Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 15
Diese letzte Besteigung war die kühnste von allen. Nach den ersten abgeschlagenen Versuchen, die Spitze zu erreichen, kehrten die beiden Männer, Dienst und Schulz, erschöpft in das letzte Lager zurück, das in einer Eishöhle aufgeschlagen war. Der Proviant war bis auf geringe Reste verzehrt. Die Träger, Bergarbeiter, konnten in ihrem Bergwerk nicht länger entbehrt werden, und man hatte sie mit den Decken und Schlafsäcken hinuntergehen lassen müssen. Die beiden gaben trotzdem den Versuch nicht auf. Da man noch eine Nachtrast im Eis ohne die Gefahr des Erfrierens nicht wagen durfte, ruhten sie den Tag über in der Sonne aus und gingen daran, mit Anbruch der Nacht beim Scheine des Mondes die Eisspitze zu erklettern. Nachdem sie Tag und Nacht geklettert, erreichten sie um 4 Uhr nachmittags in rasendem, eisigem Sturm die Spitze. Mit frosterstarrten Händen pflanzen sie eine kleine Fahne auf und müssen dann eilen, wieder hinunterzukommen. Vor sich haben sie keinerlei Stützpunkte mehr. Die Träger sind schon unten im Bergwerk. Da Gefahr besteht, daß sie in ihrem erschöpften Zustand den ganzen, auf dem Anstieg eingeschlagenen Weg nicht mehr leisten können, beschließen sie, auf gut Glück eine neue kürzere Linie zu versuchen, durch den großen Eisschlund, der sich zwischen dem Illampu und seinem 6560 Meter hohen Zwillingsgipfel Ancohuma auftut. Das Wagnis ist ungeheuerlich. Ist auf dieser Linie der Abstieg unmöglich, so fehlt den Erschöpften die Kraft, umzukehren und die Anstiegslinie wieder zu erreichen. Allein das tollkühne Wagnis gelang, und in etwa elf Stunden führten sie den Abstieg aus von den 6600 Metern des Gipfels bis zu 3260 Meter, wo das rettende Bergwerk sie aufnahm.
47. Mazamorra.
Arica.
Arme Mädel gibt’s, so unglückliche gibt’s... (~Hay pobres mujeres, hay tan desgraciadas!~) Mit Begeisterung sangen die Soldaten im Kupee, aber was dann folgte, konnte ich nicht verstehen, so laut kicherten die Indianermädel; es mußte wohl sehr unpassend sein, denn sie wurden rot, soweit das bei ihrer braunen Haut überhaupt möglich war, und stolz und triumphierend sahen sich die Soldaten um und fingen das schöne Lied immer wieder von vorne an.
Allein mit einemmal stockten sie mitten im Vers, es gab einen furchtbaren Ruck, alles purzelte durcheinander, der Zug stand. Die Gleise entlang liefen Leute, bauten einen Apparat auf, warfen einen Draht über die Telegraphenleitung und fingen an zu telegraphieren.
Ich stieg aus und ging nach vorn. Sehr weit über die Lokomotive hinaus kam ich nicht. Eine Mazamorra war heruntergebrochen. Ein unheimliches Bild: ein breiter, wandernder Strom zähen Lehmes, der sich die Hänge herunterwälzte. Fast sah es aus wie eine Heerschar von Ameisen oder wimmelnden Würmern, endlos, unaufhaltsam, unabsehbar.
Arbeiter kamen angelaufen, Scharen von Indianern, Spaten und Hacken über den Schultern, telegraphisch heraufgerufen von La Paz, das man noch unten im Grunde im Abendlicht verdämmern sah. Sie gruben und hackten, zogen Kanäle, daß das Wasser abfloß, und stauten den erhärtenden Schlamm beiderseits der Schienen. Ein Aufseher probierte, um den Weg abzukürzen, über die Morastdecke zu kommen; bis über die Knie sank er ein. Der Schlamm wollte ihn nicht wieder freigeben, wie mit Fesseln hielt er ihn gebunden. Grauenhaft, wenn einen auf einsamem Ritt in engem Tal die Mazamorra überfällt...
Am folgenden Morgen passierten wir fröstelnd die dichtverschneite chilenisch-bolivianische Grenze. Dann ging’s hinunter in rasender Fahrt, eine Spirale hinunter, in die brennend heiße Wüstenzone der Provinz Tacna.
Sand, Stein, Staub. Nackter Fels, glühend, in sengender Sonne. Keine Pflanze, kein Tier und im Gegensatz zu den Salpeterprovinzen weiter im Süden auch kein Mineral. Tacna ist das Symbol der Unfruchtbarkeit, und dennoch kämpften drei Nationen blutig um den Besitz dieser Provinz, heute noch streiten sie sich darum. Noch war keine Einigkeit um ihre endgültige Zugehörigkeit zu erzielen, und jeden Augenblick kann neu der Krieg ausbrechen, der die kaum zur Ruhe gekommene Wirtschaft dieser jungen, unruhigen Länder wieder auf Jahrzehnte vernichten würde. -- Mazamorra.
In Arica, der Hafenstadt der Provinz, wächst ein bißchen Grün, auf das man sehr stolz ist, und das blauende Meer hilft mit, die Trostlosigkeit der Landschaft zu überwinden. Vom Dampfer aus sieht man noch lange den Morro, den Steilfels, den die Chilenen im Pazifikkriege stürmten.
„Um des Morro willen, um des chilenischen Blutes willen, das diesen Fels gefärbt, können wir Tacna und Arica niemals wieder aufgeben“, hatten mir die Chilenen gesagt.
„Von diesem Fels“, erzählten mir die Peruaner, „stürzten die Chilenen die Gefangenen ins Meer hinunter. Diese Schmach wird erst gesühnt sein, wenn das rot-weiß-rote Banner Perus wieder über dem Morro flattert.“
Wer den Weltkrieg mitgemacht, kann nur traurig die Achseln zucken, kein Volk lernt vom andern.
Die schwarzen, feinen Striche der Langrohrkanonen heben sich noch lange vom klaren Himmel ab. Der Südchilene, der unverkennbar die Spuren deutschen Blutes im Antlitz trägt, streckt den hageren Arm aus und zeigt seiner Frau den Fels; als sechzehnjähriger Junge hat er ihn mitgestürmt. Die Frau an seiner Seite ist klein, zierlich, gazellenhaft, mit der pfirsichweichen, bronzebraunen Haut der Peruanerin. Um sie herum auf der auf dem Deck ausgebreiteten Matratze spielen drei blonde Kinder.
Auch die Frau an meiner anderen Seite ist bildschön. Einen Mann hat sie nicht, nur zwei schwarzlockige, schmutzige Kinder. Die Matratzenlager der beiden Familien pressen mein Feldbett so eng zusammen, daß kaum Raum daneben bleibt. Übervoll ist das Deck. Hier sagt man nicht „Zwischendeck“, geschweige denn „Dritte Klasse“, sondern einfach „Deck“. Die Schiffsgesellschaft gibt nicht mehr als das Recht, sich irgendwo auf dem Deck einen Platz zu suchen und dazu mittags und abends einen Löffel Bohnen. Dafür verlangt sie, für die Strecke von Arica nach Valparaiso, 85 chilenische Peso. Für den Gegenwert in Mark fuhr man im Frieden von Hamburg dorthin erster Klasse.
Ich fahre mit auf „Deck“ mitten unter den Rottos, den chilenischen Salpeterarbeitern. Es ist der beste Weg, sie kennenzulernen und zu erfahren, welche Strömungen die Massen bewegen. Immerhin, auf die Dauer ist das Vergnügen zweifelhaft. Wir fahren fast acht Tage, der Dampfer schlingert stark, alles ist seekrank. Auch alles übrige wird auf Deck erledigt. Meine Nachbarin, die ohne Mann, ist so seekrank, daß sie sich kaum rühren kann. So bleibt mir als Kavalier und schon im eigenen Interesse nichts anderes übrig, als ihr beizustehen. Dazu gehört auch, das Töpfchen über Bord zu gießen. Unter uns ist die erste Klasse. Manchmal weht der Wind stark schiffwärts. Dann werden die da unten von meiner Tätigkeit nicht sehr erbaut sein. Macht nichts, in der ersten Klasse können sie auch einmal etwas abbekommen.
Oben auf Deck ist alles rot, sozialistisch, maximalistisch. Man lebt nicht umsonst jahrelang in der Hölle der Salpeteroficinen. Sobald der Dampfer auf der Reede eines Hafens hält und es mit der Seekrankheit etwas besser geworden ist, wird eifrig diskutiert: Für und gegen Alessandri. Oder es wird gesungen, mit wahrer Inbrunst und Andacht. Die Frauen singen mit. Mitschiffs liegt neben ihrem Mann ein starkes, breithüftiges Weib. Die mächtigen Schenkel deckt nur ein dünner Rock. Sie hält ein schmutziges, abgegriffenes Heftchen in der Hand und sie läßt keine Strophe aus. Zu ihren Füßen spielt der Säugling. Als er zu schreien anfängt, knöpft sie die Bluse auf, legt die starken, gelblichbraunen Brüste frei und zieht, ohne die Stellung zu verändern, den Säugling heran, daß er daran liegt wie ein kleines Tier. Keinen Augenblick stockt dabei ihr Gesang, und in dem langgedehnten „~Socialiii-sta~“ liegt unendliche Hingegebenheit und inbrünstige Hoffnung.
Mit dieser Hoffnung und Inbrunst sahen sie Alessandri den Präsidentenstuhl besteigen. Noch trägt ihn dieser Glaube. Wird er ihn sich bewahren können?
Am Tage nach der Landung in Valparaiso bin ich in Santiago bei Alessandri im Präsidentschaftspalais. Er ist derselbe geblieben, der er als Kandidat des Volkes war. Ich wohne einer öffentlichen Audienz bei. Hunderte von Anliegen muß er in einem Nachmittag erledigen. Dabei liegt schon ein voller Arbeitstag auf ihm. Man merkt ihm weder Ermüdung noch Nervosität an; zu der ärmlichen Frau im zerrissenen Rock spricht er in gleicher Weise wie zum hohen Beamten.
„Sind noch viele Besucher da?“ fragt er den Adjutanten.
„Der ganze Saal ist voll.“
Aber Alessandri findet doch noch eine halbe Stunde für mich. Ich gehe von ihm mit dem gleichen Eindruck, den ich schon vor Monaten hatte, als er noch ein von allen besitzenden und führenden Schichten der Gesellschaft heftig befehdeter „Bolschewist“ war.
Die Aufgabe, die er sich gestellt, ist fast übermenschlich. Sie ist: einer kurzsichtigen, zäh an ihren Vorrechten festhaltenden oligarchischen Adelsclique soziale Reformen und Zugeständnisse rechtzeitig abzuringen, um zu vermeiden, was sonst unvermeidlich scheint: die Mazamorra, die anarchische, blutige, soziale Revolution.
Uruguay
48. Karneval in Montevideo.
Montevideo.
„Es gibt drei vollkommene Dinge in der Welt,“ meinte der Brasilianer, „die englische Flotte, das deutsche Heer und den Karneval in Montevideo.“
Wir standen auf dem Oberdeck der „Ciudad de Montevideo“. Pechschwarz waren Meer und Himmel, über die die Lichtzeilen der flammenden Straßen von Buenos Aires wie leuchtende Perlenschnüre auf schwarzen Samt gelegt waren.
Vorn am Bug rauschte das Wasser. Es dauerte eine Weile, bis ich antwortete. „Gibt? -- Gab!“
„Nun ja,“ meinte er, „es ist lange her, daß ich drüben war, vielleicht wird ‚es gab‘ auch noch einmal für die beiden anderen gelten.“
Es waren nicht allzuviel Passagiere an Deck. „Noch vor ein paar Jahren“, sagte mein Gegenüber, „mußte man sich um die Faschingszeit viele Tage vorher einen Platz sichern; aber heute bei den Preisen und den Paßschwierigkeiten merkt man den Ausfall.“
Aber am folgenden Abend auf der Plaza de Independencia war im treibenden Menschenstrom kaum durchzukommen. In der Mitte des Platzes blendete der Brunnen mit den wasserspeienden Seetieren, von tausend Glühbirnen überkuppelt. Und weiterhin die Avenidas auf und ab, Wappen, Girlanden, Ketten farbiger Glühbirnen von Haus zu Haus über die Straßen gespannt.
Vierzigtausend Peso hatte diese Illumination der Stadt gekostet. Vierzigtausend uruguaysche Goldpeso! Und darunter zog auf und ab die endlose Kette der Wagen, Reiter und Autos, Kostüme, Masken, phantastische Aufbauten, das unablässige Spiel von Dutzenden von Musikkapellen und das Kreischen der Frauen und Mädchen.
Knöcheltief watet man in Konfetti und Papierschlangen, mit Parfüm und Wasser bespritzt, einer zweifelhaften Errungenschaft südamerikanischen Karnevals, und man sieht dem Bemühen dieser Massen zu, sich krampfhaft zu amüsieren; denn im Grunde ist dieser südamerikanische Fastnachtsspuk unglaublich langweilig. Das geht nun schon Tage so, und dauert noch viele Tage, denn wenn der Südamerikaner feiert, dann feiert er gründlich, womit freilich nicht gesagt ist, daß er selten feiert, und so beginnen Umzüge und Bälle bereits vor Faschingsonntag und dauern lange über Aschermittwoch hinaus.
Um nichts zu versäumen, fangen die großen Maskenbälle erst um Mitternacht an, um die Stunde, zu der der Korso auf den Straßen endet. Auch auf diesen Bällen ist es nicht viel lustiger als auf der Straße, und ich gehe bald gelangweilt aus dem Teatro Solis, dessen Maskenbälle etwa den Münchener Bal parés im Deutschen Theater oder den Gürzenich-Festen in Köln entsprechen sollen.
Freilich eins kommt hinzu, der Fasching fällt auf der anderen Seite des Ozeans in den Sommer, ausgerechnet in die Hundstage, und auch die schönste Winterlandschaft, die man im Teatro Solis aufgebaut hatte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, daß das Thermometer über dreißig Grad zeigte.
Man hängt drüben merkwürdig zäh an Traditionen, wo man solche hat, und so muß auch das ganze Faschingstreiben sich in den glühheißen Straßen des Stadtinnern abspielen, statt draußen an der See, auf den wunderbaren Strandpromenaden, die Montevideo zu einer der reizvollsten südamerikanischen Metropolen machen.
Im Gegensatz zu Buenos Aires, das die Lehmflut des La Plata von der offenen See scheidet, liegt Montevideo am, fast möchte man sagen im, freien Meer. Ein sanft ansteigender Rücken schiebt sich in den Ozean vor, auf dem die Stadt errichtet ist, und von mancher Straßenkreuzung hat man gleichzeitig nach drei Seiten den Blick auf das strahlende Blau, das, -- mit dem Himmel sich verschmelzend, wie ein Kuppelhorizont die Stadt einschließt.
Montevideo ist nur die Hauptstadt der kleinsten der südamerikanischen Republiken, allein es ist gleichzeitig Weltbad, und darum die Anstrengung, seinen Fasching, seine Sommerfeste, seine Spielsäle zu Attraktionen für den ganzen Kontinent auszubauen.
Unmittelbar an die innere Stadt, an das eigentliche Geschäftsviertel grenzen denn auch die ersten Badehotels und Strandpromenaden; wunderhübsche große Gärten, weite Strecken feinen gelben Sandes mit Badehütten und mit Hunderten von Männern und Frauen in farbigen Badekostümen wechseln ab mit malerischen Felspartien, auf denen ein Einsamer in zerlumpter Kleidung nach Austern und Seemuscheln scharrt.
Wenn der offizielle Fasching auch noch im Stadtinnern tobt, so ist der inoffizielle doch schon an den Strand vorgedrungen, und in Pocitos, dem eleganten Badestrand, flaniert der Strom jener, die sich von der misera plebs zu trennen wünschen.
Man ist hier demokratisch in Südamerika, trotz aller Oligarchie und trotz aller Grenzen, die übermäßiger Reichtum aufrichtet. Aber da die Form gewahrt werden muß, kosten beispielsweise Strandkorb und Badekabine zu Füßen der Milliardärhotels von Pocitos und Carasco auch nur die gleichen zehn Cent wie auf dem Volksstrand von Ramires, und um sich zu separieren, bleibt den Reichen nichts anderes übrig, als die Badeorte immer weiter hinaus zu verlegen. Wer den weiten Weg nicht scheut, kann dort mit den hochgezüchteten Frauen aller Nationen baden und für die kurze Spanne am Strande als ihren Kreisen sich zugehörig wähnen. Denn um dort auch nur kurze Zeit zu wohnen, reicht mitteleuropäische Valuta nicht aus; das einfachste Zimmer ist nicht unter 20 Goldpeso für den Tag zu haben.
Die hell erleuchteten Fenster der Spiel- und Ballsäle werfen glitzernden Widerschein auf die pechschwarze Flut. Die breite, jetzt leere Autostraße schimmert violett, und der Schein der Bogenlampen sticht wie mit Dolchen in unergründliche Tiefen.
In der Stadt fahren noch die letzten buntgeschmückten Autos durch die Felder bunten Papiers. Die Masken drängen in die Ballsäle. Die Zeitungsjungen kommen angelaufen und schreien die ersten Ausgaben aus: „Blutiger Karneval in Buenos Aires. Die Höllenmaschinen im Ballsaal. Dutzende von Verwundeten.“
Noch druckfeuchtes Zeitungspapier gleitet aus achtloser Hand zu dem Wust von Papierschlangen und Konfetti, das die Straßenkehrer mit stumpfer Gleichgültigkeit zu großen Haufen zusammenfegen.
49. Quer durch Uruguay.
Rivera.
Nach durchfahrener Nacht war der Schnellzug von Montevideo nach Rivera an der Nordgrenze der Republik Uruguay immer leerer geworden. Trotzdem seit einigen Jahren die ununterbrochene Bahnlinie von Montevideo wie von Buenos Aires nach Rio de Janeiro fertig ist, gibt es zwischen den Hauptstädten der drei Staaten doch keinen durchlaufenden internationalen Verkehr. Frachten und Passagiere nehmen den Seeweg, der unverhältnismäßig rascher und billiger ist, von der größeren Annehmlichkeit ganz zu schweigen.
So gab es, nachdem wir Rio Negro und Tacuarembo passiert haben, nur geringen Lokalverkehr: Estancieros, Gauchos und Händler, die ein paar Stationen weit fuhren. Da man mir trotz eines anderthalbjährigen Aufenthalts in Südamerika und trotz aller Anpassung an die Landessitten den Gringo, den Fremden, doch immer noch ansah und solche auf dieser Strecke selten sein mochten, suchte jeder der Neuankömmlinge Anknüpfung und Gespräch. Es war immer die gleiche Frage, ob ich nicht von einem Frigorifico käme, um Vieh zu kaufen. Auch in Uruguay haben magere Jahre den fetten zu folgen begonnen. Die Viehpreise, die während des Weltkriegs schwindelnde Höhen erklettert, sind auf die Hälfte gefallen; und die Frigorificos, die großen Fleischgefrieranstalten, haben seit einiger Zeit die Käufe ganz eingestellt. Mit einiger Ungeduld wartet man auf dem Lande auf die Käufer.
Von den Viehpreisen glitt dann mit großer Regelmäßigkeit das Gespräch über die allgemeine wirtschaftliche Lage zu den politischen Verhältnissen im Lande hinüber. Draußen zog die Unendlichkeit der Pampa an den staubigen Scheiben vorüber. Seit ein paar Stationen hatte die endlose Steppe angefangen sich leicht zu wellen. Man sah Buschwerk und hie und da Bäume, ein bisher wie auch in der ganzen argentinischen Pampa nie erlebter Anblick. Im übrigen sind ja Argentinien und Uruguay nach Landschaft und Bevölkerung eine Einheit, wie ursprünglich die kleine Republik am Uruguay auch politisch ein Bestandteil der größeren Schwester am La Plata war. Aber die Rivalität Brasiliens machte sie zu einem selbständigen Pufferstaat, der in der Sorge, seine Selbständigkeit wieder zu verlieren, vor dem stammverwandten Nachbar Anlehnung an die große Republik im Norden sucht. An einer Kleinigkeit fällt diese politische Einstellung auf: man reitet in Uruguay nicht den argentinischen Sattel, sondern den brasilianischen, einen silberbeschlagenen Bocksattel mit darüber gelegter Schabracke aus schwarzem Schaffell. Wer weiß, welche Rolle der Sattel im Leben der Einheimischen spielt, wird auf solche Kleinigkeiten achten.
Aber diesmal sprachen wir nicht von der Animosität gegenüber Argentinien. Die Wahlen und der im Zusammenhang mit ihnen drohende Generalstreik waren erst seit kurzem vorüber, und die innerpolitischen Probleme beherrschten noch restlos die Gemüter. Mein Gegenüber erleichterte sich das Herz durch Schmähungen gegen die „Colorados“, die sich an der Macht behauptet hatten.
„Nun haben wir die deutschen Schiffe“, meinte er, „und könnten eine eigene nationale Dampferlinie damit einrichten, aber die unfähige Regierung weiß nichts damit anzufangen. Zuerst haben wir keine Kohle und, wenn wir Kohle haben, ist niemand da, der die Schiffe fahren kann. Es ist ein Skandal!“
„Sie sind also ein Blanco?“ -- so heißt die andere, bei den Wahlen unterlegene Partei --, warf ich ein.
„Ich bin weder ein Blanco noch ein Colorado“, war die Antwort, „die einen sind nicht besser als die andern.“
Der Schaffner war zu uns getreten und mischte sich in das Gespräch: „Es ist ganz einerlei, wen man wählt, die Mißwirtschaft ist unter allen Parteien die gleiche.“
Wie verloren stand das Vieh auf der Weide. In weiten Abständen voneinander spärliche menschliche Behausungen. Land und Bewegungsraum noch für Millionen. Hier bedarf es keines der Probleme, unter denen Europa sich zerfleischt. Wie reich ist dieses Land, niemand muß hier Not noch Sorge kennen.
Ich nahm das Gespräch wieder auf: „Aber wer wird denn aufräumen mit der Mißwirtschaft? Wer wird’s denn ändern?“
Der Schaffner stand vor mir, breit und massig, sehr adrett in peinlich sauberer Uniform, sehr honett und sehr bürgerlich.
„Wer es ändern wird, Herr“, er sprach sehr langsam, jedes Wort betonend, „wer es ändern wird? Die Bolschewiken werden es ändern!“
Das Wort stand einen Augenblick im Raum, ihn ganz erfüllend, unheimlich und unheilschwanger. Dann ging der Schaffner weiter, sehr ruhig, sehr honett und sehr bürgerlich. Mein Gegenüber sah aus dem Fenster. Auf der nächsten Station stieg er aus. Ein deutscher Farmer stieg an seine Stelle. Laut und lärmend begrüßte er in mir den Landsmann. Er hatte ein prachtvoll frisches, offenes Gesicht.
„Sollen nur recht viele rüberkommen aus Deutschland,“ meinte er, „zu kaufen ist ja allerdings schwer, aber zu pachten gibt es Land genug. Gutes Land, und billig.“ Er wies aus dem Fenster. „Hier die Chacra können Sie gleich pachten. Sollen nur recht viele kommen!“
Und er erzählte von dem Käse, den er nach Rivera brachte, und von dem Geschäft, das damit zu machen ist.
Wir liefen in Rivera ein. Die übliche Station, das übliche Bahnhofspublikum. Nur die angelsächsischen Gesichter der Angestellten des nordamerikanischen Frigorifico und ihrer Frauen brachten eine fremde Note hinein. Die Schatten standen kurz und schwarz auf grellweißem heißem Sand. Sonne, Wohlleben, Lebenlassen. Die Frigorificos kaufen wieder Vieh.
Brasilien
50. Abend in Santa Anna.
Santa Anna do Livramento.
Die Grenze führt mitten durch die Stadt. Es ist nur eine einzige, aber die eine Hälfte heißt Rivera, die andere Santa Anna do Livramento, und beide scheidet eine unsichtbare Mauer. Der Wagen, der in müdem Trott durch die sonnenheiße Stadt einen verzerrten Schatten nachschleift, hält. Im Türrahmen eines weißen Hauses lümmelt ein Neger mit Beamtenmütze. Grenzkontrolle.
Auch Brasilien hat angefangen, seine Grenzen zu sperren. Man braucht alle möglichen Visa und Zeugnisse. Der deutsche Konsulatsbeamte in Buenos Aires wollte mir unbedingt einen neuen Paß ausstellen. Ich wollte nicht; denn das kostet 56 Peso.
„Dann gebe ich Ihnen kein Visum.“ Er war sehr förmlich.
„Danke, brauche ich nicht.“
„Aber dann gibt Ihnen das brasilianische Konsulat auch keines.“ Er war sichtlich empört.
„Doch, wetten?“
Er wandte sich ab. Ich konnte froh sein, ohne Rüge fortzukommen.
Ich ging zum brasilianischen Konsulat und schickte dem Generalkonsul meine Karte hinein. Es war ein reichlich verfetteter, reichlich schwarzer Brasilianer. Hier unter den Argentiniern fällt einem der Rassenunterschied zwischen den beiden Völkern stärker auf.
Wir plauderten. Die Unterhaltung war sehr angeregt, über Brasilien, die beste Reiseroute, meine nächsten Pläne. Dann zeigte ich meinen Paß.
„Der genügt doch?“
„Selbstverständlich.“ Er sah gar nicht hinein. „Morgen können Sie das Visum holen.“
Mir liegt wenig daran, recht zu behalten. So schenkte ich mir einen zweiten Gang aufs Konsulat, um dem Beamten den trotzdem vidierten Paß zu zeigen. Vielleicht tue ich dem Mann auch unrecht, vielleicht haben die deutschen Konsulate Weisung, nach Möglichkeit Paß- und Visumgebühren einzunehmen. Schön, aber manchmal fällt es einem schwer, den Ausdruck „Wurzerei“ zurückzuhalten, besonders wenn sich dies Verfahren gegen frisch Herübergekommene wendet, die sich nicht zu helfen wissen und für die zehn oder zwanzig Peso ein Vermögen bedeuten. So traf ich später in Brasilien einen jungen Deutschen, der nach Argentinien ausgewandert war. Er fand keine rechte Arbeit und wollte nach Brasilien. Aber das deutsche Konsulat gab ihm kein Visum, da der Paß nicht auch für Brasilien ausgestellt war. Er mußte sich einen neuen Paß ausstellen lassen. Das kostete ihm seinen letzten Notpfennig.
Inzwischen war der Neger bei meinem Wagen angelangt und begann die Koffer abzuladen. Drinnen saß ein zweiter, nicht viel hellerer Brasilianer hinter einem Tisch. Er sah mich und dann meine Koffer an und nickte. Die Neger begannen das Gepäck wieder hinauszuschleppen. Ich wollte meinen Paß ziehen, aber er winkte nur zur Tür. Die Störung seiner Siesta hatte ihm augenscheinlich bereits lange genug gedauert.
Als das Pferd wieder anzog, war ich eigentlich etwas enttäuscht. Also auch das brasilianische Visum wäre überflüssig gewesen und das neue Impfzeugnis dazu, das ich mir in Buenos Aires besorgt hatte, nachdem ich mich zuletzt noch in dem chilenischen Hafen Arica hatte impfen lassen müssen.
Eigentlich ist es lächerlich. Kommt man zur See in Rio oder Santos an, so braucht man alle möglichen Führungszeugnisse und Atteste, auf dem Landwege aber wird nicht einmal nach einem Paß gefragt. Dabei ist Montevideo eine offene Einfallspforte, denn die Republik Uruguay kennt noch keinerlei Paßzwang.
„Wir sind sehr freiheitlich und sehr demokratisch“, hatte mir der uruguayische Konsul in Buenos Aires stolz gesagt.