Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 11
Am Horizont, bald näher, bald ferner, tauchen sie jetzt immer zahlreicher auf. Es sind die Forts, die der Mensch in die Wüste gebaut hat. Dazwischen ein Schlachtfeld aufgerissenen, durch Pulver und Dynamit zerstörten Bodens, dem das kostbare Mineral entnommen wird. Geleise, Rampen, Feldbahnen, rauchende Lokomotiven und stöhnende Mulas vor schwerbeladenen Karren. Aber alles weit verstreut in der Wüste, in einer braungelben Öde, über die sengend und blendend die Sonne brennt.
Ab und zu hält der Zug, wo eine Zweigbahn zu einer Oficina führt. Da steht eine Wellblechbaracke als Station. Aber es gibt auch größere Stationen, wo eine ganze Zeile Häuser steht. Das sind die Städte der Pampa. Hier gibt es „Hotels“, „Restaurants“, Kinos, Läden und vor allem Kneipen, in denen der Arbeiter seinen Wochenlohn verspielen und vertrinken kann. Es sind buntgestrichene Häuser -- aus Wellblech natürlich -- mit pompösen Namen, die in der öden, durchglühten Wüste wie grell geschminkte, alternde Dirnen erscheinen. Und man weiß nicht, was erschütternder wirkt: ihr Anblick oder der der Gräber, die man nicht allzu selten längs der Bahn sieht, Gräber, wie im Felde: ein flacher Hügel mit einfachem Holzkreuz und davor ein Strohkranz oder ein Radreifen, wenn es nur etwas Rundes ist.
An beiden vorbei aber rollen Tag für Tag die Züge, die endlos langen Züge mit den schweren Säcken -- so schwer, daß ein Mann sie keuchend gerade tragen kann -- voll des weißglänzenden Minerals, dem die Chilenen bisher Steuerfreiheit und glückliche Aktienbesitzer in Valparaiso, New York, Paris oder London ein verschwenderisches, sorgenloses Leben verdankten.
31. Oficina.
Peineta.
Seltsam, daß im Süden wie im Norden Chiles die Landschaft an die Schlachtfelder in Frankreich erinnert. Gleicht der Süden mit seinen verkohlten Baumstümpfen zwischen den Feldern Gegenden, in denen nach mörderischer Schlacht neues Leben erblühte, so ähnelt die Salpeterwüste des Nordens jenen unglücklichen Landstrichen von Ypern und an der Somme, in denen der Eisenhagel die Eingeweide der Erde um und um wühlte.
Calichera, Salpeterfeld! -- Heißer Stein, heiße Arbeit! Ein halbes bis ein Meter tief liegt der Caliche, das kostbare Mineral, unter taubem, wertlosem Gestein. Sprenglöcher werden gebohrt, mühsame, wochenlange Arbeit mit Schlegel und Eisen, mit selbstbereitetem Schwarzpulver gefüllt -- Salpeter gibt es ja genug, Schwefel liefern die nahen Schwefelfabriken, Kohle die Bahn -- und gesprengt. Die hohen, schwarzen Rauchwolken inmitten all der Sprengtrichter vollenden den Eindruck des Schlachtfelds.
In den heißen Kesseln der Sprengtrichter, die sich bald schützengrabenartig aneinanderreihen, geht die harte Arbeit des Losbrechens und Zerkleinerns des Caliche weiter. Das Mineral ähnelt in Form und Farbe dem es deckenden Stein. Der Laie vermag einen vom andern nicht zu unterscheiden, und auch der Aufseher bedarf der brennenden Lunte, um den Salpetergehalt des zu brechenden Minerals zu prüfen.
Ist es hoch salpeterhaltig, so brennt der Stein mit heller, sprühender Flamme, während der geringwertige kaum trübglimmende Funken gibt.
Hart poltert der gebrochene Stein in die von Mulas gezogenen Karreten. Im Galopp zur Rampe. Von da mit der Kleinbahn zur Oficina, der Salpeterfabrik. Jede Oficina baut sich auf wie eine Burg. Auf ihren Zinnen stürzt der Caliche aus den Kipploris in die Brecher und Mühlen, die ihn zerkleinern und mahlen, bis ihn ein Förderwerk in die „Cachuchas“ leitet. Cachuchas sind rechteckige, offene Kessel, wie riesige Badewannen, die, von Heizschlangen durchzogen, in langen Reihen aufmarschieren. Einige frisch gefüllt, kaum daß aus der Steinschicht die ersten unheimlichen Dämpfe aufsteigen, andere in vollem, brodelndem Kochen, schwadenumwallt. Bisweilen ist alles in beizenden Qualm und Rauch gehüllt, durch den man halbnackte Gestalten mit langen Eisenstangen in den Händen springen sieht. Manch einer fiel unvorsichtig ausgleitend in die siedende Brühe. Längs der Bahn sind genug Gräber.
In kochendem Sud löst sich der Salpeter aus dem Stein. Die wertvolle Lösung wird in die „Chulladores“ geleitet, während der schlammige Rückstand, der „Ripio“, durch geöffnete Bodenklappen in Loren fällt, die ihn auf die Halde führen. Doch auch der Ripio ist nicht wertlos. Er enthält noch Jod, und vor allem Wasser, das man ablaufen läßt und in grünlich-schmutzigen Becken sammelt.
Wasser! Das ist ja die große Not in der Salpeterwüste. Der Prozeß erfordert viel Flüssigkeit, und jeder Tropfen kommt meilenweit in langen Rohrleitungen von der Kordillere her. Die Tonne Wasser kostet anderthalb Peso, und ein mittelgroßes Werk verbraucht im Monat für 14000 Peso Wasser. So sucht man im ganzen Arbeitsprozeß Wasser zu sparen, und auch im Campamento ist der Wasserbedarf kontingentiert. Heiße Wüste und Wasserknappheit!
In den Chulladores setzen sich Fremdkörper aus der Flüssigkeit ab, und die konzentrierte Lösung wird in die Bateas geleitet. Die Bateas sehen aus wie die Klärbecken eines Wasserwerkes, offene, eiserne Tanks, quadratisch aneinandergereiht. Hier kristallisiert in zwei bis drei Tagen der Salpeter aus. Und jetzt erst bekommt er seine schöne glänzend weiße Farbe. Die Tanks voll fertigem Salpeter glitzern gleich Schatzkammern märchenhafter Schätze. Am Fuß der Bateas waten die Arbeiter, die den Salpeter in Säcke füllen, wie in silbernem Schnee.
Schätze! Sie zahlen nicht nur den ganzen teueren Apparat in der Wüste, wo der Unterhalt jedes Menschen drei, jedes Tieres sechs Peso pro Tag kostet, sie zahlen nicht nur die Steuern des Landes, sie geben auch reichen Überschuß.
Eine Oficina produziert im Monat 70000 Quintal (zu 46 Kilogramm), die Provinz Antofagasta allein 3,5 Millionen. Wie Kraken wandern die Oficinen über das Land, reißen den Boden auf und lassen wild zerfleischtes Land zurück. So geht es Jahrzehnt um Jahrzehnt. Die noch jungfräuliche Calichera aber ist noch unabsehbar, auf unbegrenzte Zukunft deckt sie den Weltbedarf. Auf dem Salpeter beruht Chiles Existenz; aber eine Gefahr steigt unheilvoll am Horizont auf: die fortschreitende Vervollkommnung in der Gewinnung künstlichen Salpeters; sie droht Chiles Weltmonopol zu zerstören und damit die Wirtschaft des Landes schwer zu schädigen.
32. Pampinos.
Calama.
Wir standen unter der Tür des Administratorhauses und sahen auf das Werk. Seine Lichterreihen bauten sich terrassenförmig auf, und darüber hoben sich vom sternklaren Nachthimmel die rauchenden Essen ab.
„Wie ein Schiff“, meinte nachdenklich der Administrator.
„Ja, wie ein Schiff.“ Ich mußte an die lange frauenlose Männerrunde der Beamten und Ingenieure denken, die immer die gleiche blieb, die nie wechselte. Immer die gleichen Gesichter, immer die gleichen Arbeiten, und kaum einmal im Jahr ein paar Tage Urlaub nach Antofagasta.
„Der Unterschied ist nur der,“ fuhr der Leiter des Werkes fort -- er war vor dem Kriege als Kapitän zur See gefahren, und das Kriegsschicksal hatte ihn in die Pampa verschlagen --, „ein Schiff legt an, ein Schiff wechselt Ladung und Passagiere; wir aber, wir liegen ewig am gleichen Fleck im Ozean vor Anker.“ Das Werk lag jetzt wirklich wie ein phantastisches Schiff in der Wüstennacht. Unendlichkeit von Wüste und Himmel, gleich ewig, gleich drückend, gleich grausam.
„Noch ein paar Jahre als Pampino, dann --.“ Wir gingen zum Whisky zurück ins Haus.
Pampino, Pampabewohner, es ist ein eigener Menschenschlag. Allein, wenn sich Werkleiter und Beamte auch dazu rechnen, wenn man ihn wirklich und echt kennenlernen will, den „Pampino“, muß man ins Campamento, ins Arbeiterlager, gehen.
Ich habe als Student im Industrierevier gearbeitet, vor dem Hochofen, im Stahlwerk, im Walzwerk, und dieses Land von Ruß und Feuer, von Schlackenhalden und Essen schien mir seitdem das grauenvollste, die Arbeit als Hüttenarbeiter die schwerste und freudloseste. -- Es war ein Irrtum. Die Salpeterpampa ist schlimmer. Wohl gibt es auch in europäischen Kohlen- und Eisenrevieren Arbeiterkasernen. Aber oft sind es freundliche Häuser mit Gärtchen. Es gibt doch Bäume, andere Häuser als Wellblechbaracken, andere Menschen als die täglichen Arbeitskameraden. Man kann in die Stadt gehen oder schließlich an Sonntagen auch ins Freie, ins Grüne.
Das Campamento -- zwei Reihen Wellblechbuden, eine wie die andere, primitiv aus Blechtafeln zusammengesetzt. Vorne ein Wohnraum, dann durch eine kaum mannshohe Zwischenwand abgetrennt ein Schlafraum, dahinter ein Hof, gleichzeitig Küche, Vorratsraum, Rumpelkammer und alles übrige. Freilich, man kann die Unterkunft primitiv halten in diesem Landstrich. Es regnet ja nie. Aber das Wellblech gibt auch in gleicher Weise der sengenden Glut des Tages wie der beißenden Kälte der Nacht Zutritt.
Campamento und Werkleitung, das ist Todfeindschaft. Wie die Dinge liegen, künden auf den ersten Blick die schweren, eisernen Gitter, die doppelten Läden und die eisernen Querbalken, die in wenigen Augenblicken Verwalterhaus und Beamtenwohnungen in starke Festungen verwandeln können. Und dann ist gar nicht weit die Carabinerostation, zu der eine direkte Telephonleitung führt.
Dem Salpeter dankt Chile seinen Reichtum, aber auch die Verschärfung seiner sozialen Frage. Gewiß, der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit durchzieht die ganze Welt. Er muß auch in der Pampa zum Ausdruck kommen, ob aber in dieser scharfen, erbitterten Form? Man hört von gestürmten Oficinen, von erschlagenen Werkleitern, von Plünderungen, aber andrerseits auch von Gewalttaten gegen streikende Arbeiter, von ganzen Belegschaften, die von den Carabineros einfach in die Wüste getrieben wurden. In die Wüste, in der kein Halm wächst, in der kein Tröpfchen Wasser zu haben ist, wo die Sonne erbarmungslos sticht.
Man sagt mir, der Arbeiter verdient gut. Aber was sind 8, 10 oder selbst 12 Peso im Tag für die Arbeit und das Leben, das er führen muß? Dabei braucht ein Mann für das nackte Leben im Tag zweieinhalb bis drei Peso. Und alles, was der Arbeiter und seine Familie benötigt an Nahrung, Kleidung, Hausgerät, muß er in der Pulperia, der Werkkantine, kaufen, und die Werkleitung setzt die Preise fest.
Jede Oficina gibt ihr eigenes Geld aus, aus Kautschuk geprägte Fichas. Sie hinterlegt dafür eine gleichwertige Summe in Bankbilletten bei der Nationalbank. Das Kautschukgeld ist handlich und praktisch, aber auch sein sonstiger Zweck liegt auf der Hand. Es hat nur in der Salpeterzone Kurswert. Und dann: „Wenn die Arbeiter die Kasse stürmen,“ meinte der Zahlmeister zu mir, „so ist eben nicht viel verloren; die betreffenden Fichas werden dann einfach für wertlos erklärt.“ Zu ihrer Charakterisierung genügt schließlich, daß ihre Abschaffung ein Programmpunkt der radikalen Partei ist, die jetzt mit dem neugewählten Präsidenten Arturo Alessandri in Chile zum erstenmal zur Herrschaft gelangt.
Von manchen Werken wird allerlei an Wohlfahrtseinrichtungen getan. Man legt Plazas an, läßt Musikkapellen spielen, richtet Kinos ein. Aber ich habe auch Werke gesehen, in denen der Eintritt ins Kino für den Arbeiter einen Peso kostet, so daß die Werkleitung auch noch mit ihrer Wohlfahrtseinrichtung ein fettes Geschäft macht. Aber auch selbst wenn es wirkliche Wohlfahrtseinrichtungen sind, es bleibt ein Almosen. --
„Wenn die Regierung, die so viel an den Salpeterabgaben verdient, wenigstens darauf dringen wollte, daß die Werke hygienische, menschenwürdige Unterkunft schüfen!“ meinte der Unterbeamte, mit dem ich durch das Campamento ging. „In einem solchen Raum schlafen, wohnen und essen oft zehn Menschen zusammen.“
Bezeichnend für die bisherigen politischen Verhältnisse in Chile ist, daß die Arbeiter wohl das Wahlrecht haben, daß aber die Ausübung des Wahlrechts sehr erschwert ist, da sie dazu nach Antofagasta fahren müssen, fünf bis acht Stunden Bahnfahrt. Und da nur täglich ein Zug fährt, bedeutet das einen Lohnausfall von zwei bis drei Tagen, ganz abgesehen von den teueren Reisekosten.
Die Sonne brennt durch die Scheiben des Zuges. Die Wüste flimmert. Der Speisewagenkellner bringt Beefsteak mit Spiegelei, Preis 3,60 Peso. Die Frau, die es bestellt hat, trägt unter ihrem ärmlichen Kleid kein Hemd. Ihr gegenüber sitzt eine Bolivianerin in bunten Tüchern mit einem Säugling. Wie sie das Kleid abhebt, um den Säugling zu stillen, tropft von der braunen Brust langsam ein schwerer weißer Tropfen zu Boden.
33. Unter Vulkanen.
Ollague (chilenisch-bolivianische Grenze).
Von den Felsmauern herab, die oben blank von Eis sind, kollert ein brauner Stein, stürzend, sich türmend, ein Strom von Stein. Rasend rasch kommt er näher, füllt das Tal, prallt an den Bahndamm, staut sich zu beiden Seiten. Wir fahren mitten hindurch.
Lava! Bräunlich-schwarze, graue Lava. Hochgetürmt, daß der Zug fast darin versinkt. So frisch sieht sie aus, als sei sie eben erst vom Berg herabgeflossen, und ist doch hundert, tausend, vielleicht viele tausend Jahre alt.
Zone der Vulkane. Die weißen Schleier, die um die Spitzen der Berge hängen, sind nicht Wölkchen, die sich an ihren Zacken gefangen. Es ist Rauch, Wasser- und Schwefeldampf, der aus den Kratern steigt. Wie der Zug weiterfährt, sieht man durchs Glas deutlich, wie es aus runden und ovalen Kratermäulern weiß und gelb in die Höhe schießt.
Wir sind in der Werkstatt der Erde. Tief unter dem Boden, über den wir eilen, ruhen die Kräfte, die diesen Kontinent schufen, veränderten und verändern werden. Sah es nicht unten im Archipel südlich von Puerto Montt aus, als sei hier die See in das chilenische Längstal hineingebrochen und habe es in einen langen Meeresarm verwandelt und die ragenden Kuppen der Küstenkordillere in Tausende von Inseln?
Hier oben im Norden aber, wo der Salpeter quadratkilometerweit das Land bedeckt, möchte man glauben, als habe das ganze Land sich aus dem Meer gehoben, aus dessen verdunsteten Wassermengen das Seesalz zurückblieb, das stellenweise in blinkender dicker Kruste den steinigen Fels überzieht.
Aber schon die Salpetergegend war 1000 Meter, 1500 Meter hoch, Calama, wo die großen Salzseen sind, 2000, und die letzte Station, an der der Zug vorbeieilte, trug die Zahl 3223 Meter.
So wäre ganz Südamerika einst am Grunde des Meeres gelegen? Doch nein! Lag nicht östlich des Kontinents Atlantis, der sagenhafte versunkene Erdteil? Vielleicht war er nichts anderes als die Fortsetzung der argentinischen Pampas, und als sich in unvordenklichen Zeiten die chilenische und peruanische Küste aus den Fluten des Pazifik hob, da versank im Osten die weite Ebene in den Wassern des Atlantik, so daß sich der ganze Kontinent um seine Achse drehte wie der Balken einer ungeheuren Wage.
Die Berge beiderseits der Bahn sind rot und blau, in bunten Streifen gefärbt. Wie Hermelinbesatz zieht sich über scharfe Kämme und Grate der ewige Schnee, und darüber die weißen und gelblichen Wolken wie eine Warnung: Wir sind immer da, wenn wir auch zu schlafen scheinen, wir ewigen Kräfte, die wir die Welt wandeln und zerstören.
4000 Meter, fast Montblanchöhe! Die Luft von einer unwahrscheinlichen Klarheit und Durchsichtigkeit. Man meint Hunderte von Kilometern weit zu sehen und glaubt noch an den fernsten Hängen die kleinste Einzelheit erkennen zu können.
Wunderlich rot färbt sich der Boden. Ein ganz satter, warmer Ton. Erst beim Näherkommen sieht man, daß es nicht Fels noch Stein, sondern eine niedrige fleischige Pflanze ist, eine Art Fetthenne, die meilenweit über den nackten Stein kriecht.
Dann aber wird mit einem Schlag alles schneeweiß, glitzernd, kristallklar zu beiden Seiten der Bahn bis an den Fuß der Vulkane. Mitten hindurch fährt der Zug wie über einen gefrorenen See. Ein unheimliches Gefühl; denn an einzelnen Stellen sieht man noch dunkle Flut zwischen dem glitzernden Weiß.
Und das alles wie unter einer Kuppel von intensivstem Blau. Es ist, als hätten sich die vulkanischen Kräfte hier auf dem Dache der Welt einen Tempel gebaut, daß die Menschheit dahin wallfahre und sich in Demut beuge vor den ewigen Gewalten.
Aber nein, das Weiße ist Borax. Millionenwerte liegen hier. Man braucht sie nur aufzulesen, und weiterhin sieht man inmitten des glitzernden Weiß Schlote und Wellblechbaracken: die Boraxwerke von Cebollar, in denen das wertvolle Material für den Versand eingesotten wird. Seit Jahren wird hier gearbeitet und in die Welt hinausverschickt. Aber das Tischtuch, das hier die Natur über die Erde gebreitet, ist kaum kleiner geworden.
Und weiterhin ist der Boden gelb; es ist Schwefel. Und gleichfalls braucht es nicht mehr als die Mühe des Losbrechens. Grünlich gelbe Dämpfe wallen um die viereckigen Blöcke der Schwefelöfen, aus denen das goldgelbe Mineral fließt, Tränen in die Augen treibend und die Kehle würgend. Aber dem, der es fand und von der Erde hob, lauteres Gold in die Taschen.
Geld machen, Geld, Geld! Wie wird sich erst in absehbarer Zeit die göttliche Felseinsamkeit bevölkern mit Essen und Öfen, wenn erst weitere Schienenstränge die Kordillere durchziehen; denn die Bahn ist hier alles. Ohne sie blieben die weiten, großen Schätze der einsamen Erde tot. Über dem Vulkan aber steht Tag und Nacht, als stumme Warnung, die Rauchwolke.
Als Chile noch unter den Meeresfluten lag, soll das heute kalte und rauhe Andenhochplateau jenseits der Kordillerenkette ein paradiesisch schönes, tropisches Land gewesen sein, die Wiege der amerikanischen Völker. Uralte Ruinen künden, daß hier einst Weltstädte standen. Was mag aus diesem Gebiet hier werden, wenn sich die unheimlichen Kräfte wiederum regen, wenn neuerdings Kontinente versinken, Kontinente erstehen?
Auf der einsamen, im Weltmeer verlorenen Osterinsel steht eine ungeheuere Steinstatue mit traurig ergebenem Gesicht, nach Norden blickend. Als einst die Achse des Kontinents sich drehte und Atlantis versank, da errichteten seine entsetzten Bewohner, die das Meer über sich hereinbrechen sahen, auf der höchsten Höhe diese Statue, wie um den Zorn der Götter zu besänftigen, und als einziges Denkmal einer versunkenen Welt blieb sie von der Flut verschont.
Mag es so sein oder nicht. Die Mythe ist schön, und als in Ollague der erste Aimara an den Zug herantrat, um Llareta zu verkaufen, die als Brennmaterial dienenden torfigen harzreichen Polster einer Schirmblütlerpflanze, die er in unsäglich harter Arbeit in eisiger Felseinsamkeit gesammelt, da glaubte ich in den Zügen dieses Sprossen eines vielgeprüften Volkes die gleichen Züge trauriger und stummer Resignation zu lesen.
Bolivien
34. Das Land Bolivars.
La Paz.
Sie wollen nach Bolivien? Und gar, um dort Einwanderungs- und Kolonisationsmöglichkeiten zu studieren? Nein, das lohnt wirklich nicht die Mühe. Minen, ja; wenn Sie Minengeschäfte machen wollen. Aber sonst, nichts als unfruchtbare Hochfläche oder fieberschwangere Tropen. Nein, es lohnt wirklich nicht die Mühe!
Das war das Urteil über Bolivien in Buenos Aires, und in Santiago lautete es nicht anders. Wenn so geurteilt wird, geschieht es nicht einmal so sehr aus Böswilligkeit als aus Unkenntnis. Was weiß man im allgemeinen von Bolivien? Ein Land im Herzen Südamerikas, ohne Küste, mit der Hauptstadt La Paz. Das ist so ziemlich alles. Vielleicht gibt es wenig Länder, die gleich unbekannt und die kennenzulernen doch derart der Mühe wert, wie dieses Land, das nach seinem Befreier Bolivar den Namen wählte.
Freilich, es war immer Stiefkind. Schon zur Kolonialzeit. Damals gehörte es als Alto Peru zum Vizekönigreich Peru. Allein obgleich die Metropole Lima nicht gar so fern war, blieb es doch Hinterland, Provinz, hinterste Provinz.
Und später, nach seiner Befreiung, hatte es auf allen Seiten neidische Nachbarn. Kein Staat an seinen Grenzen, mit dem es nicht einmal Krieg geführt, der ihm nicht einmal eine Provinz abgenommen hätte. Und als ihm gar Chile im Salpeterkrieg seine Küste entriß, wurde es völlig von der Welt abgeschlossen. Seine Waren gingen nicht mehr als bolivianische in die Welt, sondern je nach dem Verschiffungshafen als peruanische oder chilenische oder brasilianische. Und alle seine Nachbarn bauten gleicherweise eine unsichtbare chinesische Mauer um das abgeschiedene Hochland; alle machten es gleicherweise schlecht, wie es noch heute geschieht. Denn jeder hatte ein Interesse daran, daß nicht etwa fremdes Kapital oder Einwanderer weiter zögen in das Land der Andenhochfläche. Und so blieb es bis zu einem gewissen Grade, hätten nicht seine Minenschätze die Fremden ins Land gelockt -- ein Tibet im Herzen Südamerikas.
Der Zug fährt über das Altiplano, das vielgeschmähte Andenhochplateau. Eine steinige breite Fläche wie eine ungeheure Tischplatte. Am Horizont verschwimmende braune Schatten, die Ketten der Kordillere. Wessen Herz gesund, der merkt an nichts, daß wir hier 4000 Meter über dem Meere sind.
Auf den ersten Blick sieht es freilich unwirtlich genug aus. Aber bald entdeckt man da und dort weite gelbe Flächen: Gerste, Kartoffeln, und selbst wo scheinbar nur Wüste und Steppe, ist der Boden doch überall bedeckt mit einem spärlichen Grün. Spärlich, aber doch immerhin genug, daß große Rinder-, Schaf-, Esel- und Lamaherden auf ihnen ihre Nahrung finden.
Und Bolivien ist schließlich nicht nur Hochland und Gummizone. Zwischen den Schneeketten der Kordillere und der fieberheißen Gummigegend an den Rios Beni und Mamoré erstrecken sich je nach der Höhenlage alle Klimate. Keine Pflanze, die hier nicht wächst, von den harten Gräsern arktischer Region bis zu der wuchernden Pracht der Tropen. Kein Mineral, das fehlt, von Eisen, Kupfer, Zinn und Gold in den Bergen bis zu Petroleum in den Niederungen.
Aber der größte Teil seiner Schätze liegt ungehoben. Keine Verkehrsmittel. Dazu die politischen Verhältnisse.
Bis vor etwa 20 Jahren das übliche Bild jener hispano-amerikanischen Republiken um den Äquator herum. Revolutionen und Revolten in stetem Wechsel. In den achtzig Jahren staatlicher Unabhängigkeit mehr als dreißig provisorische Regierungen, d. h. alle zweieinhalb Jahr bemächtigte sich ein anderer Parteiführer der Macht im Staate.
Seit der letzten liberalen Revolution im Jahre 1899 Ruhe und Aufschwung, bis auch die Liberale Partei den gleichen Fehlern erlag, die sie ehemals bekämpfte: Korruption, Machtmißbrauch, Wahlmache und Günstlingswirtschaft, so daß am 12. Juli 1920 die Republikanische Partei der liberalen Epoche in unblutigem Staatsstreich ein unrühmliches Ende bereiten konnte.
In mancher Hinsicht ist dieses Land noch so weit zurück, daß ihm gegenüber Argentinien und Chile als hochentwickelte moderne Staaten erscheinen. Das gilt vor allem von seinen sozialen Verhältnissen. Wenigstens in der Landwirtschaft ist das Arbeitsverhältnis noch rein mittelalterlich-feudal. Der Landarbeiter ist Höriger, Kolone, der Hand- und Spanndienste zu leisten hat.
Aber vielleicht ist es kaum anders möglich in einem Lande, wo eine winzige weiße Oberschicht über zwei Millionen Indianer herrscht, die weder lesen noch schreiben können, und -- den einen Vorteil hat diese Zurückgebliebenheit: daß es in Bolivien keine soziale Frage gibt und daß dieses Land bisher in der Hauptsache verschont geblieben ist von Arbeiterschwierigkeiten, Streiks usw., unter denen seine entwickelteren Nachbarländer ständig zu leiden haben.
Eines allerdings wird notwendig sein: diese teilweise noch halbwilden indianischen Massen langsam zu erziehen und heranzubilden und gleichzeitig dem bisher ihnen gegenüber beliebten Ausbeutungssystem ein Ende zu machen. Sonst droht Bolivien zwar nicht die soziale Revolution -- die in Argentinien und Chile immerhin schon zur Diskussion steht --, sondern etwas viel Schlimmeres: der blutige, erbarmungslose Indianeraufstand!
35. Markt in La Paz.
La Paz.
Markt. -- Willst du eine fremde Stadt, ein fremdes Land kennenlernen, geh dorthin. Am gesammeltesten findest du dort noch alte Sitten, Trachten und Gebräuche.