Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 12

Chapter 123,587 wordsPublic domain

Markt in La Paz. Man muß weit in den Orient fahren, um die gleiche Fremdartigkeit, die gleiche Farbenfreudigkeit zu finden. Aimaras vom Hochland in bunten Ponchos mit unbewegten, harten Gesichtern wie aus Coopers „Lederstrumpf“. Leute aus den Yungas, den Tälern des Innern, in kurzen Leinenpumphosen und Filzhüten mit riesenbreitem Rand, aber einem Puppenhutköpfchen. Cholas, Indianermischlinge, mit schwefelgelben Strohhüten und bunten Seidentüchern. Das erstemal ist man ganz benommen von der Buntheit der Farben, in die sich Männer wie Frauen, Indios wie Mischlinge kleiden. Dunkelviolette Überwürfe zu orangenen Röcken, oder indigoblaue zu purpurroten, grellgrüne zu leuchtend gelben. Ponchos in allen Farben gestreift. Dazu jede zweite Frau mit einem Säugling in buntgewürfelten Tüchern auf den Rücken gebunden, oder ihm ungestört und offen die Brust reichend, während sie verkauft. Und zwischen dem Menschenschwarm Esel- und Lamakarawanen, die vom Alto, dem Andenhochplateau, oder aus den Yungastälern die Lebensmittel in die Hauptstadt bringen.

Denkbar einfach spielt sich das Marktgeschäft ab. Es gibt zwar eine Markthalle, ähnlich dem Basar des Orients, allein sie faßt nicht den zehnten Teil der Verkäufer, und so sitzt die Mehrzahl in den umliegenden Straßen einfach auf dem Boden, vor sich die Ware ausbreitend.

Bunt wechseln hier alle Erzeugnisse der kalten, gemäßigten und heißen Zone miteinander ab. Fällt doch das Andenhochplateau mit seinen fast 4000 Meter Höhe dicht bei La Paz steil zu subtropischen und tropischen Gebieten ab. So liegen Gerste und Kartoffeln vom Hochland dicht neben Apfelsinen, Mandarinen und Ananas aus den Yungas, Äpfel neben Zuckerrohr und Kaffee, in gleicher Weise Produkte aus der Umgebung von La Paz.

Die ersten Male steht die einkaufende Europäerin hilflos vor der Menge von Gemüsen und Früchten, die ihr völlig unbekannt sind. Zunächst einmal die zirka 200 Kartoffelarten, die es hier in der Heimat der Kartoffel gibt, dazu die Chunos, auf Eis und in der Sonne zu Steinhärte getrocknete Knollen, die, dann wieder in Wasser geweicht, das Lieblingsgericht der Indios bilden, die Tuntas, durchs Wasser gezogene und an der Sonne getrocknete Kartoffeln, und dergleichen mehr. Eine Delikatesse, auch für Europäer, sind die Ocas, die in gefrorenem Zustand zusammen mit Miel de Caña, dem Saft des Zuckerrohrs, gegessen werden. Dazu die Fülle fremder Früchte, deren Königin die Chirimoya ist, eine mitunter kindskopfgroße Frucht mit herrlich süßem, weißem Fleisch.

Wie mit Gemüse und Frucht ist es mit Fleisch; denn auch alle inneren Teile, wie Kaldaunen, Magenwände und dergleichen, was in Deutschland Anrecht der Hunde beim Schlachten ist, liegt hier aus, und Stier- und Hammelhoden sind beispielsweise gesuchte Leckerbissen.

Besonders Sonntags, dem Hauptmarkttag, flammt und leuchtet die ganze Calle Recreo in buntesten Farben. Die Indias und Cholas, auf den Boden gekauert, blühen in ihren weiten, bunten Röcken und Tüchern gleich farbigen Blumen aus dem Boden. Zwischen goldenen Orangen, blassen Limonen, gelben Bananen liegt in bunten Lappen ein schreiender Säugling. Dazwischen gackern Hühner, schnattern Enten und blähen sich Truthähne, während die vollgepackten Lamas mit unglaublich dummen und arroganten Mienen durch die Menge schieben.

In einem unterscheiden sich die Marktfrauen von La Paz wohl von allen der Welt. Man kann alles nachprüfen, alles anfassen und dann weitergehen, ohne etwas zu kaufen, und man wird doch kein unfreundliches Wort hören. Überhaupt spielt sich das ganze Geschäft sehr eigenartig ab. Feste Preise gibt es nicht. Die Eingeborenen fordern zunächst so viel, wie sie meinen, daß der Gringo, der Ausländer, dumm genug ist zu bezahlen. Das ist in andern Ländern ähnlich, aber eine bolivianische Spezialität mag sein, daß der Weiße, wenn das Geschäft nicht anders zustande kommt, sich einfach die Ware nimmt und bezahlt, was er für angemessen hält. Nur in den wenigsten Fällen wird der Indianer dagegen aufzumucken wagen.

Er ist es ja auch nicht anders gewöhnt. Bereits am Eingang der Stadt erwarten die Zwischenhändler, meist Cholos, die Indianerkarawanen und nehmen ihnen ihre Lasten ab zu Preisen, die sie selbst ziemlich einseitig und willkürlich festsetzen. Auch der Weiße, der von den Indios ganze Lasten kauft, Gerste, Futter oder Brennmaterial, macht das Geschäft meist derart, daß er zunächst durch sein Dienstpersonal die Lasttiere, Esel oder Lamas in seinen Hof treiben und abladen läßt. Wenn er dann den Preis bietet, großes Jammern des Indianers, der aber doch meist zufrieden abtrollt, wenn man ihm noch ein paar Centavos für Coca drauflegt. Mitunter helfen allerdings ein paar Fußtritte nach.

An diese ganz anderen sozialen Verhältnisse muß man sich überhaupt erst gewöhnen. Vielleicht muß man sehr weit nach Afrika hineingehen, um noch diese Unterwürfigkeit des Farbigen dem Weißen gegenüber anzutreffen. Selbstverständlich, daß kein Weißer etwas trägt. Kauft man nur die geringste Kleinigkeit auf dem Markt, so ist man von einem halben Dutzend Indianerbuben umdrängt, die das Paket tragen wollen. Sollte aber gerade keiner Lust dazu haben, und der Weiße sieht sich suchend um, so mahnt ein eingeborener Polizist mit ein paar sanften Püffen den nächstbesten Indio an seine Pflicht dem Weißen gegenüber. Der Begriff „Blanco“, „Weißer“ ist dabei übrigens nicht wie in den Südstaaten der Union eine Rasse, sondern ein sozialer Begriff. Auch der Mischling und der Indio haben auf das gleiche Vorrecht Anspruch, wenn sie zu Stellung und Vermögen gekommen.

Mitunter kann man es auf dem Markt auch erleben, daß ein paar Polizisten mit Besen erscheinen, sich die nächsten Indios aufgreifen, den Widerstrebenden die Besen in die Hand drücken und sie erst einmal unter Aufsicht der Polizei den Platz kehren lassen, ehe die armen Betroffenen ihren beabsichtigten Geschäften weiter nachgehen können.

„Mamita“ oder auch „niña, niñita“ -- „Mütterchen“ oder auch wohl „Schönes Kind“ -- schallt es den über den Markt gehenden Europäerinnen entgegen. Fleisch, Früchte, Bauerntöpfe, bunte Tücher werden entgegengewinkt. Es ist ein fröhliches, buntes Bild unter dem leuchtend klaren Himmel von La Paz, und man könnte fast vergessen, daß hinter der fröhlichen Fassade ein armseliges, gedrücktes Volk steht, und im Hintergrund all dieser Unterwürfigkeit und sklavenhafter Demut lauert das eine -- Haß gegen den weißen Herrn.

36. Gebirgsreise in Bolivien.

Pongo.

Noch immer ist die Wand der Cumbre in meinem Rücken. Wie der Weg sich auch schlängelt, bleibt sie und sperrt den Horizont, ungeheuer, unheimlich und so steil, daß man jetzt kaum versteht, wie diesen senkrechten Fels überhaupt ein Weg hinunterführen kann, gangbar für Mensch und Tier.

4600 Meter! Selbst wenn man aus dem 3600 Meter hohen La Paz kommt, ist der Marsch über die Höhe anstrengend genug. Jetzt sind bereits wieder 3800 Meter erreicht, und nach dem kahlen, nackten Fels der Kordillerenhöhe mit den letzten Schneeresten des Winters fängt bereits wieder das erste Grün am Wege an.

Es dämmert. Die Wand der Cumbre wächst zusammen mit den sich ballenden Nebelwolken und steigt ins Unendliche auf. Schwache, weiße Wölkchen, die an ihr hochziehen, entzünden sich am Abendhimmel und glühen wie irrlichternde rosenrote Flächen auf.

Tief unten rauscht der Fluß, den die Gletscher schufen. Immer schwärzer wird die Tiefe, daß bald nur mehr Rauschen aus undurchdringlichem Dämmern dringt.

Wie in einen Schlund rutscht man den steilen Weg hinunter. Bizarre Felsen am Wege türmen und häufen sich, täuschen Häuser vor. Und dazwischen wirkliche Reste verfallener Mauern und Häuser, daß man nicht mehr weiß, was Schein, was Wirklichkeit ist.

Aber jetzt Hundegebell. Lagernde Tiere und Menschen am Wege. Diese Mauern sind wirklich, sind bewohnte Häuser -- die Posada.

Ein langgestreckter, niederer Bau. Ein fensterloses Zimmer neben dem andern, auf der andern Seite des Hofes ein Strohdach, unter das die Tiere bei Regen untertreten können. Das ist die Posada, staatlich konzessioniertes Wirtshaus, Relaisstelle, der Posthalterstation aus der Urgroßväterzeit noch am meisten vergleichbar. Es ist die übliche, vom Staat vorgesehene Unterkunftsstätte in jenen Gegenden, in denen es kein anderes Verkehrsmittel gibt als das Maultier.

Im ersten Augenblick mutet es seltsam und fast unbegreiflich an, daß in nächster Nähe der Hauptstadt des Landes, die mit nicht weniger als drei Bahnen mit dem Pazifik verbunden ist, ein weites, reiches, kommerziell und wirtschaftlich überaus wichtiges Gebiet liegt, für das es keine andere Verkehrsmöglichkeit gibt als eine kostspielige und anstrengende Maultierreise.

So mögen wohl -- wie lange ist es her -- die Poststraßen der Alpen, über den Gotthard und Brenner, ausgesehen haben, als noch keine Postkutschen fuhren, Maultierkolonne hinter Maultierkolonne.

Denn die Yungas sind ja keine abgelegene, ferne Region, in die man etwa eine Expedition unternehmen müßte, nein, es ist das Gebiet, das La Paz, Oruro und den ganzen Minendistrikt mit Bananen, Orangen, Zitronen, Kaffee und vor allem mit Coca versorgt, dem unentbehrlichen Stimulans des Hochlandindianers.

Karawane geht hinter Karawane, Maultiere und dann wieder Esel, struppige kleine Hochlandsesel mit langhängendem Zottelfell. Mit Früchten und Coca aus den Yungas, mit Gerste und Fleisch vom Hochland und mit Ware jeder Art von La Paz. Und dazwischen, spärlich allerdings, Reisende. Am seltsamsten wohl jene Dame, die ich unterwegs traf. Sie selbst, mit der ältesten Tochter hinter sich, auf dem Maultier; mit ihr der indianische Diener, ein Kind vor sich im Sattel und auf dem Rücken noch einen Säugling.

Kein angenehmes Reisen. Und so reist denn auch kaum jemand in den Yungas außer jenen indianischen Frachtführern und etwa der eine oder andere Fincabesitzer, der einmal im Jahr mit oder ohne Familie auf kurze Zeit auf sein Gut kommt, um nach dem Rechten zu sehen. Der Bolivianer reist ja überhaupt nicht gern, und wenn schon, dann eher nach Europa als in sein eigenes Land.

Schwierig, anstrengend und teuer, das war der sich immer wiederholende Refrain, wenn ich mich nach den Reisemöglichkeiten abseits der Bahn erkundigte.

Vor allem teuer! „Sie brauchen ein bis zwei Reittiere für sich, mindestens ein Packtier und ein Tier für den Führer, der gleichzeitig als Arriero die Tiere versorgt.“ Wie oft habe ich das gehört. Da kämen allerdings leicht bald 1000 Peso für eine kurze Reise heraus.

So geht’s freilich nicht. Und so habe ich auf Packtier und Führer verzichtet und bin allein losgeritten, das Nötigste in den Packtaschen, wie ich es von so manchen einsamen Ritten im Balkan und in Mexiko her gewohnt war.

Der Hof der Posada ist schon voll fremder Tiere. Eine Jagdgesellschaft, ein Minenbesitzer und ein paar Goldsucher haben bereits ihre Tiere eingestellt. Es gibt Beißen und Schlagen, bis jedes Tier sein Futter hat.

Futter! Da denkt man freilich an das, was erfahrene Yungasreisende in La Paz erzählten. Ein Tercio Cebada, ein Büschel Gerste auf dem Halm, kostet einen Peso. Mindestens drei bis vier Tercios braucht man, um sein Tier satt zu kriegen.

Da ist das Futter für den Menschen billiger, das ein siebenjähriger Junge bringt -- gleichzeitig Kellner, Hausdiener und Pferdeknecht, kurz der einzige dienstbare Geist im Hause. Suppe und Fleisch, derartig mit Aji, dem einheimischen Pfeffer, gewürzt, daß Mund und Gaumen brennen wie Feuer. Ein Ungar müßte seine Freude daran haben; denn gegen Aji ist der magyarische Paprika die reinste Süßrahmbutter.

Der Junge klagt beweglich, er sei Waise und sein ganzes Gehalt bestehe in Schlägen, bis er ein entsprechendes Trinkgeld erhalten hat. Dann richtet er das Zimmer für die Nacht her, indem er das schmutzige Tischtuch fortnimmt. Sonst braucht er vor etwaigen diebischen Gästen nichts zu sichern; denn außer dem wackligen Tisch und einem dreibeinigen Hocker steht im Zimmer nichts als das leere Bettgestell, ein Rahmen auf vier Pfosten und darauf ein paar Riemen gespannt. Das Lager ist hart, die Nacht kalt. Schlafsack, Decke und Mantel genügen kaum. Draußen wiehern die Mulas. Ein Tier hat sich losgerissen und galoppiert über den Hof.

Ich trete noch einmal unter die Tür. Eine schmale Mondsichel steht am Himmel, und die Cumbre ragt in sie hinein. Und es ist wie scheues Wundern, daß ich noch vor wenigen Stunden auf jener senkrechten Wand stand und in eine unbegreifliche, märchenhafte Eis- und Felswelt sah.

37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen.

Bella Vista.

Welch ein Kontinent! Immer neue Überraschungen und neue Szenen. Verblüffte schon in Chile das nahe Nebeneinander der verschiedensten klimatischen Zonen, so ist das nichts gegen Bolivien. Hier ist es die reine Hexerei. Hier ist Kälte und Hitze, Nordland und Tropen dicht beieinander. Mit einem Sprung etwa von Nordrußland nach den Kanarischen Inseln, weiß Gott, mit +einem+ Sprung. Nicht etwa derart, daß man von vereinzelten eisstarrenden Höhengipfeln ins warme Tal hinunterstiege. Das kann man in Italien auch haben. Nein, in Bolivien liegen zwei gewaltige Gebiete, das eine kaum kleiner als Deutschland, das andere so groß wie Bayern, dicht beieinander. Wand an Wand kann man sagen: das Altiplano und die Yungas.

Die Wand der Kordillere, die beide voneinander scheidet, ist bei La Paz so schmal, daß man sie in einem Tag übersteigt, und kaum daß man von Pongo abwärts zieht, sieht man mit Verblüffung, wie das kümmerliche kurze Gras, das den genügsamen Lamas kaum dürftige Nahrung bietet, sich unversehens in kurzes Buschwerk wandelt. Schon geht man in niederem Wald. Saftiges Grün, bunte Blätter, wucherndes Schlingwerk und darüber wie Märchenvögel blaue, violette und rote Blüten.

Aber noch phantastischer ist der Wechsel, wenn man in San Felipe, trotzdem man hier schon auf 2000 Meter und einiges hinabgestiegen ist, die bequeme Karawanenstraße nach Coripata und Chulumani verläßt und nochmals aufsteigt auf die steilen Hänge, die zu beiden Seiten Weg und Fluß begleiten.

Nochmals hinauf auf 3600 Meter. Aber diesmal in steiler Steigung. Fast muß sich das Maultier ständig um sich selber drehen, wie es jetzt mühsam die engen Windungen der sich den Berg hinanwindenden Spirale aufwärtskriecht.

Der Gipfel des Berges ragt in die Wolken. Bald ist man mitten drin im Nebel, man sieht nichts mehr und erkennt nur an den niedriger und kümmerlicher werdenden Bäumen, wie langsam wir steigen.

Eine Steigung, die nie enden will. Und immer schlechter der Weg, die reinsten Treppen mit ausgetretenen, ungleich hohen Stufen. Dazu regnet es jetzt. Schon dicke Tropfen. Der wasserdichte Gummimantel ist nicht lange mehr wasserdicht. Bald dringt die Feuchtigkeit bis auf die Haut.

Die Höhe ist endlich erreicht. Fast unmittelbar fällt sie jenseits des schmalen Grates wieder ab.

Man glaubt, falsch geritten zu sein; denn der Weg ist kaum mehr als Geröll und Steinbruch, den der strömende Regen in die reinsten Grotten mit Wasserfällen verwandelt. Aber die Indios, die tropfnaß mit ihren Tieren an der andern Seite aufsteigen, nicken auf die Frage nach dem Wege.

Also hinunter, das Tier am Zügel! Ein Springen von Stein zu Stein, die Mula bald vorsichtig tastend, bald fast auf der Kruppe rutschend hinterher. Dazu Wasser, Wasser in Strömen. Aber sobald man bis auf die Haut naß ist, wird man vergnügt, denn nässer kann man nun nicht mehr werden.

Und wie könnte man auch verdrießlich sein, wo sich das Blattwerk immer phantastischer um einen rankt, Fächer, Teller, Schwerter, Grün in allen Schattierungen. Hunderte von Bäumen, die man nicht kennt. Und alles umrankt und verwoben durch schlingende, wuchernde Lianen.

Ab und zu erscheint der Berg gespalten, und den Einschnitt hinunter stürzt aus hundert Meter Höhe ein sprühweiß gischtender Wasserfall.

Langsam vertropft der Regen. Aus dem Grün hört man seltsames Rascheln, und fremde, bunte Vögel fliegen über den Weg, glitzernd farbige Schmetterlinge folgen.

Aber das Wunderbarste ist doch, wie jetzt Regen und Wolken weichen, und wie man nun, sobald die Bäume den Blick freigeben, das Land sieht, in das man hinabsteigt.

Gewiß, es gibt Landschaften von gewaltigerer Schönheit und auch von größerer Fremdartigkeit, aber es passiert einem kaum, daß man sie nicht längst im Bilde sah, ehe man sie wirklich betritt. Allein, wer sah je Bilder von den Yungas. Nicht einmal in La Paz gab es dergleichen.

So aber ist die Landschaft: Man denke sich den Schwarzwald oder den Wiener Wald. Waldberge. Aber Waldberge, die vom Tal aus tausend, zweitausend und mehr Meter ansteigen. Ungeheuere Kuppen, und von der Sohle bis zur Spitze mit dem gleichen, fremdartig, tropisch anmutenden Wald bedeckt.

Berge wie Lebewesen, unheimliche, fremdartige Lebewesen. Man sieht keine Felswände, Schründe oder Klippen, nur Wald, Wald. Was jenseits von ihm an Fels, Schnee und Eis der Kordillere sonst sichtbar sein mag, decken die Wolken.

Das Unheimlichste aber ist der Fuß der Berge. Unten, ganz unten muß ein Fluß fließen. Man sieht ihn nicht. So eng stoßen die Berge im Tal zusammen. Man sieht nur die Krümmungslinien, in denen die steil abfallenden und dennoch grünen Wände sich begegnen. Man möchte meinen, daß unten hinein kein Sonnenstrahl dringe und dort düster feuchte, dunstige Tümpel voll vorsintflutlichem Gewürm sein mögen.

All diese Wälder sind Urwald. Unbetretbarer, nie betretener jungfräulicher Wald. Er ist beiderseits des Weges durch und durch undurchdringlich. Man ist mitten drin und übersieht ihn doch von Höhenwegen aus. Steht ihm gleichsam Aug in Aug gegenüber. Der Mensch und der Wald. Seit Stunden, seit den Indianern auf der Höhe, kreuzt niemand mehr meinen Weg.

Es gibt nur den einen unfehlbaren Weg durch den Wald, unfehlbar, denn es gibt nicht eine Abzweigung. Und jeder muß die vorgeschriebene Tagesreise machen. Denn vor Tagesende gibt es kein Haus, nicht die geringste menschliche Spur. Ein endlos langer Tag durch Wald.

Ein vorspringender Rücken ist es, der das erste einsame Haus trägt. Bella Vista. Hier ist der Wald gerodet, hellgrüne Pflanzungen, Mais, Bananen, Zitronen, Orangen. Zu gleicher Zeit tragen die Orangenbäume brautweiße Blüten und vollsaftige, goldene Früchte. Gelbe Zitronen und Limas in dunkelgrünem Laub. An der Banane aber schält sich aus riesiger violetter Blüte die vieltraubige Frucht.

Der Regen hat aufgehört, die Wolken haben sich verzogen. Man sieht weithin talabwärts in das wellige, hügelige Grün. Nur an einzelnen Stellen ist es sonderbar rot gefärbt. Tief orangerote, kreisrunde Flecken unterbrechen das zarte Grün, gleichsam als durchbrächen ungeheuere Giftpilze den Waldboden.

Es sind Ceibas, Wollbäume, Bäume ohne Blätter, nur dicht bedeckt mit den orangefarbigen Blüten. Dicht vor den Häusern, auf die ich zureite, steht solch ein Baum, und wie zum Willkommen wirft ein Windstoß seine Blüten auf mich herab, während beiderseits des Weges Orangeblüten, schneeige und rosige Pfirsichblüten schimmern und goldene und gelbe Früchte glühen.

38. Was die Yungas erzeugen.

Coroico.

Auf steiniger, isolierter Kuppe liegt das Städtchen über 1700 Meter hoch, und man übersieht von ihm weithin das Gewirr der am Fuß des Berges mündenden Täler. Das dunkle Grün der Wälder hat sich unten an den Ufern der Flüsse, deren Spiegel sich hier schon auf 1000 Meter senkt, in lichte Farben gewandelt. Zuckerrohr, deren dichte Wedel wie niederer Palmenwald wirken.

Unten im Städtchen ist Markt. Markt?, möchte man fragen. Wozu? Wenn irgendwo, kann hier der Landmann erzeugen, was er braucht. Trägt ihm sein Feld doch alle Nahrungs- und Genußmittel, gibt es doch Holz in überreichen Mengen, Baumwolle und alle Faser- und Textilpflanzen, sogar Farbpflanzen, während der Boden Ton und Schiefer enthält.

Gestern abend schon sind vom Alto die Hochlandsindianer mit ihren Maultieren und Eseln in die Stadt gekommen, stumm und ernst hinter ihren hochbeladenen Tieren. Und heute sieht man auf allen Wegen die Yungeños dem Pueblo zuströmen, Menschen der gleichen Rasse, die das mildere Klima doch so ganz anders formte. Neben dem ernsten, schweigsamen Aimara vom Hochland mit seinen harten Zügen wirkt der Yungeño frauenhaft weich, wozu allerdings viel das reiche, tief den Rücken hinunterfallende Haar beitragen mag, das im Nacken ein Band zusammenhält.

Aus den großen Bündeln, die die Indianer des Alto vor sich liegen haben, schälen sich, in Heu verpackt, Korn, Gerste, Kartoffeln und Fleisch, das in seiner trockenen, braunen Steifheit mehr wie Leder erscheint als wie ein Nahrungsmittel. Und die Yungeños kaufen, kaufen, daß am Mittag bereits fast der ganze Markt leer ist. Es ist eine merkwürdige wirtschaftliche Erscheinung. Der Yungeño pflanzt wohl seine Banane, die sein hauptsächlichstes Nahrungsmittel darstellt, und vielleicht auch noch etwas Juca und Racacha, dicke, wurzelartige Knollen. Aber was er darüber hinaus braucht an Fleisch, Brot und Kartoffeln, kauft er vom Hochland, und für die Städter, denen die Banane nicht als Nahrungs- sondern als Genußmittel dient, kommt fast der ganze Lebensbedarf vom Alto herunter.

Was der Yungeño erzeugt, ist Luxus: Früchte, Kaffee, Alkohol (nicht zum Brennen, sondern zum Trinken) und Coca. Letztere Pflanze, deren getrocknete Blätter in ganz Bolivien, Peru und Nordargentinien als Nervenstimulans gekaut werden und ohne die der bolivianische Indianer nicht leben kann, sind das A und O aller Yungaskultur.

Der Gewinn, den die Coca abwirft, ist so hoch, daß da, wo der Boden einigermaßen geeignet ist, ihr Anbau jede andere Kultur verdrängt. Es gibt indianische Kleinbauern, die auf ihrem Grund und Boden nicht einmal die für den Lebensunterhalt wichtigsten Pflanzen, nicht einmal ein paar Bananen bauen, sondern die alles, bis auf das letzte Fleckchen, mit Coca bestellen und den gesamten Lebensunterhalt in der Stadt kaufen. Und die Einnahme aus dem Cocaverkauf ist so hoch -- mitunter selbst für den Kleinbauern, der nicht mehr als ein paar Hektar bestellt, bis zu 9000 Peso --, daß er unbedenklich die durch die Fracht enorm hohen Preise für alle Lebensmittel, die höher sind als in La Paz, zahlen kann.

Freilich nötig wäre es nicht, selbst bei intensivster Coca-, Kaffee- und Rohrzuckerkultur nicht, daß das Alto die Yungas ernährt; denn von den weiten Yungas ist erst ein winziger Teil kultiviert, und oberhalb der Cocafelder und Bananenpflanzungen sind die Berge noch alle bedeckt mit undurchdringlichen Wäldern, an deren Stelle sich Weizen- und Gerstenfelder dehnen könnten, mehr als ausreichend, die ganze Yungasbevölkerung zu ernähren, und endlose Weiden für Viehherden, die die Hauptstadt des Landes mit Butter zu versorgen vermöchten, statt, wie es heute geschieht, sie mit hohen Kosten aus Peru oder Chile kommen zu lassen.

Wenn man nach dem Grund frägt, immer die gleiche Antwort: „~falta de brazos~“, „Mangel an Arbeitskräften“, und so sind die Yungasprovinzen, die sich wie eine köstliche Blume an die Hänge des Hochlandes schmiegen, heute fast nichts als Parasiten. Was sie erzeugen, ist Luxus, schlimmer noch -- Gift. Über die Coca kann man ja zweierlei Meinung sein; sicher ist, daß der seit unzähligen Generationen daran gewöhnte Indianer nicht ohne sie leben kann. Aber auch aus dem Zuckerrohr wird nicht Zucker gewonnen -- und Zucker braucht das Land; denn heute wird er noch zu hohen Preisen aus Peru und Argentinien eingeführt --, sondern lediglich Alkohol, vierziggradiger Alkohol, der bei den Indianern unverdünnt das Hauptgetränk für Mann und Frau bei ihren Festlichkeiten ist.

39. Eine Yungasfinca.

Coripata.