Chapter 9
»Ich habe ihm zugeredet wie 'nem kranken Schimmel -- alles umsonst! Er sitzt in Schulden bis an den Hals. Der Besitzer der letzten Hypothek schnürt ihm die Gurgel zu -- auch natürlich auf Betreiben der Polen! Das Hemd ist ihm näher als der Rock, sagt er, und das polnische Angebot gibt ihm wenigstens die Möglichkeit, irgendwo mit einer kleinen Pachtung wieder von vorn anzufangen. Bei 'ner Subhastation müßte er mit 'nem Prachersack 'rausgehen und einem weißen Stock in der Hand. Ich wollte ihm zum Abschied 'ne rechte Niederträchtigkeit sagen, aber ich kriegte sie nicht über die Lippen. Der Mann hat 'ne kranke Frau und sechs Kinder.«
Herr von Gorski zog die buschigen Augenbrauen zusammen.
»Das ist in zwei Jahren hier in unserem engeren Kreise schon das zehnte Gut, das aus deutschen Händen in polnische übergeht. Soviel Geld haben wir nicht, um dieser andringenden Flut standzuhalten!«
Der Stationsvorsteher hob die Hand, das Zeichen zur Abfahrt zu geben, aber Herr von Lindemann winkte ihm energisch ab. Er hatte den dritten Mitreisenden im Wagen erspäht, der zu Beginn der Unterhaltung diskret auf die andere Seite getreten war. Dem Stationsvorsteher rief er zu: »Lassen Sie die alte Lokomotive man ruhig sich noch ein Weilchen verpusten! Wird ihr nichts schaden bei der Hitze, und ich bin hier noch nicht fertig!« Und, wieder zu dem Wagen gewandt, fuhr er lebhaft fort: »Herr von Foucar! Wie in drei Deuwels Namen kommen _Sie_ hierher? Nach unserem geliebten Ostpreußen, wo es am tiefsten ist?«
Der Angeredete machte ein befremdetes Gesicht.
»Verzeihung, ich erinnere mich im Augenblick wirklich nicht ...«
»Aber, Mannchen! Blättern Sie mal ein bißchen in dem Buch Ihrer Erinnerungen an den Stellen, die junge Mädchen aus guter Familie nicht lesen dürfen -- entschuldigen Sie gütigst, Fräulein Annemarie --, ja, besinnen Sie sich da nicht auf einen gewissen dicken Lindemann? Freiherr von Lindemann auf Borzymmen? Mein Vetter Sternheimb hat uns bekannt gemacht, der lange Kersien von den Königsberger Kürassieren war der dritte im Bunde. Und wissen Sie nicht, wie ich damals in der Jägerstraße den ganzen Bums unter Sekt gesetzt habe? Drei Morgen Weizen hat der Spaß gekostet, aber war doch fidel, was?«
Gaston lachte auf. Jetzt entsann er sich wirklich der lustigen Nacht, und wie sehr er sich damals über den dicken Agrarier amüsiert hatte, der in absichtlich vergröbertem ostpreußischen Dialekt allerhand komische Schnurren erzählt hatte.
»Wahrhaftig, Herr von Lindemann, jetzt fällt's mir wieder ein! Und ich bitte recht sehr um Entschuldigung ...«
»Nitschewo -- ich bin nicht so übelnehmerisch! Aber der lange Kersien prophezeite Ihnen damals eine Springerkarriere, wie sie seit Erschaffung der Welt noch nicht dagewesen. Also was sind Sie inzwischen geworden? Generalfeldmarschall?«
»Vorläufig mal erst Rittmeister bei den Ordensburger Dragonern!«
»Na, für den Anfang auch ganz schön! Jedenfalls begrüße ich Sie als schätzenswerte Akquisition unseres Kreises, und man wird sich doch jetzt öfter sehen.«
Der Stationsvorsteher hatte zu seinem lebhaften Bedauern auf den Wunsch seines prominentesten Nachbarn nicht länger Rücksicht nehmen können. Der Aufenthalt auf der kleinen Station hatte schon fünf Minuten über die vorgeschriebene Zeit gedauert. Er gab hinter dem Rücken des Herrn von Lindemann heimlich das Abfahrtszeichen. Der Zug setzte sich ächzend und stöhnend in Bewegung, die Lokomotive stieß pfauchend ein paar weiße Dampfwolken aus. Der Dicke aber war noch nicht fertig. Erst warf er dem Beamten in der roten Mütze einen zornigen Blick zu, dann setzte er sich mit den kurzen Beinen ebenfalls in Bewegung und lief neben dem Wagen her.
»Entschuldigen Sie nur, daß ich vergessen habe, die Herrschaften miteinander bekannt zu machen! Herr Landschaftsdirektor und Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen nebst Fräulein Tochter -- Herr Rittmeister Baron Foucar von Kerdesac! Und noch eins, mein verehrter Herr von Gorski« -- er erhob seine Stimme -- »in der Klinik alles gut abgelaufen? Keine Beschwerden mehr in dem kaputten Fuß?«
Herr von Gorski winkte mit der Hand.
»Danke, lieber Lindemann, alles im Lot! Ich laufe, Gott sei Dank, wieder wie 'n alter Fasanenhahn!«
Der Zug fuhr rascher, der Dicke im weißen Staubmantel mußte zurückbleiben. Dem Stationsvorsteher aber hielt er eine ärgerliche Standpauke. Was es wohl groß geschadet hätte, wenn der Zug sich noch ein paar Minuten länger verschnauft hätte? Und wieso er ihn nicht auf die gute Idee gebracht hätte, ein Billett zu lösen und in angenehmer Gesellschaft nach Ordensburg mitzufahren? Jetzt könnte er den ganzen langen Abend allein sitzen mit seinen spärlichen Gedanken und sich zum Sterben langweilen.
Der Stationsvorsteher legte die Hand an den Mützenschirm.
»Nich immer gleich schimpfen, trautester Herr Baron! Ich hab' nämlich 'ne Idee. Wenn Sie Ihren hochbeinigen Trakehner Kraggen man ein bißchen den Kopp freigeben, holen Sie den Zug zehnmal ein, sind noch vor ihm in Ordensburg! Und da is heute mächtig 'was los ... eine Damenkapelle fiddelt im Hotel zum Kronprinzen! Wenn ich nich Dienst hätt', wär' ich, warraftigen Gott, heute abend auch 'rübergefahren. Man versauert ja sonst ganz hier in der Einsamkeit, und e bißche 'was Höheres muß der Mensch doch von Zeit zu Zeit haben, so was Ideales von Kunst und so! Nich wahr, Herr Baron?«
Der dicke Herr von Lindemann klopfte ihm die Schulter.
»Kunst ist gut, Vorsteherchen, namentlich wenn sie wie in diesem Falle von holder Weiblichkeit ausgeübt wird. Na, die Idee ist wirklich glänzend -- lassen Sie sich dafür morgen bei meinem Oberinspektor einen Sack Kartoffeln abholen als Erfinderprämie! Guten Abend, Herr Stationsvorsteher.«
Er hob grüßend die Hand und ging nach der Rückseite des Stationsgebäudes, wo sein Jagdwagen im Schatten von ein paar breitästigen Linden hielt.
»Ludwig, wir fahren zur Abwechslung mal nach Ordensburg. Aber sanftes Reisetempo bitt' ich mir aus, damit die Gäule nicht zu warm werden!«
»Befehl, Herr Baron!«
Ein leises Zungenschnalzen, und die beiden hochgezogenen Trakehner Halbblüter trabten an, daß hinter dem davonrollenden leichten Gefährt der Straßenkies spritzte ...
Herr von Lindemann wandte sich um, rief dem dienernden Stationsvorsteher zu: »Telephonieren Sie, bitte, nach dem Schloß hinüber, die Mamsell möcht' nicht mit dem Abendbrot auf mich warten ... verstanden?« Und während er sich zu der raschen Fahrt die Mütze fester ins Gesicht zog, zankte er schon mit sich selber: eigentlich war diese plötzliche Eskapade für einen ausgewachsenen Menschen reichlich töricht! Die Nachbarn mokierten sich auch über den lästerlichen Lebenswandel ... Aber die hatten gut reden! Waren alle verheiratet und wußten nichts von der Einsamkeit, die einen in dem großen Haus an den langen Abenden wie ein Alp überfiel. Mit seiner Nachbarin wollte sie ihn verheiraten, die blonde Annemarie von Gorski! Mit dem abstinenzlerischen Fräulein von Streit auf Marczinowen ... Hopfenstange war noch ein Euphemismus für ihre mangelnden Reize! Sie selbst aber? Was sie wohl für ein Gesicht machen würde, wenn er mit einem Male in Frack und Claque in Kalinzinnen antreten wollte: »Also, wie wär's nu mit _uns_ beiden, Fräulein Annemarie? Könnten Sie sich entschließen, mit Ihren weichen Patschhändchen über einen blanken Kahlkopp zu streicheln und 'lieber Gottfried' zu mir zu sagen? Sie können's nicht? Na schön, dann brauchen Sie sich auch nicht zu wundern, wenn der Freiherr von Lindemann lustige Gesellschaft sucht und sich einen Ordentlichen einschwenkt. Und na, überhaupt ...«
Er richtete sich auf seinem Sitze auf: »Kerl, zieh den beiden faulen Kraggen eins ordentlich über den Puckel! Bei dem Tempo kommen wir nach Ordensburg, wenn der Kunstgenuß im Hotel Kronprinz längst schon zu Ende ist.«
* * * * *
Das kurze Intermezzo auf der Station Borzymmen hatte den drei Reisenden die Müdigkeit verscheucht. Etwas von der lustigen Laune des dicken Herrn von Lindemann war hängen geblieben, die Hitze erschien nicht mehr so drückend wie noch kurz zuvor. Sogar Herr von Gorski schien für den Augenblick seine politischen Sorgen vergessen zu haben. Er sah sein Gegenüber mit lebhaftem Interesse an: »Sie kommen in unser Regiment, Herr Rittmeister?«
»Zu dienen! Und wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, habe ich Ihnen Grüße zu bestellen. Ich hatte doch vorhin recht verstanden: Herr Reichstagsabgeordneter von Gorski auf Kalinzinnen?«
»Allerdings.«
»Dann stimmt es! Ich soll Sie von meinem verehrten Abteilungschef grüßen. Von Herrn Oberst Wegener im Großen Generalstab.«
Annemarie schlug vor Ueberraschung die Hände zusammen.
»Von Onkel Franz? Ist das eine Freude! Und wie geht's ihm denn?«
»Soweit ich's beurteilen kann, sehr gut. Ein bißchen abgearbeitet natürlich, denn wir haben saure Wochen hinter uns, kamen aus unseren Schreibstuben kaum noch heraus.«
Annemarie lachte herzlich auf und rückte vertraulich ein wenig näher.
»Daher Ihre blasse Gesichtsfarbe! Wissen Sie, wofür ich Sie zuerst gehalten habe?«
»Na?«
»Für einen Professor oder Oberlehrer. Unsere Offiziere in Ordensburg sehen jetzt, Ende Juli, wie die Neger aus! Na, und hat Onkel Franz nicht auch von mir gesprochen? Ihnen für mich keine Grüße aufgetragen?«
»Dazu war wohl die Zeit zu knapp, als ich mich vorgestern von ihm verabschiedete. Er mußte zum Vortrag. Aber gesprochen hat er von Ihnen, mein gnädiges Fräulein.«
»Was denn?«
»Dazu müßte ich wohl erst seine Erlaubnis einholen, um Ihnen das wiederzusagen.« Und kecker, als es Damen gegenüber sonst seine Art war, fügte er hinzu: »Aber er hatte recht! Jetzt, nachdem ich Sie persönlich kennen gelernt habe, unterschreibe ich's Wort für Wort!«
Annemarie errötete ein wenig und verzog schmollend den Mund.
»Das ist nun eklig von Ihnen! Erst einen neugierig machen und dann nichts sagen!«
Herr von Gorski hatte schmunzelnd zugehört.
»Ich kann's mir denken! Haben Sie auch seine Frau kennen gelernt?«
»Nur flüchtig bei einem Essen, das der Herr Oberst den Herren seiner Abteilung gab. Auch mit ihm bin ich sonst bloß dienstlich zusammengekommen. Da hat's mich eigentlich gewundert, daß er sich für mich so ins Zeug gelegt hat. Die Auszeichnung, daß ich vor dem Manöver schon in die Front hinauskam, verdanke ich nur ihm.«
Der alte Herr sah sein Gegenüber prüfend an. War das nun falsche oder echte Bescheidenheit? Aber die Musterung schien zu seiner Zufriedenheit ausgefallen zu sein, er nickte.
»Mein Vetter Wegener weiß, was er tut! Und Sie kommen gern zu uns nach Ostpreußen?«
»Jetzt noch lieber als früher.«
»Na, das ist recht! Welche Schwadron kriegen Sie denn?«
»Herr Oberst Wegener sprach von der fünften ...«
»So, so ... ich bin durch die sechs Wochen Stilliegen ein bißchen 'raus ... Na, und hat mein Vetter Wegener mir nicht noch irgend etwas Besonderes sagen lassen? Wie's so im allgemeinen aussieht?«
»Nein, Herr von Gorski. Unsere Unterredung dauerte ja auch bloß ein paar Minuten.«
»Na, mir gegenüber können Sie ruhig und ganz offen sprechen. Ich bin alter Herr des Regiments, das Offizierkorps geht in meinem Hause aus und ein, namentlich das unverheiratete,« -- ein lächelnder Seitenblick streifte die neben ihm sitzende Tochter -- »ja, also da brauchen Sie sich nicht zu genieren. Auch nicht vor Annemarie. Sie ist der heimliche Beichtvater und Vertrauensmann von allen jungen Dächsen im Regiment. Etliche hab' ich sogar im Verdacht, daß sie bei ihr ein bißchen in der Kreide sitzen!«
Annemarie wurde rot bis unter die blonden Stirnhaare und protestierte entrüstet.
Gaston aber spürte eine seltsame Regung, als müßte er ihr über das blonde Köpfchen streicheln und irgend etwas Liebes sagen. So stark war diese vermessene Regung, daß er sich ordentlich zusammennehmen mußte. »Himmlischer Kerl von Mädel«, hatte sie der Oberst von Wegener genannt. Das stimmte, und zu beneiden war der Mann, der sich das mal zum guten Kameraden gewann. Unwillkürlich flogen seine Gedanken weit fort zu einer anderen, stellten allerhand Vergleiche an ...
Gaston schreckte zusammen. Der alte Herr da drüben hatte eine Frage an ihn gerichtet.
»Wie befehlen? Ach so, ja, ganz recht. Es sieht wieder einmal bedrohlicher aus als sonst. Ich persönlich habe natürlich kein Urteil, aber mein verehrter Chef gab mir ein privates Avis an meinen neuen Kommandeur mit. Daraus schließe ich, daß jeder Tag vielleicht die Katastrophe bringen kann. Oder -- wie man's nehmen will -- die Erlösung aus einer immer unerträglicher werdenden Spannung.«
Herr von Gorski schüttelte den grauen Kopf. »Ich glaube nicht daran. Die Verantwortung ist zu ungeheuerlich! Da überlegen sich's die, in deren Hand die Entscheidung liegt, eher zehnmal als einmal. Namentlich bei unseren Nachbarn im Osten. Da spielen für die Dynastie im Falle eines unglücklichen Krieges noch ganz besondere Interessen mit. Ich habe livländische Verwandte in hohen Hofchargen. Einer von ihnen schrieb mir erst unlängst, die Truppenansammlungen an unserer Grenze sind nur befohlen worden, =pour montrer la bonne volonté=. Um den Bundesgenossen mit dem großen Sparstrumpf bei guter Laune zu halten.«
»Mag sein, Herr von Gorski. Dafür sieht's an unserer Westgrenze um so bedrohlicher aus. Dort geht's leider nach Stimmungen, nicht nach Erwägungen. Das ganze Volk schreit nach dem Revanchekrieg. Wie ein langsam angestautes Wasser ist es, das jeden Augenblick den Damm zerreißen kann. Mir persönlich wäre es recht. Nichts sehnlicher wünsche ich mir, als meine Schwadron gleich an den Feind zu führen!«
»Bravo!« sagte Annemarie, und Herr von Gorski lächelte.
»Sie ist nämlich mit ihren jungen Freunden vom Regiment unbedingt fürs Einhauen. Sie geht dann als Rote-Kreuz-Schwester mit! Aber was ich schon vorhin fragen wollte, lieber Rittmeister, wo standen Sie eigentlich früher?«
»Bei den Karlsburger Ulanen. Von dort kam ich auf Akademie und nachher in den Generalstab.«
»Ein glänzendes Regiment und eine angenehme Garnison,« sagte der alte Herr. »Und da sind Sie nicht wieder hingegangen?« Die Frage klang ein wenig argwöhnisch.
»Ich hatte meine besonderen Gründe!« sagte Gaston. Damit sollte es genug sein, aber er fühlte, daß Annemaries Augen an ihm hingen. Wie ihm scheinen wollte, mit ganz besonders gespanntem Interesse, und da sprach er offen und ohne Rückhalt. Als wenn das liebe Mädel ein Anrecht hätte, genau zu erfahren, was er fühlte und dachte.
»Also einmal, weil ich gerade Ostpreußen kennen lernen wollte, und dann ... in meiner Heimat nicht nur geht eine Legende, die mir jedesmal, wenn ich auf sie stoße, die Zornröte ins Gesicht treibt. Eine sehr hohe Dame soll angeblich mit besonderer Fürsorge über meine Karriere wachen. Ich habe auch sonst genug gelitten unter diesem törichten Gerede. Mein Vater war Kammerherr dieser hohen Dame an einem der süddeutschen Duodezhöfe. Er starb, als ich ein Jahr alt war, ich habe ihn nicht gekannt. Als ich Offizier wurde, gab mir mein Vormund einen Brief von ihm und klärte mich auf. Mein Vater war im Duell gefallen für die von einem Unwürdigen angegriffene Ehre dieser hohen Dame, war gestorben wie ein Kavalier und Held. Aber meine liebe Mutter faßte das anders auf. Glaubte an eine Schuld, wo nichts weiter gewesen war als die Pflicht eines seiner Herrin dienenden Kavaliers. Sie ging nach ihrer schwäbischen Heimat zurück und erzog mich dort auf ihre Art. Es steht einem Sohne nicht zu, mit der geliebten Mutter zu rechten, aber es wäre vielleicht manches in meinem Leben anders gekommen, wenn ich eine Jugend hätte haben dürfen wie andere. Wie ein junges Mädchen verpimpelte sie mich. Aber da gab es einen Umschwung. Eines Tages hatte ich mal wieder was ausgefressen, aber kam gerade noch mit blauem Auge davon. Wie und wieso weiß ich nicht mehr, aber einer meiner Coëtanen meinte: 'Na ja, wenn man eine Schutzheilige hat -- eine richtige, lebendige Großfürstinwitwe, die ihre Gefühle vom Vater auf den Sohn überträgt.' Ich fuhr ihm an den Hals, wir schlugen uns auf schwere Säbel, und in der Festungshaft danach wurde ich ein ernsthafter Mensch. Ein Streber schlimmster Sorte ... Kommandierender General zum mindesten wollte ich werden! Aber ohne weibliche Protektion!«
Annemarie hatte mit aufgeregten Augen zugehört. Ehe ihr Vater etwas sagen konnte, streckte sie impulsiv dem Rittmeister von Foucar die Hand entgegen.
»Furchtbar interessant ist das! Und überhaupt, wo Onkel Franz so große Stücke auf Sie hält. Sind Sie Jäger?«
Gaston blickte ein wenig verwundert auf.
»Sogar mit Passion. Aber bisher hatte ich, zu meinem Bedauern, nur wenige Male Gelegenheit.«
»Na ja, in Berlin!« sagte sie geringschätzig. »Aber das wird hier anders werden. Sie sollen bei mir in Kalinzinnen den besten Bock schießen, den es im Kreise je gegeben hat. Mindestens dreißig Zentimeter Stangenhöhe und geperlt bis in die Enden hinein ... ein ganz alter Bursche, schlau wie ein Fuchs, aber in der Brunst werden wir ihn schon kriegen!«
Der alte Herr hatte zum Fenster hinausgesehen. Hallo, was war das? Hatte sein sonst so zurückhaltender Blondkopf an diesem Rittmeister Feuer gefangen? Und daß das Mädel mit den Kalinzinner Rehböcken so freigebig umging, war allein schon ein bedenkliches Zeichen. Sonst war sie damit sehr knauserig.
»Annemarie,« sagte er, »freust Du Dich, daß wir endlich wieder nach Hause kommen?«
»Aber natürlich, Papa, riesig!«
»Und was Hermann wohl sagen wird, wenn wir endlich wieder da sind? Wahrscheinlich wird er an der Bahn sein.«
Annemarie runzelte die Stirn.
»Natürlich wird er da sein. Du hast ihm doch sicherlich geschrieben, wann wir ankommen. Er ist überhaupt immer da.«
»Bitte sehr, diesmal habe ihm nicht geschrieben!«
»Er wird doch da sein!« sagte sie hartnäckig und legte sich abweisend in die Wagenpolster zurück. Gaston aber merkte die Absicht des alten Herrn und griff nach einer der schon längst gelesenen Zeitungen. Eigentlich war es ja schon deutlich genug gewesen, daß Herr von Gorski die Jagdeinladung der Tochter nicht bestätigt hatte. Und dieser Hermann, der auf der Station warten würde, war ein Wink für ihn: »Gib Dich nicht unnützen Hoffnungen hin.« Der Wink war überflüssig. Wer sich selbst eine Kette um den Fuß gelegt hatte, durfte seine Augen nicht aufheben zu einem stolzen und freien Herrenkind.
Annemarie hatte ein paar Minuten schweigend gesessen, jetzt schob sie in leichtem Trotz die Unterlippe vor.
»Ach, entschuldigen Sie, Herr Rittmeister ...«
»Bitte sehr, mein gnädiges Fräulein.«
»Sie müssen so freundlich sein, mir noch einmal recht deutlich Ihren Namen zu sagen. Vorhin, als Herr von Lindemann vorstellte ...«
»Aber mit Vergnügen! Gaston Baron Foucar von Kerdesac!«
Annemarie blickte überrascht auf: »Aber das ist ja ein rein französischer Name!«
»Zu dienen! Mein -- einen Augenblick, ich muß nur nachrechnen -- ja, also, mein Ururgroßvater kam als achtjähriger Knabe nach Deutschland. Seine Eltern waren auf die Guillotine geschleppt worden, ihm gelang es, als die Schergen des Konvents das Schloß durchsuchten, sich zu verstecken. In einer Regentonne. Dann wanderte er nach Osten, bis er an andere Flüchtlinge Anschluß fand. Mit zweiundzwanzig Jahren focht er unter Blücher gegen Napoleon.«
»Merkwürdig,« sagte Herr von Gorski, und aus dem Tone seiner Bemerkung war starke Mißbilligung herauszuhören, »ja, also merkwürdig, wie eine Familie mit Traditionen in so kurzer Zeit ihren vaterländischen Standpunkt verändern kann! Das Vaterland ist doch immer das Primäre! Und ich frage mich manchmal ... Die Abkömmlinge der französischen Refugiéfamilien ... ja, mit welchen Gefühlen werden die wohl einmal satteln, wenn es gegen ihr altes Vaterland Frankreich geht?«
Gaston verneigte sich leicht, Kampflust in den blauen Augen.
»Das haben sie schon einmal bewiesen, jetzt vor mehr als vierzig Jahren! Und ich darf wohl dagegen fragen, mit welchen Empfindungen werden Sie sich tragen, Herr von Gorski, wenn es morgen nach der anderen Seite losgehen sollte? Gegen Rußland?«
Der alte Herr steckte sich in einer gewissen Erregung eine Zigarette an.
»Sie verstehen zu fechten, Herr von Foucar! Aber es ist ein Irrtum dabei. Mein Geschlecht ist von Anbeginn an rein deutsch gewesen -- trotz seines polnischen Namens. Darüber existieren unanfechtbare Urkunden. Mein erster nachweislicher Vorfahr ist als Gefolgsmann des Großmeisters Heinrich von Plauen urkundlich aufgeführt, Berger hieß er. Als nach dem Niedergange des Ordens die slawische Welle wiederkam, wurde sein guter deutscher Name ins Polnische übersetzt. Gorski heißt nämlich auf deutsch Berger, und das Schicksal, das ihn ereilte, traf auch all die anderen, ursprünglich deutschen Familien. Nicht nur aus dem Stande der Ritterbürtigen. Auch unter der bäuerlichen Bevölkerung können Sie noch heute herauskennen mit einiger Sicherheit, was ursprünglich mal deutsch war. Schon an der Körperlänge. Der slawische Masur ist klein, kaum daß mal einer über Mittelgröße hinauswächst.«
»Aehnlich wie in meiner Heimat,« versetzte Gaston. »Nur daß man da zwischen Normannen mit Wikingerblut unterscheidet und den kleineren Abkömmlingen der Römer. Aber ich meine, der ganze Streit ist unfruchtbar. Jeder hält zu dem Lande, dem er sich verbunden fühlt. Der alte Name ist nur eine Erinnerung. Das Nationalgefühl entscheiden die Mütter.«
»Haben Sie Ihre alte Heimat einmal besucht?« warf Annemarie ein.
Gaston wiederholte die Frage.
»Meine alte Heimat? Nein, aber im vorigen Jahre machte ich eine Reise durch Nordfrankreich. Ich sage das absichtlich, um von vornherein meine Empfindungen bei dieser Reise zu kennzeichnen. Nichts sprach zu mir, was irgendeinen sentimentalen Widerhall in mir geweckt hätte ... oder vielmehr einmal mußte ich an mich halten, um als preußischer Offizier nicht eine Unbesonnenheit zu begehen. Am zweiten September war es, in Havre. Zu Hause bei uns feierte man den Gedenktag von Sedan, hier schleifte ein Haufe halbtrunkener Gassenjungen eine Strohpuppe im Straßenkot, die wie ein deutscher Soldat ausstaffiert war mit ein paar bunten Fetzen. An der Spitze schritt ein Bengel, der ein freches Spottlied auf die '=sales Prussiens=' sang. Die andern grölten den Refrain. Da mußte ich mich mit Gewalt zusammenreißen, um dem Lümmel an der Spitze das Maul nicht mit einer Ohrfeige zu stopfen ... Und ein paar Tage später war ich in dem Städtchen Kerdesac. Auf einem Hügel in der Nähe lag eine verfallene Ruine ... ein Rest des alten Gemäuers war wohnlich eingerichtet, ein weißbärtiges Männchen hauste darin ... Der Letzte der Foucar der französischen Linie. Ich machte ihm meine Aufwartung, ohne meinen Namen zu nennen, und fragte so nebenher, ob nicht ein Zweig des Geschlechts in Deutschland lebte. Da richtete der alte Herr sich auf und spie aus. 'Verflucht sei er und verdorren möge er! Meine Arme sind vertrocknet, aber wenn wir morgen marschieren sollten, marschiere ich mit. Und Gott wird mir helfen, die zu züchtigen, die ihr Vaterland vergessen konnten ...' Ich empfahl mich und ging. War nicht im geringsten betroffen, hatte nur das Gefühl einer Seltsamkeit ... einen fast schnurrigen Gedanken: daß nämlich anscheinend in jedem Lande der liebe Gott eine andere Nationalität hat. Und daß er jedesmal helfen soll, die Leute jenseits der Grenze totzuschlagen ...«