Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 14

Chapter 143,459 wordsPublic domain

So ging es hintereinander durch drei Schluchten. Dazwischen schwer passierbare Engen, wo man auf und ab über Granitblöcke und Felsgeröll klettern mußte. Kurz vor meiner Reise las ich den Roman eines bolivianischen Autors, Alcides Arguetas, in dem dieser Weg im Fluß die Hauptrolle spielt und seine Passage als gefährlichstes Abenteuer hingestellt wird. Freilich, wenn die Wasser fallen und wenn von den Felsen herunter die „Mazamorra“ hereinbricht, der gefährliche Bergrutsch, dann mag es eine verteufelte Lage sein in den Angosturas, in denen man gefangen ist wie in einem unentrinnbaren, tückischen Käfig.

Und trotzdem die Sonne schien, war auch ich im Grunde recht froh, als ich die letzte Enge passiert hatte und am Horizont des sich weitenden Tals das stark leuchtende Grün von Tirata vor mir sah, der ersten Finca am Fluß.

43. Die Seele des Indio.

La Paz.

Allerseelen. Die Glocken läuten. Übervoll sind die Kirchen. Man ist fromm und gut katholisch in Bolivien. In der Mitte auf den Bänken die Frauen und Mädchen der „Weißen“, olivbraun, im dunklen, den Kopf einhüllenden Manto, die sonst auf dem Prado flirtenden Augen auf das Gebetbuch gesenkt.

Die Orgel erklingt. In Seide und Gold eifert von der Kanzel der Priester: „Denkt der Verstorbenen, betet für ihre Seelen!“ Ja, ja, es sind die Malquis, die Toten, die wiederkommen und in ihre alten Körper schlüpfen, wenn man an sie denkt, unsichtbar zwar, aber darum nicht weniger wirklich. Sie sind mächtige Geister jetzt, die schützen und strafen können. Man darf ihrer nicht vergessen. Auch der Priester sagt es.

Es ist ein großes Fest, das für die Toten. Seit acht Tagen ist der Markt übervoll, weit über die Straßen hinaus gequollen, die er gewöhnlich füllt. Zu den Gemüsen und Früchten, die sonst feilgeboten werden, zu den Ocas, Tuntas und Chunos, zu den Bananen, Orangen und Limonen, zu den Ananas, Paltas und Datteln, zu dem Charqui, dem getrockneten Hammelfleisch, und dem Aji, dem brennend scharfen roten Pfeffer, sind noch als Votivgegenstände hinzugekommen die goldbemalten, nackten Holzpuppen, weiß natürlich, mit hellblondem Haar, Lamas und Puppen aus Teig. Vor allem aber sind Kuchen aufgebaut, über das Pflaster ausgebreitet, Kuchen in Hunderten von Arten und Formen, runde und eckige, Kringel und Brezeln. Ein europäischer Weihnachtsmarkt ist armselig dagegen.

Es wogt von roten, grünen, blauen, orangenen und violetten Ponchos und Sayas, den bunten Überwürfen der Männer und Frauen. Und die Indianer kaufen und kaufen. Der Indianer, der sonst für einen „Bob“ stundenweit die schwerste Last schleppt, der für ein Zehncentavostück als Draufgabe eine Viertelstunde lang in der demütigsten, jämmerlichsten Weise betteln und winseln kann, wirft heute mit den Fünf- und Zehnpesoscheinen nur so um sich. Er, der sonst armseliger vegetiert als ein Hund, lebt und arbeitet ja nur für seine Feste. Um wenige Tage zu schlemmen und zu prassen, darbt er ein Jahr lang.

Mit riesigen Körben kommen die Indianer und kaufen, kaufen, bis die Behälter übervoll sind und sie zu zweit, zu dritt und viert schleppen müssen. Aber man muß sich gut vorsehen. Die Toten kommen ja wieder, nehmen Gestalt an, essen und trinken mit. Sie sind tüchtige Esser und wackere Zecher, die Toten.

Wenn man feiert in Bolivien, tut man es nicht unter einer Woche. Am Tage vor Allerheiligen geht man zuerst auf den Friedhof, und erst sechs Tage danach verklingt die letzte Rohrflöte.

Natürlich ist das Fest auf dem Friedhof. Dort wohnen ja die Toten, und man muß zu ihnen kommen. Ist es entheiligend, zwischen Gräbern zu schmausen, zu zechen und zu tanzen? Ach nein, höchstens fremdartig für ungewohnte Augen; denn die Toten, der verstorbene Vater, der verschiedene Gatte, das tote Schwesterchen sitzen ja mitten darunter, essen und trinken mit, lachen, scherzen und freuen sich mit den Lebenden.

Ein lebensgefährliches Gedränge herrscht vor dem Friedhof, der hoch über der Stadt liegt und einen Blick auf das Eis- und Felspanorama der Anden bietet, der sich mit dem schönsten in der Welt messen kann. Auto auf Auto rattert heran. Wo kommen sie nur alle her? Und in ihnen leuchtet es in bunten Farben. Was sonst barfüßig, lastenschleppend über das holperige Pflaster trottet oder von früh bis spät auf dem Markt oder in den kleinen Kramläden auf dem Boden hockt, kommt heute im Auto daher. Besonders die Cholas, die Mischlingsfrauen, prangen in ihrem ganzen Staat. Seidene Tücher über weit abstehenden, kurzen Brokatröcken, graue oder lichtgelbe elegante Schnürstiefel, die bis über die halbe Wade reichen, die Ohrläppchen heruntergezogen von den schweren Perlengehängen. Auch die Indianerinnen, die sonst von Schmutz starren, sind heute in neuen, bunten Tüchern. Es flimmert, leuchtet und flammt in allen Farben.

Kaum kann die Kette der Schutzleute vor dem Gittertor des Friedhofes die Masse bändigen. Man ist zivilisiert in La Paz und duldet die tollsten Orgien nicht auf dem Friedhof. So trifft man eine Auswahl unter denen, die hineindürfen.

Diese Glücklichen lassen sich zwischen den Gräbern nieder. Erst ein Gebet, dann werden die Körbe ausgepackt. Wie riesige farbige Blumen sehen die kauenden, schmausenden Frauen in ihren bauschigen Röcken zwischen den niederen Miniaturgewölben auf den Gräbern aus.

Das andere Volk aber lagert sich rings um den Friedhof. Er wäre ja auch viel zu klein, all die Tausende aufzunehmen. Bis weithin an den Rand der Puna, der Hochfläche, leuchtet es bunt wie Frühlingsblumen in den Wiesen und in den Gerstenfeldern.

In zwei in spitzem Winkel aufeinanderstoßenden Reihen sitzen sie, auf der einen Seite die Männer, auf der andern die Frauen. In der Mitte zwischen den Vorräten die einladenden nächsten Angehörigen der Verstorbenen. Eine alte Frau teilt aus. Sie häuft die Teller: Kuchen, Früchte, Zuckerrohr. Die bereits Bedachten warten mit dem Teller auf den Knien, bis alle versehen sind. Dann ein Gebet und ein Kreuzschlagen, und mit einem Ruck werden als erste die Schnapsgläser geleert, die zwischen Kuchen und Früchten standen.

Ja, Schnaps! Das ist ja das Wichtigste. In mächtigen Blechkannen wurde er heraufgeschleppt. Und ein Mädchen steht auf, macht die Runde mit solch einem Blechtopf und schenkt immer wieder ein.

Lallen und Rufen, Schwelgen und Lallen, und dazwischen das monotone Murmeln von Gebeten. Bis irgendwo die erste Flöte erklingt, und der erste Tanzrhythmus anhebt. Einer steht auf: „Unser Toter war fröhlich in seinem Leben, und er will, daß auch wir es sind.“ Das ist das Zeichen zum Tanz. Freilich die hauptstädtische Polizei schließt früh die Friedhofstore. So zieht sich der zweite Teil des Festes immer mehr auf die Felder, die Umgebung und in die Häuser zurück.

Hier aber tönen jetzt in der Dämmerung überall die Rohrflöten zu den großen Trommeln. Und wer es hat, leistet sich noch ein paar Blechinstrumente dazu.

Inkamusik! Uralte Melodie. Sie kennt nicht mehr als fünf Noten. Es ist ein monotoner, aber unheimlich aufreizender Klang. Ein Rhythmus, der das Blut peitscht.

Sie tanzen. Ein einförmiges Stampfen und wildes Drehen. Die Röcke fliegen. Die Köpfe schaukeln im Takt. Nicht Ordnung noch Regel gibt es bei diesem Tanz. Da tanzen Mann und Weib, erhitzen sich immer mehr, greifen sich, fassen sich bei den Händen, wirbeln eng aneinandergepreßt. Da tanzt ein Mann allein oder eine Frau. Oder einer greift sich zwei Frauen oder ein Mädchen zwei Männer.

Die Nacht fällt. Unermüdlich quäkt die Rohrflöte, dröhnt die Trommel. Das Blut brennt, die Leiber taumeln. Aus dem lehmgestampften Hof schwankt ein Paar hinaus. Männer werfen Mädchen zwischen den grünen Halmen der jungen Gerste zu Boden. „~Ya bailó~“, „sie tanzte schon“, sagt man von dem Mädchen, das seine Jungfernschaft verlor. Es ist keine Schande, im Gegenteil. Es ist Bestimmung und Wunsch der Toten. Tod fordert Zeugung. Die Flöte quäkt. So sproßt aus dem Fest der Toten neues, junges Leben.

44. Indianerwallfahrt.

Copacabana (bolivianisch-peruanische Grenze).

Sobald der Dampfer die Enge von Tiquina hinter sich hat, beginnt der Tag zu sinken. Wie eine dunkle Masse hebt sich bald über die Flut die Sonneninsel des Titicacasees, deren Zacken eben noch scharfe Konturen in den Horizont schnitten.

Dämmer und Nebel weben. Es ist, als stiegen Gestalten aus dem See, dessen Inseln und Ufer Sitz und Wiege der Urvölker des Kontinents waren. Seine Wasser spülen an die Kaimauern der längst versunkenen Metropole Tiahuanacu. Von der Sonneninsel aus traten die Inkas ihren Eroberungszug an. Schatten vergangener Zeiten umwallen das Schiff. Das Herz klopft lauter.

Plötzlich erklingen Glocken hell und stark. Der volle Mond steigt auf, die Nebel versinken, die Schatten zerreißen. Unmittelbar aus dem See erheben sich steile Felsen, dazwischen öffnet sich ein weites Tal, aus dem die Glocken tönen. Licht schimmert.

Copacabana, die Wallfahrtskirche, die als kostbaren Schatz die „heilige Jungfrau vom See“ birgt, nimmt jetzt den Platz ein, wo ehemals Inkapriester opferten. Die Glocken klingen lauter, der Spuk versinkt.

Wie ein mächtiger Tempel hebt sich der kuppelreiche Bau über die sich tief duckenden niederen Lehmhütten. Eine sauber gepflasterte Straße führt mitten hindurch. Plötzlich treten die Häuser zurück, ein weiter Platz öffnet sich. Hinter zinnenreichen Mauern liegt die Kirche. Geheimnisvolle Feuer flackern an ihrem Fuß. In dem ungewissen Dämmer erscheint der Bau wie eine phantastisch-gewaltige Burg.

Die Feuer vor der Kirche sind Garküchen, die köstlichen heißen Kaffee schenken. Die darumhockenden Indianerinnen weisen den Weg in die Pilgerhäuser, wo die gastfreien Padres den Wallfahrern kostenfreie Unterkunft gewähren.

Copacabana weist dieses Jahr nicht den sonst üblichen Massenbesuch auf. Der Dampfer war fast leer. Mitfahrer erzählen mir, daß sich in früheren Jahren die Passagiere Kopf an Kopf drängten. Revolution, Indianerunruhen, Kriegsdrohung mögen die Ursache sein, und vielleicht nicht zum mindesten die Verdoppelung der Tarife durch die Dampfergesellschaft. Teuerung auch hier.

Aber man genießt den Zauber dieses Ortes, der sich an landschaftlicher Schönheit mit den berühmtesten Wallfahrtsstätten des alten Kontinents messen kann, vielleicht noch mehr, wenn nicht alle Plätze von Menschen überfüllt sind. Und die Kirche wird trotz des geringeren Besuches nicht leer. Unermüdlich ertönt hier die Huldigung an die Jungfrau. Blumengeschmückt hebt sie sich auf ihrem Tragsessel über die Menge, im Blumenschmuck prangt die ganze Kirche. Das Braun und Gold der alten Altäre verschwindet völlig unter Rosen und andern Blumen.

Andächtig liegt die Menge auf den Knien, Indios und Cholas in bunter Anzahl. Dazwischen die Frauen, die ihre Kinder vom Rücken herabgenommen und vor sich gelegt haben. Die grellen Farben der Ponchos und Frauentücher leuchten wie bunte Flammen. Die Orgel tönt. Unermüdlich geht der Gesang: „Heilige Jungfrau Maria, Mutter Gottes, bitt für uns.“

Hinter der Kirche träumt der stille Frieden des Konvents. Die Inkablume läßt ihre roten Glocken hängen. Ein Brunnen rauscht.

Vor dem Tor hockt noch immer der zerlumpte Bettler, der sich, wenn jetzt der Tag zur Neige geht, enger in seinen zerrissenen Poncho wickelt.

Der Weihrauchduft hängt noch in den Kleidern, die Hymnen klingen nach im Ohr, als ich den Hügel hinansteige. Einen intensiven Goldglanz breitet die sinkende Sonne über die Landschaft. Wie sie jetzt in den See taucht, färbt sich seine Flut blutrot. Ein glühendes Kohlenbecken, liegt der See zwischen den Felsen. Krieg, Krieg, ruft das flackernde Rot, aber da tönen von unten herauf wieder Glocken. Das allzu grelle Licht verblaßt zu sanftem Rosa, und in stillem Frieden verscheidet der Tag. --

* * * * *

In seinem bekannten Werke über Südamerika bringt Jakob von Tschudi die Nachbildung einer Darstellung einer Prozession zur Ehre der Muttergottes von Copacabana. Die Originalzeichnung rührt von einem einheimischen indianischen Künstler her, und sie ist so eigenartig in ihrer naiven und doch bezeichnenden Schilderung, daß ich die Leser meines Buches mit ihr bekannt mache.

45. Indianeraufstand.

Copacabana.

Das Maschinengewehrfeuer war verhallt, die Revolution hatte gesiegt. Bewaffnete Aufständische an allen Straßenecken, die Gefängnisse voll von Ministern und Beamten der gestürzten Partei. Auf der Plaza von La Paz wollte das Viva-Rufen auf die neuen Machthaber kein Ende nehmen.

Aber mit sinkendem Tag legte sich der Jubel. Gerüchte rannten durch die Stadt, Gespenster. Begegnende tauschten hastige Worte: Was werden die Indios machen?

Die Indianer! Gewiß, die neue Revolutionsregierung hatte sich ja auch an sie gewandt. Recht und Freiheit allen Unterdrückten! Aber man konnte nie wissen. Auch als Bundesgenossen konnten sie gefährlich werden. War es nicht in der Revolution der neunziger Jahre, als die Konservativen gestürzt wurden? Damals hatte man die Hochlandsindianer bewaffnet; aber schließlich kannten sie weder Freund noch Feind, nur noch Blancos, Weiße, gegen die jahrhundertelang gebändigter Haß endlich Rachemöglichkeit fand. Eine ganze Schwadron, die sich, von den Indios gejagt, in eine Kirche geflüchtet, wurde dort abgeschlachtet, daß Fliesen und Pfeiler im Blut schwammen....

Die Nacht verging ohne Störung; -- auch die folgenden Tage. Aber die Gerüchte blieben. Auf der Puna, dem Andenhochland, waren die Indianer aufgestanden.

In graubrauner Monotonie dehnt sich die grandios-traurige Unendlichkeit des Hochplateaus. Auf den Stationen Militär, Gendarmen, Gefangene. Es sind nur einige Fincas, heißt es, auf denen die Indianer sich empörten, die Gutshäuser angezündet und die Verwalter niedergemetzelt haben. Man wird mit ihnen bald fertig sein. --

Hinter der Kühle des Kreuzgangs des Klosters am See, den blutrot die Inkablume umrankt, liegt das Zimmer des Priors. Wir sitzen beisammen und plaudern. Neben der Bettstatt steht ein Gewehr. Auch in den Zellen der Mönche sah ich die Waffe.

„Warum?“

„Man kann nie wissen“..., über das kluge, faltenreiche Gesicht huscht kaum merkbares Lächeln, „-- freilich, die Jungfrau von Copacabana ist unser bester Schutz. An sie werden sich die Indianer nicht wagen. Aber immerhin -- es ist besser so.“

Die heilige Jungfrau von Copacabana ist mehrere hundert Jahre alt. Die ersten bekehrten Indianer schufen sie. Vielleicht wollen sie kommen, sich ihr Eigentum wiederzuholen.

Längs des gegenüberliegenden Seeufers dehnen sich kilometer-, meilen-, königreichweit die Fincas Goytias. Ein typisch amerikanisches Schicksal: vom indianischen Maultiertreiber brachte er es zum vielfachen Millionär und einflußreichsten Manne im Staat. Heute liegen die Fenster seines Palastes in La Paz in Scherben. Er selbst ist landflüchtig.

Die Hörigen auf seinen Gütern, die er mehr bedrückte als jeder Weiße, trotzdem er oder vielleicht weil er eines Stammes, einer Rasse mit ihnen ist, witterten Freiheit. Sie standen auf und schlugen ihre Sklavenhalter nieder. Die Revolution hatte doch Freiheit und Gerechtigkeit gebracht!

Aber keine Revolution kann an den Grundlagen ändern, auf denen dieser Staat ruht. Es ist die harte Herrschaft über die Masse der Farbigen, die eine kleine Schicht ausübt, die sich Blancos nennt, in deren Adern aber viel Indianerblut fließt. Und so schickt auch die neue revolutionäre Regierung Truppen gegen die Empörer, muß es tun, um ihrer eigenen Existenz und Sicherheit willen.

Die Truppen tun ihre Arbeit wie immer. Kurz, blutig, grausam. Sie tun es, obwohl ihre Haut die gleiche Farbe aufweist, ihre Züge den gleichen Schnitt wie jene, auf die sie ihre Maschinengewehre richten, sie tun es, obwohl sie selbst auf eisig kalter, winddurchbrauster Puna auf dem Lehmboden armseliger Hütten das Leben empfingen und aufwuchsen.

Gefangene überall, an allen Stationen, auch in La Paz. Offen werden sie über den Markt geführt. Die grauen Uniformen säumen die bunten Ponchos ein, aber die Gesichter sind dieselben. Eigentlich ist es nur eine dünne Decke, die die Herrschaft der „Weißen“ trägt, fatalistischer Glaube an die Macht der Blancos und die Uneinigkeit der Ureinwohner.

In dem Bündel eines der Indianer, das dieser heimlich fortzuwerfen versuchte, fand man noch einen mit Chunos zusammengekochten menschlichen Arm.

Es ist ein uralter, unerbittlicher Haß, der sich unter sklavischen Formen verbirgt und der unter der Decke glüht.

46. Der amerikanische Himalaja.

La Paz.

Eines schönen Tages wird nach Bolivien ein findiger Yankee kommen, dessen Sinnen nicht nur auf Minen und Bergwerke, auf Kupfer und Zinn eingestellt ist, wie es bisher bei allen seinen Landsleuten war, sondern der auch einen Blick für die unendliche Schönheit der Landschaft übrig hat. Er wird zu seiner Überraschung finden, daß dieses von Fremden und Touristen noch kaum berührte Land dicht aneinanderreiht: eine Eis- und Bergwelt, gegen die die Schweizer Berge klein und ärmlich erscheinen, die Tropenwunder Indiens und die gesunde, trockene Hitze Ägyptens. Und dieses alles ist von New York aus -- sind erst einmal die Verbindungen ausgebaut -- nicht schwerer erreichbar als Europa. Dann werden sich dort, wo bisher nur ärmliche Indios ihre Lamas trieben, Kurhäuser, Hotels und Sanatorien erheben. In weniger als Tagesfrist wird man im bequemen, bald zu heizenden, bald zu kühlenden Aussichtswagen durch alle Klimate der Welt fahren können, und auf die bisher unersteigbaren Eisberge werden bequeme Bergbahnen leichten Zutritt ermöglichen.

Doch halt! Eine Schwierigkeit vergaß ich, eine Sperre, die die Natur zog und die vielleicht doch verhindert, daß hier auf dem Dache Südamerikas einmal der bevorzugteste Luftkurort der New Yorker „Upper Ten“ ersteht. Die bolivianische Hochebene, von der aus die Bergwände gen Himmel streben und von der schluchtartig abstürzende Täler unmittelbar in die subtropischen und tropischen Provinzen hinunterführen, liegt 4000 Meter hoch. Nur ein ganz gesundes Herz vermag diese Höhe zu ertragen, und selbst den Gesunden, Kräftigen fällt in der ersten Zeit oft genug die Soroche, die Bergkrankheit, an. Obwohl ich selbst ohne allzu fühlbare Beschwerden von Antofagasta aus diese Höhe erreichte, so bekam ich doch die ganze Gewalt der Bergkrankheit zu spüren, als ich allzu leichtsinnig bereits am ersten Tag auf den Vulkan Ollague zu klettern versuchte. Von seinem Krater trieb mich in 5000 Meter Höhe die Soroche zurück.

Später lernte ich auch die 5000-Meter-Zone ohne Atemnot und Herzbeklemmung erreichen. Allein die Beschwerden und Schwierigkeiten der dünnen Luft steigen im quadratischen Verhältnis mit jedem Meter weiterer Höhe, und so ist noch ein weiter Schritt von den 5000 bis zu den 6000 und 6600 Meter Höhe, die die Eisspitzen des bolivianischen Bergmassivs erreichen und überschreiten.

Hierin und in dem Mangel jeglicher alpiner Hilfsmittel, in dem Fehlen von Schutzhütten und Stützpunkten, in der Unmöglichkeit, Führer oder Träger zu beschaffen, liegt der Grund, daß die ganze Bergwelt der bolivianischen Fels- und Eisriesen bis heute so gut wie unerschlossen ist; der Anfang zu einer alpinen Erforschung wurde erst vor einigen Jahren gemacht.

Ein Unternehmen wie die geplante Besteigung des Mount Everest beschäftigte monatelang die ganze Welt. Aufsätze und Bilder von dieser Expedition gingen, trotzdem sie nicht zum Ziele kam, durch die Presse aller Länder. Von den erfolgreichen, kaum weniger schwierigen Versuchen aber, die ein paar junge, unternehmende Deutsche an die Eroberung der Eisspitzen des „amerikanischen Himalajas“ wagten, ist kaum über Bolivien hinaus Kunde gedrungen.

Vier Deutsche, Adolf Schulz, Rudolf Dienst, Eduard Overlack und Bengel, waren es, die während des Krieges auf dem 6405 Meter hohen Illimani die deutsche Fahne aufpflanzten. Rudolf Dienst und Lohse bezwangen außerdem den um ein weniges niedrigeren, aber noch schwerer ersteigbaren Huaina Potosi, während sich den Anstrengungen des unermüdlichen Rudolf Dienst im Verein mit Schulz schließlich selbst der höchste Berg Boliviens, der Illampu, beugen mußte, an dessen steilen Eiswänden im Jahre 1898 der englische Bergsteiger Sir Martin Conway gescheitert war.

Monatelang hatte ich in La Paz von meinem Häuschen aus, das wie ein Nest am Berghang hing, das Massiv des Illimani vor mir. Ich sah es morgens in dem intensiven Rot des Rosenquarzes aufleuchten und sah es über das schimmernde Weiß seiner Schneefelder und Gletscher und über den Purpur des Abendglühens bis in die tiefen Schatten der blauen Stunde verdämmern. Einmal umritt ich in tagelangem Ritt das ungeheuere Massiv dieses Bergblockes und erlebte, zwischen Palmen und Bananen reitend, das Märchenwunder, aus blauem und grauem Felsgetürm die blendend weiße Eisspitze des Berges in den tiefblauen Himmel stoßen zu sehen.

Um einen Begriff von den Schwierigkeiten der Besteigung des Illimani zu bekommen, muß man sich klarmachen, daß die indianischen Träger in blinder Gespensterfurcht vor den Berggeistern sich weigerten, die Gletscher zu betreten, daß Decken, Schlafsäcke und Lebensmittel unter der Firngrenze zurückgelassen werden mußten. Ohne genügende Mäntel, nur mit dem nötigsten Proviant wurde die Eisregion angegangen, nachts hockten die Bergsteiger frierend auf dem blanken Eis, tagsüber erklommen sie die Felsgrate und schleppten obendrein die schwere Fahnenstange mit der deutschen Flagge in der eiskalten, dünnen Luft.

Dabei empfingen die kühnen Besteiger, als sie nach ungeheueren Anstrengungen und Mühen schließlich wieder heruntergestiegen waren, zunächst nur Angriffe, Hohn und Spott. Es war mitten im Krieg, und man war um diese Zeit in Bolivien nicht sehr deutschfreundlich.

Die Behauptung der Bergsteiger, den Illimani bezwungen zu haben, wurde zunächst glatt als Lüge abgetan. Man suchte den Gipfel des Berges nach der angeblich dort aufgepflanzten Fahne ab, und als man sie nicht entdeckte, wurde von der Geographischen Gesellschaft von La Paz ein Dokument aufgesetzt, das das Nichtvorhandensein der Fahne feststellte und die Behauptung von der Ersteigung als unwahr zurückwies. Dieses Dokument sollte gerade im Observatorium der Jesuiten unterzeichnet werden, da stürzte einer der Herren, der nochmals mit dem großen Teleskop die Bergspitze abgesucht hatte, aufgeregt in das Beratungszimmer und schreckte die dort Versammelten mit dem Rufe: „Die Fahne ist da!“ Die Beleuchtungsverhältnisse hatten sich geändert, und tatsächlich konnte man deutlich die Flagge sehen.

Nun brach aber erst recht ein Sturm der Empörung aus, und unter Führung der alliiertenfreundlichen Presse entrüstete sich das ganze Land, daß man gewagt habe, die deutsche Fahne auf dem bolivianischen Berg aufzupflanzen.

Wochenlang dauerten diese Schmähungen und Angriffe. Die kühnen Bergsteiger ließen sich dadurch nicht anfechten. Es kam ihnen nicht auf den Ruhm, sondern lediglich auf die alpine Leistung an, und sie gingen darum nur noch unauffälliger an die weiteren Erstbesteigungen, die sie vorhatten. In der Folge wurde der unersteigbar scheinende Grat des Huaina Potosi bezwungen und endlich auch der höchste Gipfel Boliviens, der 6617 Meter hohe Illampu.