Südamerika, die aufsteigende Welt

Part 1

Chapter 12,692 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1922 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert, sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht beeinträchtigt wird. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im Text mehrmals auftreten.

Die Überschrift des 1. Kapitels (‚Deutsche Auswanderer im Atlantik‘) fehlt im Original und wurde vom Bearbeiter anhand des Inhaltsverzeichnisses eingefügt. Das Original wurde in einer Frakturschrift gedruckt, in welcher die Großbuchstaben ‚I‘ und ‚J‘ nicht unterscheidbar sind; dementsprechend wurden im Register Begriffe mit diesen Anfangsbuchstaben gemeinsam aufgeführt. In der vorliegenden Ausgabe wurden, den heutigen Gewohnheiten entsprechend, die Begriffe den Anfangsbuchstaben gemäß getrennt angegeben.

Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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~COLIN ROSS~

Südamerika die aufsteigende Welt

~MIT 54 ABBILDUNGEN UND 2 KARTEN~

~LEIPZIG, F · A · BROCKHAUS~

1922

Copyright 1922 by F. A. Brockhaus, Leipzig.

Vorwort.

Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag.

Goethe, Faust.

Der Wunsch, Pionierdienste zu leisten, Neuland zu finden, mitzuhelfen, Brot und Lebensmöglichkeiten für die Tausende zu erschließen, denen Krieg und Revolution sie genommen, war die Triebfeder zu dieser Reise. Vielleicht auch ein wenig Müdigkeit und Enttäuschung, daß nach furchtbarer seelischer und körperlicher Aufregung und Anstrengung während vier Kriegsjahren auch die Revolution fast alle Blütenträume welken ließ, die reiner Enthusiasmus nach ihrem Aufflammen von ihr erhofft hatte.

Neue Ufer! Zweimaliger Besuch in den Vereinigten Staaten und in Mexiko in der Vorkriegszeit hatte gelehrt, daß die Neue Welt längst im gleichen Pulsschlag mit der Alten Welt lebte und daß die unbegrenzten Möglichkeiten einer Begrenzung entgegengingen, die auch ohne Teilnahme am Weltkrieg schwere soziale Erschütterungen im Gefolge haben mußte. Aber Südamerika, Brasilien, Argentinien, Chile: mußte nicht hier Neuland in unbegrenzter Ausdehnung sein? Lockte nicht an diesen Ufern ein neuer Tag?

Der erste Eindruck überwältigte. Fülle, Reichtum, Gedeihen, unbegrenzte Möglichkeiten und scheinbare Unberührtheit von all den Problemen, die die Alte Welt zerfleischen. Es war ein Irrtum. Je länger man in diesem Kontinent reist, desto mehr wird man durchdrungen von der Einheit der Menschheit von heute. Gewiß, man kann sich auf eine weltferne Estancia setzen, man kann sich in ein unbekanntes Kordillerennest flüchten, aber das Bibelwort bleibt bestehn: „Und flöhe ich an die äußersten Meere....“

Gewiß, es gibt hier noch unbestellten wertvollen Ackerboden, königreichgroß. Es gibt noch unabgeholzte Wälder von unermeßlichem Wert. Es gibt Mineralschätze in unbegrenzter Menge. Es gibt Möglichkeiten, industrieller, kaufmännischer, selbst künstlerischer und literarischer Art, wie sie die Alte Welt nicht bietet. Sicher kann der Gewandte, der Energische, der Skrupellose raschen Reichtum erwerben. Aber neue Ufer, ein neuer Tag?

Fast scheinen sich die Verhältnisse zu verschieben, wie sich im Süden die Sternbilder am Himmel umkehren, und die Alte Welt erscheint als die neue, die Neue die alte. Wer an den politischen und wirtschaftlichen und sozialen Formen hängt, die Krieg und Revolution gewandelt, wird in der Neuen Welt noch alles finden, dem er nachtrauert. In Südamerika gibt es noch herrschende, bevorzugte Klassen, dort gibt es noch den Herrn-im-Hause-Standpunkt und gibt es rücksichtslose Ausbeutung wirtschaftlich Schwacher.

Aber genau wie die politischen Ideen der großen Französischen Revolution einst den Atlantik übersprangen und in Südamerika zum Freiheitskampf und zur Abschüttelung der spanischen Herrschaft führten, genau so dringen jetzt die sozialen Ideen des Abendlands bis in die fernste Pampa und bis in das verborgenste Indianerdorf, trotz aller Absperrungsversuche, trotz aller „~leyes de residencia~“, trotz aller Bemühungen, „bolschewistische Elemente“ fernzuhalten.

Eine große Gefahr bedroht diesen Kontinent, der so überreich ist an Schätzen, daß jeder einzelne seiner Bewohner ein sorgenloses Leben führen könnte. Wie damals die Abschüttelung des spanischen Jochs unter dem Einfluß der Ideen der Französischen Revolution jahre- und jahrzehntelange Unruhen, Chaos und Anarchie in jenen Ländern zur Folge hatte, die für „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ noch in keiner Weise reif waren, genau so liegt heute die Gefahr vor, daß sich die soziale Entwicklung überschlägt. Es handelt sich zu einem großen Teil um Volkselemente, die weder lesen noch schreiben können, um Indianer und Halbindianer, um wirtschaftlich und sozial unterdrückte Klassen, die bisher in einer Art patriarchalischer Abhängigkeit, ja in halber Leibeigenschaft gehalten wurden. Rationale Momente und Rassengefühle wirken mit.

Eine täglich wachsende, in Ländern natürlichen Überflusses doppelt verbitternd wirkende Teuerung kann den Anstoß geben zu einem plötzlichen Ausbruch sozialer Erschütterungen, die sonst unwahrscheinlich erscheinen mögen. Überall dasselbe: Streik in Argentinien, Streik in Chile, Streik in Bolivien. Auch dieses letztere Land, in dem bisher eine kleine, weiße Herrenschicht fast unumschränkt über die indianische Urbevölkerung herrschte, hat sich vor wenigen Monaten genötigt gesehen, Paßzwang einzuführen, und wenige Tage nach meiner Ankunft in seiner Hauptstadt La Paz brach der Streik der staatlichen Telegraphenbeamten aus.

Wetterleuchten! Vielleicht ist das Unwetter, das Europa durchtobt, hier noch fern, jahrzehntefern. Vielleicht helfen hier der natürliche Reichtum, die geringe Bevölkerungsdichte soziale Probleme überwinden, unter denen das Abendland konvulsivisch zuckt. Vielleicht auch bricht hier der Sturm doppelt furchtbar los. Es gibt Beispiele in Südamerika. Der Boden ist blutgetränkt.

Es ist schwer zu prophezeien, schwer zu raten. Schätze liegen brach. Aber wer sie heben will, darf nicht vergessen, daß er in Länder des Hochkapitalismus kommt. Eigenes Kapital ist das A und das O. Soziale Gesetzgebung, soziale Fürsorge gibt es nicht, oder sie stecken in den Kinderschuhen. Jeder steht allein da und ist nur auf sich selbst angewiesen. Aber auf das Heute kann ein ganz anderes Morgen folgen.

Unweit von La Paz liegt in Tiahuanacu eine uralte Stätte menschlicher Kultur, eine Weltstadt, die nach der Sage vor mehr als zehn Jahrtausenden blühte. Kulturen blühen und vergehen. Aus alten Kontinenten wandeln sich neue, und neue werden alt. Vielen mögen die neuen Ufer die neue Heimat werden, den neuen Tag aber wird nur erleben, wer ihn in seinem Herzen bereitet.

Berlin, März 1922.

=Colin Roß.=

Inhalt.

Seite

Vorwort 3

Über den Atlantik.

1. Deutsche Auswanderer im Atlantik 15

2. Längs der Küste Brasiliens 21

3. Das unbekannte gelobte Land 27

Argentinien.

4. Die Stadt am La Plata 35

5. Einwanderung nach Argentinien 40

6. Die Landfrage 47

7. Die großen Estancien 54

8. ~Sigue Vaca!~ 60

9. Deutsche Kolonien in Santa Fé 66

10. Heißes Land 72

11. Gespräch über Deutschland mit dem Präsidenten der Argentinischen Republik 75

12. Nach Patagonien 80

13. Die Metropole des Südens 84

14. Deutsche Seeleute in Südamerika 90

15. Die Insel im Rio Negro 95

16. Zwischenspiel 101

17. Das Land der Kanäle 105

18. Ritt durch Neuquen 111

19. Zukunftsland 116

20. Deutsche Siedler in argentinischer Wildnis 121

21. Auf dem Cayuncohochland 125

Chile.

22. Über die Kordillere 133

23. Das Paradies am Pazifik 137

24. Chilenische Präsidentenwahl 140

25. Chiles deutscher Süden 145

26. Llanquihue und Magallanes 148

27. Copihue 153

28. Längs der Küste nach Nordchile 157

29. Die Salpeterstadt 162

30. La Pampa Salitrera 165

31. Oficina 169

32. Pampinos 172

33. Unter Vulkanen 176

Bolivien.

34. Das Land Bolivars 183

35. Markt in La Paz 186

36. Gebirgsreise in Bolivien 191

37. An einem Tag aus Nordland in die Tropen 195

38. Was die Yungas erzeugen 199

39. Eine Yungasfinca 202

40. Der Gastfreund 207

41. Auf einer Zuckerrohrplantage 211

42. Weg im Fluß 215

43. Die Seele des Indio 219

44. Indianerwallfahrt 224

45. Indianeraufstand 227

46. Der amerikanische Himalaja 230

47. Mazamorra 235

Uruguay.

48. Karneval in Montevideo 243

49. Quer durch Uruguay 247

Brasilien.

50. Abend in Santa Anna 253

51. Deutschbrasilianer 258

52. Kolonisten und Kolonien in Rio Grande 266

53. Kolonisten im Urwald 271

54. Schirachs Erfolg 276

55. Brasilianische Landgesellschaften 281

56. Fahrt auf dem Iguassu 286

57. Auf brasilianischer Bundeskolonie 292

58. Kaffeefazendas 297

59. Die Großstadt der Tropen 302

60. Die Blumeninsel 308

Register 313

Abbildungen.

Seite

La Paz, mit dem Illimani im Hintergrund Titelbild

Siedlung in Patagonien 16

Lehmrancho 16

Patagonische Landschaft 17

Ansiedlerfrau 17

Wappen von Argentinien 33

Das Tal des Rio Cayunco 64

Inkasee 65

Plaza de la Independencia in Santiago 80

Bergarbeiterheim 81

Salpeteroficina 81

Am Fuße des Vulkans Ollague 96

Bergarbeiterhütten in der Kordillere 97

Arbeit in der Mine 97

Freundliche Marktweiber 112

Lamaherde 112

Ein Säugling zu Pferd 113

In einer bolivianischen Posada 113

Hörige Indianerinnen im Cocal 128

Weg im Fluß 128

Prähistorische Mumien vom Andenhochland 129

Bolivianischer Friedhof 129

Wappen von Chile 131

Allerseelen auf dem Friedhof 144

Indianische Wasserträgerin 144

Musikanten in Copacabana 145

Indianertanz 145

Copacabana am Titicacasee 160

Kirche auf dem Ruinenfeld von Tiahuanacu 161

Die heilige Jungfrau vom See in Copacabana 176

Ein frischer Trunk 177

Bepackter Hochlandsesel 177

Wappen von Bolivien 181

Indianerprozession in Copacabana. Nach einer von Jakob v. Tschudi veröffentlichten Zeichnung eines Indianers 192

Eingeborene vom Rio Beni 193

Indianerin am Webstuhl 193

Millunisee mit Huaina Potosi 208

Gipfelgrat des Huaina Potosi 209

Am Fuße der Eiswand des Huaina Potosi 209

Westwand des Illampu 224

Indianerdorf in der Puna 225

Nordostflanke des Illimani 225

Bergwerk in der bolivianischen Kordillere 232

Mazamorra 232

Der Morro bei Arica 233

Südbrasilianische Kolonisten 233

Wappen von Uruguay 241

Wappen von Brasilien 251

Deutsche Siedlung in Brasilien 288

Maispflanzung 289

Die ersten Anfänge einer Siedlung 289

Bai von Rio de Janeiro, vom Gipfel des Corcovado aus 304

Auf dem Marsch durch den Urwald 305

Blumeninsel bei Rio de Janeiro 305

Übersichtskarte von Südamerika 12

Sonderkarte 319

Umschlag und Einbanddecke sind von Maler Kurt Eduard Beck in Leipzig nach Motiven gezeichnet, die aus dem von Professor ~Dr.~ Posnansky geleiteten Museum in La Paz stammen. Die Figur in der Mitte des Umschlags ist Pachaimama, die Mondmutter. Die Figur auf dem Einband ist dem uralten monolithischen Sonnentor von Tiahuanacu entnommen.

*

Über den Atlantik.

1. Deutsche Auswanderer im Atlantik

An Bord S. S. Frisia in Höhe von St. Pauls Rock.

Ohne die Flügel zu rühren, einem Kampfeindecker gleich, zog der erste landkündende Albatros seine Kreise über dem Schiff. Dann stachen schwarze Zacken aus dem horizontweiten Blau: St. Pauls Rock. Seit Tagen, seit wir die Kapverdischen Inseln passiert, das erste Land. Land? Ein Fels, eine Felsnadel! Mitten im Ozean steigt sie senkrecht aus kilometertiefer See.

Schnurgerade hält der Dampfer auf die Nadel zu, als wolle er sie rammen. Im letzten Augenblick biegt er fast im rechten Winkel ab. Eine Rakete steigt zischend hoch, gleichzeitig heult die Dampfsirene. Schwärme von Wasservögeln schwirren auf.

An der Reling drängen sich die Fahrgäste. Einer erzählt: „Dutzende von Schiffen stranden jedes Jahr an dem Fels.“ Ein anderer: „Bei den Möwen haust ein alter Mann mit seiner Tochter.“

Wer bereits mehr als vierzehn Tage auf menschenüberladenem Schiff fahren mußte, dem erscheint solch Los fast beneidenswert. Drangvolle Enge in allen Klassen, das letzte Plätzchen besetzt. Gute Konjunktur für den Holländischen Lloyd. Unten im Zwischendeck aber stauen sich Männer, Frauen und Kinder, fast Leib an Leib. Wie in einen Ameisenhaufen sieht man vom Kajütsdeck hinunter. Blonde Köpfe, deutsche Gesichter, deutsche Laute. Das rückwärtige Zwischendeck ist fast ganz von Deutschen besetzt. Mancher ist darunter, der vor dem Krieg erster Klasse fuhr. Heute fahren in der ersten Klasse neben den Ausländern fast nur solche Deutsche, die ein Auslandsguthaben von dem Jammer der deutschen Valuta unabhängig macht. Ja, wir sind arm geworden.

„Ich kann den Blick nicht von euch wenden -- -- --.“

Immer wieder kommen mir die alten Verse in den Sinn. Das Rad der Weltgeschichte ist zurückgedreht. Wir exportieren wieder Menschen. Man könnte meinen, in die vierziger und fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts zurückversetzt zu sein, in denen der breite Strom deutscher Auswanderer über den Ozean zog, um mit seinem Blut und Schweiß fremde Kulturen zu düngen.

Die Möwen bleiben zurück. Langsam verdämmert der einsame Fels. Entschlossene, sehnsüchtige, zukunftsbange Blicke hängen daran. Manch einer wird in der Woge fremden Volkstums, dessen Art und Sprache er nicht kennt, einsam sein, wie der imaginäre Alte auf dem Riff. All die ehemaligen Offiziere und Seeleute, all die wurzellos gewordene Intelligenz, sie sollen jetzt mit ihren körperliche Arbeit ungewohnten Händen die Konkurrenz mit den auf primitiver Kulturstufe stehenden italienischen und spanischen Auswanderern und Saisonarbeitern aufnehmen.

Die alten, erfahrenen Argentinier und Brasilianer, die jetzt in ihre überseeische Heimat zurückkehren, schütteln den Kopf: „Wer durchhält, mag vorankommen, aber neunzig Prozent von dem, was jetzt hinüberfährt, geht zugrunde.“

Die auf das fremde Land, als auf die letzte Karte, alles gesetzt haben, lassen sich nicht irremachen. „So schlecht wird es nicht sein; zum mindesten: wir werden unter den restlichen zehn Prozent sein.“

Sie lassen sich nicht unterkriegen. Heute schon gar nicht. Heute geht’s über den Äquator. Taufe gibt es nicht mehr. Sie paßt auch nicht mehr in unsere Zeiten. Und dann, die zahllosen fremden Nationen, die auf dem Schiff fahren! Die Gelegenheit zu Reibungen wäre zu groß. Aber seine eigene Feier läßt sich das Zwischendeck nicht nehmen.

Die scharfe Linie, die Meer und Himmel schied, ist verschwunden. Das Auge sieht in eine einzige, fast greifbare Finsternis. Nur die weißen Schaumkronen, die der Bug des Schiffes aufreißt, leuchten in gespenstiger Blässe über den schwarzen Wellen.

Aus dem Zwischendeck tönen Geigen und Mandolinen. Unter dem Sonnensegel brütet noch die Hitze des Tages. Um die kleine, improvisierte Bühne ist eine Reihe Liegestühle aufgestellt: die vornehmen Parkettplätze. Dahinter sieht man in dem ungewissen Licht der wenigen elektrischen Lampen nur eine ununterscheidbare Menge von Köpfen. Ein groteskes Bild.

Ein Wiener Vorstadtsänger macht den Conférencier. Ein U-Bootkommandant hält die Äquatorrede. Dann wechseln Vorträge, Kuplets und Mimik. Und unermüdlich fiedelt die ~ad hoc~ zusammengestellte Kapelle. Ohne Proben, ohne Noten spielt sie, was Conférencier und Vortragende verlangen. Ein ungarischer Zigeuner macht den Kapellmeister. Die brennende Zigarre kommt ihm nicht aus dem Munde, während er mit Verve den Bogen führt und mit dem ganzen Körper den Takt angibt. Neben ihm geigen brav und ernst die eben erst aus dem Kadettenkorps ausgetretenen Söhne der adligen Offizierswitwe, die in Deutschland Hab und Gut verkaufte, um in Paraguay für sich und ihre Jungen eine neue Existenz zu suchen. „Was soll ich anders tun,“ meint sie, „seit Jahrhunderten gab es in meiner und meines Mannes Familie nur Offiziere.“

Ein neuer Redner ist auf das Podium getreten. Das Lachen und Scherzen ist verstummt. In lautlose Stille fallen die Worte: „Wir wollen die Heimat im Herzen tragen, immer und immer.“ Dann fiedeln die Geigen: „Muß i denn, muß i denn...“ und „In der Heimat, in der Heimat...“ Eine Saite reißt und gibt wehen Klang.

Auf dem Achterdeck ist Ball der Kajütspassagiere. Vorn im Schatten des Windsegels stellen die fünf französischen Kokotten bei Sekt plastische Gruppen mit ein paar internationalen Schiebergestalten, die zwischen Argentinien und Deutschland hin- und herfahren wie unsere kleinen deutschen Schieber zwischen Köln und Berlin. Die andere Seite des Tanzplatzes säumen die Portugiesen und Spanier, dann kommen die Deutschen, und ganz hinten am Heck sitzen steif und aufrecht, gleich Vögeln auf einer Stange, vier belgische Schwestern; ihnen gegenüber lehnt unbeweglich an der Reling die schlanke Asketengestalt eines portugiesischen Priesters.

Dazwischen wird getanzt: Tango, Onestep, Foxtrott. „Lulu, Lulu!“ tönt es von den Sekttischen, und Lulu tanzt. Das seidendünne, meergrüne Fähnchen reicht knapp bis zum Knie. Weiß leuchten die nackten Arme und florbestrumpften Beine.

Ich pendle zwischen der höllischen und himmlischen Seite hin und her. Wie die hochzischende Rakete anzeigt, daß wir die Linie passieren, plaudere ich gerade mit den Schwestern. „Ein doppeltes Fest“, meint die Blasse, Sanfte.... „Wieso?“ -- „Nun, Äquatorüberschreitung und Jahrestag des Waffenstillstandes.“ -- „Den feiern wir nicht.“ Ein Abgrund tut sich auf zwischen mir und den sanften Schwestern. Brüsk wende ich mich ab.

Richtig, heut ist der elfte. Ein Jahr liegt das zurück. Nein, ein Jahrhundert, eine unmeßbare Zeit! Wie mag es in Deutschland aussehen? Wie ist dort der Neunte verlaufen? Keine Nachricht dringt zu uns. Die englischen Funksprüche wissen nur von Fußballwettspielen zu erzählen, von dem Besuch des spanischen Königs in England und des Prinzen von Wales in Kanada, von dem Flug des Basutohäuptlings über die City, aber nichts von Deutschland, höchstens daß der hohe Rat der Alliierten beschlossen, daß wir die bei Scapa Flow versenkten Schiffe ersetzen sollen.

Noch immer tanzt Lulu. Die Treppe herauf schiebt sich die Fettmasse des Levantiners, der sich immer im Zwischendeck herumtreibt und wie ein Mädchenhändler aussieht. Plötzlich bricht der Tanz ab. Die Paare drängen an die Reling. Lulu gleitet und fällt dem Levantiner in die Arme. Am Horizont loht eine Flamme auf. Ein Leuchtzeichen? Ein brennendes Schiff? Erst langsam erkennt man. Es ist der Mond. Wie Blut und Feuer hebt sich seine volle Scheibe über die schwarze See.