deutsche. Ebenso wie in Südchile ist ja die Gegnerschaft der beiden Konfessionen gerade unter den deutschstämmigen Elementen unvergleichlich größer als in Europa. Wo man auf möglichst alle Landinteressenten spekuliert, wie es bei neuen, abgelegenen Kolonien geschieht, legt man wenigstens die verschiedenen Nationen auseinander. So siedelt beispielsweise die Petri-Meiersche Kolonisationsgesellschaft in ihrer neuen großen Kolonie Affonso am Paraná im Nordteil nur Italiener, im Südteil nur Deutsche an. Für beide Nationen ist auch von vorneherein ein eigener Stadt- und Hafenplatz vorgesehen. In dieser Kolonie hat sich übrigens ein Teil der mit der „Argentina“ in Buenos Aires eingetroffenen deutsch-ostafrikanischen Pflanzer angesiedelt.

Das Haupttätigkeitsfeld der Kolonisationsgesellschaften liegt in Santa Catharina und Paraná, teilweise auch in São Paulo. Neuerdings wird eine wachsende Propaganda für Matto Grosso gemacht. Nach den Prospekten ist Land und Klima überall herrlich, und viele mögen auch zufriedenstellende Käufe gemacht haben. Die Rio Grandenser Bauern kaufen z. B. viel von Kolonisationsgesellschaften. Allein für Unerfahrene bestehen doch große Gefahren. Es gibt gewissenlose Landgesellschaften, deren Geschäft hauptsächlich darin besteht, den Käufer um die Anzahlung zu bringen. Das verkaufte Land liegt dann entweder in einer Fiebergegend, oder hat keinen Absatz. Der Käufer muß es aufgeben, und die Anzahlung, meist ein Drittel des Kaufpreises, verfällt.

Überhaupt ist in bezug auf Fieber die größte Vorsicht geboten. Von Kolonisten wurde mir gegenüber beweglich geklagt, daß ihnen selbst eine so alte und renommierte Kolonisationsgesellschaft wie die Hanseatische Fieberland verkauft habe. Auch Hacker erlebte mit Fieberland ein böses Fiasko. Er hatte eine riesige Konzession am Paraná-Panema erworben. Aber das Fieber wütete dort so schlimm, daß bereits der größte Teil der Vermessungskolonne hinsiechte und sich nur ein kleiner Teil retten konnte.

Mit mir im Kupee saß ein junger Rio Grandenser Bauer, der sich auf der Staatskolonie Cruz Machado Land ansehen wollte. Hatten es ihm die lockenden Prospekte angetan, oder war er anderer Einwirkung erlegen, jedenfalls sah ich ihn in Capinsal, der ersten Hackerkolonie, mit einem andern Herrn aussteigen und Richtung landeinwärts nehmen.

So mag wohl etwas daran sein an der Mahnung an die Landsuchenden, die in allen Prospekten wiederkehrt, doch ja auch bis zu der empfohlenen Kolonie zu fahren und sich nicht etwa unterwegs von dem Agenten einer anderen Landgesellschaft beschwätzen zu lassen, um bei ihr sich Land anzusehen und zu kaufen.

Diese Mahnung sollten Einwanderer weitergehend dahin auslegen, überhaupt zunächst von keiner Landgesellschaft Land zu kaufen, ehe sie es nicht auf Grund eigener Erfahrungen über Bodenkultur- und Absatzverhältnisse zu beurteilen vermögen.

56. Fahrt auf dem Iguassu.

Porto Almede.