Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 16
Nach Passieren Dutzender von Grenzen bin ich über den Nutzen von Paßkontrollen ein wenig skeptisch geworden. Ich glaube nicht, daß durch sie unerwünschte Elemente tatsächlich wirksam ferngehalten werden; es kommt nur auf eine Belästigung der Harmlosen heraus. Aber die Einnahmequelle für den Staat dürfte nicht unerheblich sein, und so wird es einstweilen bei der Notwendigkeit von Pässen bleiben.
Der Weg zum Bahnhof, am andern Ende der Stadt, dehnte sich. Die niederen Häuser standen in übermäßig breiten Straßen so weit auseinander, daß es nicht den mindesten Schatten gab. Dazu ging es hügelauf, hügelab. Aber wenn man aus dem völlig flachen Argentinien kommt, ist schon das Sensation, und auf den Hügeln, die die Stadt säumen, stand sogar ein wenig Wald.
Aber die weite Fahrt war vergeblich. Der Zug ging erst am andern Morgen. Nicht einmal mein Gepäck konnte ich nach São Paulo aufgeben. Ich hatte es vorausschicken wollen, um, von ihm nicht beschwert, nur mit ein wenig Handgepäck zu reisen. Im Staate Santa Catharina hatte es eine Überschwemmung gegeben. Der Regen hatte den Bahnkörper weggerissen. Wann er wieder hergestellt sein würde? Ein Achselzucken. Man kann mit Booten passieren, meinte ein dritter.
„Überhaupt, es gibt nur Karten bis zur Landesgrenze“, erklärte der Stationsvorstand. --
Brasilien ist Bundesstaat; man merkt erst, wenn man im Innern reist, wie sehr sich die einzelnen Staaten voneinander abschließen und wie stark die Rivalitäten zwischen ihnen sind.
Das Hotel war eine Bretterbude. Es gab ein besseres, aber ich wollte landesüblich reisen. Ich mochte wohl als der vornehmste Gast gelten; so erhielt ich das letzte Fremdenzimmer in der Reihe. Um dorthin zu gelangen, mußte man durch alle andern hindurch. In dem ersten lagen ein paar Gauchos gestiefelt und gespornt auf den Betten, im zweiten saß eine Familie mit kleinen Kindern zu Tisch, im dritten stand ein junges Weib mit aufgelösten Haaren mitten im Raum. Das Haar war ein wenig fett, aber lockig und von einem ins Blaue spielenden Schwarz. Es fiel in Ringeln um ein ebenmäßiges, olivbraunes Gesicht. Wie zwei lebendige, verwunderte Fragen standen dunkle Augen darin. Daneben lag hinter einer löcherigen Tapetenwand mein Zimmer. Ich stieß die Fensterläden auf, um die schwüle stickige Luft hinauszulassen. --
Nach dem Abendessen bummelte ich noch ein wenig durch die nachtdunkle Stadt; vor allem wollte ich eine Gelegenheit für ein alltägliches, unvermeidliches Bedürfnis suchen; in solch kleinen Orten haben nur die vornehmsten Häuser ein eigenes Lokal dafür. Eine stockdunkle Straße war gerade geeignet. Zur Seite schien, ein wenig tiefer, eine buschbestandene Wiese zu liegen. Ich wollte schon hinabspringen, als ich plötzlich anhielt und erst mit dem Stock sondierte. Er fand keinen Grund. Ich warf einen Stein und hörte erst nach einer Weile ein klatschendes Aufschlagen. Es war ein Sumpf. Die Straße fiel in steilem Sturz jäh dahin ab. Ich überlegte, wie ich wohl wieder herausgekommen wäre. --
Später traf ich den Spanier, den ich auf der Station kennengelernt. Wir bummelten über die Plaza. Aus dem Café drang Musik. Das Kino warf einen frechen Lichtkegel auf die Straße. Einen Augenblick glaubte ich das olivbraune Profil meiner Nachbarin zu sehen. Dann spazierten wir wieder unter den dunklen Bäumen.
„Ach, Sie sind Deutscher!“ rief er aus, „ich hielt Sie für einen Engländer.“ -- Mit einemmal war er wie ausgewechselt. „~Muy amigos los alemanes!~“ Er schloß mich in die Arme.
„Die Deutschen sind unsere Freunde! Wen sollten wir sonst haben? Die Engländer? Die Franzosen? Die alle wollen nur etwas von uns, aber die Deutschen -- Und schließlich werden die Deutschen doch noch siegen.“
Um uns flanierte eine müßige Menge.
„Sehen Sie nur die Leute hier; hier und überall. Aber die Deutschen arbeiten. Ein Volk, das arbeitet, kann nicht zugrunde gehen, nie!“
Die zerfetzten Töne des letzten Operettenschlagers aus Rio wehten vom Café her über die Plaza.
51. Deutschbrasilianer.
Santa Maria.
Gaucholand -- die südliche Hälfte von Rio Grande do Sul, des südlichsten Staates der brasilianischen Union, ist damit gemeint. Die Brasilianer selbst nennen sie so, halb verächtlich, halb anerkennend. In jedem Fall heißt es etwas Fremdes. Gaucho, Pampa, das ist argentinisch, nicht brasilianisch. Und argentinisch ist fremd, fast feindlich.
Auch in Brasilien gibt es unendliche Flächen, unzählbare Herden, aber das ist im Innern, in Matto Grosso, in Gegenden, die dem Brasilianer in Rio oder São Paulo fremder sind als Europa. Brasilien heißt Urwald, Plantage, Reis und Baumwollfeld, Kaffeepflanzung.
In Kurven schmiegt sich die Bahnlinie den Hängen an. Es ist ein Paktieren mit der Landschaft. In Argentinien ist der schnurgerade Schienenstrang darüber gelegt wie ein Befehl. In Brasilien fehlt die grandiose Eintönigkeit der Pampa. Diese kahlen, grasbewachsenen Hügel sind eigentlich nur langweilig.
Gaucholand, Uruguay und Zentralargentinien, das ist geographisch eine Einheit. Ihre Vereinigung der gegebene Zielpunkt imperialistischer Politik am La Plata, zumal Gaucholand sich auch ethnographisch assimilieren ließe, denn hier fehlt das Negerblut, das der Bevölkerung der nördlichen brasilianischen Staaten seinen Stempel aufdrückt. Und selbst die Sprache zeigt Ähnlichkeit. Das Portugiesisch, das man hier spricht, ist dem Spanischen viel verwandter als das in Bahia oder Pernambuco gesprochene. In jedem Fall -- sollte je die argentinisch-brasilianische Rivalität um die südamerikanische Vorherrschaft in einem Krieg zum Ausbruch kommen, hier werden die ersten Entscheidungen fallen.
Argentinien hat Tanks in England bestellt. Nein, schnellfahrende Panzerautos wären das Richtige auf diesem Gelände, dessen feste Grasnarbe überall gute Fahrbahn bietet. -- Auf der Bank mir gegenüber sitzen Soldaten. Groß, blond, die deutsche Abstammung ist unverkennbar. Es sind Söhne deutscher Kolonisten aus dem Urwald.
Das kompliziert das Problem. Die dem Zentral- und Nordbrasilianer eigentlich wesensfremden Estancieros und Gauchos, die Viehzüchter und Viehhirten, bilden hier das nationale Element. Die Urwaldbevölkerung, die Kolonisten, die als eingesessene Bauern das wirtschaftliche Rückgrat von Rio Grande wie von Paraná und Santa Catharina bedeuten, sind fremdstämmig, sind deutschen, italienischen, polnischen, skandinavischen Ursprungs.
In welcher Richtung wird dieses zähkonservative Bauerntum politischen Einfluß nehmen, wenn es einmal zum Bewußtsein seiner Macht gelangt? -- Die Vereinigten Staaten von Brasilien, wie sie offiziell heißen, sind kein organisches Gebilde. Wenig Gemeinsamkeit besteht zwischen dem tropischen, fieberheißen Norden mit seiner Negerbevölkerung und dem gemäßigten Süden, in dem infolge des Fehlens der früheren Sklaven und der starken europäischen, insbesondere auch deutschen Einwanderung eine ganz andere Rasse im Entstehen ist. Immer wieder reiben sich die Rivalitäten aneinander, immer wieder tauchen Gerüchte auf, die von den Loslösungsbestrebungen der Südstaaten erzählen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn in den drei Südstaaten, die kulturell wie wirtschaftlich weitaus am höchsten stehen, das Gefühl entstände: wozu sollen wir mit unserer Arbeit, unsern Steuern die lethargischen Nordstaaten mit finanzieren und die Hauptlast der Bundesfinanzen tragen? Vielleicht liegt hierin mit ein Grund dafür, daß die Regierung in Rio de Janeiro die jetzt von Europa herüberkommenden Einwanderer möglichst nach den Staaten Bahia und Pernambuco zu lenken sucht. --
Kurz vor Santa Maria stieg ein Bauernbursch ein, so blond, so urwüchsig, so deutsch, daß ich ihn anreden mußte. Man hätte meinen können, er sei unmittelbar auf einer Station in der holsteinschen Marsch oder der Lüneburger Heide eingestiegen. Und nicht anders antwortete er, kurz, wortkarg, in keiner Weise Überraschung oder Freude äußernd, hier einen Landsmann zu treffen. Wie anders hatte doch vor wenigen Tagen der deutsche Pächter im nördlichen Uruguay auf ein deutsches Gesicht reagiert.
Aber hier ist deutsch ja das Alltägliche, das Normale. Die Pampa, das Gaucholand ist zu Ende, und die Waldberge haben begonnen. Ihre Bewohner sind Deutsche. Seit drei Generationen in Brasilien ansässig, aber immer noch Deutsche. Oft genug sprechen sie nicht ein einziges Wort portugiesisch, und ich habe öfters in Bahn oder Hotel für Deutschbrasilianer den Dolmetsch machen müssen.
Vor 60, 80 Jahren kamen die Großeltern der heutigen Generation als Siedler in den Urwald. Der reichte damals bis an die Küste. Und dort in der Gegend des heutigen Porto Alegre, Blumenau und Joinville fingen sie an. Meile für Meile haben sie mit der Axt den dichten Wald geschlagen. An seiner Stelle stehen heute große Städte, dicht besiedelte Dorfgemeinschaften, intensiv bebautes Feld. Die Kinder und Enkel wurden reich. Das einst wertlose Land wertet heute nach Zehntausenden von Milreis.
Die zuerst durch die Einsamkeit des Urwalds und den Mangel an Verkehrsmitteln bedingte Isolierung der fremden Siedler blieb bestehen, auch als von Urwaldeinsamkeit längst keine Rede mehr war und ein dichtes Bahn- und Straßennetz die einstige Wildnis durchzog. Die Brasilianer taten nichts, die Kolonisten zu assimilieren. Sie schließen auch die Kinder und Enkel der Einwanderer nach Möglichkeit von Politik und Anteilnahme an der Regierung aus, stören sie aber nicht in ihrem eigenen kulturellen Leben. So entstanden völkische Fremdkörper, Sprachinseln, nicht anders als die von Maria Theresia im ungarischen Banat angelegten deutschen Kolonien. Die deutschen Kolonisten bauten und unterhielten, nachdem sie die Anfangsschwierigkeiten überwunden hatten, ihre eigenen Schulen und Kirchen, sehr prunkvoll mitunter, stellten Lehrer und Pfarrer an und schlossen sich in sozialer Hinsicht ganz von den angestammten Bevölkerungselementen ab. Auf ihren Dörfern duldeten und dulden sie keine „Fremden“, wie sie die Brasilianer nennen, nicht einmal als Wirt oder Kaufmann, und wo sie stark genug und genügend viele das volle politische Bürgerrecht erlangt haben, dringen sie auch auf deutschstämmige lokale Behörden. Aber damit erschöpft sich, auch in den ältesten Kolonien, das politische Interesse. Dorfkirchturmspolitik.
So beruht denn auch alles Gerede und Geschreibe von einer großdeutschen Politik in Südbrasilien auf einer völligen Verkennung der wirklichen Verhältnisse. Ich glaube, die Deutschbrasilianer dachten in ihrer Masse nicht im entferntesten an eine politische Verbindung mit dem alten Mutterboden, und von einer eventuellen Annektion von Südbrasilien durch das Deutsche Reich wären sie, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit einer derartigen Angliederung, am allerwenigsten entzückt gewesen. So hat alles, was darüber geschrieben und gesprochen wurde, nur dazu gedient, böses Blut zu machen, die Feinde des Deutschen Reiches zu mehren, und es hat letzten Endes nicht wenig dazu mitgewirkt, daß Brasilien so rasch und willig in die Reihe unserer Gegner im Weltkrieg eingetreten ist.
Die Deutschbrasilianer sind Zwitterwesen. Sie sind keine Brasilianer im Sinne wie etwa die Deutschchilenen Chilenen sind, deren flammendes chilenisches Nationalgefühl mit dem der reinblütigen, alteingesessenen Nachkommen der spanischen Conquistadoren und araukanischen Indianer wetteifert. Aber sie sind noch viel weniger Deutsche. Sie hängen an der alten Heimat aus Tradition und aus einer sentimentalen Liebe heraus. Die wenigsten von ihnen würden dort überhaupt leben mögen oder können. Bei der großen Unbildung der Urwalddeutschen machen sich diese von den Verhältnissen in Deutschland, besonders nach der großen Wandlung des Krieges, kein auch nur entfernt richtiges Bild. Wie schlecht sie teilweise über die Lage in Europa unterrichtet sind, erfuhr ich erschreckend und doch wieder rührend durch die erstaunlich naive Frage eines Urwaldkolonisten, der mir folgendes sagte:
„Sagen Sie, Sie kommen doch jetzt aus Deutschland? Ist es wirklich wahr, was die Zeitungen hier immer wieder schreiben, daß Deutschland im Krieg verspielt hat?“
So konnte denn auch ein Aufstand der Deutschbrasilianer während des Weltkrieges zugunsten Deutschlands ernsthaft nicht in Frage kommen. Und wenn auch eine Weile die Möglichkeit bestand, daß die deutschen Bauern aus São Leopoldo bewaffnet nach Porto Alegre, der Hauptstadt des Staates Rio Grande do Sul, marschierten, so doch nicht im Interesse Deutschlands, sondern nur um die deutschen Landsleute dort vor den Ausschreitungen des Mobs zu schützen.
Die deutschen Kolonisten in diesem südlichsten Staat Brasiliens sind keine Brasilianer, aber sie sind Rio Grandenser oder vielmehr San Leopoldiner, oder Novo Hamburger, oder wie ihre Kolonie-Gemeinde heißen mag. Zäh wurzeln sie auf der Scholle, die sie dem Urwald abgerungen haben.
So gering ihr politischer Einfluß, so groß ist ihr wirtschaftlicher. Ihre Arbeitskraft und ihre wirtschaftliche Tüchtigkeit ist dem eingeborenen Element gegenüber so groß, daß sie dieses selbst auf seinem eigensten Gebiet, der Pampa, zurückzudrängen beginnen. Eine ganze Reihe deutscher Bauern hat angefangen, auch in der Pampa Land zu kaufen, um dort rationelle Viehzucht und Milchwirtschaft zu treiben. Ebenso sind die industriellen Betriebe in den Städten wie die Export- und Importhäuser zu einem großen Teil in den Händen von Deutschen.
Für die brasilianische Regierung besteht die große Schwierigkeit, sich dieses wirtschaftlich so außerordentlich wertvolle Element einzugliedern. Daß es auf dem nach der Kriegserklärung an Deutschland eingeschlagenen Weg der gewaltsamen Unterdrückung nicht geht, hat man bald eingesehen. Damals wurden deutsche Schulen, deutsche Zeitungen, deutsche Sprache überhaupt verboten. Allein dieses Verbot war, besonders was die Sprache anbelangt, von vornherein undurchführbar. Und andrerseits war es der Regierung selbst nicht so ernst damit; sie bemühte sich, die Deutschen gegen Ausschreitungen zu schützen. Schließlich hing alles von den lokalen Verhältnissen ab. Und während mancherorts die Deutschen böse Tage mitmachten, hat an anderer Stelle mancher Brasilianer, der sich abfällig über die Deutschen zu äußern gewagt hatte, ungesühnt seine gehörigen Prügel bezogen.
Nach dem Krieg wurden auch offiziell alle Beschränkungen aufgehoben, dagegen wurde die Bestimmung eingeführt, daß in den deutschen Schulen auch portugiesisch unterrichtet werden muß. Ich habe einmal einer Unterrichtsstunde in einer Urwaldschule angewohnt. Es war Rechenstunde, und der Lehrer stellte seine Fragen erst auf deutsch, dann auf portugiesisch. Allein da die Kinder zu Hause nur deutsch hören, und die Lehrer oft genug selbst nur mangelhaft portugiesisch sprechen, kann bei diesem Unterricht nicht viel herauskommen.
Eine wirksame Assimilierung der deutschen, ebenso der fast gleichstarken italienischen Kolonisten würde nur bei Vermischung durch Heiraten untereinander eintreten. Allein gerade in dieser Hinsicht schließen sich die Deutschen streng ab. Wie sie auf ihren Festen und gesellschaftlichen Veranstaltungen keine Brasilianer dulden, heiraten sie auch nur untereinander. Die Ehe mit dem brasilianischen Element ist verpönt; wie die wenigen vorliegenden Erfahrungen zeigen, übrigens mit Recht. Die brasilianische Frau stellt an den Mann Ansprüche, denen der kühler veranlagte Deutsche ohne Gesundheitsschädigung auf die Dauer nicht zu entsprechen vermag.
Trotzdem werden natürlich mit der Zeit, wenn nicht dauernd starker Zuzug kommt, deutsche Sprache und Kultur immer mehr verlorengehen, schon weil sich die starken klimatischen Einflüsse mit der Zeit geltend machen müssen. Wie diese auf die Dauer wirken, ist eine noch umstrittene Frage. Wenn die Deutschbrasilianer auch durchweg einen gesunden kräftigen Eindruck machen, so wird von ärztlicher Seite doch behauptet, daß sich bereits gewisse Entartungserscheinungen zu zeigen beginnen. Was besonders auffällt, sind die schlechten Zähne, denen man allerdings in ganz Südamerika begegnet. Die besser Bemittelten zeigen ähnlich den Nordamerikanern den Mund voll Goldplomben, während die Ärmeren bereits in jungen Jahren nur mehr bräunliche Stummeln haben. In jedem Fall besteht die Gefahr einer gewissen Inzucht; aus diesem Grund sind Reichsdeutsche bei den töchterreichen Kolonisten als Schwiegersöhne sehr beliebt, da sie -- wie man dort sagt -- „besseres Blut“ haben. --
In São Pedro steigt eine Negerin ein. Sie trägt schreiend bunten Kattun, lange Ohrgehänge, ihr Nacken ist wie aus Holzkohle geschnitten. Die Fülle ihrer Leiblichkeit droht durch die engen Wagenfenster aus dem Kupee zu quellen. Sie setzt sich unmittelbar neben die blonden, schlanken Soldaten. Beide sind gleichberechtigte Staatsbürger ein und desselben Landes.
52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande.
Santo Angelo.
Im Hotel „Stadt Hamburg“ hatten mich und meinen Reisekameraden die Wanzen gemeinsam fast aufgefressen. Das verbindet immer. Nun kamen wir im Zug zufällig wieder zusammen. Wir plauderten daher bereits als alte Bekannte miteinander.
Das Hotel „Stadt Hamburg“ war übrigens geeignet, meine bisherigen guten Ansichten über das Deutschbrasilianertum wieder aufzuheben. Im Vertrauen auf deutsche Sauberkeit hatte ich mich zu Bett gelegt. Sehr lange dauerte es nicht. Dann hatten mich die Wanzen derart zugerichtet, daß ich trotz aller Müdigkeit wieder aufwachte. Der Lokalaugenschein beim Kerzenlicht veranlaßte mich, das Schlachtfeld zu räumen. Ich zog mich an, um mich draußen auf den ziegelsteingepflasterten Hof zu legen. Einen neidischen Blick warf ich noch auf meinen fest schnarchenden Schlafgenossen. Die fettesten Wanzen krochen ihm übers Gesicht, daß es eine Lust war; er wachte aber davon nicht auf.
Ich hatte diese Gleichgültigkeit und Immunität gegen Ungeziefer trotz all meiner Reisen auf dem Balkan, in Galizien, Rußland und Polen noch immer nicht erreicht, und so jagten mich auf dem Hofe die Moskitos alsbald wieder hoch. Ich ging zurück ins Zimmer, um das Moskitonetz zu holen, das ich erst von Wanzen säubern mußte. Als ich glücklich soweit war und in das Netz eingewickelt auf den Fliesen lag, ging ein derartiger Platzregen los, daß ich schleunigst wieder ins Haus mußte. Mein Reisekamerad schnarchte immer noch unentwegt.
Im Zug erzählte er mir dann, daß man in ganz Südbrasilien kaum ein Haus finde, einerlei welcher Nationalität sein Besitzer, das nicht verwanzt sei; nach meinen späteren Erfahrungen mußte ich ihm darin recht geben. In dieser Hinsicht haben die Deutschen von der Lethargie der Einheimischen angenommen; schließlich ist es auch zum Verzweifeln, wenn keine noch so gründliche Säuberung hilft. Ist ein Haus glücklich ungezieferfrei, so ziehen die lieben Tiere nach wenigen Tagen aus dem Nachbarhaus wieder ein.
Mein Reisekamerad war vor dreiviertel Jahren eingewandert. Er war ein junger Bursch, der seine vier Jahre im Feld gewesen war und dann hinüberging, ohne jemand zu kennen, ohne von dem fremden Land viel mehr zu wissen, als daß dort Deutsche wohnen. Bei ihnen dachte er Arbeit und Brot zu finden.
Aber beinahe wäre er dabei verhungert. Die deutsch-brasilianischen Kolonisten sind wie alle Bauern gegen Fremde mißtrauisch und gegen deutsche Landsleute sind sie es ganz besonders. Die „Deutschländer“ gelten bei ihnen als arbeitsscheu und anspruchsvoll; es ist schwer zu sagen, wer schuld daran ist, einzelne Bauernfänger und Schwindler, die sich kurz nach Kriegsende in den deutschen Kolonien herumtrieben, sich als Kriegsteilnehmer ausgaben und die teilnahmsvolle Gutmütigkeit der Deutschbrasilianer für sich ausnützten, oder die deutschnationale Propaganda, die drüben mit allen Mitteln gegen das heutige Deutschland und insbesondere seine Arbeiter hetzt.
Genug, der junge Einwanderer zog vergeblich von Hof zu Hof, überall abgewiesen, bis er schließlich am Ende seiner Kräfte und seiner Mittel Arbeit und Unterkommen fand. Von da an war er gesichert; denn sein erster Arbeitgeber empfahl ihn weiter, und so zieht er jetzt, immer an Hand von Empfehlungen, von einer Kolonie zur andern.
An sich wäre Arbeit genug vorhanden, so daß es nicht erst einer Empfehlung bedürfen sollte, um sie zu bekommen. Am liebsten arbeitet allerdings der deutschbrasilianische Kolonist nur mit seinen Familienmitgliedern. Wenn von einem besonders reichen Bauern die Rede ist, so kann man oft genug hören: ja der, der hat auch fünfzehn Kinder!
Kinder sind hier eben noch Segen, auch im wirtschaftlichen Sinne. Jedes Kind mehr bedeutet bereits nach kurzer Zeit eine wertvolle kostenlose Arbeitskraft. Volkswirtschaftler, die die Ursache für Kinderreichtum oder Kinderbeschränkung ausschließlich in wirtschaftlichen Gründen suchen, werden in Südbrasilien die volle Bestätigung ihrer Theorie finden; denn hier ist Kinderreichtum die Regel. Familien mit einem Dutzend Kinder sind nichts Seltenes, und auch solche mit 15, 16 und 18 Kindern kommen häufig genug vor.
Aus diesem Grund zahlt der deutschbrasilianische Bauer auch ungern und nur möglichst niedrige Löhne, wenn er schon fremde bezahlte Arbeitskräfte beschäftigen muß. Bei freier Unterkunft und Verpflegung gibt es nicht mehr als 2 bis 2½ Milreis für den Tag. Um bei diesen Löhnen und den hohen Kosten, die Bahnfahrt und Hotel ausmachen, das zum Ankauf eigenen Landes erforderliche Kapital in absehbarer Zeit zu ersparen, muß man schon die eiserne Energie meines Reisekameraden haben, der mir voll Stolz erzählte, daß er noch niemals auch nur einen einzigen Centavo für Tabak oder Bier ausgegeben habe.
Inzwischen waren wir in Cruz Alta von der Hauptlinie abgezweigt und hielten nun in Ijuhy. Von der hochgelegenen Station sah man auf dem nächsten Hügel die sanft ansteigende breite Straße mit den sauberen Häusern, auf dem höchsten Punkt die große Kirche. Vor wenigen Jahren war noch alles Urwald.
Von hier aus wird von Pionierbataillonen die Bahn gegen das angrenzende argentinische Misiones vorgetrieben. Die bisher fertiggestellte Strecke bis Santo Angelo wird noch von Militär betrieben. Aus diesem Grund müssen wir jetzt nochmals umsteigen, trotzdem der Zug auf dem gleichen Geleise weiterfährt.
In den Wagen sind jetzt lediglich Deutschbrasilianer, alles Landsucher, Landkäufer, Neusiedler.
In Neuland fahren wir ein, als der Zug endlich mit sinkendem Tag sich wieder in Bewegung setzt. Links und rechts der Bahn kaum gerodeter Urwald, dazwischen gestreut schmale Parzellen von Mais und Tabak.
Von hier bis an den Grenzfluß Rio Uruguay ist noch jungfräuliches Land, die letzten Ländereien, über die Rio Grande do Sul verfügt. Kurz vor dem Krieg wurden hier noch deutsche Einwanderer angesiedelt, mit allen Vorteilen, welche die „Immigração“ gewährt. Heute hat man die Einwanderung gesperrt, d. h. nicht offiziell, nicht formell. Wer einwandern will, erhält Land zu den gleichen Bedingungen wie die Eingeborenen auch, nur Vorteile und Vergünstigungen werden nicht mehr gewährt.
Rio Grande will das noch verfügbare Land für seine eigenen Landeskinder vorbehalten. In erster Linie sind dies die deutsch-brasilianischen und italienisch-brasilianischen Kolonisten; diese brauchen viel Land. Der väterliche Hof wird ja nicht unter die Kinder geteilt oder einer erbt ihn und die andern ziehen in die Stadt, sondern jeder Sohn erhält zur Hochzeit einen Besitz mindestens in der Größe des väterlichen. Zu diesem Zweck kaufen die Bauern frühzeitig in den frisch vermessenen Urwaldgebieten Lose für ihre Kinder, auf denen diese nicht anders anfangen, als es ihre Eltern getan, es sei denn der väterliche Wohlstand bereits so groß, daß den Nachkommen unter Kultur stehende Kolonien aus zweiter Hand gekauft werden können.