Südamerika, die aufsteigende Welt
Part 10
Vor dem noch unerschlossenen Land im Süden Argentiniens hat das Land südlich von Puerto Montt den Vorteil, daß es durch Abholzung seiner wertvollen Wälder sofort Gewinne ermöglicht, die unter günstigen Verhältnissen bereits in kurzer Zeit den Kaufpreis oder auch ein Mehrfaches davon wieder hereinbringen. Erforderlich wäre freilich eine Gesellschaft mit großem Kapital, die Einwanderer herüberbringt, Wälder abholzt und Werften anlegt, um dort eigene Schiffe zu bauen, mit denen sie den Abtransport des Holzes und weiterhin Fischfang, sowie den Transport der Ackerbau- und Viehprodukte aus den inzwischen angesiedelten Kolonien in eigene Regie nimmt. In den Wäldern ist noch verwildertes Vieh. Es sind Kohlenlager nachgewiesen. Die Anlage von Fisch- und andern Seetierkonservenfabriken sind weitere Möglichkeiten.
Natürlich lassen sich derartige Unternehmungen nur nach genauen und eingehenden Untersuchungen, zu denen Expeditionen ausgesandt werden müssen, ins Leben rufen. Aber die Möglichkeit wäre für die reichen Deutschen Chiles hier wie in den Provinzen Llanquihue und Valdivia unzweifelhaft gegeben, mittels einiger hunderttausend Peso ihren zur Auswanderung gezwungenen Landsleuten zukunftsreiche Siedelungsgebiete zu erschließen. Jetzt leben hier wie vor hundert Jahren nur wenige armselige Indianer. Vielleicht allerdings auch nicht mehr lange; denn auch hier sind bereits amerikanische Konzerne dabei, sich diese wie Königreiche großen Ländereien zu sichern.
27. Copihue.
~Oh Copihue, oh Copihue, En la paz de la selva dormida Simbolizas la raza hecha flor.~
(Aus „~La Flor Nacional de Copihue~“.)
Dampfer „Taltal“ im Pazifik.
Es sind andere Bäume und sie tragen andere Namen -- ~roble~, ~quila~, ~alerce~ --, die die dichten Wälder Südchiles bilden, aber oft könnte man doch meinen, es sei deutsches Land, schwermütiger, träumerischer deutscher Wald.
In diesem Wald hängt fremdartig wie ein Märchen die Blume, die Chiles Volk sich als Nationalblume erkor: die Copihue. In dichten Dolden schlingt sie sich um die Äste und tropft in schweren roten Blüten herab mit langen, schmalen, purpurnen Kelchen gleich Tropfen heißroten Blutes, die langsam und schwer aus tödlich getroffenem Herzen sickern.
War es die Erinnerung an die mit Blut geschriebene Eroberungsgeschichte ihres Landes, welche die Chilenen diese Blume zur Lieblingsblume wählen ließ? Oder ist sie dem Andenken des tapferen stolzen Volkes geweiht, das den Spaniern den zähesten Widerstand in ganz Amerika entgegenstellte, den sie erst nach unerhörtem Kampfe besiegen konnten, eigentlich erst nachdem sie seine Kraft durch den Alkohol gebrochen, und dessen Überreste jetzt einem tragischen Ende entgegengehen?
Auf dem Marktplatz von Temuco sieht man die ersten Araukaner. In der sonst so biederen, sauber blanken Stadt wirken die kleinen schwarzen Gestalten wie ein Faschingsscherz. Der Mann im bunten Poncho, die Frau mit Stirnbinde, Bänder in den straffen schwarzen Zöpfen, und die ganze Bluse mit reichem Silberschmuck behängt. Es sind keine schönen Frauen und Mädchen, aber sie haben märchenhaft kleine, schmale Hände und Füße.
Auf dem Wege, der von Las Casas hereinführt, begegnet man ihnen in langen Zügen, wie sie auf uralten Ochsenkarreten, mit Baumstammscheiben als Rädern, ihr Gemüse und Korn nach der Stadt fahren. Oft der Mann hoch zu Pferd, die Frau lastenbeladen, mit ihren kleinen Füßen im Schlamm daneben trippelnd. In den Straßen von Santiago sieht man die gleichen kleinen Hände, die gleichen Füße, die gleichen Züge, wie sie der Mann auf dem Pferde hat. Fließt doch ein gut Teil araukanisches Blut im heutigen chilenischen Volk, und es sind nicht die schlechtesten Eigenschaften, die die Chilenen der araukanischen Blutmischung danken.
Sie haben es ihnen schlecht vergolten. Die Araukaner, die eigentlich nie ganz unterworfen waren, wurden mit List und Gewalt um ihren Besitz gebracht. Es gab eine Zeit, wo es ein einträglicher Sport war, Araukaner betrunken zu machen, um ihnen dann in der Trunkenheit um ein Spottgeld ihr Land abzunehmen. Leider blieben auch die eingewanderten Deutschen daran nicht unbeteiligt, und mancher deutschchilenische Millionär in Osorno und Valdivia dankt solch unsauberem Landgeschäft seiner Vorfahren Besitz und Stellung.
Endlich besann sich die chilenische Regierung darauf, welch wertvolles Volkselement sie in den Araukanern besaß. Es wurden Vormunde für die Indianer eingesetzt und Geschäfte mit den Indianern ohne deren Zustimmung für ungültig erklärt. Zu spät! Überdies kehrte man sich vielfach nicht an die gesetzlichen Bestimmungen, und um für alle Fälle sicher zu sein, überfiel man die Indianer und schlug sie einfach tot. Die Rasse stirbt.
Bayerische Kapuziner sind es, die sich ihrer Rettung gewidmet haben. Draußen in Las Casas ist ihr Stammhaus. Schon sieht man ihre Spuren. Die Straße, die bisher ausgefahren, voller Löcher, unergründlich war, wird mit einem Male eben und glatt. Ein sauberer Zaun. Dahinter ein Blumengarten, dann Kirche und Kloster.
Ein Pater in wallendem Bart führt uns. Alles ist selbstgebaut, gezimmert, gemauert, gepflanzt. Die Kirche, der geschnitzte Altar, selbst die Orgel und ebenso Gemüsegarten, Bienenhaus und Stall.
Die Indianermission der Kapuziner nimmt unentgeltlich so viele Araukanerjungen auf, wie sie unterbringen kann. Sie lernen lesen, schreiben und rechnen und sie lernen vor allem Spanisch. Der Unterricht ist nicht einfach, denn keiner der Jungen kann etwas anderes als Mapuche, die Sprache der Eingeborenen. Und es sind sonderbare Klassen; denn neben Achtjährigen sitzen Achtzehnjährige auf der gleichen Bank.
Neben dem Schulunterricht geht der Handfertigkeitsunterricht. Einer der Fratres ist Tischler. Er hat eine große Werkstatt eingerichtet mit Drehbank, Hobelmaschine und Bandsäge. Bis auf die Eisenteile alles selbstgebaut. Sein Stolz ist ein deutscher Sauggasmotor, der die Werkzeugmaschinen und daneben die Dynamomaschine für die Lichtanlage treibt.
Andere Knaben werden als Lehrer ausgebildet -- die Indianermission ist weitverzweigt -- und in der untersten Klasse unterrichtet bereits ein junger Araukaner.
Die Patres sind voll Stolz, und sie können es auch sein, auf die Kulturarbeit, die sie geleistet. Allein ich werde ein Gefühl drückender Trauer nicht los. Die Klänge der „Copihue“, der Hymne auf die Blume, die die sterbende araukanische Rasse verkörpert, wehen mir durch den Sinn.
In Santiago im Konzertsaal hörte ich sie. Der Komponist dieser echt chilenischen Musik ist übrigens ein Deutscher, ein ehemaliger Hof- und Kammersänger, der Commendatore Oberstetter von der Münchener und Wiesbadener Oper. Der Krieg überraschte ihn in Brasilien. Er schlug sich tapfer durch ganz Südamerika durch, überall deutsche Musik hinbringend, und so hat er vielleicht besser deutsche Propaganda gemacht, als manche vom Auswärtigen Amt betriebene war, die Unsummen verschlang.
~Tu que sabes de sangre vertida, Tu que viste la lucha potente.~
Die du weißt von vergossenem Blute, Die du sahst den verzweifelten Kampf.
Der hinreißende Marschrhythmus zuckt mir im Blut, wie ich dem jungen Araukanerlehrer zum Abschied die Hand drücke. Auch in seinen Adern brennt noch die Flamme, die seine Vorfahren gegen die spanischen Feuerschlünde anreiten ließ. Uralte Rhythmen! Sangen sie nicht auch uns im Blute, als wir bei Gorlice stürmten, als wir über die Berge am Isonzo in Italien einbrachen, als die letzte tragische Schlacht in Frankreich anhob?
Künstliche Züchtung hat das ursprüngliche Blutrot der Copihue in fleckenloses Weiß gewandelt -- die Reste der Araukaner haben ihren Frieden mit den Eroberern gemacht. Die Überlebenden gehen langsam in der Rasse des Siegers auf. Die Copihue der schweigenden Wälder weiß von keinen furchtbaren Schlachten mehr zu erzählen.
28. Längs der Küste nach Nordchile.
Dampfer „Taltal“ im Pazifik.
Die täglich wachsende Teuerung der Lebenshaltung bezeichnet den Weg vom Süden Chiles nach dem Norden des Landes. Im regnerischen Süden Überfülle an Frucht, so groß, daß jedes Jahr gewaltige Mengen nutzlos verfaulen. Im regenlosen Norden absoluter Mangel, so daß jeder Zentner Mehl, jeder Sack Kartoffeln, jeder Korb Äpfel vom Süden nach dem Norden geschafft werden muß.
Allein trotzdem liegt das wirtschaftliche Schwergewicht des Landes im Norden. Hier dehnen sich in trostlos dürrer Pampa die Salpeterlager, auf deren Ausbeute der Reichtum, ja überhaupt die ganze Finanzwirtschaft des Landes beruht.
Meinen ursprünglichen Plan, auf dem Landweg nach Antofagasta zu fahren, konnte ich nicht ausführen, denn seit einiger Zeit fährt die Longitudinalbahn wegen Kohlenmangel nicht mehr. Der große Streik im Kohlenrevier von Concepcion nötigte die Eisenbahnverwaltung, Zug um Zug einzustellen, und man kann froh sein, noch gute Zugverbindung auf der verkehrsreichen Strecke nach Valparaiso zu finden, wo der Dampfer nach Antofagasta bestiegen werden soll.
Nach Überschreitung der Küstenkordillere führt die Bahn plötzlich ans Meer, und an den reichen Villen des Seebades Viña del Mar vorbeigleitend baut sich unmittelbar das Panorama Valparaisos überwältigend auf. Die Stadt scheint zwischen dem blauen Pazifik und den steilen Felsen kaum Platz zu haben, und so klettert Haus um Haus terrassenförmig die Felsen hoch. Einige Straßen sind asphaltiert, andere muß man bergmäßig über Geröll und Gerinne ersteigen, und an Regentagen mögen sie sich in wahre Sturzbäche wandeln, wie die Sandsacksicherungen vor den Fenstern an der Rückseite der gegen den Fels gelehnten Häuser zeigen.
Valparaiso ist nichts als Hafen, Stadt am Meer, im Meere fast. Stadt der Reeder, Stadt der Großkaufleute. Mochte im Weltkrieg, als der Verkehr durch die Magalhãesstraße aufgehört hatte und die Nordamerikaner den Panamakanal gesperrt hielten, hier auch vieles tot gelegen haben, heute ist es auf der offenen Reede, deren unbeweglicher Bläue man an stillen Tagen nicht ansieht, wie gefährlich hier der „Norder“ wüten kann, voll von kommenden und gehenden Schiffen. Fast jede Woche geht einer der großen Passagierdampfer durch den Panamakanal nach Europa oder den Vereinigten Staaten, und außerdem gibt es einige chilenische Dampfergesellschaften für den Lokalverkehr.
Die Zeiten sind gut für die Dampfergesellschaften. Der „Taltal“, der kleine schmucke Dampfer, von dessen Heck die chilenische Flagge weht und dessen tadellose Sauberkeit überrascht, liegt mit vielstündiger Verspätung noch immer im Hafen, als längst der volle Mond, einer riesigen Bogenlampe gleich, über der Bucht hochgezogen war. Kisten auf Kisten, Faß auf Faß, Alfalfabund auf Alfalfabund, und noch immer ist die Hauptladung noch nicht eingenommen, liegt in großen Prahmen wartend längsseits des Schiffes: einige hundert Kühe und Ochsen, die nach Antofagasta sollen.
Bei so viel Ladung bleibt für die Menschen kein Platz. Freilich die erste Kajüte mit bequemen Kabinen, Rauch- und Damensalon ist kaum halb voll. Aber die Zwischendecker werden von Fracht und Vieh immer enger zusammengepreßt. In dem Raume, der sonst bei jedem Schiff als Zwischendeck dient, steht in langen Reihen Ochse an Ochse, und immer mehr kommen vom Kran hochgezogen brüllend und strampelnd durch die Ladeluke in den Raum hinunter. Auf- und übereinander drängen sich die Tiere, die Ladeluke wird noch voll gestellt, und von den Peonen mit ihren Frauen und Kindern, die sich unten ein warmes Plätzchen sichern wollten, muß eins nach dem andern aufs offene Deck wandern, wo bereits eine Schicht Männer, Frauen und Kinder so enggedrängt aneinanderliegt, daß man kaum den Fuß dazwischen setzen kann. Auf dem breiten, bequemen Promenadedeck der ersten Kajüte schlendern ein paar einsame Nordamerikaner auf und ab.
Wie eine hohe Festungsmauer, die jedem Fremdling den Weg wehren will, baut sich die Küstenkordillere längs des Meeres auf, steil, steinig und unfruchtbar. Ein unfruchtbares, unzugängliches Land von Fels und Stein täuscht sie vor, und die Überraschung der ersten Spanier muß groß gewesen sein, hinter dieser Küstenmauer das frucht- und blütenreiche Längstal zu entdecken.
Allerdings wird diese reiche Vegetation immer spärlicher, je weiter man nach Norden kommt. In Coquimbo, wo der Dampfer am nächsten Tag gegen Abend einläuft, scheint das reiche Mittelchile im Elquital noch einen Ausläufer zu entsenden. Zwar die Felsen sind hier nicht weniger steinig drohend und laufen längs des Kammes in so scharfe Zacken aus, daß diese fast Baumwuchs vortäuschen. Allein die Dutzende von Booten mit Früchten, die ein Wettrudern nach dem Schiff veranstalten, zeigen an, wie gesegnet das Elquital ist.
Im Handumdrehen wimmelt das ganze Deck. Früchte werden ausgebreitet, unter den Zwischendeckern werden ganze Speiseanstalten aufgetan, aus großen Kesseln wird Hühnersuppe verteilt, einen Peso der Teller, gierig gekauft von den Zwischendeckern, deren Verpflegung nur dünne Bohnensuppe bildet. Dazu Früchte, Früchte in großen Mengen, Früchte, die man nicht kennt, die wie Mischung von Zitrone und Melone schmecken, oder mehr wie Gurke oder Kürbis.
Früchte und Überfluß an Lebensmitteln zum letztenmal. Am nächsten Tag in Taltal kommt kein Boot. Die kurzen, staubigen Straßen des kleinen Städtchens enden nur zu bald in Stein und Wüste. Dankt doch dieses selbst seine ganze Existenz nur dem Salpeter, der im Hinterland gefunden wird.
Wüste von Stein, Sand, Geröll. Gut paßt dazu der ölige Schimmer von vergossenem Petroleum, der vor dem Städtchen auf dem Wasser schwimmt. Die meisten Dampfer entnehmen hier den großen Tanks nordamerikanischer Petroleumfirmen den flüssigen Brennstoff für ihre Kessel. Zwischen Felsspalten führt die Röhrenleitung zum Strand, läuft auf schmutzigem Eisensteg ins Meer hinaus, um in dicke Schläuche zu münden, die auf Flößen schwimmend in Windungen wie eine riesige schmutzige Seeschlange sich längsseits des Schiffes schlängeln.
Wie eine Zwingburg haben die Yankees die riesigen Tanks vor Taltal aufgepflanzt, dessen Salpeterwerke bisher in deutschem Besitz waren. Eine von den drei großen Gesellschaften ist drauf und dran, in Yankeehände überzugehen. Oben im Rauchsalon auf dem Promenadedeck sitzen die Nordamerikaner beieinander, die in der ersten Kajüte dominieren. Abgerissene Worte wehen durch den Raum: „Wir kriegen das ganze Salpetergeschäft noch in die Hand.“
Vorn auf dem Deck liegen eng gedrängt und schlechter untergebracht als das Vieh die ursprünglichen Herren des Landes, die eingeborenen Chilenen, gute, willige Arbeiter von Haus aus.
In dem engen Gang, der an der Maschine vorbei zur Kajüte führt, hockt eine Reihe Peone beisammen und saugt gierig den Duft der Speisen, die an ihnen vorbei in die erste Kajüte getragen werden. Da tritt zu den teilnahmslos Kauernden einer im schmutzigen Poncho, lang und hager, struppiger Stoppelbart. Unruhige Augen stechen unter einer blauen Schirmmütze hervor. Er redet heftig, eindringlich, mit eindrucksvollen Gesten. Bald hat sich ein dichter Kranz um ihn gebildet; in die bisher teilnahmslos blickenden Augen kommt Leben. Und es ist, als laufe ein Funke durch all die Reihen abgearbeiteter, abgerissener Männer, ein gefährlicher, aber auch leuchtender, strahlender Funke. -- In der aufkommenden See stampft und schlingert schwer das kleine Schiff. Oben im Rauchsalon trennt man sich von flaschenbedecktem Tisch. Ein behagliches „Good Night“ verweht in der Luft.
29. Die Salpeterstadt.
Antofagasta.
Der erste Eindruck: Stadt und Hafen haben an dieser Stelle keine Existenzberechtigung! Eine offene Reede, gegen den Strand zu schwarze Klippen, über die schäumend weiße Brecher toben. Man wird ausgebootet wie fast in allen chilenischen Häfen, fährt an Prahmen und Leichtern vorbei, die voll besetzt sind mit Pelikanen und Möwen, passiert die Klippen und sieht sich plötzlich umgeben von Rudeln spielender Seehunde, die so dicht das Boot streifen, daß es fast kentert.
Auf dem engen Raum zwischen Meer und Berg führen breite, schnurgerade Straßen senkrecht gegen den Fels. Von der See sieht es aus, als liefen Sturmkolonnen die steinernen Wälle an. Mit einem Blick übersieht man Stadt und Straßen. Es ist ein sonderbarer Anblick, wie saubere, breit asphaltierte Wege plötzlich enden, und dann kommt nichts als glatte, steile, sonnendurchglühte Steinwand.
Wo heute eine moderne europäisch-amerikanische Stadt mit 65000 Einwohnern steht, lebten vor fünfzig Jahren nur ein paar indianische Fischer. Man bedarf keines Reiseführers, um zu wissen, in welch hohem Maße das alles künstliche Schöpfung ist, einzig und allein auf dem kostbaren Gut beruhend, das die trostlose Wüste des Hinterlandes liefert: dem Salpeter.
„~Te Ratanpuro~“, „~Te Dulcinea~“, in haushohen Lettern sind Reklamen auf die steilen Felswände gekalkt wie ein Wahrzeichen für diese Stadt, die nichts kennt als Geschäft, Geschäft und wieder Geschäft. Wenn man aus dem Süden des Landes kommt, möchte man zweifeln, daß diese so ganz andersartige Stadt auch zu Chile gehört. Sie wirkt vielmehr wie eine der Städte im Süden der Union, denen die Mischung von angelsächsischer und hispano-amerikanischer Kultur ihr charakteristisches Gepräge gibt.
Dieser Eindruck wird verstärkt, wenn man die Straßen durchwandert. Angelsächsische Sauberkeit und Akkuratesse, aber auch angelsächsische Langeweile und Eintönigkeit. Straßen und Läden, wie sie ebensogut in jeder Londoner Vorstadt stehen könnten. Die blumen- und palmenumstandene Plaza, die in keiner mittel- oder südamerikanischen Stadt fehlen darf, wirkt hier fast fremdartig, als gehöre sie nicht zwischen diese sauberen, langweiligen Straßen, in denen sich ein englisches Geschäftsschild an das andere reiht.
Die Deutschen, die in Süd- und auch in Mittelchile im Wirtschaftsleben des Landes eine so maßgebende Rolle spielen, treten hier gegenüber den Angelsachsen völlig zurück. Dagegen nehmen die Slawen eine hervorragende Rolle ein, und zwar vor allem Südslawen ehemals österreichischer Nationalität. Kroaten, Dalmatiner, daneben Serben und Montenegriner. Eine Reihe großer Firmen und Salpeteroficinen sind in ihren Händen. Darüber hinaus aber sind sie durch die ganze Pampa Salitrera bis an die bolivianische Grenze vor allem als Wirte und Hoteliers verstreut.
Gerade diese Slawen an der Westküste Südamerikas haben im Weltkrieg sehr bald, größtenteils von seinem Beginn an, eine feindliche Haltung gegen den Staat angenommen, dem sie offiziell angehörten. Sie richteten ein eigenes jugoslawisches Paßbüro ein, und noch heute stößt man als Deutscher im Verkehr mit ihnen auf einige Schwierigkeiten, wenn sich auch ihr ganzer Haß noch immer gegen das entschwundene Österreich und gegen -- Italien richtet.
Antofagasta ist bolivianischer Freihafen. Hier ist eine bolivianische Zollbehörde, und der Import und Export Boliviens geht zollfrei über diesen chilenischen Hafen. Dies ist das einzige, was Bolivien von der einst ihm gehörenden Stadt und der ganzen reichen Provinz Antofagasta geblieben ist.
Chile dagegen ist billig genug zu dieser Stadt gekommen, die ihr heute allein an Zöllen täglich 180 Peso Gold einbringt. Als Bolivien einen Ausfuhrzoll auf den von Chilenen auf seinem Territorium ausgebeuteten Salpeter legte, landete Chile im Jahre 1879 kurzerhand 200 Soldaten, die die bolivianischen Behörden vertrieben und die Stadt in Besitz nahmen. Damit wäre der Kampf um die Provinz Antofagasta eigentlich erledigt gewesen, wenn nicht Peru eingegriffen hätte und auf die Seite Boliviens getreten wäre. Dieses Eingreifen kostete die Peruaner, nachdem sie bei Iquique und Tacna geschlagen und die Chilenen in ihre Hauptstadt Lima einmarschiert waren, die Provinzen Tarapaca und Tacna-Arica. Erstere ist wertvolles Salpeterland, letztere eine wichtige strategische Position. Seitdem ist das Verhältnis zwischen Peru und Chile ähnlich wie das Frankreichs zu Deutschland, und Tacna-Arica wird vielleicht in Südamerika eine ähnliche Rolle spielen wie Elsaß-Lothringen in Europa.
Antofagasta ist eine Männerstadt und eine Stadt, in die man nur geht, um Geld zu machen. Einige Kinos und Kneipen bestreiten die kulturelle und Vergnügungsseite des Lebens. Kein Bad am Strand, kein Segelsport. Meer wie Fels scheinen gleicherweise unwirtlich. Kein Spaziergang, kein Garten, und fast wirkt es wie ein grotesker Witz, wenn man auf dem Felsen über dem kümmerlichen, fast nur angedeuteten Garten der Quinta Corrizo, eine Wegestunde von der Stadt entfernt, liest: „Schönster Ausflugsort Antofagastas.“ Nach einigen Tagen Aufenthalt verläßt man gern diese Stadt und vergißt dabei ganz, daß sie Zehntausenden, die in der trostlosen Pampa ein einsames Leben führen, Verkörperung alles Luxus, alles Vergnügens, aller Kultur ist.
30. La Pampa Salitrera.
Peineta.
Gesellschaft zur Erforschung der Wüste (~Compañía Exploradora del Desierto~) nannte sich die erste Salpeterkompanie, die im Jahre 1866 von der bolivianischen Regierung eine Konzession auf fünf Quadratleguas erhielt. -- Desierto! Wüste! der Name paßt besser als das euphemistische „Pampa“. Wer die argentinische Pampa kennt, denkt bei diesem Namen doch auch im ungünstigsten Falle mindestens an Steppe, die genügsamen Schafen Nahrung bietet. Die chilenische Pampa aber ist Wüste im reinsten Sinne des Wortes, ein Grauen von Öde und Unfruchtbarkeit.
Man ist mitten in ihr, sobald man den Bannkreis der Stadt Antofagasta und ihren hochgelegenen Friedhof verlassen, dessen Boden aus Zement besteht, zwischen dem einige kümmerliche Bäume hochgepflegt werden. Eine steile Rampe den Berg hinauf -- zwei Lokomotiven mühen sich schnaufend --, und noch ein letzter Blick auf das blaue Meer, und dann ist man in einer Rinne von Schutt und Geröll.
Eine Landschaft von trostloser Öde, der selbst die Grandiosität der Öde fehlt. Nicht der winzigste Halm, nicht das leiseste Grün. Nicht das mindeste Insekt, nicht der armseligste Wurm könnte hier leben. Es ist nicht einmal starrer, festgewachsener Fels, der die Landschaft bildet. Alles scheint Geröll, Schutt, Staub, Schmutz!
Es ist jetzt Winter. Aber man sieht Tropenanzüge und weiße Kleider, und die stechende Sonne erinnert an qualvoll heiße Tage im sommerlichen Buenos Aires. Wie muß es hier im Sommer sein! Und keinen Schutz vor der Sonne als das brennend glühende Wellblechdach. Zu beiden Seiten des Bahndammes schwärzlicher Staub, als hätte die Lokomotive hundert und mehr Meter breit das Land verrußt, dann Sand in hellerer Färbung bis zu den brüchigen Bergen, die, mehr und mehr zurücktretend, eine weite, öde Hochebene öffnen.
Die Berge, bald ferner, bald näher, das ist der einzige Wechsel in der Melodie von Monotonie, die die längs des Zuges stehenden Telegraphenstangen und Wellblechbaracken der Streckenarbeiter singen. Eine niederdrückende Landschaft. Jeder Vergleich für sie fehlt. Am ehesten gewinnt man eine Vorstellung von ihr, wenn man sich die Schutt- und Schlackenhalden der Industriereviere ohne Abwechslung unabsehbar aneinandergereiht denkt.
Wer von Salpeterfeldern liest, denkt leicht an weißschimmernde, glänzende Fläche -- ich selbst erinnere mich, solche Beschreibung gelesen zu haben --, aber nur in den seltensten Fällen ist der Caliche, das Mineral, aus dem der Salpeter gewonnen wird, so hochprozentig, 50 bis 70 Prozent, daß es im weißen Glanz schimmert, und so bleibt der Charakter der Landschaft schmutzig-eintönig, auch als der Zug jetzt mitten durch die Salpeterregion fährt.
Jede Wüste hat ihre Oasen, auch die Salpeterwüste kennt sie. Allein es sind künstliche, von Menschenhand geschaffene. Statt Palmen Essen, statt blauer Lagunen und Teiche die dampfenden offenen Kessel, in denen der Caliche kocht, statt weißer, kühler Häuser die öden Wellblechcampamentos der Arbeiter. Kaum ein wenig Grün im Hofe des Administratorhauses. Das sind die Oasen der Salpeterwüste, die „Oficinas“, wie sie genannt werden.