Sturz der Verdammten: Gedichte

Part 2

Chapter 21,831 wordsPublic domain

Es müht sich der Reisende am Morgen in Vielfalt des Aufbruchs und Hoffnung ferner Sonnen, wer aber mitternächtig heimkehrt, schleppt hinter sich das doppelte Bewußtsein seiner Armut. Denn nur dem ruhig Sitzenden, dem Denker auf dem Steine ist die Erkenntnis beschieden, nicht als Tochter der Begebenheiten, sondern als Weh, urtief aufkeimend, gegenstandslos und ohne Maß.

Ich sehe den klagenden Obolos zwischen verwesten Lippen wehmütig schaukeln: Oh, wie lächle ich über den Schmerz von außenher, den Schmerz der Liebe, des Hasses und der Versagungen der Erde, den unzulänglichen Schmerz der flehenden Hand und des dunkel umfriedeten Auges, nicht zu vergleichen der schwarzen Bitternis der königlichen Schwermut, die ohne Leib geboren ist und tränenlos waltet.

Denn nur die Verdränger der Zeit aus ihrem Herzen, und die den sausenden Raum in ihre Brust gespannt, einwärts bogen den Tritt und das Schwarze des Auges hinwarfen in den verlassenen Schacht ihrer Seele, wissen ihr fernes Reich und die siebzehn Flüsse des Jammers, die es umschlingen. Aber die Wandernden alle schreiten lieber, die Palmenträger, durch Tore des Lichts und der Freude.

KREISENDE MASKE

Alles ward, nur ich bin übrig geblieben, ich bin nicht und trage mich selbst durch die Nächte. Allen gabst Du Verwandlung und Gang durch tönende Reigen, gabst das umwerbende Wort und sandtest die lösende Träne.

Auf dem Gesimse der Stirn da nistet die Schwalbe des Wunsches, in der geschlossenen Faust entwirkt sich die Blume der Tat, gabst ihren Herzen Schwermut, den Lippen sanftes Getöse, wenn der Geliebte des Nachts tälerwärts wälderwärts zieht.

Aber sie wandeln das Antlitz und tauschen Gestaltung der Hände, aber sie wirren die Stimm' und wechseln das Mal der Geschlechter, spannen sich ein in viel schimmernde Zeit, spinnen der Räume umflatterndes Kleid, schnappen der Worte beschatteten Bissen einer dem andern vom Munde hinweg.

Ich aber bin in mir aufgetan und Gott ist mein dunkles Gezelt, die Stirne in Klarheit, die Füße im Wahn, verstört in den Strom seines Atems gestellt. Was trag ich Bewußtsein der andern und Tod im Gelände des Herzens? Was ists, das in Falten des Hirnes mir tosend ersteht und verfällt?

Mein Wort ist ein Auge aufsaugend Gewässer der Nacht aus dem Raum. Nichts kann ich mehr sagen, kahl sproßt mir der Rede verbitterter Baum. An Antlitzes Larve, nachschleppender Rest, häng ich ewig mir an, indessen die andern in brausendem Wandern Genüge getan.

KLAGELIED DURCH DIE SPHÄREN

Ihr Wissenden, Ihr Finder guter Jahrzeit, tiefe Schreiter der Seele, seht, meine Hände sind einfach, ich breite sie her über die Weiße des Tisches! Woher aber nahm ich die Zwietracht meines Hauptes und daß mein Tag sich ins Irre bog, woher den ungewissen Opal meiner Gedanken und die Schwere in meinem flackernden Sinn?

Denn ihr habt die Brücken der Welt gebaut, entschlossene Brüder seid ihr und Gottes mächtig, Euere Stunden sind wohlgefügt und die Stunden Euerer Brüder sind erfüllt wie gute Becher. Ich aber bin die geheime Krankheit Gottes, die Lüge Gottes, das Hirnsieb aller Gestaltung, meine Nächte sind mißlungen in Gedanken und die Liebe des Tages wucherte auf zu unreiner Anschauung.

Ich ströme nach allen Seiten auseinander und habe keinen Raum. Fremd ist mir die Süße der Grenzen und das Gestade des Todes erreiche ich nicht. Euch aber gab der Herr Gnade der Beschränkung und das Maß setzte Feindschaft von Vorher und Nachher und gute Baumeister wurdet Ihr seinem Gesichte.

Woher, Ihr tiefen Wisser, rufe ich auf die weißen Wasser des Sanftmuts, darin die Zeit sich erschließt und Liebe zur Tat wird, abgekehrten Gesichtes, woher, woher denn Ihr vielen, kommt mir dereinst die finstere Windflut des Abschieds und zu vergreisen nach Euerem Gesetz und die Heimfahrt des Herzens.

KLAGE DES ERDGERECHTEN

Ich entfuhr den Klüften zerborstener Träume, beschwert mit dem Erbgut verworfner Gestaltung. Ich wandle seither, ein weher Verkünder der tödlichen Grenzen und der Gesetze. Ich teilte mir Gott in Gewässer und Klippen süß-bittere Landschaft ließ er sich nieder. Ich trage den Meßstab erdachter Entscheidung und spalte das Leben.

Doch sah ich den Pilger, verschränkt in Geburten und Tode, den Wanderer wahrhaft um Süße der Wanderschaft willen. Leicht wiegt ihm das Leben, wie Atem der Schwalben im Sturme, ist Strom oder Mantel von zehntausend Strömen des Herzens. Allseitig sein Walten, der Einfalt des Lichtes vergleichbar, doch selten erglühend, wie leidenschaftlicher Kaktus, ihm tönen die Hände von Wohllaut und Glanz der Erkenntnis. Das Antlitz des Weltalls durchschwebt Katakomben des Hauptes.

Es raffen die Sterne das Maß des stürzenden Lichtjahrs und stocken den Lauf, wo rauschend sein Blick sich entfaltet. Wir aber durchsausen in zischenden Liften den Abgrund durch Wahnsinnsetagen und branden in dunkle Bedrängnis. Und alle Gestirne, darein er kristallen verschmolzen, der schmerzlose Segler im Windstrahl des Göttlichen, sind uns längst toter Systeme kaum schwankende fahle Reflexe, die magisch verbrüdert hintanzen durch Raumlosigkeiten.

MITTERNACHTSKANTATE AN ALLE VERLASSENEN

Ihr nächtlichen Kavaliere, stahläugig mit Blicken der einsamen Steppenhyäne, Ihr Demoisellen, vom Monde bläulich getüncht, in frevelhaftem Karmin erstrahlend auf Lippen und Wange, da Euer Atem schwer geht durch Finsternis und bittersüß duftet wie traurige Nachtschattenblüte, werf' ich Euch zu den schwarzen Ball meiner Rede, daß Ihr ihn fahet, Ihr guten und willigen Fänger.

Oh, Ihr Kinder der Zahl, nur der Mächtige über die Zahl kann Euch erlösen! Aus dem Vielen stammt der Tod und die Heerschar der Grenzen ist schwer zu überwinden. Aber im täglichen Orgelgetöse der Städte seid Ihr Vielfältigmacher und Hüteschwenker, Tat schmiedet bleierne Ringe um Euere Augen und sitzt vermessen in Euerem kecken Monokel.

Denkt an die Einfalt der Wimpel, die fremd auf Fregatten in mystischen Ozeanen unkundig sind des Steuermanns und der tönenden Häfen der Heimkehr! Safrangelb strahlt ihnen fernher der ewige Leuchtturm aus dem Gefärb der Nächte, doch unerreichbar schwimmt er dahin und maßlose Meerfahrer sind sie im Dunkel.

Denkt, hinter den schwarzen Vierecken der Fenster nisten noch viele Schläfer in sorgloser Atemschwebe: Ausgenommen sind die Schläfer von allem Gericht. Wer stände auf und fügte dem Schlafenden ein Unrecht? Die Wasser der Träume schlagen leise an ihren Strand und etwas lächelt immer über ihr Antlitz und viel Demut findet Ihr in ihrem Wagrechtliegen, denn alles Aufrechte hat die Richtung zur Sünde.

Nächtlich gelehnt an bronzenen Kandelaber bin ich gepflanzt Euch allen ein tröstlicher Versammler. Denn auch der spitzbärtig schleichende Detektiv hat eine Seele tiefbrausend in allen Registern. Oh, Ihr alle, breitet Euere Taten auf das Pflaster und setzet Euch in einen guten Kreis und sehet aus grauen Streifen falben Gedächers den Morgen aufsteigen in warmer und zärtlicher Röte.

VERKÜNDIGUNG AN DIE KÖNIGE DER TAT

Immer ist die Tat in einem Sinne ungerecht. Wer ist so kühn eine Tat zu tun? Zu sickern antipodenwärts und nach Äonen in fernen Begebenheiten auf fremden Inseln zu schwingen? Die Angst und die siebenfache Verfluchung, wie könnte der Tätige sie vermeiden? Aber er löst sich grausig von seiner Tat und fällt ab wie dürre Kruste von übler Wucherung.

Verworfen sind die Dramendichter und Ingenieure, die da wissen, daß die Wahrheiten des Lebens nicht auf dieser Erde sind, und die Häuserbauer und die Soldaten und die Verherrlicher der Zeit und des Breitegrades. Soviel Raum als zwei Sohlen bedecken genügt um nachzudenken und zu erkennen: Nur wer die Wahrheit der eigenen Erlösung erkannt hat, wird aller Wahrheiten König sein.

O ihr Menschen! Das Gehirn in Politik zu tauchen frommt nicht. Sehet, wie rein die Hände der Leidenden sind! Sie sitzen in sich selbst wie in der Tiefe eines Tempels. Wer käme, um sie daraus zu vertreiben? Sehet an die Stärke der Leidenden: Alle Taten von Aufgang bis Niedergang haben sie überwunden. Euer Garten ist voll von Eisblumen des Todes, aber die Seele der Leidenden ist von ewig duftender Glut.

Nimm Du, o größter Meister der Tat, Deine kleinste Demut an Deine Brust und senke die Stirne. Siehe, Dein vollkommenster Prophet sitzt mit zerbrochenen Gliedern auf einem Stein und fügt Dir ein Erbarmen. Bald wird die Angst Deines Herzens in Wälder fliehen und sich hinter Felsblöcken ducken, denn, siehe, Deine Taten sind uneins untereinander worden und stehen wider Dich auf!

TODESGESANG

Ich halte in meinen Händen die dunkle Frucht der Erkenntnis und benenne sie: Frucht des Todes. Das Wort Tod hat drei Laute und leichthin fügt es die tanzende Lippe des Menschen. Gelächterbewimpelt, ein Ozeandampfer, brauset das Leben vorüber. Im Wellenpalmblatt seines Kielwassers schaukeln wir auf, beklommene brüchige Kähne.

Unkundig sind und schwer befallen, die da den Tod in der Ferne suchen. Es trägt der Erkennende seinen Tod mit sich fort durch die Maskenwanderungen der Erde. Er kennt weder Eile noch Vor- noch Rückwärts und schwebet in unermeßlichem Ausgleich. Leben und Tod sind ineinander verschlossen, Sein und Nichtsein gebären sich auseinander.

Ich hege diesen meinen Tod wie ein köstliches Gewächs und nähre ihn mit meinem Leben. Er verzweigt sich als Baum in alle Glieder meines Wesens und trägt lastende Früchte. Die bunten Sommervögel des Lebens nisten in seinem Geäst und sein Laub schüttelt der Nachtwind, Aber unter dem Zelt meiner Stirne breitet sich seine schwarze Krone, mich ganz zu erfüllen.

LIED DES ENTSPRUNGENEN (Aus der symphonischen Dichtung »Die Straße«)

Ein Irrer, langhaarig, schiefen Mundes, eine Geige in der Hand

Will mich Hand des Wärters halten, werd' ich mich zusammenfalten wie Papierchen, sanft umfassen, durch die Gitter wehen lassen. Wie das Kätzchen giebelschleichend, auf den Mauersimsen streichend, bin ich auf dem First geritten an der Ulme abgeglitten. Hab' mir auf dem Fiedelbogen weiße Zwirne aufgezogen. Will mir keiner Saiten schenken, muß ich mir die Saiten denken.

(Macht einige Striche durch die Luft)

Herrlich klingt auf meinem Cello Arie von Paesiello. Wärtershand ist hinterm Hügel, faßt sie mich, so droht sie Prügel. Ehmals war doch alles helle, war nicht Riegel, war nicht Zelle, nun ist alles mir zersplittert, bin gefesselt, bin vergittert. Leib ist dunkel eingewunden, aufgeschwollen, unentbunden.

Bin ich nicht als Lamentoso, Pizzikato, Furioso, halb gespielt und halb gesungen einer Partitur entsprungen?

Ehmals war ich ein Andante, das auf einer Flöte brannte. Herrgott sprach zu mir sein _Werde_ und ich ballte mich zur Erde. Nun seit fünfzighundert Jahren muß ich um die Sonne fahren, bis ich mich zu Nichts zertöne, irgendwo zu Ende stöhne.

(Schlägt sich ins Gebüsch.)

INHALTSÜBERSICHT

Seite Sturz der Verdammten 5 Der Unerlöste singt zur Nacht 11 Der Städter 13 Dem Wahnsinnigen 14 Dem Entschwindenden 15 Beseelung 16 Lied des Unsteten 17 Der Aussichtsturm 18 Erneuerung 20 Unruhe in tiefer Nacht 21 Gebet bei Anbruch des Morgens 22 Die Häßliche 23 Vision 24 Der kranken Frau 25 Der Schauspielerin 26 Totenklage 27 Begegnung 28 Abgesang 29 Unterweltlicher Psalm 31 Kreisende Maske 32 Klagelied durch die Sphären 34 Klage des Erdgerechten 35 Mitternachtskantate an alle Verlassenen 36 Verkündigung an die Könige der Tat 38 Todesgesang 40 Lied des Entsprungenen 41

Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 11]: ... Siehe, ich suche Dich, Gott, jenseits der menschlischen Wasser, ... ... Siehe, ich suche Dich, Gott, jenseits der menschlichen Wasser, ...

[S. 35]: ... ängst toter Systeme kaum schwankende fahle Reflexe, ... ... längst toter Systeme kaum schwankende fahle Reflexe, ...

End of Project Gutenberg's Sturz der Verdammten, by Johannes Urzidil