Sturmzeichen

Chapter 6

Chapter 63,766 wordsPublic domain

»Sell geht nit, Herr Hauptmann! Das alt Weible will partout den Herrn Hauptmann persönlich schpreche.«

»Na, dann soll sie gefälligst warten, bis ich mich angezogen habe!«

»Befehl, Herr Hauptmann!«

Gaston sprang mit beiden Füßen aus dem Bett, wusch und kleidete sich rascher an als sonst. Als er aber den Rock zuknöpfte, überfiel ihn eine eigentümliche Beklommenheit. Als ginge er einem hochnotpeinlichen Examen entgegen, so war ihm plötzlich zumut.

Er öffnete die Tür zum Vorzimmer: »Darf ich bitten?«

Eine seltsam gekleidete alte Frau erhob sich, trat einen Schritt näher. Unter einem bunten Kopftuch stand ein schneeweißer Scheitel. Die Füße steckten in schwarzen Schnürschuhen, in der Rechten trug sie einen derben Schirm, auf den sie sich stützte, als wenn ihr das Stehen schwer fiele. Aus dunklen Augen sah sie Gaston prüfend an. Schließlich seufzte sie leicht auf und kam langsam ins Zimmer. Gaston schloß hinter ihr die Tür.

»Sie wollten mich persönlich sprechen?«

»Ja, Herr Hauptmann,« sagte sie, »und sehen! Damals als Sie zum ersten Male bei uns waren, hatte ich keine Gelegenheit.«

Sie sprach ein ganz korrektes Deutsch, nur in der harten Betonung gewisser Vokale verriet sich ein slawischer Anklang.

Gaston wurde es unter den musternden Blicken unbehaglich zumute.

»Sie stehen zu Frau Rheinthaler wohl in einem besonders vertrauten Verhältnis?«

»Ihre Mutter war zu eitel, da hab' ich sie genährt. Seit sie zum ersten Male in meinen Arm gelegt wurde, habe ich sie nicht mehr verlassen.«

»Na, das ist sehr nett von Ihnen!« Ihm fiel im Augenblick nichts anderes ein als diese banale Wendung. Und, mit einem Versuche zu scherzen, fügte er hinzu: »Sie sehen mich so prüfend an. Gefalle ich Ihnen nicht?«

Sie zuckte mit den Achseln.

»Darauf kommt es nicht an. Nur eins: Sie haben ihren Brief gelesen. Danach mußte ich fast eine halbe Stunde warten! Haben Sie so lange Zeit gebraucht, sich Ihre Antwort zu überlegen?«

Gaston fuhr mit gemachtem Unwillen auf.

»Hätte ich Sie vielleicht im Schlafzimmer empfangen sollen? Ich mußte mich doch erst anziehen!«

Sie schüttelte den Kopf, ohne die forschenden Augen von seinem Gesicht zu wenden.

»Ich bin ein altes Weib, vor mir brauchten Sie sich nicht zu genieren. Und es ist schon richtig. Sie sehen nicht aus wie einer, der sich vor Freude nicht zu lassen weiß! Aber ich werde ihr was vorlügen. Sie würde sterben, wenn ich ihr die Wahrheit sagen wollte! Seit dem ersten Tag, wo sie mir von Ihnen erzählte, ist sie krank. Erst als ich ausgekundschaftet hatte, daß Sie es mit keiner anderen hielten, daß Sie frühmorgens in das große rote Haus am Königsplatz fuhren und erst spät in der Nacht wieder heimkehrten, beruhigte sie sich.«

Gaston richtete sich auf. Es widerstrebte ihm, eine Unterhaltung weiterzuführen, bei der er wie auf einem Armesünderbänklein saß.

»Es ist genug. Empfehlen Sie mich Ihrer Herrin, ich werde mir erlauben, um fünf Uhr bei ihr zu sein!«

»Weiter soll ich ihr nichts ausrichten?«

»Nein!«

Die Alte trat näher, umklammerte seinen Arm.

»Lieber, guter Herr, seien Sie nicht böse. Ich müßte mich ja selbst verfluchen, wenn ich mir sagen müßte, ich hätte etwas bei Ihnen verfehlt. Nur, weil ich sie so sehr liebe, daß ich mein Herzblut verspritzen könnte für sie, meine ich immer, allen anderen müßte es ebenso gehen. Also, Herr, sagen Sie mir nur ein einziges Wort, damit ich mich vor meinem Kind nicht so zu verstellen brauch' ...«

Gaston machte sich unwillig los.

»Aber, meine Verehrteste, wer mutet Ihnen denn zu, daß Sie sich verstellen sollen! Richten Sie der gnädigen Frau einen schönen Gruß von mir aus! Alles, was unsere Zukunft angeht, werde ich heute nachmittag persönlich mit ihr besprechen.«

»Dazu wird vielleicht keine Gelegenheit sein. Heute nacht hatten wir alles gepackt, um fortzugehen. Da kam der Herr nach Hause, von der anderen. Wie er unsere Vorbereitungen sah, gab es einen schrecklichen Anfall. Ich glaubte, es ging schon zu Ende, aber er erholte sich wieder. Dann hat er geweint und gebettelt, sich die Haare gerissen und geschworen, er würde der anderen den Laufpaß geben. Die Josepha hat ihm nicht geantwortet, und jetzt läßt er sie nicht aus den Augen. Sitzt in seinem Stuhl und spricht kein Wort, bettelt nur immer mit den Augen.«

Gaston wandte sich ab, unsäglich widerwärtig war das alles.

»Na, dann sagen Sie Ihrer Herrin, es tut mir leid, aber unter diesen Umständen kann ich keinen Fuß in das Haus ihres Mannes setzen! Sie wird mir das nachfühlen.«

Die Alte hob die dürre Hand.

»Um Gottes willen, Herr, das geht nicht! Sie wartet auf Sie wie auf den Heiland. Um Sie noch einmal zu sehen und daraus Mut zu schöpfen für alles, was ihr noch bevorsteht. Wollen Sie ihr da dies kleine Opfer nicht bringen?«

»Es ist gut,« sagte er mit einem Aufatmen, »ich komme! Und da es unter all den Umständen wohl keinen anderen Weg gibt -- richten Sie ihr etwas aus, was ich ihr sonst persönlich gesagt hätte. Ich setze allerdings dabei voraus, daß ich Ihnen vollkommen vertrauen darf.«

Die Alte reckte ihre hagere Gestalt, über ihr vertrocknetes Gesicht flog ein heller Schein.

»Sie vertraut mir, das muß Ihnen genug sein. Wie an einer Mutter hängt sie an mir.«

»Nun denn ... Also sagen Sie der gnädigen Frau, ich hätte heute meine Versetzung in die Front bekommen. In ein kleines Nest an der russischen Grenze. Ob ich nach Berlin zurückkehre, hängt nicht von mir allein ab. Ich hoffe es, aber ich weiß es nicht bestimmt. Es kann ebenso gut sein, daß ich dort unten für immer bleiben muß. Ich bitte die gnädige Frau daher, sie möchte es sich noch einmal reiflich überlegen. Ob sie mir dorthin folgen will, in die engen und beschränkten Verhältnisse ...«

Um die welken Lippen der Alten flog ein bitteres Lächeln.

»Ich verstehe! _Sie_ möchten sich's noch einmal überlegen. Aber das geht nicht an, sie würde es nicht verwinden. Und nun hören Sie mir gut zu! Ich leide es nicht, daß Sie ihr wehe tun. Strafen wird die heilige Mutter Gottes Sie, wenn Sie Ihr Wort brechen, und ich werde ihr Werkzeug sein. Ich schwöre Ihnen, Sie können an das Ende der Welt fliehen, ich werde Sie erreichen!« Hochaufgerichtet stand sie da, die dunklen Augen in dem gelben Gesicht blitzten in fanatischem Glanz.

Gaston hatte ihr ärgerlich ins Wort fallen wollen, aber die Alte war nicht zu beirren. Da ließ er sie aussprechen. Ueber die Drohung zum Schluß mußte er lachen. Sie war auch überflüssig, er hatte sich ja längst schon entschieden. Nur es war etwas in ihm, was ihn trieb, genau so ehrlich zu sprechen wie die andere da, die ihrer Herrin in blinder Treue ergeben war.

»Sie haben richtig geraten, Frau ... Frau ...«

»Ursula heiß' ich,« fiel die Alte ein, »Ursula Blazitschek aus Deutsch-Brod in Böhmen.«

»Also, Frau Ursula, sagen Sie Ihrer Herrin, daß ich heute nacht noch gewissenhaft mit mir zu Rate gegangen bin. Daß ich auch heute noch überlegte, ob ich sie nicht bitten sollte, mir mein Wort wieder zurückzugeben. Das ist jetzt anders geworden. Nach dem Brief da ... nicht nach Ihren Drohungen. Die würden mich nicht einen Schritt weiter treiben, als ich zu gehen entschlossen wäre. Ich habe vieles zu überwinden, aber ich hoffe, es wird mir gelingen. Ich will ihr die Treue halten, mehr kann ich heute nicht versprechen. Wenn sie damit zufrieden ist, soll sie mir folgen. Gott gebe, daß es ihr und mir zum Guten ausschlägt.«

Die Alte beugte sich hinab. Ehe er es verhindern konnte, hatte sie den Schoß seines Ueberrockes an die Lippen gezogen.

»Dank, Herr! Jetzt wird sich alles zum besten wenden. Nur ihr werde ich nicht alles wiedersagen, was wir gesprochen haben. Wozu soll sie sich mit Zweifeln betrüben? Sie hat genug gelitten in dieser Zeit! Um Euer Glück aber ist mir nicht bange ... Und jetzt, Gott befohlen, Herr! Ich werde zusehen, ob es nicht möglich sein wird, daß Ihr Euch heute nachmittag für ein paar Minuten allein sehen könnt.«

Sie knixte und ging eilig hinaus, ohne sich umzublicken. Ein paar Augenblicke war ihm zumute, als ginge das alles nicht ihn an, sondern einen Fremden. Wie in einem Theater kam er sich vor, in dem sich allerhand seltsame Geschehnisse abspielten. Wenn der Vorhang fiel, war die Täuschung vorüber. Man zog sich den Paletot an und trat wieder in die Wirklichkeit hinaus. Er schüttelte den Kopf und begann nachzudenken. Ein Mann, der sich fest in der Hand zu halten glaubte, trieb willenlos in dem Strom des Schicksals, Zufälle bestimmten ihm den Weg, blinde und alberne Zufälle, die jählings einfielen, wie eine aus verkehrter Richtung in die Segel schießende Böe. Einen Tag später war die Arbeit fertig, und er hätte die Frau, die jetzt sein Schicksal wurde, vielleicht nie wiedergesehen. Oder der Hauptmann Sternheimb, der gestern die Arrangements des lustigen Abends besorgte, wäre auf die Idee gekommen, ein anderes Ballokal für den Nachtbummel vorzuschlagen. Verrückt konnte man werden, wenn man darüber nachdachte.

Der Bursche brachte das Frühstück herein, Gaston stürzte hastig eine Tasse Tee hinunter. Es war höchste Zeit, sich in den Dienst zu begeben. Und allmählich mußte er sich auch in eine Art von Freudengefühl hineinsteigern, damit seine Danksagung bei dem Oberst Wegener nicht der nötigen Wärme entbehrte. Aber es gelang nicht. Immer mußte er denken, daß er in den so heiß ersehnten neuen Wirkungskreis nicht eine lockende Hoffnung mitnahm, sondern eine drückende Last -- -- --

* * * * *

Der Oberst war sehr guter Laune, als er seinen Schützling empfing. Nur hatte er wenig Zeit, denn er war zum Vortrage befohlen worden, konnte jeden Augenblick abgerufen werden. Er ordnete Papiere und Akten, als Gaston in sein Zimmer trat.

»Na, lieber Foucar, wie ist Ihnen jetzt zumute?« rief er ihm entgegen. »Freuen Sie sich?«

»Außerordentlich! Und ich weiß gar nicht, wie ich Herrn Oberst für all die Güte und Fürsorge ...«

»Ist schon gut, ich freue mich mit, daß ich's hab' zurechtschieben können. Hauptsächlich für den Ordensburger Kommandeur. Der kann Leute wie Sie gebrauchen. Ich hab's Ihnen wohl schon neulich gesagt, er ist ein guter Freund von mir, der Oberstleutnant Harbrecht -- noch von der Kriegsschule her. Ich hab' ihn um ein paar Nasenlängen überholt ... na schön. Grüßen Sie ihn von mir! Und sagen Sie ihm im Vertrauen, er soll den alten Säbel schleifen. Es liegt eine verdammt schwüle Spannung in der Atmosphäre.«

Gaston atmete tief auf. Und jetzt kam endlich die Freude über ihn. Das war vielleicht die Lösung aus all der Wirrsal, in die ihn diese vergangene Nacht gestürzt hatte.

»Glauben Herr Oberst wirklich?«

Der Chef zuckte mit den Achseln.

»Ich vermute nur! Ich habe mich in dieser Zeit schon so oft mit meinen Prophezeiungen blamiert. Vielleicht heißt's morgen, wieder 'rin in die Kartoffeln! Aber wo der Oberstleutnant Harbrecht mit seinen Dragonern an _der_ Seite sozusagen am dransten ist, kann's nicht schaden, wenn er noch schärfer aufpaßt als sonst. Ich glaube, unsere Herren Nachbarn im Osten werden sich im Ernstfalle nicht lange mit der Vorrede aufhalten. Sie haben um Szuczin, Grajewo, und wie die Nester alle sonst heißen mögen, einen ganz anständigen Pulk Kosaken versammelt, und unsere Grenze bis zu dem masurischen Seendefilee ist offen. In einer Nacht können sie bis Lötzen reiten.«

»Ich danke Herrn Oberst für die Mitteilung. Ich werde es Herrn Oberstleutnant Harbrecht ausrichten.«

»Na, dem erzählen Sie mit dem letzten keine Neuigkeiten, der weiß in seinem Kram Bescheid. Das war mehr für Sie, damit Sie sich gleich zu Anfang bei ihm ein bißchen nett einführen können!«

»Herzlichen Dank, Herr Oberst. Ich hatte inzwischen auch schon Gelegenheit genommen, mich wenigstens oberflächlich über die dortigen Verhältnisse zu unterrichten. Herr Major Nahmacher hatte die Güte, mir auf meine Bitte das einschlägige Material in seinem Bureau für eine Stunde zur Einsicht zu überlassen.«

Der Chef nickte wohlgefällig.

»Um so besser! Aber jetzt einen kleinen Tropfen Wermut in den Becher der Freude: Urlaub is nich! Wenn die Zeiten wider Erwarten ruhig bleiben sollten, nach dem Manöver.«

»Sehr wohl, Herr Oberst. Ich hatte sowieso nicht darauf gerechnet. Jetzt natürlich erst recht nicht, ich müßte mich ja schämen. Und ich habe hier nicht viel zu besorgen. Ein paar Abschiedsbesuche. Die ärgste Zeitversäumnis wäre die neue Uniform. Sonst könnte ich schon heute abend reisen.«

Der Oberst Wegener lachte laut auf.

»So doll ist das Vaterland nun nicht in Gefahr! Die Russen werden ja nicht gleich morgen anfangen.«

Eine Ordonnanz betrat das Zimmer, stand an der Tür stramm.

»Was' los?«

»Exzellenz erwarten den Herrn Oberst.«

»Es ist gut, ich komme sofort!«

Der Chef griff nach seiner Mappe.

»Tut mir leid, lieber Foucar, ich hätte gerne noch ein Weilchen mit Ihnen geplaudert. Von meinem lieben Ostpreußen. Ich hab' da 'ne Masse Verwandte, denen können Sie Grüße bestellen! Die Leitners in Prawdowen, die Ahrens in Sarken, den Reichs- und Landtagsabgeordneten Gorski auf Kalinzinnen ... mit einem himmlischen Kerl von Tochter. Ich alter Esel, als ich das letzte Mal auf Urlaub war, verschoß mich in das Mädel, daß meine gute Alte beinahe eifersüchtig wurde ... Na, das soll natürlich kein Wink mit dem Zaunpfahl sein. Von diesen herrlichen Edelfohlen läuft da auf dem Lande noch eine ganze Masse herum. Also, jetzt Schluß, lieber Foucar, und adieu!« Er schüttelte seinem gewesenen Untergebenen kräftig die Hand: »Alles Gute auf den Weg, und schreiben Sie mir mal!«

Gaston fühlte es heiß im Herzen aufsteigen. Ganz unwillkürlich beugte er sich über die Hand, die seine Rechte hielt. Wie die Hand eines Vaters kam sie ihm vor.

Der Oberst machte eine rasche Bewegung.

»Unsinn,« sagte er, aber seine Stimme klang ein wenig rauh. »Ich hatte vom ersten Tage an ein Auge auf Sie geworfen, um Sie für mein geliebtes altes Regiment und die Heimat einzuheimsen. Und jetzt Schluß ... Gott befohlen!« Er wandte sich ab, ging eilig zur Tür hinaus. Gaston aber stand noch eine Weile allein, ehe er sich in sein Zimmer zurückbegab. Er fühlte sich bedrückt von diesem Vertrauen und kam sich nicht mehr so sauber vor wie früher.

Sein alter Stubenkamerad, Hauptmann von Sternheimb, hob bei seinem Eintritt den Kopf.

»Sie, Foucar, hier in der Abteilung hat sich eine seltsame Mär verbreitet. Die Herren im Nachbarzimmer haben es deutlich gehört: der Alte soll ein paarmal gelacht haben, während Sie Audienz bei ihm hatten. Richtig gelacht. Also das ist ein so merkwürdiges Vorkommnis ... Morgen haben wir entweder Erdbeben oder Krieg nach drei Fronten.«

»Vielleicht habe ich ihm einen guten Witz erzählt.«

Herr von Sternheimb lachte.

»So sehen Sie aus! Aber, wenn es nicht indiskret ist: Was wollten Sie eigentlich bei ihm? So feierlich im besten Ueberrock, mit Zylinderhut und Säbel?«

»Mich abmelden! Ich bin als Rittmeister zu den Ordensburger Dragonern versetzt worden.«

Hauptmann von Sternheimb sprang auf.

»Mann Gottes, und das sagen Sie mit so einer Leichenbittermiene? Sausen wieder mal über ein paar Dutzend Vordermänner weg -- unter anderen auch über mich -- kommen in die Front, während wir hier wie die Kulis im Schwitzkasten sitzen müssen. Die hohe Dame, die da unten in der kleinen süddeutschen Residenz Ihre Schicksale lenkt, scheint wieder einmal recht tätig gewesen zu sein.«

Gaston verfärbte sich.

»Wie meinen Sie das, Herr von Sternheimb?«

Der andere wurde ein wenig verlegen.

»Entschuldigen Sie, das ist mir so herausgefahren. Aber es geht hier unter uns eine Legende, Sie erfreuten sich da unten in Süddeutschland, noch von Ihrem seligen Herrn Vater her, ganz besonders guter Beziehungen.«

»Das ist ein Irrtum. Mein Papa ist gestorben, als ich kaum ein Jahr alt war. Ich habe mir mein bißchen Weg allein gemacht, ohne jede Protektion! Die Versetzung jetzt zu so ungewöhnlicher Zeit verdanke ich unserem Abteilungschef. Er hat sie mir selbst angetragen!«

Herr von Sternheimb lächelte vielsagend.

»Er schien Ihnen schon immer wohlgewogen zu sein. Na dann: gratuliere herzlichst!«

Gaston runzelte die Stirn. So wie der hier, dachten alle übrigen. Kameradschaft existierte doch nur dort, wo einer den anderen nicht zu beneiden hatte.

»Ich hatte die Absicht, die Herren in unserer Abteilung heute abend zu einem Abschiedstrunk zu laden. Bitte, empfehlen Sie mich ihnen! Ich muß früher in Ordensburg antreten, als ich gedacht hatte. Nach der Stichprobe hier eben zu schließen, wird man mir ja auch nicht allzu viel Tränen nachweinen.«

Herr von Sternheimb machte eine lässige Handbewegung.

»Ihre eigene Schuld, Herr von Foucar! Sie haben sich ja immer von uns zurückgezogen. Gestern kriegten wir eine Art von Erklärung und verziehen Ihnen mit schnödem Neid im Herzen. Minnedienst geht vor Kameradschaft.«

»Wie meinen Sie das?« fragte er, ein wenig unsicher.

»Na, das feuchte Weib, mit dem Sie allein im Auto nach Hause gondelten. Donnerwetter noch mal, war das 'ne pompöse Erscheinung! Und anscheinend eine Klasse für sich. Eigenes Auto mit Chauffeur und Diener.«

»Herr von Sternheimb, ich mache Sie darauf aufmerksam. Sie sprechen von einer Dame der Gesellschaft!«

»Ah, pardon! Der Ansicht war ich nämlich auch, als wir nachher noch bei einem Gläschen Pilsner beisammensaßen, aber der lange Bledow hatte zufällig neben Ihnen getanzt und ganz deutlich gesehen, wie Sie Ihrer Partnerin einen zärtlichen Kuß auf den schneeweißen Schwanenhals applizierten! Das gab er natürlich unter allgemeiner Heiterkeit zum besten.«

Gaston wandte sich ab und biß sich auf die Lippen. Herr von Sternheimb trat näher und legte ihm die Hand auf den Arm.

»Na, Foucar, nichts für ungut! Wollen nicht im Aerger auseinandergehen. Wir haben in der Zeit hier doch immer sehr brav zusammengehalten! Und soll ich vielleicht noch feierlich erklären, daß ich nicht die geringste Absicht hatte, der Dame zu nahe zu treten?«

»Ist nicht nötig,« erwiderte er mühsam. »Nach den Beobachtungen, die Herr von Bledow gemacht hatte, konnte es sehr wohl den Anschein haben ... also erledigt!«

Herr von Sternheimb sah ihn nicht ohne Teilnahme an.

»Es tut mir furchtbar leid, lieber Foucar, falls ich da an etwas gerührt haben sollte ... Ich habe mir nichts dabei gedacht! Aber Sie werden mir zugeben, es ist doch, gelinde gesagt, ein bißchen ungewöhnlich, daß eine Dame der Gesellschaft sich mitten unter diese kleinen Mädchen mischt.«

»Ist ja schon gut,« sagte Gaston gequält, »wollen die Sache nicht unnütz breittreten! Nur so viel noch: wenn sich jemand Vorwürfe zu machen hat, bin ich es, ganz allein. Ich habe die junge Frau, die sich in Begleitung ihres Mannes und noch einiger Herrschaften den Balltrubel aus Neugierde 'mal ansehen wollte ... dabei ist doch nichts, nicht wahr? ... Ja also, ich habe die Dame dazu verleitet, mit mir einmal herumzutanzen. Daß ich mir nachher diese unbegreifliche Unverschämtheit erlaubte, dafür kann sie nichts. Ich muß gestern nicht recht bei Sinnen gewesen sein. Sie würden mich zu Dank verpflichten, lieber Sternheimb, wenn Sie den Herren, die gestern mit von der Partie waren, in dieser Richtung -- gelegentlich einmal -- eine Aufklärung geben würden.«

»Aber natürlich! Herzlich gerne,« beeilte sich der andere zu versichern. »Wir hatten ja alle gestern ein bißchen scharf getrunken. Wenn man da einer schönen Frau ein wenig allzu keck huldigt, noch dazu in einer solchen Umgebung ... na, das läßt sich begreifen. Sie scheint es Ihnen ja auch nicht übelgenommen zu haben, stieg mit Ihnen ganz vergnügt in das Auto ... Der lange Below rief Ihnen noch zu: Viel Vergnügen! aber Sie hörten nicht mehr.«

»Nein, allerdings nicht ... ist mir ganz entgangen, sonst hätte ich dem Herrn wohl eine recht deutliche Zurechtweisung ... Na ist gut! ... Also dann adieu, Sternheimb.«

»Adieu, lieber Foucar, grüßen Sie mir das liebe alte Nest da an der Grenze. Wenn nichts dazwischen kommt, sehen wir uns zum Herbst vielleicht wieder. Ich habe da einen weitläufigen Vetter, der hebt mir immer ein paar gute Rehböcke auf. Sie kennen ihn übrigens auch. Vor 'nem Jahr ungefähr hat er mich hier besucht, und Sie waren so liebenswürdig, den endlosen Nachtbummel mitzumachen. Der junge Kersten war noch dabei, von den Königsberger Kürassieren.«

»Ganz recht, jetzt entsinne ich mich. Na dann nochmals adieu und hoffentlich auf Wiedersehen.«

»Auf Wiedersehen, lieber Foucar, und alles Gute.«

Als Gaston nach der Erledigung der üblichen Formalitäten und den notwendigen Abmeldungen das große Gebäude am Königsplatz verließ, würgte ihn etwas am Halse.

Ganz erbärmlich kam er sich vor, aber es ging nicht anders, er mußte die Fessel wieder abstreifen, in die er sich bei nicht ganz klaren Sinnen verstrickt hatte. Was er sich unter dem Eindruck des Briefes am frühen Morgen zurechtgelegt hatte, als könnte er mit Frau Josepha in dem kleinen Städtchen wie auf einer Insel leben, war frommer Selbstbetrug gewesen. Torheit war es doch, zu glauben, daß dort niemand hinkommen könnte, der Josephas Vergangenheit kannte. Das Gespräch eben mit dem Hauptmann von Sternheimb war lehrreich genug gewesen.

Zwei Dinge gab es nur, zwischen denen er zu wählen hatte: seine Karriere als Soldat oder die Frau. Da mußte man hart sein, alle sentimentalen Regungen über die linke Schulter werfen und sich frei machen!

Und schließlich, wenn man sich die ganze Angelegenheit jetzt einmal im klaren Tageslichte besah, was war denn Großes geschehen? Eines jener hysterischen Weibchen, die in Berlin zu Tausenden herumliefen, hatte sich in ihn verliebt. Sah in ihm den Retter aus aller Not und -- mal das Ding beim richtigen Namen genannt -- warf sich ihm an den Hals. Er hatte sich einfangen lassen in der seltsam gesteigerten Stimmung der Nacht. Jetzt war es wieder heller Tag, und da kam man zur Besinnung. Richtete seinen Weg nach vernünftigen Ueberlegungen, statt nach unklaren und halb trunkenen Empfindungen. Wenn es dabei auch nicht ohne eine gewisse Brutalität abging. Das war gesunder Selbsterhaltungstrieb!

Und unwillkürlich mußte er denken, ein anderer an seiner Stelle hätte vielleicht skrupellos die Gelegenheit benutzt, die schöne Frau zu seiner Mätresse zu machen. Er aber, in dem Respekt, den nur von einer Mutter erzogene Männer vor allem hegten, was Weib hieß, er hatte gleich sich selbst eingesetzt und seinen Namen. Da stand denn doch Gewinn zu Verlust in einem zu argen Mißverhältnis. Und wenn er wenigstens noch eine Spur von Liebe empfunden hätte! Aber nichts, rein gar nichts als ein bißchen Mitleid.

Er stöhnte auf und ballte im hastigen Dahinschreiten die Faust: Schwerenot noch einmal, das war nicht genug, um darauf ein Mannesschicksal aufzubauen! Er konnte sich an diesem Mitleid doch nicht einfangen lassen wie an einem Strick. Da mußte man sich losreißen mit ein paar kurzen Worten heute nachmittag und nach dem Abschied nicht rückwärts schauen. Auch nicht grübeln und sich selber Moralpauken halten. Eine dunkle Stunde, an die er nicht ohne eine gewisse Scham zurückdachte, hatte schließlich jeder in seinem Leben. Das mußte man nicht tragisch nehmen. Namentlich, wenn es um eine Frauenzimmerangelegenheit ging. Da gab es ein bißchen Geflenn und Geplärre, man plagte sich selbst eine Weile lang mit Gewissensbissen, schimpfte sich mal Schweinehund -- wenn's gar zu arg wurde, betäubte man sich mit einer guten Flasche. Und dann kam die liebe Zeit, brachte allmählich Vergessenheit. Man mußte sich nur von gewissen altfränkischen Vorstellungen losmachen. Daß Wort Wort war! Ob man es nun einem Manne abgegeben hatte oder einem Weibe, in der Trunkenheit oder bei vollkommen klaren Sinnen.

4.

Als Gaston nach Hause kam, lag auf dem Tische die offizielle Bestätigung der privaten Nachricht, die er in der gestrigen Nacht erhalten hatte.