Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 13

Chapter 133,664 wordsPublic domain

Die beiden Goldsucher aus Pongo waren vor mir hergeritten. Sie wollten den Rio Peri nach dem gelben Metall absuchen. Als ich an den Fluß herunterkam, fand ich noch die Spuren ihres Lagers; sie selbst waren schon fort. Sie hatten wohl nichts gefunden, oder die Moskitos hatten sie vertrieben, wie mir ein vorbeireitender Administrator einer Finca erzählte.

Auf den Höhen merkt man übrigens nichts von Moskitos, und trotzdem ich Moskitonetz und Schleier mitführte, hatte ich noch für keines von beiden Verwendung.

Dagegen war es doch schon recht heiß. Ich war ziemlich spät von Coroico abgereist, und das ganze Yungasgebiet kennt keinen ebenen Weg. Ständig geht es auf und ab bei stärkster Steigung, und selbst wo eine Straße am halben Hang entlang führt, geht sie in Kurven auf und nieder.

Coroico, Coripata, Chulumani, das ist das Herz der Yungas. Hier sind alle Hänge entwaldet. Es gibt keinen Baum mehr, alles Banane, Kaffee, Coca, alles gleich schattenlos.

So kam mir die Finca halbwegs nach Coripata gerade recht, um während der größten Mittagsglut kurze Rast zu machen. Aber als ich mit dem Administrator ins Gespräch kam, stellte sich heraus, daß er drei Jahre in Weimar auf einer landwirtschaftlichen Schule gelernt hat. Seit den sechs Jahren, die er wieder zurück und in den Yungas ist, war ich der erste Deutsche, den er gesprochen. So lud er mich zum Bleiben, und ich nahm gerne an.

Die bolivianische Finca hat mit der argentinischen Estancia die Ausdehnung gemein. Zehntausende von Hektaren sind die Regel. Allerdings sind hiervon stets kaum ein paar hundert, oft kaum ein paar Dutzend Hektar bewirtschaftet. Alles übrige liegt brach, unerforscht, und die Grenzen kennt der Besitzer in der Regel selbst nicht.

Die Hacienda, der Komplex der Wohn- und Wirtschaftsgebäude, ist noch wesentlich einfacher als in Argentinien. Lebt in Argentinien der Patron kaum ein paar Wochen und Monate auf seiner Estancia, so kommt er in den bolivianischen Yungas kaum einmal im Jahr auf wenige Tage hinaus, oft nur alle paar Jahre. Der Administrator aber ist ein schlecht bezahlter Angestellter, für den ein einfaches Lehmhaus aus luftgetrockneten Ziegeln mit Wellblechdach genügen muß.

Dieses Haus mit einem Schuppen für die Coca und dem mit Schiefer ausgelegten Hof, in dem die Coca getrocknet wird, ist eigentlich alles: Irgendwelche landwirtschaftlichen Maschinen oder Geräte, totes oder lebendes Inventar gibt es nicht. Das Maultier für den Administrator, wenn es hoch kommt, eine Kuh, das ist alles. Das Arbeitsgerät bringen die Peone selbst mit; es besteht nur in Hacke und Schaufel. Eines fehlt freilich nicht, auf keiner Finca. Das ist die Kirche, und sie ist stets der stolzeste Bau, massiv aufgeführt mit Glockenturm und Glocken; denn der bolivianische Indio ist in erster Linie ein treuer Sohn der Kirche, und was er irgend erspart, führt er außer dem Alkohol zunächst dem Pfarrer zu, den er reichlich mit Geschenken regaliert. Jede Messe auf einer Finca bringt dem Geistlichen nie unter einigen hundert Peso an Gebühren und Geschenken ein.

Rings um die Finca herum liegen in kleinen Bananenpflanzungen die rohgebauten, niederen Lehmhütten der Kolonen, der Hörigen. Jede Finca verfügt ja über ihre bestimmte Zahl höriger Indianerfamilien, die zur Arbeit für den Patron verpflichtet sind, und der Wert jedes Grundbesitzes richtet sich auch nach der Zahl der auf ihm ansässigen Kolonen. Man kauft und verkauft eine Finca nicht nach Hektaren oder Quadratleguas, sondern nach der Zahl der Kolonen, und im allgemeinen wertet jede Kolonenfamilie tausend Peso.

In rein mittelalterlich-feudaler Weise spielt sich auch die Arbeit auf der Finca ab. Jeder Kolone ist verpflichtet, zwei, drei oder vier Tage, je nach der althergebrachten Gewohnheit, für den Grundherrn zu arbeiten. Diese Arbeit ist nicht nur völlig unentlohnt, der Kolone muß auch noch Arbeitsgerät und Arbeitstiere selbst stellen. Er ist ferner zu unentgeltlichem Dienst im Hause des Patrons verpflichtet. Jede Kolonenschaft stellt allwöchentlich einen oder mehrere Pongos als Hausdiener. Ebenso wählt sich der Patron, beziehungsweise der Administrator aus der Reihe der Frauen und Mädchen allwöchentlich eine Mitani als Haus- und Küchenmädchen. Verreist er, will er etwas besorgen lassen, in der Stadt etwas kaufen oder verkaufen, so stellen die Kolonen so viele Apiris, wie er benötigt, um ihn auf ihren Mulas zu begleiten oder die Besorgungen zu erledigen.

Als Entgelt für diese Dienste erhalten die Kolonen Land zugewiesen, das sie in ihrer freien Zeit bebauen. Jeder Indianer hat denn auch seine Bananenpflanzung, von der er in der Hauptsache lebt, sein Cocal, sein Cocafeld, dessen Erträgnisse seine sonstigen Bedürfnisse decken müssen.

Am nächsten Morgen in aller Frühe hatte ich Gelegenheit, den ganzen Betrieb kennenzulernen. Es war Frontag, und der Hilacata, der Kazike oder Aufseher der Indianer, trat mit den Kolonen auf dem Hofe an. Dann ging’s zur Arbeit, Männer und Frauen getrennt.

Wir gingen erst zu den Männern, denen die schwere Arbeit obliegt. Es galt, neues Land für ein Cocal zu roden. Büsche und Bäume, die den Hang deckten, waren bereits abgebrannt, und jetzt waren die etwa dreißig Indios in langer Reihe dabei, mit Hacke und Schaufel die Wurzelstöcke zu entfernen. Langsam arbeitete sich die braune Kette den Berg hinauf. Vor ihnen stand in buntem Poncho, das fast meterlange Messer im Gürtel und das schwarzglänzende Haar bis auf die Hüften herabhängend, der Hilacata.

An anderer Stelle waren die Frauen dabei, im Cocal das Unkraut zu jäten. Auch hier ein Hilacata-Stellvertreter als Aufseher.

Am Abend saßen der Administrator und ich auf der luftigen Veranda beisammen. Hinter dem scharfen Bergrücken, zu dessen beiden Seiten Coripata wie ein Raubvogelnest klebt, verflammte der Abend. Aus dem dunklen Laub des Gartens heraus sah man das Leuchten der Orangen. Dahinter ließen gleich müden Pferden die Bananen ihre früchteschweren Köpfe hängen. Von den Indianerhütten her klang monoton eine Rohrflöte.

„Ständiger Ärger mit dem Pack!“

„Nun, ich glaube, jeder europäische Gutsbesitzer würde blaß vor Neid über solch billige Arbeitskraft. Entlassung geht ja nicht gut, wenn jeder Arbeiter seine tausend Peso wertet, und Lohnabzug gibt’s auch nicht. Was machen Sie denn, wenn die Leute widersätzlich sind oder faul?“

Er sah erstaunt auf. „Aber dafür hat man doch die Peitsche!“

„Die Peitsche?“

„Aber natürlich, glauben Sie denn, es ginge anders? Selbstverständlich habe auch ich eine, oder vielmehr zwei, eine dicke für die Männer und eine dünne für die Frauen.“

Ich mußte wohl ein sehr ungläubiges Gesicht gemacht haben. Denn er meinte: „Wenn Sie es nicht glauben, kann ich ja einen auspeitschen. Ein Grund findet sich immer.“

Ich dankte. Aber am nächsten Tag frug ich in Coripata den Munizipalsekretär, wie es eigentlich mit dem Recht der Fincabesitzer wäre, ihre Kolonen zu schlagen.

„Ein Recht“, meinte er, „besteht selbstverständlich nicht. Aber kein Richter oder Polizeipräfekt wird etwas dagegen einzuwenden haben, wenn ein Patron oder Administrator seine Indianer schlägt, in mäßigen Grenzen natürlich. Aber ab und zu muß der Indianer seine Prügel haben, damit er nicht verdirbt.“

40. Der Gastfreund.

Irupana.

Das Zimmer war das übliche, vier bis fünf Meter im Quadrat, weißgetünchte Wände, lehmgestampfter Fußboden, ohne Fenster, nur durch die Tür Licht und Luft erhaltend.

Wir saßen beim Abendessen, wir, d. h. der Hausherr und Gastgeber, mein Reisekamerad und ich. Die Frau des Hauses, eine Chola, den geschwefelten Strohhut auf den straffen, schwarzen, langen Zöpfen, die nackten Beine hellbraun und schlank, aß wie üblich nicht mit, sondern bediente die Männer. Von dem, was wir übrigließen, fütterte sie die Kinder, die, zwei- und vierjährig, vergnügt und halbnackt auf dem Boden herumkrochen, um dann selbst den Rest stehend in einer Ecke zu sich zu nehmen.

Mein Reisekamerad hatte mich mitgenommen, d. h. die Kameradschaft war recht kurz. Wir waren eine Strecke zusammen geritten, waren zusammen in den Regen gekommen und hatten uns dann gemeinsam in einer Chacra an den dort überreichlich wuchernden Orangen gestärkt, nachdem wir vergeblich nach dem Besitzer gerufen.

Aber solche kurze Bekanntschaft genügt hier zu Gastfreundschaft. Es ist das Merkwürdige, daß es hier in einsamer Gegend am Ende jeder Tagereise eine Posada gibt. Aber in Ortschaften fehlt oft genug jede Unterkunftsmöglichkeit. Wozu auch? Wer hierher kommt, hat selbstverständlich seine Geschäftsfreunde oder sonstigen Bekannten, bei denen er nächtigt, wie umgekehrt sie bei ihm, und andere Reisende gibt es nicht. Wohl hatte ich einen Empfehlungsbrief von der Regierung an alle Behörden. Aber von allen Behörden war augenblicklich niemand da, und so wäre ich fast in peinliche Verlegenheit gekommen, da die Nacht schon hereinbrach, wenn nicht mein Reisekamerad mich zu seinem „Compadre“ mitgenommen hätte, der ihm Gastfreundschaft gewährte. Dies geschah mit der größten Selbstverständlichkeit und natürlichsten Liebenswürdigkeit, und in der gleichen Weise nahm mich der Compadre auf, als kennten wir uns seit Jahren und als wäre es gar nicht anders denkbar.

Die junge Cholafrau war ein selten zartes, schlankes Geschöpf mit feinem braunem Gesicht, und es wirkte merkwürdig, wie sie demütig, sklavenhaft an der Wand lehnte und den Rest der Suppe löffelte, während wir um den Tisch vor vollen Fleischschüsseln und gefüllten Biergläsern saßen. Aber das ist nun einmal Landesbrauch.

Nach Tisch gingen wir ins Café an der Plaza: ein kleines Zimmer, Stühle und Tische, augenscheinlich aus den verschiedensten Häusern zusammengeliehen, ein Billard und in der Ecke auf einigen über Kisten gelegten Brettern die Bar. Es gab nur Schnaps; denn die Frachtführer hatten seit langem aus La Paz kein Bier gebracht. Aber gleichwohl war der Raum übervoll, und es mußte wohl ein sehr gutes Geschäft sein; Ausstattung und Betrieb waren mehr als wildwestartig primitiv und der Besitzer Schenk- und Zahlkellner wie Barkeeper in einer Person.

Als wir heimgingen, zerbrach ich mir schier den Kopf, wie wohl die Unterbringung für die Nacht sein sollte; denn ich wußte, daß das Haus aus einem einzigen Raum bestand, an den sich nach rückwärts nur ein offenes Dach anschloß, unter dem gekocht wurde. Allein unsere Gastfreunde schienen keine Schwierigkeit zu sehen. Als wir zurückkamen, lagen die Kinder schon schlafend auf der Bank, und uns beiden wurde, als sei es gar nicht anders denkbar, das einzige Bett als Schlafstätte angeboten. Natürlich lehnten wir ab. Aber es bedurfte erst eines endlosen Hin- und Herparlamentierens, bis sich unsere Wirte endlich fügten und die Frau des Hauses die Kinder von der Bank wieder ins Bett legte. Während wir auf Schaffellen auf dem Boden unser Lager bereiteten, legte sie mit größter Ungeniertheit Rock und Bluse ab, schlüpfte zu den Kindern, ihr Gatte dazu, und bald hörte man nichts als tiefe ruhige Atemzüge.

Die Luft war stickig; denn die Tür war fest geschlossen. Dazu machte sich bald das übliche Ungeziefer bemerkbar, trotzdem ich meinen Schlafsack so voll Insektenpulver geschüttet hatte, daß ich selbst kaum schnaufen konnte.

Mein Reisekamerad wachte auf, und so kamen wir ins Gespräch, flüsternd, während vom Bett in der Ecke her das Atmen der Familie zu uns herüberdrang.

Mir war schon unterwegs das eigenartige Braun und der scharfe Schnitt der Züge meines Reisekameraden aufgefallen, und so fragte ich ihn, woher er stamme.

„Araber, aus Damaskus; nach dem ersten Balkankrieg kam ich herüber.“

Ich mußte plötzlich daran denken, wie ich in den Dezembertagen jenes unglücklichen Krieges vor dem verzweifelten Angriff der Bulgaren auf Tschataldscha bei dem Ritt an die Front unweit Derkeskoj jenem frisch aus Damaskus eingetroffenen Araberregiment begegnete, das sich in Aussehen und Haltung so sehr von den bei Kirkilisse geschlagenen und nach der Tschataldschalinie zurückflutenden Türkentruppen unterschied.

Ich fragte ihn, ob er jenem Regiment angehört, und als er bejahte, folgte Erinnerung auf Erinnerung an jene Zeit und Gedankenaustausch über das, was dann kam, den Weltkrieg, den Zusammenbruch, den Sturz des Kalifats und das Sinken des Halbmondes.

Es war eine seltsame Unterhaltung, die sich in dem engen, finsteren, schwülen Zimmer entspann, während vom Bett her jetzt lautes Schnarchen herüberdrang und das unruhige Hin- und Herwerfen der von Ungeziefer geplagten Kinder.

„Ich gehe jetzt bald wieder hinüber“, meinte der Reisekamerad.

„Wohin?“ fragte ich. „In Konstantinopel sind die Engländer, in Kleinasien Griechen und Italiener, in Syrien die Franzosen.“

„Allah wird es wenden...“ Er brach ab. Aber es war, als füllte sich plötzlich das Zimmer mit einer unheimlichen, die Wände sprengenden Kraft, und als dröhnten in der Ferne Trommeln und wieherten Rosse.

Als ich am nächsten Morgen bei grauendem Tag weiterritt, war es unmöglich, den liebenswürdigen Wirten Bezahlung aufzudrängen. So hing ich wenigstens der Kleinsten eine Holzperlenkette um den Hals, die ich vorsorglich in mein Gepäck getan.

Dann reichte ich dem Araber die Hand. Wir wußten, daß wir beide dasselbe dachten, und so brauchte es zum Abschied nur das eine Wort „Inschallah! -- Gott gebe es!“

41. Auf einer Zuckerrohrplantage.

Cañamina.

Im hochgelegenen Irupana war es kühl gewesen, wie an einem bewölkten Frühlingstag in Deutschland. Aber hat man den Paß hinter sich, ist stundenlang über den sanft sich senkenden Rücken geritten und hat den Abstieg in scharfen Serpentinen zum Bett des Rio de La Paz hinunter vollendet, eines bei La Paz entspringenden Quellflusses des Beni, so wird es wärmer und wärmer. Ab und zu sieht man zwischen Büschen, an deren Stelle mehr und mehr Palmen treten, den Fluß heraufschimmern, ausgegossen zwischen die steilen Felsmauern wie flüssiges Blei. Das erstemal erschrickt man, wenn man dieses zwei- bis dreihundert Meter breite, mattfarbene Band erblickt, -- wie soll man da hinüberkommen? Aber bald sieht man, daß es das sandige, steinige Flußbett ist, das der Fluß nur in einzelnen schmalen Linien durchzieht.

Es wird schwül wie in einem Gewächshaus. Seltsame Pflanzen schießen zu beiden Seiten des Weges hoch. Haushohe Kakteen von einem weißlichen, verwitterten Graugrün, die aufeinandergetürmt sind wie Reste zerbrochener Säulen oder wie unheimliche, schlanke Monolithe. Von ihren Stacheln hängt ein seltsames fahlgrünes Moos herunter, das auch alle andern Bäume und Pflanzen zu überziehen beginnt, eine Wucherpflanze, zäh wie Draht, die auf alle Äste und Zweige klettert, das letzte Grün der Bäume erstickend, bis von den gebeugten, sterbenden Stämmen gleich Greisenbärten nur mehr das tückische Moos hängt, und sie, bis ins Mark zerfressen, zusammenbrechen.

Unten im steinigen Flußbett aber glüht und brennt die Sonne zwischen den hohen Felsmauern wie in einem Feuerofen.

Sorgfältig die Spuren zwischen den Steinen lesend, sucht und findet man die Furt. Bis über den Bauch geht dem Tier die schmutzig braune Flut.

Jenseits mündet ein Tal. Zwischen Urwaldrankwerk führt ein schmaler Pfad. Bald darauf ein Bananenhain und Bambusrohrhütten. Vor einer der Hütten hockt eine alte Negerin, vom Halse herunter hängt ein Kropf, nein, ein Dutzend Kröpfe, in der schlaffen Haut liegen sie wie Bälle in einem Netz. Ein junges Weib neben ihr platt auf dem Bauch, die straffen Brüste vor sich ausgebreitet und an jeder einen Bengel säugend.

Es sind Neger, die hier arbeiten, des Fiebers wegen, das den Indianer gleich dem Weißen angreift. Hier beginnt die königreichgroße Finca des Sindicato Industrial, die erste Finca des Syndikats „Miguillo“. Der Weg zur Hacienda führt durch eine Allee von Sisalagaven, ungeheuern Pflanzen, die ihre harten, scharfen, spitzen Blätter wie Schwerter über den Weg strecken, so daß es schwierig erscheint, unverletzt dazwischen durchzukommen.

Von hier an beginnt das lichte Grün des Zuckerrohrs, sich in der Ferne wie eine unendlich frische, saftige Wiese von der dunklen Tönung des Waldes abzuheben.

Kreuz und quer über den Fluß, bis das Tal sich weitet, die Hügel zurücktreten und mitten im lichtesten Grün zwischen Palmen und Orangenbäumen die blanken Wellblechdächer der Hacienda Cañamina, des Hauptsitzes des Syndikats, in der Sonne blinken.

Wo sengende Sonne und Wasser im Überfluß zusammenkommen, da wächst die Caña, das Zuckerrohr. So viel Wasser braucht die Pflanze, daß selbst der reichliche Regen hier in den Yungas nicht ausreicht und zwischen den Reihen der bambusartigen Stauden ständig die Fluten künstlicher Bewässerung rinnen müssen, welche die von den Bergen herunterstürzenden Gießbäche speisen.

Einundeinhalbes Jahr braucht das Zuckerrohr bis zur Reife, bis die Neger oder Indianer tagtäglich mit ihren meterlangen, schweren, breiten Messern in die Cañaverales, die Zuckerrohrfelder, hinausziehen, um das Rohr zu schneiden.

Harte Arbeit; denn glühend sticht die Sonne, und unermüdlich umschwirren die Arbeiter Schwärme bissiger Moskitos. Aber immer gibt es Ruhepausen, in denen das süße Rohr eifrig geschält und gelutscht wird. Da sieht man überall die schmatzenden, kauenden Gruppen die dicken Stengel zerbeißen, und aus den Mundwinkeln trieft der schwere süße Saft.

Bald geht man über schwankendes Gewirr hochgehäufter Rohre, bis die Mulas kommen, um sie zur Mühle zu schaffen.

Auch für die Mühle ist der hundert Meter hoch herabstürzende Gießbach belebende und treibende Kraft, der in enge Röhre eingezwängt zum Peltonrad hinunterschießt, um die Trapiche, das Walzwerk, zu treiben, zwischen dem die Caña bis auf den letzten Tropfen ausgepreßt wird.

Während sich das trocken ausgelaugte Rohr in hohen Haufen stapelt, um später als Feuerungsmaterial unter den Kesseln zu dienen, rinnt der Huarapu, der durch die Trapiche ausgepreßte Saft, in große Bottiche, in denen er sich zum Most wandelt, bis auf mancherlei Umwegen durch Destillation und Rektifikation als Endprodukt der Alkohol gewonnen ist.

Auch hier ist es nicht Zucker, der aus der Caña erzeugt wird; Alkohol bringt mehr Geld. Er bringt viel Geld. Die Lata zu 20 Liter wird zu 43 Peso verkauft, mitunter steigt der Preis bis auf 75 Peso. Ein Hektar mit Caña bestellt, produziert etwa 130 Latas Alkohol. Es muß ein glänzendes Geschäft sein.

Der Administrator ist auch sehr zufrieden und er denkt daran, den Betrieb zu vervielfachen. Der Alkoholbedarf im Land nimmt auch ständig zu. Der Administrator ist ein außerordentlich liebenswürdiger Wirt, und so unterlasse ich denn, daran zu erinnern, daß ein ganzes ehemals gesundes, kräftiges Volk langsam am Alkohol zugrunde geht.

42. Weg im Fluß.

Tirata.

Das Wasser stieg höher und höher. Jetzt reicht es schon über den Gurt. Aber schlimmer war noch die rasende Gewalt, mit der es zwischen den Granitblöcken einherschoß. Schwer kämpfte das Tier. Jetzt glitt es, sank. Schon fühlte ich seinen Kopf neben dem meinen, schwamm frei im Strom.

Aber als, statt zu versinken, der Maultierkopf noch immer an meinem Gesicht schnupperte, erwachte ich langsam aus dem Traum. Schaukelnd lag ich in der zwischen einem Eukalyptus und einer Kaktee ausgespannten Hängematte, und „Jutta“, meine Maultierstute, die ich neben dem Lager angebunden hatte, stieß mich ärgerlich mit dem Kopfe, da sie augenscheinlich ihre abendliche Ration aufgefressen hatte und mehr haben wollte.

Über mir glitzerte am tiefdunklen Nachthimmel die ganze Überfülle des südlichen Sternhimmels, und langsam kam die Erinnerung zurück.

„Reiten Sie auf keinen Fall allein durch den Fluß. Sie kennen die Furten nicht, und dann: wir sind schon weit in der Jahreszeit, von einem Tag auf den andern können die Wasser kommen.“

So hatte der Administrator von Cañamina dringend abgeraten. Aber ich hatte mir nun einmal in den Kopf gesetzt, den Weg über den Rio de La Paz zu nehmen, der eigentlich gar kein Weg ist, sondern ein Wandern im Flußbett mit hundertfältigem Kreuzen des Flusses, und stellenweise führt der Weg überhaupt mitten im Fluß, weil rechts und links nichts ist als steile Felsmauern.

Beim Abreiten von Cañamina sah es auch wenig verlockend aus. Der Himmel überzog sich. Es fing an zu tröpfeln, und wir kamen ziemlich durchnäßt nach Miguillo. Hier fing es in der Nacht aber erst richtig an, und ich verstand, warum man hier nicht „Regenzeit“ sagt, sondern „Zeit der Wasser“, und nicht „Es regnet“, sondern „Wasser fällt“.

Da es aber am nächsten Morgen besser wurde, ritt ich, noch in der Dunkelheit, los. Es wurde rasch hell, als ich an den Fluß kam. Allein von der Spur, von der sie in Miguillo gesprochen, war bald nichts mehr zu sehen; sie verlor sich völlig zwischen den Steinen.

Also aufs Geratewohl los, und wenn steil an das Flußbett herantretende Felsen zum Kreuzen des Flusses zwangen, sorgfältig Breite, Tiefe und Stärke der Strömung geschätzt, und hinein ins Wasser. Ärgerlich nur, daß die Fluten des Flusses, der allerdings auch den ganzen Dreck und Unrat der Hauptstadt mit sich führt, unter dem schmutzigen Braun nie erkennen ließen, was sich unter den Wogen und Wirbeln verbergen mochte.

Das erstemal ging es ganz gut, wenn ich auch bis über die Knie ins Wasser kam. Aber dann wurde ich leichtsinnig, und beim Passieren einer nicht ganz unbedenklich scheinenden Stelle gerieten wir bis über den Sattel unter das gurgelnde Wasser. Einen Augenblick schien es, als sollte das Maultier seinen Halt verlieren und als würden wir beide von der Strömung fortgerissen. Aber dann faßte das starke Tier wieder Fuß und arbeitete sich mit ungeheuerer Anstrengung ans Ufer. Tropfnaß waren wir, doch es war wenigstens nur beim Schrecken geblieben.

Aber als die Mula dann auch noch in einer langgestreckten sandigen Mulde einmal bis zum Gurt in Schlamm einbrach und ich sie nur durch raschestes Abspringen wieder herausbrachte, wurde ich vorsichtiger: ich suchte die Spur, bis ich sie fand, und hielt mich von da an ängstlich an die wenigen Merkmale zwischen den Steinen: ab und zu die Spur eines Hufeisens oder eines nackten Fußes. Da aber auch Wind und Wasser stellenweise sonderbare Zeichen in den Sand gegraben hatten, die menschlicher oder tierischer Spur täuschend ähnlich sahen, segnete ich die Verdauung der Mulas und Esel, deren „Tierisches, allzu Tierisches“, von Zeit zu Zeit freudig begrüßt, unverkennbare Beweise bildete, daß ich mich auf dem richtigen Weg befand.

So war ich in zwölfstündigem ununterbrochenem Ritt nach Ornuni gelangt, der ersten Tagesstation, d. h. ganz Ornuni besteht nur aus einer windigen schiefen Bambushütte, in der zwei alte Indianerinnen hausen. Aber es gibt hier wenigstens frisches Wasser, ab und zu Futter und einige Bäume, die bei Unwetter bescheidenen Schutz gewähren, und so ist der Platz zum Übernachten immer noch besser als das steile, kahle, steinige Flußbett.

Am nächsten Morgen ging’s früh wieder heraus; denn die Tagesstrecke war wieder lang, und das Schwierigste stand noch bevor: die Angosturas, die Felsengen.

Das Flußbett wird enger und enger. Immer häufiger geht es in ständigem Zickzack kreuz und quer durchs Wasser. Aber der Pfad, der unter den Felsmauern hinläuft, wird immer schmaler, bis er sich völlig im Wasser verliert.

Man steht vor einem Schlund. Zwischen senkrechten Felswänden, die zum Himmel ragen, rauscht unheimlich gurgelnd und wirbelnd der Bergfluß herab. Es hilft nichts. Der Weg führt im Fluß, hinein ins Wasser.

Ich habe keine Ahnung, führt der Pfad im Wasser am rechten, am linken Ufer, in der Mitte, geht es erst links, dann rechts? Es hilft nichts... hinein!

Bis an die Bügel, bis an die Knie, bis zum halben Oberschenkel steigt die Flut. Unheimlich gurgelt und rauscht es. Mit aller Macht kämpft das Tier gegen den Strom. In Windungen führt die Klamm. Man sieht nichts als die alles einschließenden Felsmauern, und unter sich die reißende, schmutzige Flut.